Blutballaden

Blutballaden

Tobias Pamer


EUR 16,90
EUR 10,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 268
ISBN: 978-3-99038-912-6
Erscheinungsdatum: 21.04.2015
Konrad von Gebratstein gilt als bester Schwertkämpfer des Landes. An der Seite des mächtigen Ulrich von Starkenberg führt er ein angenehmes Leben. Doch als die Appenzeller einfallen und der Adel sich in Fehden bekriegt, versinkt Tirol im Chaos. Konrad muss zum Schwert greifen. Die Blutballade wird angestimmt!
Prolog

Wölfe jagen im Rudel. Sie schlagen rasch und hart zu und ziehen sich anschließend eilig wieder zurück. Sie umkreisen den Gegner, sie stoßen ihre scharfen Zähne in das Fleisch der Beute und reißen so lange daran, bis das Tier verendet. Ebenso verhält sich der Krieger im Kampf. Mein Name ist Konrad. Mein Banner ist der Wolf. Ich bin ein Ritter, wenn dieses Wort heute auch nicht mehr allzu viel bedeuten mag. Ich bin der Sohn Wilhelms III. von Gebratstein Truchsess und Krieger unter Fürst Ulrich von Starkenberg und loyaler Ritter des Landes Tirol. Bis vor Kurzem, denn Tirol steht am Abgrund. Aufrührerische Landsknechte, ein Machtkampf der Ritter untereinander und Zwietracht haben dieses Land zerrissen. Freunde werden zu Feinden, Kriege bestimmen den Alltag und Feuer überzieht das Land. Was ist der mächtigste Wolf ohne sein Rudel? Ein Fürst ohne Soldaten? Ein Ritter ohne seine Waffenbrüder? Schon bald werden unsere Namen vergessen sein. Ausgelöscht und getilgt aus den Annalen dieses Landes. Denn der Wolf hat gejagt, er hat Schafe gerissen, sich dem Bären entgegengestellt und verloren …


Kapitel 1
Der Anfang vom Ende/?Burg Starkenberg/1423

Es krachte. Ich erwachte im Dunkel meiner Kammer. Donner hallte in meinen Ohren. Es toste derart, als würde der Himmel auf uns herabstürzen. Ich sprang aus meinem Bett in der oberen Wohnkaserne und suchte in der von nur zwei Fackeln beleuchteten Finsternis meine Kleider zusammen. Gerade als ich die letzte Gürtelschlaufe zuzog, öffnete sich die große, kohlrabenschwarze Eisentür der Kaserne und mein Knappe Phillip stürmte herein. Schweißgebadet und völlig außer Atem hielt er mir mein Schwert hin, welches ich auf den lateinischen Namen „Redemptor“, also Erlöser, getauft habe, und wollte gerade das Wort an mich richten. Doch bevor er die Chance erhielt, rannte ich bereits an ihm vorbei. Ich lief in vollem Sprint über den Burghof. Vorbei an den Stallungen und der Schmiede, in welcher noch die letzten Funken der Kohlen wie glühende Nadelstiche aufleuchteten. Entlang der Zisterne und der Kapelle, die dem Heiligen Georg und der Heiligen Margarethe gewidmet war, stolperte ich über eine Wurzel, rappelte mich wieder auf, stieß einen kurzen Fluch aus und hastete weiter durch die von Feuerstellen durchstoßene Finsternis. Erst vor dem großen Burgfried hielt ich kurz an, um noch einmal rasch zu Atem zu kommen. Erneut donnerte es, obwohl sich mir ein sternenklarer Nachthimmel präsentierte. Gerade als ich dachte, ich müsste mich getäuscht haben, prallte etwas mit voller Wucht und laut krachend gegen die östliche Burgmauer. Männer schrien. Erst jetzt begann ich meine nähere Umgebung genauer in Augenschein zu nehmen und sah, dass sich sämtliche Waffenknechte in voller Rüstung samt Waffen auf der Burgmauer befanden. Eine plötzlich auf mich zukommende Gestalt riss mich aus meinen Gedanken. Ich wollte schon mein Schwert heben, um zum Schlag auszuholen, da bemerkte ich, dass es der Hauptmann der Wache war. Blutverschmiert salutierte er und deutete mir ihm zu folgen. Wir erklommen, halb hüpfend, halb rennend die Wendeltreppe des gewaltigen Turms, bis wir die oberste Wehrplattform erreichten. Dort angekommen bot sich mir ein Anblick, welcher sich unwiderruflich in mein Gedächtnis einbrannte und mich noch heute verfolgt.
