Arche Noah 2.0

Arche Noah 2.0

Karlheinz Stöflin


EUR 16,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 222
ISBN: 978-3-99048-881-2
Erscheinungsdatum: 26.04.2017
Kann die Evolutionstheorie unser Sein erklären? Liegt die Antwort in der Genesis? Ist die Bibel ein Märchenbuch, die Sintflut ein Märchen? Wird es eine neue Sintflut geben und wen wird es dann erwischen? Verblüffende Antworten auf diese Fragen in diesem Buch!
Vorwort

Dieses Buch ist aus einer Frage entstanden, die im Normalfall von jedem Kind einmal gestellt wird. „Papi, wer hat die Welt erschaffen und wer die Menschen?“ Auch ich stellte diese Frage seinerzeit meinen Eltern, und – es war nicht anders zu erwarten – eines Tages stellte mir mein Sohn genau die gleiche Frage.
Das ist nichts Besonderes, das ist ein ganz normaler Ablauf, aber durch die Frage meines Sohnes wurde ich nicht nur an meine Kindheit erinnert, sondern abrupt wach gerüttelt. Denn mir wurde nun wieder bewusst, dass ich im Laufe meines Lebens nicht nur eine Antwort bekam, sondern zwei. Und mir wurde klar, dass ich mich mit den zwei Antworten eigentlich nie ernsthaft auseinandergesetzt hatte, obwohl sie sich total widersprachen. Mir war daher, als wenn ich soeben einen alten, längst vergessenen Konflikt wach geküsst hätte.


Ohne ihn darum gebeten zu haben, baute sich der Konflikt nun in voller Größe vor mir auf und grinste mich blöd an. In der linken Hand hielt er die Schöpfungsgeschichte und in der rechten Hand die Evolutionstheorie; abwechselnd hielt er mir einmal die und ein andermal die andere vor die Nase.

Das war nicht sehr erbaulich, das können Sie mir glauben, und ich hatte daher nur noch eines im Sinn: Ich musste den Konflikt so rasch wie möglich loswerden und – was noch wichtiger war – ich musste sicherstellen, dass meinem Sohn nicht das gleiche Schicksal widerfuhr. Gute Idee, aber wie sollte ich das anstellen?

Da ich mit den Informanten meiner Jugend (Mittelschule und Religion) nicht zurechtkam und mit dem noch immer aktuellen, aber trotzdem wenig einleuchtenden „es ist einfach so“ dieser selbstverliebten Meinungsträger schon gar nicht zurechtkomme, lag es auf der Hand, die beiden sich widersprechenden Theorien auf einen Prüfstand zu stellen, und zwar gnadenlos.
Für die Gnadenlosigkeit wollte ich allein zuständig sein und ich verspürte in diesem Punkt einen gewaltigen Ehrgeiz. Es war mir völlig egal, wer aus dieser Challenge als Sieger hervorgehen würde. Hauptsache, ich bekäme endlich eine Antwort, die mir brauchbar erschien und mit der ich mich identifizieren konnte.

Ich stürzte mich daher hochmotiviert in dieses spannende Projekt und ich kann Ihnen vorab schon sagen, dass das Recherchieren sehr, sehr aufregend war. Ich habe sogar herausgefunden, ob an der Sintflut was dran ist oder nicht und dieser legendären biblischen Geschichte daher ein eigenes Kapitel gewidmet.

Summa summarum waren die Recherchen eine echt spannende „Studienreise“ und ich bin dabei auf Informationen gestoßen, die ich gar nicht suchte, die mich aber nichtsdestotrotz sehr überrascht und kurzfristig sogar aus dem mentalen Gleichgewicht gebracht haben.

Was aber besonders wichtig ist, ich habe mich letztlich für eine der beiden Antworten entschieden.
Am Ende des Buches komme ich so zu der Schlussfolgerung, dass die Arche kein zweites Mal auslaufen wird. Das ist die gute Nachricht.
Es besteht aber nicht der geringste Anlass, deswegen an eine rosarote Zukunft zu glauben. Das ist die schlechte Nachricht.



