Sonstiges & Allerlei

Danke Gott, dass du mich geführt hast

Claudia Kraft

Danke Gott, dass du mich geführt hast

Leseprobe:

KAPITEL 1
Herz oder Kopf?

Heute ist der 14. Februar und ich bin nach meiner Reise wieder einmal gut zu Hause angekommen. Als ich losfuhr, wusste ich nicht, ob es einen Sinn macht zu verreisen, und überhaupt war ich nicht so richtig in Stimmung. Ich hoffte, danach endlich zu wissen, wo ich hingehöre und was ich wirklich beruflich und privat verändern und leben möchte. Nächtelang habe ich nicht geschlafen und gehofft, dass ich ein Zeichen bekomme, das mir sagt: Das ist dein Ziel und dort ist dein Weg. Aber es kam nicht, sondern es führte dazu, dass mein Körper mit Magen- und Darmproblemen und Rückenschmerzen reagierte.

Es begann Ende Juni an einem Samstag, ich arbeitete als Verkäuferin in einem Baumarkt in der Gartenabteilung. Den Job hatte ich im Februar angenommen, um mein Burn-out, das ich nach neun Jahren als Filialleiterin bei einem Textil-Discounter bekommen hatte, zu heilen. Ich wollte den Job unbedingt, um über die Zukunft in Ruhe nachdenken zu können. Die Pflanzen taten mir gut, ich war viel an der frischen Luft, die Arbeit machte mir viel Spaß und so verging die Zeit. Mein Enkel Marco wurde am 18. März geboren und ich sah wieder einen Sinn darin, in Österreich zu bleiben und nicht in meine Heimat Deutschland zurückzukehren. Aber der Samstag Ende Juni 2015 brachte mein Leben durcheinander. Meine Prinzipien, Berufliches und Privates zu trennen, durchkreuzte ein Mann, der Pflanzen für das Grab seiner Mutter kaufen wollte und mich bat, ihn zu beraten. Wir unterhielten uns sehr lange und die Kunden um mich herum waren auf einmal in den Hintergrund gerückt. Ich hatte mich lange nicht mehr so gut mit einem Mann unterhalten. Er erzählte mir, dass er Lehrer ist und vor zehn Jahren von Oberösterreich ins Burgenland gezogen ist. Mein erster Gedanke war, dass ich mich im Burgenland immer so wohl gefühlt habe und es mein Traum ist, irgendwann einmal ins Burgenland zu ziehen. Mein zweiter Gedanke war, dass ich keine guten Erfahrungen mit den Lehrern meiner Tochter, die im Gymnasium unterrichteten, gemacht hatte. Bevor der Mann ging, bat er mich um einen Zettel und dann schrieb er seine Telefonnummer auf. „Wenn du wieder im Burgenland bist, könnten wir ja einmal auf einen Kaffee gehen.“ Dann ging er und ich dachte mir so: „Der gibt bestimmt jeder Frau seine Telefonnummer.“ Als ich dann abends zu Hause war, musste ich wieder an den fremden Mann denken und bat meine Freundin und meine Tochter um Rat. Beide rieten mir davon ab, mit dem Mann in Kontakt zu treten. Ich speicherte die Telefonnummer in meinem Handy und wusste nicht, warum ich das tat, denn das war überhaupt nicht meine Art.
Anfang Juli fuhr ich für ein paar Tage mit meiner Tochter Marie und meinem Enkel Marco ins Burgenland, nach Podersdorf am Neusiedler See. Wir fuhren mit dem Schiff nach Rust, in die Stadt der Störche und des edlen Weines. Wir gingen ins Dorfmuseum in Mönchhof, wo man einen guten Einblick bekommt, wie die Bauern und Handwerker in der Zeit von 1890 bis ca. Ende 1960 in der heute als Seewinkel bezeichneten Region arbeiteten und lebten. Die Sonne meinte es gut mit uns, wir konnten jeden Tag im See, der eine Wassertemperatur von 23 °C hatte, schwimmen. Der Neusiedler See besitzt eine ganz besondere Fauna und Flora und liegt sowohl auf österreichischem als auch auf ungarischem Staatsgebiet. Als wir auf dem Rückweg in Eisenstadt Richtung Autobahn fuhren, musste ich auf einmal weinen. Ich hatte große Sehnsucht nach dem Mann aus dem Burgenland und mein Herz war in dem Moment stärker als mein Verstand. Marie war ganz erschrocken, als sie sah, dass ich weinte. Ich sagte ihr nur, dass es mir schwerfällt, das Burgenland zu verlassen. Zu Hause angekommen wurde ich krank und bekam eine Mittelohrentzündung sowie eine Seitenstrangangina.
