Das Ende ist nur der Anfang
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 262
ISBN: 978-3-7116-0745-4
Erscheinungsdatum: 04.06.2025
Nach einem verzweifelten Selbstmordversuch kommt Mika in die Psychiatrie. Dort kämpft sie mit ihren dunklen Gedanken und versucht, mit der Unterstützung der Betreuungspersonen und Mitbewohnenden einen Weg aus ihrer psychischen Krise zu finden.
Dunkelheit.
Alles um mich herum ist dunkel und ich kann es bis in meine Beine spüren. Mir ist so unglaublich schlecht. Ich versuche, meine Augen zu öffnen. Es kostet mich einiges an Anstrengung, doch nach einer Weile gelingt es mir. Alles dreht sich und die Übelkeit wird schlimmer.
Ich liege in meinem Bett und drehe meinen Kopf vorsichtig zur linken Seite. Das Bettlaken ist blutig. Eine große Lache hat sich direkt neben meinem Arm gebildet. Ich verfolge die blutige Spur entlang der Bettkante zu meinem Schreibtisch. Mir wird wieder schwindelig und ich versuche, mich an die letzte halbe Stunde zu erinnern. Alles ist sehr verschwommen. Mit Schrecken erblicke ich meinen linken Arm. Tiefe, parallele Schnitte zieren die Innenseite und neben ihm liegen zwei Rasierklingen, eine Schüssel und drei Packungen Paracetamol-Tabletten. Der Anblick dieses Chaos bringt die Erinnerungen zurück und Panik steigt auf.
Ich will nicht sterben. Nicht mehr. Ich will nicht leben, aber auch nicht sterben. Der Versuch aufzustehen, kostet mich einiges an Anstrengung. Der Schwindel wird wieder schlimmer und ich habe Schmerzen am ganzen Körper. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es bereits zwei Stunden her ist, seit ich beschlossen habe, die 53 Tabletten zu schlucken. Ich bekomme Angst. Hilfe. Ich brauche Hilfe.
Mit letzter Kraft greife ich um mich, bis mir einfällt, dass ich mein Handy im Bad gelassen haben muss. Meine einzige Chance, diese Nacht ohne bleibende Schäden zu überleben, ist, den Notruf zu wählen. Langsam richte ich mich weiter auf, doch als ich versuche, meine Beine zu belasten, breche ich auf dem Schlafzimmerboden zusammen. Mir ist so schlecht und ich spüre nichts unterhalb der Hüfte. Vorsichtig versuche ich, mich mit meinen Armen über das Parkett in die Küche zu ziehen. Ich muss sie durchqueren, um in mein Bad zu gelangen. Mein Handy ist meine letzte Chance. Mit jeder Sekunde, die ich warte, steigt die Wahrscheinlichkeit, es nicht zu schaffen oder noch schlimmer… es zu schaffen und dafür zu sorgen, dass nichts mehr so sein wird, wie es mal war. Die Übelkeit überkommt mich und ich muss erbrechen. Ich versuche noch einmal, aufzustehen, doch sinke nach wenigen Sekunden wieder zusammen. Vielleicht sollte ich warten. Vielleicht wäre es doch besser, mich meinem Schicksal zu ergeben. Ich habe es so gewählt.
Ich muss ohnmächtig geworden sein, denn als ich erneut auf die Uhr blicke, ist es bereits fast 1 Uhr. Vergiss es Mika. Du wirst es schaffen. Alles wird wieder gut.
Endlich erreiche ich kriechend das Bad. Mein Handy liegt wie in meinen schwammigen Erinnerungen auf dem Fensterbrett. So schnell ich kann, greife ich danach und wähle mit letzter Kraft den Notruf. Es klingelt kurz.
„Guten Abend, Sie haben den Notruf gewählt. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Oh Gott. Was soll ich nur sagen? Was habe ich nur getan? Es zu verheimlichen, bringt nichts. Es würde nur Zeit kosten, die ich jetzt nicht habe. Nach einer kurzen Pause antworte ich also:
„Ich brauche Hilfe. Ich habe eine Überdosis Paracetamol genommen. Ich wohne in der Hauptstraße 35b in Heidelberg/Kirchheim.“
„Wie viel haben Sie genommen?“
„53 Tabletten à 500 mg.“
„In suizidaler Absicht?“
Ich zögere kurz. Ich kann es nicht aussprechen. Es ist das erste Mal seit meinem Entschluss, dass ich die Worte tatsächlich in den Mund nehmen muss. „Ja“, bringe ich also kleinlaut heraus.
