Brunnen ohne Grund
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 388
ISBN: 978-3-7116-0041-7
Erscheinungsdatum: 15.04.2026
Rom im Jahre 1500. Kurienprälat Nicola Pazzi sieht einer glänzenden Karriere innerhalb des Klerus entgegen. Bis eines Tages ein Gast bei ihm auftaucht, der nicht nur Geschichten, sondern auch dunkle Geheimnisse im Gepäck hat.
I
Guter Gott. Ich danke Dir für diesen neuen Tag und bitte Dich, steh mir auch heute bei. Segne meine Arbeit. Gib mir die Kraft, Aufgaben anzupacken, zu denen mir der Mut fehlt. Hilf mir, Enttäuschungen auszuhalten. Öffne meine Augen für das Notwendige, damit ich mich nicht von unwichtigen Dingen beherrschen lasse. Lass mich mit Geduld und Gelassenheit in diesen neuen Tag hineingehen.
Kurienprälat Nicola Pazzi hatte einen wirklich – wirklich! – schlechten Tag.
Allein der denkwürdige Streit mit seiner Mätresse Cecilia in aller Früh. Herrje, hatte die glutäugige Schöne geklagt und hatte dabei die lange Flut ihres rabenschwarzen Haares zurückgeworfen. Über ausdauerndes Stehvermögen sei mit einem Mann der Kirche ja schlecht diskutieren, aber zumindest ein wenig länger könne man als Frau doch erwarten!
Herr im Himmel, Cecilia scheute nie davor zurück, Dinge laut auszusprechen, welche die meisten nicht einmal zu denken wagten. Wäre diese Frau doch nur nicht so wunderschön gewesen …
Zum Frühstück war dann der Brief seines Vaters eingetroffen, des alten Conte. Wann Pazzi denn endlich gedenke, Kardinal zu werden, stand dort zu lesen. Er, der Conte, werde schließlich nicht jünger.
Worte, denen es jeglicher Wärme fehlte. Sie trieben dem jungen Mann augenblicklich die Zornesröte ins Gesicht.
Pazzi, seit Kurzem 27 Jahre alt und von Kindesbeinen an für die Kirchenlaufbahn bestimmt, wusste, es wurde Großes von ihm erwartet. Der nächste Papst sollte – nein, musste! – er werden. Darauf zielte alles ab. Nun, er tat sein Bestes. Seit rund zwei Monaten arbeitete er darum als Notarius seines Onkels, des Kurienkardinals Lorenzo di Uoma. Jedoch hatte den Onkel vor kaum einer Woche der Schlag getroffen, was die Pläne der Familie gehörig durcheinanderbrachte. Seinem Vater indes fiel nichts Besseres ein, als den jungen Nicola dafür verantwortlich zu machen.
Pazzi zerknüllte das Schreiben und warf es wutschnaubend ins Feuer des nächsten Kamins, wo es knisternd in Flammen aufging.
Von all dem Ärger war ihm nun ganz übel – ein altes Leiden, das ihn stets überkam, wenn er sich aufregte. Als hätte er lebendige Fische im Bauch, die unbedingt herauswollten und dabei den falschen Weg nahmen. Nach oben! Und so würgte der Prälat an seinem Zorn. Schließlich befahl er, sein Pferd zu satteln. Er wollte hinaus ins Hügelland. Ein wenig frische Luft, so beschloss er, würde ihm guttun, das Fieber der Jagd ihn ablenken. Nur eine Handvoll Diener und die Hundemeute nahm er mit.
Ein Übriges zu erwähnen, dass eben jene Jagd wenig erfolgreich blieb.
Zwei knochendürre Hasen und ein mageres Rebhuhn später, die einer seiner Diener an Ort und Stelle unter freiem Himmel briet, überlegte Pazzi, womit er den Rest des Tages verbringen wollte. Nichts reizte an dem Gedanken, in die kleine Landvilla zurückzukehren, die er stets fürs Stelldichein mit Cecilia nutzte. Er entschied, stattdessen würde er auf seinem Amtssitz zu Rom nach dem Rechten sehen.
Pazzi stand auf der sanften Anhöhe, auf der sie zuvor gelagert hatten. Das lange Gras ringsum bog sich im Wind. Eine sanfte Brise zerwirbelte ihm das Haar. Von Ferne sah er den wackelnden Hundeschwänzen hinterher, wie sie kleiner und kleiner wurden. Viel zu spät, seine Begleiter waren längst außer Hörweite, da fiel ihm auf, dass er seine Kithara vergessen hatte. Er hätte jemanden damit beauftragen sollen, sich um sie zu kümmern, sie einzupacken, sie ihm nachzuschicken. Nichts davon war geschehen.
Seufzend blickte der Prälat auf seine Hände, betrachtete die Schwielen seiner Fingerkuppen. Seufzte erneut. Herrje, er würde sein geliebtes Musikinstrument schmerzlich vermissen.
Schließlich bestieg der junge Mann sein Pferd und ließ das feurige Tier seine Hacken spüren, sodass es sich wild aufbäumte.
Hätte jemand dem Prälaten indes prophezeit – just in diesem Moment, da er sich tief über den Hals seines Apfelschimmels beugte und auf Rom zu galoppierte –, dass sein Tag alles in allem noch einen guten Anfang genommen hatte, er hätte es für einen schlechten Scherz gehalten. Doch genau so war es. Es fing gerade erst an!
Pazzi sehnte sich nach einem heißen Bad, danach, sich vom Schweiß und vom klebrig-grauen Straßenstaub zu befreien, was bitter nötig war. Hernach eine Rasur, was nicht minder notwendig erschien. Doch es kam nicht mehr dazu. Kaum war er nämlich aus den Kleidern gestiegen, eilte auch schon einer der Dienstboten seines Onkels herbei. Es sei eine Abteilung Berittener eingetroffen, berichtete der. Ihr Anführer wünsche den Prälaten zu sprechen.
