... das bi-biologische Leben eines Genies ...

... das bi-biologische Leben eines Genies ...

Ewald Kropfitsch


EUR 24,90

Format: 15,5 x 23,5 cm
Seitenanzahl: 504
ISBN: 978-3-903067-35-6
Erscheinungsdatum: 16.11.2015
Andres ist mit zwei Existenzen gleichzeitig ausgestattet: als virtuoser Geiger und als gegen den Zölibat aufbegehrender Theologe. Der mysteriöse „ER“ scheint beide Lebensstränge zu lenken. Als Leser erlebt man sie parallel und direkt gegenübergestellt mit.
Andres ist ein guter Bub. Mutter liebt ihn sehr. Auch die Nachbarn mögen ihn. Die Schulfreunde – er geht in die erste Klasse der Volksschule einer kleinen Stadt im südlichen Österreich – spielen gerne mit ihm. Den Mädchen gefallen seine blauen Augen und die dazu kontrastierenden schwarzen Haare. Vater kennt er fast nur von Erzählungen der Mutter und durch die Briefe von der Front. Es wäre ein herrliches Leben, führte nicht die ganze Welt Krieg.
Andres ist in die nationalsozialistische Kinder-Organisation eingegliedert. Er muss jede Woche zum sogenannten „Appell“. Das dabei übliche „Trommeln und Fanfare-Blasen“ gefällt ihm; in letzter Zeit ist man aber dazu übergegangen, die Aktionen am Sonntag vor der Kirche während des Gottesdienstes durchzuführen; dies empfindet er als gemein:
Während der Messen hat er beim Ministrieren IHM immer die Sorgen – etwa um Mutter und Vater – vortragen können.
Der Fähnlein-Führer der Kindergruppe erklärte ihm jedoch barsch: „Sonntag ist Appell, da kannst du nicht zur Kirche gehen.“
Andres fällt es seither schwer, die Hand zum allgemein üblichen Gruß „Heil Hitler“ zu erheben. Er verbirgt dies zwar geschickt, aber seine Freundin Hannah macht ihn besorgt darauf aufmerksam, dass es auf Dauer so nicht weitergehen könne.
Andres kommt aus einer einfachen Lehrerfamilie. Der Vater lehnt den Nationalsozialismus ab.
Hannah ist die Tochter des nationalsozialistischen Bürgermeisters der Stadt, der, bevor er die politische Laufbahn einschlug, ebenfalls Lehrer war.

In der zweiten Kriegsweihnacht zeigt das Regime seine Volksnähe. Man ist an der Front überall erfolgreich und schielt schon in die Sowjetunion. So ist man auch in der kleinen Stadt der südlichen Ostmark (Österreich wurde von der Landkarte gestrichen) großzügig und lässt Andres an der öffentlichen Weihnachtsfeier mitwirken.
Hannah spielt schon recht ordentlich Klavier. Sie wünscht sich als mitwirkenden Violinspieler ihren Schulfreund Andres. Die Kinder proben viel und intensiv miteinander.
Das Kino ist zum Festsaal mit Fahnen und Standarten hergerichtet. Im zum Bersten gefüllten Saal treten nach einer Ansprache des Bürgermeisters die „Künstler“ der Stadt, darunter auch Hannah und Andres, auf.
Als Höhepunkt der Veranstaltung haben die beiden die als Weihnachtslied vorgesehene Weise „Hohe Nacht der klaren Sterne“ anzustimmen; die „Volksgenossen und Volksgenossinnen“ sollen dabei mitsingen. Das Lied ist nur wenigen bekannt, und auch diese trauen sich kaum, den Mund aufzumachen.
Andres denkt daran, wie schön es in der Kirche mit dem Lied „Stille Nacht, heilige Nacht“ gewesen war und beginnt nach dem Versiegen von „Hohe Nacht der klaren Sterne“, die alte österreichische Weise anzuspielen.
Ein bisschen dauert es, bis die Leute einstimmen; dann aber erklingen alle drei Strophen in einem mächtigen Chor; selbst der Bürgermeister singt mit, zumal ihn Hannah mit ihren schönen Augen herzlich darum bittet.