„Alles klar. Ich schicke Ihnen sofort einen Krankenwagen. Bitte versuchen Sie, wach zu bleiben, und schlafen Sie auf gar keinen Fall ein.“
Keine Fragen. Kein Kommentar. Das Telefonat endet und ich beginne zu weinen. Wenn ich das hier überlebe, werde ich mich erklären müssen. Mir graut es vor dem Gedanken. Was tue ich eigentlich? Ich will das doch gar nicht überleben … Danach wird alles schwarz. Eine Sirene und ein Mann an meinem Balkonfenster wecken mich und ein kleines Team bricht meine Tür auf.
„Hier ist sie! Bringt die Trage rüber!“
Eine Frau kommt zu mir und schüttelt mich sanft. „Hallo, können Sie mich hören? Wir sind der Rettungsdienst. Sie müssen die Augen offenhalten. Können Sie mir erzählen, was passiert ist?“ Sie dreht sich noch einmal zu ihren Kollegen um und ruft: „Seht im Wagen nach, ob wir das ACC noch haben.“
Eine weitere Stimme macht eine Aufnahme und beschreibt, was sie in meinem Zimmer finden. „Wir haben hier eine Paracetamolintoxikation in suizidaler Absicht. Auf dem Tisch liegen einige Rasierklingen. Findet jemand einen Abschiedsbrief?“
Die Frau, die mich geschüttelt hat, dreht sich wieder zu mir. Alle um mich herum wirken genauso panisch, wie ich mich eben noch gefühlt habe, doch nun spüre ich nur Schuld und Resignation. „Wir legen Ihnen einen Zugang am linken Arm. Fürs ACC ist es leider schon zu spät. Wir legen Sie jetzt auf die Trage und fahren Sie ins Universitätskrankenhaus. Dort wird man sich um Sie kümmern. Versuchen Sie, die Augen nicht zu schließen.“
Der Mann, der beauftragt wurde, nach dem ACC zu suchen, kommt zurück ins Zimmer gestürmt. „Wir haben keins mehr. Es tut mir so leid!“
„Die Liege steht bereit. Soll ich noch etwas mitnehmen? Ich mache die Tür mal zu, damit die nicht rauskommen.“ Mit ‚die‘ meint der Mann meine Kaninchen, die mit mir in meiner Wohnung leben. Wuschel und Schneeball. Die zwei haben mir schon seit vielen Jahren Gesellschaft geleistet. Vor allem Schneechen, so wie ich sie immer nenne, hat die Eigenschaft, immer in den richtigen Momenten zu mir zu hoppeln. So oft hat sie ihre weiche Nase zwischen meine Hand und ein blutiges Messer geschoben, um mich vor dem Unaussprechlichen zu bewahren. Sie ist immer da gewesen und ich habe sie im Stich gelassen. Ich habe es tatsächlich getan und nicht eine einzelne Sekunde an ihre Zukunft nach meinem Tod gedacht. Was bin ich nur für ein schrecklicher und grausamer Mensch? Wenn ich in dieser Nacht nicht angerufen hätte, hätte sie wahrscheinlich noch Tage neben meinem verwesenden Leichnam gesessen und hätte nichts mehr tun können. Ich male mir in dem Moment aus, wie grausam dieses Schicksal für sie gewesen wäre, und schäme mich noch ein wenig mehr.
„Ja, packen Sie den Schlüssel, das Handy und ein Ladekabel ein. Da vorne um die Ecke habe ich noch eine Jacke gesehen.“
„Können Sie aufstehen? Wir bekommen die Liege nicht durch die Tür.“ Die Frau hält mir meine Crocs entgegen und richtet mich vorsichtig auf. Ein anderer Mann schnappt nach meinem Arm und vorsichtig laufen wir durch die Tür.
Doch was wird nun aus den zwei? Ich kann sie ja wohl kaum mit ins Krankenhaus nehmen.
Draußen angekommen, werde ich auf eine Liege gelegt. Ich habe bisher kein einziges Wort gesprochen. Als die Frau wieder zu mir tritt, schaue ich ihr direkt in die Augen. „Es tut mir leid. ES TUT MIR SO LEID!“ Ich schaffe es nicht länger, den Blick aufrechtzuerhalten, und drehe mich weg.