Wohin ich auch sah, alles war umgeben von Flammen. Hinter dem Inferno, welches nahezu den halben Wald und das angrenzende Dorf einschloss, ungefähr 800 Fuß von der Festung entfernt, standen Hunderte, ja Tausende von Soldaten, alle in Waffen und Rüstung und gekleidet in den Farben des Herzogs. Der Herzog. Natürlich! Mit einem Mal wurde mir alles klar, doch noch bevor ich sprechen konnte, um meiner aufkeimenden Wut Luft zu verschaffen, betrat unser Herr den Burgfried. Er war prächtig anzusehen in seiner mit Silber und Gold geschmückten Rüstung und dem großen, prächtigen Langschwert an seiner Seite. Unser Herr, Fürst Ulrich von Starkenberg. Sohn des großen Sigmund und Herrscher des Tiroler Oberlandes. Er war, wie an seinem ruhigen Gesichtsausdruck abzulesen war, der Einzige, welcher mit der momentanen Situation nicht völlig überfordert war. Sofort befahl er dem Hauptmann der Wache, sich mit all seinen Männern am Haupttor zu sammeln. Gebannt starrte er in die grellen Flammen, welche sich tausendfach in den Harnischen und Waffen des Feindes spiegelten und einen gespenstischen, ja teuflischen Eindruck machten. Erst jetzt bemerkte er, dass auch ich zugegen war. Langsam trat er auf mich zu und versuchte sich ein Lächeln abzuringen: „Konrad, unsere schlimmsten Befürchtungen sind wahr geworden, was?“ Ich erwiderte seinen Blick. Mir muss das Entsetzen im Gesicht gestanden haben. „Wie konnte uns das Vorrücken des Herzogs entgehen? Wie konnte er sein gesamtes Heer hier im Gurgltal zusammenziehen, ohne dass wir es bemerkten?“ Der Fürst seufzte. „Wir waren zu unvorsichtig, mein Freund. Es scheint, als hätten die Tiroler Ritter den Kampf gegen den Habsburger endgültig verloren und nun will er uns eine Lektion erteilen. Doch noch sind wir nicht geschlagen!“ Ulrich drehte sich um seine eigene Achse. „Wie viele Männer haben wir in der Feste?“, fragte er schließlich. „50, vielleicht 60“, erwiderte ich. „Wir waren auf diese Attacke nicht vorbereitet, ohne Verstärkung aus den anderen Burgen des Fürstentums können wir dieser Übermacht nicht standhalten!“
Doch anstelle einer Antwort von Ulrich donnerte es erneut, als täten sich die Tore der Hölle auf und wahrlich, ich sah uns bereits vor dem Henker in Innsbruck knien, in Ketten und den Schmährufen der Bürger und Bauern ausgesetzt. Noch während ich diese grässlichen Bilder vor meinem inneren Auge vorbeiziehen sah, betrat Wilhelm, der Bruder meines Herrn und Burgherr zu Greifenstein, die Wehrplattform und deutete in Richtung der feindlichen Truppen, doch in seinen Augen war nicht die Ruhe und Vorsicht Ulrichs zu sehen, sondern Tollheit. Er trat an uns heran und richtete, ohne mich zur Kenntnis zu nehmen, das Wort an seinen Bruder. „Ulrich, nun ist es so weit! Nun endlich ist der Tag unseres Sieges gekommen! Lass uns unsere Ritter vor dem Tor sammeln und zum Sturm blasen! Es wird Zeit, dass wir die Herren Tirols werden!“ Der mächtige Starkenberger drehte sein Gesicht langsam aus den zuckenden Schatten, welche die Flammen an die Mauern warfen, und sah seinem Bruder in die Augen. „Hast du den Verstand verloren, Wilhelm? Du willst zum Sturm auf die herzoglichen Truppen blasen? Dann tue dies, allerdings ohne meine Männer! Das ist Tollheit, Bruder. Mit keinen einhundert Mann gegen mehr als tausend? Zudem haben sie diese neumodischen Waffen aus Mailand, diese … Kanonen, wenn ich mich recht entsinne. Metallrohre, welche riesige Steinkugeln verschießen. Schneller und weiter als jedes Katapult.“
