Broken wings
save my burning soul
EUR 24,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 488
ISBN: 978-3-7116-1622-7
Erscheinungsdatum: 30.03.2026
Paris fühlt sich verloren – bis eine einzige Begegnung alles verändert. „Broken Wings“ erzählt von Schmerz, Mut Liebe und dem Weg zurück ins Leben. Eine emotionale Geschichte über Hoffnung, Heilung und das Wiederfinden des eigenen Strahlens.
Playlist
What Was I Made For? – Billie Eilish
Train Wreck – James Arthur
Changes – Hayd
A Little Too Much – Shawn Mendes
Shadow – Livingston
I Lived – OneRepublic
Read All About It, Pt. III – Emeli Sandé
Us – James Bay
Just Give Me a Reason – P!nk, Nate Ruess
Brother – Kodaline
Legends Never Die – League of Legends, Against The Current
This Is the Life – Amy Macdonald
What a Time – Julia Michaels, Niall Horan
Bruises – Lewis Capaldi
Nothing Breaks Like a Heart – Damiano David
still dancing – Henry Moodie
Stargazing – Myles Smith
Dernière Danse – Indila
Radio – Lana Del Rey
Unstoppable – Sia
Kapitel 01
Paris
Fünf
Vier
Drei
Zwei
Eins
Happy Birthday. Gratuliere, Paris. Es fehlte nur noch der Kuchen, die Kerzen, die Geschenke, die Familie, die Freude.
Trocken lachte ich auf. Es war klar gewesen, dass ich allein feiern würde. So wie immer.
Obwohl man das hier nicht wirklich feiern nennen konnte. Musste man zum Feiern nicht einen Grund haben? Und hatte ich einen? Nein, definitiv nicht.
Klar, ein Jahr älter, ein Jahr reifer, aber es änderte nichts an meiner Situation.
Immer noch gleich unwissend wie vor fünf Minuten. Schade, wäre auch zu einfach gewesen, wenn alle Probleme weg gewesen wären. Wenn ich plötzlich wissen würde, was ich wollte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Weshalb ich überhaupt hier war.
Weil, ganz ehrlich, im Moment fühlte es sich nicht so an, als würde mein Leben irgendwann wieder Sinn ergeben. Als würde ich irgendwann wieder vor Freude durchs Zimmer tanzen können.
Tanzen.
Ein Wort, zwei Silben. So viele Erinnerungen, so viel Schmerz.
Aber auch so viel Leidenschaft, so viele Emotionen, so viel Sinn in meinem Leben.
Vorbei, Paris. Es ist vorbei.
Ich musste endlich damit abschließen. Einen Neuanfang starten. Aber wie verdammt noch mal ging das? Wie fand ich wieder zu mir selbst? Wie fand ich einen Grund zum Weitermachen?
Ich wollte es so unbedingt. Ich wollte nächstes Jahr wieder hier sitzen, vorzugsweise nicht allein, mit einem Plan, einem Ziel, einer Bestimmung.
Ich wollte wieder Paris Edwards sein. Strahlend, leuchtend, glänzend.
So zu leben wie jetzt, fühlte sich einfach nicht gut, nicht richtig an. Ich war zu mehr bestimmt, oder nicht?
Ich musste einfach zu mehr bestimmt sein, ich wollte zu mehr bestimmt sein.
Und ich wusste, dass ich es irgendwann wieder sein würde. Irgendwann, in weiter, nicht greifbarer Zukunft.
Außer ich änderte mich, suchte wieder meinen Glanz, mein Lächeln.
Weil, ganz ehrlich, neunzehn und verlorener als ein Gestrandeter im Amazonas? Auf gar keinen Fall.
Paris musste zurückkehren. In ihrer vollen Pracht. Ich wusste, dass ich das schaffen würde.
Irgendwie. Irgendwann.
Ein unangenehm schriller Ton trällerte lautstark in mein Ohr und seufzend schlug ich die Augen auf. Meine ausgestreckte Hand suchte das Bett neben mir nach meinem Handy ab und sobald ich es gefunden hatte, konnte ich endlich meinen Wecker ausmachen.
Murrend drehte ich mich wieder auf die andere Seite. Ich wollte einfach nur weiterschlafen. Es wartete sowieso niemand unten auf mich, der mir gratulieren könnte. Und außerdem machten sich die fehlenden Stunden Schlaf durch meine Grübeleien bemerkbar. Wunderbar, wirklich toll gemacht, Paris.
Doch mein Plan, einfach noch ein paar Stunden liegenzubleiben, wurde durch meine kribbelnden Beine zunichtegemacht. In mir staute sich wieder diese Energie auf, wie jeden Tag, auch wenn ich es nicht wollte, auch wenn ich eigentlich total erledigt war.
Ich konnte es nicht ändern, mein Körper lechzte … nach Tanzen.
Und wie jeden Tag stand ich widerstrebend auf und zog meine Kleidung zum Joggen an. Und ignorierte damit, was ich eigentlich wirklich begehrte.
Die kühle Frühlingsluft tat mir gut und ich atmete mehrmals beruhigend ein und aus, bevor ich zu rennen begann.
