Aschenputtels kleiner Bruder
EUR 20,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 272
ISBN: 978-3-7116-0624-2
Erscheinungsdatum: 11.02.2025
Ganz unten im Nachkriegsdeutschland beginnt Sörens Kindheit. Er nutzt aber die veränderten Rahmenbedingungen und schafft es, einen sozialen Aufstieg hinzulegen. Ein lesenswerter Einblick in die bewegte Zeit der 1950er bis 1970er Jahre.
Vorwort
Am untersten Ende des Laternenpfahls, da wo alle hinpinkeln, wo es am meisten stinkt, am weitesten vom Licht entfernt, begann Sörens Kindheit im Nachkriegs-Deutschland.
Als Träumer und Spätentwickler machte die Bildung einen großen Bogen um ihn.
Nur seine Naivität, seine Neugierde und seine Resilienz schützten ihn vor Schlimmerem.
Ohne die Sisyphusarbeit meiner Frau Margret beim Korrigieren wäre dieses Buch überhaupt nicht denkbar gewesen.
Doch erst durch den Anstoß meiner Freundin Marga fing ich an zu schreiben.
Und ohne die Unterstützung meiner Freundinnen Annette, Tanja, Angelika wäre es nicht so schön geworden.
Herzlichen Dank dafür.
Sven Dethlefsen, 2024
Der vierte Geburtstag
Ortrud war ganz zerrissen, wusste sie doch nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie hatte zum ersten Male ihre ganze Familie beisammen. Es war bereits Sörens vierter Geburtstag, der Tag, an dem sich alles verändern sollte. So saßen die vier, Vater Heinrich, Mutter Ortrud, Schwester Sonja und Sören, um den Geburtstagstisch, und Sören durfte die vier Kerzen auf dem Kuchen ausblasen. Ortrud war überglücklich, sollten doch ab jetzt die Kinder für immer bei ihnen bleiben. Die Zeit der Trennung war vorbei. Doch schon eine Stunde später rief erneut die Arbeit, und die erste Geburtstagsfeier nach vier Jahren war schon wieder zu Ende, denn am nächsten Tag war Freitag, und das ist der Hauptverkaufstag in einem Fischgeschäft. Da brummt es dann so richtig. Die meisten Sachen, die da verkauft werden sollten, waren allerdings noch nicht fertig.
Die Geschwister-Kinder waren sich noch nie zuvor begegnet und an diesem Nachmittag allein auf sich gestellt. Sie erkundeten gemeinsam diese für sie neue Umgebung. Am spannendsten war das Karpfenbecken, in dem vier dicke, fette Karpfen im Kreis herumschwammen. Am unheimlichsten war eine Art Aquarium, in dem krabbelnde Tiere mit zangenartigen Händen lebten. So etwas hatten beide noch nie gesehen. Überall lagen tote Fische herum, in Metallwannen, und waren halb mit Eis bedeckt. Der Kracher aber war eine große Eisentür mit einem riesigen Hebel als Türgriff. Dahinter lagen gefrorene, ganze Fische, mit aufgerissenen Mäulern, toten milchigen Augen, und ganz viele Blöcke aus Eis, die fast größer als Sören, aber total klar waren, sodass man durchgucken konnte, und in denen Sörens Schwester, mit ihrem verzerrten Gesicht, nicht wiederzuerkennen war. Die Kinder schnitten noch viele Grimassen und wussten nicht, ob sie sich fürchten oder amüsieren sollten. Doch da kam auch schon Ortrud um die Ecke gepest und verbot ihnen strengstens, diesen Raum jemals wieder zu betreten. Denn die Tür sei nur von außen zu öffnen, und es sind schon mal Menschen in so einem Raum erfroren, weil sie nicht rauskonnten.
Es sollten später noch viele Verbote folgen.
Ortrud sah dem Treiben mit großer Skepsis zu, gab es doch zu viele gefährliche Gegenstände, wie Messer, die extra scharf, und Gabeln, die extra spitz waren. Es war doch genau das eingetreten, wovor sie immer Angst hatte, nämlich nicht ihrer Aufsichtspflicht nachkommen zu können, weil gerade Kundschaft ihrer Aufmerksamkeit bedurfte. Nicht nur das waren damals die Gründe, weswegen sie die Kinder in ein Heim gegeben hatten. Der Laden war auch noch extra kalt, extra nass und extra dunkel. Nun, vier Jahre nach Sörens Geburt, waren die Kinder doch schon aus dem Gröbsten raus und nicht mehr so anfällig für Krankheiten.
Oder doch?
Diese Umgebung schrie förmlich nach Verletzungen, Lungenentzündung und Blutvergiftung. Gerade, als der Laden gerammelt voll war, entdeckten die beiden die Tür zum Privat-Bereich, Sonja war auch schon groß und stark genug, um diese Tür öffnen zu können. Und schon entzogen sich die dem Blickfeld ihrer Mutter. Hatte Ortrud tatsächlich alles fortgeräumt, was gefährlich sein könnte? Gleich hinter der Tür entdeckten die beiden einen winzigen Flur, von dem ein einfaches, kleines WC, von einem Quadratmeter Größe und mit einem kleinen, kalten Handwaschbecken, abging. Daneben war die Tür zur Küche, die sperrangelweit aufstand, ein dunkler, schmaler Schlauch von höchstens drei Metern Tiefe und zwei Metern Breite. Dahinter gab es eine zweiflügelige Tür, durch die die Sonne zu sehen war, und sie führte in einen kleinen sonnigen Hinterhof. Doch diese Tür bekamen die nicht auf, irgendwie klemmte diese. Durch die Scheiben konnten sie jede Menge Zink-Töpfe und Wannen sehen und auch einen Gartenschlauch, überdies jede Menge Unkraut und Pusteblumen, die die Fugen in den Betonplatten zu sprengen schienen.
