Achilles – Buch Nr. 9

Achilles – Buch Nr. 9

Ellen Al´Banti


EUR 23,90

Format: 17 x 24 cm
Seitenanzahl: 318
ISBN: 978-3-99131-262-8
Erscheinungsdatum: 24.10.2022
Der Göttersohn Achilles hat die Wahl: ein kurzes Leben, das ihm großen Ruhm beschert, oder ein langes, gemächliches Leben, ohne im Mittelpunkt zu stehen. Auch die antiken griechischen Fürsten werben um seine Teilnahme am legendären Krieg gegen Troja …
Vorwort zu Achilles-Buch.

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,
Und viele tapfere Seelen, der Heldensöhne zum Ais
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden
Und dem Gevögel umher. So ward Zeus‘ Wille vollendet:
Seit dem Tag, als erst durch bitteren Zank sich entzweiten
Atreus Sohn, der Herrscher des Volks, und der edle Achilleus!

(Homer, Ilias, Erster Gesang 1-7, Übersetzung von Johann Heinrich Voss)

Vieles wurde über die Stadt Troja geschrieben, seitdem es im Frühjahr 1873 dem mecklenburgischen Kaufmann Heinrich Schliemann gelungen ist, die Stadt des Mythos zu entdecken und auszugraben. Felsenfest glaubte Schliemann daran, dass nach den Beschreibungen Homers diese Stadt tatsächlich existiert hatte. Die Beschreibungen des griechischen Dichters waren so genau, dass auch Schliemann keinen Zweifel haben konnte, dass hier keine bloße Erfindung erzählt wurde. Nicht nur die geographische Lage der Stadt Troja hat Homer genau beschrieben, sondern auch die Tätigkeiten der Bevölkerung dieser Stadt, welche mittlerweile in der Nähe des heutigen Ortes Hissarlik* historisch nachgewiesen wurden.
Kein Zweifel also soll auch daran bestehen, dass die Personen, die uns in der „Ilias“ aufgezählt werden, auch tatsächlich existiert haben. Spätere historische Funde von verbrannten Ziegelsteinen und Holzbalken zeugen davon, dass diese Stadt durch einen großen Feuerbrand oder aber durch einen Krieg zerstört wurde. Und sogar der fälschlicherweise sogenannte „Schatz des Priamos“ (von Schliemann am 31. Mai 1873 gefunden), luftgetrocknete Ziegelsteine, die für den Bau der Lehmhütten gebraucht wurden, Tonscherben, bronzene Objekte, Halbedelsteine wie Bernstein, Lapislazuli, Karneol und Jade, Pferdeknochen und -zähne, ein Siegel mit luwischen (anatolischen) Zeichen etc. all das zeugen davon, dass hier keine Fabel, kein griechischer Mythos von Homer erzählt war, sondern dieser Mythos in Wirklichkeit stattgefunden hatte, eine historische Tatsache also.
Warum dann, fragen wir uns, wenn all dies keine Erfindung war, sollen die Vorkommnisse der „Ilias“ erfunden sein? Warum sollten die Menschen, die hier erwähnt werden, nicht tatsächlich existiert haben? Freilich, je weiter man in der Zeit zurückgeht, desto mehr verliert man den historischen Grundgedanken und tritt man zum Fabelwesen über, denn das hat der Mythos in sich.
Die Historie aber lehrt uns, dass immer wieder im Laufe der Zeit Katastrophen die Stadt Troja heimgesucht haben, sei es durch Eroberungskriege, durch Erdbeben oder Brände. Immer wieder aber bauten die Menschen ihre Stadt aus den Trümmern der vorigen und auf der gleichen gutgekannten Stelle wieder auf. Denn es war ausgerechnet die günstige geographische Lage dieser Stadt am Ufer des Meeres, die ihr zu ihrem Ruhm und zu ihrem Reichtum verhalf. Sie schwamm offensichtlich schon in älteren Zeiten in Geld.
Schon Schliemann selbst seinerzeit stellte während der Ausgrabungen fest, dass hier im Laufe der Zeiten mehr als nur eine Stadt Troja existiert haben muss. Verhängnisvoll aber für seine spätere Arbeit war dabei weniger die Tatsache, dass er Calverts Erkenntnisse rasch als die eigenen ausgab, sondern, dass er auch später nicht genug auf Calvert hörte. Das hätte ihn nämlich vor dem entscheidenden Irrtum bei der Datierung seiner späteren Funde bewahren können. Und so hat es einen Hauch von höherer Gerechtigkeit, dass Schliemann zwar den Ruhm des Troja-Entdeckers erntete, aber das eigentliche homerische Troja niemals identifizieren konnte. Denn er fand hier eine andere Stadt als die des Trojanischen Krieges, aber glücklicherweise für uns eine viel ältere.

