Cover: Da drin und somit auch da draußen

Da drin und somit auch da draußen


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 100
ISBN: 978-3-99146-867-7
Erscheinungsdatum: 28.05.2024
„Vielleicht solltest du Spinnerin ein Buch darüber schreiben.“ Um einer depressiven Phase und schlaflosen Nächten zu entkommen, vollbringt sie es. Als Schuna begibt sie sich auf eine Reise, die sie Realität, Traum und Wahrnehmung in Frage stellen lässt.
– 1 –

„Das passiert nur im Kopf.“ Mein Entsetzen über diese Aussage musste mir in dem Moment, als ich der Psychotherapeutin mir gegenüber in die Augen blicke, förmlich aus dem Gesicht springen. Bis eben waren wir beide in meine Schilderungen vertieft. Sie hörte zu, machte Notizen, schaute kurz auf und gab kleinere Bemerkungen bei. Und ich erzählte, während mein Blickfeld hinter ihr auf die leere weiße Wand gerichtet blieb, auf der sich wie auf einer Kinoleinwand Episoden eines Wach- und Traumgemisch-Erlebens letzter Jahre als Erinnerungen abspielten, beschränkt auf das, was ich einer Fremden gegenüber preisgeben konnte. Alles nur, um eine Erklärung zu finden, eine Erklärung dafür, wie ich es bis hierher auf diesen Stuhl schaffen konnte. „Ja, das spielt sich alles im Gehirn ab“, wiederholte sie ihre Aussage nun noch etwas präziser, nur für den Fall, dass ich nicht verstand, was sie damit meinte. Ihre Stimme nahm dabei den wissenden, zweifelsfreien Ton einer Erziehungsberechtigten an, mit dem man kindlichen Ängsten begegnet oder eben meinem dargestellten Dilemma, welches, als ein Hirngespinst entlarvt, durch nichts anderes als Einbildungen entstand.
Oder war jetzt vielleicht ein Punkt erreicht, an dem die klaren Abgrenzungen der einzig wahren Realität ihrer Überzeugung von mir überschritten wurden? Aber das war es nicht, was mich entsetzte. Vielmehr fand ich den Gedanken an sich fürchterlich, dass alles, was sich „abspielt“, seinen Platz im Gehirn haben soll. Und wie hart muss es sein, mit solch einer Erkenntnis leben zu müssen? Vor allem, wenn man bedenkt, dass das Wahrnehmungs- und Denkorgan eine begrenzte Lebensdauer hat. Und warum sollen die Gespinste, die das menschliche Gehirn hervorbringt, in dessen Hüllen als unwahr eingeschlossen bleiben? Und warum soll zu der Arbeitsweise dieses wundersamen, komplexen Hirns, zu vielerlei imstande, nicht auch gehören, Vorgänge außerhalb der unseren, als einzige Wahrheit angenommenen Realität zu empfangen?
Jedenfalls hätte mir diese Aussage, mit der das Unerklärliche in eine Ursache gepfropft wurde, um es erklärbar zu machen, mit einem Schlag Sicherheit zurückbringen können, wenn meine störrische Denkweise in diesem Punkt nicht so verdammt großzügig wäre und anderen Welten durchaus einen Platz über, unter, neben, inmitten der unseren zugestehen würde. Es hätte mir helfen können, alles auf ein Organ zu schieben. Mein Gehirn, der Gaukler und Entführer mit seinen mysteriösen Windungen! Doch diese Sichtweise fühlte sich weder rational noch vernünftig an. Vielmehr, als würde man sich selbst etwas vormachen, als würde man die Hände vor die Augen halten, um unsichtbar zu sein.
Also, was glaubte meine Therapeutin, was passieren würde, wenn der alternde Kopf mit dem Gehirn darin stirbt? Käme dann das große wissenschaftliche Nichts, aus dem wir geboren wurden? Mich fröstelte ihre Antwort, bevor ich sie überhaupt zu hören bekam. Aber eigentlich wollte ich an solchen Fäden nicht mehr weiterspinnen. Natürlich könnte ein philosophischer Austausch durchaus unterhaltsam und spannend werden, doch in meinem derzeitigen Zustand tat es mir einfach nicht gut.
