Sinner

Sinner

Keylam Nox


EUR 19,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 332
ISBN: 978-3-99131-548-3
Erscheinungsdatum: 25.08.2022
Morde, die in keiner Verbindung scheinen, bis der Knotenpunkt auftaucht.Vergessene Erinnerungen, die in die Dunkelheit führen, doch zur Lösung beitragen können.Ist das Leben wirklich einfach nur in Schwarz und Weiß einzuteilen, oder vermischt sich alles?
Der Regen klopfte aufgeregt gegen die Fenster, schien verzweifelt um Einlass zu bitten, nur um nicht draußen sein zu müssen. Obwohl der Regen selbst verantwortlich für das Wetter war, schien er nicht sonderlich begeistert davon zu sein, vielmehr schien er Angst zu haben.
Angst vor dem, was auch immer draußen zu lauern schien.
Er klopfte immer stärker und stärker an die Scheiben, rüttelte an den Fensterläden und schrie sich die Seele aus dem Leib.
Jeder, der bei diesem Wetter noch draußen war, war auf schnellem Fuße unterwegs, um ins Trockene zu kommen. Der Regen verfolgte jeden, ohne Rücksicht auf Status oder Person. Er toste hinter den Menschen her, nur um jedes Mal wieder verzweifelt gegen die Tür zu trommeln, wenn ihm diese wieder vor der Nase zugeschlagen wurde.
Er heulte verzweifelt auf, verschluckte somit das leise Wimmern und den heiseren Schrei, der in diesem Moment ertönte.
Es dauerte nicht mehr allzu lang, bevor der Regen schließlich aufgab und langsam verstummte. Das Einzige, was er zurückließ, waren graue Wolken, nicht bereit die Sonne freizulassen und den Menschen, die ihm unrecht getan hatten, etwas Gutes
zu tun.
Kaum einer vermisste den Regen, abgesehen von einem Einzigen.
Einzig der Wind rauschte weiterhin durch die Gassen, gab dem dunklen Teint des Abends einen weiteren Aspekt des Unangenehmen.
Die wenigen, die noch an der frischen Luft zu finden waren, seufzten auf. Endete das eine, kam das nächste um die Ecke. In diesem Fall war es der kalte Wind, der ihnen Geschichten in die Ohren wisperte.
Er heulte auf, trug lose Blätter, abgestandene Gerüche von Mülltonnen und Plastiktüten mit sich, hüllte die Menschen darin ein.
Nicht selten wurde die Nase hochgezogen, die Augenbrauen wütend und genervt zusammengezogen, der Schal über das Gesicht gezogen.
Der Wind war genauso ungebeten und ungeliebt wie der Regen zuvor.
Irgendwo in der Ferne krachte eine Tür ins Schloss, durchbrach die kurz anhaltende Stille und ließ dann erneut den Wind die Bühne einnehmen.
Mülltonnen fielen um, verschluckten erneut einen Schrei in der Dunkelheit.
Keiner achtete darauf, auf die verstummten Schreie, verhallten sie doch immer wieder im Wind, verschmolzen mit der Dunkelheit und waren einfach nicht existent.
Nur einer lauschte den Schreien, schloss die Augen, ließ sie durch seine Adern gleiten.
Das Blut vibrierte wohlwollend, der Körper zitterte, eine Gänsehaut zierte den Rücken.
Glückseligkeit, Wärme, Liebe durchströmten ihn.
Ein Lächeln legte sich auf das Gesicht, sanft und liebevoll.
„Schlaf.“
Die Worte waren nur gehaucht, eine Spur von Nichts im eisigen Wind. Dennoch strich die Hand liebevoll und zärtlich über das Gesicht, glitt zu den Augen und half ihnen, sich zu schließen.
Waren die Lider doch viel zu schwer, um es selbst zu bewerkstelligen.
Eine sanfte Melodie schlich sich auf seine Lippen, doch die Worte blieben verschluckt.
Einzig der Melodie war es erlaubt mit dem Wind zu gehen und sich zu verbreiten, sollte doch jeder dieser himmlischen Melodie lauschen und in den Schlaf begleitet werden.

Schlaf tief, träum fest,träum dunkel und bunt.
Träum weit, bleib fern,schlaf mit dem Rest.


