Cover: Das Ich, das Es, das Über-Ich

Das Ich, das Es, das Über-Ich


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 72
ISBN: 978-3-7116-1482-7
Erscheinungsdatum: 24.06.2026
Nicht so theoretisch, wie es klingt: Drei miteinander verwobene Erzählungen als Hommage an Liebe und Wahnsinn – intensiv, verstörend, poetisch. Ein Buch zum Miterleben zwischen Realität, Abgrund und Fantasie.
Karama saß wie immer am großen Fluss und fischte sich ein Mantra heraus. Dann spielte sie eine Weile mit ihm und warf es wieder zurück.

Ich habe Lucida in meinem Philosophiestudium vor einem Jahr kennengelernt. Mir fiel gleich auf, dass sie hübsch, attraktiv und süß war. Aber da ich in einer Beziehung war – technisch noch bin – legte ich kein zu großes amouröses Interesse in sie. Das hat sich vor etwa einem Monat mit dem üblichen Vorlauf, in dem man sich noch nicht sicher ist, geändert. Ich habe mich in sie verliebt. Aber – und jetzt erklärt sich auch das Wort technisch – ich bin noch in einer Beziehung mit Marie. Sie weiß schon, dass ich neu verliebt bin, aber nicht, wie ich damit umgehen werde. Und Lucida ist in einer Beziehung mit Jacques. Ich kenne ihn, da wir alle zusammen angefangen haben zu studieren. Und wir sind auch befreundet. Also habe ich folgenden Plan geschmiedet. Erst trenne ich mich von Marie. Dann sage ich Lucida, dass ich in sie verliebt bin. Und zuletzt erfährt Jacques von dem Ganzen. Das scheint mir moralisch und logistisch geboten zu sein, denn man versucht nicht sein Glück bei einer Neuen, wenn man noch in einer Beziehung ist, und man erzählt zuerst der betroffenen Person von seinen Gefühlen für sie.

Der Patient zeigt Anzeichen für einen Kontrollzwang. Die Reihenfolge seiner Handlungen muss genau geordnet sein und er selbst muss über diese Reihenfolge bestimmen können. Darüber hinaus zeigt sich eine antisoziale Art darin, dass er Gefühle „logistisch“ behandelt. Eine fehlende emotionale Reife kann ihm vermutlich auch attestiert werden, da er sich sprunghaft zu tiefgreifenden Emotionen und übereilten Handlungen hinreißen lässt.

Ich gehe also zu Marie und mache mit ihr Schluss. Sie hat es längst geahnt, da ich ihr, wie gesagt, von meinen Gefühlen für Lucida erzählt habe und ihr gesagt habe, dass wir an diesem Tag ein Gespräch führen müssen. Sie weint. Ich nicht. Wir führen dieses Gespräch nicht sehr lange. Sie will das Band direkt durchschneiden, um weniger gebunden zu sein an dieses entsetzliche Gefühl. Ich gehe also.
Auf dem Weg, keine zwei Minuten von Maries Wohnung entfernt, rufe ich Lucida an und frage, ob ich mich mit ihr treffen könnte, zum Reden. Sie sagt ja und ich fahre zu ihr. Ich erzähle ihr von meinen Gefühlen. Sie scheint sichtlich geschockt von dieser Art, einfach jede soziale Bindung, die in unserem Umfeld entstanden ist, nicht nur aufs Spiel zu setzen, sondern direkt zu zerstören. Darüber hinaus versucht sie aber, den ganzen Abend fürsorglich zu sein, denn sie begreift auch die Härte darin, eine Beziehung zu beenden. Irgendwann greift sie tröstend nach meiner Schulter, aber ich zucke weg. Berührungen fand ich schon immer unangenehm. Ich fühle mich aber schuldig und nehme deshalb ihre Hand und versuche, sie wieder auf meine Schulter zu legen. Da ich mich dabei aber sichtlich unwohl fühle, zieht sie sie wieder weg. Wir reden den ganzen Abend und ich zittere dabei übermäßig. Am Ende will sie mich so nicht allein nach Hause fahren lassen und bietet mir an, dass ich bei ihr schlafe. Ich möchte im Nebenzimmer schlafen und nicht bei ihr, da ich das im Umgang zwischen zwei Menschen verschiedenen Geschlechts für angemessen halte. Sex ist ohnehin zu dieser Zeit für mich völlig ausgeschlossen. Wie viel haben Menschen schon verpasst, weil sie zu früh miteinander geschlafen haben?