Ich bin nicht hier, um Anstöße zu Glaubensdiskussionen zu geben. Deshalb erwidere ich nichts, bleibe stumm, und doch formuliert mein unbeugsames widerspenstiges Gehirn noch einen Gedanken: Was haben wir beide, meine Psychotherapeutin und ich, doch für ein großes Glück, dass sich, entgegen und unabhängig der Denkweisen oder Wissensannahmen, auch Unerwartetes erfüllen kann.
Ganz offensichtlich haben wir sehr unterschiedliche Betrachtungs- oder ihrerseits auch Erklärungsweisen. Wobei ich mich, für meinen Teil, hier herausnehmen muss. Ich kann nichts erklären. Allerdings ist mir der letzte Gedankensprung es wert, einer Sache in dieser Angelegenheit noch Ausdruck zu verleihen: „Ich akzeptiere andere Glaubens- und Denkweisen.“ So viel erlaube ich mir zur Kopfsache laut auszusprechen. Und leise hoffe ich, dass vielen Menschen auf dieser Welt recht bald gelingen möge, was meiner Therapeutin und mir im nächsten stillen Moment glückte. In unserer beider Toleranz finden wir einen gemeinsamen Nenner. Sie belässt es bei dieser einen Aussage, beharrt nicht auf Argumenten und bringt auch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse hervor, und ich schaue, wie es hinter ihr an der Wand weitergeht. Tauchen dort „surreale“ Erlebnisse auf, in die ich durch meine Einfalt verstrickt wurde, lasse ich sie weiterziehen und beschränke mich auf einen Grenzbericht.
Somit verhalten wir uns beide so, wie die Antwort auf die Frage, warum wir uns hier gegenübersitzen, es erfordert. Sie bleibt ihrem heilungsversprechendem, therapeutischem Konzept, welches hauptsächlich aus seitenweise umfangreichen Notizen besteht, weiterhin treu und ich betrachte diese Sitzungen als notwendiges Selbstgespräch auf der Suche nach dem Weg aus meinem derzeit andauernden, innerlichen Albtraum.
Um auf dem Boden unserer Realität verhaftet zu bleiben, wird man mit psychischen Beschwerden zu einem Therapeuten geschickt. Zwar kommt man nicht um dieses zusätzlich beklemmende Gefühl herum, welches in diesem Raum entsteht, der geschaffen wurde, um tiefe Seelenwunden freizulegen. Aber das gehört nun mal zu der medizinischen Maschinerie, die es bei einer „mittelschweren Depressionsepisode“ zu durchlaufen gilt. Eine Diagnose, die mir vor einigen Wochen nach einem kurzen Gespräch mit einer Psychologin attestiert wurde.
„Mittelschwer“ vermutlich, weil ich eine gepflegte äußere Erscheinung bot, so stand es zumindest in ihrem Bericht, der allerdings nicht für meine Augen verfasst wurde, auf den ich, während sie schrieb, dennoch einen Seitenblick erhaschen konnte. „Depression“, weil etliche Symptome darauf schließen ließen. Und „Episode“, so hoffte ich jedenfalls, weil dieser Abschnitt vorübergehen würde. Die Ärztin war sehr nett, denn sie erklärte mir, dass mein permanenter Unruhezustand, die Panikattacken und Schlaflosigkeit Anzeichen für eine Depression seien. Die letzten Wochen, die ich wie ein gehetztes Tier auf der Flucht verbrachte, mündeten, nun versehen mit einer offiziell anerkannten Diagnose, in den allgemeinen Vorgehensmustern der wissenschaftlichen Medizin und konnten zumindest dort erst einmal Behandlung finden. Anfänglich wurde für meinen Zustand eine stationäre Behandlung mittels Psychopharmaka mit anschließender Psychotherapie erwogen. Hinter dieser Prozedur, all diesen Psychowörtern, verbarg sich für mich jedoch die Horrorvorstellung, im legal beaufsichtigtem Drogenrausch, äußerlich ruhiggestellt und innerlich meiner Gegenwehr, meiner Kräfte beraubt, gebrochen, getötet und anschließend entblößt zerfleischt zu werden.
