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Beripeeggis sonderbare Erlebnisse im Silvrettagebirge

Jürg Stahel

Beripeeggis sonderbare Erlebnisse im Silvrettagebirge

Ein Märchen im Spiegel der alpinen Mythologie

Leseprobe:

DIE SCHICKSALSGÖTTIN SILBERDISTEL

… Es schneite und schneite. Auf dem Älpeltispitz, einem hohen Berg hinter dem Dörfchen Monbiel, saß die Wetter- und Schicksalsgöttin Silberdistel. Sie hatte ihre Hüllblätter so eng zusammengezogen, wie es ihre Artgenossen seit jeher tun, wenn das Wetter gar feucht und scheußlich kalt wird. Erst bei trockenen, warmen Winden und freundlichem Sonnenschein öffnet sie ihre prächtige Dolde wieder weit. Nachdenklich schaute sie auf die schmucke Siedlung tief unten im Tal und blies schlecht gelaunt gewaltige Mengen von Schneeflocken willkürlich mal hier mal dort in die steilen Lawinenhänge. Ihre schlechte Laune war übrigens nicht ganz unbegründet, denn einmal mehr hatten einzelne Dorfbewohner oberhalb ihrer Häuser Bäumchen gefrevelt und zahlreiche junge Fichten abgesägt. Sie wusste wohl, wie dringend die Bauern Weideland benötigten, um ihre Familien und Viehherden zu ernähren. Aber musste dies denn gerade am Hang über den Häusern sein? Gäbe es im weiten Tal nicht andere, geeignetere Wälder? Gerade diese Fichten würden heranwachsen, um später die Häuser vor Lawinen und Bergrutsch zu schützen.
Immer mehr häufte sich der Schnee in den Steilhängen an und drohte bald auf die eigenwilligen Bauern herabzustürzen. Die Silberdistel wusste, wie sehr die Dorfbewohner die Älpeltilawine aus üblen Erfahrungen fürchteten. In der Tat lagen über ihren Häuptern die steilsten Lawinenhänge und beidseitig furchterregende Rüfetobel. Zudem nagte im Talgrund der Wildbach von allen Seiten an den Böschungen. Sie erinnerte sich, wie ein Bergsturz den südlichen Dorfteil überschüttet, die Häuser zerstört, Elend und Tod verbreitet hatte. Vor ihren Augen sah die Silberdistel, wie vor nicht allzu langer Zeit ein Föhnsturm längs der Gebirgsflanke riesige Waldflächen umgelegt hatte. Von Süden her hatten sich damals furchterregende Wolken aufgetürmt. Immer gewaltiger blies der Wind, bis er wie wild gewordene Wasserfälle in die Täler hinunterstürzte. Den Häusern wurden die Dächer weggerissen. Bald sah es aus, als hätten riesige Wildmannli mit der Sense eine Baumfurche um die andere weggemäht.
Während sich die Silberdistel ihren endlosen Gedanken hingab, wurde es Nacht. Sie spürte die Furcht der Talbewohner und die beängstigende Stille, die sich tief unten im Tal ausbreitete. Still verharrten die Leute in ihren Häusern. Selbst die Kuhglocken hatten sie in Hanftücher eingehüllt, damit der Schall keine Lawine auslöst. Da sah sie inmitten des Dorfes durch das Fenster eines der sonnengebräunten Holzhäuser in ein Zimmer. Im Raum saß, von goldgelbem, warmem Kerzenlicht beleuchtet, eine besorgte Mutter, die ihr Kind in den Armen hielt. Die Silberdistel spürte, wie sehr diese versuchte, ihr Kind Peeggi (Peter) zu beruhigen. Zärtlich küsste sie das jugendliche Geschöpf. Um ihm Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln, erzählte sie ihm eine Geschichte.