Ende August war am Traunsee ein Sommerfest und die Musik spielte so laut, dass ich sie bis in mein Schlafzimmer hören konnte. Bei dem Lied „Atemlos“ musste ich auf einmal an den Mann denken und bekam große Sehnsucht nach ihm. Zwei Tage später konnte ich meine Gefühle nicht mehr unterdrücken und rief an einem Sonntagvormittag, nachdem ich bei gefühlten 50 °C mit dem Fahrrad den Berg hinauffuhr um mich abzulenken, bei ihm an. Ich kannte nicht einmal seinen Namen und war sehr aufgeregt. Ich ließ es dreimal klingeln und dann legte ich auf. Sichtlich erleichtert, dass er nicht ans Telefon gegangen ist, fuhr ich weiter. Dann klingelte mein Telefon und ich erkannte sofort seine Nummer. Seine Stimme klang wie die von einem alten Mann. Ich erschrak, die hätte ich niemals wiedererkannt. Ich hörte mich sagen: „Entschuldigung, ich habe mich verwählt.“ Aber er erkannte meinen sächsischen Dialekt und fragte, ob ich im Burgenland wäre. Nein, das war ich nicht. Ich ärgerte mich schon, dass ich ihn angerufen hatte. Eigentlich wollte ich nur einmal so Hallo sagen und das verstand er irgendwie nicht. Ich beendete das Gespräch ganz schnell und fuhr an den Traunsee schwimmen. Der Fall war abgehakt. Gott sei Dank, jetzt musste ich nicht mehr darüber nachdenken. Und die Frage, was gewesen wäre, wenn ich mich gemeldet hätte, stellte sich nicht mehr.
Am Dienstag auf der Arbeit stand er auf einmal vor mir und sagte: „Da hat mich jemand angerufen?“ Ich erschrak bei seinem Anblick, er sah alt aus. In meiner Erinnerung hatte ich ein anderes Bild von ihm. „Warum habe ich diesen Mann nur angerufen, der so überhaupt nicht mein Typ ist?“ und „Hoffentlich geht er bald“, waren meine Gedanken. Außerdem hatte ich viel Arbeit und keine Zeit für private Unterhaltungen. Ich musste die Pflanzen im Freigelände gießen und er ging mir nach. Plötzlich war da wieder etwas, was mich an ihm faszinierte. Es waren seine Augen und seine Ausstrahlung und überhaupt seine ganze Art. Er sprach mit so viel Begeisterung und sagte: „Das sieht hier aus wie im Burgenland, du hast ja sogar Weinstöcke und die Trauben sind auch bald reif, die kannst du bald ernten.“ Ich musste lachen und das Eis zwischen uns war geschmolzen. Wir verabredeten uns für den Abend. Es war eine dieser warmen Sommernächte, die alles verzaubern können. Wir gingen spazieren und unterhielten uns über Gott und die Welt. Ich erzählte ihm, dass ich mit meinem Exfreund in einer WG wohne, wir beste Freunde geworden sind und ich vorhabe, in meine Heimat zurückzuziehen. Wir gingen zum Auto zurück und unterhielten uns noch eine Weile auf dem Parkplatz. Ich erzählte ihm, dass ich abends gern einmal ein Glas trockenen Rotwein trinke und dazu zwei Zigaretten rauche. „Wollen wir noch etwas trinken gehen, dann kannst du deine zwei Zigaretten rauchen?“ „Okay, aber ich setze mich niemals in ein fremdes Auto.“ Und so fuhren wir mit meinem Auto in das Seecafé nach Seewalchen. Wir tranken Rotwein und unterhielten uns recht gut, so, als ob wir uns schon lange kannten. Er fragte mich, wie ich mir eine Beziehung vorstelle. Ich war überrascht, schloss die Augen, atmete tief durch und dann hörte ich mich sagen: „Ich muss den Mann riechen können, Zärtlichkeit und Sex sind mir wichtig, man sollte gemeinsame Hobbys ausüben und sich auf gleicher Augenhöhe begegnen.