Die wunderschönen Straßen von Portland zogen an mir vorbei, während die Stadt gerade erst am Aufwachen war.
Die ersten Sonnenstrahlen küssten mein Gesicht und augenblicklich musste ich meine Augen zusammenkneifen, weil es viel zu grell war. Und eigentlich war der Wind zu kalt und die Schuhe zu klein. Mein Pferdeschwanz war zu eng, es zog unangenehm an meiner Kopfhaut. Und meine Leggings war unbequem.
Ich begann schneller zu rennen, weil ich all dem entkommen wollte. Dieser Negativität.
Das war ich eigentlich nicht, früher jedenfalls nicht.
Ich war schon immer positiv gewesen, hatte vor Optimismus nur so gestrotzt. Was war nur los mit mir?
Ich rannte immer schneller und schneller, joggen konnte man es schon lange nicht mehr nennen.
Ich spürte jeden Muskel in meinem Körper, doch es war noch nicht genug, würde es nie sein.
Weil es nicht das war, was ich wirklich tun wollte, doch nicht konnte.
Ich rannte fast eine Stunde, keine Ahnung, woher ich diese Ausdauer hatte. Und wieso ich, als ich die Tür zu meinem Haus aufschloss, immer noch Energie hatte.
So konnte ich unmöglich mein Training beenden. Ich würde den ganzen Tag nicht entspannen können.
Also breitete ich in meinem Zimmer meine Yogamatte aus und begann mit Pilates.
Es tat gut, das leichte Ziehen der Muskeln, das kontrollierte, tiefe Atmen. Es war so viel besser als Joggen. Ich hasste Rennen. Pilates war angenehmer, war viel mehr mein Ding, obwohl auch das irgendwie langweilig war. Aber wenigstens konnte ich mich beschäftigen und ich wusste, dass meine Muskeln bald erschöpft waren.
Ich hörte erst auf, als meine Arme unter mir wegknickten und ich mit meinem Gesicht auf der Matte aufschlug. Mittlerweile war die Sonne schon längst aufgegangen und für so ziemlich jeden hatte nun wahrscheinlich auch der Tag gestartet.
Ich blieb noch fast fünf Minuten liegen, bis ich mich aufrappelte und unter die Dusche sprang.
Das Wasser prasselte hart auf meine verspannten Schultern und mir entfuhr ein wohliges Seufzen.
Das Kribbeln hatte aufgehört und ich wusste, dass es erst morgen wieder da sein würde.
Ich hatte nun meine Ruhe für den restlichen Tag.
Beflügelt von diesem Gefühl trat ich aus der Dusche und zog mich hastig an, denn ich wollte dringend etwas essen, mein Magen grummelte schon laut.
Ich machte mir ein Avocado-Toast und verschlang es hastig, während ich meine Nachrichten checkte.
Keine von meinen Eltern. Hätte mich auch gewundert. Wussten sie überhaupt, dass heute mein Geburtstag war? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht hatten sie auch vergessen, dass sie überhaupt eine Tochter hatten.
Jetzt übertreibst du, Paris. Sie sind nur auf Geschäftsreise.
Ja, wie so ziemlich die ganze Zeit. Aber das war schon okay, so hatte ich wenigstens meine Ruhe.
Lüge.
Na gut, es war verdammt einsam. Weil, so traurig es auch klang, ich hatte niemanden außer Mom und Dad. Obwohl, eigentlich hatte ich nicht einmal sie. Wenn ich es mir so recht überlegte, hatte ich sie überhaupt nicht. Kein bisschen. Nada. Niente.
Es interessierte sie nicht, wie es mir ging oder was ich gerade tat. Das Einzige, was ich zu hören bekam, wenn sie sich wieder mal zu Hause blicken ließen, war: «Hast du dich nun schon entschieden, was du studieren willst? Die Zeit drängt, Paris. Du weißt, wir wollen dich nicht unter Druck setzen, wir wollen nur das Beste für dich …» Jaja, das Beste für mich hatten sie noch nie im Sinn gehabt. Nur das, was ihnen gerade in den Kram passte. Es lief immer alles nach ihren Wünschen. Sie setzten sich einfach durch, ohne darauf zu achten, ob sie jemanden verletzten. Ob sie mich verletzten. Und das hatten sie definitiv getan.
Mit einem lauten Bing erschien eine neue Nachricht auf meinem Handy. Ich machte mir gar nicht die Mühe, zu hoffen, denn es waren sowieso nicht meine Eltern.
Es war eine Sprachnachricht von Willow. Na toll.
«Hallo, Geburtstagskind! Bist du bereit für Spaß, Spaß, Spaß? Wir nämlich sowas von. Vorschlag: Wir treffen uns in einer Stunde zum Shoppen in der Stadt, wir suchen uns sexy Kleider heraus und am Abend ist Party angesagt! Klingt wundervoll, nicht wahr? Wir treffen uns vor Chanel, Riri!»
Fassungslos starrte ich auf mein Handy. Nein, nicht fassungslos, denn Willow war immer so, sondern eher angeekelt. Von ihrer hohen Stimme, ihrem Singsang, wenn sie sprach, dem Fakt, dass es mein Geburtstag war und ich nicht entscheiden konnte, was ich tun wollte. Und vor allem dieser Spitzname. Riri.