Der Patient zeigt ganz offensichtlich Angst vor Nähe. Das wird augenscheinlich daran, dass er Körperkontakt vermeidet und sogar abwehrend auf ihn reagiert, aber auch daran, dass er die größere Intimität des Sexualverkehrs von vornherein ablehnt. Dass er sich das moralisch erklärt, könnte Befriedigung seines Kontrollzwangs sein. So muss er sich nicht mit einer Situation konfrontieren, die ihn überfordern würde und unkontrollierbare Triebe zum Vorschein bringt, sondern kann sowohl seine Ablehnung als eigene Entscheidung und damit unter seiner Kontrolle betrachten, als auch die Rechtfertigung für diese aus scheinbar rationalen Erklärungen ableiten und selbst für die Entscheidung keine Ursachen außerhalb seines Verständnisses und damit wiederum seiner Kontrolle notwendig machen.

Am nächsten Tag treffe ich mich mit Jacques. Er muss zur BAföG-Stelle, um einen neuen Antrag zu stellen, und ich begleite ihn. Das scheint mir nicht gerade der passende Moment zu sein, ihm von meiner neuerlichen Neigung zu seiner Freundin zu berichten. Wirklich passend ist es allerdings auch nicht, ihm das diese Zeit hinweg zu verschweigen. Ich sage trotzdem erst mal nichts. Als wir fertig sind und das Gebäude verlassen haben, erzähle ich ihm alles. Er versucht, es mit Scherzen zu überspielen, aber er ist doch sichtlich getroffen. Um ehrlich zu sein, verstehe ich das nicht wirklich. Sie kann sich doch noch immer gegen mich entscheiden und die beiden sind doch noch zusammen. Es ist doch lediglich meine Gefühlsregung, um die es hier geht. Ich habe auch nicht vor, mit ihm in einen offenen Wettstreit zu treten, aber ja, es ist wohl so, dass ich um sie werben will. Also völlig aus der Luft gegriffen scheint seine Getroffenheit mir dann doch nicht zu sein.
Später ruft er mich an, er will abends bei mir vorbeikommen. Er klingt nicht gerade friedlich dabei. Ich kriege Angst und kann an nichts anderes mehr denken. Als es abends bei mir klingelt, werde ich komplett nervös. Ich ziehe meine Jacke an und gehe heraus. Mein ganzer Körper zittert und ich bin nichts als ein Häufchen Elend. Wir reden dann eine Weile und er erklärt mir offen, dass er mein Verhalten gar nicht gut findet. Ich muss ihn wohl aus Angst fragen, was er vorhatte, als er zu mir gefahren ist. Er sagt, er wollte mir schon eine reinhauen, aber wie er mich so zitternd und erbärmlich dastehen sieht, kann er es nicht mehr. Ich habe zwar Schlimmeres befürchtet, da er mir am Telefon wirklich nicht zurechenbar erschien, aber da habe ich wohl trotzdem noch mal Glück gehabt.

Der Patient baut sich eine Scheinwelt auf. Während er wohl von sich behaupten würde, dass er die Konfrontation sucht, was man daran erkennt, dass er mit allen Betroffenen ins Gespräch geht, scheut er jedoch die Realität der Konfrontation, dass diese nicht nur nicht immer gewaltfrei verläuft, sondern auch, dass bei einer solchen andere Positionen als die eigene eingebracht werden, dass andere Akteure andere Dinge wichtig nehmen und andere Bedürfnisse in Hinblick auf die eigene Entscheidung haben als er selbst.