Der nächste Raum, der von diesem kleinen Flur abging, war das Schlafzimmer. Hier standen typischerweise ein Doppelbett und zwei große Kleiderschränke. Ganz in der Ecke beim Fenster gab es noch ein kleines Kinderbett mit weißen Gitterstäben. Um die Betten herum lag ein ein Meter breiter Teppichläufer, und zwischen Wand und Schrank war noch ein Bügelbrett geklemmt. Nicht so ein modernes aus Aluminium zum Auseinanderklappen, nein, ein richtiges Holzbrett, das mit weißem Leinen bespannt und mit einer Wolldecke gepolstert war. Dafür war es dann aber auch zwei Meter lang. Die Kinder rätselten sofort, für wen wohl dieses Bett gedacht sei? Sonja war da ganz praktisch und hüpfte so gleich in das Bett und stellte fest, dass es für sie zu klein war. Dabei sah Sören zum ersten Mal so eine komische Schiene an Sonjas rechtem Bein. Unter ihrem langen Kleid war dieses lange Ding von der Hüfte herab bis zum Fuß mit einem Gelenk in Höhe des Knies gar nicht aufgefallen. Erst als sie wieder herauskletterte, bemerkte er ihre Behinderung. Einige Bewegungen gingen gar nicht und viele waren ihr nur eingeschränkt möglich. Natürlich kam Ortrud genau in dem Moment ins Zimmer, als Sonja mit beiden Füßen und in ihren Straßenschuhen im Bett stand. Da wurde dann auch gleich lautstark erklärt, dass sie doch bitte ihr Beinchen schonen sollte – dieser Satz ist später zum Running Gag geworden – und das nächste Verbot wurde erteilt. Sie konnte plötzlich nur noch mit Ortruds Hilfe über das Gitter kommen und das Bett verlassen.
Das Wohnzimmer war genauso klein. Neben einem typischen Wohnzimmerschrank der fünfziger Jahre mit Glastür, mit dem GUTEN Kaffeegeschirr für Gäste, waren da noch eine Truhe, ein altes Röhren-Radio, ein, zwei Stühle, ein Klappsofa und ein ovaler Tisch zum Kurbeln. Der stand auf einem Teppich mit Fransen, die nahezu täglich gekämmt werden mussten. In der Ecke stand, mit allem Zubehör, ein dicker fetter Hamburger Kachelofen. Ein zweites Kinderbett für Sonja konnten die beiden nicht finden.
Ein Bad und warmes Wasser gab es nicht. Die sechste Tür war groß, mit zwei Flügeln, die in das Treppenhaus führte.
Als die beiden wieder den Laden betraten, waren die Eltern gerade dabei, alles zusammenzupacken, die Schaufensterauslagen und die vielen Fischsalate mussten über Nacht in Kisten in den Kühlraum. Dann wurde alles noch mit einem Schlauch abgespritzt und mit einem Gummilippen-Abzieher getrocknet, wobei deutlich zu erkennen war, dass der Laden einen „blutigen“ Teil hatte, in dem Heinrich lebende Tiere schlachtete, und einen „unblutigen“, in dem die fertigen Filets verarbeitet wurden. Der Hit war zu der Zeit ein geräucherter Matjes-Hering mit Zwiebeln, Äpfeln ganzen, grünen Pfefferkörnern, alles kleingeschnitten, mit Öl und Essig zum Salat angerichtet. Dann wurde der Küchentisch quer zur Wand gedreht, so dass alle vier an den Tisch passten. Die Kinder saßen auf einer Eckbank aus Eiche, hart, dunkel und unbequem, im Rücken ein Kissen, das an einem Brett aus Eiche, im selben Stil hing, und auf vielen Umwegen Ortrud durch den Krieg hindurch begleitet hatte. Dann gab es Abendbrot. Die restlichen Fischsalate, Eier mit Appetitsild auf Schwarzbrot, und alles, was am Vortag nicht verkauft worden war, wurde hungrig verspeist. Anschließend mussten die Kinder ins Bett, denn die Eltern brauchten noch Zeit für so viele Dinge, die noch nicht fertig waren.
Noch nicht einer der vielen Fischsalate, für die dieses Geschäft berühmt war, war fertiggestellt, und es brauchte noch eine lange Nacht, bis auch Ortrud und Heinrich damit fertig waren und erschöpft in die Betten fielen. Sören konnte lange nicht einschlafen, war doch alles neu für ihn. Nur sein Schnuffeltuch, sein Teddy und der Daumen, an dem er lutschte, waren ihm vertraut. Noch in der letzten Nacht lag er in einem Schlafraum mit vierzig anderen Kindern, die natürlich bis spät in die Nacht hinter dem Rücken der Schwestern Fez gemacht hatten, und dort bot immer irgendwo ein kleines Lichtlein Orientierung. Hier war es stockdunkel, und er war ganz allein, so allein wie noch nie. Die Geräusche, die aus der Küche zu ihm durchdrangen, kannte Sören nicht und machten ihm Angst. Schließlich schlief er doch ein.
Alle Erlebnisse dieses Tages liefen wie ein Film in seinem Kopf ab: die lange Reise von Rönneburg nach Hamburg Eimsbüttel, auch hier waren es wieder die vielen Geräusche, die automatischen Türen von Bussen und Bahnen, das Quietschen der Straßenbahnräder in der Kurve. Doch immer öfter wiederholte sich so ein Film, wo ein Haifisch auf seinen Schwanzflossen hinter Sören herläuft und Sören nicht fliehen kann, denn er kann die Tür nicht öffnen, weil sie keinen Türdrücker hat.
