Sinnesrauschen

Sinnesrauschen

Yanne Schillberg


EUR 14,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 268
ISBN: 978-3-99131-518-6
Erscheinungsdatum: 12.09.2022
Die roh und ungeschliffen wirkende Lebenswelt der heranwachsenden Hauptfigur, die sich mit dem Ich und der Umwelt, ihrer Verbindung zur Geisterwelt jenseits des Erfassbaren sowie der ständigen Begleiterscheinung erwachender Sexualität konfrontiert sieht.
Vorgeschichte
als einem die Welt noch erklärt wurde



Es war ein Sonntag und noch früh. Erst wenige Stunden zuvor war ihr Mann zuerst neben sie ins Bett gefallen und eine kurze Weile später in komatösen Schlaf, der nach wie vor unbehelligt anhielt. Einzig seine Morgenlatte stand pünktlich um acht Uhr stramm. Erfrischt von ihrem Acht-Stunden-Gesundheitsschlaf, schnappte Marlis sich das zum Bersten geladene Glied, behutsam, damit es nicht zu früh kam, schob es, ihrem ersten Trieb folgend, in ihre Vagina und ritt dem Tag entgegen. Lonely Ranger. Der Sonne entgegen, die Hüfte schwingend, den zweiten Trieb, ihre Morgentoilette verrichten zu müssen, unterdrückt. Weder allzu stark noch allzu lange musste sie anhalten, der Akt minderte den Drang und war nach wenigen Stößen vorbei. Kurz, aber heftig. Die Eruption mächtig, die Ejakulation entsprechend. Klatschnass stieg Marlis ab, hinunter vom Bett in direkter Ziellinie zum Klo. Spermadurchtränkt strudelte ihr Morgenurin in die ewige Kanalisation. Sie zog ab, stand auf und verzichtete darauf, sich einen Slip anzuziehen. Sie schlüpfte in ihr blaues Sonntagskleid, nahm einen Kaffee mit Kondensmilch zu sich und besuchte die Sonntagsmesse. Ein Bruchteil des Spermas floss an ihren Beinen hinunter und verklebte, andere Spermien fanden erfolgreich ihren Weg nach oben.

9 ½ Monate später, an einem heißen Sommertag, schob sich Marlis mühsam zwischen Rüben- und Weizenfelder umher. Sie keuchte schwer. Der Weizen stand schon in voller Ähre, strohblond sog er die Mittagshitze in sich auf, die flirrend über windstille Felder glitt. Marlis hatte einen Strauß Lupinen und Klatschmohn gepflückt, wohl wissend, dass die Blumen am späten Abend in ihrer Vase vertrocknen würden. Dennoch, sie zog die schweißtreibende Aufgabe, an den Wegesrändern staubiger Feldwege Blumen zu pflücken, einem weiteren zähen Tag auf dem Sofa vor. Sie hatte das stundenlange Dösen mit der Ungewissheit einer längst überfälligen Mutter nicht mehr ertragen können. Es konnte jederzeit soweit sein, und Marlis hoffte inbrünstig, dass mit Verblühen dieses Straußes ihr Kind nun endlich das derzeit durchaus sonnige Licht der Welt erblicken würde.

Die Sträuße verblühten. Wieder und wieder. Es wurde schwül, der angedachte Regen blieb aus. Marlis spürte, dass ab und zu das Leben in ihrem stetig wachsenden Bauch tobte, die Wehen allerdings blieben ihr verwehrt. So begann sie, ihren Zustand froher Hoffnung als Dauerzustand zu akzeptieren und ließ von da an ihre erste Tochter, die sich offensichtlich dort, wo sie war, sehr wohl fühlte, vollends am irdischen Leben teilnehmen. Marlis räumte dem Baby in ihrem Bauch ein Bleiberecht ein. Sie entspannte sich.
Eine Taufzeremonie! Das war Marlis erster Gedanke, als sie am nächsten Morgen voller Vorfreude auf einen neuen, gemeinsamen Tag mit ihrem Kind erwachte. So konnte es nicht weitergehen, die Kleine brauchte einen Namen, sagte sich Marlis und ließ ein wohltemperiertes Schaumbad mit Zusätzen von frischem Thymian, Rosmarin und Meersalz ein. Das ganze Badezimmer duftete bereits nach mediterranem Sommer, als Marlis ihren schweren Körper eintauchte. Die Wanne schwappte über, und Rinnsale von salzigem Meerwasser ergossen sich über den gelb gefliesten Boden. Marlis kam sich vor wie ein Wal in den Gewässern des weiten Ozeans, als sie ihren riesengroßen Bauch immer wieder und wieder mit Wasser benetzte und sprach: „Meine liebe kleine Tochter, hiermit taufe ich dich auf den Namen Julia Cäcilia Helene. Julia, weil du göttlich sein wirst, und Cäcilia und Helene, damit du deine Großmütter niemals vergisst.“ Sprach’ s, stieg aus der Wanne und rutschte mit einem einzigen Schwung über die salzigen Bächlein quer durch das feuchte Badezimmer.