Das war also dieses unablässige Donnern, dachte ich mir. Während die beiden nicht mehr ganz jungen Burgherren zu streiten begannen, brachte mein Knappe Phillip meine Rüstung, welche zwar lange nicht so prächtig und ansehnlich wie die von Ulrich war, mir jedoch schon vielfach treue Dienste geleistet hatte und der ich mehrfach mein Überleben zu verdanken hatte. Es dauerte seine Zeit, bis ich in voller Montur war, nur den Visierhelm behielt ich noch in der Hand, um besser sehen zu können. Mein rechter Handschuh war ein wenig demoliert und ich erinnerte mich, dass ich den Schmied um eine Reparatur gebeten hatte. ‚Sei’s drum!‘, dachte ich mir. Wilhelm hatte inzwischen wohl eingesehen, dass ein frontaler Angriff auf die herzoglichen Truppen unser Ende bedeuten würde, denn er zog sich zurück. Vielleicht wollte er auch nur selbst seine Rüstung anlegen, um neben seinem älteren Bruder als ebenbürtig angesehen zu werden, denn obwohl beide gute Kämpfer waren, wusste jeder auf der Burg, dass Ulrich die Befehlsgewalt innehatte. Wilhelm war zu hitzköpfig, zu unbesonnen, stets nur auf Kämpfen aus. Vielleicht deshalb oder gerade deswegen brannte er darauf, in die Schlacht zu reiten, um seinen Ruf zu nähren. Da kam der verhasste Herzog gerade recht. Doch Ulrich ließ sich nicht aus der Fassung bringen. Er behielt wie immer den Überblick und befahl mir auch jetzt in ruhigem, aber doch strengem Ton, die restlichen Ritter am Tor zu versammeln. Ich verneigte mich und schritt eilig die Wendeltreppe des Turmes hinab. Eine knappe Stunde später waren alle entbehrlichen Männer an Ort und Stelle. Ich stieg gerade in den Sattel meines Hengstes, als Ulrich schweren Schrittes neben seinen Bruder trat, welcher inzwischen ebenfalls seine Kriegsmontur angelegt hatte, um uns seinen Plan zu erklären. Er winkte mich zu sich und ich gehorchte, stieg erneut vom Pferd und stellte mich neben meinen Freund und Herrn, welchen ich einst schwor zu dienen und zu schützen. „Männer!“, brüllte er so laut er nur konnte, „wir sind heute nicht hier, um zu sterben! Wir sind nicht hier, weil wir etwas verbrochen haben. Wir stehen hier, weil der Herzog uns den Krieg erklärt hat und weil er trotz Bann des Kaisers zu Unrecht unsere Rechte beschneiden will.“ Er hielt inne, als die Explosion einer Kanone ertönte. Als der Schall verebbte, erhob er erneut die Stimme. „Wir sind im Recht, wir haben das Reich und den Papst auf unserer Seite. Wir werden die Burg halten und den Habsburger zwingen, sich dem Kaiser zu fügen!“
Trotz des Jubels der Ritter und Waffenknechte war wohl jedem klar, dass die Burg kaum zu halten war. Mit maximal sechzig Mann gegen mehr als eintausend Krieger? Unsere Chancen standen schlecht, aber wir hatten keine Zeit, um darüber nachzudenken, denn die Truppen des Herzogs marschierten auf. Kriegstrommeln waren zu hören, die Spottrufe der Soldaten und das ununterbrochene Grollen der Kanonen. Der Hauptmann der Wache stand auf dem Wehrgang mit den wenigen Armbrustschützen, die wir aufbieten konnten, und ließ den Feind so gut es ging unter Beschuss nehmen. Die Geschütze des Herzogs schossen inzwischen unermüdlich auf unser Tor, die verwundbarste Stelle einer jeden Festung. Als Anführer der Starkenbergerischen Infanterie unterstand mir der größte Teil der Truppen, rund siebenunddreißig Mann. Wilhelm, an der Seite Ulrichs, befehligte die berittenen Streitkräfte, allerdings waren zu dieser Zeit nur wenige Ritter auf Starkenberg und so bestand die Kavallerie nur aus Ulrichs Haustruppe mit insgesamt zehn Reitern.
