Sonstiges & Allerlei

3 + 4 un = 5 – Wenn Grandma erzählt

Doris Kleffner

3 + 4 un = 5 – Wenn Grandma erzählt

Roman

Leseprobe:

1. Kapitel

Wir schreiben das Jahr 2099, konkret den 31. Dezember 2099. Es ist der letzte Tag des Jahres, zu dem das Oberhaupt der Gemeinde geladen hat, um mit seinen Bürgern den Übergang in ein neues Jahrhundert zu feiern.

Während der Vorbereitungen zu dieser Silvesterveranstaltung in der kleinen Gemeinde Brokenfeld ruht der Blick des Beobachters auf zwei Personen, die auf der Gästeliste vermerkt sind. Da wird zum einen Herr Rosentau, ein unauffälliger Mensch, aufgeführt. Dieser fristet in der Abgeschiedenheit seiner Behausung ein Dasein als Romancier und Musikliebhaber.
Zum anderen wird Frau Modos erwähnt, eine extrovertierte Modeschöpferin älteren Jahrganges, die mit ihrer zuletzt gefertigten, außergewöhnlichen Kollektion Klimaschutzbekleidung mit integrierter Hülle im Rückenteil für die Aufbewahrung der benötigten Sauerstoffbehälter, aus dem Schattendasein heraustritt. Wer diese beiden letztendlich aus ihren Enklaven gelockt hat, bleibt ungewiss. Sind es spirituelle Wesen, die nach Verlassen eigener Schutzräume in das Meer der Zeit eintauchen?

Der Animus als Wesen des Männlichen liebt bedingungslos. Er möchte, dass durch seine Liebe das Weibliche aufblüht. Ihm gegenüber befindet sich Anima als Wesen des Weiblichen, das bereit ist, sich lieben zu lassen, jedoch als treibendes, animalisches Prinzip der Liebe.
Das Wissen um diese Zweiheit und die sich daraus ergebenden, teils zerstörerischen, teils schöpferischen Spannungen ist uralt.
Werden sie sich vertragen, wenn sie an einem Tisch platziert werden?

Auf den Tischen werden mehrere silbrig-matt glänzende Schalen mit kleinen, bunten Pillen bereitgestellt, die das Gourmet-Büfett ablösen. Zu den Schalen, Wasserkrügen und Gläsern gesellen sich silbern besprühte, elektrische Kerzen als ergänzende Tischdekoration. Die Vorbereitungen sind abgeschlossen, die Räumlichkeiten wirken einladend. Zur angegebenen Uhrzeit treffen nach und nach die Gäste ein.
Mittlerweile sind die prominenten Gäste begrüßt und vorgestellt worden. Danach erklärt der Gastgeber den weiteren Ablauf. Seine Worte: „In unserer Gemeinde laufen die Uhren anders. Das Essen steht auf den Tischen bereit. Parallel dazu werden die Honoratioren zu Wort kommen: Guten Appetit!“ zeigen, wie vertraut er mit seinen geladenen Gästen umgeht und dies ohne viel Gedöns kundtut. Schlichte Selbstverständlichkeit, die eine ungezwungene Atmosphäre schafft. Denn hervorgehoben wird: Die Uhren in Brokenfeld ticken anders. Wie schon gesagt! Sie ticken verantwortungsbewusst, vertraut, achtsam, friedfertig; so schien es!

Ob Nannes Mutter, die heute in diesem Umfeld mit ihrer Familie den neunzigsten Geburtstag begeht, die Aussagen bestätigen könnte? Ungewiss bleibt, ob es ihre Urgroßmutter, die hier in diesen Räumlichkeiten vor einhundert Jahren in ein neues Jahrtausend tanzte, so oder so ähnlich ausgedrückt hätte! Als Grandma starb, vertraute sie Nannes Mutter Dorothea einen Koffer an, in dem unter anderem ihr Tagebuch lag, bestückt mit Spickzetteln, die darauf warteten, als weitere Aufzeichnungen ins Tagebuch übernommen zu werden. Beim Durchblättern stieß die Urenkelin auf die bereits erwähnten Namen der beiden Anwesenden. Mit ihnen hatte die Verstorbene ihre Konflikte aufarbeiten können.