Der Erzähler macht hier eine erste Atempause: Wenn es richtig ist, dass unter Umständen selbst der Flügelschlag eines Schmetterlings ausreichen kann, um die Welt in eine andere Richtung zu drehen, hat die kleine Episode mit dem Weihnachtslied für Andres – relativ gesehen – die gleiche Wirkung.

Nach den Weihnachtsferien muss nämlich Andres feststellen, dass ihm Hannah aus dem Weg geht. Dies belastet ihn sehr, zumal er die Ferien hindurch intensiv Geige geübt und für sie einige auf dem Klavier zu begleitende Musikstücke ausgesucht hatte.
„Arbeite halt mehr an Solostücken“, tröstet Mutter den kleinen Mann und dieser wagt sich – eifrig unterstützt von seinem Lehrer – zum ersten Mal an Werke von Johann Sebastian Bach und an die leichteren Etüden von Rudolf Kreutzer.
Die Unterrichtsstunden sind auf einem niedrigen Niveau; dazu weiß der Geigenlehrer von Andres zu wenig von den tieferen Zusammenhängen des Geigenspiels. Aber die Begeisterung der beiden macht professionellen Unterricht wett. Am Ende des Schuljahres kann man mit gutem Grund sagen, dass Andres für sein Alter schon sehr gut Geige spielt.
Zur breit verkündeten Sondermeldung über die Einnahme von Paris gestaltet die Schule ein kleines Fest und lässt wieder etliche ihrer Schüler zeigen, was sie musikalisch können.
Auch Hannah hat die Zeit genützt und am Klavier gute Fortschritte gemacht.
Sie weigert sich, mit Andres gemeinsam zu musizieren; so muss dieser ein Werk ohne Klavierbegleitung zu Gehör bringen. Es ist die ›Gavotte‹ von Johann Sebastian Bach, die wohl das erste Mal in der Schule erklingt.
Hannah erkennt sogleich, dass Andres große Fortschritte gemacht hat. Sie spielt den ersten Satz der ›Sonata facile‹ von Wolfgang Amadeus Mozart mit mehr Aufregung als sonst und macht einige Fehler.
Die Zeit zwischen den beiden steht plötzlich still. Ist es Neid oder Bewunderung auf Seite von Hannah oder ist es Schadenfreude oder Mitleid auf Seite von Andres?
Auch der Erzähler weiß es nicht.

In der kleinen Stadt gibt es nicht viele Bürger, die etwas von Musik verstehen. Nur die Mutter und der Geigenlehrer von Andres sind auf die Darbietung des Buben stolz. Zur großen Überraschung aller – dafür steht der Erzähler gerade, zumal es sich viel später erklärt, warum es so war – gratuliert auch die Mutter von Hannah sehr herzlich dem noch vom intensiven Spiel erhitzten Andres.
Dies ändert aber nichts daran, dass Hannah mit Andres weiterhin sehr frostig umgeht und ihn scheinbar kaum wahrnimmt.
Andres fragt während seines nächsten Dienstes als Ministrant in der Kirche IHN – er hat keinen eigenen Namen für diesen finden können –, warum ihn Hannah so meidet, erhält aber keine Antwort.

Wie hätte ER Andres klar machen können, dass es im Hause des Bürgermeisters einen gewaltigen Krach darüber gab, wie man Andres behandeln sollte? Andres hätte dies ohnehin nicht verstanden.

Knapp vor den großen Ferien gibt es eine groß angelegte Sondermeldung im Rundfunk, wonach die deutsche Armee zwischen der Ostsee und den Karpaten eine umfassende Angriffswelle gegen die Sowjetunion gestartet habe. Andres erfasst diese Meldung in ihren wesentlichen Auswirkungen: Hat doch Vater in seinem Arbeitszimmer eine Europakarte hängen und kann man darauf das riesige Russland in dicker grüner Farbe mit dem kleinen, rot eingefärbten Deutschland vergleichen.
„Mama, sind wir verrückt?“, fragt Andres die Mutter und diese nickt unmerklich.