Die Legende vom Herrgott und der Heidelbeere

An der steilen Flanke gegenüber Monbiel liegt in einer großen Waldblöße verborgen der Miesboden (Mies bedeutet Moos), wo das Heidelbeerfraueli umgeben von einem Meer von Heidelbeerstauden lebt. Bei großer Hitze warf eine stattliche Fichte wohltuenden Schatten, in dem sie jeden einzelnen Strauch mit Hingabe pflegte. Niemand hätte behaupten können, jemals schönere und größere Heidelbeeren gesehen zu haben. Der Geschmack der Beeren war überwältigend und wer je von den Beeren gekostet hatte, begehrte niemals mehr andere Beeren zu genießen. Da geschah es, dass ein Bettelmusikant aus lauter Zufall zur Zeit der Heidelbeerreife auf den Miesboden geriet. Er aß von den prächtigen Heidelbeeren, lernte das Heidelbeerfraueli mit ihrer seelischen Wärme schätzen und kurz entschlossen entschied er sich, einige Zeit dort zu bleiben. Das Heidelbeerfraueli ihrerseits erfreute sich an seinen bezaubernden Melodien, welche alle ihre Alltagssorgen verscheuchten. Dass die Musik eine besondere Innigkeit in sich trug, war letztlich der Tatsache zu verdanken, dass er seine Geigen mit größter Sorgfalt selber zusammenzimmerte, wobei ihm die Tonqualität des Holzes sehr wichtig war. So sah man ihn, wie er mit einem silbernen Hämmerchen von Baum zu Baum lief, die Stämme anschlug und aufmerksam das Echo erwartete. Da tönte der Widerhall der Hammerschläge wie ein goldenes Glockenspiel, als würden sie das ganze Seelenleben widerspiegeln. Aus diesem Klangholz bastelte er sich eine neue Geige, beglückte mit den Melodien die Sagenwelt des Silvrettagebirges und wusste, dass seine Zukunft beim Heidelbeerfraueli auf dem Miesboden lag. Es waren denn auch diese Melodien, mit denen das Heidelbeerfraueli künftig ihre Heidelbeerstauden tränkte.
Selbst unserem Herrgott blieb dies nicht verborgen. Eines Tages sah man ihn, wie er gemächlichen Schrittes und in tiefer Andacht versunken dem Miesboden zuwanderte. Wie er einher lief, wurden die Kronen der Buchenwälder zu Kathedralgewölben und die mächtigen Fichtenwipfel zu Kirchtürmen. Hinter ihm folgte in gebührendem Abstand Petrus, sein treuer Diener. Auch Petrus verspürte die geheime Wirkung der Heidelbeere und je näher die beiden dem Miesboden kamen, umso mehr stach ihm deren Duft in die Nase. Es war Petrus gewiss nicht zu verargen, dass er sich bückte, um verstohlen eine der tiefblauen Beeren zu versuchen. Sie mundeten ihm so gut, dass er der Versuchung erlag, sich erneut zu den Beeren zu bücken und eine, zwei, oder gar drei zu pflücken. Sie verschwanden allesamt in seinem Mund. Unser Herrgott spürte wohl, was hinter seinem Rücken geschah. Ernsthaft drehte er sich um und fragte: „Petrus, was neigst du dich so eigenartig einmal nach rechts, einmal nach links, statt dich auf unsere göttlichen Pflichten zu konzentrieren?“ Petrus war leicht verlegen: „Ach himmlischer Vater, ich segne auf beiden Seiten die Heidelbeerstauden!“ Da bekam er zur Antwort: „Petrus, schäme dich deiner weltlichen Gelüste! Künftig werden die Heidelbeeren niemanden mehr sättigen, er mag noch so viel essen, wie er will! Und noch etwas: Im Herbst vor dem Schneefall sollen sich die Blätter der Heidelbeere blutrot verfärben. Die dann rot schimmernden Hügel werden die Talbewohner ermahnen, in Eintracht mit der Natur zu leben und den schützenden Wäldern Sorge zu tragen.“



