Sonstiges & Allerlei

Das Mycel

Peter Lüpold & Mirjam Lüpold

Das Mycel

Im Würgegriff dunkler Mächte - Ein Licht am Horizont

Leseprobe:

Vorwort

Wir befinden uns heute in einer Umbruchphase, die die Weichen für nichts Geringeres als die Zukunft aller Bewohner dieses Planeten stellen wird. Zu keiner Epoche war das Überleben aufgrund menschlichen Handelns und oftmals Fehlverhaltens so grundsätzlich infrage gestellt. Materialismus, Profitstreben, Egoismus, Prestige- und rücksichtsloses Karrieredenken rauben uns jede Freude. Eine von unbegrenztem Wachstumswahn ergriffene Wirtschaft und ein übersteigerter Individualismus sowie eine in vielen Bereichen zu spürende Härte und Herzlosigkeit lenken unsere Lebensenergie in eine falsche Richtung. Immer mehr Menschen erkennen, dass der Natur ein baldiger Kollaps bevorsteht. Nicht wenige Menschen haben angesichts dieser Umstände und der scheinbaren Machtlosigkeit resigniert. Nach uns die Sintflut – scheint vielerorts das Motto zu sein. Damit stehlen wir uns aus unserer Verantwortung.
Denn es ist noch nicht zu spät. Noch können wir den Kurs des Schiffes ändern. Dazu müssen wir bereit sein, aufzuwachen und die vorherrschenden Zustände kritisch zu analysieren und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen im alltäglichen Leben mutig umsetzen. Denn wichtige Veränderungen erfolgen immer von unten nach oben! Die Basis, das Volk und vor allem jeder einzelne Bürger hat es in der Hand, die oftmals gefährlichen und destruktiven Machenschaften des Schiffskapitäns zu durchschauen und ihn mit vereinten Kräften zu einer Kursänderung zu zwingen.
Nicht die Demokratie, nicht die weltweit von der Wirtschaft und ihrem eigenen Bestreben nach Wiederwahl korrumpierten Politiker werden uns retten, sondern mutiges Handeln einzelner Bürger. Einzelne Menschen vermögen in kurzer Zeit mehr zu bewirken als jede träge Abstimmung. Jeder Bürger und jede Bürgerin hat jeden Tag die Möglichkeit, aus dem alten Trott auszubrechen und Neues zu wagen. Im Alltag treffen wir alle, meist ohne uns dessen noch bewusst zu sein, immer wieder eine Wahl: Wir selbst entscheiden, wo wir arbeiten, wozu wir unsere Energie einsetzen und wo wir leben. Wir treffen die Entscheidung darüber, welche Nahrungsmittel wir unserem Körper und unserer Seele zumuten wollen, welchen Ärzten wir unser wertvollstes Gut, unsere Gesundheit, anvertrauen und welche Medikamente wir einnehmen. Wir selbst bestimmen, welche Bücher wir lesen, welche Filme wir schauen und mit welchen Menschen wir unsere kostbare Lebenszeit verbringen.
Das Mycel erzählt eine Geschichte, wie sie jedem von uns jederzeit und überall zustoßen könnte. Sie handelt vom ganz normalen Wahnsinn unserer heutigen Welt. Sie analysiert und regt zum Nachdenken und Forschen an. Zuweilen mögen gewisse Aussagen provozierend sein. Auf diese Weise hoffen wir, die Leser dazu anzuregen, sich selbst ein Bild von den uns umgebenden Umständen zu machen. Nicht blinder Glaube ist heute gefragt, sondern kritisches Nachforschen und Hinterfragen. Möglicherweise werden sich die dabei aufgedeckten Gegebenheiten als weit schlimmer erweisen, als wir sie in diesem Roman geschildert haben.
Das Mycel ist ein Roman mit einer klaren Botschaft: Aufwachen, analysieren und handeln sind unausweichlich geworden. Dabei ist es hilfreich, seine Kräfte zu bündeln und sich mit Gleichgesinnten zu verbinden. Netzwerke schaffen heißt die Devise!
Es ist Zeit für eine neue Vision, die auf Freude und begründeter Zuversicht basiert. Denn unser in der Unendlichkeit des Alls einzigartiger Blauer Planet mit seinen Bewohnern – jeder ein Wunder für sich – verdient unsere ganze Wertschätzung und Liebe.