„Es ist nicht Ihre Schuld. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Mir tut es leid, dass Ihnen niemand geholfen hat und dass Sie das als einzigen Ausweg gesehen haben müssen. Sie haben sicherlich sehr gelitten.“
Ihre Worte treffen mich sehr und ich beginne wieder, zu weinen. Ja … ich habe gelitten. Ich habe nicht gehungert, hatte keinen Krebs und auch kein gebrochenes Bein, aber es war ein Schmerz, der dennoch genauso schlimm war. Ein für andere unsichtbarer Schmerz, den niemand ernst genommen hat. Wenn ich es genau nehme, nicht einmal ich selbst. Ich hatte streng genommen ja alles, was man sich wünschen konnte. Ich hatte eine Wohnung, einen Studienplatz, genug Geld und ein Auto. Ich hatte mehr als die meisten Studenten und war dennoch erst 18. Trotzdem war mein Leben von Leid geprägt.
Wieso leide ich? Ich verstehe das alles nicht. Ich will nicht mehr leiden. Ich will, dass es aufhört. Ich will, dass das alles aufhört. Warum habe ich angerufen? Das wäre mein sicherer Tod gewesen. Es war meine Chance und ich habe versagt. Ich habe versagt, weil ich Angst bekommen habe. Ich will keine Angst mehr haben. Keine Angst vor Menschen, keine Angst vorm Existieren, keine Angst vor mir selbst. Es soll alles einfach aufhören.
Die Frau beginnt, die Trage Richtung Straße zu schieben. Ich spüre das Zittern der Rollen, die über die Pflastersteine geschoben werden. Mein Blick wandert zum Gebäude meiner Wohnung. Meine Vermieter wohnen über mir und ich sehe den verstörten Blick der Mutter des Mannes, die uns durch ihr Küchenfenster beobachtet. Niemand sagt etwas. Niemand spricht.
Im Krankenwagen angekommen, wird die Trage im hinteren Bereich festgestellt und die Frau von vorher setzt sich neben mich auf einen Stuhl. Sie nimmt meine Hand, drückt sie und schaut mich noch einmal kurz an. Danach wendet sie sich ab und ich beginne wieder, zu weinen. Mir fallen ihre verstohlenen Blicke auf meinen linken Unterarm immer wieder auf, der von tiefen Wunden übersät ist, die ich mir selbst zugefügt habe. Ich tue so, als würde ich es nicht bemerken, und schaue woanders hin.
In der Klinik angekommen, werde ich durch einige Flure in ein Zimmer geschoben. Es ist ein relativ großes Einzelzimmer und sofort stürmen etwa fünf Ärzte herein. Sie werden kurz von der Frau über die Ereignisse aufgeklärt, die im Anschluss mit den anderen Rettungskräften den Raum verlässt. Sie schaut mich noch ein letztes Mal an und flüstert mir viel Glück zu. Danach sehe ich sie nie wieder.
Die Ärzte machen sich direkt mit meinem Arm und dem Zugang vertraut und schließen einen neuen Schlauch an. „Es kann sein, dass dir ein wenig schlecht wird. Das ACC ist das Gegenmittel gegen das Paracetamol und soll sich an den Wirkstoff binden, bevor es deine Leber erreicht, sie überlastet und ein Versagen des Organs verursacht. Wir müssen es ebenfalls überdosieren, was leider einige unangenehme Nebenwirkungen haben kann. Melde dich bei uns, falls es zu schlimm wird. Wir schauen dann, was wir tun können.“
Ich spüre, wie die kalte Flüssigkeit meinen Arm hinauffließt und sage nichts. Ich schaffe es nicht einmal, den Arzt dabei anzuschauen. Rechts von mir ist ein Fenster, durch das ich die Sicht auf einen Baum habe. Es ist zwar sehr dunkel, dennoch beruhigt mich der Anblick der grauen Blätter. Wir haben frühen Herbst und man sieht bereits die leichte Verfärbung.
Ich wage einen weiteren Blick auf die Uhr, die oberhalb der Wand und gegenüber von meinem Bett hängt. Halb drei. Plötzlich wird mir unglaublich übel. Die Ärzte haben bereits mein Zimmer verlassen und ich greife nach einem Spuckbeutel, den sie mir freundlicherweise auf einen Beistelltisch gelegt haben. Ich habe das Gefühl, meine Seele auszuspucken, und selbst, als es nicht mehr geht, verschwindet die Übelkeit nicht.
„So muss sich Sterben anfühlen“, flüstere ich leise zu mir selbst. Ich habe das starke Bedürfnis zu schreien, aber ich will keine Aufmerksamkeit erwecken. Ich muss einfach einschlafen. Morgen wird es bestimmt besser werden. Ich drehe mich zur Seite, doch der blinkende Monitor neben mir macht es mir nicht möglich, zur Ruhe zu kommen.
