Amelie
Eine Liebesgeschichte
EUR 16,90
Format: 12 x 19 cm
Seitenanzahl: 150
ISBN: 978-3-7116-0622-8
Erscheinungsdatum: 17.01.2025
Ein Altphilologe trifft auf eine deutlich jüngere Psychiaterin. Zwischen ihnen entfaltet sich eine Beziehung auf Augenhöhe, die von ehrlichem Austausch, kulinarischem und kulturellem Genuss geprägt ist.
Eins
Meine liebe Amelie, was wäre wohl aus mir geworden, hätte ich nicht Medizin studiert, sondern z. B. alte Sprachen in Cambridge – das frage ich mich manchmal.
Wäre ich dann jetzt ein alternder Oberassistent am Lehrstuhl einer mittelmäßigen Fakultät mit halber Stelle und müsste mich nebenbei als Nachhilfelehrer verdingen? Oder würde ich mich vielleicht mit dem Lektorieren mittelmäßiger Texte über Wasser halten?
Oder wäre ich doch – eher unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich – Institutsdirektor an einer deutschen Universität, z. B. in Tübingen, geworden (die Stadt sei einigermaßen zu ertragen, höre ich) inkl. Kehrwoche (das wäre allerdings die absolute Vorhölle)? Mit nacktem W3-Gehalt ohne Nebeneinnahmen hätte ich die guten Wohnlagen den Ärzten überlassen und selbst in den Speckgürtel ziehen müssen … und hätte ich mir das dann – leider nur mit mittelmäßigem Wein – alles schöngetrunken? Hätten wir uns dann kennengelernt? Eher unwahrscheinlich, sogar sehr unwahrscheinlich, liebe Amelie, aber nicht ganz ausgeschlossen, denn durch meine zunehmende Frustration innerhalb der Fakultät, die miesen Intrigen gescheiterter Existenzen kombiniert mit der ziemlichen geographischen Einöde wäre ich aufgrund einer einsetzenden Erschöpfung bei meinem Rotary-Kollegen Professor Thomas „Tom“ Freigang gelandet, dem Chef der Psychiatrie am Universitätsklinikum, der – und jetzt kommst DU ins Spiel, meine liebe Amelie – Dich, ja genau DICH – wir sind übrigens im Jahr 2029 – ein Jahr zuvor als Oberärztin eingestellt hat.
Wie kommt es dazu?
Zwei
Du hast Deine Facharztausbildung zur Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg komplettiert, bist im Anschluss zurück nach Berlin gezogen und wieder in der Scharnhorststraße tätig.
Ein Grund für die Rückkehr nach Berlin war neben der Attraktivität der Stelle inklusive der Aussicht, mit Deinem ehemaligen Chef zusammenarbeiten zu können, auch die Tatsache, dass Du mit Ludwig, Deiner großen Liebe, zusammenleben konntest. Du hast Ludwig zusammen mit einem Bekannten aus München, der Dich – Du warst noch nicht lange in Hamburg – für ein Wochenende besucht hat, in Winterhude in einer Weinbar kennengelernt. Ludwig lebte zu der Zeit ebenfalls in Hamburg, er war Jurist und für eine große europäische Kanzlei im Transaktionsgeschäft tätig. Ihr kamt schnell zusammen, wart unzertrennlich, wahrlich ein Herz und eine Seele, und als sich für Ludwig eine attraktive berufliche Möglichkeit in Berlin bot, hielt auch Dich nichts mehr in Hamburg, und so zogst Du mit ihm nach Berlin.