Kapitel 1

Das Unerwartete erinnert uns in unserem scheinbar eintönigen und immer gleich verlaufenden Alltag daran, dass nichts im Leben sicher ist. Veränderungen sind immer möglich.

Es war ein strahlender Sonntag im März. Es hätte ein friedlicher Frühlingstag werden können, wenn nicht ein ohrenbetäubender Lärm die Luft zum Vibrieren gebracht hätte.
Max Grunder wurde schon vor dem Schrillen seines auf sieben Uhr gestellten Weckers aus einem tiefen Schlaf gerissen: Ein ungewohnter, markdurchdringender Ton, ausgehend von einer noch nie wahrgenommenen Sirene in der Nachbarschaft, löste im noch schlaftrunkenen Max ein beklemmendes Gefühl aus, während er sich im Bett aufrichtete. Was war denn die Bedeutung dieses schrecklichen Signals? Er konnte sich dunkel erinnern, dass es verschiedene Alarmtöne gab, einen für Überflutungsgefahren, einen für Fliegeralarm und andere, doch lange war es her, dass er damit konfrontiert worden war. Vielleicht einmal während des Militärdienstes. Dann kam ihm in den Sinn, dass in jedem Telefonbuch die verschiedenen Alarmtöne beschrieben waren. Er suchte und fand zum Glück in der hintersten Ecke seines Büroschrankes noch eines aus dem Jahre 2009. Doch weder vorne im Buch noch auf den hintersten Seiten konnte er Angaben zu den verschiedenen Alarmarten finden.
Mittendrin dürfte wohl eine derart wichtige Information kaum versteckt sein, dachte er. Er hätte schwören können, dass sie einmal in jedem Telefonbuch vorhanden gewesen war. Wieder ertönte draußen nach kurzer Unterbrechung dieser schrille Sirenenton. Selbst bei nun geschlossenen Fenstern war er nicht zu überhören.
Max ging zum Medikamentenschrank, vielleicht hatte er dort mit den Notfallmedikamenten auch ein Informationsblatt liegen, das die Alarmarten beschrieb. Nichts dergleichen. Aber in der Notfall-Schachtel fand er ein auffällig rot markiertes Päckchen mit Kaliumiodid-Tabletten. „Armee-Apotheke“ stand darauf. Und auf dem Beipackzettel las er: „Bei einem schweren Kernkraftwerkunfall mit Bruch des Sicherheitsbehälters kann neben anderen Substanzen radioaktives Iod in die Umgebung austreten. Dieses wird vom Menschen durch die Atemluft aufgenommen und reichert sich in der Schilddrüse an. Kaliumiodid-Tabletten verhindern die Aufnahme von radioaktivem Iod in die Schilddrüse, sofern sie rechtzeitig eingenommen werden.“
Es könnte sich um einen Unfall im Kernkraftwerk Mühlbach handeln, sinnierte Max, das lag nur ungefähr 15 Kilometer südwestlich der Stadt. Beim gestern noch vorherrschenden mittelkräftigen Südwestwind wäre das in der Tat mehr als beunruhigend.
Nicht, dass Max so leicht aus dem Gleichgewicht gebracht werden konnte, war er doch von Natur aus ein unbestechlicher Forscher, der vor nichts mehr zurückschreckte. Seit er vor wenigen Jahren seine geliebte Frau Jessica verloren hatte, war es für ihn lebensnotwenig, den Dingen unbarmherzig auf den Grund zu gehen. Nichts hasste er mehr als Halbwahrheiten und faule Kompromisse. Und dieser Alarm, dessen Sinn und Nutzen er im Augenblick nicht ergründen konnte, brachte ihn irgendwie auf die Palme.