Bei Sonja war es eigentlich ganz ähnlich und doch wieder ganz anders. Hatte sie sich doch noch in der letzten Nacht mit zwanzig alten Männern in einer Klinik in Sahlenburg ein Zimmer geteilt. Jetzt lag sie hier alleine auf einer Schlafcouch zum Ausklappen. So etwas hatte sie nie zuvor gesehen. Das Bettzeug war unter der Schlafebene in einem Bettkasten, und sie spürte im Rücken diese Naht zwischen Lehne und Sitzfläche.
Das Licht der Straßenlaterne warf komische Schatten in den Falten des Vorhangs, und immer, wenn jemand an dem Haus, dicht am Fenster vorbeiging, konnte sie seine Schritte hören, wie sie langsam auf sie zukamen, einen unheimlichen Schattenriss auf den Vorhang warfen, und die Schritte danach wieder langsam verebbten. Sonja kannte nur diese alten metallenen Krankenhausbetten, wo die Rückenlehne angehoben werden konnte, und auch ihr Bein wurde geschient in die Höhe gezogen und an diesen dafür vorgesehenen „Galgen“ gebunden. In ihrem Traum ging der Schattenriss nicht am Fenster vorbei, sondern wurde immer größer und größer, immer lauter und kam auf sie zu. Dann erkannte sie ihn, es war der Pfleger, der sie an diesen „Galgen“ wickelte und er hatte auch so komische Hände, die wie Zangen aussahen, wie diese Tiere im Aquarium. Schweißnass war sie aus diesem Traum erwacht, und muss wohl laut geschrien haben, denn Ortrud saß neben ihr auf der Sofakante und sah wohl auch sehr erschreckt aus, denn Ortrud wollte sie trösten und ihre Hand halten, aber Sonja wollte sich in ihrem Traum von dem Pfleger lösen. So haben sich dann beide voreinander erschreckt.
Ortrud hatte sich sofort Vorwürfe gemacht: Kann sie ihre eigene Tochter nicht trösten? Offenbar ist das Urvertrauen in diesen vier Jahren abhandengekommen, dachte sie.
Sonja hatte einen langen und anstrengenden Tag hinter sich. War sie doch solche Strapazen nicht gewöhnt, im Gegenteil wurde sie zwecks Heilung in ihrem Bett über Monate fixiert. Jeden Schritt musste sie erst üben, und kleine Wege mussten trainiert werden. Erst diese lange Fahrt mit dem Sonderbus aus der Klinik nach Hamburg. Am Dammtorbahnhof an der Moorweide holte sie dann ihre Patentante Käte ab und brachte sie mit einem Taxi in das Fischgeschäft, wo Sören schon auf sein Geburtstagsgeschenk wartete. Tante Käte hatte immer an jeden Geburtstag gedacht, nie hatte sie einen vergessen. Auch für Sören hatte sie immer eine kleine Überraschung, obwohl es Sonjas Patentante war. Tante Käte war immer laut, aufgedreht, guter Laune und unternehmungslustig. Sie war Ortruds beste und einzige Freundin. In der Kriegszeit waren sie Nachbarn in der Rentzelstraße, nach dem Krieg kam ihr Mann nicht zurück. Irgendwann hat sie dann der „Schupo“, der Schutzpolizist, von der Kreuzung unten getröstet.
Noch mitten in der Nacht wurde Sören aus seinen Alpträumen von einer Höllenmaschine eines Weckers gerissen. Heinrichs Tag begann schon morgens um vier. Musste doch noch Ware auf dem Fischmarkt eingekauft werden. Heinrich hatte zwar keinen Führerschein, aber einen dreirädrigen „Tempo“ als Lieferwagen. Also war er darauf angewiesen, dass ein Freund-Kollege ihn chauffierte, der auf diese Weise auch seine Einkäufe erledigen konnte. Sören durfte sich noch einmal umdrehen, bis das Frühstück fertig war. Noch immer viel zu früh, gab es unter laufendem kalten Wasser eine Katzenwäsche. Jetzt im Herbst wurde es über Nacht schon richtig kalt, der Kachelofen im Wohnzimmer schien nur zu Weihnachten oder für Besuch angemacht zu werden. In dieser Küche mit Terrazzo-Fußboden war es selbst im Sommer kalt und noch bevor die Kinder wirklich angezogen waren, wurden die Fenster aufgerissen und intensiv gelüftet. Hier musste alles und jeder funktionieren, denn der Laden wurde pünktlich um acht Uhr geöffnet.
Der „Tempo“ wurde zum Be- und Entladen auf dem Gehweg geparkt. Diverse Kisten mit toten Fischen und wieder diese Eisblöcke wurden in die Kühlkammer geschleppt und schon standen die ersten Kunden ungeduldig vor dem Laden. Viele der Kunden tätschelten Sonja und Sören an den Köpfen, was Sören gar nicht gut fand. Denn diese scheinbar freundlichen Frauen mit ihren viel zu hohen Stimmen redeten alle gleichzeitig und waren viel zu neugierig und übergriffig. Sie wollten wissen, wessen Kinder das waren und wo die plötzlich herkamen. „Wohnten die auch hier, hier in diesem kalten Laden, und wie machen Sie das bloß? Die müssen doch zur Schule!“ Die Kinder waren auf diesen Überfall überhaupt nicht vorbereitet. Ortrud wurde als Rabenmutter angeklagt und kam ins Stottern und wurde in ihrer Angst bestätigt, versagt zu haben, und hatte selbst für ihre Kinder erkennbar Ausreden benutzt. Zum Beispiel, dass die Kinder wegen der Geschäftsgründung und der vielen Kinderkrankheiten von den Großeltern betreut wurden.
