Sonstiges & Allerlei

Achterbahnfahrt der Gefühle

Marion Kluge

Achterbahnfahrt der Gefühle

Leseprobe:

1

„War ja klar!“ Ich steuerte auf die nächste rote Ampel zu. „Wieso gerate immer ich in die rote Phase?“ Entnervt ließ ich mich an die Ampelkreuzung rollen, aber diese tat mir natürlich nicht den Gefallen, zwischenzeitlich auf Gelb-Grün zu wechseln.
Gelangweilt beobachtete ich die Fußgänger, die eilig oder, mit Handy am Ohr, unaufmerksam die Straße überquerten. Die Fußgängerampel zeigte jetzt Rot an und eine alte Dame, gestützt auf einen Krückstock, versuchte mit dem voraneilenden älteren Herrn – sicher ihr Ehemann – Schritt zu halten. Als sie nach ihm die andere Straßenseite erreicht hatte, bot er ihr am Bürgersteig seinen Arm als Hilfe an.
„Na, wie nett“, murmelte ich, richtete meinen Blick wieder auf die Ampel und nörgelte: „Nun mach schon!“
Sie reagierte endlich und wechselte auf Gelb.
Ich legte den Gang ein, wollte gerade losfahren, als neben mir die Beifahrertür aufgerissen wurde.
„Ah!“ Erschrocken fuhr ich zusammen.
Ein Mann warf sich hastig auf den Beifahrersitz, knallte die Tür zu und forderte mich flehentlich auf loszufahren.
Bei so viel Dreistigkeit wollte ich ihn gerade zurechtweisen, schließlich bin ich ja kein Taxi, erfasste aber eine Sekunde später den Grund seiner Panik. Eine Traube Mädels rannte aufgeregt schnatternd auf mein Auto zu, mit Kameras und diverse Schreibutensilien in den erhoben winkenden Händen. Sie näherten sich bedrohlich meinem Fahrzeug, sodass ich befürchten musste, dass auch sie die Absicht hatten, mein Auto zu belagern.
Es war unvorstellbar, dass sie alle hineinpassen könnten. Mir blieb nichts anderes übrig, als ebenfalls die Flucht zu ergreifen, und fuhr vorsichtig an, da die Ampel inzwischen Grün zeigte. Sofort änderte sich auch die Marschrichtung der Traube – sie folgte mir. Glücklicherweise wechselte auch die nächste vor mir liegende Ampel auf Grün und ich gab Gas. Unsere Verfolger blieben frustriert und schimpfend zurück, wie ich befriedigt im Rückspiegel beobachten konnte.
„Danke für die Rettung!“ Noch atemlos, aber etwas entspannter, hielt mir mein ungebetener fremder Fahrgast seine Hand hin und stellte sich vor: „Hi, ich bin Robert. Tut mir leid, dass ich dich so überfallen habe, aber …“
Inzwischen hatte ich meine Fassung wiedererlangt. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, bot auch ich meine Hand an und unterbrach ihn: „Hi, ich bin Samantha – ähm, Sam. Na ja, eigentlich passiert es mir öfter, dass Leute einfach zu mir ins Auto springen; ist also nichts Besonderes“, fügte scherzhaft hinzu und winkte lässig mit der Hand, die er inzwischen wieder freigegeben hatte, ab.
„Wirklich?“ Zweifelnde Blicke trafen mich.
Oh Mann, wie blöd war das denn?
„Natürlich nicht!“ Verständnislos verdrehte ich die Augen. „Ich war zu Tode erschrocken und nur die Gefahr des Überfalls durch deine Nachhut hielt mich davon ab, dich sofort wieder rauszuwerfen. Mir blieb ja nur Belagerung oder Flucht“, machte ich ihm schulterzuckend klar und fragte Robert, so es denn sein richtiger Name war: „Wieso haben die dich eigentlich verfolgt? Du hast die doch nicht etwa beklaut oder so was?“ Argwöhnisch legte sich meine Stirn in Falten.
„Natürlich nicht!“, antwortete er entrüstet.