Etwa eine Woche später trennen sich Lucida und Jacques. Ich treffe mich wieder mit ihr. Diesmal sind wir bei mir. Obwohl der Konsum von Cannabis eher unser Naturell ist, trinken wir an diesem Abend, weil wir keines da haben, Alkohol. Es macht wirklich Spaß. Ich schiebe sie eine Weile mit einem Einkaufswagen durch die Straßen. Aber ich spüre an diesem Abend ein starkes Bindungsmoment, das ich eher als Abhängigkeitsgefühl bezeichnen würde. Ich schreibe ihr ein Gedicht, in dem es um Dominanz und Macht geht.
Als ich das Lucida ein paar Tage später vorlese, hält es sie kaum auf dem Sessel. Sie kommt zu mir, sucht meine Nähe, weil ihr das Gedicht so gefällt. Ich ziehe sie herüber auf meinen Sessel und umarme sie fest. Vermutlich ist das nicht, was sie will, aber mir gefällt es unheimlich.
Ein paar Tage später lädt mich Lucida ein, mit ihr die Internationale Gartenschau zu besuchen. Ich freue mich ungeheuerlich, dass wir so was wie ein Date haben. Ich treffe sie dort und sie sagt mir, dass noch drei weitere Freunde von uns kommen werden. Die Traumblase namens Date ist damit erst mal geplatzt. Einer dieser Freunde ist Johann. Er wird für mich noch sehr an Bedeutung gewinnen. Wir spazieren also durch die Gartenschau und stellen nach nicht allzu langer Zeit fest, dass wir wieder kein Gras dabei haben. Lucida sagt, dass sie LSD dabei hat. Dazu muss ich sagen, dass ich LSD nehmen wollte, seit ich die Doku-Reihe Rauschgift von VICE und dem ZDF gesehen habe. Die anderen haben alle schon mal LSD genommen, nur ich nicht, auch sonst nichts außer Gras, und ich sage, dass ich heute eh bereit gewesen wäre, etwas anderes zu probieren. Da alle einverstanden sind, suchen wir uns eine abgeschiedenere Ecke. Lucida sagt, dass sie die zwei Pappen, die sie dabei hat, eigentlich mit Jacques hier auf der Gartenschau nehmen wollte. Nun werden wir sie wohl nehmen. Sie zerschneidet die beiden Pappen in Viertel und jeder legt sich eines unter die Zunge. Als wir ein Stückchen weitergehen, fällt es ihr aus dem Mund. Sie sucht auf dem Boden danach und steckt es sich dann wieder unter die Zunge.

Karama saß wieder am großen Fluss und zog das nächste Mantra an Land. Sie spielte mit ihm. Noch war es sehr träge, aber sie war daran gewöhnt, es eine Weile zu versuchen, weil viele Mantren etwas steif sind. Nach einiger Zeit zeigen sie dann aber, was sie können. Also gab sie auch hier nicht so schnell auf.

Nach einer Viertelstunde merke ich die erste Wirkung. Alles wird lebendiger und wirkt näher, um es kurz zu fassen. Wir laufen einen Berg hoch und dann trennen wir uns. Lucida und ich gehen den Berg wieder etwas hinab. Ich spüre ein unglaublich intensives Kribbeln im Unterleib und frage sie, ob das die Wirkung ist. Sie bejaht und ich freue mich, dass ich die einzig echte, originale Wirkung von LSD spüre. Wir finden zwei Sportgeräte, bei denen man sich oben festhält und unten seine Beine nach rechts und links schwingt. Diese Körperbewegung fühlt sich in diesem Zustand einfach sehr befriedigend und witzig an. Dann rufen die anderen an, damit wir uns wiederfinden. Gefühlt telefonieren wir heute den halben Tag. Und selbst Telefonieren ist sagenhaft interessant. Wir finden uns aber nicht, denn starke Wegbeschreibungen gehören nicht ins Repertoire eines Menschen, der drauf ist.
Lucida und ich erfahren von einem Schild, dass es auf der Gartenschau ein Labyrinth gibt, und ich will sofort dorthin. Auf der Suche laufen wir einen Weg hinauf und reden darüber. Ich hätte es nicht gemerkt, aber Lucida dreht sich auf einmal zeitgleich mit einem Mann um, der uns entgegenkam, aber nun schon wieder einige Schritte weg ist. Er erklärt uns, wie wir zu dem Labyrinth kommen. Während er redet, muss ich die ganze Zeit denken, dass er auch drauf ist. Er macht eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber dass er sich im selben Moment wie sie umgedreht hat und unser Begehr zu erhören schien, scheint mir darauf hinzudeuten. Ich frage Lucida, ob er auch drauf war und wieso sie sich zu ihm umgedreht hat. Er war wohl nicht drauf. Aber als wir über das Labyrinth sprachen, hat er uns angeguckt, als hätte er was dazu zu sagen. Sie hat das wahrgenommen und deshalb die Hälfte dieses Zufallsmomentes kreiert.
Inzwischen ist es abends und wir haben das Labyrinth noch nicht entdeckt, dafür aber unsere Freunde wiedergefunden. Ich spüre irgendwie, dass die Wirkung des LSD ihren Höhepunkt erreicht hat, und schlage vor, dass wir noch mehr nehmen. Ich laufe viel alleine durch die Gegend und genieße es, nicht wie man die pure Lebensfreude genießt, sondern wie man es genießt, eine Tiefe gefunden zu haben, die man zeitlebens nicht ausschöpfen könnte, und die Ruhe, die dieser Wohlstand mit sich bringt.