Wer bin ich, wenn nicht ich? Mit dieser Frage begab sich Maria auf den spirituellen Lebensweg, um nach der Antwort zu suchen – einer Antwort auf die Frage nach der eigenen Persönlichkeit. Sie vertraute ihrem Tagebuch am 31. Dezember 1999 an: „Ich bin in Brokenfeld endlich angekommen. An dem Tag, als ich neben Anima auch Animus in meinem Inneren erkannte, veränderte sich meine Welt zum Guten. Ich bin glücklich! Beschwingt werde ich in das neue Jahrtausend hineintanzen.“

„Träumt der Schmetterling, im Wachzustand Mensch zu sein? Oder … träumst du, Mensch? Du, der du bist die neue Generation der bilateralen Wesen, vereint in Urgroßmutter und Mutter. Wach auf!“


2. Kapitel

In der Diele klingelt das Telefon. Maria schreckt aus ihren Gedanken auf, ärgert sich über die außerplanmäßige Unterbrechung. Aufdringlich und schrill besteht das Telefon darauf, von Maria gehört zu werden. Genervt hebt sie den Hörer von der Station. Eine weibliche Stimme dringt an ihr Ohr: „Universitätsklinik! Bitte bleiben Sie dran, ich verbinde weiter!“
Maria erschreckt zutiefst, da sie gedanklich bei ihrem Sohn ist, der vor einem Jahr, am 21. März 2007, verstarb. Doch sie kann sich nicht lange bei dem Gedanken aufhalten, da ein Professor „Sowieso“ am Telefon ist, um mit ihr einen Termin in der Klinik zu vereinbaren. „Warum?“ Laut rauscht es in ihren Ohren, aber sie vernimmt seine Worte: „Ihr Sohn hatte vor der Chemobehandlung Samen einfrieren lassen und eine Bitte an unser Ärzteteam herangetragen. Ich möchte persönlich darüber mit Ihnen sprechen!“
Maria bricht in Tränen aus. Der Professor wartet geduldig, nennt dann, nachdem sie sich beruhigt hat, einen Termin nach den Ostertagen, den sie spontan bestätigt.

„Morgen ist Karfreitag, der 21. März 2008! Gott hat vor mehr als 2000 Jahren seinen Sohn für uns Menschen geopfert, und ich habe vor einem Jahr meinen Sohn verloren. Welche Ironie des Schicksals, dass der erste Jahrestag auf diesen besonderen Feiertag fällt“, flüstert Maria in die tote Leitung. Irritiert legt sie den Hörer auf!
„Welche Überraschung wird für mich bereitgehalten?“, fragt sie laut den Spiegel in der Diele.

Pünktlich zu dem vereinbarten Termin erscheint Maria bei dem Professor. Zwei ihr bekannte Ärzte sind auch anwesend, begrüßen sie mit Handschlag. Der Professor kommt gleich zur Sache. „Ihr Sohn hatte den Wunsch geäußert, als Samenspender berücksichtigt zu werden. Er wollte Ihnen ein Enkelkind schenken, was nach der Chemobehandlung nicht mehr möglich gewesen wäre. Wir haben seinem Wunsch entsprechend die Spermakonservierung zum Zweck einer späteren Insemination vorgenommen, die durch seinen Tod nicht erfolgen konnte. Da wir mit dem Einverständnis der Ethikkommission an einem neuartigen Forschungsprojekt in Verbindung mit ‚Social Freezing‘ arbeiten, besteht die Möglichkeit, mit dem eingefrorenen Samen ihres verstorbenen Sohnes und den eingefrorenen Eizellen einer Spenderin eine Zeugung im Reagenzglas einzuleiten. Das befruchtete Ei wird einer ausgewählten Leihmutter eingepflanzt. Ab der Geburt werden in regelmäßigen Abständen hier in der Klinik weitere Untersuchungen und Kontrollen durchgeführt und ausgewertet. Ein langer Zeitraum für ein Zukunftsmodell!“

