Cover: Auf und davon

Auf und davon
Sehnsucht, Flucht und Neuanfang


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 160
ISBN: 978-3-7116-1236-6
Erscheinungsdatum: 27.11.2025
Sie sehnen sich auf und davon – zu Fuß oder im Kopf. Ein Leben lang kreisen sie um eine unsichtbare Mitte, ziehen los, kehren um, brechen neu auf. Selten kommen sie an. Sehnsucht, Schmerz, Trauer, Neugier und Abenteuerlust treiben sie immer weiter.
Teil I
Kaleidoskop


Es war das spannendste Zimmer der Welt. Keines der Zimmer, die ich kannte, hatte mehr Ecken und Nischen, in denen man herumstöbern konnte. In keinem anderen Zimmer standen und lagen so viele unnütze Dinge herum. Dinge, die keinem bestimmten Zweck dienen mussten. Die meisten dieser Dinge waren längst vergessen worden. Halb offene Schachteln bargen geheimnisvolle Gegenstände aus Porzellan, Holz und Stein. Dazwischen klebten Fotografien in Schwarz-Weiß. Über allem lag eine feine Schicht Staub, der flaumig und zart alle Schätze dieser Welt umhüllte. In der Ecke neben dem einzigen Fenster stand ein altes Klavier. Es wurde schon lange nicht mehr darauf gespielt. Es war verstimmt und seine Tasten blieben manchmal da, wo sie hingedrückt wurden, und weigerten sich, sich wieder einzureihen. Nur mit Gewalt brachte man sie zurück in Position. Manchmal drückte ich einfach so zum Spaß auf den Tasten herum. Ich hatte mir sogar ein Spiel ausgedacht. Das alte Klavier wurde dann zu meiner Wetterstation. Die hohen Töne stellten die Schneeflöckchen dar, die ganz leise und sacht auf die Erde schwebten. Ich stellte mir manchmal vor, wie sie sanft auf unser Hausdach niederfielen. Mit den mittleren Tönen, sie waren am bequemsten zu drücken, ahmte ich Regentropfen nach. Sie wurden immer größer und schwerer, bis sie immer dichter und dichter auf die Erde niederprasselten. Wild und unbändig schlugen die größten unter ihnen gegen mein Fenster. Ganz unten, am Ende der mittleren Tasten, lagen die Hagelkörner. Hart und schwer entluden sie ihre eisige Last. Bald schon schlugen sie wild nach unten und zerfetzten alles, was sich ihnen nicht beugte. Sie verwüsteten den Gemüsegarten, zerschlugen Zweige und ganze Äste und rissen die zarten Blüten mit sich fort. Plötzlich wurde es still, der Hagel stoppte und zog sich zurück. Langsam und von weit her waren die schweren und gleichmäßigen Schritte des Bauers zu hören. Er stapfte immer näher, rieb sich die Augen und schüttelte besorgt den Kopf. Vor ihm breitete sich der ganze Schaden in seinem Garten aus. Er schaute hoch und staunte. Und vereinzelt fielen noch einzelne Tropfen nieder. Dann klappte ich meine Wetterstation zu. Als ich zum Fenster hinausschaute, sah ich erleichtert, dass noch immer die Sonne schien und alles heil war.