Die Übelkeit wird immer schlimmer und ich erbreche alle paar Sekunden. Ab und zu kommt eine ältere Frau und wechselt den Beutel. Ich schaue ein weiteres Mal auf die Uhr. Fast 4. Ich muss schlafen. Warum geht es nicht? Ich will nicht mehr. Mir ist so schlecht. Als die Frau ein weiteres Mal das Zimmer betritt, frage ich vorsichtig, ob es etwas gegen die Übelkeit gibt. Ich versuche, ihr zu beschreiben, wie schlimm sich das anfühlt.
Sie lächelt nur und ich kann ihre Gedanken förmlich hören: Selbst schuld. Ich verstehe nicht einmal, warum wir dich hier behandeln. Es gibt so viele Menschen, die einen Unfall hatten, und wir müssen uns um jemanden kümmern, der sich das selbst zugefügt hat. Warum bist du überhaupt hier? Sie sagt nichts und geht.
Ich fange wieder an, zu weinen, doch langsam kommen keine Tränen mehr. Sie hat recht. Ich will nicht hier sein. Warum habe ich den Notruf gewählt? Jetzt wird alles wieder wie vorher und ich habe ein Bett in einer Intensivstation belegt, dass jemand anderes viel eher hätte brauchen können. Vielleicht ein Vater, der einen Unfall hatte. Jemand mit einer Familie, der leben möchte. Vielleicht ein Kind, das angefahren worden ist. Vielleicht eine Frau mit einer schlimmen Krankheit. Stattdessen liege ich hier.
Ich, die nicht mehr leben möchte. Eine Belastung für ihr Umfeld und ein schlechter Mensch, der keinen Gedanken an die Konsequenzen dieser Handlung verschwendet hat. Ich wollte kein Leid verursachen. Ich wollte meines beenden. Es gibt keine Hilfe für mich. Ich bin es nicht wert, gerettet zu werden, denn ich werde es wieder tun. Dieses Mal mit einer sicheren Methode.
Vielleicht vom Unigebäude springen? Vielleicht eine Überdosis? Vielleicht vor den Zug werfen? Vielleicht erhängen? Es gibt so viele, viel sicherere Methoden. Warum denn Paracetamol? Das war so dumm … Und was noch viel dümmer war, war dieser Anruf. Ich hätte das nicht tun sollen. Noch lange in Gedanken versunken, starre ich den Baum durch das Klinikfenster an. Bereits 5 Uhr. Irgendwann gehe ich in eine Art Dämmerzustand über.
Um sieben werde ich von einem Mann an meinem Bett geweckt. „Guten Morgen, Mika. Ich bin Dr. Müller, Psychologe auf dieser Station. Ich bin hier, um mit dir über die letzte Nacht zu sprechen. Du hattest eine Überdosis von 26,5 g des Medikaments Paracetamol, wie ich gehört habe in suizidaler Absicht.“ Er macht eine Pause und eine unangenehme Stille entsteht, in der wir uns beide anstarren.
„Was wollen Sie? Soll ich Ihnen etwa erklären, warum ich das getan habe? Das verstehen Sie nicht …“ Resignierend wandert mein Blick wieder zum Baum und meine Gedanken zu meinen kläglichen Versuchen, die letzten Monate einen Therapeuten zu finden. Im Licht hat er seinen Glanz irgendwie verloren. Die Blätter sehen tot und sein Holz morsch aus.
„Bist du depressiv?“ Mein Atmen stockt kurz. So direkt … Bin ich depressiv? Ja, ich bin seit Wochen nur noch aus meiner Wohnung gegangen, um einzukaufen und zur Uni zu gehen, aber das lag mehr daran, dass ich den Sinn hinter allem nicht mehr gesehen habe. Auch habe ich panische Angst vor Menschen entwickelt, weshalb ich bis spät in die Nacht gewartet habe, um Aufgaben zu erledigen, damit ich niemanden mehr antreffen konnte. Es gab Tage, an denen ich es nicht mal geschafft habe, die nötigsten Dinge zu tun. Wenn meine größte Herausforderung am Tag ist, Essen zu besorgen, und ich sogar daran scheitere, was für einen Wert hat mein Leben dann? Kann sowas überhaupt eine Krankheit sein? Was genau sollte ich auf diese Frage also antworten? Ich zeige ganz klar die Symptome, die in diesem Kontext immer genannt werden, und während meiner Suche nach Hilfe hatte ich von zwei Psychologen die Diagnose mittelgradige Depression erhalten. Die werden schon recht haben, oder? Dennoch wirkt so eine Erkrankung irgendwie unreal.