Die Anspannung war wahrlich enorm. Mehrere Männer übergaben sich oder hatten ihre Blase nicht mehr unter Kontrolle angesichts des Lärms und des bevorstehenden Gemetzels. Plötzlich barst das große Tor und unter krachendem Getöse brach es in sich zusammen, gefolgt von mehreren Steingeschossen, von welchem eines vier Männer erschlug, bevor es einen Krater ziehend im Erdreich stecken blieb. Dann kamen sie. Zu je fünf Mann sprangen die herzoglichen Truppen über die Trümmer und der Kampf begann. Ich stand mit meinen Fußtruppen in der vordersten Reihe. Die ersten Männer des Herzogs stürmten ungeordnet auf uns zu. Brüllend und siegessicher. Ein Fehler! Ich fühlte eine Klinge meinen Brustharnisch entlangkratzen, doch der Stahl hielt stand. Sogleich packte ich den Mann am Handgelenk und stieß ihm meine Klinge in die Schulter. Schilde waren Relikte vergangener Tage. Jene Ritter, die sich einen kompletten Plattenharnisch leisten konnten, hatten keinen Schild mehr nötig. Nur beim einfachen Fußvolk kamen sie vereinzelt noch zur Verwendung. Laut schreiend fiel der Verwundete vor mir zu Boden, wo ihn ein Kämpfer zu meiner Linken mit einer Hellebarde erstach. Ein weiterer Feind rannte herbei. Versuchte mich am Kopf zu treffen, aber ich parierte seinen Schlag mit dem Schwert und schlug ihm meinen eisernen Plattenhandschuh ins Gesicht. Blut rann ihm aus der Wunde und er taumelte einen Schritt zurück, bevor ich ihm den Erlöser in den Schlund rammte. Er stürzte rücklings auf seine bereits toten Kameraden und zuckte Blutblasen spuckend. Der Soldat zu meiner Rechten wurde von einem Pfeil in die Kehle schwer verletzt, doch sofort rückten meine Männer nach, um die Lücke zu schließen. Ich nahm einen Speer vom Boden auf und warf ihn so fest ich nur konnte in Richtung Feind. Allerdings ist so etwas in voller Rüstung nicht gerade einfach, deshalb blieb er gute vier Fuß vor ihnen im Boden stecken. Nichtsdestotrotz war bereits ein gutes Duzend der feindlichen Männer gefallen oder lag im Sterben, doch unaufhörlich drangen Männer durch die Bresche. Dieses Mal jedoch vorsichtiger. Sie hatten bemerkt, dass sie es hier mit kampferprobten Veteranen zu tun hatten, und rückten nur noch langsam in geschlossener Linie gegen uns vor. Mit ihren langen Lanzen und Hellebarden versuchten sie uns auf Abstand zu halten. Doch da es unablässig Steine und Armbrustbolzen von der Wehrmauer auf sie herabregnete, klafften immer wieder Lücken in ihrer Formation auf und es gelang uns, sie direkt im engen Vorhof zusammenzupferchen, da immer mehr Männer des Herzogs nachdrängten. Ich hieb und schlug wie wild auf sie ein. Ein Mann mit Eisenhut und bärtigem Gesicht beschimpfte mich als Sohn einer Hure, als ich ihm mein Schwert in den Schritt stieß. Gleich darauf verwandelten sich seine Beschimpfungen in einen grellen Schrei und ich trieb mein Schwert nach oben, um ihn von der Hüfte bis zum Brustkorb aufzuschlitzen. Nach einer scheinbar ewig andauernden Stunde zogen sich die Angreifer vorerst vor die Burg zurück. Wir konnten uns allerdings keine Verschnaufpause gönnen, denn nun donnerten erneut die Geschosse der Kanonen gegen die Mauer, um die Bresche zu verbreitern. Als Schutz warfen wir ihre Toten vor das zerstörte Tor, um eine Art Wall zu bilden, welcher sie behindern sollte, sobald sie erneut vorstürmen würden. Obwohl wir gute vierzig Männer des Feindes erschlagen hatten, mussten wir mit siebzehn Toten doch die schlimmeren Verluste beklagen, denn wir waren nur wenige Kämpfer. Friedrich von Habsburg hatte jedoch die große Übermacht und konnte jederzeit Verstärkung heranschaffen. Wir rechneten schon mit einem erneuten Angriff, als ein Unwetter aufzog. So klar der Himmel noch in der morgendlichen Dämmerung war, so finster und schwarz kam er mir nun vor. Ich suchte Schutz unter dem Vordach der Schmiede. Meine Augen wanderten über den Burghof und blieben bei der Kapelle hängen. ‚Oh Gott, Allmächtiger, wie sollen wir hier nur als Sieger hervorgehen?‘, dachte ich mir und meine Hand streifte das silberne Kruzifix, welches stets um meinen Hals hing. Gegen Mittag kam Phillip, mein Knappe, mit dem Befehl von Ulrich, dass sich alle Ritter im Rittersaal einzufinden hätten. Also marschierten wir, alle schlamm- und blutbefleckt und durchnässt hinüber zum Palas.