***

Neun Siedlungsschichten insgesamt von unten nach oben gezählt haben die Archäologen bis jetzt in Troja ausgegraben. Schliemann selbst verschätzte sich allerdings um ganze tausend Jahre, als er seine Funde in die Zeit des Priamos datierte. Ohne es zu wollen fand er eine viel ältere Stadt, Troja II von den Archäologen genannt, um das Jahr 2300 v. Chr. gebaut, die jahrhundertlang unter einem 22 Meter dicken Schuttmantel verschwunden und konserviert lag. Neuere Ausgrabungen und wissenschaftliche Untersuchungen datieren die Zeit des Trojanischen Krieges zwischen 1194 v. Chr. und 1184 v. Chr., und dies entspricht der siebten Schicht dieser Stadt, Troja VII-VIIa von den Archäologen genannt.
Genauso wie die Herrschaft der „Olympischen Götter“ den Gipfel der Theogonie darstellt, so ist die Beschreibung des „Trojanischen Krieges“ der Gipfel der gesamten griechischen Mythologie. Alle vorherigen Bücher dieser Reihe dienten nur dazu, die Verhältnisse der Heroen untereinander deutlich zu machen, um sie bei den vier letzten Büchern unseres komplexen Werkes besser durchschauen zu können. Die Namen aller bisher erwähnten Heroen sollten jetzt dem Leser der „Ilias“ und der „Odyssee“ sehr vertraut klingen, genauso wie sie den alten Griechen, die zu Zeiten Homers (und später sogar) gelebt haben, vertraut und bestens bekannt waren. Deswegen empfehlen wir erst jetzt mit der Lektüre der „Ilias“ anzufangen, parallel zu der Lektüre der zwei folgenden Bücher dieser Reihe. Die „Odyssee“ des Homer empfiehlt sich erst bei der Lektüre des Buches Nr. 11 über Odysseus, und schließlich die „Aeneis“ von Vergil bei der Lektüre unseres letzten Buches, Nr. 12, „Aineas“.
Allgemein bekannt ist, dass zwei große Epen dem griechischen blinden Dichter Homer – im griechischen Omhros, „der Blinde“ genannt – zuzuschreiben sind, die „Ilias“ und die „Odyssee“. Diese zwei Werke wurden zwar übersetzt und irgendwie gerettet, aber aus anderen Funden wissen wir, dass dem Dichter Omhros, Homer, nicht nur diese zwei Epen zuzurechnen sind, sondern insgesamt acht. Obwohl er blind war, hatte Homer ein sehr gutes Gedächtnis gehabt und rezitierte diese seine Epen zu verschiedenen Anlässen und er sang sie selber sogar. Deswegen heißen die einzelnen Kapitel, die später geschrieben wurden, auch Oden, Gesänge.
Danach wurden diese Lieder von anderen auf Papier oder auf andere Materialien geschrieben und von den meisten Griechen zu der damaligen Zeit auch auswendig gelernt. Die restlichen Werke des Homer sind verlorengegangen, aber sie waren den späteren klassischen Dichtern, Aischylos, Sophokles und Euripides, sehr gut bekannt. Diese Reste aus den sogenannten „Kyklischen Epen“ ergänzen die Saga der Griechen, die „Griechische Mythologie“.
Das erste uns bekannte große Epos des Homer, die „Ilias“, ist in vierundzwanzig Kapiteln aufgeteilt, ebenso viele wie das griechische Alphabet Buchstaben aufweist, Oden oder Rhapsodien genannt. Denn die einzelnen Kapitel dieses großen Epos wurden damals gesungen und mit diversen musikalischen Instrumenten begleitet. Deswegen waren diejenigen, die sie hörten, so beeindruckt, denn mit der Musik kann man eher die Gefühle rüberbringen. Der Gänshauteffekt kann man nur mit der Musik bekommen, als wenn man nur den Text auswendig lernt und vorträgt. Dieses wäre zwar auch nicht leicht, aber das fand auch nicht den Weg zu den Seelen der Zuhörer. Die Oden der Ilias wurden mit dem jeweiligen Buchstaben des griechischen Alphabets gekennzeichnet, aber es gab Stellen in den verschiedenen Gesängen, die ähnlich dem Refrain eines Liedes, sich öfters wiederholten. Man geht davon aus, dass auch der Rhythmus dieser Gesänge unterschiedlich war, mal heroisch, mal kämpferisch, mal herzhaft oder belustigt, je nachdem, was man für Ereignisse erzählen wollte. Wie den meisten Blinden kann man dem Homer ein gutes Gedächtnis und eine innere Sensibilität in seiner Stimme zudenken.