Biografie eines Konfliktes

Wenn vorhin möglicherweise der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich den Konflikt nur so nebenbei erwähnen wollte, dann habe ich mich nicht klar genug ausgedrückt. Es ist vielmehr so, dass ich von seiner bisher geheimen Existenz völlig überrascht war und ihm nun sogar ein paar Sonderseiten widme.
Ich war vor allem darüber entsetzt, dass er so ungestört in mir heranwachsen konnte. Nach und nach fand ich aber heraus, was zu seinem ebenso geheimen Wachstum beigetragen hat. Vielleicht stellt der eine oder andere Leser im Laufe der nächsten Seiten fest, dass er sich mit dem gleichen Konflikt herumschlägt oder herumgeschlagen hat. Das wäre jedenfalls meinem angeschlagenen Ego sehr dienlich. Aus heutiger Sicht kommt mir die Geschichte mit dem Konflikt so vor, als wenn jemand jahrzehntelang in meinem Haus heimlich ein und aus gegangen wäre, fallweise das Mobiliar benutzt, dann und wann etwas aus dem Kühlschrank genommen und ich mir die Spuren dieses heimlichen Besuchers jedes Mal mit banalen Gründen erklärt hätte.

Unfassbar, aber anders kann ich mir die Koexistenz mit dem Konflikt nicht erklären.

Um mich selbst zu trösten, gehe ich daher davon aus, dass ich mit dem Konflikt kein Einzelfall bin. Es kann ja auch gar nicht anders sein, denn ab einem bestimmten Alter wollen doch alle Kinder eines Tage wissen, wieso es uns Menschen gibt, wer die Menschen bzw. das ganze Universum gemacht hat, die Sonne, die Sterne usw.?

Dass Kinder solche Fragen stellen, dürfte wohl unbestritten sein. Ebenso Fakt dürfte der Umstand sein, dass die Eltern sich in den meisten Fällen für die romantische Version entscheiden, und zwar für die Schöpfungsgeschichte.
Die Antwort dürfte allerdings weniger romantisch ausfallen, wenn Vater und/oder Mutter sich mit Kernphysik oder einer anderen trockenen Materie ihr Brot verdienen, aber eine derartige Eltern-Konstellation wird wohl eher die Ausnahme sein.

Meine Eltern waren naturwissenschaftlich jedenfalls nicht vorbelastet, sodass die von mir gestellte Frage – wie sollte es anders sein – eben mit der Schöpfungsgeschichte beantwortet wurde.
Und diese Antwort gefiel mir sehr gut und was noch besser war, sie wurde mir in der Volksschule auch noch hochoffiziell bestätigt – aus der Ecke der Kirche.
Die Eltern hatten also recht, was will man mehr!

Damit hatte die Schöpfungsgeschichte lange Zeit einen unangefochtenen Platz in meinem Leben und alles war klar. Es hätte meinetwegen auch ewig so bleiben können. Aber was im Leben dauert denn schon ewig?
Nicht wirklich danach fragend – meine Welt war ja völlig in Ordnung – bekam ich Jahre später, in der Mittelschule, aus der Ecke der Naturwissenschaft unerwartet eine zweite Antwort. Diese Antwort trug den spannenden Namen Evolutionstheorie. Obwohl mir der Name recht gut gefiel, so war mir die Kernaussage dieser Theorie weniger sympathisch. Diese neue Theorie trat nämlich extrem arrogant auf und vermittelte mir den Eindruck, als wenn ich bis dato sehr unwissend und naiv gewesen wäre. Noch dazu trug sie den hässlichen Umhang der Doktrin und gab vor, die Alleinlizenz für die richtige Antwort zu haben. Ohne Wenn und Aber. Punkt, basta!

