Cover: Adam

Adam
Love will save us


EUR 26,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 532
ISBN: 978-3-99130-743-3
Erscheinungsdatum: 19.03.2025
Anna, eine junge Kolumnistin, schreibt nicht nur über die Liebe; sie findet sie im geheimnisvollen Adam. Doch seine traumatische Kindheit, Intrigen und Adams Vergangenheit drohen, ihre Liebe zu zerstören und bringen Anna in Lebensgefahr.
Prolog


Nun waren ganze sechs Wochen vergangen und ich versuchte weiterhin krampfhaft Fuß zu fassen, Anschluss zu finden und erneut zu fühlen. Emotionen, fernab von Schmerz und Trauer, zu empfinden, war mein oberstes Ziel.

Als ich klein war, saß ich oft am Küchentisch und Oma erzählte mir, wie es früher war. Damals, als man nicht viel hatte und doch unsagbar glücklich war. Wenn ich die Augen schließe, denke ich gerne an diese Zeit zurück. Mit Keksen und Kompott sah die Welt stets besser aus. Vielleicht war diese Sicht auf die Dinge der kindlichen Naivität und der Sorglosigkeit geschuldet, die man als Kind eben innehatte. Ich erinnerte mich gerne an meine Kindheit zurück, denn sie war von Glück, Liebe und Geborgenheit bestimmt.

Nun, zwanzig Jahre später, begreife ich, dass sich vieles verändert hat. In der Schnelllebigkeit unserer Zeit hat man oft das Gefühl, verloren zu sein. Verloren im Alltag, verloren im Umfeld, verloren im Job. Verloren oder gefangen? Gefangen in dem Pflichtbewusstsein, gefangen in der Flut an Aufgaben oder im Gedankenkarussell und der Besessenheit, alles optimieren, durchplanen und durchdenken zu müssen. Jetzt, wo ich keine Zeit habe, mir den Kopf über mein Leben und die Dinge, die schiefgelaufen sind, zu zerbrechen, bin ich froh, gefangen zu sein: gefangen in meinem Beruf. Diese Gefangenschaft raubt mir die Zeit, an meinen Kummer zu denken, an meinem Schmerz zu zerbrechen und mich in meinen Gedanken zu verlieren. An ihn will ich nicht denken und auch nicht an den Sommer im letzten Jahr, von dem ich dachte, dass er alles verändern würde. Dabei war genau dieser Sommer der Anfang vom Ende. Der Anfang vom Ende meiner Träume. Der Anfang vom Ende meines Glaubens an die Liebe. Der Anfang vom Ende meines unbeschwerten Lebens, aus dem jegliche Leichtigkeit gewichen ist.

Ich schaue aus dem Fenster meines kleinen Büros. Na ja, genau genommen sitze ich hier an einem Schreibtisch inmitten eines Großraumbüros, da diesen aber drei kleine Wände umzäunen, nehme ich es mir raus, es als mein Reich anzusehen. Sie sind 1,50 Meter hoch und wenn ich in meiner Arbeit versinke, schotten sie mich vom Trubel ab, der in einer Redaktion nun mal so üblicherweise vorherrscht. Der verbleibenden freien Wand, die mit einer kleinen Öffnung den Ein- und Ausgang gewährt, sitze ich mit dem Rücken zugekehrt. Derzeit habe ich sichtlich Mühe, mich auf meine Artikel zu konzentrieren. Ich stehe auf, nehme meine Kaffeetasse und gehe zur Fensterfront. Wie in Schockstarre bleibe ich versteift stehen. Ich schaue aus dem Fenster hinaus und blicke genau auf die Elm Street.

Ich betrachte die Menschen, die mit ihren Aktenkoffern in der Hand und dem Handy am Ohr eilig über die Ampel laufen. Ich sehe unzählige Autos, wie sie sich aneinander vorbeidrängen, um noch schnell über die soeben bereits rot gewordene Ampel zu kommen. Menschen, die gedankenverloren und pflichtbewusst, geradezu ferngesteuert, zu ihrer nächsten Aufgabe des Tages eilen.

Inmitten von all dem menschlichen Chaos sehe ich dieses eine Mädchen, das an der Hand ihrer Mutter noch hoffnungsvoll und freudig auf den Tag blickt. Sie hat ein hübsches gelbes Kleid mit einem weißen Kragen, Rüschensocken und Sandalen an. Sie trägt ihre dunkelblonden Haare gebunden zu einem Pferdeschwanz und von einem hübschen Schleifenband gehalten.