Die „Ilias“ hat insgesamt 15.693 Verse, und sie heißt auf Griechisch Iliada, die Ode der Stadt Ilias. Sie hätte eigentlich „Achilleis“ heißen dürfen, eine Ode dem Achilles gewidmet, denn die Troja-Geschichte ist für die „Ilias“ nur Rahmenhandlung für die Taten des Achilles im Trojanischen Krieg. Er ist die Hauptperson des Werkes, auch wenn er nicht immer anwesend ist. Zehn Jahre lang dauerte der längste Krieg in der griechischen Mythologie mit unterschiedlichen Erfolgen und Verluste für beiden Seiten. Das Meiste über die einzelnen Kämpfe, die damals stattfanden, und dies sogar in sehr detaillierten Beschreibungen, wissen wir aus dem ersten Epos des antiken blinden Dichters und Sängers, Homer.
Das war eine enorme Leistung seitens des Homer, wenn man die Größe dieser einzelnen Oden betrachtet und die vielen Namen der Kämpfer, sowohl auf der einen Seite als auch auf der anderen. Ungefähr sechshundertfünfundzwanzig Verse hat durchschnittlich jede von diesen Oden, auch wenn es hin und wieder zu Wiederholungen innerhalb einer Ode kommt, ähnlich dem Refrain eines gesungenen Liedes.
Homer beschreibt uns aber nicht den ganzen Krieg in seiner „Ilias“, nicht von Anfang an und auch nicht bis zum Schluss, sondern nur einundfünfzig Tage aus dem Leben des Achilles vor Troja, des Helden unseres Buches. Aber auch nicht darüber, wie es zum Ende des Krieges gekommen ist, ist etwas in der „Ilias“ zu lesen, oder bis zum Tode des Achilles. Aber durch Hinweise im Laufe der Lektüre der „Ilias“ auf die zurückliegenden Ereignisse und durch Bruchstücke von der „Kleinen Ilias“, der „Iliupersis“ und anderer Werke, die nachträglich gefunden wurden, kann man ungefähr den ganzen Verlauf dieses Geschehens in Gedanken rekonstruieren.
Unsere Geschichte über die Stadt Troja in diesem Buch fängt bei der zweiten Schicht, der Schliemannschen Stadt an, Troja II, und entwickelt sich fortwährend weiter bis zu Troja VIIa, kurz vor der Zerstörung dieser Stadt im Jahre 1184 v. Chr. Wir werden in diesem Buch lesen, dass es eigentlich zwei „Trojanische Kriege“ in der Antike gab. Den ersten Trojanischen Krieg, der kleinere, ca. 1235 v. Chr. (in der griechischen Mythologie von Herakles geführt), welcher die prächtigere Stadt Troja VI zerstörte (oder real gesehen ein Erdbeben, welches sich um 1300 v. Chr. herum ereignete), und einen zweiten „Trojanischen Krieg“, den größeren, den auch Homer in seiner „Ilias“ beschrieb, nach unserer Zählweise vierzig Jahre danach, und welcher dann auch zehn Jahre lang gedauert hatte und nach welchem die Stadt Troja VIIa im Jahr 1184 v.Chr. völlig zerstört wurde.
Und nach den wissenschaftlichen Erkenntnissen der heutigen Zeit endete die Phase Troja VIIa offenbar tatsächlich durch ein kriegerisches Ereignis. Denn über 150 Schleudersteine auf einer Straße in drei Haufen angelegt, die hier gefunden wurden, zeugen davon, dass sie nicht mehr zum Einsatz kamen. Dieser Krieg wurde von den Trojanern plötzlich verloren, die Gebäude wurden geplündert und dann in Brand gesteckt. In den Trümmern wurden mehrere Tote entdeckt, ohne dass jemand sie bestattet hatte. Selbst Carl W. Blegen war davon überzeugt, dass er mit dieser Zerstörungsschicht den von Homer besungenen Trojanischen Krieg archäologisch nachgewiesen hatte.
In drei unterschiedlichen Schauplätzen spielen die Ereignisse, die in diesem vorhandenen Buch erzählt werden: Einerseits auf der Halbinsel Peloponnes, im Süden Griechenlands gelegen, wo die Geburt der Helena stattfand – und hier wird ihre Abstammungsgeschichte erzählt – und andererseits an der Küste Mysiens, in der heutigen Westtürkei gelegen, wo die Geburt des Paris stattfand. Hier wird dann seine Abstammungsgeschichte erzählt. Den dritten Schauplatz unserer Erzählung bildet die Region Thessalien auf dem Festland Griechenlands, geographisch gesehen in der Mitte der anderen zwei Schauplätze gelegen, wo nicht nur der Grundstein für das spätere Zusammentreffen der obengenannten Personen gesetzt wurde, sondern auch dort, wo sich der Heimatsort der dritten wichtigen Person dieses Buches befand, dessen Leben engverbunden mit dem „Trojanischen Krieg“ war, des Helden unseres Buches, Achilles.
Wegen der chronologischen Reihenfolge wird immer wieder zwischen diesen drei Schauplätzen hin und her gesprungen, aber mit Hilfe von entsprechenden Hinweisen an den entsprechenden Stellen wird der Leser nicht zu sehr verwirrt, und am Ende der Lektüre wird er, so hoffen wir, ein komplettes, realistisches Bild vom ganzen „Trojanischen Krieg“ erhalten.