Die Erstperformance der Evolutionstheorie war also wenig überzeugend. Die Theorie entwickelte sich im Laufe der Zeit sogar zu meinem persönlichen Staatsfeind. Persönlicher Staatsfeind deswegen, weil die Theorie sich wie ein Körper mit Raumforderung benahm. Der aus der Onkologie kommende Vergleich mit der Raumforderung ist gar nicht so weit hergeholt, denn die Theorie wollte mir ja etwas wegnehmen. Etwas, was mir in den vielen Jahren meiner Kindheit das schöne Gefühl einer sehr gesicherten Geborgenheit gegeben hatte.
Der in der Schöpfungsgeschichte beschriebene Gott war für mich ja nicht irgendwer, sondern jemand, der nicht nur mich beschützte, sondern auch die beschützte, die mich beschützten (meine Eltern). Was soll bei einem derartigen Doppelschutz schiefgehen, da konnte die beste Lebensversicherung nicht mithalten.


Und schon gar nicht so eine trockene Evolutionstheorie. Eine Theorie, die mir den flauschigen Teppich der Geborgenheit unter den Füßen wegzog und mir ernsthaft erklären wollte, dass es meinen Gott nicht gäbe und dass der Mensch vom Affen abstamme. Sauber!
Sympathieträger sehen anders aus.

Aber es nützte nichts. Man konnte es drehen, wie man wollte – ich war hatte nun zwei Antworten. Ich wusste aber nicht recht, an welche der beiden Theorien ich nun mehr glauben sollte und saß ab hier – wie ich heute weiß – wohl jahrelang zwischen zwei Stühlen.
Man kann daher die Unterrichtsstunde, in der ich zum ersten Mal von der Evolutionstheorie hörte, als Geburtsstunde meines Konfliktes festmachen, bei Bedarf mit Uhrzeit.
Und jetzt passierte Schritt für Schritt das, was den Konflikt groß werden ließ. Es begannen Kräfte auf mich einzuwirken, die der Evolutionstheorie – trotz ihrer unsympathischen Performance – zum Durchbruch verhalfen. Eine solche Kraft war unter anderem der unbändige Wunsch, erwachsen zu werden.

Diesem unbändigen Wunsch eilten dann noch viele Erinnerungen aus meiner Kindheit zu Hilfe und diese führten mir gnadenlos vor Augen, dass sich das Christkind, der Krampus, der Nikolaus und der Osterhase irgendwann als völliger Kinderkram entpuppten.
Also, was jetzt?, fragte ich mich. Was ist, wenn sich auch die Schöpfungsgeschichte in ein paar Jahren als Märchen herausstellt? Was dann?
Nein, nein, so einen Irrtum kann ich mir auf keinen Fall leisten, dachte ich. Wenn ich erwachsen werden will, dann musste ich mich von allem Kinderkram befreien. Und zwar sofort!

Die Hände, die noch tapfer die liebenswürdige Schöpfungsgeschichte aus meiner Kindheit umklammerten, wurden immer schwächer, ließen aber irgendwann los und griffen zögernd, aber doch, zur Evolutionstheorie.

Ich war also über Nacht zu einem Anhänger der bislang von mir ungeliebten Evolutionstheorie geworden. Aber ich war es nicht mit dem ganzen Herzen und habe beim Heranwachsen zudem einige seltsame Widersprüche beobachtet.

Meinen wachsamen Augen ist es nämlich nicht entgangen, dass meine Eltern und überhaupt alle Erwachsene in meiner Umgebung weiterhin in die Kirche gingen und die kirchlichen Feiertage hochgehalten haben. Wie das?
Glaubten meine Eltern, meine Großeltern und die Nachbarn etwa noch an das Christkind oder an den Osterhasen? Das konnte nicht sein, die mussten doch auch von der Evolutionstheorie gehört haben!

Diese Beobachtung machte ich im Grunde jahrelang, ich hatte aber lediglich das Unbehagen verspürt, dass mein anfangs noch kleines und dann später etwas größer gewordenes Kleinhirn damit nicht richtig klarkam. Denn soweit ich es aus meiner damaligen Perspektive beobachten konnte, waren meine Eltern ja recht vernünftige Leute. Da passte also was nicht zusammen!
Aber ich hatte damals keine Zeit, mir darüber mehr Gedanken zu machen.
Was tut oder unterlässt man nicht alles, um erwachsen zu werden?!