Es klang bescheuert und passte überhaupt nicht zu mir.
Am liebsten wäre ich einfach nicht gegangen. Ich wäre dann gemütlich zu Hause geblieben und
hätte … ja, was hätte ich? Löcher in die Luft gestarrt?
Vielleicht waren Willow und ihre Schwester Amber doch die bessere Option, auch wenn sie unfassbar anstrengend waren. Und wir uns eigentlich gar nicht mochten. Und trotzdem immer wieder Zeit zusammen verbrachten.
Sie waren das, was Freundinnen am nächsten kam, auch wenn mir bewusst war, dass sie mir in einer schwierigen Situation niemals helfen würden. Sie wären die, die mich vor die Hunde werfen würden, damit sie überleben könnten. Die mir ein Messer in den Rücken rammen würden.
Aber es war okay, weil ich nicht auf sie angewiesen war. Ich brauchte sie nicht. Und trotzdem konnte es ab und zu ganz lustig sein, weshalb ich mich nun aufrappelte und wieder zu meinem Kleiderschrank ging, aber diesmal nicht, um meine bequeme Jogginghose anzuziehen, sondern etwas Anständigeres. Etwas, das mehr Willow- und Amber-mäßig war. Obwohl es nie gut genug für sie sein konnte.
«Riri!» Kotz. «Riri, hier sind wir! Wir waren schon in diesem Laden, das hätte dir sowieso nicht gefallen. Lass dich drücken!»
Ich erstickte. Ernsthaft. Ich erstickte an Willows Parfüm. Es roch wie auf einer Blumenwiese. Mit Blumen, die mit Blumenduft eingesprüht wurden. Anders konnte ich mir die Intensität nicht erklären. Wollte sie mich etwa umbringen?
Als Nächstes zog mich Amber in eine Umarmung. Ihr Duft war kein Stück angenehmer, doch wenigstens kreischte sie nicht ganz so abgedreht wie ihre Zwillingsschwester.
Beide nahmen je eine meiner Hände und zogen mich die Straße entlang.
Ihre glänzenden, schwarzen Haare lagen perfekt, genauso wie ihre Outfits und natürlich trugen sie dasselbe. Sogar dieselben Schuhe. Die übrigens einen mörderischen Absatz hatten.
Beide quasselten mich voll, während wir von Schaufenster zu Schaufenster hasteten. Bei jedem blieben sie kurz stehen, rümpften dann synchron ihre Näschen und zogen mich weiter.
Was mir ehrlich gesagt recht war, denn im Moment befanden wir uns deutlich über meinem Budget.
Über ihrem eigentlich auch, und das war ihnen durchaus bewusst, doch sie taten, als würden ihnen die Kleidungsstücke nicht gefallen, damit sie nicht zugeben mussten, dass ihr Geld dann doch nicht für diese Designerteile reichte. Aber das würden sie natürlich niemals zugeben. Nicht das perfekte Amber-Willow-Zwillings-Duo.
Wir näherten uns nun bei einer angemesseneren Preiskategorie und plötzlich – was ein Wunder – gefielen ihnen die Kleider. Nun begannen wir, die Läden auch zu betreten, anstatt sie nur von außen zu betrachten.
Trotzdem dauerte es eine Ewigkeit, bis wir alle drei fündig wurden.
Drei Kleider, kurze Kleider. Dazu hohe Schuhe.
Würde es nach mir gehen, wäre mein Outfit etwas angemessener und wahrscheinlich sogar stylischer. Weniger eng, weniger provokativ.
Aber es ging hier nicht nach mir. Es war mein Kleid, das mit meinem Geld bezahlt wurde an meinem Geburtstag. Aber schlussendlich hatten Willow und Amber entschieden. Wieso ich das mitmachte? Keine Ahnung. Wirklich, ich wusste es in diesem Moment echt nicht.
Ich wusste überhaupt nichts mehr und das nervte. So sehr.
Wir verließen den Laden, in dem wir unsere Kleider gefunden hatten, und kurz bevor wir aus der Tür traten, warf ich nochmals einen Blick über die Schulter und lächelte die Verkäuferin entschuldigend an. Das war das Mindeste, was ich tun konnte, nachdem sie uns fast eine Stunde aushalten musste.
Wahrscheinlich würde sie sich nie von diesem Schock erholen.
Meine Handgelenke wurden wieder gepackt und ich wurde weitergezogen, bis wir vor einem Café hielten. O nein, ich wusste, was jetzt kommen würde.
«Zeit für Kuuchenn!», quietschte Willow wieder in mein Ohr und Amber kicherte begeistert. Sie waren so, so falsch. Weil niemals würden sie ein Stück Kuchen essen. Diese Kalorien, oh Gott, das wäre zu viel für ihre zierlichen Körper.
Trotzdem betraten wir den Laden und zur Sicherheit warf ich den Angestellten jetzt schon ein entschuldigendes Lächeln zu. Ich hoffte, sie erinnerten sich in fünfzehn Minuten noch daran.