An einem Junimorgen – es ist all Deinen Freunden rätselhaft, Du hast nie darüber gesprochen (Vielleicht mit Nina? Ganz sicher mit ihr.) – hast Du Dich dann Knall auf Fall von Ludwig getrennt. Es muss offensichtlich etwas völlig Inakzeptables passiert sein, so dass Du die Beziehung nicht fortführen konntest. Du hast dann zügig mit Jörn (Oberstarzt Prof. Petersen hat Dir mittlerweile das Du angeboten) vereinbart, dass Du eine Auszeit nimmst. Sechs Wochen warst Du bei einer ehemaligen Schulfreundin auf Mallorca, dort haben ihre Eltern ein Haus, im Westen der Insel. Deine Freundin hat Dich spontan eingeladen, dort den Sommer mit ihr zu verbringen. Das tat Dir gut. Neue Eindrücke gewinnen, die Sinne schärfen. Sachen sehen, die man sonst nicht sieht. Deinem Tagebuch hast Du anvertraut: „Ab Mitte August treibt die Meereszwiebel ihre Kerzen. Die im Sommer kahlen Wolfmilchsstauden bekommen langsam ihre Blattkränze. An den kargen Hängen blüht die Erika. Später blühen versteckt die Veilchen. Die Bignonienbüsche an den Gartenmauern und aufwärtsteigend in den Zypressenkronen sind mit feuerroten Rachenblüten bestückt. Noch vor der Ernte der Schoten wachsen unscheinbar die Blütenrispen der Johannisbrotbäume. Später öffnen sich langsam im dunklen Laub die Blütendolden der Mispelbäume. Dann treiben die nassen Terrassenböden Gras, Klee und reichlich Krummstab. Dazwischen Margeriten.“
Du warst erstaunt über Dich selbst, meine liebe Amelie, dass Du so – ja fast – poetisch schreiben konntest.
Nach Deiner Rückkehr nach Berlin war Dir klar, was Du anstreben würdest. Du hattest der Bundeswehr viel zu verdanken, das wusstest Du, Du hast aber auch immer großen Einsatz gezeigt. Was die Bundeswehr Dir aber nicht bieten konnte, war eine verlässliche Aussicht auf die Venia legendi, und in den Bergen von Valldemossa ist Dir klar geworden, dass es das war, was Du angehen wolltest. Du hast mittlerweile vier Arbeiten als Erstautorin in wissenschaftlich renommierten Zeitschriften veröffentlicht, bist Studienleiterin mehrerer Multizenterstudien gewesen (Psychotrauma), hast Ergebnisse auf verschiedenen nationalen und internationalen Kongressen präsentiert …
Und auf einem dieser Kongresse hast Du dann Herrn Prof. Freigang kennengelernt; er hatte den Vorsitz in einer der wissenschaftlichen Veranstaltungen, auf denen Du präsentiert hast. Beim Referentenessen saßt Du neben ihm und ihr kamt ins Gespräch. Als ehemaliger Wehrdienstleistender ist Tom – er hat Dir sofort das Du angeboten – bei den Panzergrenadieren gewesen, er war der Bundeswehr gegenüber weiterhin sehr positiv eingestellt und hing an Deinen Lippen, er gab im Laufe des Abends – der Wein floss – ein paar derbe Bundeswehrsprüche zum Besten, es war aber insgesamt ein sehr amüsanter Abend, der damit endete, dass er Dir anbot, sich bei ihm zu melden, solltest Du zukünftig eine zivile Karriere anstreben.
Du hast Tom dann in der Tat angerufen, euer Kennenlernen war damals etwas mehr als ein Jahr her. Du hattest gewisse Zweifel, ob er sich an Dich erinnern würde … wie ein kleines Kind hat er sich gefreut, als Du ihn angerufen hast. Du hast ihm Deine beruflichen Ideen erläutert und ihr habt vereinbart, euch zügig in Berlin zu treffen, was ihr dann auch gemacht habt, weil Tom wegen eines Studientreffens einer Pharmafirma in der Stadt war.
Dann ging alles zügig. Wohnung in Tübingen (nicht Speckgürtel) gemietet, Wohnung in der Augustenstraße in Berlin gekündigt. Ja, in der Augustenstraße: Nach dem Desaster mit Ludwig – ihr habt in Charlottenburg gewohnt – bist Du in den Osten gezogen. Übrigens: In der Übergangszeit nach der Trennung bis zum Einzug konntest Du bei einem Kameraden in Steglitz unterkommen.
Jörn war traurig, als Du ihm eröffnet hast, die Bundeswehr zu verlassen; er war aber insgeheim als Dein Mentor auch ein bisschen stolz, dass Du Deine Karriere an einem Universitätsklinikum fortführen würdest.