Sören fand das komisch, denn alle seine Großeltern waren schon vor seiner Geburt gestorben. Er spürte, wie peinlich das alles für Ortrud war. War es doch die prägendste Zeit für Sören in allen seinen Entwicklungen, aber er hatte überhaupt keine Erinnerung, wusste keinen Namen und wer ihn getröstet hatte in all diesen Jahren?
Bei Sonja war es ähnlich, aber sie war schon viereinhalb Jahre älter und hatte noch Erinnerungen aus der Zeit vor der Klinik, an ihre Oma, den Onkel, Lars und Tante Käte in der Rentzelstraße. Sie war zwischen all diesen tuberkulosekranken, alten Männern der Liebling, war aber die meiste Zeit an das Bett „gefesselt“, während Sören rumspringen durfte und konnte.
Wer diesen Aufenthalt in dem Kinderheim und im Krankenhaus beendet hat, ist den Kindern nie erzählt worden. Es schien so, als ob die Eltern dieses Thema aus den Köpfen der Kinder so schnell wie möglich eliminieren wollten.
Die Knochentuberkulose ist bei Sonja nie nachgewiesen worden, es ist aber auch nie eine wirklich andere Diagnose bekannt geworden.
Bei Sören war es ein Rotes Kreuz-Heim für Kriegswaisen, und auch hier fehlt jede Begründung für diese vier Jahre Aufenthalt.
Das letzte Jahr
in der Hartwig-Hesse-Straße begann mit der Heimkehr der Kinder in das Fischgeschäft. Was die Kinder nicht merkten, Ortrud aber immer mehr Kopfzerbrechen bereitete, war der Alterungsprozess und das Fortschreiten aller seiner Krankheiten, die Heinrich aus dem Krieg mitgebracht hatte. Das Bücken und das Laufen wurden immer schwieriger und langsamer. Er war noch 8 Jahre von seiner Rente entfernt, aber schon vollkommen „auf“, und es war zu erkennen, dass er diesen Job nie bis dahin durchhalten würde. Es fehlte eine dritte Arbeitskraft in diesem Laden, erst recht jetzt, wo die Kinder zu Hause waren und auch Ortrud weit über ihre Grenzen hinaus gehen musste, jeden Tag und jede Nacht.
In der Anfangszeit half Lars, Heinrichs Sohn aus erster Ehe, regelmäßig mit. Er machte den Einkauf und brachte jedes Mal ein kleines Fass gesalzene Heringe von seinen Reisen mit. Auch er war Schiffskoch auf einem Fischdampfer, und das sogar in derselben Reederei. Viele Jahre sind sie sich auf dem Atlantik begegnet, wenn sie in denselben Fanggebieten unterwegs waren. Manchmal waren ihre Schiffe sogar so nahe aneinander vorbeigefahren, dass sie sich durch das Bullauge hindurch zuwinken konnten. Einmal hat Lars sogar ein Foto davon gemacht.
Nun fehlte er. Es war der typische Abnabelungseffekt, als Lars andere Interessen entwickelte, als immer nur seinem Vater zu helfen, und er lernte dann eine ganz liebe Freundin, Eva, im Fischgeschäft kennen.
Die kurze Zeit, die er an Land war, reichte nicht für beide, und es kam, was kommen musste.
Ortrud wurde nicht nur immer eifersüchtiger auf Eva, sie war auch enttäuscht und traurig darüber, dass sie ihn loslassen musste, wo sie doch so viel für ihn getan hatte. Die ganze Kriegszeit hindurch hatte sie für ihn gesorgt, und jetzt entglitt er ihr.
Einmal wollte Lars mit seiner süßen Eva tanzen gehen und dazu brauchte er neue Schuhe. Weil er aber immer nahezu alles zu Hause abgab, musste er sich das Geld von Eva leihen. Ausgerechnet in dieser Woche fehlte Geld in der Laden-Kasse. Eigentlich fehlte immer Geld in der Laden-Kasse. Ortrud hatte die Gabe, sich Dinge vorzustellen, die, je länger sie in ihrem Kopf herumgeisterten, wahrer wurden. Sie war sofort und unumkehrbar eingeschnappt und von dem Tag an hat sie nie wieder mit ihm gesprochen. Lars zog aus und Ortrud hat für alle Zeit den Kontakt mit Lars verboten. Heinrich traute sich nicht, sich mit Lars zu treffen, nicht einmal heimlich.
So erfuhren Sonja und Sören kein Sterbens-Wörtchen von Lars’ Existenz. Nur Sonja hatte Lars noch ein wenig in Erinnerung, aus der Zeit vor dem Laden.
Am Sonnabendnachmittag war „Badetag“, das hieß, die kleine Zinkbadewanne wurde vom Hof reingeholt und höchstens mit zwei Kesseln heißem Wasser gefüllt. Damit sich die Kinder nicht verbrannten, kam nochmal die gleiche Menge kaltes Wasser hinzu. Sonja war meistens weniger schmutzig und wurde zuerst stehend in dieser Wanne abgeseift. Dann war Sören dran, bis dahin war diese Brühe ganz abgekühlt, er zitterte und klapperte, und es wurde mit dem Waschlappen, in dem ein dicker Finger steckte, in alle Körperöffnungen gebohrt. Das war nicht nur kalt, sondern auch schmerzhaft. Der Abend war tatsächlich ein warmer, gemütlicher Familienabend mit Mikado, Mau-Mau, „Mensch ärgere Dich nicht“ oder Halma.