Auch wenn ich an einem Punkt angelangt war, an dem dringend etwas passieren musste, und auch wenn ich keinerlei praktische Erfahrungen mit solchen Medikamenten besaß, irgendetwas sagte mir, die Umgebung einer psychiatrischen Station, und vor allem Psychopharmaka, würden es für mich nur noch schlimmer machen. Deshalb war ich doch etwas erleichtert, als mir die Ärztin freundlicherweise die Entscheidung, an solch einer Behandlungsvariante teilzunehmen, selbst überließ. Auch ließ sie sich, wenn auch sehr skeptisch, darauf ein, dass ich es erst einmal mit sanfteren, natürlichen Mitteln versuchen wollte. So wurde ich mit einer ordentlichen Dosis Johanniskraut, so wie ich es wollte, und für den Notfall Tabletten, die dem Körper Ruhe verschaffen konnten, wie die Ärztin es wollte, für die Psychotherapie zum „lebendigen Entblößen“ frei gegeben. Von einer stationären Behandlung wurde vorerst abgesehen. Was konnte sie auch sonst nach den zehn Minuten, die wir in ihrer Praxis zur Verfügung hatten, tun? Um mich und mein Lebensumfeld kennenzulernen, war das Wartezimmer einfach zu voll. In meiner aussichtslosen Lage nahm ich ehrlich dankbar an, was diese – meine – Realität hierfür derzeit zu bieten hatte und stellte plötzlich fest, dass ich völlig allein in dieser Misere steckte. Aber ich verließ die Arztpraxis mit noch etwas anderem als hängenden Schultern. Einem Hauch, der sich kaum Erstaunen nennen darf, jedoch aus der Richtung kam: Ich konnte immer noch Entscheidungen treffen! Und immerhin wollte ich etwas: zurück zu einer gesunden Seele, raus aus diesen unerträglichen, qualvollen Zuständen. Von mir aus, nennt es Depressionen. Mir war eigentlich relativ egal, wie es benannt wurde. Ich wollte da raus! Mein Innenleben, das feine Geflecht des umfangreichen Repertoires aus hohen bis tiefen Stimmungen, die die Töne meiner Gefühlswelt erzeugen, war verschwunden. Das einzige, das ich in letzter Zeit intensiv empfinden konnte, war Panik und ein wellen- oder strahlenartiges Etwas, das mit Worten kaum zu beschreiben ist, mich jedoch in regelmäßigen Abständen mit seinem Bombardement heimsuchte. Darin wie in einer Blase gefangen, isoliert von jeglichen Arten emotionaler Windungen und Bindungen, wusste ich jedoch noch, wie stark sie einmal vorhanden waren und dass ich sie brauchte, wie eine Pflanze neben anderen Komponenten das Licht zum Leben. Es quälte mich, war mir fremd und machte mir große Angst. Ich war in etwas hineingeraten, was mich von inneren lebensnotwendigen, wesentlichen Organen abkapselte. Organe, die wie der Wind unsichtbar durch uns hindurchwehen und dennoch ihre realistische Anerkennung in dieser Welt genießen. Gefühle. Nie hatte ich die Absicht, so taub zu werden, was mich jedoch von der Eigenverantwortung nicht befreien dürfte. Doch es gab etwas, das mit mir dort in Einzelhaft festsaß, etwas, das sich entweder mit hineingeschmuggelt hatte oder sich nicht abkapseln ließ und von dem ich bisher nicht wusste, dass ich es überhaupt in dieser Intensität besaß. Ein seltsam starker Wille, für den jedes Kratzen an Mauern der Versuch wert war.
Ich wollte am Leben beteiligt bleiben. Auch wenn ich es nicht spüren konnte, wusste ich zumindest, dass ich diese Welt liebte und diese Welt mich. Und da gab es noch eine Sache, die immer ging. Das Wünschen! Ich wünschte mir einfache, winzig kleine Gefühlsregungen und in den Nächten erholsamen, gesunden Schlaf. Das wäre schon was! Das Höchste, das größte Glück jedoch, wäre wieder etwas von der Lust gezwickt zu werden. Lust aufs Leben, auf das Alltägliche, auf das Morgen und auf diese Welt im Hier und Jetzt.
„Sie sehen traurig aus.“ Ja genau. Gut, dass meine Therapeutin meinen Gedankengängen just in diesem Moment noch hinzufügt, was mich manchmal sehr lange begleitet und nun offensichtlich zeichnet. Eine tiefe, große, innere Traurigkeit. Vielleicht ein kleiner Fortschritt?