...
Alles um mich herum ist dunkel und ich kann es bis in meine Beine spüren. Mir ist so unglaublich schlecht. Ich versuche, meine Augen zu öffnen. Es kostet mich einiges an Anstrengung, doch nach einer Weile gelingt es mir. Alles dreht sich und die Übelkeit wird schlimmer.
Ich liege in meinem Bett und drehe meinen Kopf vorsichtig zur linken Seite. Das Bettlaken ist blutig. Eine große Lache hat sich direkt neben meinem Arm gebildet. Ich verfolge die blutige Spur entlang der Bettkante zu meinem Schreibtisch. Mir wird wieder schwindelig und ich versuche, mich an die letzte halbe Stunde zu erinnern. Alles ist sehr verschwommen. Mit Schrecken erblicke ich meinen linken Arm. Tiefe, parallele Schnitte zieren die Innenseite und neben ihm liegen zwei Rasierklingen, eine Schüssel und drei Packungen Paracetamol-Tabletten. Der Anblick dieses Chaos bringt die Erinnerungen zurück und Panik steigt auf.
Ich will nicht sterben. Nicht mehr. Ich will nicht leben, aber auch nicht sterben. Der Versuch aufzustehen, kostet mich einiges an Anstrengung. Der Schwindel wird wieder schlimmer und ich habe Schmerzen am ganzen Körper. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass es bereits zwei Stunden her ist, seit ich beschlossen habe, die 53 Tabletten zu schlucken. Ich bekomme Angst. Hilfe. Ich brauche Hilfe.
Mit letzter Kraft greife ich um mich, bis mir einfällt, dass ich mein Handy im Bad gelassen haben muss. Meine einzige Chance, diese Nacht ohne bleibende Schäden zu überleben, ist, den Notruf zu wählen. Langsam richte ich mich weiter auf, doch als ich versuche, meine Beine zu belasten, breche ich auf dem Schlafzimmerboden zusammen. Mir ist so schlecht und ich spüre nichts unterhalb der Hüfte. Vorsichtig versuche ich, mich mit meinen Armen über das Parkett in die Küche zu ziehen. Ich muss sie durchqueren, um in mein Bad zu gelangen. Mein Handy ist meine letzte Chance. Mit jeder Sekunde, die ich warte, steigt die Wahrscheinlichkeit, es nicht zu schaffen oder noch schlimmer… es zu schaffen und dafür zu sorgen, dass nichts mehr so sein wird, wie es mal war. Die Übelkeit überkommt mich und ich muss erbrechen. Ich versuche noch einmal, aufzustehen, doch sinke nach wenigen Sekunden wieder zusammen. Vielleicht sollte ich warten. Vielleicht wäre es doch besser, mich meinem Schicksal zu ergeben. Ich habe es so gewählt.
Ich muss ohnmächtig geworden sein, denn als ich erneut auf die Uhr blicke, ist es bereits fast 1 Uhr. Vergiss es Mika. Du wirst es schaffen. Alles wird wieder gut.
Endlich erreiche ich kriechend das Bad. Mein Handy liegt wie in meinen schwammigen Erinnerungen auf dem Fensterbrett. So schnell ich kann, greife ich danach und wähle mit letzter Kraft den Notruf. Es klingelt kurz.
„Guten Abend, Sie haben den Notruf gewählt. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Oh Gott. Was soll ich nur sagen? Was habe ich nur getan? Es zu verheimlichen, bringt nichts. Es würde nur Zeit kosten, die ich jetzt nicht habe. Nach einer kurzen Pause antworte ich also:
„Ich brauche Hilfe. Ich habe eine Überdosis Paracetamol genommen. Ich wohne in der Hauptstraße 35b in Heidelberg/Kirchheim.“
„Wie viel haben Sie genommen?“
„53 Tabletten à 500 mg.“
„In suizidaler Absicht?“
Ich zögere kurz. Ich kann es nicht aussprechen. Es ist das erste Mal seit meinem Entschluss, dass ich die Worte tatsächlich in den Mund nehmen muss. „Ja“, bringe ich also kleinlaut heraus.