Soll ich im Internet nachschauen?, fragte sich Max. Vielleicht handelt es sich nur um eine Übung oder gar einen bösen Scherz, wer weiß das schon? Als ihm diese Gedanken durch den Kopf gingen, ertönte das laute Klingeln seines Weckers. Es war genau sieben Uhr. Max hatte sich so früh wecken lassen, weil er aufgrund der guten Wetterprognose eine morgendliche Jurawanderung unternehmen wollte. Er hatte gestern noch bis spät in die Nacht gearbeitet. Wieder einmal war er daran, sein Konzept des Biologieunterrichtes zu überarbeiten, denn das vorhandene befriedigte ihn nicht mehr. Die neuen Erkenntnisse von Wissenschaft und Forschung mussten heutzutage in immer kürzeren Zeitabständen wieder in die Themen des Unterrichts eingebaut werden. Er wollte immer aktuell sein. Zudem musste er auch seine neuen Gesichtspunkte von dem, was Leben ist, immer wieder der Gymnasialstufe anpassen. Die Lehrpläne auf dieser Stufe waren zwar detailliert, ließen aber einer Lehrkraft dennoch viel Interpretationsspielraum. Man konnte die einzelnen Fachgebiete innerhalb gewisser Grenzen nach eigenen Vorlieben gewichten, dadurch bekam jeder Unterricht auch die persönliche Note der Lehrkraft.
Max hatte also vorgehabt, den freien Sonntag mit einer erfrischenden Wanderung zu bereichern, um auch seinen Bewegungsmangel der letzten Tage auszugleichen. Für Max, 46 Jahre alt, ein sportlicher und sonnengebräunter Typ, stand regelmäßige Bewegung weit oben auf der Liste der Maßnahmen für ein gesundes Leben. Im Rückblick musste er sich eingestehen, dass er diesen Lebensgrundsatz schon seit einiger Zeit zu stark vernachlässigt hatte. Doch jetzt, in dieser unerfreulichen Situation, wollte er erst einmal das Radio einstellen, um die neuesten Nachrichten zu hören. Wenn dieser Alarm überhaupt eine Bedeutung hat, dann dürfte das der Nachrichtensprecher sicher erwähnen. Er stellte den lokalen Sender ein und sogleich ertönte eine Stimme: „Wir machen die Bevölkerung im Umkreis von Mühlbach innerhalb eines Radius von 30 Kilometern darauf aufmerksam, dass alle Fenster und Türen zu schließen sind. Bleiben Sie zu Hause, gehen Sie also nicht ins Freie. Stellen Sie Lüftungen, Wärmepumpen-Heizungen und andere Geräte ab, die Luft aus der Umgebung ansaugen. Um sechs Uhr 40 ist im Kernkraftwerk bei Mühlbach eine gewaltige Explosion erfolgt. Ursache und Auswirkungen sind zurzeit nicht bekannt. Die Sicherheitsorgane der Behörden und der Armee, die dem Sektor Mühlbach zugeteilt sind, haben vor fünf Minuten ihre Arbeit aufgenommen. Sobald wir mehr wissen, werden wir Sie wieder informieren. Handeln Sie nicht auf eigene Faust und nehmen Sie noch keine Kaliumiodid-Tabletten ein, warten Sie auf weitere Anweisungen. Der Alarm, das Signal Allgemeiner Alarm, wird weiterhin ausgesendet. Es folgen nun noch einige weitere Meldungen des Tages …“ Damit waren die Frühnachrichten vorbei.
Max stellte das Radio ab und ging ans Telefon, um seinen Sohn Michael, der bei der Polizei arbeitete, anzurufen. Vielleicht wusste er ja mehr, er dürfte doch näher an einer guten Informationsquelle sein. Doch das Festnetz blieb stumm. Max suchte sein Handy, das er nur für Notfälle verwendete. Aber auch hier dasselbe: kein verfügbares Netz. Super! Auf die moderne Technik kann man sich auch nicht immer verlassen. Eigentlich müsste ich das anders formulieren: Diejenigen, die an der Macht sind, die können sich auf ihre Technik verlassen, der Mann von der Straße nicht. Die Telefonverbindungen wurden sicher gezielt unterbrochen.
In Max stieg eine Art heiliger Zorn auf. In den Monaten, während derer er seine Frau in den Tod begleitet hatte, hatte sich in ihm ein neuer Kanal entwickelt, durch den ihm oft die wahren Hintergründe einer Situation offenbart wurden. So hatte er auch jetzt das untrügliche Gefühl, dass an der ganzen Situation etwas faul war. Durch verantwortungsloses Verhalten von Menschen und gezielte Täuschungsmanöver von Regierenden und Medien war er in den letzten Jahren im Urteil hart geworden.
