Sonstiges & Allerlei

Das Geheimnis der Kosta Konkordia

Patrick Salm

Das Geheimnis der Kosta Konkordia

Krimispannung Liebe und Erotik

Leseprobe:

Kerzen reflektieren den Glanz ihrer Lichter in den Fensterflächen und verzaubern unseren Speisesaal in eine richtige Wohlfühloase. Kontrastreich, das unter dem Sternenhimmel mattschwarz glänzende und sich leicht kräuselnde Mittelmeer. Ohne Erschütterungen, lautlos und beinahe schwebend, nähern wir uns den vor wenigen Minuten noch unsichtbar aus dem Meer aufragenden, dunklen Felsenmassen. Vereinzelte Lichter zeugen von näher rückender Zivilisation, die Insel Giglio liegt vor uns.
Evergreens aus den Sechzigern, aus behänden Fingern des Pianisten am Flügel, geben uns an diesem Abend das Gefühl von Geborgenheit und den Glauben, alles sei machbar. Die erlesene Gesellschaft am runden Tisch und die attraktive Dame, deren Blick mich soeben flüchtig streift, verstärken dieses schöne Gefühl. Als Anna Steinmeyr stellt sie sich vor. Sie ist in Begleitung von Herrn Erich Schildmann, einem im Kunst- und Kulturbereich tätigen, erfolgreichen Sicherheitsexperten, beide sind wohnhaft in Stuttgart. Nicht der Zufall hat uns an diesem Tisch zum Dinner zusammengeführt. Ein weiteres Paar und auch ich sind geladene Gäste der Reederei der Kosta Konkordia, auf Kreuzfahrt von Civitavecchia, dem westlichem Mittelmeer folgend über Savona, Barcelona, Alexandria nach Haifa, Israel, und zurück nach Civitavecchia. Jeder von uns hat in einer Form die Anerkennung der Reederei erworben, und zum Dank wurde uns diese Kreuzfahrt geschenkt.
Der gutaussehende Juan, in Begleitung der hübschen, etwas kindlich wirkenden Stefanie, beide aus Salzburg, gewann den ersten Preis beim Designwettbewerb der Kosta Konkordia für das Dress der Crew. Voller Stolz erklärt er die Vorzüge und die Designidee am dunkelblauen Anzug des im Moment mit Nachschenken des edlen Haut-Brion beschäftigten Kellners. „Es war mir wichtig, Eleganz und Zweckmäßigkeit zu vereinen.“ Seinen Worten folgend, gleitet die Hand symbolisch über den Zweiknopf-Anzug, mit Verweis auf die betonte Schulterpartie und die leicht taillierte Form des Sakkos. Stolz folgt Stefanie den Worten ihres begnadeten Modedesigners. Ihr leicht zur Seite geneigter Kopf und die sanft errötenden Wangen lassen fühlen, dass ihr „Giorgio Armani“ sie auch in anderen Belangen begeistern kann.
Herrn Schildmanns überheblich vorgetragene Äußerungen zeigen einen selbstbewussten Mann um die fünfzig mit angegrauten Schläfen, fester Statur und einer, für meine Vorstellung von einem Sicherheitsexperten in der Kunstszene, wenig einfühlsamen Wortwahl. Wie man sich doch durch Äußeres täuschen lassen kann. „Im Rumpf unseres Schiffes schlummern Kunstschätze im Werte von mehr als einhundert Millionen Euro.“ Seine mit geschwellter Brust lautstark verkündeten Worte sind auch am Nebentisch verstanden worden, Köpfe drehen sich in unsere Richtung und fragende Blicke finden sich beim Gegenüber. „Aus Picassos Blauer Periode etwa ‚Der Blaue Akt‘ und das Porträt seiner Muse ‚Dora Maar‘, dann ‚Die fließenden Uhren‘ und ‚Die brennende Giraffe‘ von Dalí, um nur einige der Preziosen zu erwähnen. Im Kunstmuseum in Tel Aviv wird in vier Wochen die Ausstellung ‚Picasso, Dalí und Miró‘ Zehntausende von Touristen anlocken. Ich bin der Sicherheitsverantwortliche für diese Ausstellung in Tel Aviv und auch für den Transport und die Sicherheit der teuren Kunstwerke an Bord zuständig.“ Irgendwie erinnern mich Herr Schildmanns Ausführungen an auswendig gelernte, farblos vorgetragene Gedichte aus meiner Schulzeit. Auch seiner Begleitung scheinen die Worte keine Emotionen ins Gesicht zu zaubern. Lustlos stochert ihre Gabel zwischen Bratkartoffeln, Broccoli und dem Rindsfilet hin und her. Dieses ungleiche Paar erzeugt Spannung, nicht nur für uns Außenstehende, offensichtlich knistert es bei den beiden heftig im Gebälk. Meine Gedanken kreisen um diese schöne Dame und den um mindestens zwanzig Jahre älteren Herrn Schildmann sowie die Frage, welche Motive sie wohl zusammengeführt haben mögen.