24. Der Tod des Achilles.

Es hatte sich im Laufe der Jahre stillschweigend herausgestellt, dass nach jedem Kampf ein Waffenstillstand folgte, von beiden Seiten gewollt und akzeptiert. Beide Lager waren nun damit beschäftigt, ihre Toten zu bestatten; die Griechen am Strand des Meeres, die Trojaner in ihrer Stadt, hinter ihrer Mauer eingeschlossen. In dieser Zeit hielten die älteren der Trojaner schon wieder Rat, was nun zu tun sei, da sie wieder mal ohne Anführer und ohne Verbündete verblieben waren. Es gab verschiedene Vorschläge; von dem Vorschlag die Stadt zu verlassen und sich in die Berge zurückzuziehen, bis zu dem Vorschlag die Helena samt ihrer Schätze zurückzugeben. Gegen diesen letzten war selbstverständlich Paris, der seine schöne Gattin über alles liebte, selbst seinen eigenen Tod dafür in Kauf nehmend.
König Priamos rief abermals zur Geduld, denn er sah noch eine andere Möglichkeit, den Krieg weiterzuführen. Seit geraumer Zeit, sagte er zu ihnen, habe er Boten nach Äthiopien* zum König Memnon geschickt, mit der Bitte, ihnen zu Hilfe zu kommen. Nach seinen Berechnungen müssten die „schwarzen Männer“ jetzt in der Nähe sein. Obwohl dieses Land sehr weit von Troja entfernt lag, herrschten freundschaftliche Beziehungen zwischen den Trojanern und den Äthiopiern. Memnon, der jetzige König von Äthiopien, war ein Neffe des Priamos und zwar der Sohn seines Bruders Tithonos. Tithonos war von seiner Gattin, Eos, der Göttin der Morgenröte (Aurora bei den Italienern genannt), zum König von Äthiopien ernannt worden.
Und in der Tat, eines Morgens meldete die Wache des Priamos, dass in der Ferne ein großes Heer von schwarzen Männern zu sehen war, welches sich ihrer Stadt näherte. Es war wie eine letzte Rettung vor dem Ertrinken, denn selbst ein Gott konnte sich nicht mit dem verhassten, männermordenden Achilles messen. Dieser schien unbezwingbar. Die Freude des Königs Priamos über diese Nachricht war nicht so groß wie vorher, bei der Ankunft der Amazonen, denn eine große Kümmernis befiel jetzt sein Herz über die vielen Toten. Er hielt außerdem die Amazonen für kriegserfahrener als die Männer, die ihnen jetzt zur Hilfe kamen, obwohl ihr Anführer, König Memnon, auch ein Göttersohn war. Seine Abstammungsgeschichte erzählte er selbst dem Priamos beim Abendmahl, das nun ihm zu Ehren stattfand.