…
Am untersten Ende des Laternenpfahls, da wo alle hinpinkeln, wo es am meisten stinkt, am weitesten vom Licht entfernt, begann Sörens Kindheit im Nachkriegs-Deutschland.
Als Träumer und Spätentwickler machte die Bildung einen großen Bogen um ihn.
Nur seine Naivität, seine Neugierde und seine Resilienz schützten ihn vor Schlimmerem.
Ohne die Sisyphusarbeit meiner Frau Margret beim Korrigieren wäre dieses Buch überhaupt nicht denkbar gewesen.
Doch erst durch den Anstoß meiner Freundin Marga fing ich an zu schreiben.
Und ohne die Unterstützung meiner Freundinnen Annette, Tanja, Angelika wäre es nicht so schön geworden.
Herzlichen Dank dafür.
Sven Dethlefsen, 2024
Der vierte Geburtstag
Ortrud war ganz zerrissen, wusste sie doch nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Sie hatte zum ersten Male ihre ganze Familie beisammen. Es war bereits Sörens vierter Geburtstag, der Tag, an dem sich alles verändern sollte. So saßen die vier, Vater Heinrich, Mutter Ortrud, Schwester Sonja und Sören, um den Geburtstagstisch, und Sören durfte die vier Kerzen auf dem Kuchen ausblasen. Ortrud war überglücklich, sollten doch ab jetzt die Kinder für immer bei ihnen bleiben. Die Zeit der Trennung war vorbei. Doch schon eine Stunde später rief erneut die Arbeit, und die erste Geburtstagsfeier nach vier Jahren war schon wieder zu Ende, denn am nächsten Tag war Freitag, und das ist der Hauptverkaufstag in einem Fischgeschäft. Da brummt es dann so richtig. Die meisten Sachen, die da verkauft werden sollten, waren allerdings noch nicht fertig.
Die Geschwister-Kinder waren sich noch nie zuvor begegnet und an diesem Nachmittag allein auf sich gestellt. Sie erkundeten gemeinsam diese für sie neue Umgebung. Am spannendsten war das Karpfenbecken, in dem vier dicke, fette Karpfen im Kreis herumschwammen. Am unheimlichsten war eine Art Aquarium, in dem krabbelnde Tiere mit zangenartigen Händen lebten. So etwas hatten beide noch nie gesehen. Überall lagen tote Fische herum, in Metallwannen, und waren halb mit Eis bedeckt. Der Kracher aber war eine große Eisentür mit einem riesigen Hebel als Türgriff. Dahinter lagen gefrorene, ganze Fische, mit aufgerissenen Mäulern, toten milchigen Augen, und ganz viele Blöcke aus Eis, die fast größer als Sören, aber total klar waren, sodass man durchgucken konnte, und in denen Sörens Schwester, mit ihrem verzerrten Gesicht, nicht wiederzuerkennen war. Die Kinder schnitten noch viele Grimassen und wussten nicht, ob sie sich fürchten oder amüsieren sollten. Doch da kam auch schon Ortrud um die Ecke gepest und verbot ihnen strengstens, diesen Raum jemals wieder zu betreten. Denn die Tür sei nur von außen zu öffnen, und es sind schon mal Menschen in so einem Raum erfroren, weil sie nicht rauskonnten.
Es sollten später noch viele Verbote folgen.
Ortrud sah dem Treiben mit großer Skepsis zu, gab es doch zu viele gefährliche Gegenstände, wie Messer, die extra scharf, und Gabeln, die extra spitz waren. Es war doch genau das eingetreten, wovor sie immer Angst hatte, nämlich nicht ihrer Aufsichtspflicht nachkommen zu können, weil gerade Kundschaft ihrer Aufmerksamkeit bedurfte. Nicht nur das waren damals die Gründe, weswegen sie die Kinder in ein Heim gegeben hatten. Der Laden war auch noch extra kalt, extra nass und extra dunkel. Nun, vier Jahre nach Sörens Geburt, waren die Kinder doch schon aus dem Gröbsten raus und nicht mehr so anfällig für Krankheiten.
Oder doch?
Diese Umgebung schrie förmlich nach Verletzungen, Lungenentzündung und Blutvergiftung. Gerade, als der Laden gerammelt voll war, entdeckten die beiden die Tür zum Privat-Bereich, Sonja war auch schon groß und stark genug, um diese Tür öffnen zu können. Und schon entzogen sich die dem Blickfeld ihrer Mutter. Hatte Ortrud tatsächlich alles fortgeräumt, was gefährlich sein könnte? Gleich hinter der Tür entdeckten die beiden einen winzigen Flur, von dem ein einfaches, kleines WC, von einem Quadratmeter Größe und mit einem kleinen, kalten Handwaschbecken, abging. Daneben war die Tür zur Küche, die sperrangelweit aufstand, ein dunkler, schmaler Schlauch von höchstens drei Metern Tiefe und zwei Metern Breite. Dahinter gab es eine zweiflügelige Tür, durch die die Sonne zu sehen war, und sie führte in einen kleinen sonnigen Hinterhof. Doch diese Tür bekamen die nicht auf, irgendwie klemmte diese. Durch die Scheiben konnten sie jede Menge Zink-Töpfe und Wannen sehen und auch einen Gartenschlauch, überdies jede Menge Unkraut und Pusteblumen, die die Fugen in den Betonplatten zu sprengen schienen.