»Er wünscht mich zu sprechen?«, wiederholte Pazzi, nicht wenig verwundert. »In wessen Auftrag?«
Der Diener räusperte sich umständlich, fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Dies allein hätte dem jungen Kirchenherrn eine Warnung sein sollen. »Die Reiter tragen das Wappen mit den roten Pillen, Exzellenz«, wisperte der Mann schließlich sehr schnell, als ob er es rasch hinter sich bringen wolle, und blickte dann zu Boden.
Die roten Pillen! Le Pillole Rosse!
Pazzi stieß den Atem aus. Für ein paar Herzschläge herrschte ohrenbetäubende Stille. Schließlich murmelte der junge Kirchenherr nur ein einziges Wort: »Medici!«, und stürmte hinaus.
Da wartete also eine Gruppe Berittener jenes altehrwürdigen florentinischen Handelshauses im Hof – und diese Tatsache für sich genommen konnte schon nichts Gutes bedeuten. Pazzi hatte es bereits gehört, Prior Giulio – ein Spross des einflussreichen Zweigs der Familie – hielt sich seit Kurzem in der Stadt auf. Zweifelsohne waren es seine Männer, die draußen warteten.
Pazzi verband mit Prior Giulio ein besonderes Schicksal. Ein Verwandter seines Vaters, der unglückselige Francesco, war einer der maßgeblichen Drahtzieher der Verschwörung gegen Prior Giulios Vater und Onkel gewesen. Angeblich war es dabei – wie so oft! – um Machtbefugnisse und nicht wenig Geld gegangen, was Giulios Vater mit dem Leben und Pazzis Familie mit erheblichem Ehrverlust bezahlt hatte. Seit jenem blutigen Ostersonntag anno 1478 indes ließ keine der beiden Familien eine Gelegenheit aus, der anderen in die Suppe zu spucken.
Nein! Nein! Und noch mal nein! Allein die Anwesenheit ihrer Kriegsknechte hier auf der Villa war eine Zumutung.
Die Berittenen jedoch waren nicht das Problem, wie sich herausstellte. Sie verhielten sich sogar – angesichts dessen, wer sie geschickt hatte – über die Maßen höflich.
Auch der alte Mann, den sie in ihrer Mitte führten, gefesselt und auf dem Rücken einer klapprigen Schindmähre, die kaum den Namen Pferd verdiente, war nicht das Problem, wenngleich Pazzi beim Anblick des Gefangenen noch mulmiger wurde.
Nein, das eigentliche Problem steckte in der Begebenheit, die nun folgte.
»Mit den besten Empfehlungen seiner Durchlaucht, Bischof Giulio de’ Medici«, grinste der Anführer des kleinen Trupps Pazzi zahnlückig entgegen, zog seinen Hut und katzbuckelte vom Pferderücken herab so lächerlich tief, dass es einer Farce gleichkam.
Pazzi knurrte. »Sieh an. Bischof nennt er sich jetzt, hm? Weiß Papst Julius schon davon?«
Es war nicht wirklich eine Frage. Gewöhnlich verhielt es sich so, dass die Mitglieder eines Domkapitels ihren Bischof bestimmten, wobei die Wahl innerhalb angemessener Zeit vom Heiligen Vater zu Rom bestätigt werden musste. Was Pazzi soeben getan hatte, war, dem Medici-Sprössling vorzuwerfen, er habe jenes Einverständnis einfach vorweggenommen.
Wie gesagt, ein Scherz – wenngleich einer von der schlechten Sorte.
Doch je mehr man darüber nachdachte …
In dem jungen Prälaten keimte der Verdacht, dass er, seine Zukunftspläne betreffend, soeben harte Konkurrenz erhalten hatte. Sein Vater würde über die Neuigkeit, Giulio sei nun in Bischofswürden, sicher alles andere als glücklich sein.
Der Anführer des kleinen Trupps ließ seine Bemerkung indes ins Leere laufen. Da man gehört habe, Pazzi sei wieder in der Stadt, fuhr er fort, wolle man die Gelegenheit ergreifen, eine alte Schuld zu begleichen. Kardinal di Uoma habe seinerzeit um die Überstellung eben jenes Gefangenen aus den Kerkern des Castel Sant’Angelo ersucht. Man entschuldige sich in höchst demütiger Weise, dass das Vorgehen etwas länger gedauert habe, aber man müsse verstehen. Die Mühlen der Bürokratie mahlten eben langsam.
Als Notarius des hochgelobten Kardinals Lorenzo di Uoma, fügte der Kerl dann mit frechem Grinsen hinzu, sei Kurienprälat Nicola Pazzi sicher mit dem Fall vertraut und wisse, was mit einem Gefangenen wie diesem anzufangen sei. Dann, ohne eine Antwort abzuwarten, drückte der unverschämte Kerl einem Diener, der gerade des Wegs kam, die Zügel der alten Mähre in die Hand, machte kehrt und preschte mit seinen Leuten zum Tor hinaus, einen völlig verdutzten Nicola Pazzi zurücklassend.
»Und die Überstellungspapiere?«, rief er dem Trupp noch hinterher, doch die Reiter waren längst außer Hörweite.
Ja nun, das eigentliche Problem bestand darin, dass man ihm soeben einen Gefangenen aus der Engelsburg überstellt hatte – der Festung, in deren Kellergewölbe man für gewöhnlich die größten Widersacher des christlichen Glaubens wegsperrte. Schlimm genug, dass Pazzi nicht die geringste Ahnung hatte, wer der Mann war, den man da im Hof abgestellt hatte wie ein Stück Vieh. Weitaus schlimmer noch, dass sein neuester Widersacher, Giulio de’ Medici, offensichtlich sehr genau wusste, um wen es sich handelte. Und äußerst fatal, wenn man bedachte, dass Pazzis nächster Schritt auf dem Treppchen nach oben der Posten des Kardinalpräfekten der Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis sein sollte, der Kongregation für die Glaubenslehre.
Herr im Himmel, dachte der junge Mann verzweifelt. Die Menschen erwarten von mir, dass ich über jede Einzelheit des Klerus Bescheid weiß, besser als der Papst selbst. Derweil weiß ich im Moment nicht einmal, was hier im Hof vorgeht!
Eine Runde nach der anderen drehte der Prälat nun um den Gefangenen. Er betrachtete ihn, die stinkenden Fetzen, die er am Leib trug, das Reittier, das edle Sattelzeug, das verhasste Pillenwappen, dann wieder den Mann selbst.