Dieser Keller war ein schwarzes Loch. Ein bedrohliches und belebtes schwarzes Loch. Von seinen Abmessungen her erscheint er mir heute geradezu lächerlich klein. Heute mit den Augen des Erwachsenen betrachtet, ist es mir unbegreiflich, wie groß und bedrohlich er einst für mich war. Nachts jedoch kehrt er auch dem Erwachsenen in seinen Träumen immer wieder in seiner wahren Größe zurück. Übermächtig und alles verschlingend war er für mich damals. Es herrschte dort unten Dunkelheit mit all ihren Schrecken. 20 kalte und abgetretene Stufen führten in einem großen Bogen hinunter ins Innerste dieser Finsternis. Dort unten konnte man die Hand vor den Augen nicht sehen. Wenn ich zur Strafe in den Keller gesperrt wurde, hatte ich Angst. Also saß ich ganz oben an der Treppe, dort, wo noch ein bisschen Licht durch die Türspalte floss. Meinen Körper an die Tür gelehnt, harrte ich aus. Ich wusste ja, irgendwann würde die Tür wieder geöffnet werden und ich war frei! Frei von Angst. Den unten lauernden Dämonen entwischt. Doch ich wusste, dass sie sich rächen würden. Aber einstweilen war ich sie los. Ich war ihnen entwichen. Ihre Stimmen wurden immer leiser und verloren sich im Lärm des Tages. Ich hatte mir diese Freiheit mit der Scham, gefehlt zu haben, erkauft. Nochmals Glück gehabt, schäme dich! Meine Scham wuchs über die Zeit immer weiter an. Irgendwann wurde es mir zur Selbstverständlichkeit, dass ich bestraft wurde. Zwar wusste ich oft nicht, weshalb, aber ich fühlte Scham in mir aufkommen. Das genügte. Irgendetwas musste ich ja falsch gemacht haben. Nicht immer gelang es mir, den Dämonen zu entkommen. Auch wenn ich sie in der Dunkelheit nicht sehen konnte, spürte ich ihre Gegenwart. Ich hörte sie züngeln und roch ihren faulig-feuchten Atem. Ich stellte mir vor, wie sie mit weit herausgestreckter Zunge nach mir lechzten. Dann rissen sie mich hinunter und zogen mich immer weiter mit sich in die Dunkelheit. Eine feuchte und undurchdringbare Dunkelheit herrschte im Herzen des Schreckens. Und natürlich litt ich Qualen. Wie gesagt, ich könnte nicht sagen, wie sie ausgesehen haben, dafür war es viel zu dunkel. Aber ich habe sie gerochen. Modrig, faulig und beißend. Auch wenn sie mich selten schlugen, fühlte ich Schmerzen und litt schlimme Qualen. Allein der Gedanke, unter ihnen gewesen zu sein, konnte mir Angst einjagen. Ich gehörte nicht zu ihnen und all denen, die mit ihnen verbündet waren und mich ihnen überließen. Das spürte ich ganz deutlich. Ich hatte Angst, etwas von ihnen könnte an mir haften bleiben. Sie waren böse und davor hatte ich Angst. Ich wollte gut sein, auch wenn ich zur Strafe zu ihnen geworfen wurde. Aber ich gehörte nicht zu ihnen. Das wusste ich. Aber wohin gehörte ich denn? Das wusste ich damals noch nicht. Woran sollte ich mich halten, auf welchen Pfaden sollte ich gehen? Eines spürte ich aber ganz genau: Wo ich war, da musste ich weg. So schlug ich denn viele Wege ein. Manchmal endeten sie abrupt und ich stand vor einer Mauer. Unüberwindbar. Manchmal wanden sie sich und stiegen hoch und wurden immer enger und wollten nicht enden. Andere gerieten mir zur Schussfahrt. Ich musste sie gehen. Ich musste weg. Vieles bot sich an. Mich verlangte nach Trost und Zuspruch. Und Vergessen. Immer wieder wollte ich vergessen. Dann entdeckte ich die kleinen Dinge, die, die nahe lagen. Greifbar und sichtbar. Kuchen, Schokolade, Pausenbrote, grillierte Würste … Alle halfen sie mir, wegzukommen. Sie spendeten mir Trost und Vergessen. Sie nahmen mich in den Arm und hüllten mich ein. Ich wähnte mich in Sicherheit und fraß mich davon. Und es war herrlich und sie wiegten mich sogar in den Schlaf. Zuvor versteckte ich sie unter meinem Kopfkissen. So gestärkt konnte ich den Dämonen, die jeweils nachts in mein Zimmer hinaufschlichen und mich quälten, entschwinden. Mehr noch, ich wagte, mich ihnen entgegenzustellen. Ich hatte mir einen Schutzwall angefressen, einen Panzer, der die Welt auf Distanz hielt. Dass ich ihnen so zu entwischen glaubte, war natürlich der Verzweiflung und kindlicher Unschuld geschuldet. Man wird sie nicht los. Und schon bald kehrten sie wieder. Hohn und Spott waren ihre Strafe. Und sie gaben mich der unbarmherzigen Beurteilung durch die Welt preis. Leuchteten mich aus und stellten mich ins grelle Licht. Und so war ich nackt und verletzlich dem Urteil der Welt schutzlos ausgesetzt. Und dieses war vernichtend. Spott und Gelächter waren die Richtersprüche. So sehr ich es auch versuchte, nie konnte ich meine Unschuld beweisen. Es gab unzählige Gelegenheiten, die meine Schuld immer wieder bewiesen. Ganz oben standen die Schwimmsporttage.