***

Mit den ersten Morgengrauen, als die Sterne am Himmel nur noch sehr schwach zu sehen waren, weckte Eos ihren Sohn Memnon aus dem letzten Schlaf, der ihm auf der Erde gegönnt war, um ihn in das Kampfgetümmel zu schicken. Das Schicksal ihres Sohnes war ihr bis dahin unbekannt, denn nur Zeus war von den Schicksalsgöttinnen, den Moiren, davon unterrichtet worden. Deswegen bat Zeus die anderen Götter in der Götterversammlung an diesem Tag auf dem Olymp, nicht mit vergeblichen Bittsprachen zu ihm zu kommen, für den einen oder anderen Göttersohn (gemeint waren in diesem Fall die zwei Göttinnen Eos und Thetis), denn das Schicksal ihrer Söhne (gemeint waren Memnon und Achilles) war bereits vorher bestimmt worden. Er, Zeus, könne ihnen nur, wenn es so weit sein wird, ein Zeichen geben. Söhne zweier Göttinnen waren sie beide, der eine sogar fast am ganzen Körper unverletztbar gemacht, und der zweite von einem unsterblichen Vater gezeugt. Aber sie beide waren nicht unsterblich. Nur Zeus, außer den drei Parzen, wussten wem und wann die Stunde geschlagen hatte.
Das war eigentlich Zeichen genug für Eos und Thetis, denn sie wussten beide, dass Achilles nur von der Hand eines Gottes sterben wird. Nicht so war es aber dem Memnon vorhergesagt worden, und so beklagte Eos ihren Sohn jetzt schon im Voraus.
Morgens in aller Frühe gingen Trojaner und Äthiopier voll bewaffnet auf die Straße und schon wieder wurden die Tore der Stadtmauer weit geöffnet, um die Kämpfer hinauszulassen. Das griechische Heer, welches von der Ankunft des Memnon einen Tag vorher nichts wusste, wurde schon wieder mit einem neuen Gegner überraschend konfrontiert. Sie hatten kaum Zeit gehabt ihre Rüstungen anzuziehen und sich für den nächsten Kampf fertigzumachen. Aber diesmal war es wenigstens einfacher, den Gegner zu unterscheiden, denn die Äthiopier waren sehr leicht zu erkennen. Sie waren für die Augen der Griechen etwas zu dunkel im Gesicht. Zwar trugen ihre Gesichter europäische Züge, aber ihre Hautfarbe war dunkler als der dunkelste Sonnenbrand, den man sich hätte holen können. Eine Mischung aus Araber und Afrikaner, wie es eben die Nubier sind.
Auf beiden Seiten des Krieges kämpfte je ein Sohn einer Göttin. Memnon mit seinen Äthiopiern auf der Seite der Trojaner, Achilles mit seinen Myrmidonen auf der Seite der Griechen. Es war klar, dass sich diese zwei Halbgötter früher oder später gegenüberstehen würden. Und nachdem Memnon viele griechische Kämpfer getötet hatte, näherte er sich dem alten Nestor, der mit seinen zwei Söhnen, Antilochos und Tharsymedes, an diesem Kampf ausnahmsweise auch selber teilnahm. Gerade war der alte Nestor dabei, eines seiner Pferde von seinem Kampfwagen loszuschneiden, denn das eine Pferd lag tot am Boden, durch einen Pfeil des Paris getroffen, als nach einer gewissen Zeit