Wie alt mochte er sein? Sechzig? Vielleicht siebzig? Pazzi schob den Gedanken beiseite. So dreckig, wie der Kerl war, ließ sich sein Alter im Moment nicht einmal annähernd sicher schätzen. Nach dem beißenden Gestank nach Kot und Urin zu urteilen, der von ihm ausging, hatte er jedenfalls nicht erst seit gestern im Kerker der Engelsburg gehockt. So viel war gewiss.
Aus einer versteckten Tasche seiner Soutane zog Pazzi ein parfümiertes Tuch und hielt es sich unter die Nase. Umgehend erfüllte zarter Veilchenduft seine Atemwege.
Ah! Schon besser!
Wieder blickte der junge Kirchenherr zu seinem Gefangenen. Am irritierendsten war, dass sich der Kerl überhaupt nicht bewegte. Völlig unbeteiligt saß er im Sattel und stierte einer kleinen, weißen Wolke hinterher, die in diesem Moment über die Villa hinwegzog, als gäbe es auf der Welt nichts Wichtigeres.
Es war bekannt, dass die Gefangenen der Engelsburg mit der Zeit den Verstand verloren. In den Gewölben des Verlieses gab es kein Quäntchen Licht. Und da der Tiber von außen gegen die Wände drückte, war es innen stets feucht und klamm. Hatte man nicht schon gehört, bei Hochwasser sei der eine oder andere Delinquent dort unten jämmerlich ersoffen?
»Hm«, machte Pazzi und zog weiter seine Runden, während sich der Hof ringsum langsam mit neugierigen Dienstboten füllte.
Welche Distel versucht ihr Medici mir da ins Bett zu legen?
In der Tat! Pazzi bezweifelte, dass sein Onkel den Gefangenen herbestellt hatte, wie sein Konkurrent ihn gerne glauben machen wollte. Schließlich lag Kurienkardinal di Uoma bereits seit Wochen siech darnieder. Viel wahrscheinlicher war, dass die Medici versuchten, ihn – Pazzi – in Schwierigkeiten zu bringen.
Wenn ich nur wüsste, wer du bist, dachte der junge Mann mit Blick auf den Gefangenen. Aber vielleicht sind die Medici auch überzeugt, ich wüsste es.
Der junge Kurienprälat war sich bei vielen Dingen nicht so sicher, wie er es gern wäre.
Just in diesem Moment fielen ihm die Narben auf, die sich, angefangen bei der Hand, den gesamten rechten Unterarm des alten Gefangenen hinaufzogen. Durch einen Riss im Hemdsärmel waren sie deutlich zu sehen.
Als wolle man just darauf aufmerksam machen, dachte der hohe Kirchenherr. Er drückte das parfümierte Tuch fest unter die Nase und trat näher.
Der Fremde hatte die gefesselten Hände in die struppige Mähne des Pferdes gekrallt. Bis hinauf zum Ellenbogen bestand seine Rechte einzig aus Kratern und Klüften.
Pazzi zog die Stirn kraus. »Wer bist du nur?«, grübelte er. Unversehens sprach er die Worte laut aus. Dann blickte er auf.
Was hatte er erwartet? Denselben Tattergreis, der gerade eben noch weltvergessen den Sommerwolken hinterhergestarrt hatte? Stattdessen fing sich sein Blick in einem Paar kristallklarer, himmelblauer Augen, die höchst interessiert zu ihm herabstarrten.
Der Alte beugte sich herunter. Nicola Pazzi hielt den Atem an. Herrjemine, wie konnten Augen nur so blicken?
In diesem Moment bewegte sich die Dreckkruste unter dem leuchtenden Blau. Ein Spalt tat sich auf. Der Alte lächelte. Es war ein Lächeln, das man nicht vergaß. Und der Mann wusste das. Dann fing er an zu sprechen, ein samtener Bariton, wie Pazzi nie zuvor einen gehört hatte.
»Wer ich bin, möchtest du wissen, hm?« Unversehens ruckte der Kopf des alten Mannes noch ein Stück tiefer. »Dann, mein Junge, hör mir gut zu!«
Pazzi stockte der Atem. Er vergaß gar, sich das parfümierte Tuch vor die Nase zu halten. Seine Hand sank herab und er starrte den alten Mann mit offenem Mund an. Plötzlich wusste er, wie sich ein Fisch am Angelhaken fühlte.
»Ich bin …«, verkündete der Alte in diesem Augenblick, ließ dann gekonnt eine Pause, dehnte dieselbe bis zur Unendlichkeit und erklärte schließlich triumphierend: »… das Wort!«
Zufrieden mit sich und der Welt, wie’s schien, setzte sich der Alte dann wieder im Sattel zurecht und verfiel aufs Neue der Gleichgültigkeit. Abermals waren die Sommerwolken sein ganzes Universum.
Pazzi blinzelte. Was war da eben passiert? War das wirklich geschehen? Hatte er geträumt? Halluziniert?
Er wandte den Kopf. Seine Diener. Alle, die zwischenzeitlich auf dem Hof versammelt standen. Hatten sie auch gesehen, was er gesehen hatte? Hatten sie gehört, was er gehört hatte?
Hatten sie?
Dann drang ein dumpfes Knallen an sein Ohr. Erschrocken sah Pazzi auf. Sein Blick blieb an Pietro Metala hängen. Der junge Notarius krauste die Stirn. Was um Himmels willen …?
Metala war der älteste unter der Schar sizilianischer Diener, die für Kurienkardinal di Uomas Wohl sorgten, seit dieser seine Vorliebe für das kleine Inselreich entdeckt hatte. Metala also, der seit unzähligen Jahren im Haus für fleckenloses Silberbesteck und glänzende Goldringe sorgte – das Urgestein seiner Zunft, dem allein man solche Arbeit anvertraute. Just in diesem Augenblick jedoch machte eben jenes Urgestein seinem Ruf alles andere als Ehre. Der hölzerne Schmutzeimer, den er stets mit sich herumtrug, kollerte die lange Bogentreppe der Galerie herunter und entleerte spritzend seinen nassen Inhalt. Schnell sprangen die Diener ringsum beiseite.