Schwimmsporttage waren für mich die Hölle. Mehr ausgesetzt konnte man unmöglich sein. Ausgesetzt den Blicken und dem Gespött, preisgegeben dem Hohn und der Schande. Teuflisch genug und eigens zur Freude meiner Dämonen fanden sie statt. Bis ins Detail ausgedachte Folter bedeuteten sie mir. Nächtelang lag ich von Scham und Angst geplagt verzweifelt wach. Ich flehte die Himmel an, bat Gott, er solle es doch regnen lassen. Geregnet hatte es nie. Der Regen kam also nie, Hohn und Spott dafür unfehlbar und die Scham hielt noch für Monate an, ja erhält sich ein ganzes Leben lang. Ich war verzweifelt. Was sollte ich tun?

Oben auf dem Bogen sitzend, rot umhängt, die Arme ausgebreitet und eingerahmt von sanften Wesen, blickt er, seinen Kopf vom Heiligenschein umrundet, geradeaus über die Köpfe der Kirchgänger hinaus mir direkt in die Augen. Ich blicke zurück, versuche, Stand zu halten. Unter ihm zu seiner Linken kriechen elende wächserne Kreaturen aus ihren Gräbern. Noch weiter oben erschallen Posaunen und Engel schweben zu seiner Seite. Furchtbare Monster treiben die Elenden mit eisenbespickten Knüppeln durch einen Feuerring ins offene Erdreich. Pferchen sie zusammen und stoßen sie durchs Höllentor hinunter. Verzweifelt verrenken sich die bleichen Glieder und stolpern zusammengedrängt wie Vieh durch das Feuer hinunter ins ewige Verderben. Grausig und angsteinflößend, mit Gesichtern, zu Fratzen verzerrt, bitten sie und klagen und werfen die dünnen Arme nach oben. Aber da oben ist nichts mehr, das sie halten würde. So stolpern sie geschlagen und geschunden durchs Feuer hinunter und fallen tief und immer tiefer ins alles verzehrende Höllenfeuer.
Sanft geleitet von leuchtenden Wesen treten sie aufrecht gehend durch das weit offene Himmelstor zu seiner Rechten. Ein Engel zählt sie und spricht zu ihnen und geleitet sie mit einladender Geste zum Aufstieg.
Dann fällt mein Blick erneut auf die Elenden, bleibt an ihnen haften, die sich krümmen und sich stoßen und drücken und stolpern. Ich kann ihre Schreie hören, spüre das Feuer und die Angst. Grausig der Anblick. Fasziniert und erschüttert blicke ich auf den Boden. Dann schaue ich auf und suche ihn, wie er in der Mitte des Freskos auf dem Bogen sitzend, den Blick geradeaus auf mich richtet.

Fortan setzte ich mich in meiner Not jeden Sonntag in die Kirche und wartete auf Gott. Etwas musste ja dran sein. Sonst würden nicht jeden Sonntag so viele Leute hingehen. Anfänglich blickten mich die Leute erstaunt an. Manche fragten nach meinen Eltern und waren erstaunt, dass ich allein gekommen war. Der Pfarrer wirkte groß und bedeutend. Ich schaute gut darauf, ihm nicht zu begegnen. Gewiss war er kein böser Mensch und ich hatte auch nie Klagen über ihn gehört, aber er war mir irgendwie unangenehm und ich versuchte, ihm so gut es ging, aus dem Weg zu gehen. Von seinen Predigten verstand ich sehr wenig. Schnell gewöhnte ich mich an den Rhythmus des Aufstehens und Hinsetzens und lernte die Zahlen, die vorne an der Wand niedergeschrieben worden waren, als die Nummern der Lieder, die die Gemeinde singen würde, zu lesen. Vor allem aber hatte ich viel Zeit, die Erwachsenen zu beobachten. Viele saßen mit ernsten Minen da, bewegten sich kaum. Es war ihnen anzusehen, wie viel Mühe es sie kostete, so lange so ernsthaft dazusitzen. Die meiste Zeit schienen sie mit offenen Augen zu schlafen. Die Orgel, die die Gemeinde begleitete, dröhnte unter mächtigem Schall durch die Kirche und so wurde der