„Was denken Sie?“, fragt sie in mein versunkenes Schweigen hinein. Holt meine Aufmerksamkeit und die Sinne zurück auf diesen Stuhl. Die losgelöste Verschwommenheit des Raumes und in ihr die Konturen des Gesichts der mir gegenübersitzenden Person nehmen wieder Schärfe an. Gern verrate ich ihr meinen letzten Gedanken, der unter seiner Oberfläche des Wohnortes die Sehnsucht wie die Vielschichtigkeit einer Zwiebel besitzt: „Ich will nach Hause.“


– 2 –

Rücke den mit Moos patinierten Pflanzenkübel auf dem Treppenpodest am Hauseingang ein kleines Stück nach rechts. Sehr zufrieden betrachte ich den wilden, grünen Blätterwuchs, aus dessen Krone faustgroße, saftige dunkelrote Blüten hervorstechen. Auch wenn der Platzwechsel nur Zentimeter ausmacht, genau hier an dieser Stelle muss sie jetzt in ihrer üppigen Phase stehen, hier wirkt sie perfekt. Ein Duftwölkchen hat sich beim Verrücken gelöst und ich nehme einen tiefen Atemzug davon. „Genau so riecht Geranie.“ Ihr Duft beinhaltet all meine Melancholie – wie seltsam sich das anfühlt.
Obwohl ich diese Pflanze nie mochte – zumindest hatte ich nie das Bedürfnis, meiner Umgebung ein Exemplar dieser allgemein beliebten Jedermanns-Balkonblumen hinzuzufügen – gehörte jetzt zu mir, was da wuchs und ausströmte. Ihre tröstenden Eigenschaften waren es, die sie mir in diesem Sommer sympathisch machten. Keine Ahnung, woher plötzlich eine Geranie in mein Leben kam. Irgendwie war sie nicht der Entrümpelung des letzten Umzugs zum Opfer gefallen und irgendwie hatte sie es geschafft, in den dunklen Gefilden ihres Winterkellerquartiers, wo sie eigentlich nur des Blumentopfes wegen landete, ohne Wasser zu überleben. Als wir uns dort im Frühjahr wieder begegneten, bot sie einen jämmerlichen Anblick. Mehr aus Respekt, da sie es unter diesen barbarischen Umständen erreicht hatte, einen winzigen, saftig grünen Ansatz für Blätter zu bilden, stellte ich sie hinters Haus. Sie bekam einen schattigen, zugigen Platz und keinerlei Aufmerksamkeit mehr. Nicht, weil ich ein Blumenquäler bin, nein, im Gegenteil, aber ihr jämmerlicher Anblick war ein Fall für die Verborgenheit. Außerdem vergaß ich sie dort und somit war sie ihrem Schicksal und dem Wetter überlassen. Eines Tages im Spätsommer kreuzten sich mal wieder unsere Wege. Bewundernd stellte ich fest, dass sie sämtlichen Dürren und Nässen getrotzt, sich zu einem kräftigen dunkelgrünen Geranienbusch entwickelt hatte und all das in einem Kübel mit alter, ausgelaugter Erde, die mittlerweile kaum noch Nährstoffe enthalten dürfte. Doch nichts an ihr war mehr jämmerlich. Jetzt, so fand ich, hatte diese besondere Geranie einen sonnigeren Platz vor dem Haus verdient, wo sie betrachtet werden konnte. Sie dankte es mir, indem sie sich in ein paar Wochen zu einem Prachtexemplar emporrankte. Ihre vielen kräftigen tiefroten Blütenbälle, die sich über den dichten fleischigen Blätterwuchs verteilten, leuchteten und zogen schon aus der Ferne die Aufmerksamkeit auf sich. Sogar die etwas entfernter wohnende Nachbarin, keine Brillenträgerin, die eigentlich eher selten das Gespräch suchte, konnte nicht widerstehen, mir für meine üppige, wunderschöne „Kletterrose“ vor dem Haus ein Kompliment zu machen. Und man muss wirklich genauer hinsehen, um zu erkennen, dass es sich hierbei um ein Gewächs der Lebensfreude, nicht um die Blume der Liebe handelt. Ein robustes rotes Kerlchen hatte allen Widrigkeiten getrotzt und sich unbemerkt zu einem wuchsfreudigen Blumenriesen mit eigentümlichem Duft entwickelt. Sie ist keinesfalls eine Jedermanns-Balkonkastenreihenblume. Sie ist eine Schöpfung der Überlebenskraft.