Nachdem Karama dem Mantra einige Zeit gegeben hatte, bewegte es sich endlich. Das Merkwürdige war, dass es sich sehr durchdacht zu bewegen schien. Normalerweise sind Mantren sehr freimütig. Sie können ja gar nicht berechnen, was sie tun, weil sie sich selbst nicht erkennen können. Sie guckte nach dem Gott, der zu diesem Mantra gehörte, und sah, wie er dort im großen Fluss seinen Kopf in Richtung seines Mantras reckte. Sie wusste, dass die erwachsenen Götter manchmal Götter aus dem großen Fluss zogen und unter ihre Fittiche nahmen, aber sie wusste auch, dass sie das noch nicht darf. Aber das musste etwas sein.

Ich genieße die Nacht regelrecht. Die Dunkelheit, die mir sonst immer Unbehagen bereitet hat, fühlt sich jetzt nur wie ein gleichgültiger Zustand an. Sie ist völlig entkoppelt von meiner Wertung. Wir laufen noch ein wenig umher und langsam ist das Gelände leer, kein Mensch mehr da. Da sehen wir einen Spielplatz und gehen ein bisschen toben. Auf dem Spielplatz ist ein Piratenschiff und ein Wal, in den man hineinkriechen kann. Ich krieche zu den anderen hinein. Das Licht- und Schattenspiel ist auf irgendeine Art unheimlich. Offensichtlich ist mir nicht alle Wertung abhandengekommen, aber diese Art Wahrnehmung war mir bisher fremd. Ich will es herausfordern und suche ein völlig dunkles mobiles WC auf, um zu sehen, ob ich dort Angst bekomme. Ich fühle mich unheimlich stark und mächtig, weil das nicht der Fall ist.

Wie bereits bekannt, löst LSD über einen gewissen Zeitraum eine psychotische Episode aus. Der Patient zeigt hier, wie er die Wahrnehmung von Gefahr verliert und Tendenzen von Selbstüberschätzung, die sich in akuten psychotischen Zuständen bis hin zu Weltherrschaftsfantasien auswachsen können. Darüber hinaus berichtet der Patient von einer Wertauflösung beziehungsweise -verschiebung. Diese Erfahrung kann bis hin zur Ich-Auflösung führen, die ebenfalls typisch für eine Psychose ist, denn mit unseren Werten betrachten wir unsere Umwelt auf die uns eigene Art. Gehen sie verloren, finden wir uns selbst nicht mehr in unseren Wahrnehmungen wieder.

Wir gehen noch ein wenig umher und Johann, Lucida und ich finden eine Birke, die wir spontan lieb gewinnen. Wir umarmen sie und meinen zu verstehen, wie sie sich fühlt. Ich habe noch nie einen Baum so sehr gemocht wie diese Birke. Nach einer Weile stößt auch noch eine weitere Freundin von uns zur Gartenschau dazu, die wir eingeladen hatten, und ein Freund von Johann. Beide sind nüchtern. Wir verbringen dann noch eine Weile an einer Hängematte, von wo aus Lucida und ich nach einer halben Stunde das Labyrinth sehen. Wir gehen dorthin und in der Mitte steht ein kleiner Turm, von dem aus man das Labyrinth überblicken kann. Wir gucken es uns kurz von oben an und gehen dann an zwei verschiedenen Stellen hinein. Wieder drängt sich mir der prägende Eindruck von Ruhe vor der sonst so gefürchteten Dunkelheit auf. In der Mitte des Labyrinths treffen wir uns dann. Wir umarmen uns und gehen zusammen zurück.