Ich schaue sie an und erkenne mich in ihr wieder. Damals, als Mama meine Heldin war, die in ihrem Alltag zwischen Beruf, Kind und Wäsche alles geschafft hatte, war ich ähnlich gekleidet. An ihrer Hand fühlte ich mich behütet, glücklich und aufgehoben. Sie erlaubte mir stets zu träumen und bestärkte mich darin, mir meine Hoffnungen zu bewahren und in mich und mein Können zu vertrauen.

Ich hatte eine glückliche Kindheit, aber in der Schule war es nicht immer einfach für mich. Bedingt durch die häufigen Schulwechsel, die mit dem Job meines Vaters einhergingen, musste ich mich stets neu einleben. Während mein Vater sich als inländischer Journalist völlig unbekümmert in den nächsten Auftrag stürzte und meine Mutter ihm nur allzu häufig den Rücken freihielt, musste ich mich behaupten. Behaupten an einer neuen Schule oder in einer etablierten Clique, auf der Suche nach Freundschaften und dem Gefühl von Zugehörigkeit. Erst im Teeniealter hatten meine Eltern verstanden, dass die pubertären Entwicklungen und die damit verbundenen Veränderungen herausfordernd genug waren, und so beschlossen sie, sich niederzulassen. Sie kauften ein Haus in Newburgh und mein Vater begann für eine Zeitschrift zu schreiben. Meine Mom plante währenddessen Kinderfeiern für die hier ansässigen Familien und engagierte sich zunehmend häufiger in der Gemeinde. In dieser Zeit begann ich meine Leidenschaft fürs Schreiben zu entwickeln. Angefangen hat alles mit Tagebucheinträgen, um mir den anfänglichen Kummer von der Seele zu schreiben. Es half mir, über die erste Schwärmerei hinwegzukommen und die Lästereien von den Mädchen aus meiner Klasse zu ertragen. Irgendwann erkannte die Schule mein Potenzial, genau genommen meine Lehrerin Misses Kenns. Kaum hatte ich mich versehen, fand ich mich im ersten Lyrikkurs wieder. Mit den Jahren entfachte meine Leidenschaft zunehmend mehr und ich wählte meine Kurse entsprechend meiner Vorlieben für Gedichte und Prosa.

Mittlerweile habe ich meine Leidenschaft zum Beruf gemacht: Ich bin Anna, lebe im Trubel New Yorks und arbeite als Kolumnistin für eine Lifestyle-Zeitschrift namens Weekly Advices und befasse mich mit der Kolumne Everyday Life, genau genommen gebe ich Tipps, wie man das Positive aus Situationen zieht und wie man es schafft, unabhängig von den täglichen Herausforderungen, Erfüllung zu finden und glücklich zu leben. Es zeugt schon von Ironie, dass gerade ich mich mit Themen wie positive Verstärkung, dem Weg zum Glück und Achtsamkeit beschäftige. Dazu vergebe ich wöchentlich Ratschläge an meine treue Lesergemeinschaft.

Ich trinke meine dritte Tasse Kaffee und betrachte diese zurzeit eher als halb leer statt halb voll. Morgen ist Redaktionsschluss und während ich so vor mich hinstarre, blinkt mein E-Mail-Fach auf. Die Nachricht ist von Ryan, meinem überaus ehrgeizigen und etwas herrischen Chef, der mich zum wiederholten Male auf die Fertigstellung meines Artikels hinweist.

Anna, morgen um Punkt 10 Uhr
erwarte ich deinen Artikel
auf meinem Schreibtisch!
Ryan

Ryan ist Junggeselle, ein Mann mittleren Alters und er sieht wirklich gut aus. Er trägt meist ein dunkles Jackett, eine Jeans und ein Polo. Seine mittlerweile grau gesträhnten Haare hat er stets zurückgekämmt. Sein Style ist sportlich schick und er duftet gut. Meiner Meinung nach könnte er zwar sein Aftershave durchaus etwas dezenter auftragen, denn manchmal hinterlässt er eine solche Duftnote, dass man Kopfschmerzen bekommt, aber nichtsdestotrotz kann ich nicht leugnen, dass er überaus attraktiv ist. Dessen ist er sich aber auch mehr als bewusst. Seine menschlichen Eigenschaften lassen jedoch zu wünschen übrig.

Ryan verhält sich seinen Angestellten gegenüber oft herablassend. Insbesondere den weiblichen und jungen Kolleginnen bringt er leider nur sehr wenig Wertschätzung entgegen.