Abgelenkt von diesem illustren Paar, den weichen Klängen des Pianos und dem edlen Ambiente im Erste-Klasse-Speisesaal entschwinden meine kurz vorher gehegten Bedenken wegen der meines Erachtens gefährlich nahen Vorbeifahrt unseres Luxusschiffes an der Insel Giglio.
Erneut streift mich Annas Blick, dieses Mal länger als vorhin. Dunkelbraune, schöne Augen mit einem unergründlichen, erotischen Hauch, lange, ebenfalls dunkelbraune Wimpern und der sinnliche, in kräftigem Rot geschminkte Mund, dazu die gewellten, dunkelbraunen bis weit in den Rücken fallenden Haare und ihr brauner Teint vervollkommnen das Bild der Schönheit mir gegenüber. Führt das Schicksal Regie?
Obwohl mir dies erst später bewusst wird, spielt in diesem Moment der Mann am Flügel den aus dem Film „Titanic“ bekannten Song „My Heart Will Go On“ von Céline Dion, und sozusagen als Höhepunkt erscheint vor unseren Fenstern die in herrlichen Farben beleuchtete Ortschaft Giglio. Winkende Menschen, beeindruckt vom riesigen Kreuzfahrtschiff unmittelbar vor ihrer Haustüre, und das zweimalige Ertönen des Schiffhorns, bekannt als Verneigung, begeistern auch die Gäste im gediegenen Speisesaal.
Warm, Annas Lächeln. Verlegen streift sie ihr Haar nach hinten, zwei mit Diamanten behangene, in Weißgold gefasste Ohrringe treten zum Vorschein, ihre Bewegung lässt sie ihren Rücken etwas aufrichten, weich treten ihre Brüste unter dem weißen Top und dem edlen, eng geschnittenen, lachsfarbigen Blazer hervor. Diese Frau beherrscht das ABC der Verführung.
Ich bin an der Reihe, mich vorzustellen. „Silvan Aebischer, wohnhaft in Zug in der Innerschweiz. Bald werde ich meinen fünfunddreißigsten Geburtstag feiern, und wie Sie sehen, haben dies einige Haare auch schon zur Kenntnis genommen.“ Schmunzeln auf den Gesichtern am Tisch. „Meine Anwesenheit in diesem erlauchten Kreise hat natürlich ebenfalls mit der Kosta Konkordia zu tun. Unser Unternehmen entwickelt hochkomplexe Systeme zur Effizienzsteigerung von Mobilität jeglicher Art. Wir entwickelten für die Kosta Konkordia ein Steuerungssystem, welches Strömung, Wind und Wellengang berücksichtigt und den Kurs sowie die Fahrgeschwindigkeit laufend optimiert. Bei Gegenwind fährt das Schiff also langsamer, um dann bei Rückenwind oder vorteilhafterem Wellengang den Rückstand wieder aufzuholen. Bis zu fünfzehn Prozent …“ Ein heftiger Stoß erschüttert das Schiff und lässt meine Stimme versagen. Klirrende Gläser und beunruhigte Gesichter am Tisch, die Hände des Pianisten am Flügel ruhen auf seinen Oberschenkeln. Unheimliche Stille. Was war das?
Lähmung bemächtigt sich meiner. Ich vermute den Grund des soeben erfolgten Schlages und des bis tief ins Mark dringenden Geräusches zu kennen - augenblicklich muss ich mich übergeben, nur die Stoffserviette verhindert Schlimmeres.
Es ist meine Schuld, schreit es in meinem Inneren. Ich habe den Kurs des Schiffes falsch berechnet. Dunkle Nacht hüllt mich in ein grauenhaftes psychisches Tief.
Irgendwie schaffe ich den Weg vom Speisesaal aufs Deck und übergebe mich, mit der einen Hand an der Reling festhaltend, erneut. Vier Mal habe ich meine Berechnungen überprüft, alle Koordinaten berücksichtigt, und nun ist das Schiff auf Grund gelaufen. Wie stark ist es beschädigt? Ein leiser Hoffnungsschimmer - vielleicht nur einige Kratzer. Dann erlebe ich die Erschütterung wieder und höre das schleifende Geräusch. Das muss mehr sein als eine Bagatelle. Erhärtet werden meine schlimmsten Befürchtungen durch die plötzliche Ruhe. Keine Vibrationen sind mehr spürbar, die Motoren haben ihren Dienst eingestellt. Vermutlich ist der Maschinenraum bereits mit Meerwasser geflutet. Dunkle Nacht. Ich falle zu Boden, ziehe mich an der Reling erneut hoch. Wird das Schiff mit viertausend Menschen an Bord untergehen? Ein weiterer Teil des Mageninhalts ergießt sich an die Relingwand.
Die Kosta Konkordia fährt noch immer, langsam entfernt sie sich vom Lichtermeer Giglios und nimmt Kurs auf die offene See. Die Masse des Schiffes hält es in Fahrt, anscheinend manövrierunfähig wird es langsamer, schlimmer kann es nicht mehr kommen.