„Vater ist an die Ostfront versetzt worden“, sagt Mutter in den großen Ferien. Andres verdrängt die aufkommende Angst. Ist Vater doch schon seit vielen Monaten im Krieg und hat alle Gefahren immer wohlbehalten überstanden.
Mit dem Fahrrad fährt er an den nahen Fluss, wo man badet, Fußball spielt und wilde Stachelbeeren isst. Auch Hannah sonnt sich in der Au und umgibt sich mit einer Anzahl von Freundinnen. Andres findet sie nach wie vor sehr lieb; das Mädchen ignoriert aber weiterhin seine Anwesenheit.
Der Fluss neben der Au ist ein reißendes Wasser; nur wenige Buben wagen es, auf die andere Seite zu schwimmen und die Erdbeeren, die es dort in Überfülle gibt, zu pflücken.
Andres ist ein guter Schwimmer; er hat zwar der Mutter versprochen, nicht im Fluss zu baden, aber die Aussicht, Erdbeeren für Hannah zu holen, lässt ihn sein Versprechen vergessen. Er stürzt sich in die Wellen.

„Andres schwimmt hinüber“, schreien die Mädchen und Hannah muss feststellen, dass sich ihre Freundinnen über Gebühr für Andres interessieren. In der Mitte des Flusses gibt es reißende Wellen. Andres verschwindet darin für Sekunden. Hannah zuckt zusammen. „Gott sei Dank, da ist er wieder.“
Es gibt nicht viel zu erzählen, weil Andres sicher hinüber kommt, viele Beeren pflückt, sie in ein Bündel von Huflattichblättern fasst, dieses mit den Stielen der Pflanzen auf den Kopf bindet, geschickt die Wellen teilt und gesund wieder ans Ufer gelangt.
„Für dich“, sagt er und drückt das Erdbeerbündel Hannah in die Hand. ›Hold lächelnd sollte sie diese nehmen‹ – so wäre es wohl in einem Roman, nicht aber in einer Erzählung wie dieser geschildert worden –, doch Hannah stutzt in Wirklichkeit nur kurz, wendet sich ab und sagt: „Gib sie meinen Freundinnen.“
Der Schock sitzt tief.
Schließlich vergehen auch die zweiten ›Kriegsferien‹ und die Schule beginnt wieder. Andres und Hannah sind jetzt in der dritten Klasse. Sie sitzt ganz weit weg von ihm.

Mitten im Unterricht wird Andres blass.
„Bitte nicht“, spricht er leise, aber Hannah, die, ohne es sich einzugestehen, ihn ständig in der Nähe fühlt, hört diese Worte ebenso wie die Lehrerin.
„Was soll das?“, herrscht ihn diese an, aber sie hört nur wieder und wieder von ihm: „Bitte nicht.“
„Verlasse die Klasse!“, befiehlt ihm die Lehrerin und reißt die Türe auf. In Trance verlässt Andres das Zimmer. Zum Erstaunen aller rennt ihm Hannah nach.
„Andres, was ist denn los?“
„Vater ist tot“, kommt es ganz klar aus seinem Mund.
„Wieso, woher willst du das wissen?“
„Vater ist tot, ER hat es mir gesagt.“
„Das gibt’s doch nicht“, hängt sich das Mädchen an ihn, „du hast geträumt, die Stunde war zum Einschlafen langweilig.“ Aber Andres wiederholt immer wieder: „Vater ist tot.“
„Ich begleite dich nach Hause“, sagt sie und führt ihn aus der Schule.

Die Mutter weiß längst um die enge Bindung zwischen Andres und IHM; sie will dem Buben aber nicht glauben, zumindest diesmal nicht. Andres hatte aber recht. Die ganze Tragik kommt aufgrund eines Briefes mit Trauerrand und dem Text „für Führer und Vaterland im Dienste an der Heimat den Heldentod erlitten“ oder so ähnlich einige Tage später der Mutter, ihm und den Bürgern der Stadt zu Ohren.