Pazzi hatte sich das Geschehen schnell zusammengereimt. Offenbar hatte sich Metala eben in den oberen Räumen nützlich gemacht – die Spiegelornamente der Wandvertäfelung in den Südzimmern genossen stets seine besondere Aufmerksamkeit. Als er fertig war, hatte der alte Diener seinen Eimer genommen und war hinaus auf die Galerie getreten, die den Innenhof umspannte – und hatte dabei die Aufregung unten im Hof bemerkt. Oder er war von der Aufregung erst angelockt worden und hatte darum seine Arbeit unterbrochen. Doch die richtige Reihenfolge spielte im Grunde keine Rolle, denn viel wichtiger war, was danach passiert war. Dann nämlich hatte Metala den Gefangenen erblickt … und er hatte ihn erkannt.
Dort stand er also nun, Pietro Metala, beide Hände vor den Mund geschlagen, die altersfaltigen Augen vor Entsetzen weit, und starrte hinunter auf den Reitersmann, während der rollende Eimer bei der Dienerschaft für nasse Hosen sorgte.
Man musste es Pazzi wirklich zugutehalten, wie schnell er seine Chance erkannte. »Heda«, rief er den beiden Wächtern am Tor zu, »schafft mir dieses alte Klappergestell vom Pferd. In einer Stunde erwarte ich den Mann sauber geschrubbt und ziemlich gekleidet in meinen Räumen.«
Dann wirbelte er herum und wandte sich zur anderen Seite. »Metala! Du kommst mit. Sofort!«
Beim Glockenschlag zur nächsten Stunde stand der junge Prälat auf der balustradenumsäumten Terrasse, die seine Arbeitsräume als Notarius mit dem Garten der Villa verband.
Pazzis Augen waren auf das kurz geschorene Rasenstück zwischen den Rabatten gerichtet. Unbeachtet von den balzenden Pfauen ringsum zankten sich dort lautstark zwei Elstern um ein kleines, rundes Etwas. War es eine Nuss? Eben noch hatte die eine das Ding im Schnabel, da schnappte es auch schon die andere – und sah eilig zu, dass sie Land gewann.
Pazzi lächelte, während er beobachtete, wie sich die kleine Diebin mit viel Flügelgeflatter zwischen die dornenbewehrten Rosen davonmachte. Er mochte diese Vögel, mochte sie wirklich. Ganz besonders bewunderte er ihre Beharrlichkeit. Sie waren so strebsam wie selten ein anderes Wesen auf Gottes weiter Erde, einschließlich des Menschen.
»Herr«, meldete in diesem Moment einer der Diener vom Haus her. Es war derselbe arme Tropf, den es schon zuvor getroffen hatte, ihm die Ankunft der Medici-Knechte zu melden.
Der hohe Kirchenherr schloss für einen Moment die Augen. Er hätte den Mann gerne ignoriert, ausgeschlossen aus seiner Welt. Bedauernd warf er einen letzten Blick in den Garten. Was gäbe es in diesem Moment Erstrebenswerteres, als mit einem Becher süßem Falerna die nachlassende Tageshitze zu feiern, zu beobachten, wie die Sonne langsam und würdig den Horizont hinabstieg und sich dem Gezwitscher der Abendvögel zu widmen – selbst, wenn es sich bei dem Gezwitscher im Moment lediglich um das Gezänk zweier Elstern handelte? Aber natürlich ging das nicht. Er war Kurienprälat, de facto der Stellvertreter seines Onkels und – sobald es seine Pläne zuließen – bald selbst Kardinal! Da hatte man Pflichten.
Also seufzte Pazzi, öffnete die Augen, stellte den silbernen Weinpokal auf die Brüstung und wandte sich um. »Nun? Ist es bewiesen, dass Metala geflohen ist?«
Er hatte die Nachricht über die Flucht des Urgesteins nicht fassen können. Sollte der glänzende Hoffnungsschimmer dieses elenden Tages wirklich dahin sein? Er hatte befohlen, das ganze Haus noch einmal gründlich absuchen zu lassen.
»Nun red schon«, forderte Pazzi, der merkte, wie ihm der Ärger erneut den Hals hinaufkroch.
»Ich – ähem«, räusperte sich der Diener.
In diesem Moment gewann Pazzis Zorn die Oberhand. »Ein einfaches ›Ja‹ oder ›Nein‹ genügt, Kerl!«, explodierte er. Der Diener machte prompt einen Satz rückwärts. »J-j-ja«, haspelte der arme Junge und fügte eilig hinzu: »Es fehlt auch ein Pferd.«
Pazzi blickte auf. »Ein Pferd? Welches?«
»Perseus.«
Der hohe Kirchenherr stöhnte, als litte er körperlichen Schmerz, was in diesem Moment vermutlich sogar stimmte. Es war müßig, darüber nachzugrübeln, wie es ein alter Mann, der kaum noch gehen konnte, auf ein Pferd wie Perseus hinaufgeschafft hatte, standen außer ihm doch noch drei seiner Söhne in di Uomas Diensten. Eines jedenfalls stand fest: Wohin Pietro Metala auch immer geflohen war, es war ein weit, weit entfernter Ort und er würde schneller dort ankommen, als jeder Pfeil flog. Was immer der alte Putzteufel über seinen geheimnisvollen Gefangenen wusste, es war dahin.
»Möchtet – möchtet«, stotterte der unglückselige Überbringer schlechter Nachrichten, »möchtet Ihr den Gefangenen trotzdem noch sehen, Herr?«
Der junge Kirchenherr schenkte dem Mann einen mörderischen Blick. »Ja, natürlich! Und wenn du schon dabei bist, sieh zu, dass man mir noch etwas zu essen bringt. Ich bin am Verhungern!«
Letzten Endes traf das Essen noch vor dem Gefangenen ein: Schafskäse und Oliven, ein Stück frisches, weißes Brot, dazu knusprige Scheiben von kaltem Hammelbraten in würziger Soße und Dörrpflaumen als Nachtisch. Allein der Duft ließ Pazzis Magen knurren. Er schnappte sich seinen Weinpokal und ließ auf dem kleinen Seitentisch am Fenster servieren.
