Cover: Dancing In Between

Dancing In Between


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 228
ISBN: 978-3-7116-1325-7
Erscheinungsdatum: 08.01.2026
In den düsteren Gassen der Stadt trifft Azra bei der Suche nach einem verschwundenen Mädchen auf Ben und Ivy. Zwischen Geheimnissen und Gefühlen muss sie nicht nur das Rätsel lösen, sondern auch ihr Herz verstehen.
Kapitel 1


Es ist jetzt schon drei Wochen her, so viel ist passiert, und trotzdem denke ich noch jeden freien Moment daran. An den kurzen Augenkontakt, diese klaren blauen Augen, die mir in die Seele zu schauen schienen, und das leichte Gefühl von Wärme, das von seinen Händen ausging, als wir zwischen all den anderen Jugendlichen miteinander tanzten. Es war mein viertes Mal in diesem abgedunkelten Raum, mit dem großen, glänzenden Kronleuchter an der Decke, der kleine Lichtpunkte durch den Raum wirft, wie eine antike Discokugel. Zum vierten Mal hörte ich die klägliche, aber doch so süße Musik durch die Lautsprecher klingen und das Quietschen der Sneaker auf der polierten Tanzfläche. Wie die anderen Abende davor auch, hatte unsere Tanzlehrerin Mrs. Katinka Brown, von uns allen nur Tink genannt, da sie jeden an die Disney-Figur Tinkerbelle erinnert, die jungen Herren im Raum aufgefordert, sich eine Tanzpartnerin auszusuchen und sie zum Tanzen aufzufordern. In der Sekunde, in der sie angefangen hatte zu sprechen, rückten schon viele der Jugendlichen zusammen und suchten hastig nach jemandem, um nicht als Letzter alleine übrig zu bleiben.
Ich andererseits sah nur kurz auf, als meine beste Freundin Luna mir einen entschuldigenden Blick zuwarf und zu ihrem Freund Kyle hinüberlief, der sie wie immer mit einem kurzen Kuss auf die Lippen empfing. Die beiden waren gefühlt seit der siebten Klasse zusammen, wobei sie innerhalb ihrer fünfjährigen Beziehung bestimmt vierzehnmal für einen Tag Schluss gemacht hatten, nur um dann weinend zum jeweils anderen zurückzukriechen und um Verzeihung zu betteln. Kyle und Luna sind die Art Paar, das jeder auf eine Art bewundert, andererseits aber auch hasst, dafür, dass sie einem diese perfekte Beziehung vorspielen.
Während sich die Paare um mich herum gebildet hatten, guckte ich nur abwesend mit meinen Gedanken auf meine schmutzigen, weißen Sportschuhe, die mir nun seit ca. einem Vierteljahr zu klein waren. Nicht erwartend, dass irgendjemand freiwillig auf mich zukommen würde, wartete ich darauf, dass Tink auf mich aufmerksam wurde und jemanden der älteren Jungs, die auf den mit grünem Samt bezogenen Sesseln am Rand sitzen, dazu verdonnerte, für die Stunde mit mir zu üben. Doch statt der leicht dramatischen Stimme unserer Lehrerin hörte ich eine tiefe, doch sanfte Stimme vor mir.
»Würdest du mir die Ehre erweisen und mit mir tanzen?«
Man konnte deutlich den belustigten Hinterton aus seinen Worten heraushören. Bis mir aufgefallen war, dass der Junge vor mir mich mit seiner Frage aufforderte, hatte er mich schon an meiner mit Kugelschreiber vollgekritzelten Hand gepackt und mich durch die anderen angehenden Tänzer auf die andere Seite des Raumes gezogen. Und bevor ich nur ein einziges Wort sagen konnte, zog er mich in Tanzstellung und legte so seine warme Hand auf meinen Rücken, auf die Höhe meines Schulterblatts.
Die Musik begann zu spielen und Tink zählte die Schritte für einen langsamen Walzer an. Als ich schließlich ins Gesicht meines Tanzpartners schaute, konnte ich nicht anders, als ihn näher zu mustern, als man es als höflicher Mensch tun sollte. Sofort schoss mir durch den Kopf, was jemand wie er hier zu suchen hatte. Seine Haut war makellos, bis auf eine kleine, fast nicht sichtbare Narbe, die von seiner Oberlippe bis zu seinem linken Nasenflügel reichte. Unter seinem linken Auge befand sich ein kleines Tattoo, das mich etwas an einen verzweigten Blitz erinnerte. Außerdem befand sich daneben ein einfaches, kleines X und zwei ca. 2 cm große Dolche. Dem Anschein nach hatte er seine Haare schwarz gefärbt, doch wegen seiner kurz rasierten Haare, die fast als Buzz Cut durchgehen konnten, konnte man seine eigentliche Haarfarbe nur vermuten.
Und nur damit mich niemand falsch versteht, mir ist vollkommen egal, welchen Style Menschen haben und ob ihr Hobby nun zu ihrer Ästhetik passt oder nicht, aber alle anderen Jugendlichen, die in diesem Raum waren, sahen aus wie durchschnittliche »normale« Teenager und die einzige Auffälligkeit waren ein paar, die ihre Haare gefärbt hatten.
Erst als ich den Jungen vor mir ausgiebig gemustert hatte, fiel mir auf, dass er mir die ganze Zeit in die Augen gesehen hatte.