Die Theorie stand – wie ich später bemerkte – sogar auf sehr schwachen Beinen. Meine Sympathie für die Theorie war in Wahrheit nur gespielt und ziemlich sicher nur ein müder Versuch, die Außenwelt zu täuschen. Mir war das wahrscheinlich auch klar, ich wollte es mir wohl nie eingestehen.

Mein armer Verstand musste den ab hier in mir immer mehr schwelenden Konflikt in aller Stille immer wieder ausgeglichen haben.
Heute muss ich vor meinem Verstand ehrfurchtsvoll mein Haupt neigen und ihm hohen Respekt zollen, denn heute weiß ich, dass mein Verstand in diesem Punkt ganze Arbeit geleistet hat. Bei der Beatmung des Theorien-Konfliktes waren nämlich ordentliche Kräfte am Werk, die Kirche und die Schule und wer solchen Kräften etwas entgegenhalten kann, der muss schon ordentlich was „auf dem Kasten“ haben. Das war also eine hervorragende Leistung meiner biologischen Festplatte.

Eines Tages ging mein geplagtes Gehirn aber ohne Vorankündigung dazu über, mich in regelmäßigen Abständen zu einem Reset zu drängen – und das sehr vehement.

Dieses Drängen war extrem lästig, aber das Gehirn ließ nicht locker und gab mir zu verstehen, dass der Zwischenspeicher heillos überlastet sei. Kein Wunder, denn es herrschte ja seit Jahren ständig Streit im intellektuellen Obergeschoss. Großhirn gegen Kleinhirn, Unterbewusstsein gegen Bewusstsein. Es wurde nicht laut gestritten, aber es war ein permanenter und unsinniger Energieverbrauch. Wie es bei einem Streit halt so ist.
Da ich langsam volljährig wurde, war dieser Energieverbrauch nicht mehr akzeptabel; ich brauchte jetzt jeden Tropfen Energie, um den neuen Anforderungen des Alltags gewachsen zu sein.

Eigentlich seltsam, dachte ich, dass sich die zwei Theorien so sehr streiten, ich hatte die Schöpfungsgeschichte (Genesis) doch schon längst in die Märchenstube verschoben. Wozu also das ganze Theater?
Ein Blick in mein Innerstes sagte mir aber, dass das eine blöde Frage war. Selbst wenn ich mich heute nicht mehr erinnern kann, ich muss im meinem Innersten doch ganz genau gewusst haben, dass ich die alte Schöpfungsgeschichte gerade mal so viel in die Märchenstube verschoben hatte, um nicht für unvernünftig gehalten werden zu können!
Dieser Selbstbetrug schimmerte nicht nur an die Oberfläche durch, sondern hat mich auch all die Jahre nicht zur Ruhe kommen lassen. So, Ende der großartigen Selbsterkenntnis, jetzt war Zahltag.

Und was soll ich Ihnen sagen, es kam, wie es kommen musste. Es gab kein Hin und Her mehr, die Evolutionstheorie sah mein fragendes Gesicht, erhob mit ernster Miene ihren dürren Zeigefinger und zeigte mahnend auf meine potenzielle Karriereleiter. Karriereleiter, oje, das war deutlich!

Sehr deutlich sogar! Ich spürte meinen Blutdruck ansteigen, denn ich durfte den Börsenkurs meiner mühsam erworbenen Allgemeinbildung und vor allem meine künftigen Berufsaussichten auf keinen Fall in Gefahr bringen.
Was dann kam, ist wohl nicht schwer zu erraten.

Um aus der angedrohten Risikozone zu gelangen, magerte ich blitzartig den Rest der noch in mir wohnenden Schöpfungsgeschichte auf Nanogröße ab und war nun endlich ein Teil der angestrebten Vernunftskaste. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich damals wirklich freute, den Sprung in die edle Kaste der Vernünftigen geschafft zu haben, aber ich hatte es geschafft! Endlich!