1. Valentin

Die Musik dröhnte aus den Lautsprechern, brachte die Luft zum Vibrieren, die Staubpartikel zum Tanzen und das Blut in Wallung. Der Puls klopfte im Rhythmus, der Atem ging jedoch ruhig, ließ sich nicht von der provokant lauten Musik beeinflussen.
Noch einmal und noch einmal wurde Luft in die Lunge gesogen, tief inhaliert, einbehalten wie ein Vogel im Käfig und dann stoßweise wieder freigelassen.
Die Augen wurden geschlossen, die Zunge glitt über die trockenen Lippen, aus Angst vor dem, was sie gleich finden würden.
Es war dasselbe Spiel, nichts Neues und doch trieb diese Nachricht den Puls immer und immer wieder in die Höhe, brachte das Herz aus dem Takt und den Schweiß auf die Stirn.
Angst machte sich breit, ebenso wie eine unendliche, kalte Stille, die sich trotz der hämmernden Musik über sie legte. Dennoch, neben der Angst war noch etwas anderes zu finden: Erregung. Aufregung um es genauer zu beschreiben. Würden sie etwas Neues finden, einen Hinweis, sei er auch noch so klein? Oder würden sie wieder, wie viele Male zuvor, nur in die Leere blicken können, in dem Wissen nicht weiterzukommen, da jegliche Hinweise fehlten?
Die Angst schien sie zu lähmen und doch konnte er einen Muskel regen und den lang aufgehaltenen Seufzer über die Lippen bringen.
„Lass uns gehen, Scott, es bringt nichts, noch länger hier zu sitzen und die Tatsachen zu verleugnen.“
Auch wenn es ihm sichtlich Unbehagen bereitete, diese Worte über seine Lippen zu bringen, so kamen sie. Doch auch diese Worte waren es, die seinen Partner aus der Starre lösten. Dieser zuckte deutlich zusammen, blinzelte und starrte ihn einen Moment lang an, als wüsste er kurz nicht, mit wem er in einem Auto saß.
Oder zumindest jemand, der so in seine Gedanken vertieft war, dass er nicht mehr wusste, wo er sich überhaupt befand.
Er brauchte wirklich jede Selbstbeherrschung, die sein Körper aufbringen konnte, um bei diesem Anblick nicht amüsiert zu sein. Schließlich war das Ganze eine ernste Angelegenheit und Amüsement deutlich unangebracht. Nichtsdestotrotz zuckte sein Mundwinkel nach oben, leider nicht unbemerkt.
„Kannst du nicht einmal ernst bleiben? Ich weiß wirklich nicht, was an dieser gesamten Situation witzig sein soll! Seit Monaten verfolgen wir diesen Pisser und kommen ihm keinen Schritt näher und du, du findest das witzig?!“
Dunkelbraune, fast schwarze Augen blitzten ihn entrüstet an, warteten auf eine Entschuldigung, eine Rechtfertigung, die er nicht geben konnte, wollte.
Stattdessen entließ er einen erneuten Seufzer in die Freiheit.
„Nein. Ich finde es ganz und gar nicht witzig“, war alles, was er kurz angebunden von sich gab, bevor er den Gurt um seine Hüfte löste und aus dem Van stieg, bevor er noch mehr Diskussionen heraufbeschwor, die keiner von ihnen wollte. Es dauerte nur wenige Sekunden, bevor sein Partner sich schnaubend dazu entschloss, ihm Gesellschaft zu leisten.
Ein kurzer, wohl wütender Blick in seine Richtung und dann liefen sie gemeinsam und schweigend durch den Park, bis sie das gelbe Band entdeckten. Mit gezückten Ausweisen nickten sie den anderen zu und duckten sich unter dem Band hindurch.
Er wusste nicht wie oft er heute schon geseufzt hatte, doch erneut entfloh ihm einer voller Verzweiflung.
Mit Mienen, die einem Totenschein würdig wären, nickten sie beide den umstehenden Kollegen zu und ließen ihren Blick über den Boden schweifen.