Julia war zwar nicht draußen, aber da! Ein mächtiges Ruckeln schleuderte sie von einer Wand zur anderen, weich prallte sie ab, als sie ihre Mutter beruhigend auf sie einreden hörte: „Mein Liebelein, keine Bange, es ist noch immer alles gut gegangen, jetzt brauchen wir erst einmal ein gutes Frühstück auf diesen Schreck!“ Julia verkroch sich daraufhin in eine obere Bauchfalte mit der Intention, dort noch so lange wie nur möglich zu verweilen und dem eigentümlichen Drang nach unten zu widerstehen. Sie leistete Widerstand, und das schon eine ganze Weile. Heute war ein neuer Tag, es war ein guter Tag, der Tag drehte sich um sie: Zum Frühstück gab es einen Extra-Schuss Milch in den Kaffee, und sie machte ihre erste Erfahrung mit der Polizei, als ihr die Kinderbeilage des Stadtanzeigers vorgelesen wurde: „Oskar, der freundliche Polizist.“ Und nachdem Marlis mit ihrer restlichen Tageszeitung fertig war, versicherte sie, Julia sei ein braves Kind, das ihr Ruhe zum Lesen ließ, und als Belohnung würde sie ihr nun bei einem Verdauungsspaziergang ein paar schöne Geschichten aus der Zeitung erzählen. So berichtete Marlis zwischen Strommasten und Generatoren, Pusteblumen und Klatschmohn von einem fernen Land, wo die Kinder immer schwarze Haare und Schlitzaugen haben und es viel mehr Wasser und Grün gäbe als hier auf dem staubigen Trampelpfad. Eines der Kinder, ein kleines Mädchen, schmückte bunte Ansichtskarten mit ihren strahlend weißen Augäpfeln und Zähnen. Auf der Karte stünde „UNICEF“, weil die Kinder in Vietnam lebten, wo sie im azurblauen Ozean plantschen konnten. Julia plantschte mit. Währenddessen brütete die Mittagshitze ihre Ähren aus. Während Julia altersgerecht über weltliches Geschehen aufgeklärt wurde, spazierten sie noch eine Weile vorbei an einem Zuckerrübenfeld, bis hin zu den Sonnenblumen, von denen eine sie nach Hause begleiten sollte. Sie machten kehrt und ließen mit Eintritt zur Neubausiedlung die Abgeschiedenheit ländlicher Weite hinter sich. Als sie an einer Litfasssäule vorbeikamen, zeigte Marlis auf viele Gesichter, die auf einem Plakat rot eingerahmt die Säule verzierten. Eines davon war fast vollständig unter einem zotteligen Tuch versteckt, ein Rauschebart blitzte hervor. Julia erfuhr, dass es dort, wo sich dieser Mann gerade aufhielte, noch heißer und mindestens genauso staubig wie hier sei. Er wäre in der Gegend, wo Jesus herkam. Von Jesus hatte Julia schon gehört, er war so ähnlich wie Oskar, der freundliche Polizist, und half, damals zumindest, den Menschen, die brav waren, aus der Patsche. Jesus trug auch ein solches Tuch um den Kopf, wie der Mann auf dem Plakat, der gerade in Palästina lernte, wie man teilte. So wie Jesus das Brot und den Fisch und der heilige St. Martin auf seinem weißen Pferd seinen Mantel. Bei diesen Neuigkeiten fragte sich Julia, wieso die Gesichter der schwarz-weißen Menschen so grimmig dreinschauten, aber das würde sie schon irgendwann erzählt bekommen. Bestimmt, weil sie die Hitze satthatten.