»Wie heißt du eigentlich?«

Nur diese einzige Frage brachte mich so aus der Fassung, dass ich den nächsten Tanzschritt vermasselte und mich beinahe in eine der marmornen Säulen hineinmanövrierte. Mit einer flüssigen Bewegung drehte mich mein Tanzpartner knapp an der Säule vorbei und half mir schnell wieder, in die Abfolge der Schritte hereinzukommen.
Eine halbe Minute tanzten wir still weiter, wobei ich das Blut spüren konnte, das mir vor Peinlichkeit in die Wangen geschossen war.

»Also …?« fragte mein Gegenüber noch einmal.

Augenblicklich wurde mir noch mal doppelt so warm und ich bemerkte, dass ich mich in seinen stahlblauen Augen für einen Moment verloren hatte.

»Azra …und du?«

Im Gegenteil zu seiner selbstbewussten Stimme hörte ich mich an wie eine Spitzmaus, die vor Aufregung zu quietschen beginnt, weil sie auf einmal einem lauernden Raubtier gegenübersteht.

»Interessanter Name, da habe ich leider nichts Besonderes zu bieten.«
»Ach ja?«
»Ja, ich heiße Ben.«
»Hast du einen Zweitnamen? Vielleicht macht dich der zu etwas Besonderem.«
»Leider nicht, meine Eltern sind eher minimalistisch veranlagt, wenn es ihre Kinder betrifft. Aber egal, jetzt, da ich dich für eine Stunde für mich alleine habe, können wir auch eine normale Unterhaltung führen, ohne meine Alten zu erwähnen.«
»An was hast du denn gedacht?«

Zu meiner Verwunderung machte es mir mittlerweile gar nichts mehr aus, mit ihm zu reden. Ben gab mir dieses Gefühl, du könntest ihm ALLES über dich erzählen, egal wie peinlich oder langweilig, aber er könnte irgendetwas Positives daraus ziehen.

»Wenn du schon so fragst, stört es dich, wenn wir die Basics überspringen? Bei allem Respekt, das unangenehme Gefrage hin und her, wie alt man ist und auf welche Schule man geht, habe ich heute schon mindestens zehnmal durchgekaut.«
»Meinetwegen, frag los, gewöhnlicher Ben.«

Die leicht freche Bemerkung entlockt seinen dünnen Lippen ein leises Lachen.