Als der Bürgermeister in Begleitung zweier SA-Bonzen der Mutter sein Beileid ausdrückt, erklärt sie ihm, dass sie den Krieg verfluche und die Partei hasse.
Wie geprügelte Hunde verlassen die offiziellen Vertreter des nationalsozialistischen Regimes die Wohnung. Der Bürgermeister versucht, den beiden SA-Leuten klar zu machen, dass die Frau wegen der schrecklichen Nachricht die Nerven verloren habe und für ihre Worte nicht verantwortlich gemacht werden könne. Dennoch melden diese den Vorfall den nationalsozialistischen Stadt- und Gemeinderäten.
Man beschließt jedoch auf Vorschlag des sich (nach Meinung der übrigen viel zu sehr) für die Frau einsetzenden Bürgermeisters, es zunächst dabei bewenden zu lassen. Wenn sie unauffällig bliebe, könne man die Sache einstweilen vergessen.

Die geneigte Leserin und der werte Leser können sich sicher vorstellen, dass die kurz umrissenen Vorgänge in Wirklichkeit in voller Wucht abliefen: Wut und Verzweiflung, Gerissenheit und Falschheit, Mitleid und Trauer kulminierten. Aber in den Wunden der menschlichen Verhaltensweisen zu wühlen, ist nicht die Absicht dieses Berichtes. Daher unterbleibt eine nähere Schilderung dieser Geschehnisse.

Für den Knaben Andres ist das Chaos der menschlichen Gefühle in ihrer Tiefe noch nicht ganz erfassbar: „Bitte, Mama, sei nicht traurig, Vater war ein guter Mensch, er lebt drüben.“ Dann kuschelt er sich eng an sie und wischt ihr die Tränen von den Wangen.
Er nimmt die Geige, seine geliebte Geige, und spielt bis zum Schlafengehen alle Werke von Johann Sebastian Bach, die er bisher gelernt hat, immer und immer wieder.

Die Sondermeldung des „Großdeutschen Rundfunks“ über die Kriegserklärung Deutschlands an die Vereinigten Staaten knapp vor Weihnachten des dritten Kriegsjahres lässt das erste Mal auch in den Menschen der kleinen Stadt Zweifel darüber aufkommen, ob der vom Regime lauthals und immer wieder propagierte „Endsieg des deutschen Volkes“ jemals erreicht werden könne.
Es kommt immer öfter vor, dass sich Soldaten, die auf Heimaturlaub weilen, statt danach an die Front zurückzukehren in die Wälder um die kleine Stadt davonmachen und zu den Partisanen (Banditen werden sie von den Nazis der Stadt genannt) überlaufen.

Im anschließenden Frühjahr spielt Andres mit einigen Freunden im nahen Wald. Da stehen plötzlich Männer in grauen Uniformen vor ihnen. Sie jagen den Buben einen großen Schrecken ein. Wie Hasen laufen sie davon. Andres hat einen von ihnen erkannt und erzählt dies seiner Mutter.
In einer von Trauer um den Ehemann und Hass auf das Regime geprägten schlaflosen Nacht klopft es leise an die Wohnungstür. Es ist der von Andres im Wald gesehene ehemalige Nachbar. Er brauche etwas zu essen.
Eilig richtet Mutter aus den kärglichen Nahrungsmitteln ihres Haushaltes ein Mahl und sieht dem bis auf die Knochen abgemagerten Partisanen zu, wie er es gierig verschlingt.
„Im Wald ist es schrecklich, aber immer noch besser als an der Front“, würgt er zwischendurch hervor. „Ich habe von deinem Mann gehört, der Krieg ist fürchterlich.“
Zwischendurch schaut er zum Fenster und stellt befriedigt fest, dass die Verdunkelung – jeder Haushalt hat in der Kriegszeit gegen die Fliegergefahr schwarze Verdunkelungspappe vor dem Fenster, die in der Nacht verwendet werden müssen – heruntergezogen ist.
„Wenn es wieder einmal möglich ist, möchte ich neuerlich vorbeischauen“, sagt er dankbar zum Abschied und verschwindet in der dunklen Nacht.
Andres schläft fest.
Am nächsten Morgen erklärt er aber plötzlich, Mama möge es nicht zulassen, dass sie in der Nacht von einem Fremden besucht werde. „Wenn es auffliegt, dass ein Partisane bei uns einkehrt, bringen sie uns fort“, sagt er besorgt.