Maria hört schweigend zu, schaut am Ende der Ausführungen den Professor mit großen Augen an. „Das ist möglich? Gibt es keine ethischen Grenzen? Welche Ansprüche kann die Leihmutter stellen? Wie sieht meine rechtliche Lage als Großmutter aus?“, sprudelt es plötzlich aus ihrem Mund heraus.
„Lassen Sie das Gehörte erst einmal sacken, schlafen Sie darüber. Einzelheiten werden wir besprechen, wenn Sie Ihre Balance wiedergefunden und das Für und Wider abgewogen haben“, unterbricht einer der anwesenden Ärzte freundlich Marias Redeschwall.
Der Professor reicht Maria die Hand und geht aus dem Raum mit der Frage: „Sie melden sich wieder bei uns?“

Die nächsten Tage fühlt sich Maria wie unter einem Vakuum, kann keinen klaren Gedanken fassen. Viel Zeit verbringt sie in der Meditation, in der wortlosen Kontemplation, die sie nährt und aufbaut. Auf der einen Seite steht die Frage im Raum, ob sie als Handlanger die biologische Manipulation mit ihrem Gewissen vereinbaren kann.
„Darf der Mensch Gott spielen?“
Auf der anderen Seite drängt der beglückende Gedanke: „Du erhältst die einmalige Chance, ein Kind deines Sohnes aufwachsen sehen zu dürfen. So sieht Auferstehung aus!“
Am Ende weiß sie, dass sie ihr Einverständnis nur geben wird, wenn ihr in letzter Konsequenz das Kind rechtlich zugesprochen wird. Mit diesem Entschluss gewappnet sucht sie die Uniklinik auf und äußert sich dementsprechend gegenüber den Gesprächspartnern.

„Die rechtliche Absicherung ist Voraussetzung für Ihre Einwilligung? Bitte lesen Sie sich den Vertrag sorgfältig durch, daraus geht hervor, wem das Kind zugesprochen wird.“
Einer der anwesenden Ärzte reicht ihr die Erklärung. Nun tritt Stille ein, die nur durch das leise Klirren der Kaffeetassen unterbrochen wird.
Maria hebt nach einiger Zeit den Kopf und sagt: „Es klingt gut, aber die medizinischen Fachausdrücke sind für mich ein Buch mit sieben Siegeln. Ich verstehe nicht, was eine DNA-Replikation oder eine DNA-Polymerase sind. Verstanden habe ich, dass die DNA das genetische Material bildet und Replikase das Enzym zur Reduplikation und diese eine Verdoppelung ist.“
Der Professor lächelt und bestätigt, dass die Fachausdrücke für Laien sehr unverständlich klingen. „Die DNA ist vorwiegend im Zellkern und dort in den Chromosomen lokalisiert, ist somit Träger der genetischen Informationen und besitzt die Fähigkeit zur Verdoppelung. Wir verstehen darunter ein Reparatursystem. Indem wir in die Zelle ein Enzym spritzen, können wir schon im Vorfeld Krankheitserreger bekämpfen und dafür sorgen, dass eine Fehlgeburt vermieden wird. Polymerase ist das Enzym, welches als Baustein dient. Es passiert nichts, was dem Kind schadet! Die Ethik-Kommission hält ein wachsames Auge auf genehmigte Forschungsprojekte. Offen ist noch, wer als Leihmutter infrage kommt, da bestimmte Voraussetzungen erfüllt werden müssen.“
Wieder legt sich ein Schweigen auf die Anwesenden.

Maria unterbricht nach geraumer Zeit die Stille, indem sie ihre Bereitschaft erklärt, den Vertrag zu unterschreiben.
„Ich weiß nicht, ob ich es jemals verstehen werde. Aber wenn ich mich darauf einlasse, muss ich auch großes Vertrauen in Sie als ausführende Personen setzen. Während der Krankenhauszeit meines Sohnes hatte ich ein gutes Gefühl in Bezug auf Behandlung, Pflege und Versorgung. Dass keine Heilung mehr möglich war, lag nicht in Ihren Händen. Warum sollte man Angst vor dem Tod haben? Die asiatische Philosophie spricht davon, dass, solange wir sind, der Tod nicht da ist und sobald er da ist, sind wir nicht mehr. Ich glaube, mein Sohn hatte keine Angst vor dem Tod. Er hatte noch die Kraft, mich zu trösten. Dass der Tod jetzt einen Neuanfang bereithält, ist doch ein Wunder.“ Schweigen.
„Erfülle ich eventuell die Voraussetzungen?“ Schweigen.
Maria ist entsetzt, dass ihr Mund diese schicksalhafte Frage zulässt. Irgendwo hatte sie gelesen, dass immer die Fragenden die Gefährlichsten sind. Es ist nicht gefährlich, zu antworten. Aber eine einzige Frage kann mehr Zunder enthalten, als tausend Antworten.