Thema meines vor mir liegenden Artikels ist Der Weg zum glücklichen Leben in zehn Schritten. Ich seufze schwer, tippe mit meinem Kugelschreiber genervt auf meinem Papierblock herum und krame verzweifelt nach einem Aufhänger in meinen Gedanken. Momentan wäre ich froh, wenn ich mich überhaupt zu einem Schritt der geforderten zehn gedanklich durchringen könnte, aber meine Kreativität scheint mich verlassen zu haben und meine Muse verreist. So sehr ich mich auch bemühe, kriege ich einfach keinen Satz aufs Papier. Ich lese Geschichten von Menschen, die wieder Freude in der Liebe, im Beruf oder auch in ihrem Leben gefunden haben. Ich stöbere in Foren herum, schaue sogar auf Seiten von Selbsthilfegruppen. Das alles scheint heute jedoch seine Wirkung zu verfehlen. Gefrustet nehme ich meine Brille ab und lasse mich ermüdet auf meine verschränkten Arme stützend auf meinem Schreibtisch sinken. Ich schließe die Augen, seufze schwer und versuche mein positives Mindset zu aktivieren, was mir heute nicht zu glücken scheint.

Während ich mich schon verloren glaube, werde ich durch das Summen meines Handys aus meiner Verzweiflung geholt. Eine Nachricht von Lisa:

Hey, Anna,
lass uns heute treffen.
Es hat ein neuer Club aufgemacht.
Ich hole dich um 21 Uhr ab.
Xoxo Lisa

Gerade als ich versuche meine Antwort zu tippen, erscheint bereits die nächste Nachricht von Lisa:

Keine Widerrede, beste Freundin.
Suche nicht nach Ausreden!
Du kommst mit,
egal, wie du um 21 Uhr vor mir stehst!
Bis später

Lisa kennt mich einfach zu gut, denke ich mir und kann mir das Grinsen nicht verkneifen. Wieder einmal hat sie es geschafft, mich für einen kurzen Moment aus meinem Trübsal herauszuholen. Sie ist meine allerbeste Freundin und das seit dem Tag, als ich an die Chemsey School kam und sie mir anbot, neben ihr Platz zu nehmen.

Es ist schon verrückt, wie gut sie mich kennt, und Gedankenübertragung scheint wirklich zu existieren. Ich war tatsächlich gerade dabei, zu überlegen, welche Ausreden ich in diesem Monat bereits genutzt hatte. Redaktionsschluss, Dienstbesprechung und Babysitting für meine Kollegin zählen definitiv zu meinen Top 3 in diesem Monat Februar.

Seit unserer Trennung, seit der Trennung von ihm, gehe ich nicht gerne in Clubs, denn genau solch ein Club war damals der Ort, an dem ich ihm begegnet bin.




Erstes Kapitel


Am 5. Juli bestand Lisa darauf, sie zur Eröffnung des ultrahotten, so beschrieb sie es zumindest, neuen Clubs, The Fifth, zu begleiten. Lisa gehörte zu dieser neuen Generation, die sich im Mainstream wiederfand und bei der alles hip, cool und eben ultrahot war. Das erkor sie auch als Vorgabe für mein Abendoutfit aus. Ich war eigentlich der klassische Typ. Bleistiftröcke und Highwaist-Stoffhosen sowie ein passendes Satin- oder Blusenoberteil komplementierten meinen Stil. Pumps mit maximal 6 cm Absatz und passender Goldschmuck waren meine dazugehörigen Accessoires. Meine Haare waren immer noch dunkelblond, nur die Locken wurden mit den Jahren weniger und glichen eher Wellen, die ich meist zur Seite gesteckt oder zum Pferdeschwanz zusammengebunden trug.