Na ja, wie ein Verbrecher sah er tatsächlich nicht aus, stellte ich mit einem flüchtigen Blick auf ihn erleichtert fest. Im Gegenteil, er war ausgesprochen attraktiv, etwa in meinem Alter, hatte ein markantes Gesicht mit faszinierend, aber im Moment müde wirkenden dunkelbraunen Augen, kurzes dunkles, verwuscheltes Haar und schmale Lippen, die sich jetzt schmollend zusammenzogen. Für das eine oder andere Mädel ganz sicher ein guter Grund ihm nachzulaufen, aber gleich eine ganze Horde?
Ich konzentrierte mich wieder auf den Verkehr, wartete – wie bei einem Navigationsgerät – auf ein Wort, eine Anweisung von ihm, wo ich ihn aussteigen lassen sollte.
Das Navi schwieg. Also musste ich ihn eben fragen: „Wo soll ich dich rauslassen?“
„Keine Ahnung. Ich weiß noch nicht mal, wo ich hier bin“, gestand er deprimiert und betrachtete verwirrt die Landschaft, die an uns vorbeiflog.
Inzwischen hatten wir die Stadt verlassen und die vor uns liegende Landstraße sah aus wie jede andere auch: gesäumt von Obst- oder Laubbäumen, dahinter links und rechts Ackerfelder und vereinzelt ein, zwei Häuser.
„Du bist wohl nicht aus dieser Gegend“, mutmaßte ich.
„Nein.“
Nachdem wir ein paar Kilometer schweigend hinter uns gebracht hatten, er mir noch immer nicht gesagt hatte, wo er eigentlich hinwollte, wurde es mir zu dumm – ich fuhr rechts ran.
„Also gut! Du dürftest jetzt, vor wem oder was auch immer, in Sicherheit sein. Ich will dich ja nicht auf der Landstraße aussetzen, aber ohne Plan fahre ich nicht weiter“, drohte ich entschlossen und wandte mich ihm zu. Ich war mir nicht sicher, ob er mir überhaupt zugehört hatte, denn seine Augen waren geschlossen und mir blieb ein kurzer Moment, um ihn zu betrachten. Das Gesicht kam mir bekannt vor, ich war mir sicher es schon mal irgendwo gesehen zu haben und kramte in meinem Gedächtnis – bemühte aber offenbar die falschen grauen Zellen. Er sah müde und abgekämpft aus.
Was um Himmels willen sollte ich jetzt mit ihm anstellen? So konnte ich ihn doch nicht auf der Landstraße zurücklassen. Ein Schmunzeln huschte über mein Gesicht.
An einem weniger stressigen Tag als dem, den ich gerade hinter mir lassen wollte, wären mir schon ein paar Ideen gekommen, denn er hatte wirklich was unglaublich Anziehendes.
Als er plötzlich die Augen öffnete, fühlte ich mich ertappt, weil mein Blick noch immer auf seinem Gesicht ruhte. Es war mir peinlich, und um meine Verlegenheit zu überspielen, fragte ich in leicht genervtem Ton: „Also, wieso bist du hier, wenn du nicht aus dieser Gegend stammst? Wo wolltest du hin, bevor du – offenbar unfreiwillig – belagert wurdest?“
„Tut mir echt leid, dass ich so viele Unannehmlichkeiten bereite“, entschuldigte er sich erschöpft. „Der Tag ist heute ziemlich mies gelaufen.“
Ich hatte auch keinen guten Tag, dachte ich, zeigte aber höfliches Interesse und forderte ihn auf: „Erzähl!“
„Na ja, erst hatte mein Flieger Verspätung, hab dadurch den Anschlusszug verpasst und – als Krönung – den richtigen Bahnhof, wo ich aussteigen musste. Es war nur eine Station und ich dachte, ich würde das Merkur-Hotel auch von der anderen Seite der Stadt aus finden“, fasste er seinen miesen Tag kurz zusammen. „Wie weit ich gekommen bin, weißt du ja; ich wurde plötzlich von den Damen (Verachtung lag bei diesem Wort in seiner Stimme) überrumpelt. Du warst meine letzte Hoffnung.“
Merkur-Hotel? Oh Mann, das lag am anderen Ende der Stadt, die wir gerade verlassen hatten. Meine Begeisterung darüber, dass ich umkehre, eine halbe Stunde Fahrt zum Hotel und eine knappe Stunde Rückfahrt bis nach Hause vor mir hätte, hielt sich in Grenzen.