Die dritten Kriegsweihnachten gehen vorüber. Größere Feiern werden nicht abgehalten. Zu oft waren Beileidsbriefe über gefallene Soldaten in den Ort gelangt.
Andres und Hannah müssen sich weiterhin meiden, da der Bürgermeister ängstlich darauf Bedacht nimmt, als „linientreu“ zu gelten.
Wie zufällig treffen sich aber die beiden Mütter der inzwischen neun Jahre alt gewordenen Kinder und versuchen, die offenen Wunden zu glätten: „Andres ist ein wunderbarer Bub“, sagt die eine, und die andere antwortet mit den gleichen Worten auf Hannah gemünzt.

Als die Sommerferien des Jahres 1942 bevorstehen, wird die nationalsozialistische Propaganda durch die Kriegserfolge der deutschen Wehrmacht in Charkow und Sewastopol im Osten und Tobruk in Afrika wieder enorm verstärkt.
In die kleine Stadt wird eine SS-Truppe mit dem Auftrag einquartiert, das „Partisanenunwesen“ in den Wäldern um den Ort „auszumerzen“. Die SS-Leute bringen ihre Familien mit und so kommt knapp vor dem Ferienbeginn ein Mädchen aus dem Norden des „Großdeutschen Reiches“ in die Klasse von Andres und Hannah.
Felizitas hat weißblondes Haar, hellblaue Augen und einen Teint wie aus dem Märchen von Schneewittchen. Alles an ihr ist hell, klar und süß. Andres und Hannah empfinden bald große Zuneigung zu ihr. Als man wieder in die Ferien schlittert und mit Fahrrädern zum geliebten Fluss in der Nähe der Stadt fährt, um zu baden, ist alles so schön, wie es früher einmal war.
Plötzlich kommen zwei Tiefflieger „Lightnings“ den Fluss aufwärts geflogen und schießen auf die badenden Kinder.
„Untertauchen!“, schreit Andres, es ist aber zu spät. Eines der Maschinengewehr-Geschosse streift Felizitas am Bein. Die Kugel hat eine gewaltige Brisanz, und Felizitas scheint an dem dadurch verursachten Schock zu versterben.
Andres und Hannah ziehen sie ans Ufer. Sie wissen sich nur so zu helfen, dass sie sie aufrichten, hinlegen, sie beim Namen rufen und alles tun, damit sie zu sich kommen möge.
„Du bleibst hier bei ihr, ich fahre Hilfe holen, mach’ so weiter“, und er radelt im wahrsten Sinn des Wortes „um ein Leben“ in die Stadt zurück.
Die Sache geht gut aus, der SS-Mann – Vater von Felizitas – und seine Leute sind aber durch dieses Geschehen aufs Heftigste motiviert, den Feind – ganz egal, wo und wer er ist – gnadenlos zu bekämpfen.

Wieder einmal klopft es nächtens an die Tür und der bei den Partisanen kämpfende Nachbar stürzt blutüberströmt herein. Er war bei dem nächtlichen Gefecht, das soeben mit den SS-Truppen in den Wäldern rund um die Stadt stattgefunden hatte, verletzt worden.
Die Mutter von Andres verbindet seine Wunden und gibt ihm etwas Brot mit der Bitte mit, schnell zu verschwinden.
Mit vorgehaltenen Gewehren und gewaltigem Geschrei dringen drei SS-Männer in die Wohnung ein – darunter ist auch der Vater von Felizitas – ergreifen ›den Banditen‹ und zerren ihn ins Freie. Noch in der gleichen Nacht wird er erschossen.
Am nächsten Morgen kommen SA-Männer ins Haus und nehmen die Mutter von Andres mit. Der Bub wird im nahen Kinderheim untergebracht.
Alles Bitten und Flehen von Hannah und ihrer Mutter, die harte Maßnahme rückgängig zu machen, nützt nichts. Die Mutter von Andres bleibt als Verräterin an der deutschen Nation in Haft.
„Aber das bedeutet doch Konzentrationslager“, flüstert die Frau des Bürgermeisters, „das kannst du als Ehrenmann nicht zulassen; haben wir doch – wenn meine Identität aufkäme – dasselbe Problem.“
„Und ob“, ist alles, was er sagt.