Beripeeggis Sehnsucht

Der kleine Knirps in Mutters Armen hörte aufmerksam zu und wurde zusehends ruhiger. Dies war nicht nur der schlichten Legende zuzuschreiben. Seine Mutter wusste gar köstliche Kuchen aus Heidelbeeren, Mehl, Eiern und Milch zu backen und seit er sich erinnern konnte sog Peeggi den zarten Duft der Heidelbeere in sich hinein. Es schien, als habe er sich voll und ganz den Heidelbeeren verschrieben und es erwachte in ihm der tiefe Wunsch, das Heidelbeerfraueli auf dem Miesboden zu besuchen. Unzählige Fragen musste die Mutter beantworten: „Wo genau liegt der Miesboden?“ oder „Glaubst du, Petrus würde mich dorthin mitnehmen?“ Immer wieder bettelte Peeggi doch bald mit ihr zusammen auf den Miesboden zu gehen, bekam jedoch stets dieselbe Antwort zu hören:
„Du guter Bub, noch nie ist es einem Menschen gelungen, in die weite Welt der Silvrettasagen einzudringen. Nicht weil der Weg dorthin schwierig zu finden wäre, doch am Eingang in jenes geheimnisvolle Land stehen zwei bärenstarke Wildmannliwächter, die unerbittlich dafür sorgen, dass kein Mensch in dieses Reich eindringt.
Sie umklammern mit der einen Hand als Zeichen ihrer Macht eine mächtige Keule, die Zerstörung bedeutet. In der anderen Hand halten sie als Gegenstück eine Fichte, um mit dieser Hand die von den Keulen verursachten Narben in der Natur zu heilen. Über und über sind sie mit Flechten behaart. Wild schauen sie in die Welt.“
Es war für das junge Kerlchen schwierig, die unsichtbare Grenze zur Märchenwelt zu empfinden. Umso brennender wurde jedoch der Wunsch, das Heidelbeerfraueli zu besuchen. Es blieb auch den Dorfbewohnern nicht verborgen, wie sehr dieser Traum in ihm lebte. Sie freuten sich über seine drollige, offene Art, sein spontanes, natürliches Wesen und so nannten sie ihn liebevoll Beripeeggi (Beri bedeutet Heidelbeere). Hoch oben auf dem Älpeltispitz, inmitten des Schneegewirrs, saß die Schicksalsgöttin Silberdistel und auch sie hatte dieses liebenswerte Menschenkind in ihr Herz geschlossen. Je länger sie sein munteres Treiben beobachtete, desto mehr hellte sich ihre schlechte Laune auf, bis sie glücklich die bedrohlichen Schneewolken verscheuchte.