“ Er schmunzelte und sagte, dass er das auch für sehr wichtig hält, und er kann es sich schon so bildhaft vorstellen. Ich bat darum, mein Getränk selbst zahlen zu können und dann verließen wir das Café. Auf der Rückfahrt spielte mein CD-Player „Atemlos“ von Helene Fischer, und so fuhren wir durch die sternenklare Nacht. Ich dachte mir: „Als Kumpel ist er bestimmt super“, aber als meinen Mann konnte ich ihn mir nicht vorstellen. Am Pendlerparkplatz angekommen, auf dem sein Wagen parkte, sagte er zu mir: „Du entscheidest jetzt, wie wir uns verabschieden.“ Ich streckte ihm meine Hand hin und hielt dies für angemessen. Er schaute mich kurz an und dann drückte er mich ganz fest. Ich war etwas verwirrt, es kam so derb und so überraschend. Dann fuhr ich nach Hause und hatte keine Ahnung, dass ich diesen Mann einmal von ganzem Herzen lieben würde.
Die Tage vergingen und plötzlich konnte ich nicht mehr aufhören, an ihn zu denken. Ich konnte einfach nichts mehr essen und nahm zwei Kilogramm ab. Nachts lag ich stundenlang wach. Ich kam mir vor, als würde mich jemand manipulieren, und fragte meine Freundin Kerstin, die gleichzeitig meine APM -Therapeutin ist, um Rat. Sie sagte: „Du bist verliebt!“ „Aber er ist doch überhaupt nicht mein Typ, was ist nur mit mir los?“ Dann schrieb ich ihm eine SMS: „Wir könnten ja einmal zusammen schwimmen gehen?“ Er antwortete: „Oder Wandern?“ Es war Freitag und ich goss die Blumen, die am Eingang des Baumarkts standen, als plötzlich ein schwarzer Audi mit dem Kennzeichen „OP“ für Oberpullendorf über den Parkplatz fuhr. Mein Herz pochte wie verrückt, als ich ihn sah. Ich lief einfach in den Markt und mein Kollege lenkte mich mit einem Gespräch ab. In meiner Pause rief ich ihn dann an und wir verabredeten uns für Sonntag.
Am Sonntag gingen wir auf den Loser wandern. Es war ein schöner, warmer Sommertag. Wir machten an einer Hütte eine Pause und genossen die Aussicht. Dann ging es weiter bis zu einem klaren Bergsee, an dem wir innehielten und uns auf eine Bank setzten. Wir aßen voller Genuss eine Topfenkolatsche, die Alex beim Bäcker in Ebensee gekauft hatte. Wir liefen gestärkt den Berg hinauf. Unterwegs traf ich eine Bekannte mit ihrem Mann, wir unterhielten uns kurz und dann ging es weiter bergauf. Wir kamen an einen Felsen mit einem Fenster und einer fantastischen Aussicht ins Tal. Alex sprach ein Liebespaar an, ob er ein Foto von ihnen machen soll. Ich saß da und dachte mir, wie schön es jetzt wäre, ein Foto zu knipsen. Ich machte keins. Später sagte er lachend zu mir: „Stimmt’s, du hättest am liebsten ein Foto gemacht?“ „Aber das holen wir nach, wir kommen noch einmal hierher und dann machst du dein Foto.“