Und so hast Du im Oktober 2028 – kurz vor Deinem 34. Geburtstag im November – Deine Tätigkeit als Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie angetreten.
Zu Deinen Aufgaben gehören neben der Co-Leitung der Sektion Psychotrauma auch allgemeine Tätigkeiten als Oberärztin der Klinik. Du fühlst Dich wohl im neuen Team und auch in der neuen – im Vergleich zu München, Hamburg und Berlin, Deinen drei Städten – ganz anderen Umgebung. Die Wochenenden verbringst Du gerne in Bayern, Deiner Heimat, dort ist Deine Familie zu Hause und dort hat Deine Schwester Tilda Dich im letzten Jahr zur stolzen Tante Amelie gemacht, die süße Josephine ist jetzt acht Monate alt.
In Tübingen hast Du Dich ein paarmal locker mit Prof. Karl Baumann, Oberarzt in der Radiologie, Reserveoffizier bei den Panzeraufklärern (wer steht nicht auf schwarze Litzen?), auf ein Weinchen getroffen. Da könnte sich etwas entwickeln, denkst Du Dir, warten wir’s ab.
Du bist insgesamt sehr zufrieden mit Deinem neuen Leben, vor allem hast Du eine Aufgabe, die Dir Spaß macht und Dich ausfüllt.
In der Leitungsbesprechung der Klinik, an der Du bereits teilnehmen darfst, wird u. a. über „private Neuaufnahmen“ berichtet.
Und an einem Montag, es ist Anfang Februar 2029, sagt Tom, dass Du Dir mal einen Altphilologen, einen Herrn Prof. Dr. phil. Felix Ganten, anschauen sollst. Er sei Leutnant der Reserve, da hättet ihr doch ein gemeinsames Thema.
Während Du also den Stationsflur entlanggehst in Richtung Zimmer 1109, bist Du in Gedanken, wann Du zum letzten Mal näher mit einem Leutnant zu tun hattest … Du warst damals selbst Leutnant, mitten im Studium … was wohl aus Max geworden war? Es hielt nur einen Sommer, er war ein guter Liebhaber, leider ziemlich unstet. Ihr habt euch zu Recht aus den Augen verloren …
Als Du nach dem Klopfen an der Tür ein vermeintliches „Ja“ vernimmst, betrittst Du das Zimmer. „Lieber Herr Ganten, mein Name ist Amelie Daubner. Ich bin Oberärztin bei Herrn Prof. Freigang, der Sie betreut.“
„Liebe Frau Daubner, setzen Sie sich gerne. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“
„Lieber Herr Ganten, wir haben etwas gemeinsam.“
„Jetzt bin ich aber gespannt. Dann schießen Sie mal los. Lieben auch Sie das Pantheon und Chateau Margaux so sehr wie ich?“
Du hast Karl nicht mehr getroffen.
Drei
Tom, Dein Chef, ist einfach nur froh, Dich in seinen Reihen zu haben. Es fällt allerdings mittlerweile auch den Kollegen auf, dass er Dich vielleicht ein bisschen mehr fördert als andere. Aber das ist ja nun wirklich nicht Deine Schuld. Mit Jörn, Deinem ehemaligen Chef aus Berlin, hältst Du weiterhin Kontakt, ihr habt vereinbart, euch jetzt endlich mal wieder zu treffen. Du hast versprochen, im Vorfeld eines nächsten Berlinaufenthalts Bescheid zu geben, also mach’ das bitte auch. Er freut sich doch so sehr. Gründe, nach Berlin zu fahren, gibt es einige für Dich. Wie kann es überhaupt sein, dass Du Nina so lange nicht gesehen hast? Sie ist – nachdem sie vor Jahren nach München zurückgekehrt ist – wieder in Berlin. Ihr Bruder hat vor zwei Jahren sein Start-up erfolgreich verkauft, was auch ihr eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit verschafft hat. Und Du möchtest dringend ihren neuen Partner in Augenschein nehmen. Er ist der eigentliche Grund, warum sie jetzt wieder in Berlin ist. Auch Roland, Ninas bester Freund, freut sich, dass Nina zurück in der Hauptstadt ist.