Endlich? Na ja, wie man es nimmt. Jedes Ding hat bekanntlich zwei Seiten, und wie Sie wissen, hat auch das Wort „endlich“ eine zweite Bedeutung. Und gerade bei mir zeigte sich dieses Wort von seiner zweiten, eher unsympathischen Seite. Denn die Freude darüber, nun endlich zu den Vernünftigen zu gehören, war wohl endlich, aber im Sinne von enden wollend. Und das kam so.
Die Vernunft verheißende und ach so „logisch“ sein wollende Evolutionstheorie hat sich insbesondere wegen der Urknalltheorie sehr bald als großartiger Quatsch herausgestellt.
Um das zu erkennen, habe ich zwar „nur“ meinen simplen Hausverstand als Prüfungsinstanz eingesetzt, aber das reichte, um Klarheit darüber zu erlangen, dass die Urknall-Theorie keinesfalls dem Prinzip der Logik folgte. Ich weigerte mich auch mit allen Fasern meines Egos, zu glauben, dass ich einem Geräusch entstammen sollte (Urknall). Die Wortmeldung meines Hausverstandes hat mich zwar irgendwie erleichtert, aber zugleich restlos frustriert, denn ich hatte nach langem, zähem Ringen einen wichtigen Teil meiner Gedankenwelt verleugnet und meine Logik einer wenig logischen Logik geopfert. Alls nur, um in den Klub der Vernünftigen aufgenommen zu werden – und nun stand ich vor einem Scherbenhaufen. Congratulation!
Ich muss wohl selbst einen ordentlichen Knall gehabt haben, als ich an den Urknall glaubte.

All meine Bemühungen, mich endlich für eine Antwort zu entscheiden, endeten also in einer Neuauflage des legendären Phyrrus-Sieges und meine umtriebigen Synapsen hatten ab hier erst richtigen Spaß mit mir.
Ich stellte mir sogar bildlich vor, wie mein Konflikt im Kreis der applaudierenden Synapsen vor Freude tanzte.

Ich ertappte mich in dieser ständig aufkeimenden Zerrissenheit sogar dabei, wie ich in meinem hintersten Hinterstübchen die Atheisten um ihre klare Position beneidete. Die haben es in diesem Punkt echt gut, dachte ich mir, die haben sich klar entschieden, ohne Wenn und Aber.

Was ist los mit mir, wo war ich jetzt bloß angelangt? War ich nun im geistigen Niemandsland? Sind etwa die Atheisten die klugen Köpfe unter uns, oder machen sie es sich einfach bequem? Hier war ich wohl ziemlich aus der Spur, aber ich erholte mich bald wieder.
Denn was immer man über Atheismus denken mag, eines konnte man nicht leugnen: Ganze fünf Milliarden Menschen bekennen sich zu einer Weltreligion (Stand: Mai 2016). Fünf Milliarden Menschen! So viele Menschen können sich doch nicht irren!
Zweites Faktum ist, dass viele Völker religiös motivierte und erbitterte Kriege führten und noch immer führen! In jüngster Zeit sogar einen eigenen Gottesstaat errichten wollen. In diesem Lichte kann Religion einfach nicht unwichtig sein.

Wenn Religion nun aber so wichtig ist, dass man dafür in den Krieg zieht, dann müsste sich das doch auch im Privatleben entsprechend widerspiegeln, dachte ich. Tut es aber nicht – im Abendland jedenfalls nicht.
Im Abendland zeigen die meisten Menschen ungern ihren Glaubensgrad und verhalten sich einmal so, ein andermal so. Diese Wankelmütigkeit ist mir – wie ich bereits beschrieben habe – ja bereits in meiner Kindheit unangenehm aufgefallen. Was soll man sich als Jugendlicher auch denken, wenn sich die Erwachsenen einerseits religiös distanziert geben, sich aber bei kirchlichen Feiertagen (Ostern, Weihnachten, Pfingsten etc.) oder anderen Anlässen (Begräbnissen, Hochzeiten und Taufen) plötzlich „lammfromm“ verhalten?