Memnon, mit der ausgestreckten Lanze, Nestor gegenüberstand. Er merkte, dass sein Gegner ein alter Mann war, und ließ die Hand von ihm ab. Dieser erinnerte ihn zu sehr an seinen eigenen Vater Tithonos, der, ähnlich ergraut, in seiner Kammer ein tristes Dasein zubrachte. Nestor, der ebenfalls die Gefahr sah, rief seinen Sohn zu Hilfe, ohne die Gedanken des Memnon zu ahnen, ihn zu schonen. Und anstatt den Vater erschlug dann Memnon den Sohn des Nestor, Antilochos, welcher ihm tatsächlich zu Hilfe gerannt kam. Der Tod des Sohnes bedeutete die Rettung des alten Vaters, der sowieso geschont worden wäre.
Schon machten sich die Feinde über die Leiche des Antilochos her und zogen ihm die Rüstung vom Leibe ab, als auch Achilles auf die Rufe seines älteren Freundes Nestor aufmerksam wurde. Er näherte sich dem Kampfplatz und verjagte die trojanischen Feinde von der Leiche seines Freundes. Und jetzt begann der Kampf zwischen Memnon, dem Schwarzen, und Achilles, dem Rothaarigen. Sie kämpften mit dem Speer, mit dem Schwert und auch mit Steinen und Felsbrocken, die sie sich gegenseitig zuschleuderten. Auch vor diesem Kampf hatte Achilles seine Mutter Thetis gewarnt, aber Antilochos, der Sohn des alten Nestor, war sein bester Freund nach dem Tode des Patroklos gewesen, und er musste sich unbedingt an seinem Mörder rächen.
Stundenlang dauerte jetzt schon dieser Kampf der beiden Halbgötter, gespannt betrachteten auch die Götter vom Olymp diese Begegnung der zwei Göttersöhne. Doch Zeus wollte immer noch nicht das gewisse Zeichen geben, und jetzt waren alle sehr neugierig zu erfahren, was die Schicksalsgöttinnen, die Moiren, bestimmt hatten. Als Zeus aber der einen dunklen Parze zur Seite des dunklen Memnon und der helleren zur Seite des Achilles sich hinzustellen befahl, wussten sie alle Bescheid. Freudenschreie taten die einen, Leidesstaunen die anderen. Gleichzeitig mit diesem, für die Sterblichen unsichtbaren Spektakel, stieß Achilles seine Eschenlanze in die Brust des Memnon, so fest, dass sie am Rücken wieder heraustrat. Das göttliche Blut des Memnon tropfte auf den Boden. Er war sofort tot. An dieser Stelle soll später ein Strom entstanden sein, welcher jedes Jahr sein stinkendes, trübes Wasser zum Meer hinunterspült. Und gleichzeitig mit der Leiche des Memnon verschwanden auch alle Äthiopier vom Kampfplatz. Sie folgten ihrem toten König in die Finsternis, und die Trojaner zogen sich wieder mal zurück in ihre Stadt. Es war ausgerechnet die Mutter des Memnon, Eos, die nun diese große Finsternis über das Kampffeld schickte. Die Leiche des Memnon trugen dann die Winde, die Söhne der Eos, mit sich durch die Lüfte fort und setzten sie am Ufer des Flusses Aisepos ab. Oder nach einer anderen Version waren es die zwei Brüder der Eos, Hypnos und Thanatos, die die Leiche begleiteten.