Karama musste sich nicht beweisen, aber sie war wagemutig. Nachdem das Mantra und der dazugehörige Gott immer noch so ein seltsames Verhalten zeigten – ja, es schien fast, als würde das Mantra tanzen und dabei jeden Schritt genau bedenken – musste sie ihn zu sich holen. Sie probierte zuerst die beiden üblichen Tricks, die da waren, das Mantra als Köder zu benutzen, um den Gott hinauszulocken, denn er spürt sein gesamtes Dasein darin wider und sehnt sich nach einer Vollständigkeit, die ihm das Mantra bieten kann, sowie noch einmal so zu tun, als fischte man das Mantra, obwohl es weg ist. Denn dann wähnt der Gott etwas als anwesend, was nicht da ist, und ist gezwungen, für einen kurzen Moment sich selbst zu reflektieren. Aber weder das eine noch das andere funktionierte. Sie überlegte kurz und stieg dann selbst in den Fluss, holte den Gott hinaus, führte ihm sein Mantra zu, nahm ihm die Augenbinde ab und trug ihn fort.

Wir entscheiden, noch auf den Aussichtsturm auf dem Gelände zu gehen. Auf dem Weg dorthin bleibt Johann vor mir stehen und umarmt mich lange. Kurz darauf fällt ihm auf, dass er doch Gras dabei hat. Er dreht einen Joint und Lucida und er rauchen ihn. Ich will nicht, weil ich das LSD beim ersten Mal pur erleben will. Dann gehen die anderen auf den Turm. Ich bleibe unten, da er bereits abgeschlossen ist und ich nicht so gut über das Türgitter klettern kann. Ich will langsam nach Hause, aber Lucida überredet mich, da zu bleiben, weil man einen Trip, den man gemeinsam begonnen hat, auch gemeinsam beenden sollte. Ich bleibe also.
Die Rückfahrt ist eine spannende, unangenehme Erfahrung. In einem künstlich wirkenden Raum mit künstlichem Licht wie Ware umhergefahren zu werden, ist nun mal einfach nicht schön. Trotzdem sitzen Lucida, Johann und ich die ganze Zeit zusammen und unterhalten uns und lenken uns von der Fahrt ab. Johann erzählt uns, dass er nicht damit zurechtkommt, dass sein Freund dabei ist. Ich rate ihm, dass er ihm das sagen soll. Ich finde so etwas schon immer in Ordnung. Am Bahnhof, als er es ihm dann sagt, scheint er solche Formulierungsschwierigkeiten zu haben, dass der Freund richtig sauer wird. Er erzählt mir das und dass er um die Freundschaft fürchtet. Es kommt mir so vor, als wäre das der blödeste Ratschlag gewesen, den ich in meinem Leben gegeben habe.
Wir fahren noch zu der Freundin, die dazugestoßen ist. Dort unterhalten wir uns noch lange und lassen den Trip ausklingen.
Die nächsten Monate fahre ich immer wieder zu Lucida. Ich bleibe meistens über Nacht dort, manchmal mehrere Nächte, worüber sie sich später noch beschweren soll. Wenn ich in eine Frau verliebt bin, suche ich ständig und ausschöpfend ihre Nähe. Wir reden offen und viel über Sex. Daher weiß ich, dass sie es hart mag. Ich erzähle ihr noch nicht, worauf ich genau stehe, weil es mir unangenehm ist. Aber ich verurteile nicht und behandle ihre Aussagen vertraulich. Das habe ich schon immer so gemacht. Ich habe in meinem Leben von Angesicht zu Angesicht noch nicht viel, vielleicht noch gar nichts gehört, was ich verurteilt hätte. Um beim Sex zu bleiben: Ich befriedige mich, seit ich angefangen habe, Lucida zu umwerben, nur noch ein-, zweimal im Monat. Davor war es sicherlich öfter als einmal in der Woche. Außerdem wird mein Körpergefühl wesentlich stärker. Fast intuitiv sitze ich komplett aufrecht, wenn ich sitze, und auch sonst scheine ich die Signale meines Körpers besser zu verstehen.