In dieser Stimmung ging Max in die ganz in Weiß gehaltene Küche und stellte die Kaffeemaschine an, richtete sich ein kleines Frühstück her und versank in Nachsinnen. Obschon die Morgensonne die Küche in angenehmes Licht tauchte, war die Stimmung wesentlich anders als gestern um die gleiche Zeit. Sein Birchermüsli und die Scheibe Vollkornbrot aß er mit wenig Appetit. Aus der belebenden Jurawanderung an diesem wunderschönen Tag würde nun wohl nichts werden. Es war kaum damit zu rechnen, dass der Alarm bereits in den Vormittagsstunden aufgehoben und die Explosion sich als harmloser Unfall erweisen würde. Noch beängstigender war die Tatsache, dass die Telefonverbindungen nicht funktionierten und man nur spärliche Informationen erhielt. Max konnte sich diese Tatsache nicht erklären. Nach dem kleinen Morgenimbiss setzte er sich an seinen PC und versuchte, seinen immer stärker werdenden Unmut über die ungewisse Situation mit Surfen etwas in den Griff zu bekommen. Doch die E-Mail-Verbindung war tot und natürlich lieferte das Internet keine Informationen zum AKW Mühlbach. Da war der Verdacht, dass es sich um eine gezielte Aktion handelte, nicht von der Hand zu weisen. Warum erfolgt eine solche Explosion an einem Sonntag, überlegte Max. Warum so früh, wenn die meisten noch schlafen oder doch zumindest noch zu Hause sind? Wie konnten die Telefonverbindungen so schnell unterbrochen werden? Da schien doch der Gedanke an ein von irgendwelchen Amtsstellen geplantes Vorgehen nicht so abwegig zu sein. Doch wozu? Konnte es sich vielleicht um eine Übung handeln, bei der man einen realen Fall durchspielte und das Verhalten der Bevölkerung im Ernstfall überprüfen wollte?
Dazu wäre ein Sonntag ideal, hielte man doch an diesem Tag nur wenige Menschen von einer wichtigen Arbeit ab. In einem solchen Fall konnte man ja vorher auch keine Warnung aussprechen, denn sonst entspräche das Verhalten der Bürger auf die Alarmierung nicht mehr einem Ernstfall. Vielleicht war es ein Anschlag einer unbekannten Gruppierung, von Terroristen, oder wie man diese auch immer bezeichnete, Dilettanten, die mit etwas Sprengstoff eine medienwirksame Aktion durchführen mussten auf Befehl irgendeines Auftraggebers. Man befand sich in einer solchen Situation wirklich in einem sehr großen und Angst einflößenden Informationsnotstand. Dies erfuhr Max jetzt am eigenen Leibe. Die unerwartete Situation sollte aber nicht ohne Wirkung auf seine Arbeit als Lehrer, Erzieher und als Vorbild für junge Menschen an seiner Schule bleiben. Er machte sich Gedanken, wie er sich wohl verhalten würde, wenn jetzt Montag und er womöglich zu dieser frühen Stunde bereits im Schulhaus an seinen Vorbereitungen für den Biologieunterricht wäre.
Nach dem Frühstück überprüfte er noch einmal Telefon, Handy und seinen Internetanschluss. Nichts hatte sich geändert. Also setzte er sich aufs Sofa und las in einem Sachbuch zum Thema Impfungen weiter, das er vor zwei Tagen begonnen hatte. Was sollte er in dieser Situation auch anderes tun? Er wollte die neuen Radioinformationen um acht Uhr abwarten. Draußen auf der Straße war es ungewöhnlich still, keine Ausflügler waren unterwegs, wie dies sonst an einem so strahlenden Tag der Fall war. Sogar die Singvögel schienen durch die immer noch anhaltenden Alarmtöne irritiert zu sein, hatten sie doch ihr Morgenkonzert eingestellt.