Der Rittersaal befand sich im ersten Stockwerk. Ich war der Erste, der durch die Tür schritt, gefolgt von den anderen Rittern im Dienste der Starkenberger. Ich hatte den Raum immer gemocht. Schon als Kind konnte ich stundenlang die Fresken der großen Tiroler Ritter betrachten und immer wieder fand ich etwas Neues darin. Eine große Feuerstelle befand sich in der Mitte des Raumes, um welche große Eichentische aufgereiht wurden. Mehrere Diener waren damit beschäftigt, ein Feuer zu entfachen, um es zumindest erträglich warm zu machen. Der Letzte, der den Saal betrat, war schließlich Ulrich selbst. Sein ansonsten so glänzendes, blondes Haar war schweißverklebt und hing ihm in Strähnen ins Gesicht. Er sprach nicht lang drum herum, sondern legte sofort den Finger in die Wunde: „Was können wir tun? Wie sollen wir weiter vorgehen, Männer? Wie um Gottes Willen sollen wir nur standhalten?“ Viele der Ritter waren verwundert, sie hatten angenommen, dass Ulrich nach wie vor Herr der Lage sei, doch es hatte den Anschein, als sei auch er mit seinen Kräften am Ende. Ich war der Erste, der den Mut aufbrachte zu antworten: „Mein Herr, wir haben uns tapfer geschlagen, aber lange können wir die Burg nicht mehr halten, wir haben einfach zu wenig Männer. Wenn es dem Habsburger gelingt, mit seinen Geschützen eine zweite Bresche in die Mauer zu jagen, werden wir von Feinden eingekreist und einer nach dem anderen wird von ihnen abgeschlachtet werden.“ Ulrich schaute starr zu Boden. „Was schlägst du also vor, Konrad?“, fragte er schließlich. „Meinem Erachten nach wäre es das Klügste, Verhandlungen mit dem Herzog einzuleiten und zu versuchen einen Waffenstillstand auszuhandeln“, meinte ich niedergeschlagen. Noch bevor ich diese Worte ausgesprochen hatte, wusste ich, wie naiv sie waren. Niemals würde sich der Herzog seinen fast schon errungenen Sieg durch einen Waffenstillstand streitig machen lassen, doch ich hatte die Befürchtung, dass sich einige der Ritter gegen Ulrich richten könnten oder gar bestochen wurden, um ihn an den Habsburger auszuliefern, in der Hoffnung selbst verschont, ja vielleicht sogar noch belohnt zu werden. Kaum schossen mir diese Gedanken in den Kopf, blickte ich in die Runde meiner Waffenbrüder und legte instinktiv meine Hand um das Heft meines Schwertes. Als ob jemand meinen Gedanken laut ausgesprochen hätte, zogen plötzlich drei der neun Männer im Raum ihre Waffen und richteten sie drohend in Ulrichs Richtung. „Der Herr Konrad hat recht. Eine Kapitulation ist das Einzige, was uns rettet!