Trotz der Einweisung in ein Heim für schwer erziehbare Kinder darf Andres die Volksschule weiterhin besuchen. In der vierten Klasse sitzt er nun neben Hannah. Sie sagt ihm immer wieder, dass sie Vater beschwöre, sich für die Mutter einzusetzen.
Und eines Tages erklärt sie ihm mit besorgtem Blick: „Er hat mir versprochen, noch heute der Lagerverwaltung zu berichten, dass man sich geirrt habe, die Mutter – wie die Nachforschungen ergeben hätten – ›vaterlandstreu‹ und zu Unrecht bezichtigt worden sei, dem ›Banditen‹ Unterschlupf gewährt zu haben. Dieser habe sich mit Gewalt in die Wohnung der Familie geflüchtet und die Frau mit vorgehaltener Waffe gezwungen, ihn zu verbinden.“
Andres antwortet ihr: „Mutter ist tot, ich weiß es.“
Hannah sieht Andres das erste Mal weinen.
„Aber sie war erst ganz kurz im Lager“, spricht sie bestürzt. „Du irrst dich, da kann noch nichts passiert sein.“
Aber Andres schüttelt nur den Kopf. „Ich weiß es.“
Im amtlichen Schreiben an den Bürgermeister der Stadt heißt es ein paar Tage danach, die Mutter von Andres sei an einer überraschend aufgetretenen Lungenentzündung gestorben.

(Später sickert durch, dass sich die Frau einem Lagerkommandanten der SS verweigert und dieser sie auf die Liste der für die Gaskammer Bestimmten gesetzt habe.)

Andres weiß aber nur, dass Mutter nicht mehr lebt, die ganze Wahrheit wurde ihm von IHM verschwiegen.

Die vierten Kriegsweihnachten des Jahres 1942 hätten – wären die „Volksgenossen und Volksgenossinnen“ von der Führung seriös informiert worden – ein schreckliches Erwachen der Nation bewirkt. Die ganze 5. Armee mit mehr als 500.000 Mann wird in Stalingrad von sowjetischen Verbänden eingekesselt.
Auch in der kleinen Stadt sorgen sich die Frauen und Mütter um ihre Männer und Söhne; nur die gefürchteten Briefe über den Heldentod dieses oder jenes bleiben größtenteils aus, weil aus dem Schlachtkessel Stalingrad heraus keine Mitteilungen in die Heimat gelangen.

Andres und Hannah machen so oft sie können in der Wohnung des Bürgermeisters gemeinsam Musik. Es ist neben dem Dienst als Ministrant (die wenigen Leute, die noch zur Kirche gehen, reden nicht darüber) die einzige Zuflucht des Knaben.
Der Bürgermeister hat sich an den Buben gewöhnt. Er hätte sich viel früher persönlich einschalten sollen, wirft er sich vor, dies auch auf die Gefahr hin, dass seine eigenen geheimen Probleme mit dem Nationalsozialismus ans Tageslicht gekommen wären.
„Aber dass man sie gleich ins Konzentrationslager einweisen würde, habe ich nicht gewusst“, sagt er oft seiner Frau und seiner Tochter. Beide spüren, dass er sehr darunter leidet.
„Wieso wusstest du, dass deine Mama nicht mehr lebt?“, fragt Hannah Andres, nachdem wieder einige Monate vergangen waren.
„Mein Freund von DRÜBEN hat es mir gesagt“, ist alles, was Andres ihr mitteilt, dann wirft er sich wieder in die Noten und spielt die Mosesvariationen von Paganini auf einer einzigen Saite seiner billigen Violine.