inbrünstige Gesang übertönt, verlor sich im riesigen Raum des Kirchenschiffes oder wurde von den dicken Mauern aufgesogen. Ich wünschte mir sehr, diesen Gott endlich kennenzulernen und strengte mich an. Ich betete inbrünstig und drückte meine gefalteten Hände so stark zusammen, dass ich regelmäßig blaue Flecken davon abbekam. Allein er wollte sich mir nicht zeigen. Doch so schnell gab ich nicht auf. Während eines ganzen Jahres ließ ich keinen Gottesdienst aus. Einzig während der Ferien, die wir im Tessin verbrachten, musste ich eine Pause machen. Natürlich wunderten sich meine Eltern und Geschwister darüber, dass ich jeden Sonntagmorgen aus dem Haus verschwand, um den Gottesdienst zu besuchen. Mit der Zeit konnte ich viele Gebete und Lieder auswendig aufsagen. Und obwohl die Lieder, in der Version unserer Gemeinde gesungen, alle dieselbe Melodie zu haben schienen, konnte ich sie nicht singen. Ich getraute mich nicht. Meine Verbindung zum Himmel sollte eine stumme sein. Der Ablauf eines Gottesdienstes wurde mir so vertraut, dass ich ihn selber hätte halten können. Allein Gott erschien mir nicht. Vielleicht waren einfach zu viele Leute in der Kirche und deshalb zeigte er sich nicht. Aus Scheu oder vielleicht hatte er auch Angst vor den Menschen oder war gerade in einer anderen Gegend? Wie hätte er auch überall gleichzeitig sein können? Das konnte ich mir nicht vorstellen. Als ich nach einem Jahr meine Anstrengungen aufgab, war ich nicht enttäuscht. Aber ich wusste jetzt, dass man, auch wenn man sich redlich anstrengte, nicht alles, was man sich wünschte, erreichen konnte. Ich habe in meinem Leben noch viele weitere Versuche gemacht, ihn kennenzulernen. Begegnet bin ich ihm bisher noch nie. Gesucht habe ich ihn auf vielen Kontinenten. In vielen Sprachen und Zeichen. Ich habe diese Suche nie aufgegeben. Manchmal habe ich mich nicht mehr um ihn gekümmert, manchmal meine Methoden elaboriert, manchmal kam ich gekrochen und oft getarnt. Aber aufgegeben habe ich meine Suche nie. Bis heute. Und wenn immer ich heute wieder einmal in die Kirche trete, mich dahin setze, wo ich mich damals hingesetzt hatte und die Augen schließe, dann ist da dieser kleine Junge, der kaum über die Rückenlehne des Vorderbankes sehen kann und sucht und wartet und nicht aufgeben mag. Und dann wünsche ich mir die Neugier und die Offenheit und die Zuversicht jener Tage, trotz aller Not, zurück, die davon kündeten, dass, was auch immer geschehen mag, es Wege gab, die zu beschreiten selbstverständlich und sinnvoll schienen. Nichts konnte mich täuschen, alles war noch da.
Gott konnte mir also nicht helfen. Das heißt vielleicht ja schon, ich hatte ihn, wo ich ihn suchte, nur nicht gefunden. Scham und Schuld allerdings waren noch immer da und ließen sich nicht vertreiben. Wenn ich geglaubt hatte, ich würde meine Schatten und Dämonen einfach so abschütteln können, hatte ich mich also gründlich getäuscht.


Intermezzo 1

Wann das mit diesen schweren Migräneanfällen begonnen hatte, weiß ich heute nicht mehr so genau. Dass sie mir zeitweise zu einer qualvollen Form des Verschwindens geworden sind, scheint paradox. Doch zu Zeiten war diese blindwütige Raserei, die jeweils nach Stunden oder Tagen in völliger Erschöpfung endete, die einzige Möglichkeit, den Getriebenen aus seinem hochtourigen Leerlauf zu befreien. Erschöpft und ausgelaugt und der Welt entzogen, liege ich dann da, selbst meiner Verzweiflung entflohen, zwischen feuchten Laken in dunklen Kammern.