Eine Viertelstunde ist seit dem Aufprall verstrichen, das Schiff steht still, es beginnt sich zu drehen, der Nordostwind bestimmt das Schicksaal unseres Schiffes und er sollte zum Retter von vielen tausend Menschen werden - der Wind treibt den führerlosen Ozeanriesen, nun entgegen der ursprünglichen Fahrtrichtung um einhundertachtzig Grad gedreht, zurück zur Insel Giglio.
Eine Hand legt sich auf meine Schulter, es ist Annas Hand. „Silvan, was ist geschehen und weshalb der plötzliche Zusammenbruch?“ Es sind tröstend gemeinte Worte aus ihrem sorgenerfüllten Gesicht. „Ich habe den Kurs falsch berechnet, wahrscheinlich wird das Schiff sinken.“
Inzwischen wimmelt es von besorgten Menschen an Deck, beruhigende Meldungen aus dem Lautsprecher gehen im Getümmel vollkommen unter, Panik macht sich breit.
Anna gelangte ohne Begleitung Herrn Schildmanns aufs Deck, auch die beiden jungen Leute sind in dem Gewühl nicht mehr ausfindig zu machen.
„Bleiben Sie in meiner Nähe, Anna. Ich werde Sie in Sicherheit bringen.“ „Wegen dem bisschen Neigung wird das Schiff doch nicht untergehen“, lauten ihre beherzten Worte. Jetzt wird auch mir die Tatsache mit der Krängung des Rumpfes bewusst, und somit habe ich hundertprozentige Gewissheit, dass das Schiff untergehen wird - noch nie hat sich ein mit Wasser volllaufendes Schiff wieder selbständig aufgerichtet.
Endlose Minuten verstreichen, die Neigung wird stärker, uns an der Reling festhaltend verfolgen wir die Bewegungen des langsam auf die Küste Giglio zutreibenden, riesigen Schiffes. Endlich, nach über zehn Minuten, bewegt sich die Kosta Konkordia nicht mehr, sie ist auf Grund gelaufen. Dafür beschleunigt sich die Krängung in Richtung der Küste zugewandten Seite.
„Wir werden kentern, Anna. In dieser Situation könnten die Rettungsboote zur Falle werden. Lassen Sie uns versuchen, auf die andere Seite des Schiffes zu gelangen.“
Der Wille zu überleben lässt im Moment keinen Raum für Schuldgefühle. Ich will sie und mich retten. Während ich Anna an der Hand hinter mir herziehe, erfolgt der Wechsel auf die Backbordseite. Die zunehmende Neigung des Schiffes und die hysterisch umherirrenden Menschen erschweren den Weg. Wir befinden uns auf einer gefährlichen Klettertour über eine zunehmend schiefer werdende Ebene.
„Silvan, bitte warten Sie einen Moment. Meine Schuhe behindern mich zu sehr.“
Ich helfe Anna, während sie ihre dunkelblauen High Heels von den Füßen streift. Hektische Durchsagen aus den Lautsprechern. Nun sind es die Schwimmwesten, die angezogen werden sollen, Minuten vorher wurden Passagiere mit Schwimmwesten zurück in die Kabinen beordert, das Chaos ist perfekt. - Rette sich, wer kann, lautet die Devise.
Ein unerwartetes Problem offenbart sich in diesem Moment. Durch die Neigung des Schiffes zur Küste hin ragt die Backbordseite in die Höhe, wir müssen unbedingt einige Stockwerke tiefer in die Nähe des aus dem Wasser ragenden Rumpfes.
Das Treppenhaus zeigt in die Tiefe, doch das stimmt eigentlich nicht mehr, es führt nun schräg nach unten. Obwohl die Stufen schief stehen, ist es im Moment noch möglich, das Treppenhaus zu begehen. Wenige Menschen halten sich hier auf - glücklicherweise -, sie drängen sich auf die der Insel zugewandte Seite und kämpfen um Plätze in den Rettungsbooten.
Helikopterlärm, gleißende Scheinwerfer, Fischkutter, auftauchende Fähren, schreiende Menschen - so stelle ich mir die Hölle vor. Anna zittert heftig, die eisige Kälte vorhin an Deck, keine Schuhe an den Füßen und der wenig schützende Blazer lassen sie leiden.
Ein wahrer Spießrutenlauf erwartet uns im Treppenhaus. Immerhin sind die Stufen mit Teppichen bezogen und lindern den Schmerz von Annas erstarrenden Füßen. Schritt um Schritt, uns einmal am Geländer hochziehend, dann uns wieder anderweitig festhaltend, gelangen wir auf der stetig schiefer werdenden Treppe Stockwerk um Stockwert in die Tiefe - neue, nun vermehrt sich hysterisch überschlagende Weisungen ertönen aus den Schiffslautsprechern.
Verzweifeltes Rufen eines Kindes lässt uns innehalten, es dringt aus einem nicht mehr beleuchteten Korridor zu den Kabinen. Mithilfe des Lichtes meines Handys erkennen wir den an der schrägen Korridorwand sitzenden, weinenden Jungen.
„Komm mit uns, wir werden dir helfen, junger Mann“, sage ich zu ihm.
Wackeligen Schrittes, halb auf dem Korridorboden und halb an der Seitenwand laufend, stolpert er uns entgegen. Ich reiche ihm die Hand. Seine Worte verstehen weder Anna noch ich, doch er fühlt, dass wir ihm helfen werden. Noch eine letzte Etage, dann haben wir es geschafft.