… und dann brachte man den Gefangenen.
...
Guter Gott. Ich danke Dir für diesen neuen Tag und bitte Dich, steh mir auch heute bei. Segne meine Arbeit. Gib mir die Kraft, Aufgaben anzupacken, zu denen mir der Mut fehlt. Hilf mir, Enttäuschungen auszuhalten. Öffne meine Augen für das Notwendige, damit ich mich nicht von unwichtigen Dingen beherrschen lasse. Lass mich mit Geduld und Gelassenheit in diesen neuen Tag hineingehen.
Kurienprälat Nicola Pazzi hatte einen wirklich – wirklich! – schlechten Tag.
Allein der denkwürdige Streit mit seiner Mätresse Cecilia in aller Früh. Herrje, hatte die glutäugige Schöne geklagt und hatte dabei die lange Flut ihres rabenschwarzen Haares zurückgeworfen. Über ausdauerndes Stehvermögen sei mit einem Mann der Kirche ja schlecht diskutieren, aber zumindest ein wenig länger könne man als Frau doch erwarten!
Herr im Himmel, Cecilia scheute nie davor zurück, Dinge laut auszusprechen, welche die meisten nicht einmal zu denken wagten. Wäre diese Frau doch nur nicht so wunderschön gewesen …
Zum Frühstück war dann der Brief seines Vaters eingetroffen, des alten Conte. Wann Pazzi denn endlich gedenke, Kardinal zu werden, stand dort zu lesen. Er, der Conte, werde schließlich nicht jünger.
Worte, denen es jeglicher Wärme fehlte. Sie trieben dem jungen Mann augenblicklich die Zornesröte ins Gesicht.
Pazzi, seit Kurzem 27 Jahre alt und von Kindesbeinen an für die Kirchenlaufbahn bestimmt, wusste, es wurde Großes von ihm erwartet. Der nächste Papst sollte – nein, musste! – er werden. Darauf zielte alles ab. Nun, er tat sein Bestes. Seit rund zwei Monaten arbeitete er darum als Notarius seines Onkels, des Kurienkardinals Lorenzo di Uoma. Jedoch hatte den Onkel vor kaum einer Woche der Schlag getroffen, was die Pläne der Familie gehörig durcheinanderbrachte. Seinem Vater indes fiel nichts Besseres ein, als den jungen Nicola dafür verantwortlich zu machen.
Pazzi zerknüllte das Schreiben und warf es wutschnaubend ins Feuer des nächsten Kamins, wo es knisternd in Flammen aufging.
Von all dem Ärger war ihm nun ganz übel – ein altes Leiden, das ihn stets überkam, wenn er sich aufregte. Als hätte er lebendige Fische im Bauch, die unbedingt herauswollten und dabei den falschen Weg nahmen. Nach oben! Und so würgte der Prälat an seinem Zorn. Schließlich befahl er, sein Pferd zu satteln. Er wollte hinaus ins Hügelland. Ein wenig frische Luft, so beschloss er, würde ihm guttun, das Fieber der Jagd ihn ablenken. Nur eine Handvoll Diener und die Hundemeute nahm er mit.
Ein Übriges zu erwähnen, dass eben jene Jagd wenig erfolgreich blieb.
Zwei knochendürre Hasen und ein mageres Rebhuhn später, die einer seiner Diener an Ort und Stelle unter freiem Himmel briet, überlegte Pazzi, womit er den Rest des Tages verbringen wollte. Nichts reizte an dem Gedanken, in die kleine Landvilla zurückzukehren, die er stets fürs Stelldichein mit Cecilia nutzte. Er entschied, stattdessen würde er auf seinem Amtssitz zu Rom nach dem Rechten sehen.
Pazzi stand auf der sanften Anhöhe, auf der sie zuvor gelagert hatten. Das lange Gras ringsum bog sich im Wind. Eine sanfte Brise zerwirbelte ihm das Haar. Von Ferne sah er den wackelnden Hundeschwänzen hinterher, wie sie kleiner und kleiner wurden. Viel zu spät, seine Begleiter waren längst außer Hörweite, da fiel ihm auf, dass er seine Kithara vergessen hatte. Er hätte jemanden damit beauftragen sollen, sich um sie zu kümmern, sie einzupacken, sie ihm nachzuschicken. Nichts davon war geschehen.
Seufzend blickte der Prälat auf seine Hände, betrachtete die Schwielen seiner Fingerkuppen. Seufzte erneut. Herrje, er würde sein geliebtes Musikinstrument schmerzlich vermissen.
Schließlich bestieg der junge Mann sein Pferd und ließ das feurige Tier seine Hacken spüren, sodass es sich wild aufbäumte.
Hätte jemand dem Prälaten indes prophezeit – just in diesem Moment, da er sich tief über den Hals seines Apfelschimmels beugte und auf Rom zu galoppierte –, dass sein Tag alles in allem noch einen guten Anfang genommen hatte, er hätte es für einen schlechten Scherz gehalten. Doch genau so war es. Es fing gerade erst an!
Pazzi sehnte sich nach einem heißen Bad, danach, sich vom Schweiß und vom klebrig-grauen Straßenstaub zu befreien, was bitter nötig war. Hernach eine Rasur, was nicht minder notwendig erschien. Doch es kam nicht mehr dazu. Kaum war er nämlich aus den Kleidern gestiegen, eilte auch schon einer der Dienstboten seines Onkels herbei. Es sei eine Abteilung Berittener eingetroffen, berichtete der. Ihr Anführer wünsche den Prälaten zu sprechen.
»Er wünscht mich zu sprechen?«, wiederholte Pazzi, nicht wenig verwundert. »In wessen Auftrag?«
Der Diener räusperte sich umständlich, fühlte sich sichtlich unwohl in seiner Haut. Dies allein hätte dem jungen Kirchenherrn eine Warnung sein sollen. »Die Reiter tragen das Wappen mit den roten Pillen, Exzellenz«, wisperte der Mann schließlich sehr schnell, als ob er es rasch hinter sich bringen wolle, und blickte dann zu Boden.