Der nächste Raum, der von diesem kleinen Flur abging, war das Schlafzimmer. Hier standen typischerweise ein Doppelbett und zwei große Kleiderschränke. Ganz in der Ecke beim Fenster gab es noch ein kleines Kinderbett mit weißen Gitterstäben. Um die Betten herum lag ein ein Meter breiter Teppichläufer, und zwischen Wand und Schrank war noch ein Bügelbrett geklemmt. Nicht so ein modernes aus Aluminium zum Auseinanderklappen, nein, ein richtiges Holzbrett, das mit weißem Leinen bespannt und mit einer Wolldecke gepolstert war. Dafür war es dann aber auch zwei Meter lang. Die Kinder rätselten sofort, für wen wohl dieses Bett gedacht sei? Sonja war da ganz praktisch und hüpfte so gleich in das Bett und stellte fest, dass es für sie zu klein war. Dabei sah Sören zum ersten Mal so eine komische Schiene an Sonjas rechtem Bein. Unter ihrem langen Kleid war dieses lange Ding von der Hüfte herab bis zum Fuß mit einem Gelenk in Höhe des Knies gar nicht aufgefallen. Erst als sie wieder herauskletterte, bemerkte er ihre Behinderung. Einige Bewegungen gingen gar nicht und viele waren ihr nur eingeschränkt möglich. Natürlich kam Ortrud genau in dem Moment ins Zimmer, als Sonja mit beiden Füßen und in ihren Straßenschuhen im Bett stand. Da wurde dann auch gleich lautstark erklärt, dass sie doch bitte ihr Beinchen schonen sollte – dieser Satz ist später zum Running Gag geworden – und das nächste Verbot wurde erteilt. Sie konnte plötzlich nur noch mit Ortruds Hilfe über das Gitter kommen und das Bett verlassen.
Das Wohnzimmer war genauso klein. Neben einem typischen Wohnzimmerschrank der fünfziger Jahre mit Glastür, mit dem GUTEN Kaffeegeschirr für Gäste, waren da noch eine Truhe, ein altes Röhren-Radio, ein, zwei Stühle, ein Klappsofa und ein ovaler Tisch zum Kurbeln. Der stand auf einem Teppich mit Fransen, die nahezu täglich gekämmt werden mussten. In der Ecke stand, mit allem Zubehör, ein dicker fetter Hamburger Kachelofen. Ein zweites Kinderbett für Sonja konnten die beiden nicht finden.
Ein Bad und warmes Wasser gab es nicht. Die sechste Tür war groß, mit zwei Flügeln, die in das Treppenhaus führte.
Als die beiden wieder den Laden betraten, waren die Eltern gerade dabei, alles zusammenzupacken, die Schaufensterauslagen und die vielen Fischsalate mussten über Nacht in Kisten in den Kühlraum. Dann wurde alles noch mit einem Schlauch abgespritzt und mit einem Gummilippen-Abzieher getrocknet, wobei deutlich zu erkennen war, dass der Laden einen „blutigen“ Teil hatte, in dem Heinrich lebende Tiere schlachtete, und einen „unblutigen“, in dem die fertigen Filets verarbeitet wurden. Der Hit war zu der Zeit ein geräucherter Matjes-Hering mit Zwiebeln, Äpfeln ganzen, grünen Pfefferkörnern, alles kleingeschnitten, mit Öl und Essig zum Salat angerichtet. Dann wurde der Küchentisch quer zur Wand gedreht, so dass alle vier an den Tisch passten. Die Kinder saßen auf einer Eckbank aus Eiche, hart, dunkel und unbequem, im Rücken ein Kissen, das an einem Brett aus Eiche, im selben Stil hing, und auf vielen Umwegen Ortrud durch den Krieg hindurch begleitet hatte. Dann gab es Abendbrot. Die restlichen Fischsalate, Eier mit Appetitsild auf Schwarzbrot, und alles, was am Vortag nicht verkauft worden war, wurde hungrig verspeist. Anschließend mussten die Kinder ins Bett, denn die Eltern brauchten noch Zeit für so viele Dinge, die noch nicht fertig waren.
Noch nicht einer der vielen Fischsalate, für die dieses Geschäft berühmt war, war fertiggestellt, und es brauchte noch eine lange Nacht, bis auch Ortrud und Heinrich damit fertig waren und erschöpft in die Betten fielen. Sören konnte lange nicht einschlafen, war doch alles neu für ihn. Nur sein Schnuffeltuch, sein Teddy und der Daumen, an dem er lutschte, waren ihm vertraut. Noch in der letzten Nacht lag er in einem Schlafraum mit vierzig anderen Kindern, die natürlich bis spät in die Nacht hinter dem Rücken der Schwestern Fez gemacht hatten, und dort bot immer irgendwo ein kleines Lichtlein Orientierung. Hier war es stockdunkel, und er war ganz allein, so allein wie noch nie. Die Geräusche, die aus der Küche zu ihm durchdrangen, kannte Sören nicht und machten ihm Angst. Schließlich schlief er doch ein.
Alle Erlebnisse dieses Tages liefen wie ein Film in seinem Kopf ab: die lange Reise von Rönneburg nach Hamburg Eimsbüttel, auch hier waren es wieder die vielen Geräusche, die automatischen Türen von Bussen und Bahnen, das Quietschen der Straßenbahnräder in der Kurve. Doch immer öfter wiederholte sich so ein Film, wo ein Haifisch auf seinen Schwanzflossen hinter Sören herläuft und Sören nicht fliehen kann, denn er kann die Tür nicht öffnen, weil sie keinen Türdrücker hat.