Ultrahot gehörte weder zu meinem Wortschatz noch zu meinem Kleiderschrank, dachte ich mir und sah mich damit mit einer nahezu unmöglich zu bewältigenden Herausforderung konfrontiert. Lisa holte mich damals von zuhause ab. Doch sie kam nicht wie versprochen um 21 Uhr, sondern ganze zwei Stunden eher. Ich konnte mich glücklich schätzen, dass ich zu dem Zeitpunkt wenigstens schon geduscht und in Unterwäsche bekleidet vor ihr stand. Als ich die Tür öffnete und sie ansah, dachte ich mir, dass ich mit Sicherheit kein vergleichbares Outfit in meinem Kleiderschrank finden würde, das wenigstens im Ansatz dem Ihrigen entsprach. Ihr schwarzer Rock erschien mir verboten kurz und ihre Bluse definitiv viel zu durchsichtig für meinen Geschmack. Ihre schwarzen Boots stufte ich als vorzeigbar ein. Unsere Vorstellungen kamen sich selten in die Quere und obwohl uns so viel verband, hätten wir in so vielem nicht unterschiedlicher sein können. An diesem Tag erschien Lisa mit einer großen Papiertüte in ihrer Hand. Das weiß ich noch genau.
Ich konnte mich aber nicht daran erinnern, dass sie bei mir übernachten wollte. Obwohl dies an solchen Abenden nicht selten der Fall war. Lisa feierte, wenn, dann richtig. Sie konnte auf Tischen tanzen und kannte sich mit den Zeiten zur Happy Hour bestens aus. Mir war oft nicht wohl dabei, sie dann alleine nach Hause gehen zu lassen. Da wir zuerst immer bei mir vorbeikamen, bot ich ihr stets meine Couch an, die sie meist auch dankend annahm. Am Folgetag schlief sie dann ihren Rausch aus. In dieser Zeit philosophierte ich dann bereits über den Sinn des Lebens, um an einem meiner Artikel weiterzuschreiben. Ich liebte es, den Morgen produktiv zu nutzen, und da ich kaum Alkohol trank, hatte ich, im Gegensatz zu ihr, weder mit einem Kater noch mit schlimmen Kopfschmerzen zu kämpfen.

„Na, dann wollen wir dich mal anziehen“, riss sie mich damals aus meinen Gedanken. Mich anziehen?, hallte ihr Vorschlag in meinen Gedanken nach. Das kann ja spannend werden. Ich wusste nicht, ob ich mich in dem Moment freuen oder doch eher sorgen sollte. Ich gab ihrer Aufforderung nach und fügte mich meinem Schicksal. Wir durchforsteten meinen Kleiderschrank, aber da war, wie bereits schon vermutet, kein Outfit dabei, das Lisas Kleiderwahl ebenbürtig gewesen wäre.

„Hast du denn nicht einmal ein kleines Schwarzes?“, stieß Lisa geschockt raus.

„Doch, aber ich glaube nicht, dass es das ist, was deiner Vorstellung entspricht!“

„Das können wir erst wissen, wenn ich es angezogen gesehen habe“, gab sie erwartungsvoll zurück.

Ich verstand die unausgesprochene Aufforderung, wählte mein einziges schwarzes Kleid, zog es aus der letzten Ecke meines Kleiderschrankes und beschloss, es Lisa zu zeigen. Als ich aus dem Bad trat und sie ansah, konnte ich mein Lachen kaum noch zurückhalten. Ihr Blick war einfach unbezahlbar. Sie war so entsetzt, dass ich, obwohl ich um Ernsthaftigkeit sichtlich bemüht war, aus vollem Hals losprusten musste.

Sie sah mich fragend an: „Anna, aus welchem Material ist das und in welchem Jahrhundert hast du es um Himmels willen nur erstanden?“

„Es ist Vintage!“, gab ich selbstbewusst zurück, während ich es mit meinen Fingern glattstrich und mich im Spiegel von allen Seiten betrachtete.

„Vintage? Es gehört verboten und derjenige, der es dir als Vintagekleid verkauft hat, gehört entlassen!“

Da stand ich nun in meinem kleinen Schwarzen, das ich das letzte Mal vor neun Jahren auf der Konfirmation meiner kleinen Cousine getragen hatte. Dementsprechend sah es auch aus. Meiner Tante Annie gefiel es besonders gut. Lisa fand das hochgeschlossene Kleid, das sogar die Schultern bedeckte und mir bis zu den Knien reichte, furchtbar. Besonders schrecklich empfand sie die Spitzenborde, deren Muster von einem metallischen Silberfaden durchzogen war. Ja, ich muss zugeben, es entsprach vielleicht nicht mehr der aktuellen Mode, aber nichtsdestotrotz gefiel es mir. Ich hatte es damals mit meiner Tante Annie in einer kleinen Boutique in Newburgh gekauft. Es hatte sentimentalen Wert.

Lisa zögerte nicht lange, sprang auf, verließ das Schlafzimmer und ging zielgerichtet in den Flur zurück, um mit der geheimnisvollen und von ihr eigens mitgebrachten Tüte zurückzukehren. Ich hob wortlos die Augenbrauen. Was sollte das denn jetzt werden?