Auch der nächste Tag brachte weder den ersehnten Wolkenbruch noch Julia auf die Welt. Es schien an der Zeit, dass Julia ihrem Vater nähergebracht werden sollte. Nicht, dass sie ihn noch nicht kennengelernt hatte: Immer wenn er nach Hause kam, und das war nicht allzu oft, schwieg er, wenn er nicht gerade sang. Sein Gesang war laut und tönte durch das ganze Haus, und wenn er ihr nah war, konnte Julia die Schwingungen der Töne, die sein eindringlicher Tenor erzeugte, spüren. Ob sie wollte oder nicht, den Liedern ihres Vaters konnte Julia nicht ausweichen! Es waren Lieder, die sie nicht verstand. Sie nahm sich vor, ihren Vater als Erstes, sobald sie die Möglichkeit dazu hätte, nach seinen Liedern zu fragen. Sie verstand nur so viel, dass es um Männer ging, die als Moorsoldaten mit dem Spaten durchs Moor ziehen, um Männer, denen das Bier in ihrer Kneipe nicht mehr schmeckt, die heute hier, morgen dort sind und kaum da, fort sind oder sich im Wald verstecken, weil sie den Hund des Tankerkönigs auf dem Gewissen haben.
„Heute besuchen wir deinen Vater, dann können wir ihn bewundern und anfeuern!“ Marlis packte das nötige Kleingeld sowie ein paar Kekse und Saft ein. Würde Julia ihren Vater heute zu einem Gesangsauftritt treffen? Der Weg führte sie vorbei an weitläufigen Feldern auf dem heißen Asphalt, eine leichte Brise kam nur durch den Fahrtwind auf, da Marlis sich für ihr Fahrrad entschieden hatte. Mühsam kamen sie voran, wobei der gigantische Bauch beinahe ans Lenkrad stieß. Es machte es nicht leichter, dass heute Piloten in ihren Starfightern im nahen Himmel Tieffliegen übten. Die Erschütterung erhöhter Dezibel drang vom Kopf bis in den Bauch. So mussten aufklärende Geschichtenerzählungen leider ausfallen, man war froh, das Ziel überhaupt zu erreichen.
In einer seichten Bucht hinter wenigen Pappeln tat sich ein grünes Feld auf, vereinzelt standen Gruppen von Menschen um das Feld herum. Gesungen wurde auch, allerdings wenig melodisch, es war eher ein rhythmisches Grölen, das den Hügel hinaufschallte. „Rudi vor, noch ein Tor! Rudi vor, noch ein Tor!“ Als sie den Rand des Spielfelds erreichten, wurden sie überschwänglich von einem athletischen Kerl begrüßt, der so nah kam, dass er an den Bauch stieß: „Na, wie geht es dir und der Kleinen? Dein Rudi macht seinem Ruf als Torschützenkönig wieder mal alle Ehre. In der ersten Halbzeit hat er einen seiner berühmt berüchtigten Kopfbälle geschossen, der hat gesessen. Aber noch haben wir nicht gewonnen, schön, dass du jetzt da bist, kannst das Maskottchen spielen!“ „Ich bin das Maskottchen und bringe mit meinem kleinen Maskottinchen im Bauch gleich doppeltes Glück!“ „Na, dann schauen wir mal, will’s dir gerne glauben!“ Grinsend widmete der Mann sich wieder ganz dem laufenden Spiel. Trotz oder gerade wegen des etwas ruppigen Klangs seiner Worte empfand Julia ein wohlig entspanntes Gefühl, ihr kam die sonore Stimme vertraut vor, als ihre Mutter sie aufklärte: „Das, mein Schatz, ist Jupp. Er ist unser Nachbar und der Mitspieler deines Vaters, mit dem er am besten lachen und Bier trinken kann. Jupp hat sich beim letzten Spiel einen Bänderriss zugezogen und kann deshalb heute nicht mitspielen. Aber wir sind hier, damit du deinen Vater in Aktion erlebst und um ihn anzufeuern!“ Sprach’ s und machte erst einmal kehrt in Richtung Suppenkanone. Es gab zwei Eintöpfe zur Auswahl, Erbsensuppe oder Erbsensuppe mit Einlage. Marlis entschied sich für Erbsensuppe mit Einlage. Gerade als die klebrige grüne Masse sich im Plastiknapf verteilte, ging ein Raunen durch die Zuschauer, und dann zerschnitten Pfiffe die Luft. Neugierig wand sich Marlis mit einem Ruck Richtung Feld, wobei ein üppiger Teil der Mahlzeit auf dem Bauch landete. Ein grüner Teich breitete sich auf ihrem weißen Blümchensommerkleid aus, auf dem auch die Einlage kleben blieb und langsam am säumenden Ufer des Teiches entlangrutschte. Julia wurde es warm, fast unangenehm heiß, und zu gerne wäre sie selber auf der Einlage gerutscht, hinabgesaust, um am Ende ein Stückchen abzubeißen. Vertieft in die Vorstellung eines rutschigen Ritts auf der Riesenbockwurst, bemerkte sie gar nicht, dass sie ihrem Ziel Stück für Stück näherkam und in Richtung Ausgang strampelte, bis sie von einem Sog erfasst wurde, aber da war es schon zu spät für eine Umkehr. Julia wehrte sich mit Händen und Füßen, gleichzeitig verspürte sie jedoch Vergnügen bei ihrer Rutschpartie, gegen die jegliche Abwehr erfolglos erschien. Also ließ sie sich treiben, bis es auf einmal ungemütlich eng wurde. Da wünschte sie sich nichts sehnlicher, als zurück. Sie glaubte, ihr Kopf müsse in tausend Teile zerspringen, Luft bekam sie auch nicht mehr. Mit einmal war alles vorbei. Innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde merkte sie gar nichts mehr, bis sie von ihrem eigenen Schrei erschrak und erwachte. Der Schreck ließ ihre Augen aufgehen. Aber nur kurz, denn es war unerträglich hell, und mit einem Blinzeln erhaschte sie einen Blick auf die Bockwurst, unter grünem Brei begraben. Vorerst hatte sie genug gesehen, und durch die ganze Aufregung war ihr der Appetit gründlich vergangen. Sie wollte wieder weg, zurück, ob einschlafen half? Sie versuchte es, doch es gelang ihr nicht: „Tor, Tor, Tor!“, dröhnte es über den Platz. Und dann bekam sich auch noch einen ordentlichen Klaps auf den Hintern.