Gegen acht Uhr stellte Max erneut das Radio ein. Eine Stimme forderte die Hörer auf, auf Empfang zu bleiben, es würden demnächst die neuesten Meldungen erwartet. Um Punkt acht Uhr nach dem Zeitzeichen meldete sich derselbe Nachrichtensprecher wie um sieben Uhr: „Die Organe der Sicherheitstrupps des AKW Mühlbach haben erste Erkenntnisse gewonnen und den Medien eine entsprechende Meldung zukommen lassen. Demnach handelt es sich um einen ernst zu nehmenden Sprengstoffanschlag auf das Reaktorgebäude, doch wurde dabei der Sicherheitscontainer nicht beschädigt. Die Messtrupps, welche die Umgebung des Kernkraftwerks mit ihren Spürgeräten abgesucht hatten, konnten bisher keine erhöhten radioaktiven Werte messen. Wir empfehlen allen Bewohnern innerhalb der 30-Kilometer-Zone, die Sicherheitsmaßnahmen bis auf Widerruf beizubehalten. Gemeint sind: Fenster und Türen schließen, Lüftungen abstellen und nicht ins Freie gehen. Wir informieren Sie in den nächsten Nachrichten wieder über den aktuellen Stand unserer Ermittlungen. Jetzt noch ein paar weitere Meldungen des Tages …“
Max entschloss sich, von seiner Wohnung im ersten Stock hinunterzugehen in den Garten, wo er freie Sicht nach Südwesten hatte. Es gab zwar einige Sträucher und kleinere Bäume am Rande des Gartens, doch sie schränkten den freien Blick nur geringfügig ein. Und tatsächlich, da war ein grauschwarzer Explosionspilz zu sehen, der bedrohlich in den blauen Himmel ragte, sicher mehrere Hundert Meter hoch. Das einzig Erfreuliche war, dass die Explosionswolke sich nach Süden zu neigen schien, was darauf hinwies, dass der Wind in der Nacht seine Richtung geändert hatte und sehr viel schwächer war als angekündigt. Somit war wenigstens für den Raum um die Kantonshauptstadt nicht mit einer Verstrahlungslage zu rechnen, falls doch Radioaktivität aus dem Kraftwerk ausgetreten sein sollte. Natürlich konnte man die Explosionswolke nicht mit einem richtigen Atompilz vergleichen, etwa mit demjenigen über Hiroshima im August 1945, der eine Höhe von gut zwölf Kilometern erreicht haben soll.
Er versuchte nochmals, Michael am Handy zu erreichen, und war ganz überrascht, dass Michael sofort abnahm: „Hallo, Max, du möchtest sicher die neuesten Informationen zu Mühlbach, oder?“ Seit Michael Polizist geworden war, sprach er seinen Vater immer mit dem Vornamen an, was sonst in der Familie nicht üblich war.
„Natürlich, wozu sonst sollte ich dich am Sonntag so früh kontaktieren!“
„Wahrscheinlich wirst du enttäuscht sein, denn die Polizei hier auf meinem Posten, wo ich vor einer halben Stunde außer Plan eingetroffen bin, weiß auch nicht wesentlich mehr. Nur etwas gibt mir zu denken, nämlich die Meldung, die eben eingegangen ist: Der Wachmann des AKW, der mit seinem Schäferhund die Frührunde machte, wurde von den Tätern mit Giftpfeilen beziehungsweise Giftmunition, wie man sie für wilde Tiere verwendet, außer Gefecht gesetzt. Er sei einige Minuten nach dem massiven Sprengstoffanschlag wieder erwacht und nicht mehr in Lebensgefahr.“
„Wenn das das Einzige ist, was ihr auf dem Polizeiposten nach mehr als zwei Stunden nach dem Anschlag zu melden habt, dann ist das wirklich dürftig. Ich hasse solche Schlampereien! Du kannst natürlich nichts dafür, aber als interessierter und mündiger Staatsbürger fühle ich mich verarscht, sorry l’expression! Immerhin ist es wieder ein gutes Beispiel für Parzellierung, wenn du weißt, was ich damit ausdrücken will. Niemand darf die ganze Wahrheit wissen, nur so kann man das Volk dirigieren. Schlimme Situationen werden verharmlost und unwichtige aufgebauscht. So bleibt man an der Macht.“