Apropos Freund: Du hast dann doch mal Deinen Leutnant Max in die Suchmaschine eingegeben: Unfallchirurg ist er geworden, mittlerweile auch aus der Bundeswehr ausgeschieden, im Klinikum Fulda tätig. Fulda? Was für ein Trauerspiel. Geschieht ihm recht. Wahrscheinlich hat er eine Krankenschwester geschwängert und macht jetzt wohl oder übel auf Familie.
Dir, liebe Amelie, geht es in Tübingen sehr gut. Es liegt auch daran, dass Du eine wunderbare Verbindung zu mir aufgebaut hast. Du sagst, ich sei so anders, ich sei eloquent, belesen, könne zuhören, allerdings sei ich nicht immer ganz einfach. Aber wer ist das schon?! Und ich bin 59 Jahre alt und Du 35. Aber das möchtest Du jetzt nicht hören.
Ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahr das lange geplante Buchprojekt anzugehen: DAS Standardwerk über Seneca zu schreiben, meinen antiken Lieblingsphilosophen. Die Fakultät hat meinem Wunsch nach einem Sabbatical zugestimmt … und vor ein paar Wochen habe ich Dich eingeladen, den kommenden Sommer mit mir in der Toskana zu verbringen, je nachdem, wie Du Urlaub bekommen kannst. Tagsüber schreiben wir, ich an meinem Buch, Du an Deiner Habilitationsschrift (Tom hat eine Forschungsrotation für Dich durchgeboxt, wir könnten ihn beide knutschen), abends kochen wir dann gemeinsam und sinnieren übers Leben.
Vier
Florian, August 2024, München-Schwabing
Florian betrachtet Dich, liebe Amelie, schon eine ganze Weile. Du, die Sonnenbrille im Haar, vertieft in ein – er kann es nicht richtig erkennen, da er in die Sonne schaut, aber die Farbe des Buches ist ihm wohlvertraut – vertieft in ein Reclam-Heft. Wie Du da so sitzt, im Frieden mit Dir, alles um Dich herum vergessend, die Beine übereinandergeschlagen, schmunzelnd, am Cappuccino nippend.
...
Meine liebe Amelie, was wäre wohl aus mir geworden, hätte ich nicht Medizin studiert, sondern z. B. alte Sprachen in Cambridge – das frage ich mich manchmal.
Wäre ich dann jetzt ein alternder Oberassistent am Lehrstuhl einer mittelmäßigen Fakultät mit halber Stelle und müsste mich nebenbei als Nachhilfelehrer verdingen? Oder würde ich mich vielleicht mit dem Lektorieren mittelmäßiger Texte über Wasser halten?
Oder wäre ich doch – eher unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich – Institutsdirektor an einer deutschen Universität, z. B. in Tübingen, geworden (die Stadt sei einigermaßen zu ertragen, höre ich) inkl. Kehrwoche (das wäre allerdings die absolute Vorhölle)? Mit nacktem W3-Gehalt ohne Nebeneinnahmen hätte ich die guten Wohnlagen den Ärzten überlassen und selbst in den Speckgürtel ziehen müssen … und hätte ich mir das dann – leider nur mit mittelmäßigem Wein – alles schöngetrunken? Hätten wir uns dann kennengelernt? Eher unwahrscheinlich, sogar sehr unwahrscheinlich, liebe Amelie, aber nicht ganz ausgeschlossen, denn durch meine zunehmende Frustration innerhalb der Fakultät, die miesen Intrigen gescheiterter Existenzen kombiniert mit der ziemlichen geographischen Einöde wäre ich aufgrund einer einsetzenden Erschöpfung bei meinem Rotary-Kollegen Professor Thomas „Tom“ Freigang gelandet, dem Chef der Psychiatrie am Universitätsklinikum, der – und jetzt kommst DU ins Spiel, meine liebe Amelie – Dich, ja genau DICH – wir sind übrigens im Jahr 2029 – ein Jahr zuvor als Oberärztin eingestellt hat.
Wie kommt es dazu?