Die kräftige Suppenverkäuferin entpuppte sich als erfahrene Landwirtin und Hebamme. Einerseits machte es für sie keinen Unterschied, ob sie ein kleines Mädchen, ein Ferkel oder ein Kalb in die Welt holte, andererseits empfand sie schon eine gewisse Freude darüber, dass jenes kleine frische Lebewesen nicht im Laufe seines Lebens als Einlage ihrer zünftigen Eintöpfe enden würde. Die ganze Angelegenheit ging ruck, zuck, kaum, dass die Wehen eingesetzt hatten, war das Kind auch schon zur Welt gebracht. Die resolute Bauersfrau griff nach ihrem Messer, mit dem sie ansonsten die Würstchen zerteilte, schnitt souverän die Nabelschnur durch und versetzte dem Winzling einen ordentlichen Klaps. Sie legte die Kleine sanft in die Arme ihrer Mutter, der sie zuvor ein Bett zur raschen Niederkunft aus ihrer wuchtigen Jacke und einer Plane, die für gewöhnlich zum Abdecken ihrer Suppenkanone diente, hergerichtet hatte. Friedlich lagen Mutter und Tochter im Schatten rauschender Pappeln. Erhobenen Hauptes machte sie sich auf den Weg in Richtung Spielfeld, um die frohe Botschaft zu verkünden. Sie beobachtete Rudi, der Blicke in Richtung seines Kameraden Jupps zum Spielfeldrand warf, so, als würde es ihn irritieren, dass seine Frau nicht wieder aufgetaucht war, um ihrer Funktion als persönliches Maskottchen nachzukommen. Dennoch: Er hatte durch einen geschickten Fallrückzieher seiner Mannschaft zum nahen Sieg verholfen. Die Mannschaft führte inzwischen 2:0 und hatte nur noch wenige Minuten zu spielen. Abpfiff! Endlich konnte die Bauersfrau ihre Mission zu Ende bringen und die Familienzusammenführung vollziehen.