Wir gingen weiter bergauf und setzten uns dicht nebeneinander auf einen großen Stein. Es war, als würde die Zeit stillstehen. Wir saßen einfach nur da und es war auf einmal ganz ruhig. Ich hörte seinen Atem und genoss es, ihn riechen zu können. Dann sagte er plötzlich zu mir: „Ist jetzt nicht der Augenblick, wo man sich küssen sollte?“ Ich hörte mich sagen: „Ich habe schon lange keinen Mann mehr geküsst.“ Dann drehte er sich zu mir, wir sahen uns an und küssten uns. Wir konnten einfach nicht mehr aufhören, uns zu küssen, und die Zeit schien stillzustehen. Unsere Herzen hatten sich gefunden und unsere Seelen waren vereint. Wir saßen und genossen, und die Küsse wurden immer tiefer und waren voller Begierde. Wir waren wie im Rausch. Es kamen Wanderer an uns vorbei und starrten uns an, da ließen wir kurz voneinander ab. Ich hätte stundenlang mit ihm dort sitzen können, so wunderbar fühlte ich mich in seiner Nähe. Später stiegen wir dann bis zum Gipfelkreuz hinauf und ließen uns im Gras von der Sonne verwöhnen. Wir fühlten uns so angekommen und leicht. Wir lagen im Gras und streichelten und küssten uns. Bergsteiger, die genau an unserer Liebesstelle den Berg hinaufgestiegen sind, sahen uns merkwürdig an, aber das war mir völlig egal. Ich sagte zu Alex: „Das ist mir wurscht, die sehe ich nie wieder.“ Diesen wunderbaren Augenblick wollte ich nur genießen.
Es kamen dunkle Wolken und wir mussten uns an den Abstieg machen. Wir rannten den Berg hinunter und küssten uns zwischendurch immer wieder. Wir konnten einfach nicht voneinander lassen. Als wir an der Hütte angekommen waren, fing es an zu gießen. Wir saßen einander gegenüber und unsere Blicke sagten uns, dass wir uns ineinander verliebt hatten. Ich hatte das Gefühl, dass er mir in meine Seele sah und ich in seine. Alex aß Rindfleischsuppe und ich Frankfurter Würstchen. Als es aufhörte zu regnen und die Sonne wieder schien, gingen wir weiter. Er erzählte mir, dass er in einem Jahr auf Weltreise geht und ich ja mitkommen könnte. Oder er lässt die Reise, weil er sie ja geplant hatte, bevor wir uns kennengelernt haben. Ich sagte zu ihm: „Du fährst!“ Zu mir sagte ich dann ganz leise: „Das wird mir das Herz brechen.“ Wenn ich doch nur damals schon in der Situation die Notbremse gezogen hätte, dann wäre mir vieles erspart geblieben. Aber nein, ich wollte einfach nur den Augenblick genießen und nicht an die Zukunft denken. Wir unterhielten uns über alles, so als würden wir uns schon ewig kennen. Am Auto angekommen tranken wir aus der Flasche viel zu warmen Rotwein. Er zog seine Badehose und ich meinen Bikini an; dass er mich dabei nackig sah, störte mich nicht. Ich sah seine Blicke auf meinen Körper und genoss es, wie er mich musterte. Wir fuhren an den See und gingen schwimmen. Als wir aus dem Wasser kamen, sprach uns ein Anwohner darauf an, dass es gefährlich sei, dort ins Wasser zu gehen, weil dort viele kaputte Glasflaschen im Wasser liegen. Er belehrte uns, als wären wir zwei Jugendliche. Wir mussten lachen, es war ja nichts passiert. Wir fuhren Richtung Ebensee, wo ich mein Auto geparkt hatte. Er hielt am Straßenrand an und fragte mich: „Und was wird nun?“ Ich sagte zu ihm, dass ich müde bin und alles erst einmal verarbeiten muss. Ihm ging es genauso wie mir. Er brachte mich zu meinem Auto, aber ich konnte nicht aussteigen. Mir fiel auf, dass er die gleichen Hände wie mein Opa hatte. Wir blieben noch lange in seinem Auto sitzen und es fiel mir so schwer, auszusteigen. Am liebsten hätte ich die ganze Nacht dort gesessen.