Amber stellte sich vor eine junge Barista und schnippte herrisch mit den Fingern vor ihrem Gesicht herum.
«Wir möchten diesen Tisch da drüben, doch ich sehe von hier schon die Krümel. Kümmern Sie sich darum!»
Schamesröte kroch meinen Hals empor. So konnte man nicht mit jemand anderem sprechen. Die Barista dachte wohl dasselbe, doch sie wehrte sich nicht, sondern machte sich hastig aus dem Staub, um den Tisch zu putzen.
Zufrieden setzten Amber und Willow sich und warteten, bis ich es ihnen gleichtat.
Ihre zuckersüßen Lächeln ekelten mich an.
«Ähm, Speisekarten? Hallo? Hier sind ja nur unqualifizierte Leute angestellt!»
Willow bemühte sich nicht einmal, ihre Stimme zu senken und hastig zischte ich:
«Willow, bitte.»
Ruckartig zog sie ihre perfekten Augenbrauen nach oben, natürlich im Gleichklang mit Amber.
«Ach, Riri, weißt du, man muss durchgreifen können. Wenn man sich nicht wehrt und zeigt, wer hier die Macht hat, steht man plötzlich ohne Plan im Leben, vielleicht sogar ohne Studium! Und wenn man dann an so einem Ort noch arbeitet oder vielleicht sogar in einem Diner, muss man wissen, dass man etwas falsch gemacht hat in seinem Leben.»
Autsch. Autsch. Autsch. Das waren gerade sehr viele Seitenhiebe gewesen. Präzise ausgeführt, danke, Willow. Sie hatte das nicht auf die Angestellten hier bezogen, sondern einzig und allein auf mich.
Aber ich wusste, dass ich das nicht persönlich nehmen durfte. Sie sagten ständig Sachen, die nicht wahr waren. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich behauptet, sie wären eifersüchtig, doch das war völlig unrealistisch.
Sie waren beide puppenähnlich, mit Porzellanhaut und schwarzen Haaren, wie man sie nur auf Pinterest sah. Ich wusste, dass jeder sie schön fand, aber auch nur, wenn man sie nicht kannte.
Sie waren giftig und in meinen Augen durch und durch böse. Sie waren Kobras, vielleicht auch Skorpione. Nein, sie waren irgend so ein Tier, das atemberaubend schön aussah und einen dann ganz schnell töten konnte. So ein Tier gab es sicher. Und sie waren genau das.
Und obwohl sie wirklich hübsch waren, würde ich niemals mit ihnen tauschen. Niemals.
Aber das lag sicherlich nur daran, dass ich ihren Charakter kannte. Hinter die Fassade sehen konnte.
Meistens waren Menschen unfreundlich und gemein, weil sie selbst unter Druck standen oder mit sich selbst nicht zufrieden waren, und dann konnte ich es einer Person gar nicht übel nehmen. Weil sie litten.
Aber Willow und Amber waren einfach von Natur aus so. Es gab für sie keinen Grund, jedenfalls keinen, den ich kannte. Und das ekelte mich an.
Eine andere, ebenfalls eingeschüchterte Barista eilte mit hastigen Schritten zu uns und gab jedem von uns eine Speisekarte. Die von vorhin konnte ich nirgends entdecken. Gut so, jeder sollte sich vor den Zwillingen verstecken.
Den Seitenhieb von Willow hatten die beiden anscheinend schon wieder vergessen, denn sie stürzten sich mit künstlicher Begeisterung auf die verschiedenen Nachspeisen.
Alle paar Sekunden gaben sie einen entzückten Laut von sich und es dauerte geschlagene zwanzig Minuten, bis sie sich entscheiden konnten.
Ich hatte nicht einmal einen Blick in die Speisekarte geworfen, sie würden für mich bestellen. Obwohl sie genau wussten, dass ich Kuchen gar nicht mochte. Aber natürlich nahmen sie keine Rücksicht.
Amber schnippte, wie schon als wir gekommen waren, durch die Luft und hörte erst auf, als die Frau von vorhin an unseren Tisch trat.
«Wir wollen ein extragroßes Stück Schokotorte, dann ein extragroßes Stück von dem, was der dicke Mann da drüben hat, und ein extragroßes Stück von dem Kuchen mit den meisten Kalorien. Das ist doch gut, nicht wahr, Riri? So können wir alles teilen, passt doch wunderbar!»
Für ein paar Sekunden herrschte absolute Stille. Die Barista und ich wussten nicht, was wir sagen sollten, und die beiden Teufel klimperten übertrieben mit ihren Wimpern.
Amber war die Erste, die sich regte. Sie hüstelte und deutete an, dass die junge Frau weiterarbeiten sollte. Diese nickte sofort und entschuldigte sich murmelnd, während sie bereits weglief.
Ja, Süße, lauf weg und tu dir einen Gefallen und komme nie wieder zurück.
Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte, was wahrscheinlich sogar besser war. Ich hätte keinen Ton herausgebracht. So fassungslos war ich.
Willow schien das nicht im Geringsten zu stören und sie begann munter von ihrem letzten Date zu erzählen. Und hörte nicht auf.