“, raunte Roland von Wolfthurn, ein Ritter im Dienste Starkenbergs und wedelte mit seiner Klinge. Als sofortige Gegenreaktion zogen Wilhelm, ein Ritter der Leibwache und Jugendfreund namens Karl von Runkelstein und ich unsere Schwerter und schoben uns vor Ulrich, welcher sich, zuvor sitzend, nun erhoben hatte. Nur zwei der zehn anwesenden Männer trugen keine Waffen und so standen den drei Verrätern die doppelte Anzahl Bewaffneter gegenüber, von welchen jedoch nur wir drei unsere Waffen gezogen hatten. Trotz der Anspannung im Raum blieben die jeweiligen Parteien auf Abstand zueinander. Ulrich, welcher bisher kein Wort von sich gegeben hatte, erkannte wohl die Ausweglosigkeit der Situation, sank in seinen Stuhl zurück und bedeutete uns mit einer Handbewegung die Waffen wegzustecken. Die Hände vor dem Gesicht, wie zum Gebet gefaltet, bemerkte er mit leiser, flacher, ja fast trauriger Stimme: „Mein Großvater, der mächtige Johann von Starkenberg, meinte einmal: Nun ist es so weit gekommen, dass ich nicht mehr alle meine Eigenleute kenne. Ich muss hier nun vor euch stehen und bekenne mich, dass ich nicht mehr alle meine Feinde kenne. Ich werde die Kapitulation morgen unterzeichnen. Schickt einen Boten zu Herzog Friedrich und sagt ihm, ich bräuchte einen Tag Bedenkzeit.“ Daraufhin steckten auch die drei Verräter ihre Waffen weg und wortlos verließen alle Ritter den Raum. Alle bis auf Ulrich, Wilhelm, Karl und mich. Fassungslos standen wir im Kreis um den großen Burgherrn, nicht imstande ein Wort herauszubringen. Nach einigen langen Sekunden war Ulrichs Bruder Wilhelm der Erste, der wieder klar denken konnte. Kopfschüttelnd redete er auf Ulrich ein, der immer noch in derselben Position da saß, mit gefalteten Händen vor dem Gesicht und gesenktem Kopf vor sich hin starrend. „Das kann doch wohl kaum dein Ernst sein, Bruder! Du willst aufgeben? Du willst all das an den Habsburger verlieren, was unsere Vorfahren aufgebaut haben?“, herrschte er seinen Bruder an. „Wilhelm, so sieh es doch ein. Was soll ich denn noch machen?“, erwiderte Ulrich schroff. „Wir haben keine Verbündeten mehr, die noch kämpfen können! Sogar die mächtigen Rottenburger und der Elefantenbund verloren in der Schlacht gegen den Habsburger. Selbst meine Ritter, welche seit jeher mit mir kämpften und mir ihren Eid schworen, wenden sich gegen mich oder schauen weg, wenn andere es tun. Wir haben keine andere Wahl. Ich werde schon darum bitten, dass man dich verschont.“ „Darum geht es nicht! Es geht um unsere verbrieften Rechte! Wir sind dem Herzog nicht Untertan und nur dem Kaiser schulden wir Treue! Wir sind die letzte Bastion, die den Tiroler Adeligen noch bleibt. Wenn wir aufgeben, ist all das verloren, worum unser Vater und unser Großvater gekämpft haben. Dann ist alles verloren, worum alle Ritter Tirols fochten!“ Damit hatte Wilhelm eindeutig recht, denn die Starkenberger waren die letzte große Gegenmacht zur Landesherrschaft der Habsburger. Würden wir fallen, hätte Herzog Friedrich gesiegt. Gekämpft wurde ja vor allem, weil der Herzog die Rechte der Bürger und Bauern aufwerten wollte und dadurch die verbrieften Privilegien des Tiroler Adels beschnitt. test
5 Sterne
Die vergessene Zeit - 18.12.2015

Das Buch bringt Licht in eine vergessene Zeit unserer Geschichte, auf eine spannend Art!