Zwar hatte Julia sich noch nicht von ihrem Schrecken erholt, doch döste sie, von der Anstrengung noch ganz mitgenommen, in den Armen ihrer Mutter, was die Situation für sie erträglicher gestaltete. Eigentlich wünschte sie sich zurück dahin, woher sie gekommen war. Das ließ sich nicht einrichten, und so musste sie sich mit dem Leben arrangieren. Auf einmal spürte sie, dass ihr jemand über den Handrücken strich und sie willkommen hieß. Sie erkannte die Stimme ihres Vaters, und ihre Neugier siegte. Sie zwang sich, kurz ihre Augen zu öffnen, um einen Blick auf ihren Erzeuger zu haschen. Ziemlich groß erschien er ihr, doch das vermochte sie noch nicht zu beurteilen, denn alles um sie herum war einfach riesig. Eigentlich ein Grund mehr, gar nicht erst hinzuschauen. Sein markantes Gesicht wurde von dunklen dichten Haaren umsäumt, aus dem funkelnde braune Augen blickten. Seine Nase stach hervor und warf einen kleinen Schatten auf seine schmale Oberlippe, die einen ebenso schmalen Schnauzbart trug. Er schien sich zu freuen, denn seine Gesichtszüge waren zu einem Dauerlächeln entgleist. So viel stand fest, ob es nun an ihr oder dem gewonnenen Spiel lag, konnte Julia nicht beurteilen. Das Gesicht ihrer Mutter glich einer wellenförmigen Hügellandschaft, weich umhüllte sie eine Aura erschöpfter Glückseligkeit. Alle Formen waren geschwungen, rund und gebogen: ihre großen grünen Augen mit den sich Richtung Himmel biegenden, dichten schwarzen Wimpern, die beim Aufschlag an halbmondförmige Brauen stießen, ihre von wenigen Sommersprossen getupfte Stupsnase zwischen gewölbten Wangenknochen und ihre vollen, flügelförmigen Lippen, die beim Lächeln kleine Grübchen in ihre Wangen formten.

Behutsam wurde Julia nach Hause gebracht. Es war zwar nicht das, was sie sich unter einem Zuhause vorstellte, denn da kam sie gerade her, und dorthin gab es kein Zurück, jedoch, übel war es nicht. Sie erwachte in einem kleinen Bett, und kaum, dass sie einen Laut von sich gab, war ihre Mutter zur Stelle. So ließ es sich aushalten. Einzig die Bewegungsunfähigkeit machte ihr zu schaffen. Während sie in ihrem Ursprungs-Zuhause herangewachsen war, wurde es dort zwar täglich enger, bis sie sich zum Schluss nicht einmal mehr hatte umdrehen können, doch ständig war sie in Bewegung. Es ging von einem Ort zum anderen, was ihr Wohlbehagen verursacht hatte. Nun fühlte sie sich wie abgelegt und konnte an ihrem Zustand nichts ändern. Natürlich wurde sie hin und wieder per Kinderwagen chauffiert, doch ohne ständigen Mutterkontakt fehlte ihr der bisherige Tagesablauf, in Bewegung zu sein. Als sie wieder einmal nicht einschlafen konnte, brüllte sie und wurde überraschenderweise nachhaltig verstanden: Mal wurde sie auf dem Arm hin- und hergetragen, mal einfach ins Auto verfrachtet und gab Ruhe.
Sie lernte immer mehr Menschen kennen, die ihr meist wohlgesonnen waren. Nach ihrem Mittagsschlaf empfing sie Besucher, die sich neugierig um ihr Bett versammelten, manchmal lächelte sie versonnen, was dazu führte, dass sie als Wonneproppen bezeichnet wurde. Fußballkumpel Jupp kannte sie bereits, er hatte seine Frau Hilde im Schlepptau. Hildes erste Worte irritierten sie: „Huch, was ist das denn für ein Riesenbaby?“ Jupp lenkte gleich ein. „Aber deshalb nicht so zerknautscht, und schau dir lieber ihre langen Haare an!“ Egal, was er auch sagte, der singende Tenor seiner Worte beruhigte Julia augenblicklich, als ihre Mutter erklärte: „In den drei Wochen, die sie länger als erwartet in meinem Bauch war, hat sie vermutlich einen Entwicklungssprung gemacht und ist dann zügig als fertiges, glattes Baby auf die Welt gekommen. Es hätte mich zwar fast zerrissen, aber es war allein ihre Entscheidung.“ Bei den Worten „fast zerrissen“ zuckte Julia zusammen, aber schon lag sie auf Jupps Brust, und alles war wieder friedlich. Ein ewiges Hin und Her, so kam es ihr vor. Es war fraglich, ob sie sich daran je gewöhnen würde. So war es auch mit ihren Omas, die regelmäßig und leider oft gemeinsam um ihr Bett standen. Zwar feindeten sie sich nicht offen an, allerdings war das auch nicht nötig, um zu bemerken, wie unterschiedlich die beiden waren, was häufig zu Spannungen führte. Cäcilie, Zilli genannt, war die Mutter ihres Vaters. Zäh und markant war nicht nur ihr Erscheinungsbild, sondern auch ihre Art, mit Menschen umzugehen. Sie hatte es nicht anders gelernt und eine wilhelminische Erziehung in die Wiege gelegt bekommen, nach dem Krieg ihr Hab und Gut verloren und ihre zwei Söhne alleine großgezogen. Sie war ruppig im Umgang, hatte Haare auf den Zähnen und überlegte nicht übermäßig, bevor sie sprach. Über ein Thema wurde grundsätzlich nicht gesprochen: Gefühle jedweder Art. Dafür konnte sie ihrem Lachen umso mehr freien Lauf lassen, was sie gerne und oft herzhaft tat. Dann schüttelte sie ihre rote Mähne in den Nacken, ihre braunen Augen wurden zu Schlitzen, und ihre Nase nahm das ganze Gesicht ein, das von starken Wangenknochen und einem kräftigen Kinn zusammengehalten wurde.