Zwei
Du hast Deine Facharztausbildung zur Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie am Bundeswehrkrankenhaus in Hamburg komplettiert, bist im Anschluss zurück nach Berlin gezogen und wieder in der Scharnhorststraße tätig.
Ein Grund für die Rückkehr nach Berlin war neben der Attraktivität der Stelle inklusive der Aussicht, mit Deinem ehemaligen Chef zusammenarbeiten zu können, auch die Tatsache, dass Du mit Ludwig, Deiner großen Liebe, zusammenleben konntest. Du hast Ludwig zusammen mit einem Bekannten aus München, der Dich – Du warst noch nicht lange in Hamburg – für ein Wochenende besucht hat, in Winterhude in einer Weinbar kennengelernt. Ludwig lebte zu der Zeit ebenfalls in Hamburg, er war Jurist und für eine große europäische Kanzlei im Transaktionsgeschäft tätig. Ihr kamt schnell zusammen, wart unzertrennlich, wahrlich ein Herz und eine Seele, und als sich für Ludwig eine attraktive berufliche Möglichkeit in Berlin bot, hielt auch Dich nichts mehr in Hamburg, und so zogst Du mit ihm nach Berlin.
An einem Junimorgen – es ist all Deinen Freunden rätselhaft, Du hast nie darüber gesprochen (Vielleicht mit Nina? Ganz sicher mit ihr.) – hast Du Dich dann Knall auf Fall von Ludwig getrennt. Es muss offensichtlich etwas völlig Inakzeptables passiert sein, so dass Du die Beziehung nicht fortführen konntest. Du hast dann zügig mit Jörn (Oberstarzt Prof. Petersen hat Dir mittlerweile das Du angeboten) vereinbart, dass Du eine Auszeit nimmst. Sechs Wochen warst Du bei einer ehemaligen Schulfreundin auf Mallorca, dort haben ihre Eltern ein Haus, im Westen der Insel. Deine Freundin hat Dich spontan eingeladen, dort den Sommer mit ihr zu verbringen. Das tat Dir gut. Neue Eindrücke gewinnen, die Sinne schärfen. Sachen sehen, die man sonst nicht sieht. Deinem Tagebuch hast Du anvertraut: „Ab Mitte August treibt die Meereszwiebel ihre Kerzen. Die im Sommer kahlen Wolfmilchsstauden bekommen langsam ihre Blattkränze. An den kargen Hängen blüht die Erika. Später blühen versteckt die Veilchen. Die Bignonienbüsche an den Gartenmauern und aufwärtsteigend in den Zypressenkronen sind mit feuerroten Rachenblüten bestückt. Noch vor der Ernte der Schoten wachsen unscheinbar die Blütenrispen der Johannisbrotbäume. Später öffnen sich langsam im dunklen Laub die Blütendolden der Mispelbäume. Dann treiben die nassen Terrassenböden Gras, Klee und reichlich Krummstab. Dazwischen Margeriten.“
Du warst erstaunt über Dich selbst, meine liebe Amelie, dass Du so – ja fast – poetisch schreiben konntest.
Nach Deiner Rückkehr nach Berlin war Dir klar, was Du anstreben würdest. Du hattest der Bundeswehr viel zu verdanken, das wusstest Du, Du hast aber auch immer großen Einsatz gezeigt. Was die Bundeswehr Dir aber nicht bieten konnte, war eine verlässliche Aussicht auf die Venia legendi, und in den Bergen von Valldemossa ist Dir klar geworden, dass es das war, was Du angehen wolltest. Du hast mittlerweile vier Arbeiten als Erstautorin in wissenschaftlich renommierten Zeitschriften veröffentlicht, bist Studienleiterin mehrerer Multizenterstudien gewesen (Psychotrauma), hast Ergebnisse auf verschiedenen nationalen und internationalen Kongressen präsentiert …
Und auf einem dieser Kongresse hast Du dann Herrn Prof. Freigang kennengelernt; er hatte den Vorsitz in einer der wissenschaftlichen Veranstaltungen, auf denen Du präsentiert hast. Beim Referentenessen saßt Du neben ihm und ihr kamt ins Gespräch. Als ehemaliger Wehrdienstleistender ist Tom – er hat Dir sofort das Du angeboten – bei den Panzergrenadieren gewesen, er war der Bundeswehr gegenüber weiterhin sehr positiv eingestellt und hing an Deinen Lippen, er gab im Laufe des Abends – der Wein floss – ein paar derbe Bundeswehrsprüche zum Besten, es war aber insgesamt ein sehr amüsanter Abend, der damit endete, dass er Dir anbot, sich bei ihm zu melden, solltest Du zukünftig eine zivile Karriere anstreben.