„So ist es leider. Ich melde mich wieder, sobald … Soeben flimmert eine neue Meldung über den Bildschirm vor mir, unglaublich, was da läuft …“ Dann wurde die Verbindung gekappt. Max fluchte, was sonst nicht seine Art war, um den Unmut loszuwerden. Diese Geheimnistuerei entfachte seinen Kampfgeist. Offenheit und absolute Ehrlichkeit standen ganz zuoberst auf der Liste seiner erstrebenswerten Tugenden.
Dann klingelte wieder sein Handy: „Jetzt bin ich am Diensthandy, das ist, wenn man dieser Aussage trauen darf, abhörsicher.“
„Du glaubst wohl noch an den Weihnachtsmann, mein lieber Sohn, solange mein Handy es nicht auch ist, kannst du nicht offen mit mir sprechen, es sei denn, dein Bildschirm hätte etwas ganz Banales gezeigt.“
„Gut, Max, da hast du wohl leider recht, eins zu null für dich! Also ich habe da so nette Tierchen auf dem Bildschirm. Sie sollen ab sofort rund um den Explosionsort herumschwirren. Ob sie dort Honig sammeln? Hör die nächsten Radioinformationen, ich muss jetzt leider abbrechen, der Chef ruft uns zum Rapport. Tschüss!“
Natürlich war Max sofort klar, was das für interessante Tierchen waren, die man da losgelassen hatte. Um eine Bestätigung zu erhalten, musste er die nächsten Nachrichten abwarten, falls man überhaupt diese Katze aus dem Sack lassen würde, was er doch etwas bezweifelte. Ungeheuerlich, was da läuft!
Er nahm wieder das Buch zur Hand, las noch einige Seiten. Dann vernahm er die neue Radiomitteilung. Die Meldungen wurden diesmal von einer Sprecherin bekannt gegeben: „Die Schutz- und Vorsichtsmaßnahmen können ab sofort aufgehoben werden. Bisher ist keine Radioaktivität aus dem Reaktor ausgetreten. Die technischen Mess- und Überwachungstrupps sind weiterhin im Einsatz und stellen eine lückenlose Kontrolle sicher. Die Polizei tappt betreffs der Täterschaft noch im Dunkeln. Es ist nach wie vor ein Rätsel, wie der Sicherheitszaun um das Kernkraftwerk unbemerkt überwunden werden konnte. Bitte umfahren Sie den Bereich des Kernkraftwerks Mühlbach so weiträumig wie möglich. Es sind noch überall Straßensperren aufgebaut. Die Geländeüberwachung wird noch mindestens 24 Stunden lang aufrechterhalten. Zur Raumüberwachung wurden erstmals Drohnen, unbemannte und mit Kameras versehene Kleinstflugzeuge, eingesetzt. Viele Menschen haben deswegen besorgt die Polizei angerufen, weil sie gedacht haben, dass es sich um fremde Drohnen handele. Diese Art der Überwachung wird ebenfalls aufrechterhalten, es besteht also kein Anlass zur Sorge. Für den Ausfall der Festnetz- und Handy-Verbindungen möchten wir uns entschuldigen. Diese sind eine Folge der Überlastung der Netze durch die vielen Anrufe. Leider waren auch Unterbrechungen der Stromversorgung nicht zu vermeiden. Inzwischen dürften die Störungen, auch diejenigen im E-Mail-Verkehr, wieder behoben sein. Jede weitere Stunde erhalten Sie die neuesten Informationen zum Sprengstoffanschlag auf das Kernkraftwerk Mühlbach. Jetzt noch weitere Meldungen aus dem Ausland …“
Es ist ja nicht zu fassen, diese Geheimniskrämerei. Jetzt hat die Schweiz auch noch Drohnen, von denen niemand, jedenfalls kein gewöhnlicher Normalbürger, bisher etwas erfahren hat.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 564
ISBN: 978-3-99048-267-4
Erscheinungsdatum: 03.02.2016
EUR 17,90
EUR 10,99

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