»Nun, besondere Azra, warum bist du hier? Ich meine, du kannst mit deiner Zeit anstellen, was du möchtest, aber du sahst bis gerade eben nicht sehr glücklich aus, hier zu sein.«
»Ich schätze, ich bin hier, weil meine beste Freundin mich überredet hat. Ihr Freund ist schon seit einem Jahr hier und sie haben so oft darüber gestritten, dass Luna eifersüchtig auf Kyles Tanzpartnerin ist, dass sie sich kurzerhand angemeldet hat.«
»Also bist du nur wegen ihr hier? Oder macht es dir wenigstens ein bisschen Spaß?«
»Anfangs war es nur wegen ihr, aber jetzt, wo ich ein paarmal hier war, denke ich, dass es gut war, mich überreden zu lassen.«
»Perfekt, jetzt bist du dran!«
»Mit was?«
»Willst du mich denn nichts fragen?«
»Doch klar! …Warum bist DU hier?«
»Ich würde es niemals zugeben, aber ich bin selbst auf die Idee gekommen, einen Tanzkurs zu machen, und habe dann meine Freunde dazu manipuliert, dass sie es auch wollen.«
Bei dieser Antwort zwinkert er mir einmal zu und ich spüre wieder die Hitze in meinen Wangen. Gerade als er wieder den Mund aufmachen möchte, endet das Lied und Tink zählt den nächsten Tanz an: Cha-Cha. Nachdem wir in die Reihenfolge der Schritte reingekommen sind und nicht mehr großartig darüber nachdenken müssen, wann jetzt eine Drehung kommt oder wann wir unsere Hände wechseln müssen, um uns zur Promenade zur Seite zu drehen, fängt Ben wieder an zu fragen. »Was ist eine Sache, ohne die du nicht leben könntest?«
»… schwierig …Wahrscheinlich Musik.«
»Musik? Warum?«
»Ich liebe Musik einfach! Meiner Meinung nach ist Musik die beste Art der Kunst und vor allem die emotionalste. Zwar sind nicht alle Songs so geschrieben, dass du gleich etwas fühlst, aber sie helfen einem, seine Gefühle zu verstärken und zum Ausdruck zu bringen, und der Musikgeschmack sagt so viel über eine Person aus!«
»Wenn man es so betrachtet, gebe ich dir sicherlich recht damit. Was ist dein Lieblingslied?«
»Hey, das ist deine zweite Frage!«
»Na gut, stell deine zuerst!«
»Was ist dein Lieblingssong?«
»Könnte das jetzt so enden, dass du mich für immer ignorierst, wenn ich etwas Falsches sage?«
»Das kommt drauf an, was du sagst.«
»Ich bin einfach mal mutig. Mein Lieblingssong und damit der beste Song ALLER Zeiten ist »How You Remind Me.«
»Der von Nickelback?«
»Genau der. Hab ich es schon vergeigt?«
»Hmm, …nein. Ist ein gutes Lied!«
»Dann bist du jetzt fällig! Was sagst du?!«
»Slow it Down« von Benson Boone!«
»Shit, den kenne ich nicht! Spätestens jetzt bin ich bei dir unten durch, oder? …Wenn ich dir verspreche, mir den Song bis zum nächsten Mal anzuhören und dir haargenau berichte, warum ich ihn genauso sehr liebe wie du, hab ich dann noch eine Chance, dich näher kennenzulernen?«
»Wenn du es versprichst.«
»Pinky Promise, dass ich es mache.«
So ging es immer weiter, bis zum Ende der Tanzstunde.
Nachdem wir die letzten Schritte beendet hatten, lösten wir uns voneinander. Ben jedoch führte meine linke Hand zu seinem Mund und gab mir einen kurzen Kuss auf die Handoberfläche, zwinkerte mir noch einmal zu und verschwand ohne ein Wort durch die laut durcheinanderredenden Jugendlichen. Perplex blieb ich auf der Stelle stehen und blickte ihm nach, bis er durch die Tür aus dem Raum verschwunden war und damit auch aus meiner Sichtweite.
Wie lange ich noch so dumm auf die Stelle gestarrt habe, wo er verschwunden war, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass mich kurz darauf Luna von hinten angesprungen hat, wie sie es immer tut, um mich zu nerven. Gerade so konnte ich sie noch auffangen, sodass sie Huckepack auf meinem Rücken saß. Sie macht das ständig und begründet es damit, dass sie das machen darf, wenn ich mich über ihre Größe lustig mache. Sie ist nicht mal so klein, dass es auffallen würde, wenn man sie alleine sehen würde. Es fällt nur auf, weil Kyle und ich etwa einen Kopf größer als sie sind. Somit gibt es noch einen Punkt, der die beiden zu so einem »perfekten« Paar wie aus diesen amerikanischen Highschool-Filmen macht. Sogar optisch passen die beiden perfekt zusammen. Luna hat blondgefärbte, helle Haare und eine helle Haut, mit vereinzelten Sommersprossen und einem perfekt symmetrischen Gesicht. Ihre Augen sind hellbraun mit kleinen blauen Stellen um die Iris herum und ihre Lippen sind von Natur aus blutrot. Kyle hingegen hat einen dunkleren Hautton und schwarze, gelockte Haare, die an den Seiten kürzer rasiert sind. Links am Kopf hat er ein L für Luna hineinrasieren lassen. Sein Gesicht erinnert etwas an Michael B. Jordan, was definitiv einer der Faktoren ist, warum ihn so viele Mädchen anhimmeln. Jedenfalls sind sie beide ziemlich beliebt und haben so viele Freunde, dass man meinen könnte, sie kennen die ganze Welt. Kyle die eine Hälfte und Luna die andere.
Durch den riesigen Freundeskreis der beiden habe ich auch mehr Freunde, als bevor ich Luna kennengelernt habe, als ich in ihre Schule gewechselt bin. Die meisten von ihnen würde ich allerdings eher als Bekannte bezeichnen.
Wie jeden Montag gingen wir zu sechst noch zu unserem Lieblingsrestaurant. Mit uns kommen immer noch Kyles zwei beste Freunde und Lunas kleine Schwester Emma. Der restliche Abend verlief ziemlich ereignislos, bis auf Luna, die mich durchgehend mit Fragen zu Ben durchlöcherte.
Bevor ich an dem Abend jedoch ins Bett ging, fand ich einen Zettel in der Tasche meiner Lieblingsjeansjacke, die ich fast jeden Tag trage. Darauf stand nur eine Handynummer und zwei Wörter: Bis bald. Daneben war ein kleiner Smiley gemalt.
Vor Aufregung hätte ich fast den Zettel fallen lassen. War das echt? Hatte Ben seine Nummer in meine Jacke gesteckt, ohne dass ich es mitbekommen hatte? Aber andererseits, wer hätte denn sonst eine Chance dazu gehabt?
Noch im selben Moment rief ich Luna an und erzählte ihr von dem Zettel. Sie riet mir, eine Nacht darüber zu schlafen und darauf zu warten, dass sie zu mir kommt, damit wir zusammen überlegen können, was ich zu ihm sagen könnte. Denn ihrer Meinung nach hat sie erstens mehr Erfahrung und zweitens meint sie, es wird höchste Zeit, dass ich nicht mehr nur neben ihr und Kyle sitze und darauf warte, dass mein Prinz Charming um die nächstbeste Ecke kommt.
Und so wartete ich geduldig den nächsten Tag ab und schlief mit einem Gedanken an den vorübergegangenen Tag ein.