„Alles klar. Ich schicke Ihnen sofort einen Krankenwagen. Bitte versuchen Sie, wach zu bleiben, und schlafen Sie auf gar keinen Fall ein.“
Keine Fragen. Kein Kommentar. Das Telefonat endet und ich beginne zu weinen. Wenn ich das hier überlebe, werde ich mich erklären müssen. Mir graut es vor dem Gedanken. Was tue ich eigentlich? Ich will das doch gar nicht überleben … Danach wird alles schwarz. Eine Sirene und ein Mann an meinem Balkonfenster wecken mich und ein kleines Team bricht meine Tür auf.
„Hier ist sie! Bringt die Trage rüber!“
Eine Frau kommt zu mir und schüttelt mich sanft. „Hallo, können Sie mich hören? Wir sind der Rettungsdienst. Sie müssen die Augen offenhalten. Können Sie mir erzählen, was passiert ist?“ Sie dreht sich noch einmal zu ihren Kollegen um und ruft: „Seht im Wagen nach, ob wir das ACC noch haben.“
Eine weitere Stimme macht eine Aufnahme und beschreibt, was sie in meinem Zimmer finden. „Wir haben hier eine Paracetamolintoxikation in suizidaler Absicht. Auf dem Tisch liegen einige Rasierklingen. Findet jemand einen Abschiedsbrief?“
Die Frau, die mich geschüttelt hat, dreht sich wieder zu mir. Alle um mich herum wirken genauso panisch, wie ich mich eben noch gefühlt habe, doch nun spüre ich nur Schuld und Resignation. „Wir legen Ihnen einen Zugang am linken Arm. Fürs ACC ist es leider schon zu spät. Wir legen Sie jetzt auf die Trage und fahren Sie ins Universitätskrankenhaus. Dort wird man sich um Sie kümmern. Versuchen Sie, die Augen nicht zu schließen.“
Der Mann, der beauftragt wurde, nach dem ACC zu suchen, kommt zurück ins Zimmer gestürmt. „Wir haben keins mehr. Es tut mir so leid!“
„Die Liege steht bereit. Soll ich noch etwas mitnehmen? Ich mache die Tür mal zu, damit die nicht rauskommen.“ Mit ‚die‘ meint der Mann meine Kaninchen, die mit mir in meiner Wohnung leben. Wuschel und Schneeball. Die zwei haben mir schon seit vielen Jahren Gesellschaft geleistet. Vor allem Schneechen, so wie ich sie immer nenne, hat die Eigenschaft, immer in den richtigen Momenten zu mir zu hoppeln. So oft hat sie ihre weiche Nase zwischen meine Hand und ein blutiges Messer geschoben, um mich vor dem Unaussprechlichen zu bewahren. Sie ist immer da gewesen und ich habe sie im Stich gelassen. Ich habe es tatsächlich getan und nicht eine einzelne Sekunde an ihre Zukunft nach meinem Tod gedacht. Was bin ich nur für ein schrecklicher und grausamer Mensch? Wenn ich in dieser Nacht nicht angerufen hätte, hätte sie wahrscheinlich noch Tage neben meinem verwesenden Leichnam gesessen und hätte nichts mehr tun können. Ich male mir in dem Moment aus, wie grausam dieses Schicksal für sie gewesen wäre, und schäme mich noch ein wenig mehr.
„Ja, packen Sie den Schlüssel, das Handy und ein Ladekabel ein. Da vorne um die Ecke habe ich noch eine Jacke gesehen.“
„Können Sie aufstehen? Wir bekommen die Liege nicht durch die Tür.“ Die Frau hält mir meine Crocs entgegen und richtet mich vorsichtig auf. Ein anderer Mann schnappt nach meinem Arm und vorsichtig laufen wir durch die Tür.
Doch was wird nun aus den zwei? Ich kann sie ja wohl kaum mit ins Krankenhaus nehmen.
Draußen angekommen, werde ich auf eine Liege gelegt. Ich habe bisher kein einziges Wort gesprochen. Als die Frau wieder zu mir tritt, schaue ich ihr direkt in die Augen. „Es tut mir leid. ES TUT MIR SO LEID!“ Ich schaffe es nicht länger, den Blick aufrechtzuerhalten, und drehe mich weg.