Lass die Sonne nicht über mir aufgehen, schicke nochmals die Nacht, auf dass sie mich umfasse mit ihrem kühlen Mantel, schicke die Wolken aus, auf dass sie schützend vor die Glut der Sonne fahren, ihren Nadeln die Spitze nehmen, lass die großen Bäume ihre Arme schützend über mich ausbreiten, schicke ganze Wälder auf den Weg, um mich zu umfangen mit ihren kühlen grünen Schatten. Schick sie fort, die Sonne, zieh ihr die Stacheln und lass sie im kühlen Bad ferner Galaxien untertauchen.

So etwas wie Scham lagert sich sehr gut. Und sie scheint sich im Laufe der Zeit noch zu vermehren. Man kann sie in dunkle Räume sperren, versuchen, sie wegzuschließen, aber sie lässt sich nicht auf ewig wegsperren. Sie ist treu und sehr verlässlich und wird einen immer begleiten. Darauf kann man zählen. Nein, ich bin nicht bitter, aber versuche einfach zu beschreiben, wer meine ständigen Begleiter waren. Ich habe sie mir nicht ausgesucht, so etwas sucht man sich nicht aus. Ganz bestimmt nicht. Und ich klage auch nicht an. Denn, was weiß ich, weshalb sie getan haben, was sie taten, und was weiß ich, wie viel ich selber dazu beigetragen habe. Weshalb ich glaubte, nicht so zu sein, wie man sein musste, war mir anfangs ein Rätsel, aber wurde mit der Zeit zu meinem Lebensgefühl. Woher hatte ich überhaupt die Vorstellung davon, wie man sein musste? Unerheblich. Der Vorrat an Scham ist wie gesagt riesig und baut sich, auch über die Jahre, kaum ab. Es gibt in jedem Leben genügend Gelegenheiten, um die Lager wieder aufzufüllen, und die Lagerräume scheinen unendlich weit und hoch zu sein und leeren sich nur langsam. Ob sie auch bersten können? Ja, gewiss, können sie das. Ich habe aber nie eine derartige Explosion erlebt, dass alles in die Luft geflogen wäre. Nur manchmal kleine Ergüsse. Dann ist ein wenig davon unkontrolliert über die Ränder geflossen oder hat sich Platz geschaffen, indem sie Löcher in die Wände gefressen hat. Ja, das war ein Fressen! Langsam, still und heimlich. Ein sich durch die Wände Fressen, diese dünner fressen und sich dann bei der erstbesten Gelegenheit durch die dünn gewordene Wand nach draußen drängten. Aber schnell waren die Wände wieder repariert und alles war wieder zurückgedrängt und verhielt sich still und geduldig, seinem Schicksal treu ergeben. Was nicht sein durfte, das konnte auch nicht sein. Diese harmlosen Ausbrüche, und das war das Allerschlimmste an ihnen, mehrten das Leiden und wirkten auf mich ungünstig zurück. Die Lager schwollen dadurch noch mehr an. Kaum jemals fühlte ich mich nicht ausgestellt. Kaum jemals war die Scham nicht da. Sie wurde genährt durch eine stetig anwachsende Schuld. Ich fühlte mich schuldig. Was also sollte ich tun?

Ich werde mir ein Floß bauen. Das genau gleiche wie Huck Finn. Dann leg ich einfach los. Lass mich treiben. Unzähligen Abenteuern entgegen. Dorthin, wo mir keine Erwachsenen mehr folgen können. Die hatten ohnehin keine Zeit für Abenteuer. Schon einmal hatte ich es versucht. Aber es hatte nicht geklappt. Ich stieg durch das offene Fenster in der Garderobe der Schule und war draußen in Freiheit. Erleichtert rannte ich über die Spielwiese und rannte und rannte und kam endlich völlig erschöpft zu Hause an. Zu Hause wurde ich umgehend eingepackt und wieder zurückgebracht. Punkt. Schluss. Ende. Aber jetzt würde es klappen. Genau wie Huck würde ich warten, bis es dunkel war, dann schnappte ich mein Bündel und stiege heimlich zum Fenster hinaus in den Garten hinunter und schliche davon. Genau wie Huck. Und dann würden sie natürlich nach mir suchen, aber an den falschen Orten, weil ich eine falsche Fährte gelegt hätte, und in der Zwischenzeit wäre ich auf und davon und schon viel zu weit, als dass sie mich noch hätten zurückhalten können. So würde ich es machen. Bis dahin musste ich aber noch einige Vorbereitungen treffen. Und gerade heute Abend vor dem Einschlafen würde ich noch einmal nachlesen, wie das Huck genau gemacht hatte. Natürlich lebte ich nicht am Mississippi, aber immerhin hatte es einen ziemlich großen See, auf dem ich mein Floß schwimmen lassen würde. Zuerst musste ich es noch bauen und dann im Schilf verstecken. Genau wie Huck.