Die Bahnschranke war unten, wir standen mit unseren Autos hintereinander und mussten warten. Ich fuhr dann voller Liebe nach Hause. War mir das wirklich passiert oder war es nur ein Traum?
Es war kein Traum, am Dienstag trafen wir uns am Pendlerparkplatz wieder und fuhren nach Linz zu seinem Wochenendgrundstück. Wir saßen auf der Terrasse, tranken Rotwein und unterhielten uns, bis es dunkel war. Dann gingen wir hinein und küssten uns bei Kerzenschein. Wir wollten uns ganz nah spüren und zogen uns aus. Dann fragte er mich, ob er die Kerze ausmachen soll. Ich sagte: „Nein, ich möchte, dass wir uns sehen.“ Wir liebten uns von ganzem Herzen und unsere Körper verschmolzen ineinander. Noch nie in meinem Leben hatte ich so viel Zärtlichkeit und Verlangen gespürt. Ich hörte auf mein Herz und ließ mich fallen. Am Freitagabend trafen wir uns in Altmünster und saßen stundenlang am Traunsee. Ich hatte für jeden von uns eine kleine Flasche Wein in der Tankstelle gekauft. Den tranken wir, während wir uns bis spät in die Nacht unterhielten. Das Wochenende lagen wir von früh bis Mitternacht nackt an der Aichach (kleiner Fluss). Es waren so warme Sommernächte wie schon viele Jahre nicht mehr. Am Dienstag gingen wir in Linz chinesisch abendessen und ich bekam mein Glückskeks mit dem Spruch: „Der Einsatz, der all deine Kräfte forderte, zahlt sich aus.“ Ich wusste, dass es schwierig werden würde, eine Fernbeziehung zu führen, aber wieso muss immer ich alle Kräfte lassen? Warum kann es bei mir nicht einmal leicht sein? Zumindest stand auch dabei, dass es sich lohnt. Wir hatten einen emotionalen Abend, denn er fuhr nach Oberpullendorf zurück und wir mussten Abschied voneinander nehmen.
Die Woche drauf hatte ich Urlaub und wollte zur Hochzeit meines Bruders Thomas nach Leipzig fahren. Ich sagte Alex, dass ich am Sonntag für ein paar Tage ins Burgenland komme und dann nach Leipzig weiterfahre. Er hat sich so darüber gefreut. Ich glaube, er hat tagelang alles für mich vorbereitet, neue Bettwäsche gekauft, geputzt und gekocht. Als ich auf der Autobahn am Voralpenkreuz Richtung Wien fuhr, rief ich bei meinen Eltern und bei meiner Tochter Marie an, um ihnen meine Reisepläne nach Oberpullendorf mitzuteilen. Auch Max, meinen Exfreund, rief ich an, dabei bin ich beim Fahren so unkonzentriert gewesen, dass ich in Wien falsch abgefahren bin. Dann rief mich Alex an und half mir auf den richtigen Weg. Ich freute mich so auf ihn und war neugierig darauf, vor Ort zu sehen, wie und wo er lebt. Am Bahnhof in Oberpullendorf sahen wir uns dann endlich wieder und es war, als hätten wir uns schon immer gekannt. Wir waren einander so vertraut, und dabei kannten wir uns ja gerade einmal zwei Wochen. Er hat mir einen Parkplatz vor seinem Haus freigehalten, sodass ich mir darum keine Sorgen machen musste. Dann stand ich in seiner Wohnung und er strahlte mich an. Seine Wohnung war auf einmal total unwichtig. Ich war angekommen und nur das zählte. Die vielen Engelsfiguren, die auf den Regalen standen, wirkten auf mich etwas übertrieben und er sagte mir, dass er sie bei einer Geschäftsauflösung günstig erworben hat. Die Wohnung war blitzsauber und es roch aus der Küche einfach lecker. Er hatte bunte, langstielige Rosen für mich gekauft, es war wie im Märchen. Ich erzählte ihm, dass ich mit meinem Vati immer einen Schnaps trinke, wenn ich in Deutschland ankomme. Und dann tranken wir auf seinem Balkon unseren Empfangsschnaps und unterhielten uns über unsere Kinder. Wir konnten über