3. Kapitel

In Maria ist es still und leer wie in ihrer Wohnung, die keine anderen Bewohner beheimatet, als nur sie allein. Noch! Die Ruhe tut ihr gut. Hände finden die vernachlässigte Kreativität wieder, sie hantieren mit Pinsel, Spachtel und Farben. Bild um Bild entsteht, der Grundton ist rot. Noch weiß sie nicht, was das Gemalte aussagen möchte, legt die Blätter beiseite.
Buchstaben, Silben, Worte finden den Weg auf das Papier. Mehr als zweitausend Jahre altes Wissen, hervorgekramt aus antiquierten Büchern eines jüdischen Philosophen, unterstützt sie bei der Formulierung von Texten. Ablenkung?

Wenn es in ihr nicht still und leer ist, weil die Gedanken um das für sie wichtigste Thema kreisen, tauchen automatisch auch Fragen auf, die sie nicht zulassen will. Vielleicht helfen die Geschichten aus uralter Zeit, sich dem Gedankenfluss doch hinzugeben, um danach wieder still und leer werden zu können. Hat sie richtig entschieden, weil sie sich für die Weiterführung der Erbfolge entschieden hat?
Maria richtet ihre Haare vor dem Spiegel und flüstert: „Alles wird gut!“
Erschrockene Augen blicken zurück: „Gut?“

Nachdenklich lässt sie sich auf dem Sofa nieder und nimmt eins der Bücher zur Hand. Gedankenlos blättert sie die Seiten um. Plötzlich bleibt ihr Blick an einem Abschnitt hängen:

Vom Schöpfer kann nur Gutes kommen. Durch das Zögern als Vater, den ihm gleichenden Menschen zu erschaffen, und der Hingabe als liebende Mutter, diesen Menschen zu gebären, gibt Gott der Welt die Zeit, die Dauer.

Das Zögern bringt auch die Gefühle und die Gegensätze in die Schöpfung hinein. Der Liebende kann zögern, überrascht dann durch seine unbedingte Hingabe. Die Geliebte kann enttäuschen, überrascht dann durch ihre restlose Hingabe. So bringt die Materie durch Liebe die Form alles Erscheinenden zur Welt.
Es braucht große Hingabe, um als Form alles Erscheinenden in die Welt durchzudringen. Und doch erscheint die Erstgeburt aus dem Jenseits, aus dem Nichts. Es ist die Grenze zwischen jener Welt und der zeitlichen Welt, die dieses Erste durchlässt; das für den Menschen Unsichtbare wird zu einem schüchtern sich zeigenden Tropfen. So erfährt der Mensch diese erste Manifestation aus dem Jenseits, die erste Sichtbarwerdung.

„Was ist das denn?“ Maria reißt ihre Augen auf, blickt konsterniert auf das Gedruckte.
„Erlaubt sich das Schicksal einen Scherz mit mir? Wird mein Verstand außer Kraft gesetzt?“
Maria findet keine Erklärung dafür, dass sie gerade dieses Buch gegriffen, exakt diesen Abschnitt aufgeschlagen hat. Doch sie hat Feuer gefangen, will nun wissen, was es mit dem Tropfen auf sich hat. Also liest sie weiter:

Ja, ein Tropfen. Aus diesem Tropfen entsteht der Mensch. Es ist der Samentropfen, ein unsichtbares Pünktchen. Es ist der Blutstropfen, es ist die Träne.