„Es ist nicht Ihre Schuld. Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Mir tut es leid, dass Ihnen niemand geholfen hat und dass Sie das als einzigen Ausweg gesehen haben müssen. Sie haben sicherlich sehr gelitten.“
Ihre Worte treffen mich sehr und ich beginne wieder, zu weinen. Ja … ich habe gelitten. Ich habe nicht gehungert, hatte keinen Krebs und auch kein gebrochenes Bein, aber es war ein Schmerz, der dennoch genauso schlimm war. Ein für andere unsichtbarer Schmerz, den niemand ernst genommen hat. Wenn ich es genau nehme, nicht einmal ich selbst. Ich hatte streng genommen ja alles, was man sich wünschen konnte. Ich hatte eine Wohnung, einen Studienplatz, genug Geld und ein Auto. Ich hatte mehr als die meisten Studenten und war dennoch erst 18. Trotzdem war mein Leben von Leid geprägt.
Wieso leide ich? Ich verstehe das alles nicht. Ich will nicht mehr leiden. Ich will, dass es aufhört. Ich will, dass das alles aufhört. Warum habe ich angerufen? Das wäre mein sicherer Tod gewesen. Es war meine Chance und ich habe versagt. Ich habe versagt, weil ich Angst bekommen habe. Ich will keine Angst mehr haben. Keine Angst vor Menschen, keine Angst vorm Existieren, keine Angst vor mir selbst. Es soll alles einfach aufhören.
Die Frau beginnt, die Trage Richtung Straße zu schieben. Ich spüre das Zittern der Rollen, die über die Pflastersteine geschoben werden. Mein Blick wandert zum Gebäude meiner Wohnung. Meine Vermieter wohnen über mir und ich sehe den verstörten Blick der Mutter des Mannes, die uns durch ihr Küchenfenster beobachtet. Niemand sagt etwas. Niemand spricht.
Im Krankenwagen angekommen, wird die Trage im hinteren Bereich festgestellt und die Frau von vorher setzt sich neben mich auf einen Stuhl. Sie nimmt meine Hand, drückt sie und schaut mich noch einmal kurz an. Danach wendet sie sich ab und ich beginne wieder, zu weinen. Mir fallen ihre verstohlenen Blicke auf meinen linken Unterarm immer wieder auf, der von tiefen Wunden übersät ist, die ich mir selbst zugefügt habe. Ich tue so, als würde ich es nicht bemerken, und schaue woanders hin.
In der Klinik angekommen, werde ich durch einige Flure in ein Zimmer geschoben. Es ist ein relativ großes Einzelzimmer und sofort stürmen etwa fünf Ärzte herein. Sie werden kurz von der Frau über die Ereignisse aufgeklärt, die im Anschluss mit den anderen Rettungskräften den Raum verlässt. Sie schaut mich noch ein letztes Mal an und flüstert mir viel Glück zu. Danach sehe ich sie nie wieder.
Die Ärzte machen sich direkt mit meinem Arm und dem Zugang vertraut und schließen einen neuen Schlauch an. „Es kann sein, dass dir ein wenig schlecht wird. Das ACC ist das Gegenmittel gegen das Paracetamol und soll sich an den Wirkstoff binden, bevor es deine Leber erreicht, sie überlastet und ein Versagen des Organs verursacht. Wir müssen es ebenfalls überdosieren, was leider einige unangenehme Nebenwirkungen haben kann. Melde dich bei uns, falls es zu schlimm wird. Wir schauen dann, was wir tun können.“
Ich spüre, wie die kalte Flüssigkeit meinen Arm hinauffließt und sage nichts. Ich schaffe es nicht einmal, den Arzt dabei anzuschauen. Rechts von mir ist ein Fenster, durch das ich die Sicht auf einen Baum habe. Es ist zwar sehr dunkel, dennoch beruhigt mich der Anblick der grauen Blätter. Wir haben frühen Herbst und man sieht bereits die leichte Verfärbung.
Ich wage einen weiteren Blick auf die Uhr, die oberhalb der Wand und gegenüber von meinem Bett hängt. Halb drei. Plötzlich wird mir unglaublich übel. Die Ärzte haben bereits mein Zimmer verlassen und ich greife nach einem Spuckbeutel, den sie mir freundlicherweise auf einen Beistelltisch gelegt haben. Ich habe das Gefühl, meine Seele auszuspucken, und selbst, als es nicht mehr geht, verschwindet die Übelkeit nicht.
„So muss sich Sterben anfühlen“, flüstere ich leise zu mir selbst. Ich habe das starke Bedürfnis zu schreien, aber ich will keine Aufmerksamkeit erwecken. Ich muss einfach einschlafen. Morgen wird es bestimmt besser werden. Ich drehe mich zur Seite, doch der blinkende Monitor neben mir macht es mir nicht möglich, zur Ruhe zu kommen.