alles reden, das war sensationell. Später aßen wir seine selbst gekochten Rouladen, die so gut waren, dass ich echt baff war. Am späten Nachmittag gingen wir dann Hand in Hand in Oberpullendorf spazieren und es tat so gut, ihn an meiner Seite zu haben. Endlich konnten wir jedem zeigen, dass wir zusammengehören und uns lieben. Ich wusste nicht, wie lange ich bleiben würde, aber ich wusste, dass wir jede Minute genießen würden und dass wir zusammengehören. Wir verbrachten wunderschöne Tage und Nächte voller Liebe und Zärtlichkeit miteinander. Wir fuhren zum Bummeln nach Wien. Diese Stadt ist eine der schönsten Europas und ich habe mich dort schon immer sehr wohl gefühlt. Wir gingen zu Brigitte, weil ich mir eine Haarspange kaufen wollte. Da fragte er mich plötzlich, welche Kette mir gefällt. Ich sagte: „Die mit dem Schmetterling“, und dachte mir: „Das hätte ich vielleicht nicht sagen sollen, nicht, dass er jetzt denkt, er müsse sie mir kaufen.“ Aber er tat es und mir kamen die Tränen, denn noch nie hatte ein Mann für mich einfach so ein Schmuckstück gekauft. Am Abend nahm ich zum ersten Mal meine Goldkette mit meinem Sternzeichen ab und Alex legte mir die silberne Kette mit dem Schmetterling um meinen Hals. Er musste wieder in die Schule und ich fuhr nach Eisenstadt, setzte mich auf eine Bank und rief Monika (meine Stiefmutti) an. Ich fragte sie, ob ich Alex nach Bad Lausick mitbringen könne und erzählte ihr, wie sehr ich mich in ihn verliebt habe. Sie sagte sofort ja und ich war überglücklich.
Dann fuhren wir am Freitag, dem 11. September, um 14:00 Uhr los und kamen in Wien in einen furchtbaren, langen Stau. Kurz nach der Grenze, in Tschechien, aßen wir bei McDonald’s einen Burger und dann ging es stundenlang weiter. Es wurde dunkel und vor uns lag eine hell beleuchtete Stadt, hinter der sieben Berge lagen. Ich sagte zu Alex: „Das ist Prag!“ Es ist eine wunderschöne Stadt und am liebsten hätte ich die Nacht dort verbracht. Aber wir fuhren weiter, und das ohne Navigationssystem und im Dunkeln, eine Strecke, die ich noch nie zuvor gefahren bin. Es kam Dresden, endlich waren wir in Deutschland. Mir fiel eine Riesenlast von meinen Schultern. Alex war auf einmal irgendwie genervt und sagte ständig zu mir, ich würde alles negativ sehen. Ich dachte mir, der spinnt ja total, und hatte echt keine Lust auf einen Streit. Wir waren schließlich noch nicht am Ziel und ich musste mich in der Dunkelheit echt konzentrieren. Bei der Abfahrt Grimma fuhr ich dann von der Autobahn ab und hielt bei McDonald’s an. Die Stimmung in den letzten zwei Fahrtstunden war für mich sehr anstrengend gewesen und ich war von Alex’ schlechter Laune genervt. So wollte ich nicht mit meinem neuen Freund bei meinen Eltern ankommen. Wir tranken einen Kaffee und die Stimmung wurde besser. Es kamen ein paar betrunkene Fußballfans an und brachten so viel positive Energie mit, dass ich mich schnell von der Fahrt erholte und wir weiterfahren konnten. Nach neun Stunden Fahrt kamen wir kurz vor Mitternacht bei meinen Eltern an. Monika war noch wach und hat uns herzlichst begrüßt. In unserem Zimmer stand eine Flasche Wein für uns, und die haben wir dann noch unterm Sternenhimmel getrunken. Wir hatten zwei getrennte Betten und Alex bekam das unter dem Fenster, welches viel zu kurz für ihn war. Ich glaube, er hätte gerne in meinem Bett geschlafen, aber es ging nicht, weil sein Bett für meinen Rücken zu hart war. Wir mussten lachen, weil es so komisch aussah, wie er in dem Bett lag.