Schüchtern zeigt sich der Anfang, ein Strichlein aus dem Nichts, es wächst heran, nimmt Raum ein, doch bald endet es erneut in einem Strichlein und verschwindet.
Es ist diese Form des Tropfens, die Ausgangspunkt für alle Buchstaben wird. Der Punkt als Ausgangspunkt für alle Buchstaben des Lebens, deren Worte der Mensch an den eigenen geistigen Fühlsinn bindet. Oder vom Geheimnis der Liebe abtrennt, da der Mensch diese Liebe nicht fassen kann.

Gewiss, die Liebe ist das Fundament der Fundamente, sie ist das Geheimnis der Geheimnisse.
Liegt es nicht an Gottes unfasslicher Liebe, dass das dem Menschen geschenkte Fassungsvermögen zerbrechen muss an diesem unbegreiflichen Strom der Liebe?
Es sieht fast so aus, als ob diese Liebe ein solches Zerbrechen schon von Anfang an mit in Kauf genommen hätte. Der Mensch zerbricht in die vielen Generationen.
Das Schweigen zerbricht in die vielen Laute, in die vielen Worte.

Das Kind im Menschen trägt das Wissen um die Schmerzen und die Verletzungen verwundbaren Lebens in sich. Es erkennt die Welt mit den Buchstaben des Lebens, mit den Zeichen aus dem Nichts, die jetzt in der Welt ihre Geschichte erzählen.


4. Kapitel

Auf dem Universitäts-Klinikgelände hat Maria ein möbliertes Zimmer als Zweitwohnsitz angemietet. Sie möchte keine der Untersuchungen, Behandlungen und Meetings versäumen, scheut die stark befahrene Stadtautobahn, auf der man regelmäßig im Stau steht. So bleibt sie schon mal mehrere Tage auf dem Krankenhausgelände. Das Buch und ihr Meditationsbänkchen hat sie mitgenommen. In den Mußestunden liest sie das Geschriebene immer wieder zwischendurch, lässt es Tropfen für Tropfen in ihr Herz sacken. Maria hatte nach dem entscheidenden Gespräch zu Hause in ihrem Klinischen Wörterbuch nachgesehen und fand unter dem Begriff „DNA“ den Hinweis, dass sie meist als Doppelstrang vorliegt, bestehend aus zwei Polynukleotidketten entgegengesetzter Polarität, die durch Basenpaarung zwischen komplementären Basen die Konformation einer Doppelhelix annehmen. Die Basenfolge in einen Strang determiniert damit vollständig die des komplementären Strangs. Unter dem Begriff „Helix“ steht: Windung f. Ohrleiste, äußerer Rand der Ohrmuschel. In dem gelesenen Text werden die Gegensätze angesprochen, die auch im Zellkern eines Menschen enthalten sind und Einfluss auf die Erbanlagen nehmen. Es wird aber auch der sich windende Doppelstrang erwähnt.

Platon zufolge ist der Mensch ein zweigeteiltes Wesen, bestehend aus dem Körper, der fließt, der mit der Sinnenwelt verbunden ist sowie der unsterblichen Seele, in der die Vernunft wohnt. Auch wenn der Mensch seine fünf Sinne beisammenhat, bleibt die Erkenntnis ungenau, denn nichts in der Sinnenwelt hat Bestand. Absolut alles, was der Sinnenwelt angehört, besteht aus einem Material, an dem die Zeit zehrt.
Da die Seele nicht materiell ist, hat sie die Möglichkeit, ihren Blick in die Ideenwelt zu werfen, in der alles nach einer zeitlosen Form gebildet ist, die ewig und unveränderlich bleibt.
Maria stellt in ihrer jetzigen Verfassung die Philosophie Platons infrage: „Fehlt nicht beim zweigeteilten Wesen das eine, alles Entscheidende, die Liebe? Der Mensch hat doch auch einen übersinnlichen Geist? Wurde der Spiritus, der Hauch, der Lebensatem nicht durch die Liebe in die Welt getragen? Vielleicht hat Platon das Phänomen der Liebe nicht erlebt, um hätte sagen zu können:
Die Liebe raubt mir den Verstand! Dual ist die Zweizahl! Wenn ich auf meinem Bänkchen sitze und in die übersinnliche Welt eintauche, dann löst sich die Dualität auf, wird ‚non-dual‘. Ein Zustand, der mir die Sehnsucht nach dem Licht, nach der eigenen Identität möglich macht“, stellt Maria erstaunt fest.