Du hast Tom dann in der Tat angerufen, euer Kennenlernen war damals etwas mehr als ein Jahr her. Du hattest gewisse Zweifel, ob er sich an Dich erinnern würde … wie ein kleines Kind hat er sich gefreut, als Du ihn angerufen hast. Du hast ihm Deine beruflichen Ideen erläutert und ihr habt vereinbart, euch zügig in Berlin zu treffen, was ihr dann auch gemacht habt, weil Tom wegen eines Studientreffens einer Pharmafirma in der Stadt war.
Dann ging alles zügig. Wohnung in Tübingen (nicht Speckgürtel) gemietet, Wohnung in der Augustenstraße in Berlin gekündigt. Ja, in der Augustenstraße: Nach dem Desaster mit Ludwig – ihr habt in Charlottenburg gewohnt – bist Du in den Osten gezogen. Übrigens: In der Übergangszeit nach der Trennung bis zum Einzug konntest Du bei einem Kameraden in Steglitz unterkommen.
Jörn war traurig, als Du ihm eröffnet hast, die Bundeswehr zu verlassen; er war aber insgeheim als Dein Mentor auch ein bisschen stolz, dass Du Deine Karriere an einem Universitätsklinikum fortführen würdest.
Und so hast Du im Oktober 2028 – kurz vor Deinem 34. Geburtstag im November – Deine Tätigkeit als Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie angetreten.
Zu Deinen Aufgaben gehören neben der Co-Leitung der Sektion Psychotrauma auch allgemeine Tätigkeiten als Oberärztin der Klinik. Du fühlst Dich wohl im neuen Team und auch in der neuen – im Vergleich zu München, Hamburg und Berlin, Deinen drei Städten – ganz anderen Umgebung. Die Wochenenden verbringst Du gerne in Bayern, Deiner Heimat, dort ist Deine Familie zu Hause und dort hat Deine Schwester Tilda Dich im letzten Jahr zur stolzen Tante Amelie gemacht, die süße Josephine ist jetzt acht Monate alt.
In Tübingen hast Du Dich ein paarmal locker mit Prof. Karl Baumann, Oberarzt in der Radiologie, Reserveoffizier bei den Panzeraufklärern (wer steht nicht auf schwarze Litzen?), auf ein Weinchen getroffen. Da könnte sich etwas entwickeln, denkst Du Dir, warten wir’s ab.
Du bist insgesamt sehr zufrieden mit Deinem neuen Leben, vor allem hast Du eine Aufgabe, die Dir Spaß macht und Dich ausfüllt.
In der Leitungsbesprechung der Klinik, an der Du bereits teilnehmen darfst, wird u. a. über „private Neuaufnahmen“ berichtet.
Und an einem Montag, es ist Anfang Februar 2029, sagt Tom, dass Du Dir mal einen Altphilologen, einen Herrn Prof. Dr. phil. Felix Ganten, anschauen sollst. Er sei Leutnant der Reserve, da hättet ihr doch ein gemeinsames Thema.