Bei Sonja war es eigentlich ganz ähnlich und doch wieder ganz anders. Hatte sie sich doch noch in der letzten Nacht mit zwanzig alten Männern in einer Klinik in Sahlenburg ein Zimmer geteilt. Jetzt lag sie hier alleine auf einer Schlafcouch zum Ausklappen. So etwas hatte sie nie zuvor gesehen. Das Bettzeug war unter der Schlafebene in einem Bettkasten, und sie spürte im Rücken diese Naht zwischen Lehne und Sitzfläche.
Das Licht der Straßenlaterne warf komische Schatten in den Falten des Vorhangs, und immer, wenn jemand an dem Haus, dicht am Fenster vorbeiging, konnte sie seine Schritte hören, wie sie langsam auf sie zukamen, einen unheimlichen Schattenriss auf den Vorhang warfen, und die Schritte danach wieder langsam verebbten. Sonja kannte nur diese alten metallenen Krankenhausbetten, wo die Rückenlehne angehoben werden konnte, und auch ihr Bein wurde geschient in die Höhe gezogen und an diesen dafür vorgesehenen „Galgen“ gebunden. In ihrem Traum ging der Schattenriss nicht am Fenster vorbei, sondern wurde immer größer und größer, immer lauter und kam auf sie zu. Dann erkannte sie ihn, es war der Pfleger, der sie an diesen „Galgen“ wickelte und er hatte auch so komische Hände, die wie Zangen aussahen, wie diese Tiere im Aquarium. Schweißnass war sie aus diesem Traum erwacht, und muss wohl laut geschrien haben, denn Ortrud saß neben ihr auf der Sofakante und sah wohl auch sehr erschreckt aus, denn Ortrud wollte sie trösten und ihre Hand halten, aber Sonja wollte sich in ihrem Traum von dem Pfleger lösen. So haben sich dann beide voreinander erschreckt.
Ortrud hatte sich sofort Vorwürfe gemacht: Kann sie ihre eigene Tochter nicht trösten? Offenbar ist das Urvertrauen in diesen vier Jahren abhandengekommen, dachte sie.
Sonja hatte einen langen und anstrengenden Tag hinter sich. War sie doch solche Strapazen nicht gewöhnt, im Gegenteil wurde sie zwecks Heilung in ihrem Bett über Monate fixiert. Jeden Schritt musste sie erst üben, und kleine Wege mussten trainiert werden. Erst diese lange Fahrt mit dem Sonderbus aus der Klinik nach Hamburg. Am Dammtorbahnhof an der Moorweide holte sie dann ihre Patentante Käte ab und brachte sie mit einem Taxi in das Fischgeschäft, wo Sören schon auf sein Geburtstagsgeschenk wartete. Tante Käte hatte immer an jeden Geburtstag gedacht, nie hatte sie einen vergessen. Auch für Sören hatte sie immer eine kleine Überraschung, obwohl es Sonjas Patentante war. Tante Käte war immer laut, aufgedreht, guter Laune und unternehmungslustig. Sie war Ortruds beste und einzige Freundin. In der Kriegszeit waren sie Nachbarn in der Rentzelstraße, nach dem Krieg kam ihr Mann nicht zurück. Irgendwann hat sie dann der „Schupo“, der Schutzpolizist, von der Kreuzung unten getröstet.
Noch mitten in der Nacht wurde Sören aus seinen Alpträumen von einer Höllenmaschine eines Weckers gerissen. Heinrichs Tag begann schon morgens um vier. Musste doch noch Ware auf dem Fischmarkt eingekauft werden. Heinrich hatte zwar keinen Führerschein, aber einen dreirädrigen „Tempo“ als Lieferwagen. Also war er darauf angewiesen, dass ein Freund-Kollege ihn chauffierte, der auf diese Weise auch seine Einkäufe erledigen konnte. Sören durfte sich noch einmal umdrehen, bis das Frühstück fertig war. Noch immer viel zu früh, gab es unter laufendem kalten Wasser eine Katzenwäsche. Jetzt im Herbst wurde es über Nacht schon richtig kalt, der Kachelofen im Wohnzimmer schien nur zu Weihnachten oder für Besuch angemacht zu werden. In dieser Küche mit Terrazzo-Fußboden war es selbst im Sommer kalt und noch bevor die Kinder wirklich angezogen waren, wurden die Fenster aufgerissen und intensiv gelüftet. Hier musste alles und jeder funktionieren, denn der Laden wurde pünktlich um acht Uhr geöffnet.
Der „Tempo“ wurde zum Be- und Entladen auf dem Gehweg geparkt. Diverse Kisten mit toten Fischen und wieder diese Eisblöcke wurden in die Kühlkammer geschleppt und schon standen die ersten Kunden ungeduldig vor dem Laden. Viele der Kunden tätschelten Sonja und Sören an den Köpfen, was Sören gar nicht gut fand. Denn diese scheinbar freundlichen Frauen mit ihren viel zu hohen Stimmen redeten alle gleichzeitig und waren viel zu neugierig und übergriffig. Sie wollten wissen, wessen Kinder das waren und wo die plötzlich herkamen. „Wohnten die auch hier, hier in diesem kalten Laden, und wie machen Sie das bloß? Die müssen doch zur Schule!“ Die Kinder waren auf diesen Überfall überhaupt nicht vorbereitet. Ortrud wurde als Rabenmutter angeklagt und kam ins Stottern und wurde in ihrer Angst bestätigt, versagt zu haben, und hatte selbst für ihre Kinder erkennbar Ausreden benutzt. Zum Beispiel, dass die Kinder wegen der Geschäftsgründung und der vielen Kinderkrankheiten von den Großeltern betreut wurden.