Beide Themen sind viel zu komplex, als dass Maria alle Einzelheiten hätte verstehen können, obwohl sie diese hinterfragt. So weiß sie folglich nur, dass sie nichts weiß. Deshalb vertraut sie darauf, dass der Schöpfer trotzdem seine Hand über das Forschungsprojekt hält, obwohl die Liebe fehlt. Aber die Befruchtung im Reagenzglas mit anschließendem Embryonentransfer gilt als medizinisch und ethisch vertretbar, wenn die von der Ärztekammer erlassenen Richtlinien befolgt werden.

Maria spürt, dass sie zu dem Ärzte- und Pflegeteam ein vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut hat. Mit ihnen kann sie ihre Zweifel, die aufkommenden Ängste, aber auch das untrügliche Gespür von Glück und Freude teilen. Sie fühlt sich gut aufgehoben, fühlt sich verstanden. Die Gespräche beziehen jetzt mehr und mehr die Bildung des neuen Menschen mit ein, und so kann sie sich auf den bald anstehenden Geburtstermin freuen. Ein kleines Mädchen wird das Licht der Welt erblicken; Grandma hat schon den Namen Dorothea „das Gottesgeschenk“ festgelegt.


5. Kapitel

Der Kalender hält sein letztes Blatt bereit, den 31. Dezember 2009. Die Uhr hat den Termin 23.45 Uhr für die Eintragung in der Geburtendatei festgehalten, nachdem der erste Schrei der kleinen Dorothea ertönte. Die Erstuntersuchung bescheinigt die Gesundheit des Kindes.
Danach wird mir das kleine Bündel ausgehändigt.

Zärtlichkeit überflutet mein Herz, als das zarte Köpfchen sich an meine Schulter lehnt. Die weiche, warme Last drückt gegen meine Brust. Ich rücke das kleine Menschlein zurecht, um in die Augen blicken zu können. Groß, dunkel und geheimnisvoll schauen sie mich an, die Augen meines Sohnes in dem Neugeborenen. Staunend betrachte ich dieses Gesichtchen, bis dem Engel die Augen zufallen. „Ich bin glücklich, dass du da bist, kleine Dorothea! Gemeinsam dürfen wir in ein neues Jahr gehen. Dieses und alle, die noch kommen werden wie einen neuen Raum durchschreiten, ohne uns den geltenden Geschwindigkeitsregeln anpassen zu müssen.“

Vielleicht sollte ich meinen Wunsch ab dem neuen Jahr verdeutlichen. Meinen Sohn habe ich diesem Geschwindigkeitswahn opfern müssen. Von Kindesbeinen an wurde ich, oder besser gesagt, wurden wir alle erzogen, geschult, getrimmt, um uns den geltenden Geschwindigkeitsregeln anzupassen, Abschied zu nehmen von der natürlichen Geschwindigkeit unserer Person. Ein Formungs- und Unterwerfungsprozess unseres Erziehungssystems, über den nie öffentlich diskutiert wurde.
Doch für das kleine Menschenwesen ein nicht weniger gewaltsam empfundener Prozess, der sich als roter Faden durch die Kindergarten- und Schulzeit, durch die Ausbildung und Berufsjahre ziehen wird. Hetzen, funktionieren, ja nicht darüber nachdenken, dass auch die Freizeit nicht davon ausgenommen wird. Sie ist als Negativform ins gleiche System integriert und reproduziert die Zwänge auf ihre Weise. So sehr hat man uns die eigene Zeit ausgetrieben – die urtümliche Langsamkeit wie Schnelligkeit – dass es uns angst und bange wird, wenn wir ihr plötzlich wiederbegegnen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 450
ISBN: 978-3-95840-341-3
Erscheinungsdatum: 19.04.2017
EUR 11,90
EUR 7,99

Krampus & Nikolo