Kapitel 2


Schon um 8:30 Uhr morgens stand Luna vor meiner Haustür und traf sogar noch auf meine Mutter, die zur Tagschicht ins Krankenhaus losfuhr. Sie arbeitete dort jetzt schon seit drei Jahren, also so lange, wie wir in dieser Stadt wohnten. Dass Luna mal so früh da war, war ungewöhnlich für sie. Normalerweise, wenn wir Ferien haben, schlief sie mindestens bis um 10 Uhr und war dann erst ab 11 Uhr zu sprechen, nachdem sie ihren Kaffee und ihre Morgendusche hatte. An besagtem Dienstag kam sie jedoch hellwach und mit einem großen Kaffee-to-go in mein Zimmer im Dachgeschoss und zog herzlos meine Vorhänge auf. Wegen der unerwarteten Helligkeit versteckte ich mich erst mal unter der Decke, bis ich bereit war, mich an das Licht zu gewöhnen.

»Aufstehen! Wir wollen doch einen Plan schmieden, deinen Loverboy für dich zu gewinnen!«

Luna zu widersprechen, vor allem so früh morgens, ist keine gute Idee, weshalb ich mich halbherzig aufsetzte und zu ihr hinüber zu meiner Sitzecke lief, wo sie es sich auf meinem schwarzen Sitzsack gemütlich gemacht hatte, der direkt neben meinem Plattenspieler liegt.

»Mach mal Platz.«

Mein leicht befehlerischer Ton ließ sie eine Augenbraue hochziehen. Ich weiß gar nicht, wie oft ich es versucht habe, sie so nachzumachen, aber nie hat es geklappt. Diese wundervolle Begabung bleibt also Luna überlassen. Nach dem kurzen, spaßigen Bitch-Blick in meine Richtung rutscht sie zur Seite und ich lasse mich neben sie fallen.