3 Sterne
Blutballaden Tobias Pamer - 03.11.2015
Karl Krachler

Ich will dem Autor behilflich sein mit meiner Kritik. Und zwar sind einige grundlegende Dinge zu beachten.Text: nach jedem Gedankengang einen Absatz. So ist es sehr ermüdend, das Buch zu lesen.Dialoge: das "Du-Wort" gab es ím Mittelalter nicht.Die Dialoge sind falsch (22), im Mittelalter gab es kein "Du-" sondern die Person wurde je nach ihrem Stand angesprochen. "Ei, schauet nur diese Pracht! Habet Ihr Eure Wahl schon getroffen? Bedürfet Ihr eines Rates? Wünschet Ihr noch einen weiteren Trunk?"Weiters wurde der Kunjunktiv genützt und in der 3. Person gesprochen. Besonders in Adelskreisen war dies üblich. Mein Großvater hat noch den Fürst Khevenhüller mit "Durchlaucht" angesprochen, und dieser hat in 3. Person geantwortet, "..will Er jetzt die Bäume setzen im Burggarten?"Es wurden Höflichkeitsformeln eingewebt, wie "Gott zum Gruße, Gehabt Euch wohl. Edler Recke, wertes Fräulein so seid bedankt.""Tretet herein, seid mir willkommen", "Fahret wohl, gehabt euch wohl!" Verfeinern der Anrede wurde als Höflichkeit gefordert.Seite24: um Gottes Willen, in der Renaissance gab es keine Goldfiguren und Messingbehälter und Kerzenleuchter in der Kirche, auch keine Kirchenfenster aus buntem Glas. Das sind alles Dinge des Barock, 300 Jahre später.Die Kavallerie gab es im 14. Jh. nicht. Es gab Reiter, jedoch nur zu Demonstrations-Zwecken, wie bei Turnierveranstaltungen, und in Schlachten als Demonstration.Die englische Reitweise und Ausrüstung gab es erst ab dem 19. Jahrhundert. Die mittelalterlichen Reiter saßen auf maurisch-spanischen Sätteln, das waren Sättel mit hohem Sattelhorn und Hüftstütze, sie konnten gar nicht alleine auf das Pferd aufsteigen, vor allem in voller Rüstung die cirka 40 kg schwer war, sie konnten auch nicht alleine absitzen.Es gab keine Trense und Zügel, sondern Kandare und riesige Sporen, die Pferde waren meist an der Flanke verwundet. Die Reitweise war eher iberisch-spanisch, mit Langzügel und lockerer Haltung. Es wurde mit Kandare geritten wodurch ein leichtes Ziehen am Zügel den vielfachen Druck auf das Gebiss des Pferdes ausübt als bei gewöhnlichen Zügeln. Aus diesem Grund ist eine Kandare auch etwas für geübte Reiter, die über das nötige "Finderspitzengefühl" für dieses Gebiss haben. Mit einer solchen Kandare kann man auch leicht mit längeren Zügeln reiten.Bei der Auswertung von mittelalterlichen Siegelbildern und Miniaturen aus dem 12. u. 13. Jh. fällt mir immer auf, das die Ritter ihr Bein weit nach vorne ausstrecken. Hierdurch wurde verhindert, dass der Schwerpunkt im Becken liegt. Da man ja mit diesem auf dem Pferd sitzt, ist die Bedeutung ziemlich offensichtlich. Auch praktisch erklärt sich, dass mit so weit vorgestreckten Bein erheblich schlechter geritten wurde, als mit einer Beinstellung, bei der Ferse, Becken und Schulter eine senkrechte Linie bilden.Adelige Söhne und Töchte wurde selten trainiert, mit Waffen zu kämpfen. Sie wurden vom gemeinen Volk unterschieden. Mir ist kein Fall bekannt, Adelige waren auch nicht in vorderer Front dabei, wenn es zu einer Schlacht gekommen ist. Das waren Fußsoldaten, Söldner, etc. Kein Grafensohn, kein Ritter adeliger Herkunft hat in einer Schlacht gekämpft. Fürstensöhne sind nie geritten, die Gemälde und Bilder wurden als Status und Macht eingesetzt, entsprechen jedoch nicht der Realität.Frauen sind nie geritten, ausser Jeanne d'Arc gab es keine Frau im Ritterstand.usw. ich kann noch viele Irrtümer aufklären, vorrausgesetzt es wird so wohlwollend aufgenommen.

5 Sterne
Fast vergessen - 30.08.2015

Da die Geschichte Tirols leider nicht mehr in allen Köpfen abrufbar ist, hilft dieses Buch das Interesse (vor allem der jüngeren Generation) an unserer Geschichte wieder zu wecken!

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