Die roten Pillen! Le Pillole Rosse!
Pazzi stieß den Atem aus. Für ein paar Herzschläge herrschte ohrenbetäubende Stille. Schließlich murmelte der junge Kirchenherr nur ein einziges Wort: »Medici!«, und stürmte hinaus.
Da wartete also eine Gruppe Berittener jenes altehrwürdigen florentinischen Handelshauses im Hof – und diese Tatsache für sich genommen konnte schon nichts Gutes bedeuten. Pazzi hatte es bereits gehört, Prior Giulio – ein Spross des einflussreichen Zweigs der Familie – hielt sich seit Kurzem in der Stadt auf. Zweifelsohne waren es seine Männer, die draußen warteten.
Pazzi verband mit Prior Giulio ein besonderes Schicksal. Ein Verwandter seines Vaters, der unglückselige Francesco, war einer der maßgeblichen Drahtzieher der Verschwörung gegen Prior Giulios Vater und Onkel gewesen. Angeblich war es dabei – wie so oft! – um Machtbefugnisse und nicht wenig Geld gegangen, was Giulios Vater mit dem Leben und Pazzis Familie mit erheblichem Ehrverlust bezahlt hatte. Seit jenem blutigen Ostersonntag anno 1478 indes ließ keine der beiden Familien eine Gelegenheit aus, der anderen in die Suppe zu spucken.
Nein! Nein! Und noch mal nein! Allein die Anwesenheit ihrer Kriegsknechte hier auf der Villa war eine Zumutung.
Die Berittenen jedoch waren nicht das Problem, wie sich herausstellte. Sie verhielten sich sogar – angesichts dessen, wer sie geschickt hatte – über die Maßen höflich.
Auch der alte Mann, den sie in ihrer Mitte führten, gefesselt und auf dem Rücken einer klapprigen Schindmähre, die kaum den Namen Pferd verdiente, war nicht das Problem, wenngleich Pazzi beim Anblick des Gefangenen noch mulmiger wurde.
Nein, das eigentliche Problem steckte in der Begebenheit, die nun folgte.
»Mit den besten Empfehlungen seiner Durchlaucht, Bischof Giulio de’ Medici«, grinste der Anführer des kleinen Trupps Pazzi zahnlückig entgegen, zog seinen Hut und katzbuckelte vom Pferderücken herab so lächerlich tief, dass es einer Farce gleichkam.
Pazzi knurrte. »Sieh an. Bischof nennt er sich jetzt, hm? Weiß Papst Julius schon davon?«
Es war nicht wirklich eine Frage. Gewöhnlich verhielt es sich so, dass die Mitglieder eines Domkapitels ihren Bischof bestimmten, wobei die Wahl innerhalb angemessener Zeit vom Heiligen Vater zu Rom bestätigt werden musste. Was Pazzi soeben getan hatte, war, dem Medici-Sprössling vorzuwerfen, er habe jenes Einverständnis einfach vorweggenommen.
Wie gesagt, ein Scherz – wenngleich einer von der schlechten Sorte.
Doch je mehr man darüber nachdachte …
In dem jungen Prälaten keimte der Verdacht, dass er, seine Zukunftspläne betreffend, soeben harte Konkurrenz erhalten hatte. Sein Vater würde über die Neuigkeit, Giulio sei nun in Bischofswürden, sicher alles andere als glücklich sein.
Der Anführer des kleinen Trupps ließ seine Bemerkung indes ins Leere laufen. Da man gehört habe, Pazzi sei wieder in der Stadt, fuhr er fort, wolle man die Gelegenheit ergreifen, eine alte Schuld zu begleichen. Kardinal di Uoma habe seinerzeit um die Überstellung eben jenes Gefangenen aus den Kerkern des Castel Sant’Angelo ersucht. Man entschuldige sich in höchst demütiger Weise, dass das Vorgehen etwas länger gedauert habe, aber man müsse verstehen. Die Mühlen der Bürokratie mahlten eben langsam.
Als Notarius des hochgelobten Kardinals Lorenzo di Uoma, fügte der Kerl dann mit frechem Grinsen hinzu, sei Kurienprälat Nicola Pazzi sicher mit dem Fall vertraut und wisse, was mit einem Gefangenen wie diesem anzufangen sei. Dann, ohne eine Antwort abzuwarten, drückte der unverschämte Kerl einem Diener, der gerade des Wegs kam, die Zügel der alten Mähre in die Hand, machte kehrt und preschte mit seinen Leuten zum Tor hinaus, einen völlig verdutzten Nicola Pazzi zurücklassend.
»Und die Überstellungspapiere?«, rief er dem Trupp noch hinterher, doch die Reiter waren längst außer Hörweite.
Ja nun, das eigentliche Problem bestand darin, dass man ihm soeben einen Gefangenen aus der Engelsburg überstellt hatte – der Festung, in deren Kellergewölbe man für gewöhnlich die größten Widersacher des christlichen Glaubens wegsperrte. Schlimm genug, dass Pazzi nicht die geringste Ahnung hatte, wer der Mann war, den man da im Hof abgestellt hatte wie ein Stück Vieh. Weitaus schlimmer noch, dass sein neuester Widersacher, Giulio de’ Medici, offensichtlich sehr genau wusste, um wen es sich handelte. Und äußerst fatal, wenn man bedachte, dass Pazzis nächster Schritt auf dem Treppchen nach oben der Posten des Kardinalpräfekten der Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis sein sollte, der Kongregation für die Glaubenslehre.
Herr im Himmel, dachte der junge Mann verzweifelt. Die Menschen erwarten von mir, dass ich über jede Einzelheit des Klerus Bescheid weiß, besser als der Papst selbst. Derweil weiß ich im Moment nicht einmal, was hier im Hof vorgeht!
Eine Runde nach der anderen drehte der Prälat nun um den Gefangenen. Er betrachtete ihn, die stinkenden Fetzen, die er am Leib trug, das Reittier, das edle Sattelzeug, das verhasste Pillenwappen, dann wieder den Mann selbst.