Im vierten Stockwerk lag unser Speisesaal, auf gleicher Höhe befinden oder befanden sich die Rettungsboote. Nun sind wir im Deck „Kolanda“, dem untersten, und gelangen erneut in die erbarmungslose Kälte der Januarnacht.
Gleißendes Licht vom Helikopter erfasst uns drei Rettungssuchende. Der Scheinwerfer schwenkt von uns weg, er weist zu einer über den Rumpf hinunter führenden Strickleiter, deren Ende wir nicht erkennen. Die Helikopter-Crew leitet uns mit ihrem Lichtkegel zur rettenden Strickleiter.
„Ich kann nicht mehr, meine Beine versagen, wie soll ich hier hinunter steigen?“ Anna ist dem Weinen nahe.
„Halten Sie durch, Anna. Noch diese Leiter, dann sind wir in Sicherheit.“
Den Kopf dem Rumpf zugewandt, steige ich als Erster auf die Strickleiter. Es folgen der Junge und nach nochmaligem Ermuntern Anna. Dicht aneinander gedrängt, meine Hände auf der Höhe von Annas Schultern, an der Strickleiter festhaltend, ein Ausrutschen würde in meinen Armen enden, nähert sich das kompakte Menschenpaket Tritt um Tritt dem eines gefrässiges Ungeheuer wirkenden, dunkeln Meeres. Unheimlich empfinde ich den glitschigen mit Bewuchs und Muscheln übersäten, vormals unter der Wasserlinie liegenden, schwarzen und kalten Rumpf des riesigen Schiffes, und bedrohlich ragt der seitliche Stabilisator in die Höhe. Vibrationen und schauderhafte Kratzgeräusche, durch das Metall des Stahlrumpfes verstärkt, lassen erahnen, welche Kräfte auf des Schiff einwirken, während es sich weiter zur Seite neigt und sich in den Felsen verkrallt - hoffentlich hält der Untergrund. Nicht auszudenken, was geschehen würde, sollte der Rumpf weiter in die tiefe See abgleiten.
Die Rundung des Schiffskörpers erlaubt nun erstmals einen Blick bis zur Wasserlinie. Ein Fischkutter steht am Ende der Leiter. Die letzten zehn Meter sind überwunden, kräftige Fischerarme helfen ins rettende Boot.
Der Steuerstand ist bereits von dicht gedrängten Menschen überfüllt. Die Treppe, auf welcher uns ein Fischer nach unten begleitet, führt in den Maschinenraum. Ölverschmierte Stufen, schmutzige Wände und Maschinenteile. Es stinkt fürchterlich nach Fisch, Diesel und Öl - trotzdem fühlen wir uns in der Wärme wie im siebten Himmel. Anna sitzt auf einer schmutzigen Decke auf einer Bank, ihr vormals edler Blazer zeigt intensive Spuren der Rettung.
Sie lächelt, das Lächeln gilt ihrem Retter, der Retter, der sie und alle Passagiere in diese Notsituation manövriert hat.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 298
ISBN: 978-3-99064-660-1
Erscheinungsdatum: 27.05.2019
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Herbstlektüre