Erst als unsere Teller kamen und wirklich, wirklich große Tortenstücke darauf zu sehen waren, verstummte sie.
…
What Was I Made For? – Billie Eilish
Train Wreck – James Arthur
Changes – Hayd
A Little Too Much – Shawn Mendes
Shadow – Livingston
I Lived – OneRepublic
Read All About It, Pt. III – Emeli Sandé
Us – James Bay
Just Give Me a Reason – P!nk, Nate Ruess
Brother – Kodaline
Legends Never Die – League of Legends, Against The Current
This Is the Life – Amy Macdonald
What a Time – Julia Michaels, Niall Horan
Bruises – Lewis Capaldi
Nothing Breaks Like a Heart – Damiano David
still dancing – Henry Moodie
Stargazing – Myles Smith
Dernière Danse – Indila
Radio – Lana Del Rey
Unstoppable – Sia
Kapitel 01
Paris
Fünf
Vier
Drei
Zwei
Eins
Happy Birthday. Gratuliere, Paris. Es fehlte nur noch der Kuchen, die Kerzen, die Geschenke, die Familie, die Freude.
Trocken lachte ich auf. Es war klar gewesen, dass ich allein feiern würde. So wie immer.
Obwohl man das hier nicht wirklich feiern nennen konnte. Musste man zum Feiern nicht einen Grund haben? Und hatte ich einen? Nein, definitiv nicht.
Klar, ein Jahr älter, ein Jahr reifer, aber es änderte nichts an meiner Situation.
Immer noch gleich unwissend wie vor fünf Minuten. Schade, wäre auch zu einfach gewesen, wenn alle Probleme weg gewesen wären. Wenn ich plötzlich wissen würde, was ich wollte, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Weshalb ich überhaupt hier war.
Weil, ganz ehrlich, im Moment fühlte es sich nicht so an, als würde mein Leben irgendwann wieder Sinn ergeben. Als würde ich irgendwann wieder vor Freude durchs Zimmer tanzen können.
Tanzen.
Ein Wort, zwei Silben. So viele Erinnerungen, so viel Schmerz.
Aber auch so viel Leidenschaft, so viele Emotionen, so viel Sinn in meinem Leben.
Vorbei, Paris. Es ist vorbei.
Ich musste endlich damit abschließen. Einen Neuanfang starten. Aber wie verdammt noch mal ging das? Wie fand ich wieder zu mir selbst? Wie fand ich einen Grund zum Weitermachen?
Ich wollte es so unbedingt. Ich wollte nächstes Jahr wieder hier sitzen, vorzugsweise nicht allein, mit einem Plan, einem Ziel, einer Bestimmung.
Ich wollte wieder Paris Edwards sein. Strahlend, leuchtend, glänzend.
So zu leben wie jetzt, fühlte sich einfach nicht gut, nicht richtig an. Ich war zu mehr bestimmt, oder nicht?
Ich musste einfach zu mehr bestimmt sein, ich wollte zu mehr bestimmt sein.
Und ich wusste, dass ich es irgendwann wieder sein würde. Irgendwann, in weiter, nicht greifbarer Zukunft.
Außer ich änderte mich, suchte wieder meinen Glanz, mein Lächeln.
Weil, ganz ehrlich, neunzehn und verlorener als ein Gestrandeter im Amazonas? Auf gar keinen Fall.
Paris musste zurückkehren. In ihrer vollen Pracht. Ich wusste, dass ich das schaffen würde.
Irgendwie. Irgendwann.
Ein unangenehm schriller Ton trällerte lautstark in mein Ohr und seufzend schlug ich die Augen auf. Meine ausgestreckte Hand suchte das Bett neben mir nach meinem Handy ab und sobald ich es gefunden hatte, konnte ich endlich meinen Wecker ausmachen.
Murrend drehte ich mich wieder auf die andere Seite. Ich wollte einfach nur weiterschlafen. Es wartete sowieso niemand unten auf mich, der mir gratulieren könnte. Und außerdem machten sich die fehlenden Stunden Schlaf durch meine Grübeleien bemerkbar. Wunderbar, wirklich toll gemacht, Paris.
Doch mein Plan, einfach noch ein paar Stunden liegenzubleiben, wurde durch meine kribbelnden Beine zunichtegemacht. In mir staute sich wieder diese Energie auf, wie jeden Tag, auch wenn ich es nicht wollte, auch wenn ich eigentlich total erledigt war.
Ich konnte es nicht ändern, mein Körper lechzte … nach Tanzen.
Und wie jeden Tag stand ich widerstrebend auf und zog meine Kleidung zum Joggen an. Und ignorierte damit, was ich eigentlich wirklich begehrte.
Die kühle Frühlingsluft tat mir gut und ich atmete mehrmals beruhigend ein und aus, bevor ich zu rennen begann.
Die wunderschönen Straßen von Portland zogen an mir vorbei, während die Stadt gerade erst am Aufwachen war.