Diese auffallende Bivalenz hat damals auch dazu geführt, dass ich die Erwachsenen als eine recht dubiose Gesellschaftsschicht empfand; und sie erschienen mir Jahr um Jahr immer weniger glaubwürdig. Weniger „glaub-würdig“, wie doppelsinnig!
Das beschriebene Phänomen erreicht im Berufsleben sogar seine Höchstform. Im Berufsleben scheint man offenbar in einer völlig anderen Welt zu sein und in dieser anderen Welt verhalten sich die Menschen fast schon pathologisch logisch. Man möchte in diesem Lichte fast meinen, nur ungläubige Menschen wären berufstätig.
Ein paar (Büro-)Stunden logisch, ein paar (Privat-)Stunden unlogisch. Ist das denn logisch?

Im Abendland offenbar ja.
Die Menschen des Morgenlandes scheinen in diesem Punkt aber ganz anders zu ticken. Wenn in islamisch geprägten Regionen die Sonne untergeht, dann werden mitten auf dem Dorfplatz gerne Märchen erzählt, ganz offiziell und selbstverständlich. Und es hängen dann nicht nur die Kinder an den Lippen der alten Märchenerzähler, es hängen auch ungeniert Erwachsene an deren Lippen. Keiner der erwachsenen Zuhörer würde aber je auf die Idee kommen, deshalb als unvernünftig angesehen werden zu können. Märchen gehören ganz selbstverständlich zur Kultur des Morgenlandes. Auch das im Islam übliche und öffentlich an jedem beliebigen Ort mehrmals geleistete Gebet ist völlig selbstverständlich.
Wenn Religion etwas weit Verbreitetes ist – 5 Milliarden Menschen haben eine Religion und es wurden und werden wegen der Religion auch heftige Kriege geführt – warum zeigen die Menschen des Abendlandes in diesem Punkt dann nicht auch Flagge?

Ich habe momentan zwar noch keine passende Antwort, aber es erinnert mich ein bisschen ans Versteckspielen meiner Kindheit. Wenn ich mich so gut verstecken konnte, dass mich niemand fand, war ich am Ende auch nicht glücklich.

Vielleicht haben wir Abendländer ein Problem damit, unsere Gläubigkeit zu zeigen, weil wir von den Inhalten unserer Religion nicht so überzeugt sind oder zu wenig über deren Inhalte wissen.
Der werte Leser möge mir mein Pauschalurteil verzeihen, es ist im Grunde nur die Selbsterkenntnis eines im Abendland sesshaften Menschen.

Diese Selbsterkenntnis ist aber nicht verwunderlich, denn alles, was ich bisher über meine Religion gehört hatte, waren ja nur Informationen, die auf doktrinäre oder ähnliche Art und Weise in mein Gehirn gelangten.

In welcher Familie wird denn schon ernsthaft über Religion diskutiert? Mir sind solche Familien bisher jedenfalls verborgen geblieben. Wahrscheinlich will man den Eindruck vermeiden, fromm zu sein. Fromm sein ist ja in unseren Breiten wahrlich kein Kompliment.
Das alles erklärt zwar mein etwas gespaltenes Verhältnis zur Religion und beschreibt zugleich den Werdegang meines Konfliktes, aber eine Problembeschreibung allein führt nie zum Ziel. Ich habe daher auch mehrmals mutig zur Bibel gegriffen, aber was soll ich Ihnen sagen? Mit dem Griff zur Bibel wurde ich schneller enttäuscht, als mir lieb war und ich habe die Bibel fast verärgert immer wieder auf ihren alten angestammten Platz zurückgelegt.
Das „Versteckspielen“ ging daher jahrelang frisch und fröhlich weiter, bis eines Tages eben das Entscheidende passierte: Ich wurde Vater.

Ich wurde Vater, richtig, aber nicht auf üblichem Wege, denn meine Frau und ich adoptierten einen zweijährigen Buben aus Äthiopien. Wir wurden damit eine kleine, aber sehr glückliche Familie, eine Familie, die nichts zu wünschen übrig ließ.
Ich mache es jetzt kurz.

Eines schönen Tages wurde mir – wie ich schon eingangs erwähnte – von meinem Sohn eben genau die Frage gestellt, auf die ich selbst noch keine klare Antwort hatte: „Papi, wer hat eigentlich die ganze Welt gemacht“?
Ohne lange nachzudenken, antwortete ich wie aus der Pistole geschossen: „Der liebe Gott.“

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