„Tack, tack!“ Auf der Brüstung neben mir und der Überlebenskünstlerin gesellt sich eine Amsel hinzu. Aufgeregt und ohne jede Scheu zwitschert sie munter drauf los. Ganz zahm hüpft sie immer näher, wird lauter und eindringlicher. Bald so, als meine sie wirklich mich, als erwarte sie eine Antwort von mir. „Tack,tack, gix, gix … Amam, Amam!“ Na, das ist jetzt aber sehr komisch! Eine sprechende Amsel? „Aaaamaaaam!“ Ihre Stimme kommt mir irgendwie bekannt vor.
Von ihrem Klang erfasst und in eine heftig angenehm schaurige Muttergefühlswoge gespült, zieht es mein Bewusstsein langsam durch den nebulösen Zustand, in dem sich der Blumentopf, die Amsel, das nachdenkliche Selbstgespräch auf dem Treppenpodest, eben noch alles vertraut und selbstverständlich, zur Fremde formt und von mir entfernt irgendwo zurückbleibt. Eben noch für wahr genommene Situationen in vertrauter Umgebung zerfallen, werden zu Bruchstücken, an die ich mich beim Aufwachen nur schemenhaft erinnern kann. Zusammenhang und Sinn, geschweige denn Vertrautheit, bleiben zurück. War ich doch eben noch während des Träumens vollkommen im Erleben andersartiger Hintergründe verknüpft, scheint sich deren Klarheit dem Hier und Jetzt zu entziehen. Nur ein seltsames Grundstimmungsgemisch des Traumes bleibt haften und fließt mit durch den Sog in das morgendliche Erwachen.
„Amam, Amam, ich brauche heute mein Kostüm.“ Unentwegt tippt Yasmin mir mit ihrer kleinen Hand an die Schulter. Allmählich sortiert sich mein Kopf. Mir ist, als wäre ich von fernen Reisen zurückgespült. „Ach, mein Amselchen! Guten Morgen!“, komme ich langsam zu mir. Das Langsam dauert meinem Kind wie immer zu lang. „Ich brauche heute mein Kostüm!“ Ungeduldig wedelt sie mir mit dem Feenstab und den Flügeln vor der Nase herum. Bis auf das Blumenröckchen hat sie nichts an. Mit ihren kleinen nackten, dünnen Füßchen steht sie auf den kalten Dielen. Hier drinnen ist es sehr frisch. Durch die offenen Balkontüren weht ein kühler Wind ins Zimmer. Zügig steige ich aus dem Bett und schließe die Türen, wobei ein letzter Schwall frischer Morgenluft die Vorhänge hebt. Mich fröstelt es. „Ist dir nicht kalt?“, frage ich Yasmin. Meine Besorgnis überhört sie. Im Moment ist es überhaupt nicht wichtig, ob ihr kalt oder warm ist. Sie hat ein Problem und nun ist einzig dringend, dass die Amam sich damit befasst.