Sören fand das komisch, denn alle seine Großeltern waren schon vor seiner Geburt gestorben. Er spürte, wie peinlich das alles für Ortrud war. War es doch die prägendste Zeit für Sören in allen seinen Entwicklungen, aber er hatte überhaupt keine Erinnerung, wusste keinen Namen und wer ihn getröstet hatte in all diesen Jahren?
Bei Sonja war es ähnlich, aber sie war schon viereinhalb Jahre älter und hatte noch Erinnerungen aus der Zeit vor der Klinik, an ihre Oma, den Onkel, Lars und Tante Käte in der Rentzelstraße. Sie war zwischen all diesen tuberkulosekranken, alten Männern der Liebling, war aber die meiste Zeit an das Bett „gefesselt“, während Sören rumspringen durfte und konnte.
Wer diesen Aufenthalt in dem Kinderheim und im Krankenhaus beendet hat, ist den Kindern nie erzählt worden. Es schien so, als ob die Eltern dieses Thema aus den Köpfen der Kinder so schnell wie möglich eliminieren wollten.
Die Knochentuberkulose ist bei Sonja nie nachgewiesen worden, es ist aber auch nie eine wirklich andere Diagnose bekannt geworden.
Bei Sören war es ein Rotes Kreuz-Heim für Kriegswaisen, und auch hier fehlt jede Begründung für diese vier Jahre Aufenthalt.
Das letzte Jahr
in der Hartwig-Hesse-Straße begann mit der Heimkehr der Kinder in das Fischgeschäft. Was die Kinder nicht merkten, Ortrud aber immer mehr Kopfzerbrechen bereitete, war der Alterungsprozess und das Fortschreiten aller seiner Krankheiten, die Heinrich aus dem Krieg mitgebracht hatte. Das Bücken und das Laufen wurden immer schwieriger und langsamer. Er war noch 8 Jahre von seiner Rente entfernt, aber schon vollkommen „auf“, und es war zu erkennen, dass er diesen Job nie bis dahin durchhalten würde. Es fehlte eine dritte Arbeitskraft in diesem Laden, erst recht jetzt, wo die Kinder zu Hause waren und auch Ortrud weit über ihre Grenzen hinaus gehen musste, jeden Tag und jede Nacht.
In der Anfangszeit half Lars, Heinrichs Sohn aus erster Ehe, regelmäßig mit. Er machte den Einkauf und brachte jedes Mal ein kleines Fass gesalzene Heringe von seinen Reisen mit. Auch er war Schiffskoch auf einem Fischdampfer, und das sogar in derselben Reederei. Viele Jahre sind sie sich auf dem Atlantik begegnet, wenn sie in denselben Fanggebieten unterwegs waren. Manchmal waren ihre Schiffe sogar so nahe aneinander vorbeigefahren, dass sie sich durch das Bullauge hindurch zuwinken konnten. Einmal hat Lars sogar ein Foto davon gemacht.
Nun fehlte er. Es war der typische Abnabelungseffekt, als Lars andere Interessen entwickelte, als immer nur seinem Vater zu helfen, und er lernte dann eine ganz liebe Freundin, Eva, im Fischgeschäft kennen.
Die kurze Zeit, die er an Land war, reichte nicht für beide, und es kam, was kommen musste.
Ortrud wurde nicht nur immer eifersüchtiger auf Eva, sie war auch enttäuscht und traurig darüber, dass sie ihn loslassen musste, wo sie doch so viel für ihn getan hatte. Die ganze Kriegszeit hindurch hatte sie für ihn gesorgt, und jetzt entglitt er ihr.
Einmal wollte Lars mit seiner süßen Eva tanzen gehen und dazu brauchte er neue Schuhe. Weil er aber immer nahezu alles zu Hause abgab, musste er sich das Geld von Eva leihen. Ausgerechnet in dieser Woche fehlte Geld in der Laden-Kasse. Eigentlich fehlte immer Geld in der Laden-Kasse. Ortrud hatte die Gabe, sich Dinge vorzustellen, die, je länger sie in ihrem Kopf herumgeisterten, wahrer wurden. Sie war sofort und unumkehrbar eingeschnappt und von dem Tag an hat sie nie wieder mit ihm gesprochen. Lars zog aus und Ortrud hat für alle Zeit den Kontakt mit Lars verboten. Heinrich traute sich nicht, sich mit Lars zu treffen, nicht einmal heimlich.
So erfuhren Sonja und Sören kein Sterbens-Wörtchen von Lars’ Existenz. Nur Sonja hatte Lars noch ein wenig in Erinnerung, aus der Zeit vor dem Laden.
Am Sonnabendnachmittag war „Badetag“, das hieß, die kleine Zinkbadewanne wurde vom Hof reingeholt und höchstens mit zwei Kesseln heißem Wasser gefüllt. Damit sich die Kinder nicht verbrannten, kam nochmal die gleiche Menge kaltes Wasser hinzu. Sonja war meistens weniger schmutzig und wurde zuerst stehend in dieser Wanne abgeseift. Dann war Sören dran, bis dahin war diese Brühe ganz abgekühlt, er zitterte und klapperte, und es wurde mit dem Waschlappen, in dem ein dicker Finger steckte, in alle Körperöffnungen gebohrt. Das war nicht nur kalt, sondern auch schmerzhaft. Der Abend war tatsächlich ein warmer, gemütlicher Familienabend mit Mikado, Mau-Mau, „Mensch ärgere Dich nicht“ oder Halma.
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