Ich bot es ihm trotzdem an.
„Nein!“, lehnte er ab. „Bring mich nur zum nächsten Telefon, ich rufe mir ein Taxi. Du hast echt schon genug für mich getan!“ Er sah mir direkt in die Augen, ein dankbares und schuldbewusstes Lächeln erschien auf seinem Gesicht – und es irritierte mich.
Zu meinem Ärger hatte ich noch immer nicht herausgefunden, woher ich dieses Gesicht kannte, und geriet in Zwiespalt. Einerseits wollte ich den langen Tag endlich abschließen und meine Ruhe haben, andererseits wusste ich, dass mich seine unerwartete Bekanntschaft nicht zur Ruhe kommen lassen würde, ohne dessen Identität gelüftet zu haben.
Ich war so in Gedanken versunken, dass ich nicht sofort bemerkte, wie auch er mich jetzt mit unverhohlenem Interesse musterte. Unsere Blicke trafen sich erneut und mich erfasste eine unerklärliche Nervosität, wandte mich verlegen ab und versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.
Das nächste Telefon, fiel mir ein, befand sich im nächsten Dorf, in dem ich wohnte. Der Weg dorthin war erheblich kürzer als zum Merkur-Hotel, also eine gute Alternative.
„Nun, ich würde vorschlagen, du kommst erst mal mit zu mir – und dem nächsten Telefon. Dort kannst du dann alles Weitere planen. Geht das in Ordnung?“
Ich hatte die Frage kaum ausgesprochen, als plötzlich Zweifel in mir aufkamen:
Sam, bist du irre? Lädst einen völlig Fremden zu dir ein? Der Typ hält dich doch für verrückt, oder denkt, du willst ihn abschleppen.
Unsicher versuchte ich seine Gedanken von seinem Gesicht abzulesen. Ein Fehler!
Er erwiderte meinen Blick, schüchterte mich erneut ein und senkte verlegen den Kopf.
Das schien ihn zu amüsieren, ich konnte seinen verschmitzt schmunzelnden Blick förmlich auf mir spüren. Aber schließlich stimmte er zu, worüber ich mich heimlich freute.
Ob er es wohl falsch auffassen würde, wenn ich ihm mein Gästezimmer heute Nacht zur Verfügung stellen würde?
Oh Mann, schon wieder so ein verrückter Gedanke!, schoss es mir durch den Kopf. Aber es wurde langsam dunkel und ein Taxi, so denn gleich eines bereitstand, bräuchte auch so seine Zeit bis zu mir; dann der Weg zum Hotel … und in seiner Verfassung …, rechtfertigte ich mich vor mir selbst. Ich könnte ihn morgen früh auf dem Weg zur Arbeit wieder mit zurück in die Stadt nehmen, überlegte ich, behielt den Gedanken aber erst mal für mich und startete den Motor.

„Es ist angenehm ruhig hier“, stellte Robert fest, als ich vor meinem Haus hielt.
„Ist so, auf dem Lande!“
Jetzt, in voller Größe vor mir stehend – und er war groß –, stellte ich fest, dass er auch eine tolle Figur hatte. Sie war nicht protzig, aber doch muskulös. Leger in Jeans und Baumwollhemd gekleidet, hatte er seinen Rucksack, das einzige Gepäck, was er bei sich trug, lässig über die Schulter gelegt. Er sah wirklich unerhört gut aus, musste ich mir nochmals eingestehen, aber wo hatte ich ihn bloß schon mal gesehen? Model in einem Modemagazin? Musiker oder Schauspieler?, überlegte ich angestrengt. Aber wieso sollte sich jemand wie er in so eine kleine, unbekannte Stadt verirren?
Ich gab es auf – mein Gehirn arbeitete nur noch im Eco-Modus, damit würde ich heute keine geheimnisvollen Entdeckungen mehr machen –, schloss die Tür auf, ließ ihn eintreten, legte Schlüssel, Tasche und Schuhe ab und schob Robert in Richtung Küche.