Wieder sind die Ferien gekommen und die Kinder radeln wie gewohnt zum Fluss. Auch Felizitas ist dabei.
„Ich komme nächstes Jahr ins Gymnasium“, sagt Hannah beim Schwimmen zu Andres.
„Ich leider nicht“, antwortet dieser, „ich bin für die höhere Schule nicht geeignet, weil meine Eltern keine Nazis waren, wurde mir gesagt.“ (Ihr gegenüber konnte er sich so frei ausdrücken.)
5 Sterne
Das bi-biologische Leben eines Genies - 03.03.2016
Angelika Schirnhofer

Kurz: interessant, hervorragend, geistreich - absolut lesenswert!

5 Sterne
Unglaublich beeindruckend!! - 24.02.2016
Annabel Hink

Man denkt es ist das Buch eines mid-life-crisis gestrandeten Mannes, der sich nur wichtig machen will und nichts anderes mehr weiß mit seinem Leben anzufangen außer ein Buch zu schreiben.Spätestens nach den ersten paar Seiten aber, ändert sich das Vorurteil rapide und man findet humorvolle Gedanken verfasst in wunderbar autorisierte Zeilen!Ein großes Bravo!

5 Sterne
Fantastisch! - 24.02.2016

Ein wunderbar spannendes Buch mit tollem intellektuellem Inhalt!!!

5 Sterne
Fantastisch! - 24.02.2016

Ein wunderbar spannendes Buch mit tollem intellektuellem Inhalt!!!

5 Sterne
Das bi-biologische Leben eines Genies - 20.02.2016
Dr. Ernst Pinter

Da ich im selben Jahr geboren wurde, finde die Erzählung von Andres unerhört interessant und wirklichkeitsnahe. Viele Situationen habe ich in ähnlicher Weise erlebt und in der Erinnerung leben viele vergessene Tatsachen wieder auf.

5 Sterne
bi-biologisches leben.... - 19.02.2016
Oswld geisslreiter, wien

Unmögliches denken .. eine reizvolle Idee -sehr lesenswert !

5 Sterne
das bi-biologische Leben eines Genies - 17.02.2016
Renate Gründler

Die kurze Inhaltsangabe fand ich total spannend und interessant, sodass ich mich sehr darauf freue, das Buch zu lesen.

5 Sterne
Bemerkenswert - 15.02.2016
Dr. Maximilian Grassberger

Dieses bemerkenswerte Werk fasziniert von den ersten Seiten weg und hält den Leser bis zum Schluß in Bann. Dies ist einerseits dem originellen Grundkonzept geschuldet, wie auch dem spannenden Aufbau der Erzählung der Lebensgeschichte des “zweigeteilten” Titelhelden. Die einfache und klare Sprache ist wohltuend. Es steckt viel Phantasie in diesem Buch. Die Würze machen aber die immer wiederkehrenden Zitate zu musikalischen und theologischen Themen aus, welche die hohen Fachkenntnisse des Autors auf diesen Gebieten erahnen lassen.

5 Sterne
Seht aufschlußreich und interessant aufgebaut - 13.02.2016
Margitta Reinl

Sehr aufschlußreich und interessant aufgebaut. Gut verständlich und gut erzählt!

4 Sterne
...das bi-biologische Leben eines Genies... - 12.02.2016
Dr. Elisabeth Lutter, Jg. 1942, 4 Kinder, 3 Enkel

Ich finde die Idee des Autors sehr spannend - und dementsprechend liest sich auch das Buch: Vor dem Hintergrund des psychologischen Drucks der NS-Strukturen und des Weltkriegs wird der seelische Zwiespalt eines Halbwüchsigen zwischen musikalischer Begabung, Ahnung von etwas Transzendentem und Herausforderungen der sozialen Beziehungen in Alltag und Umwelt geschildert, in einer nüchternen Sprache, unsentimental, aber berührend.Ein Buch, das sich für die noch lebende Nachkriegsgeneration (die damals Kinder waren) ebenso nachvollziehbar liest, wie es für die Jüngeren unbekannte Einsichten vermittelt. Ich würde es mit meinen Enkelkindern lesen und dazu eigene Erfahrungen mit einbringen. Auch für den Zeitgeschichte-Unterricht eine (in Ausschnitten) wertvolle, lebendige Ergänzung!

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