Die Sehnsucht in kurzen Hosen, die Beine frei, mich freudig dem Spiel aus Wind und Sonne überlassend, mit dem Fahrrad durch die Straßen zu fahren, war groß.
Zuerst war da aber das Examen. Wir saßen, den Rücken angestrengt gerade haltend, Stuhl an Stuhl still da. Wer zum Reden aufgefordert wurde, musste aufstehen, sich aufrecht neben die Bank hinstellen und laut und deutlich vortragen, was von ihm erwartet wurde. Wir kannten es. Bei uns wohlgesonnenen Lehrern, die nicht von ihrer Angst beherrscht wurden, hatten wir wenig zu befürchten. Es lag ihnen fern, uns bloßzustellen und zu demütigen. Von ihnen ging also für uns keine Gefahr aus. Wir konnten darauf zählen, nur dann aufgerufen zu werden, wenn wir auch eine Chance hatten, diese eine erwartete Antwort zu geben. Wir konnten also ruhig dasitzen und ausharren. Leider waren aber nur die wenigsten stark genug, dem Druck, der auch für sie unangenehmen Situation, zu widerstehen. Und so wälzten sie denn ihre Ängste und den ganzen Druck auf uns ab und versuchten, sich so selber davon zu befreien. Am schlimmsten aber waren diejenigen, die selber aus Überzeugung an dieser überkommenen Ordnung festhielten. Über diese Ordnung wurde nie gesprochen, sie herrschte stumm, aber sehr wirkungsvoll.
In dieser Ordnung war Linkshändigkeit ein Makel. Mehr noch, sie durfte nicht sein. Eine Anomalie. Eine Gefährdung. Linkshändigkeit und Fragen stellen waren nicht gestattet. Gelernt wurden die Antworten und geschrieben wurde rechts. Es gab nur einen Weg zur richtigen Antwort. Und es gab immer die eine Antwort. Alternativen waren ausgeschlossen, dieses Nomen kannte keinen Plural.
Aber zurück zum Examen.
Zäh nur tickte die Uhr. Sie hing hoch oben hinter unseren Rücken und weit über unseren Köpfen an der Wand. Die Uhr richtete über uns, ihre Zeiger verschlangen und quälten uns und spien uns wieder aus. Aber das ersehnte Ende rückte mit jedem Vorrücken des Zeigers dennoch näher. Wir wurden abgefragt, standen neben unseren Bänken oder mussten vorne an der Wandtafel stehen und Fragen beantworten. Dazwischen mussten wir ein Lied singen, dann ging es wieder weiter. Reicht es noch? Komme ich noch dran? Geht der Kelch dieses Mal an mir vorbei? Das waren die Fragen, die mir durch den Kopf gingen. Ich hatte Angst und konnte kaum noch klar denken. Das Zimmer war zum Bersten voll, manch einer räusperte sich, das Kratzen der Kreide an der Tafel und das Quietschen der Stühle spielten die passende Musik dazu. Die Schwächsten unter uns, die meist auch am wenigsten Unterstützung von zu Hause hatten, waren dem Hohngelächter der Zuhörer schutzlos ausgesetzt. Diese Erfahrung hatten schon ihre Eltern machen müssen. Und so bestätigten sich die Urteile, die in der Vergangenheit gefällt worden waren, immer wieder aufs Neue. Die Ordnung hatte Bestand. Auch dazu dienten diese Samstagmorgen. Nur wenige Lehrer getrauten sich, dieser Ordnung zu widersprechen. Die meisten nahmen den ihnen zugedachten Platz darin scheinbar widerspruchslos ein. Und so wurde diese Ordnung dann immer wieder öffentlich bestätigt. Die Aufgaben, die uns zum allgemeinen Beweis gestellt wurden, waren für die einen nicht zu lösen und wurden den anderen zum Lob. Jeder im Zimmer wusste das aus eigener Erfahrung. Was auch immer für größere Ideen hinter diesen Examen stehen mochten, in einem Dorf wie dem unseren dienten sie der Bestätigung göttlicher Ordnung. So wurde an diesen Samstagmorgen