Ihre zweite Großmutter Helene hatte ihre runden, weichen Züge an Marlis weitergegeben. Zwar lachte sie auch gerne, wobei oftmals kleine Tränen die Wangen herunterkullerten, aber sie ließ auch anderen Gefühlen freien Lauf. Wenn sie schlecht gelaunt war, zogen sich ihre Mundwinkel nach unten, und sie hatte nicht die Absicht, in kürzerer Zeit etwas daran zu ändern. Gefühlvoll war sie nicht nur sich selbst, sondern auch anderen Menschen gegenüber, sie empfand tiefes Mitgefühl und strahlte die klassische Wärme einer gesunden Großmutter aus, mit rosigen Wangen und weißem Haar, das sie wöchentlich legen ließ. Beide meinten es gut mit Julia, wenn sie mit strahlend stolzen Augen um ihr Bett standen. „Mein Herzchen, hast du schöne lange schwarze Haare! Hier habe ich dir ein rosa Schleifchen mitgebracht, dann bist du noch schöner“, sagte Helene, meinte allerdings: „Dann sieht man, dass du ein Mädchen bist“ – was Zilli natürlich gleich durchschaute. „Klar, und in ein paar Wochen fangen wir an, ihre Haare legen zu lassen“, sagte sie und schmunzelte breit. Was Helene allerdings gar nicht komisch fand, und automatisch zogen sich ihre Mundwinkel nach unten, sie konnte gar nichts dagegen tun. „Immerhin habe ich ihr etwas mitgebracht, was man von dir nicht erwarten dürfte.“ „Aber sicher“, sprach Zilli und packte einen Möhrenbrei aus. „Selbst gemacht, damit die Kleine gesund groß wird.“ Helene entgegnete: „Dass du die Möhre nicht am Stück mitgebracht hast, ist ja schon ein Fortschritt. Und in ein paar Wochen fangen wir an, das Kind an deinen selbst gemachten Heringssalat zu gewöhnen. Mit viel Glück wird sie ihn dann in einigen Jahren freiwillig essen und hat so dem Rest der Verwandtschaft einiges voraus!“, stichelte sie weiter, und ihre Mundwinkel richteten sich wieder nach oben auf, wenn auch ein wenig verkniffen. Das änderte sich, sobald sie Julia aus ihrer Wiege gehoben hatte und an ihre Brust gedrückt hielt. Ihre Züge wurden sanft, und sie nahm die Gestalt einer rosigen Putte an. Die Küsschen kamen später, noch reichte es, der Kleinen sanft über den Rücken zu streicheln und dabei leicht zu schunkeln. Allzu lange konnte die Ruhe nicht währen. „Wenn du so weitermachst, wird ihr schwindelig und schlecht, gib sie mir lieber mal rüber“, forderte Zilli ungeduldig. „Klar, damit ihr von deinem Kölnisch Wasser übel wird.“ Widerwillig legte Helene ihrer Mitstreiterin die geliebte Enkelin in deren Arme.



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