Die ersten Sonnenstrahlen küssten mein Gesicht und augenblicklich musste ich meine Augen zusammenkneifen, weil es viel zu grell war. Und eigentlich war der Wind zu kalt und die Schuhe zu klein. Mein Pferdeschwanz war zu eng, es zog unangenehm an meiner Kopfhaut. Und meine Leggings war unbequem.
Ich begann schneller zu rennen, weil ich all dem entkommen wollte. Dieser Negativität.
Das war ich eigentlich nicht, früher jedenfalls nicht.
Ich war schon immer positiv gewesen, hatte vor Optimismus nur so gestrotzt. Was war nur los mit mir?
Ich rannte immer schneller und schneller, joggen konnte man es schon lange nicht mehr nennen.
Ich spürte jeden Muskel in meinem Körper, doch es war noch nicht genug, würde es nie sein.
Weil es nicht das war, was ich wirklich tun wollte, doch nicht konnte.
Ich rannte fast eine Stunde, keine Ahnung, woher ich diese Ausdauer hatte. Und wieso ich, als ich die Tür zu meinem Haus aufschloss, immer noch Energie hatte.
So konnte ich unmöglich mein Training beenden. Ich würde den ganzen Tag nicht entspannen können.
Also breitete ich in meinem Zimmer meine Yogamatte aus und begann mit Pilates.
Es tat gut, das leichte Ziehen der Muskeln, das kontrollierte, tiefe Atmen. Es war so viel besser als Joggen. Ich hasste Rennen. Pilates war angenehmer, war viel mehr mein Ding, obwohl auch das irgendwie langweilig war. Aber wenigstens konnte ich mich beschäftigen und ich wusste, dass meine Muskeln bald erschöpft waren.
Ich hörte erst auf, als meine Arme unter mir wegknickten und ich mit meinem Gesicht auf der Matte aufschlug. Mittlerweile war die Sonne schon längst aufgegangen und für so ziemlich jeden hatte nun wahrscheinlich auch der Tag gestartet.
Ich blieb noch fast fünf Minuten liegen, bis ich mich aufrappelte und unter die Dusche sprang.
Das Wasser prasselte hart auf meine verspannten Schultern und mir entfuhr ein wohliges Seufzen.
Das Kribbeln hatte aufgehört und ich wusste, dass es erst morgen wieder da sein würde.
Ich hatte nun meine Ruhe für den restlichen Tag.
Beflügelt von diesem Gefühl trat ich aus der Dusche und zog mich hastig an, denn ich wollte dringend etwas essen, mein Magen grummelte schon laut.
Ich machte mir ein Avocado-Toast und verschlang es hastig, während ich meine Nachrichten checkte.
Keine von meinen Eltern. Hätte mich auch gewundert. Wussten sie überhaupt, dass heute mein Geburtstag war? Wahrscheinlich nicht. Vielleicht hatten sie auch vergessen, dass sie überhaupt eine Tochter hatten.
Jetzt übertreibst du, Paris. Sie sind nur auf Geschäftsreise.
Ja, wie so ziemlich die ganze Zeit. Aber das war schon okay, so hatte ich wenigstens meine Ruhe.
Lüge.
Na gut, es war verdammt einsam. Weil, so traurig es auch klang, ich hatte niemanden außer Mom und Dad. Obwohl, eigentlich hatte ich nicht einmal sie. Wenn ich es mir so recht überlegte, hatte ich sie überhaupt nicht. Kein bisschen. Nada. Niente.
Es interessierte sie nicht, wie es mir ging oder was ich gerade tat. Das Einzige, was ich zu hören bekam, wenn sie sich wieder mal zu Hause blicken ließen, war: «Hast du dich nun schon entschieden, was du studieren willst? Die Zeit drängt, Paris. Du weißt, wir wollen dich nicht unter Druck setzen, wir wollen nur das Beste für dich …» Jaja, das Beste für mich hatten sie noch nie im Sinn gehabt. Nur das, was ihnen gerade in den Kram passte. Es lief immer alles nach ihren Wünschen. Sie setzten sich einfach durch, ohne darauf zu achten, ob sie jemanden verletzten. Ob sie mich verletzten. Und das hatten sie definitiv getan.
Mit einem lauten Bing erschien eine neue Nachricht auf meinem Handy. Ich machte mir gar nicht die Mühe, zu hoffen, denn es waren sowieso nicht meine Eltern.
Es war eine Sprachnachricht von Willow. Na toll.
«Hallo, Geburtstagskind! Bist du bereit für Spaß, Spaß, Spaß? Wir nämlich sowas von. Vorschlag: Wir treffen uns in einer Stunde zum Shoppen in der Stadt, wir suchen uns sexy Kleider heraus und am Abend ist Party angesagt! Klingt wundervoll, nicht wahr? Wir treffen uns vor Chanel, Riri!»
Fassungslos starrte ich auf mein Handy. Nein, nicht fassungslos, denn Willow war immer so, sondern eher angeekelt. Von ihrer hohen Stimme, ihrem Singsang, wenn sie sprach, dem Fakt, dass es mein Geburtstag war und ich nicht entscheiden konnte, was ich tun wollte. Und vor allem dieser Spitzname. Riri.
Es klang bescheuert und passte überhaupt nicht zu mir.