„Ich brauche eine gelbe Strumpfhose und einen grünen Pulli!“, lautet ihre Ansage, die von vornherein keinerlei Kompromisse akzeptiert. Nun bereue ich ein wenig, den gestrigen vorbildlichen Absichten nicht nachgegangen zu sein. Ich hatte mir vorgenommen, alles für den heutigen Tag zurechtzulegen. Doch wie so oft in letzter Zeit sind sie der abendlichen Gemütlichkeit zum Opfer gefallen. Der umfangreichen Yasmin-Zubettbring-Zeremonie folgte eine leichte Erschöpfung, die schließlich einer angenehmen Müdigkeit erlag. „Schuna, ich habe kein Hemd mehr“, stellt Enne drüben vor der Kommode stehend fest. „Gleich!“, rufe ich zurück, während ich mit Yasmin in ihr Zimmer gehe und sie nach einem kurzen Blick über die Möglichkeiten ihres Schrankinhalts zu überzeugen versuche, dass eine lindgrüne Strumpfhose und ein gelber Pulli unter ihrem Kostüm hervorragend wären. Überraschend schnell ist unser Amselchen meiner Meinung. Glück gehabt! Ein Bekleidungsproblem wäre somit gelöst! Nun widme ich mich dem Nächsten. Der karge Inhalt der Wäschekommode meines nun von einem Bein aufs andere tretenden Weggefährten ermahnt heftig mein Haushaltspflichtgefühl. Und eigentlich ist es für mich keine Pflicht. Ich liebe den Wäschekreislauf. Ich liebe es, Wäsche zu waschen, an die Luft zu hängen, jedes einzelne Kleidungsstück sorgfältig zusammenzulegen und ordentlich in Reih und Stapel in sein Fach zu legen. Nachlässigkeiten in Sachen Wäsche kennt Enne nicht von mir, er schaut fragend und überrascht auf die leere Stelle des Fachs, wo sich ein Stapel sauberer, duftender Arbeitshemden befinden müsste. „Moment!“ Ich flitze in den Garten zur Wäscheleine, pflücke mir eines der Gott sei Dank trockenen Hemden, womit man zu dieser Jahreszeit morgens eigentlich nicht rechnen kann, und überreiche es dem geduldigsten, nachsichtigsten Menschen, den ich kenne. Er lächelt nur, wenn auch etwas spöttisch. Unversehens flackert in mir plötzlich diese ganz bestimmte, einzigartige Freude auf.
Jene Freude, die keinen Grund, keine Situation braucht, die einen plötzlich aus dem Nichts durchfährt. Eine der schönsten Überraschungen, die man aus dem Nichts geschenkt bekommen kann. Ein kurzer Moment unsagbaren Glücklichseins. Wie ein aufsteigendes Verschmelzungsgeflatter mit einem wilden, freien Schmetterling. Einer der seltenen, flüchtigen Augenblicke, in dem dieses winzig kleine Jetztsein hier unten einmal zwischen den ziehenden Wolken der himmelblauen Ewigkeit sichtbar wird und nach oben winkt.
„Willkommen, willkommen, du Kind der Natur … Öffnest weit die Flügel unserer Herzen … In deinem Licht sprudeln Farben … wächst Frische … Fließe herein, was du mit dir bringst, uns bringst … La, la, la, la. La … Hand in Hand mit deinen Geschwistern … durchwandert das Jahr. Willkommen, willkommen, la, la, la, la, la …“ Yasmin singt unterwegs eines der uralten Lieder. Für sie ist es brandneu. Gestern hat sie es das erste Mal im Kinderhaus gehört und es hat ihr so viel Spaß bereitet, dass sie es sich auf Anhieb gemerkt hat und nun zu jeder Gelegenheit trällert. Heute wollen die Kinder den Frühling begrüßen und wir sind auf dem Weg dorthin. Yasmin hüpft in ihrem Feenkostüm vor mir her und kann es kaum erwarten.
Der Frühling ist da. Endlich! Je älter ich werde, umso mehr sehne ich mich während der dunklen, kargen Jahreszeiten nach Licht, Farben und Wärme. Kinder sind wie der Frühling. So frisch und klar. Wie das satte neue Grün sprießt ihre Energie und Freude überall aus ihnen heraus. So zart und doch voller Kraft. Erwachsene dagegen sind eher wie der Herbst. Der Herbst leuchtet anders als der Frühling. Er steckt voller wehmütiger Farben, voller Sehnsucht an das Kind, das er einmal war. Gelb, rötlich und braun verfärbt die Erinnerung, die einst grün begann. Ich liebe den Frühling. Er öffnet die Fenster und lüftet ordentlich durch. Er ist frisches Streben nach Wachstum, nach Explosion in bunte Vielfalt.
Er ist die Vorfreude auf den Sommer. Er macht, dass alles leichter wird. Er ist die sorgenfreie Leichtigkeit.
„Inar! Geh weiter, lauf mir nicht immer vor den Füßen rum!“, schimpft Yasmin. Meine alte herzensgute Inar, denke ich, und bevor ich unseren Hund in meine stille Gedanken-Gefühlsduselei mit einbeziehen kann, zieht mich meine Tochter am Ärmel.
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