Die Übelkeit wird immer schlimmer und ich erbreche alle paar Sekunden. Ab und zu kommt eine ältere Frau und wechselt den Beutel. Ich schaue ein weiteres Mal auf die Uhr. Fast 4. Ich muss schlafen. Warum geht es nicht? Ich will nicht mehr. Mir ist so schlecht. Als die Frau ein weiteres Mal das Zimmer betritt, frage ich vorsichtig, ob es etwas gegen die Übelkeit gibt. Ich versuche, ihr zu beschreiben, wie schlimm sich das anfühlt.
Sie lächelt nur und ich kann ihre Gedanken förmlich hören: Selbst schuld. Ich verstehe nicht einmal, warum wir dich hier behandeln. Es gibt so viele Menschen, die einen Unfall hatten, und wir müssen uns um jemanden kümmern, der sich das selbst zugefügt hat. Warum bist du überhaupt hier? Sie sagt nichts und geht.
Ich fange wieder an, zu weinen, doch langsam kommen keine Tränen mehr. Sie hat recht. Ich will nicht hier sein. Warum habe ich den Notruf gewählt? Jetzt wird alles wieder wie vorher und ich habe ein Bett in einer Intensivstation belegt, dass jemand anderes viel eher hätte brauchen können. Vielleicht ein Vater, der einen Unfall hatte. Jemand mit einer Familie, der leben möchte. Vielleicht ein Kind, das angefahren worden ist. Vielleicht eine Frau mit einer schlimmen Krankheit. Stattdessen liege ich hier.
Ich, die nicht mehr leben möchte. Eine Belastung für ihr Umfeld und ein schlechter Mensch, der keinen Gedanken an die Konsequenzen dieser Handlung verschwendet hat. Ich wollte kein Leid verursachen. Ich wollte meines beenden. Es gibt keine Hilfe für mich. Ich bin es nicht wert, gerettet zu werden, denn ich werde es wieder tun. Dieses Mal mit einer sicheren Methode.
Vielleicht vom Unigebäude springen? Vielleicht eine Überdosis? Vielleicht vor den Zug werfen? Vielleicht erhängen? Es gibt so viele, viel sicherere Methoden. Warum denn Paracetamol? Das war so dumm … Und was noch viel dümmer war, war dieser Anruf. Ich hätte das nicht tun sollen. Noch lange in Gedanken versunken, starre ich den Baum durch das Klinikfenster an. Bereits 5 Uhr. Irgendwann gehe ich in eine Art Dämmerzustand über.
Um sieben werde ich von einem Mann an meinem Bett geweckt. „Guten Morgen, Mika. Ich bin Dr. Müller, Psychologe auf dieser Station. Ich bin hier, um mit dir über die letzte Nacht zu sprechen. Du hattest eine Überdosis von 26,5 g des Medikaments Paracetamol, wie ich gehört habe in suizidaler Absicht.“ Er macht eine Pause und eine unangenehme Stille entsteht, in der wir uns beide anstarren.
„Was wollen Sie? Soll ich Ihnen etwa erklären, warum ich das getan habe? Das verstehen Sie nicht …“ Resignierend wandert mein Blick wieder zum Baum und meine Gedanken zu meinen kläglichen Versuchen, die letzten Monate einen Therapeuten zu finden. Im Licht hat er seinen Glanz irgendwie verloren. Die Blätter sehen tot und sein Holz morsch aus.
„Bist du depressiv?“ Mein Atmen stockt kurz. So direkt … Bin ich depressiv? Ja, ich bin seit Wochen nur noch aus meiner Wohnung gegangen, um einzukaufen und zur Uni zu gehen, aber das lag mehr daran, dass ich den Sinn hinter allem nicht mehr gesehen habe. Auch habe ich panische Angst vor Menschen entwickelt, weshalb ich bis spät in die Nacht gewartet habe, um Aufgaben zu erledigen, damit ich niemanden mehr antreffen konnte. Es gab Tage, an denen ich es nicht mal geschafft habe, die nötigsten Dinge zu tun. Wenn meine größte Herausforderung am Tag ist, Essen zu besorgen, und ich sogar daran scheitere, was für einen Wert hat mein Leben dann? Kann sowas überhaupt eine Krankheit sein? Was genau sollte ich auf diese Frage also antworten? Ich zeige ganz klar die Symptome, die in diesem Kontext immer genannt werden, und während meiner Suche nach Hilfe hatte ich von zwei Psychologen die Diagnose mittelgradige Depression erhalten. Die werden schon recht haben, oder? Dennoch wirkt so eine Erkrankung irgendwie unreal.
...