Am nächsten Morgen war ich schon zeitig munter. Ich ließ Alex schlafen und ging frühstücken. Danach machte ich mich frisch und schlüpfte unter seine Decke. Ich wollte ihm Leipzig zeigen und so fuhren wir zum Völkerschlachtdenkmal, danach auf den Friedhof nach Holzhausen wo meine Großeltern liegen und dann am Nachmittag wieder zurück nach Bad Lausick zu meinen Eltern. Ich fuhr mit Monika Lebensmittel, die es in Österreich nicht gab (Bautz’ner Senf), einkaufen und Alex blieb bei meinem Vati. Eigentlich wollte ich mich vor der Feier noch etwas hinlegen, aber dafür blieb leider keine Zeit. Duschen, anziehen und ab zur Hochzeitsfeier meines Bruders. Alex trug eine gelbe Hose und das schwarze T-Shirt, das ich ihm gekauft hatte. Er sah so gut aus. Ich zog eine schwarze Hose, eine weiße Bluse und einen schwarzen Blazer an. Es war ein warmer Sommerabend. Die Feier fand im Jugendclub statt und im Garten war alles festlich geschmückt. Es waren schon viele Gäste da und so mussten wir alle begrüßen, viele Freunde aus meiner Jugendzeit und Verwandte, die ich schon viele Jahre nicht mehr gesehen hatte. Es war unglaublich schön, sie alle wiederzusehen. Die meisten hatten sich überhaupt nicht verändert, es kam mir vor, als wäre die Zeit stehen geblieben, ich fühlte mich wie mit 15.
Dann stand ich vor meinem Halbbruder Sandro und seiner Frau und seinem Kind. Da merkte ich, wie ich zu zittern anfing, denn Sandro hatte ich seit ca. 15 Jahren nicht mehr gesehen. Ich hatte mich damals mit meiner Mutti und meinem Stiefvater gestritten und danach ist unser Kontakt auch abgebrochen. Es war eine große Freude, ihn wiederzusehen und seine Frau und sein Kind kennenzulernen. Wir blieben lange an seinem Tisch sitzen, wo auch seine Großeltern saßen. Tim, mein Neffe, hielt eine schöne Rede und überreichte dem Brautpaar als Hochzeitsgeschenk eine Reise nach Prag. Dann fing die Musik an zu spielen und nachdem das Brautpaar den Hochzeitstanz getanzt hatte, spielten sie unser Lied „Atemlos“. Auf einmal hatte ich Angst mit Alex zu tanzen, ich hatte Angst, nicht den richtigen Takt zu finden und sagte ihm, dass der erste Tanz immer meinem Vati gehört. Ich ließ ihn einfach stehen und forderte meinen Vati zum Tanzen auf. Als wir uns auf der Tanzfläche austobten, stießen wir ein Paar an und da wusste ich, dass ich einen großen Fehler gemacht hatte. Die Tanzpartner waren Alex und Ines, und ich dachte die ganze Zeit: „Hoffentlich ist das Lied bald zu Ende.“ Als ich zu unserem Tisch zurückkam, stand er schon da, als wäre nichts gewesen. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass er von seiner Exfrau auch einmal beim Tanz stehen gelassen wurde und sie mit einem anderen getanzt und mit ihm abgezogen war. Er hatte sich damals betrunken und wahrscheinlich geschworen: „Das zahlst du der Frau heim.“ Der Unterschied zu der früheren Situation war, dass ich mit keinem anderen Mann, sondern mit meinem Vati getanzt habe. Wir haben nicht zu unserem Lied getanzt, das war ein blöder Fehler. Es kamen noch viele schöne Lieder und wir tanzten bis in die Nacht und waren überglücklich, die Situation nicht überbewertet zu haben.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 94
ISBN: 978-3-903155-78-7
Erscheinungsdatum: 30.01.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
EUR 16,90
EUR 10,99

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