„Nett!“, stellte er beiläufig fest.
Am Küchentisch, der eher einem Bar-Tisch glich und auch mit Barhockern bestückt war, saß Jaqueline, meine fünf Jahre jüngere Schwester – die sich mal wieder wegen Streit mit ihrem Freund bei mir eingenistet hatte beziehungsweise ihr Wohnrecht kurzfristig geltend machte – und schaufelte gerade eine Schüssel Cornflakes in sich rein.
Beim Anblick meines Mitbringsels klappte ihr der Unterkiefer runter.
„Wow …! Hi …!“, stammelte sie fassungslos.
„Ups!“ Also das war neu. Jacki, sonst ohne Punkt und Komma schnatternd, fast nie um eine Antwort verlegen, war sprachlos? Ob ich Robert adoptieren konnte, solange sie hier wohnte? Andererseits hielt ich das für Robert für zu gefährlich. Ich konnte ihn heute zwar vor einer weiblichen Horde retten, aber auch vor Jacki? Sollte es wirklich noch zu meinem Übernachtungsangebot kommen, musste ich unbedingt, zu seinem Schutz, den Schlüssel vom Gästezimmer suchen – der Glanz in ihren Augen war unmissverständlich.
Sie rutschte vom Barhocker und ich zog sie beiseite, bevor Robert sich in ihrer Reichweite befand.
„Lass ihn in Ruhe, er hatte heute schon genug Trouble!“, zischte ich sie an.
„Weißt du, wer das ist?“, schwärmte sie.
Sollte sich das Geheimnis heute doch noch lüften?
Meine Unwissenheit stand mir offenbar ins Gesicht geschrieben. Sie sah mich an, als wäre ich hirnamputiert, und verdrehte ungeduldig die Augen, als wäre es doch ganz offensichtlich.
„Das ist Robert West“, flüsterte sie aufgeregt, „Aus dem Film: Victory!“
Also doch Schauspieler?, resümierte ich und mahnte leise: „Lass ihn trotzdem in Ruhe!“
Aber ebenso gut hätte ich ihr das Atmen verbieten können. Kokett tänzelte sie auf ihn zu.
„Hi, ich bin Jacki!“
„Hi, ich bin …“
„Ich weiß, wer du bist! Ich kenne alle deine Filme. Kann ich bitte ein Autogramm bekommen?“, himmelte sie Robert regelrecht an.
Das war ja nicht auszuhalten! Genervt verdrehte ich die Augen.
„Ich habe leider keine mehr bei mir“, bedauerte er aufrichtig.
Ich ahnte, wo sie geblieben waren: bei der Traube, vor der ich ihn vor Stunden rettete. Hoffentlich kam sie nicht auf den Gedanken, sich behelfsweise das Autogramm auf ihren Arm oder einen anderen Körperteil geben zu lassen; zuzutrauen wäre es ihr.
Ganz so schlimm war es dann doch nicht. Sie holte schnell ein unifarbenes T-Shirt und Textilmarker und reichte ihm beides. Bereitwillig gab er ihr das gewünschte Autogramm mit Widmung – und einem umwerfenden Lächeln.
„Danke!“, hauchte sie paralysiert.
Bevor sie noch auf andere dumme Gedanken kam, nutzte ich schnell ihre Benommenheit und schubste sie aus der Küche. Als ich sie wieder betrat, fiel mir nichts Besseres ein als: „Tut mir leid!“
Blödsinn!, dachte ich dann. Wieso und wofür entschuldigte ich mich denn?
„So, du bist also Schauspieler?“
„Ich hätte nicht gedacht, dass mich hier jemand erkennt“, sinnierte er.
„Nun, auch in Kleinstädten und Dörfern soll es Kinos geben“, antwortete ich schnippisch, fühlte mich irgendwie als Hinterwäldler abgestempelt.
„Aber du hast mich nicht erkannt“, stellte er schmunzelnd fest.
Ich war schon Ewigkeiten nicht mehr im Kino, daher war es nicht weiter verwunderlich.