***

Groß war die Trauer der Griechen am folgenden Tag, als sie ihren Freund Antilochos, den Sohn des weisen Nestor, bestatteten. Am meisten von allen Griechen bedauerte Achilles seinen Freund und grämte die Trojaner deswegen heftig. Keine Ruhe fand er in dieser Nacht, die letzte, die ihm auf der Erde gegönnt war. Denn die helle Parze, die ihm Zeus zur Seite gestellt hatte, hieß keineswegs die Rettung des Helden, sondern nur eine kleine Verzögerung seines Endes. Dieser Tag, der nun anbrach, war bestimmt worden, der letzte im Leben des Achilles zu sein. Zum letzten Mal sollte Achilles das liebliche Sonnenlicht erblicken. Denn ihm war vorausgesagt worden, dass er seinen größten Feind nicht länger als drei Tage überleben würde. Seine Zeit war nun gekommen. Er sollte jedoch in Ruhm und Würde einen Heldentod sterben. Das war der Wille des Zeus.
Deswegen stürmte Achilles am frühen Morgen des nächsten Tages allein in das Lager der Trojaner und schlug unzählige von ihnen tot. Hinter ihm und seinem Wagen machten sich auch die anderen Griechen zum Kampfe fertig, und in kürzester Zeit verfolgten sie die Trojaner und zwangen sie, wieder hinter ihren Toren zu verschwinden. Die schweren Flügel des großen Tores fielen zu, der Querbalken war von innen in Eile gesetzt worden. Schon machte sich Achilles an die Riesenangeln des Skäischen Tores heran. Er hatte den Riegel fast zur Seite geschoben und drohte, nun die Stadt des Priamos den Griechen zu überlassen. Das Schicksal wollte es aber nicht so, denn Achilles sollte vor dem Fall der Stadt Troja sterben.
Apollon, aus dem Olymp hoch oben, erblickte ihn jetzt gleich, und griff entschieden nach seinem Bogen und seinem Köcher mit den Pfeilen. Im Schutze einer dunklen Wolke eingehüllt, von den anderen Göttern unbemerkt, eilte er herunter, um seinen Lieblingen, den Trojanern, zu helfen. Er versuchte zuerst, Achilles davon abzubringen, in die Stadt zu stürmen, und warnte ihn, sich mit einem Unsterblichen nicht einzulassen. Achilles, der sofort die Stimme des Gottes erkannte, rief ihm zurück, er solle sich entfernen, denn selbst wenn er ein Unsterblicher sei, werde er ihn nicht schonen. Schon einmal habe er ihn mit einem Trug von der Verfolgung seines Feindes Hektor abgelenkt, schrie er ihm zu. Diesmal aber sei er entschlossen selbst mit ihm zu kämpfen. Das sagte er unbedacht der Worte seiner Mutter, die ihm ganz genau geweissagt hatte, dass Apollon ihn töten wird.
Achilles kehrte dann dem Gott den Rücken zu, sicher über die Wirkung seiner Worte. (Bild 28) So schoss Apollon aus dem Hinterhalt seinen giftigen Pfeil auf die einzige verwundbare Stelle des Körpers des Helden, die Ferse. Ein plötzlicher, starker und stechender Schmerz überkam ihn, denn wie wir wissen, ist diese Verwundung am Bein sehr schmerzhaft. Die Achillessehne ist seitdem sprichwörtlich geworden. Doch selbst mit dieser Verwundung gab Achilles den Kampf nicht auf und wollte weiterkämpfen. Der Schmerz hingegen zwang ihn zu einer kurzen Pause, er konnte nicht mehr weiterlaufen. Er erkannte zum Schluss die Wahrsagungen seiner Mutter, denn Apollon war von Anfang an sein Feind gewesen und auf der Seite der Frevler. Er war der Gott der Bogenschützen und der Krankheiten.
Ein zweiter Pfeil dann, diesmal von Paris aus der Schutzmauer hoch oben abgeschossen, traf ihn in die Brust. Mit einem dumpfen Geräusch sank Achilles mit seiner prächtigen, göttlichen Rüstung zu Boden und starb. Der größte Held der Griechen in diesem Krieg, DER GÖTTERSOHN UND HALBGOTT ACHILLEUS, WAR NUN TOT.
Also: Nicht die Wunde an der Ferse des Achilles war tödlich und diese nicht direkt die Ursache seines Todes, sondern diese Wunde hinderte den „Schnellfüßigen Renner“, wie ihn Homer in seiner „Ilias“ nannte, nur daran zu fliehen und sich retten zu können. Nur aus der Ferne konnte Achilles getötet werden, denn im Zweikampf war er unübertroffen. Erst der zweite Pfeil, von Paris in seine Brust geschossen, brachte ihm den Tod. Der eigentliche Mörder des Achilles war also Paris.

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