„Wie ich schon vorhin sagte“, wiederholte sie, „wollen wir dich mal anziehen.“ Sie packte den Inhalt ihrer Tüte aus und breitete diesen auf der Tagesdecke meines Bettes aus. Da lagen nun Kleider neben Röcken und durchsichtigen Oberteilen fein säuberlich aufgereiht. Ich ließ meinen Blick schweifen und wusste gar nicht, welches ich schlimmer fand. Lisa sah mich verheißungsvoll an und mir war bewusst, dass sie von mir erwartete, dass ich aus ihrer Kollektion das Kleidungsstück rausziehen sollte, das ich am heutigen Abend tragen würde.

„Lisa, das kann ich doch unmöglich anziehen!“, sagte ich, als ich ein sehr kurzes Spaghettikleid aus ihrer Sammlung zog, das in meinen Augen eher einem etwas zu lang geratenen Oberteil entsprach. Es war halb durchsichtig, pink und aus Polyester. Doch ihre Ausbeute sollte nicht besser werden. Bei der Auswahl schockierte mich ein Teil mehr als das andere und dann sah ich, als ich mich zwischen Negligés und Hotpants schon verloren geglaubt hatte, doch noch einen kleinen Hoffnungsschimmer. Ich griff danach und verschwand mit dem pflaumenfarbigen Kleid wortlos im Bad. Es war knielang und hatte einen hübschen, aber dezenten V-Ausschnitt. Den Rücken zierte ein langer goldener Reißverschluss. Es war ganz anders als die anderen Teile: schlicht, elegant und passte damit perfekt zu mir.

„War ja klar, Anna!“, hörte ich Lisa seufzen. „Einen Versuch war es wert. Ich hatte schon geahnt, dass du die anderen Teile nicht mal im Traum in Erwägung ziehen würdest. Und, Anna: Was wäre ich denn für eine Freundin, wenn ich von dir erwarten würde, dass du dich verkleiden müsstest. Das ist wirklich perfekt. Es ist wie für dich gemacht, Anna!“

Ich betrachtete mich noch einmal im Spiegel meines Schlafzimmerschrankes, strich das Kleid mit den Fingern noch mal glatt und war mit dem Anblick sehr zufrieden. Ich legte mir noch eine feine Goldkette um und wählte zu ihr passende Creolen, schwarze Pumps und eine kleine Abendtasche. Auf meine Lippen trug ich noch einen schimmernden Gloss auf und sprühte meinen Lieblingsduft, Libre von YSL, auf Hals und Dekolletee.

Der besagte neue Club lag nicht weit weg von meinem Zuhause, so beschlossen wir, zu Fuß zu gehen. Wie an jedem Wochenendabend waren wieder unglaublich viele Menschen unterwegs. New York war einfach eine Stadt, die zu keiner Zeit schlief, und am Abend war hier fast schon mehr los als am Tag, denn nun hatten die meisten Menschen frei und damit die Gelegenheit, ins Nachtleben einzutauchen und sich in der Entspannung zu verlieren. Viele der Menschen, die hier leben, arbeiten bis zu sechzehn Stunden täglich an der Erfüllung ihrer Träume, da ist es auch nicht verwerflich, dass sie am Abend abschalten und ihrem Sozialleben mehr Beachtung schenken wollten.

Angekommen am The Fifth sah ich diese unglaublich lange Schlange von Menschen. Typisch New York und seine Hipstars. Kaum eröffnet ein neuer Club, schon drängen sich die Menschen mit ihren Handys vorm Gesicht, um das coolste Selfie auf Instagram oder TikTok hochzuladen. Ich konnte diesem Hype noch nie etwas abgewinnen. Meiner Meinung nach verloren sich die Menschen in der Illusion, anderen vor Augen zu führen, wie vermeintlich aufregend das eigene Leben ist, statt den Moment zu genießen. Followerzahlen waren eben wichtiger als das echte Leben. Meine Computerkenntnisse waren aber auch nur sehr spartanisch ausgebildet und erfüllten damit lediglich die Mindestanforderungen, um in meinem Job zu bestehen. Word und Power Point konnte ich noch etwas abgewinnen, Hashtags und Co. waren dagegen komplettes Neuland. Während ich mich weiter meiner Beobachtung hingab und mir so meine Gedanken zu der Geltungssucht von Menschen machte, hörte ich Lisa schon aus der Ferne rufen.
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