Das Repertoire im Fernsehen reichte zum Einschlafen völlig. Endlich fiel der Groschen: Werbung und Filmtrailer waren ein störendes Muss vor und zwischen den Filmen, daher kannte ich sein Gesicht. An den Inhalt des Trailers konnte ich mich jedoch nicht erinnern, da ich die unerwünschten Pausen für andere schnell zu erledigende Dinge nutzte, wenn ich nicht bereits in meinen Kissen versunken war.
„Hast du Hunger?“, versuchte ich abzulenken.
Bei meinem Angebot leuchteten seine Augen. Mein Kühlschrank wies in der Regel gähnende Leere auf, außer wenn Jacki da war. Aber auch dann hatte der Inhalt keine lange Lebensdauer. Keine Ahnung, wie sie das anstellte – der Kühlschrank war leer, hinterließ aber keinerlei Spuren an ihr. Ich betete, dass wenigstens der Gefrierschrank noch etwas hergab – meine Reservequelle für Notfälle –, hatte Glück und hoffte, dass er auf Pizza stand.
Er war nicht abgeneigt und so erweckte ich den Backofen zum Leben, der ihm sicher dankbar dafür war, nicht nur als überflüssiges Küchenutensil zu existieren, denn bei mir kam er kaum zum Einsatz. Die Mikrowelle wurde ganz klar von mir bevorzugt.
Ich reichte ihm das Telefon, jedoch nicht ohne ihm mein Übernachtungsangebot im Gästezimmer zu unterbreiten. Meine Neugier war geweckt. Was wollte er in der Kleinstadt, wo er sich unerkannt wähnte? Urlaub machen? Aber hier und in der Umgebung gab es nicht das Geringste, was jemanden dazu bewegen könnte, die schönste Zeit des Jahres hier zu verbringen.
Jacki tauchte wieder in der Küche auf – natürlich mit dem Autogramm-Shirt.
„Ich geh dann mal!“, rief sie uns zu, konnte es kaum erwarten, ihren Freundinnen von unseren prominenten und – ihren Worten nach – heißen Gast zu erzählen.
„Hey, du erwähnst nicht unseren Besucher! Ich bin nicht wild auf eine Belagerung. Und wenn du nicht alleine von der Disco nach Hause kommst, entziehe ich dir den Schlüssel“, warnte ich vorsorglich, denn in Punkt Privatsphäre machte ich keine Kompromisse.
„Spielverderber!“, murmelte sie beleidigt, hatte es aber offenbar begriffen.
Mein Vertrauen zu ihr war aber nicht grenzenlos. Also suchte ich, fand und übergab Robert den Schlüssel vom Gästezimmer, der das unerwartete Angebot dankend angenommen hatte. Skeptisch schaute er zuerst den Schlüssel, dann mich an.
„Glaub mir, den wirst du brauchen – und zu deinem Schutz auch benutzen“, mahnte ich, was ihn zu amüsieren schien. Moment mal! Er glaubte doch wohl nicht etwa, dass ich …?
„Du hast ja Jacki vorhin erlebt …“, versuchte ich schnell seine Gedanken in die richtige Richtung zu lenken.
„Wegen deiner Schwester also?“
Die Falten auf seiner Stirn verschwanden, das Grinsen wurde dafür breiter und irritierte mich. Gerade rechtzeitig gab der Backofen durch Signal die Pizza frei. Eigentlich hatte ich keinen Hunger, aber der Duft, den die Pizza jetzt verströmte, machte Appetit und ich beanspruchte ein kleines Stück für mich. Robert gab sich mit dem Rest vollauf zufrieden.
Anschließend machte ich mit ihm eine kurze Hausbesichtigung, damit er sich zurechtfand.
Im oberen Geschoss befanden sich das Bade-, Gäste-, Jackis und mein Schlafzimmer. Die untere Etage mit Flur, Küche, Bad und Wohnzimmer hatte er schon erkundet.
„Wohnt ihr alleine hier? Keine Eltern, Freund oder so?“, wollte er wissen.