BERIPEEGGIS SPRUNG IN DIE SAGENWELT

Jahre später, Beripeeggi hatte inzwischen die Schule kennengelernt und mit ihr das ABC des Wissens, spürte er wieder einmal die tiefe Sehnsucht nach dem Heidelbeerfraueli, nach dem Miesboden mit den duftenden Blaubeeren und den zauberhaften Melodien. So saß er denn da, schaute sehnsüchtig in das zerklüftete Silvrettagebirge und überlegte, wie er die beiden Wildmannliwächter an der Eintrittspforte überlisten könnte. Eines Tages sah er das Wildmädchen Vereina talaufwärts wandern, zurück in ihre gebirgige Heimat im Herzen der Sagenwelt der Silvretta. Er erinnerte sich genau, was ihm die Mutter einst über dieses Wildmädchen erzählt hatte:
Vor Urzeiten lebte in einer durch einen Bergsturz natürlich entstandenen Höhle ein italienischer Edelmann namens Alfonso di Beretto. Noch heute ist dieser kahle, nicht sonderlich einladende Unterschlupf bekannt als Beretta Balma, in seiner Sprache bedeutet Balma eine Höhle. Man weiß nicht genau, warum er dorthin gelangt war. Die meisten Leute behaupten, er sei vor der Missgunst, der Raffgier und der Bosheit der Mitmenschen geflohen, andere sagen, Pest oder Kriegswirren hätten ihn in die Einsamkeit getrieben. Wie dem auch sei, er brachte seine beiden Töchter, die Mädchen Silvretta und Vereina mit sich. Sonderbarerweise weiß man über das Wildmädchen Silvretta wenig zu berichten. Man sagt, sie hätte sich großes Wissen über die Natur angeeignet und schwebe seither in der Gletscherwelt umher. Deshalb heißt das ganze Gebirge Silvretta. Ganz anders ihre Schwester Vereina. Nach ihr trägt noch heute das schönste aller Alpentäler ihren Namen und dies nicht ganz vergebens. Ihre gesellige Art schätzten die Monbieler sehr, wenn auch ihre Sitten eher befremdend wirkten. Die Haare trug sie recht wirr und struppig. In der Dorfbeiz legte sie ohne Bedenken ihre braun gebrannten Beine quer über den Tisch und kratzte sich unentwegt, was letztlich wohl den Flöhen zuzuschreiben war. Bekannt war auch, dass sie häufig hoch oben im Felsgewirr der Fergenkegel bei den Gamsen lebte. Dort trank sie jeweils Gamsmilch und wurde deshalb schwindelfrei. Der tiefere Grund ihrer Besuche im Dörfchen jedoch blieb der Tauschhandel. Sie brachte Heilkräuter, das begehrte Murmeltierfett gegen Rheuma, Beeren jeglicher Art, Pilze und bisweilen ein Hirsch- oder Steinbockgeweih mit sich. Dies tauschte sie gegen Mehl, Käse, Butter und allerlei Geräte fürs tägliche Leben ein. Dabei war ihr das Salz für ihre geliebten Gamsen wichtig, die jeweils kaum warten mochten, bis sie wieder von Monbiel her in die Sagenwelt zurückkehrte.
Eines Tages beobachtete Beripeeggi, wie Vereina mit ihrer großen Chräze heimwärts Richtung Silvrettagebirge marschierte und in der Baumschule gegenüber Monbiel junge Bäumchen in ihre Chräze lud. Diese pflanzte sie alljährlich, damit genügend Holz für den Alltag nachwachse. Beripeeggi sah, wie sie die Chräze ergriff, auf den Rücken schnallte und wacker Richtung Silvrettagebirge los marschierte. Da war seine Stunde gekommen. Er wusste, dass die beiden Wildmannliwächter Vereina jeweils auf ihrem Heimweg unbehelligt vorbeiziehen ließen. Also stieg er auf einen hohen Bergahorn in der Nähe des Eingangstores und versteckte sich im Geäst der Baumkrone. Als das Wildmädchen erschien, sprang er unbemerkt und wagemutig in die Chräze und versteckte sich zwischen den Jungpflanzen Ahnungslos ließen die beiden Wachposten Vereina vorbeigehen.
Kaum hatte Vereina die Grenze überschritten, fühlte sich der blinde Passagier sicher, konnte der Versuchung nicht widerstehen, setzte sich auf das Geäst der Jungpflanzen und freute sich von Herzen über den gelungenen Schildbürgerstreich. Weit hinter sich sah Beripeeggi die beiden ahnungslosen Wildmannli und betrachtete begeistert die wuchtigen Berggipfel. Da bemerkte er am Wegrand zwei aufgeregte Hunde, die freudig und aufgeregt mit ihren Schwänzen wedelten und ihn herzhaft begrüßten, als ob sie auf ihn gewartet hätten. Als Beripeeggi in ihre aufmunternden Augen blickte, stellte er mit Erstaunen fest, dass er die Mimik der Hunde zu lesen verstand: Sei willkommen in unserer beseelten Bergwelt, im Reiche der Silvrettasagen. Du wunderst dich, dass du unsere Sprache verstehst? Wusstest du denn nicht, dass die Sprache der Tiere und Pflanzen gar nicht so verschieden von derjenigen der Menschen ist? Das Wildmädchen Vereina lief ohne etwas zu bemerken weiter. Ihr Ziel war, die Gamsen auf den Fergenkegeln zu erreichen. Doch wie sie den steilen Weg hinaufkeuchte und mühsam ein Bein vor das andere stellte, dünkte sie, die Last sei heute besonders schwer zu tragen. Nach wie vor hatte sie keine Ahnung, dass sie einen blinden Passagier mitschleppte, der sich auf ihrem Rücken versteckt hielt. Schließlich musste sie die Chräze abstellen. Vorsichtig entnahm sie die schwerste aller Holzarten, die Buche und legte diese sachte beiseite. Seither wächst die Buche nicht weiter in höher gelegene Standorte hinauf. Bald schon wurde ihr die Last erneut zu schwer. Sie entnahm dem Korb die wenigen Weißtannen. Bald schon wurden ihr auch die zahlreichen Fichten zu schwer. Sachte legte sie diese neben die Chräze. An jener Stelle bildet die Fichte heute noch die obere Begrenzung des Waldgürtels. Als sie oben auf den Fergenkegeln ankam, lagen nur noch Arven, einige weit leuchtende Flechten und unter diesen versteckt Beripeeggi in der Chräze. Sie jauchzte laut vor Freude, als die Gamsen sie umkreisten, und stellte ihre Last auf den Boden. Nicht wenig verblüfft war sie, als Beripeeggi aus der Chräze heraussprang, umher hüpfte und überglücklich in Vereinas Freudenjauchzer einstimmte.

Format: 27 x 18 (Querformat)
Seitenanzahl: 104
ISBN: 978-3-903067-27-1
Erscheinungsdatum: 17.06.2015
EUR 24,90
EUR 14,99

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