Wie alt mochte er sein? Sechzig? Vielleicht siebzig? Pazzi schob den Gedanken beiseite. So dreckig, wie der Kerl war, ließ sich sein Alter im Moment nicht einmal annähernd sicher schätzen. Nach dem beißenden Gestank nach Kot und Urin zu urteilen, der von ihm ausging, hatte er jedenfalls nicht erst seit gestern im Kerker der Engelsburg gehockt. So viel war gewiss.
Aus einer versteckten Tasche seiner Soutane zog Pazzi ein parfümiertes Tuch und hielt es sich unter die Nase. Umgehend erfüllte zarter Veilchenduft seine Atemwege.
Ah! Schon besser!
Wieder blickte der junge Kirchenherr zu seinem Gefangenen. Am irritierendsten war, dass sich der Kerl überhaupt nicht bewegte. Völlig unbeteiligt saß er im Sattel und stierte einer kleinen, weißen Wolke hinterher, die in diesem Moment über die Villa hinwegzog, als gäbe es auf der Welt nichts Wichtigeres.
Es war bekannt, dass die Gefangenen der Engelsburg mit der Zeit den Verstand verloren. In den Gewölben des Verlieses gab es kein Quäntchen Licht. Und da der Tiber von außen gegen die Wände drückte, war es innen stets feucht und klamm. Hatte man nicht schon gehört, bei Hochwasser sei der eine oder andere Delinquent dort unten jämmerlich ersoffen?
»Hm«, machte Pazzi und zog weiter seine Runden, während sich der Hof ringsum langsam mit neugierigen Dienstboten füllte.
Welche Distel versucht ihr Medici mir da ins Bett zu legen?
In der Tat! Pazzi bezweifelte, dass sein Onkel den Gefangenen herbestellt hatte, wie sein Konkurrent ihn gerne glauben machen wollte. Schließlich lag Kurienkardinal di Uoma bereits seit Wochen siech darnieder. Viel wahrscheinlicher war, dass die Medici versuchten, ihn – Pazzi – in Schwierigkeiten zu bringen.
Wenn ich nur wüsste, wer du bist, dachte der junge Mann mit Blick auf den Gefangenen. Aber vielleicht sind die Medici auch überzeugt, ich wüsste es.
Der junge Kurienprälat war sich bei vielen Dingen nicht so sicher, wie er es gern wäre.
Just in diesem Moment fielen ihm die Narben auf, die sich, angefangen bei der Hand, den gesamten rechten Unterarm des alten Gefangenen hinaufzogen. Durch einen Riss im Hemdsärmel waren sie deutlich zu sehen.
Als wolle man just darauf aufmerksam machen, dachte der hohe Kirchenherr. Er drückte das parfümierte Tuch fest unter die Nase und trat näher.
Der Fremde hatte die gefesselten Hände in die struppige Mähne des Pferdes gekrallt. Bis hinauf zum Ellenbogen bestand seine Rechte einzig aus Kratern und Klüften.
Pazzi zog die Stirn kraus. »Wer bist du nur?«, grübelte er. Unversehens sprach er die Worte laut aus. Dann blickte er auf.
Was hatte er erwartet? Denselben Tattergreis, der gerade eben noch weltvergessen den Sommerwolken hinterhergestarrt hatte? Stattdessen fing sich sein Blick in einem Paar kristallklarer, himmelblauer Augen, die höchst interessiert zu ihm herabstarrten.
Der Alte beugte sich herunter. Nicola Pazzi hielt den Atem an. Herrjemine, wie konnten Augen nur so blicken?
In diesem Moment bewegte sich die Dreckkruste unter dem leuchtenden Blau. Ein Spalt tat sich auf. Der Alte lächelte. Es war ein Lächeln, das man nicht vergaß. Und der Mann wusste das. Dann fing er an zu sprechen, ein samtener Bariton, wie Pazzi nie zuvor einen gehört hatte.
»Wer ich bin, möchtest du wissen, hm?« Unversehens ruckte der Kopf des alten Mannes noch ein Stück tiefer. »Dann, mein Junge, hör mir gut zu!«
Pazzi stockte der Atem. Er vergaß gar, sich das parfümierte Tuch vor die Nase zu halten. Seine Hand sank herab und er starrte den alten Mann mit offenem Mund an. Plötzlich wusste er, wie sich ein Fisch am Angelhaken fühlte.
»Ich bin …«, verkündete der Alte in diesem Augenblick, ließ dann gekonnt eine Pause, dehnte dieselbe bis zur Unendlichkeit und erklärte schließlich triumphierend: »… das Wort!«
Zufrieden mit sich und der Welt, wie’s schien, setzte sich der Alte dann wieder im Sattel zurecht und verfiel aufs Neue der Gleichgültigkeit. Abermals waren die Sommerwolken sein ganzes Universum.
Pazzi blinzelte. Was war da eben passiert? War das wirklich geschehen? Hatte er geträumt? Halluziniert?
Er wandte den Kopf. Seine Diener. Alle, die zwischenzeitlich auf dem Hof versammelt standen. Hatten sie auch gesehen, was er gesehen hatte? Hatten sie gehört, was er gehört hatte?
Hatten sie?
Dann drang ein dumpfes Knallen an sein Ohr. Erschrocken sah Pazzi auf. Sein Blick blieb an Pietro Metala hängen. Der junge Notarius krauste die Stirn. Was um Himmels willen …?
Metala war der älteste unter der Schar sizilianischer Diener, die für Kurienkardinal di Uomas Wohl sorgten, seit dieser seine Vorliebe für das kleine Inselreich entdeckt hatte. Metala also, der seit unzähligen Jahren im Haus für fleckenloses Silberbesteck und glänzende Goldringe sorgte – das Urgestein seiner Zunft, dem allein man solche Arbeit anvertraute. Just in diesem Augenblick jedoch machte eben jenes Urgestein seinem Ruf alles andere als Ehre. Der hölzerne Schmutzeimer, den er stets mit sich herumtrug, kollerte die lange Bogentreppe der Galerie herunter und entleerte spritzend seinen nassen Inhalt. Schnell sprangen die Diener ringsum beiseite.