Am liebsten wäre ich einfach nicht gegangen. Ich wäre dann gemütlich zu Hause geblieben und
hätte … ja, was hätte ich? Löcher in die Luft gestarrt?
Vielleicht waren Willow und ihre Schwester Amber doch die bessere Option, auch wenn sie unfassbar anstrengend waren. Und wir uns eigentlich gar nicht mochten. Und trotzdem immer wieder Zeit zusammen verbrachten.
Sie waren das, was Freundinnen am nächsten kam, auch wenn mir bewusst war, dass sie mir in einer schwierigen Situation niemals helfen würden. Sie wären die, die mich vor die Hunde werfen würden, damit sie überleben könnten. Die mir ein Messer in den Rücken rammen würden.
Aber es war okay, weil ich nicht auf sie angewiesen war. Ich brauchte sie nicht. Und trotzdem konnte es ab und zu ganz lustig sein, weshalb ich mich nun aufrappelte und wieder zu meinem Kleiderschrank ging, aber diesmal nicht, um meine bequeme Jogginghose anzuziehen, sondern etwas Anständigeres. Etwas, das mehr Willow- und Amber-mäßig war. Obwohl es nie gut genug für sie sein konnte.
«Riri!» Kotz. «Riri, hier sind wir! Wir waren schon in diesem Laden, das hätte dir sowieso nicht gefallen. Lass dich drücken!»
Ich erstickte. Ernsthaft. Ich erstickte an Willows Parfüm. Es roch wie auf einer Blumenwiese. Mit Blumen, die mit Blumenduft eingesprüht wurden. Anders konnte ich mir die Intensität nicht erklären. Wollte sie mich etwa umbringen?
Als Nächstes zog mich Amber in eine Umarmung. Ihr Duft war kein Stück angenehmer, doch wenigstens kreischte sie nicht ganz so abgedreht wie ihre Zwillingsschwester.
Beide nahmen je eine meiner Hände und zogen mich die Straße entlang.
Ihre glänzenden, schwarzen Haare lagen perfekt, genauso wie ihre Outfits und natürlich trugen sie dasselbe. Sogar dieselben Schuhe. Die übrigens einen mörderischen Absatz hatten.
Beide quasselten mich voll, während wir von Schaufenster zu Schaufenster hasteten. Bei jedem blieben sie kurz stehen, rümpften dann synchron ihre Näschen und zogen mich weiter.
Was mir ehrlich gesagt recht war, denn im Moment befanden wir uns deutlich über meinem Budget.
Über ihrem eigentlich auch, und das war ihnen durchaus bewusst, doch sie taten, als würden ihnen die Kleidungsstücke nicht gefallen, damit sie nicht zugeben mussten, dass ihr Geld dann doch nicht für diese Designerteile reichte. Aber das würden sie natürlich niemals zugeben. Nicht das perfekte Amber-Willow-Zwillings-Duo.
Wir näherten uns nun bei einer angemesseneren Preiskategorie und plötzlich – was ein Wunder – gefielen ihnen die Kleider. Nun begannen wir, die Läden auch zu betreten, anstatt sie nur von außen zu betrachten.
Trotzdem dauerte es eine Ewigkeit, bis wir alle drei fündig wurden.
Drei Kleider, kurze Kleider. Dazu hohe Schuhe.
Würde es nach mir gehen, wäre mein Outfit etwas angemessener und wahrscheinlich sogar stylischer. Weniger eng, weniger provokativ.
Aber es ging hier nicht nach mir. Es war mein Kleid, das mit meinem Geld bezahlt wurde an meinem Geburtstag. Aber schlussendlich hatten Willow und Amber entschieden. Wieso ich das mitmachte? Keine Ahnung. Wirklich, ich wusste es in diesem Moment echt nicht.
Ich wusste überhaupt nichts mehr und das nervte. So sehr.
Wir verließen den Laden, in dem wir unsere Kleider gefunden hatten, und kurz bevor wir aus der Tür traten, warf ich nochmals einen Blick über die Schulter und lächelte die Verkäuferin entschuldigend an. Das war das Mindeste, was ich tun konnte, nachdem sie uns fast eine Stunde aushalten musste.
Wahrscheinlich würde sie sich nie von diesem Schock erholen.
Meine Handgelenke wurden wieder gepackt und ich wurde weitergezogen, bis wir vor einem Café hielten. O nein, ich wusste, was jetzt kommen würde.
«Zeit für Kuuchenn!», quietschte Willow wieder in mein Ohr und Amber kicherte begeistert. Sie waren so, so falsch. Weil niemals würden sie ein Stück Kuchen essen. Diese Kalorien, oh Gott, das wäre zu viel für ihre zierlichen Körper.
Trotzdem betraten wir den Laden und zur Sicherheit warf ich den Angestellten jetzt schon ein entschuldigendes Lächeln zu. Ich hoffte, sie erinnerten sich in fünfzehn Minuten noch daran.
Amber stellte sich vor eine junge Barista und schnippte herrisch mit den Fingern vor ihrem Gesicht herum.
«Wir möchten diesen Tisch da drüben, doch ich sehe von hier schon die Krümel. Kümmern Sie sich darum!»