Während Du also den Stationsflur entlanggehst in Richtung Zimmer 1109, bist Du in Gedanken, wann Du zum letzten Mal näher mit einem Leutnant zu tun hattest … Du warst damals selbst Leutnant, mitten im Studium … was wohl aus Max geworden war? Es hielt nur einen Sommer, er war ein guter Liebhaber, leider ziemlich unstet. Ihr habt euch zu Recht aus den Augen verloren …
Als Du nach dem Klopfen an der Tür ein vermeintliches „Ja“ vernimmst, betrittst Du das Zimmer. „Lieber Herr Ganten, mein Name ist Amelie Daubner. Ich bin Oberärztin bei Herrn Prof. Freigang, der Sie betreut.“
„Liebe Frau Daubner, setzen Sie sich gerne. Ich freue mich, Sie kennenzulernen.“
„Lieber Herr Ganten, wir haben etwas gemeinsam.“
„Jetzt bin ich aber gespannt. Dann schießen Sie mal los. Lieben auch Sie das Pantheon und Chateau Margaux so sehr wie ich?“
Du hast Karl nicht mehr getroffen.
Drei
Tom, Dein Chef, ist einfach nur froh, Dich in seinen Reihen zu haben. Es fällt allerdings mittlerweile auch den Kollegen auf, dass er Dich vielleicht ein bisschen mehr fördert als andere. Aber das ist ja nun wirklich nicht Deine Schuld. Mit Jörn, Deinem ehemaligen Chef aus Berlin, hältst Du weiterhin Kontakt, ihr habt vereinbart, euch jetzt endlich mal wieder zu treffen. Du hast versprochen, im Vorfeld eines nächsten Berlinaufenthalts Bescheid zu geben, also mach’ das bitte auch. Er freut sich doch so sehr. Gründe, nach Berlin zu fahren, gibt es einige für Dich. Wie kann es überhaupt sein, dass Du Nina so lange nicht gesehen hast? Sie ist – nachdem sie vor Jahren nach München zurückgekehrt ist – wieder in Berlin. Ihr Bruder hat vor zwei Jahren sein Start-up erfolgreich verkauft, was auch ihr eine gewisse wirtschaftliche Unabhängigkeit verschafft hat. Und Du möchtest dringend ihren neuen Partner in Augenschein nehmen. Er ist der eigentliche Grund, warum sie jetzt wieder in Berlin ist. Auch Roland, Ninas bester Freund, freut sich, dass Nina zurück in der Hauptstadt ist.
Apropos Freund: Du hast dann doch mal Deinen Leutnant Max in die Suchmaschine eingegeben: Unfallchirurg ist er geworden, mittlerweile auch aus der Bundeswehr ausgeschieden, im Klinikum Fulda tätig. Fulda? Was für ein Trauerspiel. Geschieht ihm recht. Wahrscheinlich hat er eine Krankenschwester geschwängert und macht jetzt wohl oder übel auf Familie.
Dir, liebe Amelie, geht es in Tübingen sehr gut. Es liegt auch daran, dass Du eine wunderbare Verbindung zu mir aufgebaut hast. Du sagst, ich sei so anders, ich sei eloquent, belesen, könne zuhören, allerdings sei ich nicht immer ganz einfach. Aber wer ist das schon?! Und ich bin 59 Jahre alt und Du 35. Aber das möchtest Du jetzt nicht hören.
Ich habe mir vorgenommen, in diesem Jahr das lange geplante Buchprojekt anzugehen: DAS Standardwerk über Seneca zu schreiben, meinen antiken Lieblingsphilosophen. Die Fakultät hat meinem Wunsch nach einem Sabbatical zugestimmt … und vor ein paar Wochen habe ich Dich eingeladen, den kommenden Sommer mit mir in der Toskana zu verbringen, je nachdem, wie Du Urlaub bekommen kannst. Tagsüber schreiben wir, ich an meinem Buch, Du an Deiner Habilitationsschrift (Tom hat eine Forschungsrotation für Dich durchgeboxt, wir könnten ihn beide knutschen), abends kochen wir dann gemeinsam und sinnieren übers Leben.
Vier
Florian, August 2024, München-Schwabing
Florian betrachtet Dich, liebe Amelie, schon eine ganze Weile. Du, die Sonnenbrille im Haar, vertieft in ein – er kann es nicht richtig erkennen, da er in die Sonne schaut, aber die Farbe des Buches ist ihm wohlvertraut – vertieft in ein Reclam-Heft. Wie Du da so sitzt, im Frieden mit Dir, alles um Dich herum vergessend, die Beine übereinandergeschlagen, schmunzelnd, am Cappuccino nippend.
...