»Also, was hattest du vor, mit ihm zu bereden?«
»Ich wollte ihn auf jeden Fall fragen, ob er meinen Lieblingssong angehört hat.«
»Warum das denn?«
»Weil ich ihm erzählt habe, wie wichtig mir Musik ist, und er mir versprochen hat, meinen Lieblingssong zu hören und mir zu sagen, wie er ihn findet.«
»Okay, das wäre ja wenigstens schon mal ein Anfang. Möchtest du ihn denn zum Beispiel fragen, ob er sich mal treffen möchte, oder bist du noch nicht so weit?«
»Ich würde mich schon gerne mit ihm treffen, aber ich möchte nicht, dass er sich dann gezwungen fühlt, ja zu sagen.«
»So wie du ihn mir beschrieben hast, würde er nein sagen, wenn er das wollte. Aber er ist derjenige, der seine Nummer weitergegeben hat, also warum sollte er jetzt plötzlich kein Interesse mehr haben?«
»Können wir das aufschreiben? Alle Themen, die ich ansprechen könnte, falls so eine peinliche Stille herrscht?«
»Klar, hier, ich schreibe es auf meinem Handy auf und du kannst meins vor dich halten, wenn ihr redet.«

Schnell öffnete Luna ihre Notiz-App und schrieb schon mal die ersten Punkte auf. Nach einer halben Stunde, die auch noch mit Gossip, den Luna seit gestern Abend mitbekommen hat, gefüllt war, waren wir mit allen Punkten fertig.
1 Lieblingssong
2. Treffen (außerhalb Tanzkurs)
3. Zusammen zum Abschlussball?
4. Wann beim Tanzkurs da?

Als die Liste so fertig war, gingen wir noch gemütlich in die Küche und aßen das Frühstück, das meine Mum schon für uns vorbereitet hatte. Dann schauten wir noch ein paar Folgen von Lunas Lieblingsserie, da ihre Eltern ihr gerade den Zugang zu ihrem Netflix-Familienkonto gesperrt hatten, bis meine beste Freundin meinte, es sei eine gute Zeit, anzurufen. Schließlich wussten wir nicht, wie lang Ben schlafen würde.
Die Uhr auf meinem Display zeigte 11:57 Uhr an, während ich mit leicht zitternden Fingern auf den Kontakt von Ben tippte, den ich gestern erstellt hatte. Zweimal gab das Handy einen Laut von sich, bis jemand abnahm.

»Hallo?«

Mein Herz setzte auf einmal aus. Die Stimme, die am anderen Ende der Leitung war, gehörte offensichtlich nicht zu Ben. Sie war weiblich und deutlich heller als Bens. Wenn ich hätte schätzen müssen, würde ich auf unser Alter oder etwas älter tippen.

»Hallo?!« ertönte es nochmal aus meinem Handy.
»… Entschuldigung, ich glaube, ich habe die falsche Nummer!«

Meine Stimme ist undeutlich und man hört meine Verzweiflung etwas heraus.

»Das kommt wohl darauf an, wen du erreichen wolltest.«
»Ich … ich habe die Nummer gestern von jemandem bekommen, und er meinte, ich soll anrufen.«
»Oh, das tut mir leid. Dann kann ich wohl nicht weiterhelfen. Außer du sagst mir den Namen dieses Jemands, vielleicht kenne ich ihn ja.«
»Mhm, ich schätze, das bringt nichts, ich kenne den Nachnamen nicht.«
»Schade, na dann viel Glück noch bei der Suche.«

Ohne eine Verabschiedung legte ich auf und warf mich Luna in die Arme. Wie konnte ich nur so dumm sein und denken, dass jemand wie Ben wirklich Interesse an mir haben könnte. Ich hatte mir mal wieder viel zu viele Hoffnungen gemacht und zu viel in ein einfaches, nettes Gespräch interpretiert. Aber es hatte sich nach so viel mehr angefühlt, nach etwas zum Greifen Echten. Etwas, wie in den ganzen klischeehaften Filmen, die Luna und ich zusammen schauten, beschrieben wird. Die Wärme, die Schmetterlinge im Bauch und diese Vertrautheit, die schon nach ein paar gewechselten Worten zu spüren war.
...

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