Schamesröte kroch meinen Hals empor. So konnte man nicht mit jemand anderem sprechen. Die Barista dachte wohl dasselbe, doch sie wehrte sich nicht, sondern machte sich hastig aus dem Staub, um den Tisch zu putzen.
Zufrieden setzten Amber und Willow sich und warteten, bis ich es ihnen gleichtat.
Ihre zuckersüßen Lächeln ekelten mich an.
«Ähm, Speisekarten? Hallo? Hier sind ja nur unqualifizierte Leute angestellt!»
Willow bemühte sich nicht einmal, ihre Stimme zu senken und hastig zischte ich:
«Willow, bitte.»
Ruckartig zog sie ihre perfekten Augenbrauen nach oben, natürlich im Gleichklang mit Amber.
«Ach, Riri, weißt du, man muss durchgreifen können. Wenn man sich nicht wehrt und zeigt, wer hier die Macht hat, steht man plötzlich ohne Plan im Leben, vielleicht sogar ohne Studium! Und wenn man dann an so einem Ort noch arbeitet oder vielleicht sogar in einem Diner, muss man wissen, dass man etwas falsch gemacht hat in seinem Leben.»
Autsch. Autsch. Autsch. Das waren gerade sehr viele Seitenhiebe gewesen. Präzise ausgeführt, danke, Willow. Sie hatte das nicht auf die Angestellten hier bezogen, sondern einzig und allein auf mich.
Aber ich wusste, dass ich das nicht persönlich nehmen durfte. Sie sagten ständig Sachen, die nicht wahr waren. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte ich behauptet, sie wären eifersüchtig, doch das war völlig unrealistisch.
Sie waren beide puppenähnlich, mit Porzellanhaut und schwarzen Haaren, wie man sie nur auf Pinterest sah. Ich wusste, dass jeder sie schön fand, aber auch nur, wenn man sie nicht kannte.
Sie waren giftig und in meinen Augen durch und durch böse. Sie waren Kobras, vielleicht auch Skorpione. Nein, sie waren irgend so ein Tier, das atemberaubend schön aussah und einen dann ganz schnell töten konnte. So ein Tier gab es sicher. Und sie waren genau das.
Und obwohl sie wirklich hübsch waren, würde ich niemals mit ihnen tauschen. Niemals.
Aber das lag sicherlich nur daran, dass ich ihren Charakter kannte. Hinter die Fassade sehen konnte.
Meistens waren Menschen unfreundlich und gemein, weil sie selbst unter Druck standen oder mit sich selbst nicht zufrieden waren, und dann konnte ich es einer Person gar nicht übel nehmen. Weil sie litten.
Aber Willow und Amber waren einfach von Natur aus so. Es gab für sie keinen Grund, jedenfalls keinen, den ich kannte. Und das ekelte mich an.
Eine andere, ebenfalls eingeschüchterte Barista eilte mit hastigen Schritten zu uns und gab jedem von uns eine Speisekarte. Die von vorhin konnte ich nirgends entdecken. Gut so, jeder sollte sich vor den Zwillingen verstecken.
Den Seitenhieb von Willow hatten die beiden anscheinend schon wieder vergessen, denn sie stürzten sich mit künstlicher Begeisterung auf die verschiedenen Nachspeisen.
Alle paar Sekunden gaben sie einen entzückten Laut von sich und es dauerte geschlagene zwanzig Minuten, bis sie sich entscheiden konnten.
Ich hatte nicht einmal einen Blick in die Speisekarte geworfen, sie würden für mich bestellen. Obwohl sie genau wussten, dass ich Kuchen gar nicht mochte. Aber natürlich nahmen sie keine Rücksicht.
Amber schnippte, wie schon als wir gekommen waren, durch die Luft und hörte erst auf, als die Frau von vorhin an unseren Tisch trat.
«Wir wollen ein extragroßes Stück Schokotorte, dann ein extragroßes Stück von dem, was der dicke Mann da drüben hat, und ein extragroßes Stück von dem Kuchen mit den meisten Kalorien. Das ist doch gut, nicht wahr, Riri? So können wir alles teilen, passt doch wunderbar!»
Für ein paar Sekunden herrschte absolute Stille. Die Barista und ich wussten nicht, was wir sagen sollten, und die beiden Teufel klimperten übertrieben mit ihren Wimpern.
Amber war die Erste, die sich regte. Sie hüstelte und deutete an, dass die junge Frau weiterarbeiten sollte. Diese nickte sofort und entschuldigte sich murmelnd, während sie bereits weglief.
Ja, Süße, lauf weg und tu dir einen Gefallen und komme nie wieder zurück.
Ich wusste immer noch nicht, was ich sagen sollte, was wahrscheinlich sogar besser war. Ich hätte keinen Ton herausgebracht. So fassungslos war ich.
Willow schien das nicht im Geringsten zu stören und sie begann munter von ihrem letzten Date zu erzählen. Und hörte nicht auf.
Erst als unsere Teller kamen und wirklich, wirklich große Tortenstücke darauf zu sehen waren, verstummte sie.
…