Die Rücksichtslosigkeit des Patienten gegenüber den Wünschen anderer – hier das Aufdrängen der eigenen Person, obwohl das Gegenüber das womöglich nicht möchte – deutet auf ein sehr schwach ausgeprägtes soziales Bewusstsein hin. Vermutlich liegt eine Vernachlässigung sozialer Elemente in der Kindheit vor. Eine antisoziale Persönlichkeitsstörung sollte definitiv in Betracht gezogen werden.

Irgendwann liest sie mir etwas aus Nietzsches Morgenröte vor. Wie gesagt, wir studieren Philosophie, und sie muss diesen Text für ein Seminar lesen. Es geht darum, dass Lob und Tadel eigentlich nur Wege sind, sich über jemand anderen zu stellen, weil man in beiden Fällen seine Wertansichten auf sein Gegenüber anwendet und ihn daran bemisst. Da ich Lob immer als Wohltat verstand, öffnet mir dieser kleine Ausschnitt die Augen. Nietzsche wird in der folgenden Zeit mein Lieblingsphilosoph und wir werden ihn immer wieder lesen.
Eines Abends bin ich mit gemeinsamen Freunden von Lucida und mir in einer Bar. Johann ist auch dabei. Irgendwann kommen Lucida und Jacques dazu. Sie halten es mit der Trennung wohl nicht so genau. Aber Eifersucht kommt keine in mir auf. Schließlich waren sie vor meinem Hineinpreschen schon ein Paar und es handelt sich dabei um den Status quo. Nach einer Weile gehe ich ohne Lucida und fühle mich dabei sehr reif, aber mit Johann. Ich unterhalte mich auf dem Rückweg noch mit ihm. Er steht auch immer mal wieder auf Lucida. Ich freue mich für ihn, weil er sich an jemandem erfreut, an dem ich mich auch erfreue, und ich ihn daher sehr gut verstehen kann.

Nach einer Weile fragte Karama den Gott an ihrer Seite nach seinem Namen. Er schien noch benommen zu sein und wusste nicht so recht zu antworten. Das ist normal, wenn man vor Kurzem aus dem großen Fluss oder auch einem anderen Fluss gezogen wurde. Was ihr aber seltsam vorkam, war, dass er gar nicht selbst zu gehen schien. Es war weiterhin, als führte ihn sein Mantra mit Bedacht den Weg entlang. Und gehen können auch solche, die gerade einem Fluss entsprangen. Sie machen dort ja gar nichts anderes. Während sie solches dachte, hob der Unbekannte an zu reden. Er sagte, sein Name sei Doran und fragte sie nach ihrem. Sie antwortete wahrheitsgemäß „Karama“ und erkundigte sich, obwohl sie keine Antwort darauf erwartete, nach seinem Mantra. „Mantra?“, fragte er. „Das sagt mir nichts.“

Dass die erste Dosis gratis ist, stimmt wohl wirklich. Denn vor einiger Zeit hat mir mein Dealer zwei Duracell-Teile mitgegeben, die ich ja auch mal probieren könne. Nun ist die Philosophie-Semesterparty im Universitätsgebäude und ich habe mich eingetragen, eine Stunde an der Bar mitzuhelfen. Da diese Stunde auf den Anfang der Party fällt, ist nicht viel los. Ich überlege aber ständig, heute mein erstes Teil zu nehmen. Der Wunsch ist nach der Stunde Bardienst groß genug, nach Hause zu fahren und eines der Teile zu holen. Ich komme zurück und langsam wirkt die Party auch wie eine. Ich frage Johann, ob er das Ecstasy mit mir nehmen will. Mir ist natürlich klar, dass die meisten Teile so hoch dosiert sind, dass ein halbes völlig ausreicht. Wir gehen auf Klo und dritteln also das Teil und jeder nimmt eines der Drittel. Es schmeckt ekelhaft chemisch. Der Trip ist weitestgehend angenehm und erinnert mich ein wenig an den LSD-Trip, nicht weil die Wirkung so ähnlich ist, sondern weil ich beides oral eingenommen habe und deshalb der Trip in der gleichen Kurve ansteigt.

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