das Schulzimmer zum Schlachtfeld, auf dem die einen schmählich hingemetzelt wurden, andere sich als Helden feiern lassen konnten und wieder andere an verletzter Eitelkeit verbluteten. Hielt sich einmal ein Pädagoge nicht an die alte Ordnung, konnte es zu öffentlichen Auseinandersetzungen kommen. Schon vermeintlich unangebrachte Äußerungen, nicht korrigierte falsche Antworten oder im Gegenteil kritisierte richtige Antworten wurden noch im vollen Klassenzimmer angeprangert, und die daraus entstehenden Wortgefechte endeten manchmal in schnöder Rechthaberei. Es waren Machtspiele, denen wir geopfert wurden. Wegtauchen ging nicht, man musste aufmerksam sein und sich klein machen oder denen, die sich reckten, den Platz überlassen. Ich hoffte, dass ich mich unsichtbar machen könnte, und tat alles, um ja nicht aufzufallen. Aber vor allem hoffte ich, dass der Zeiger derweil immer schneller und schneller davonraste und das ersehnte Ende endlich einträfe. Doch die Zeit dehnte sich unendlich. Dann erklangen die erlösenden Worte, die wir in unserem Eifer, das Zimmer so schnell wie möglich zu verlassen, schon bald nicht mehr hörten. Die Uhrzeiger an der verheißenden Stelle, die Anfangsworte der erlösenden Botschaft, und schon brachen wir auf, stoben davon, nahmen das Zeugnis entgegen, lechzten nach dem Wecken, der schon unten an der Treppe zur Hälfte verzehrt war, und waren auf und davon. Freiheit, endlich, und Sonnenstrahlen, die wärmten. Kurze Hosen, du hast es versprochen, trotz der als Abschreckung gedachten angedrohten Blasenentzündung, die mich nie ereilte und gegen alle Vernunft. Es war versprochen. Der Lohn für einen langen Winter und einen nie enden wollenden Morgen. Der verdiente Lohn.

Ich habe früh schon gelernt, den Menschen zu misstrauen. Wenn man sie in Ruhe und aufmerksam beobachtet, dann fallen schon dem kleinen Kind die Ungereimtheiten, Widersprüche und Lügen auf. Vielleicht habe ich die Erwachsenen einfach zu ernst genommen. Selten taten sie, was sie sagten. Oft taten sie sogar das Gegenteil von dem, was sie nur kurze Zeit zuvor noch so vehement vertreten hatten. Sie darauf anzusprechen, konnte gefährlich sein. Deshalb zog ich es vor, sie zu beobachten und selbst nach Erklärungen zu suchen. Das machte mich misstrauisch, und mit der Zeit verlor ich das Vertrauen in meine Umgebung vollends. Jahre später, nun schon selbst erwachsen, erging es mir oft nicht besser. Und obwohl ich meine Mitmenschen immer noch gerne aufmerksam und still beobachtete, drangen die Bilder nicht mehr so unmittelbar und rein zu mir durch. In den vielen Jahren, die zwischen Kindheit und Erwachsenenalter vergangen waren, hatte sich eine Art Filter gebildet. Eine Zensurbehörde, die gewisse Eindrücke schon vor dem Eingang in mein Bewusstsein ausfilterte. Dinge, die nicht sein durften, konnten auch nicht sein. In Zeiten, in denen aber dieser Filter nicht mehr ganz so dicht war, sickerten genug Bilder durch, die mich beunruhigten und mir manchmal auch den Schlaf raubten. Die Erfahrungen, die ich als Erwachsener machte, deckten sich jedoch sehr oft mit denjenigen meiner Kindheit. Auch jetzt konnte es gefährlich sein, Fragen zu stellen. An Verzweiflung hat es mir nicht gefehlt, am notwendigen Mut schon eher. Trotzdem habe ich versucht, zu ändern, was in meiner Macht stand. Das war nicht viel und ist mir manchmal auch misslungen.
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