„Jacki wohnt hier nur, wenn sie gerade Zoff mit ihren Freunden hat, was häufig vorkommt.“
„Und wenn sie nicht da ist, bist du hier allein?“
„Wieso fragst du das? Willst du mich ausrauben? Glaub mir, es lohnt nicht!“
„He! Ich würde doch deine Gastfreundschaft nicht missbrauchen!“, versicherte er etwas beleidigt über meine Unterstellung. „Es gibt aber einen Freund?“, hakte er nach und ließ interessiert seinen Blick über mich schweifen, was ein seltsames Kribbeln in meiner Magengegend verursachte. Ich ertappte mich bei der Frage, ob ich wohl seiner Prüfung standhalten würde, fand es aber gleichzeitig absurd, dass sich jemand wie er ernsthaft für mich interessieren könnte. Ich hatte keine Ahnung, wie erfolgreich er in seinem Job war, aber unabhängig davon hatte er sicher eine Menge attraktive Angebote. Wieso legte ich überhaupt Wert auf seine Meinung?, dachte ich verärgert, denn das war eigentlich so gar nicht meine Art. Ich war nicht der Typ, der sich Hals über Kopf verliebte oder gar auf etwas Langfristiges einließ. Diesen Beziehungsstress musste ich mir nicht antun.
Während Robert sich etwas erfrischte, machte ich es mir auf dem Sofa gemütlich, um nach diesem verrückten Tag etwas Ruhe zu finden. Meinem überdimensionalen Fernsehbild hatte ich den Ton geraubt; stattdessen kam entspannende Musik aus den Lautsprechern meiner Musikanlage. Gedämpftes Licht, Kerzenschein und ein Glas Rotwein ließen den Tag entspannt ausklingen – so wie ich es mochte.

Allerdings erlebte ich das Ende eines Tages meist allein. Klar hatte ich die eine oder andere Beziehung, sie waren aber nie von langer Dauer.
Ich vereinte wohl zu viele widersprüchliche Charakterzüge in mir. Der Ausbruch der verschiedenen Eigenschaften wechselte abrupt und unerwartet. Ich konnte in einem Moment verträumt, glücklich und zufrieden – im nächsten ein hektisches Nervenbündel sein. Ein falsches Wort oder ein falscher Gedanke ließen mich – eben noch friedlich und unbeschwert – zickig, streitsüchtig und kampflustig werden. War ich gerade noch selbstsicher, übermütig und leichtsinnig, fand sich bestimmt ein Fettnäpfchen, in das ich treten konnte, oder ich geriet unerwartet in peinliche Situationen, die mich verstört und unbeholfen werden ließen – da blieb mein Selbstbewusstsein schon mal auf der Strecke. Hatte ich mir aber mal etwas in den Kopf gesetzt, verfolgte ich beharrlich und stur mein Ziel, war bereit, es mit allen Mitteln zu erreichen – an Ideen und Einfallsreichtum mangelte es mir dabei nicht.
Diese Stimmungswandlungen wurden meinen Beziehungen regelmäßig zum Verhängnis, da sie mit ihnen nicht Schritt halten konnten – oder wollten. Ich kann aber nicht behaupten ihnen lange nachgetrauert zu haben, war manchmal sogar dankbar für meine Eigenheiten, denn sie halfen mir gelegentlich auch dabei, unbequeme Beziehungen für mich zu beenden.

Heute Abend war ich jedenfalls nicht allein. Die Probleme der letzten Tage auf Arbeit konnten warten; sie würden mir nicht davonlaufen und sich auch ganz sicher nicht in Luft auflösen. Spätestens morgen hatten sie mich wieder eingeholt.
Nachdem Robert geduscht, sich in gleiche Jeans aber neues T-Shirt gekleidet hatte, ließ er sich neben mir auf dem Sofa nieder und strahlte Entspannung pur aus, welche sich sofort auf mich übertrug.
„Rotwein oder Bier?“, bot ich an.
„Was wäre denn mit weniger Aufwand verbunden?“
Blöde Frage, konstatierte ich. Rotwein und ein zweites Glas standen bereits auf dem Tisch, für Bier müsste ich das Sofa verlassen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 500
ISBN: 978-3-99038-567-8
Erscheinungsdatum: 15.10.2014
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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