Pazzi hatte sich das Geschehen schnell zusammengereimt. Offenbar hatte sich Metala eben in den oberen Räumen nützlich gemacht – die Spiegelornamente der Wandvertäfelung in den Südzimmern genossen stets seine besondere Aufmerksamkeit. Als er fertig war, hatte der alte Diener seinen Eimer genommen und war hinaus auf die Galerie getreten, die den Innenhof umspannte – und hatte dabei die Aufregung unten im Hof bemerkt. Oder er war von der Aufregung erst angelockt worden und hatte darum seine Arbeit unterbrochen. Doch die richtige Reihenfolge spielte im Grunde keine Rolle, denn viel wichtiger war, was danach passiert war. Dann nämlich hatte Metala den Gefangenen erblickt … und er hatte ihn erkannt.
Dort stand er also nun, Pietro Metala, beide Hände vor den Mund geschlagen, die altersfaltigen Augen vor Entsetzen weit, und starrte hinunter auf den Reitersmann, während der rollende Eimer bei der Dienerschaft für nasse Hosen sorgte.
Man musste es Pazzi wirklich zugutehalten, wie schnell er seine Chance erkannte. »Heda«, rief er den beiden Wächtern am Tor zu, »schafft mir dieses alte Klappergestell vom Pferd. In einer Stunde erwarte ich den Mann sauber geschrubbt und ziemlich gekleidet in meinen Räumen.«
Dann wirbelte er herum und wandte sich zur anderen Seite. »Metala! Du kommst mit. Sofort!«
Beim Glockenschlag zur nächsten Stunde stand der junge Prälat auf der balustradenumsäumten Terrasse, die seine Arbeitsräume als Notarius mit dem Garten der Villa verband.
Pazzis Augen waren auf das kurz geschorene Rasenstück zwischen den Rabatten gerichtet. Unbeachtet von den balzenden Pfauen ringsum zankten sich dort lautstark zwei Elstern um ein kleines, rundes Etwas. War es eine Nuss? Eben noch hatte die eine das Ding im Schnabel, da schnappte es auch schon die andere – und sah eilig zu, dass sie Land gewann.
Pazzi lächelte, während er beobachtete, wie sich die kleine Diebin mit viel Flügelgeflatter zwischen die dornenbewehrten Rosen davonmachte. Er mochte diese Vögel, mochte sie wirklich. Ganz besonders bewunderte er ihre Beharrlichkeit. Sie waren so strebsam wie selten ein anderes Wesen auf Gottes weiter Erde, einschließlich des Menschen.
»Herr«, meldete in diesem Moment einer der Diener vom Haus her. Es war derselbe arme Tropf, den es schon zuvor getroffen hatte, ihm die Ankunft der Medici-Knechte zu melden.
Der hohe Kirchenherr schloss für einen Moment die Augen. Er hätte den Mann gerne ignoriert, ausgeschlossen aus seiner Welt. Bedauernd warf er einen letzten Blick in den Garten. Was gäbe es in diesem Moment Erstrebenswerteres, als mit einem Becher süßem Falerna die nachlassende Tageshitze zu feiern, zu beobachten, wie die Sonne langsam und würdig den Horizont hinabstieg und sich dem Gezwitscher der Abendvögel zu widmen – selbst, wenn es sich bei dem Gezwitscher im Moment lediglich um das Gezänk zweier Elstern handelte? Aber natürlich ging das nicht. Er war Kurienprälat, de facto der Stellvertreter seines Onkels und – sobald es seine Pläne zuließen – bald selbst Kardinal! Da hatte man Pflichten.
Also seufzte Pazzi, öffnete die Augen, stellte den silbernen Weinpokal auf die Brüstung und wandte sich um. »Nun? Ist es bewiesen, dass Metala geflohen ist?«
Er hatte die Nachricht über die Flucht des Urgesteins nicht fassen können. Sollte der glänzende Hoffnungsschimmer dieses elenden Tages wirklich dahin sein? Er hatte befohlen, das ganze Haus noch einmal gründlich absuchen zu lassen.
»Nun red schon«, forderte Pazzi, der merkte, wie ihm der Ärger erneut den Hals hinaufkroch.
»Ich – ähem«, räusperte sich der Diener.
In diesem Moment gewann Pazzis Zorn die Oberhand. »Ein einfaches ›Ja‹ oder ›Nein‹ genügt, Kerl!«, explodierte er. Der Diener machte prompt einen Satz rückwärts. »J-j-ja«, haspelte der arme Junge und fügte eilig hinzu: »Es fehlt auch ein Pferd.«
Pazzi blickte auf. »Ein Pferd? Welches?«
»Perseus.«
Der hohe Kirchenherr stöhnte, als litte er körperlichen Schmerz, was in diesem Moment vermutlich sogar stimmte. Es war müßig, darüber nachzugrübeln, wie es ein alter Mann, der kaum noch gehen konnte, auf ein Pferd wie Perseus hinaufgeschafft hatte, standen außer ihm doch noch drei seiner Söhne in di Uomas Diensten. Eines jedenfalls stand fest: Wohin Pietro Metala auch immer geflohen war, es war ein weit, weit entfernter Ort und er würde schneller dort ankommen, als jeder Pfeil flog. Was immer der alte Putzteufel über seinen geheimnisvollen Gefangenen wusste, es war dahin.
»Möchtet – möchtet«, stotterte der unglückselige Überbringer schlechter Nachrichten, »möchtet Ihr den Gefangenen trotzdem noch sehen, Herr?«
Der junge Kirchenherr schenkte dem Mann einen mörderischen Blick. »Ja, natürlich! Und wenn du schon dabei bist, sieh zu, dass man mir noch etwas zu essen bringt. Ich bin am Verhungern!«
Letzten Endes traf das Essen noch vor dem Gefangenen ein: Schafskäse und Oliven, ein Stück frisches, weißes Brot, dazu knusprige Scheiben von kaltem Hammelbraten in würziger Soße und Dörrpflaumen als Nachtisch. Allein der Duft ließ Pazzis Magen knurren. Er schnappte sich seinen Weinpokal und ließ auf dem kleinen Seitentisch am Fenster servieren.
… und dann brachte man den Gefangenen.
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