Galle. Am liebsten wäre ihm diese wieder die Speiseröhre emporgekrochen, anstatt da zu bleiben, wo sie hingehörte. Doch diesen Reflex konnte er dank langem und gutem Training unterdrücken. Stattdessen blickte er ausdruckslos auf die roten Haare und ließ seinen Blick in die leeren Augen gleiten.
Sie schienen ihm in die Seele zu blicken, doch nur für einen kurzen Moment. Ein Blinzeln seinerseits und schon war die Illusion gebrochen, die Augen geschlossen.
„Alles was ich im Moment sagen kann … Er ist erstickt. Alles andere erfahre ich, sobald ich ihn zu Hause auf meinem Tisch habe.“
Die Worte fanden nur leise ihren Weg an die Luft, doch jeder der umstehenden Uniformträger verstand sie. Augen wurden geschlossen, Köpfe gesenkt. In dem zarten Alter eines solchen Todes zu erliegen war …
Ein Lächeln schlich sich langsam, andeutungsweise auf ein Gesicht.
Grausam.
Der Junge war geschätzte 7 Jahre alt und wurde grauenhaft zugerichtet. Ein weiteres Opfer auf der schier endlosen Liste des Mörders. Ein weiteres Gesicht, welches ihre Pinnwand zieren würde. Ein weiterer Name auf dem weißen Untergrund, ein weiterer Platz, vergeben für ein verschwendetes Leben.
Eine weitere Akte auf dem Schreibtisch.
Es war grausam, es war unmenschlich, unwürdig, verstörend und dennoch erregend.
Ein gesichtsloses Monster zu jagen, welches wie Schleim zwischen ihren Fingern zerrann. Ein Monster, welches das Spiel beherrschte, wusste zu manipulieren, zu leugnen, zu locken, zu tanzen.
Es hielt sie zum Narren, machte keinen Hehl aus seinem Spaß. Es sprang um sie herum, zeigte ihnen immer und immer wieder auf, wo ihre Schwächen lagen.
„Wir müssen ihn fangen. Ich möchte nicht, dass noch ein weiteres Leben auf sein Konto geht. Diese Farce muss ein Ende finden. Ich will ihn auf dem Stuhl!“
Wut, Verzweiflung, Hass. Emotionen nahmen diese Worte ein, ummantelten sie, schlossen sie ein und umklammerten sie. Ein verzweifelter Versuch, die Moral nach oben zu befördern. Ein Versuch sich selbst von der unabdingbaren Wahrheit abzulenken.
Sie hatten keinerlei Hinweise.
Ideen, Vorstellungen. Aber keine konkreten Anhaltspunkte.
Immer und immer wieder fand man Spuren, doch verloren diese sich alle im Sand, verschwanden und wurden vom Wind verschluckt. Absolut nichts gab Hinweise auf den Täter. Sie konnten nur Vermutungen anstellen und hoffen, dass sie in die richtige Richtung ermittelten.
Doch die Hinweise zerronnen zwischen ihren Fingern und verschmolzen mit den anderen Sandkörnern zu einer Wüste der Verzweiflung.
Fahrig fanden die Finger ihren Weg in das Haar, durchwühlten es wie der Sturm der letzten Nacht. Erneut glitt der Blick über den armen Jungen, suchten nach Hinweisen, die ihnen Aufschluss geben konnten, doch sie fanden nichts.
„Ja“, war alles, was er sagte, da noch keiner auf die Rede reagiert hatte. Was hätte er auch sonst sagen sollen? Ihnen war allen bewusst, was es bedeutete, diesen Menschen nicht zu finden und verzweifelt im Dreck wühlen zu müssen, in der banalen Hoffnung einen aussagekräftigen Hinweis zu finden.
Er schnaubte leise, wandte das Gesicht ab, zwang seinen Körper zu folgen, zwang ihn sich nicht mehr mit diesem Anblick zu beschäftigen. Doch es fiel ihm schwer, wie immer. Die Tat hatte ihr eigenes Gewicht, schwer und anziehend, obgleich abstoßend.
Selten bot etwas so viel Gefühl auf einmal, nur bei seinem bloßen Anblick, doch dieses Bild bot so viel mehr.
Er spürte, wie es ihm die anderen gleichtaten, sich abwandten und ihrer Kollegin den Rest überließen. Für sie gab es hier nichts mehr zu sehen, nichts zu tun.
„Wir haben ab heute einen Psychiater in unseren Reihen. Er …“
Weiter hörte er nicht zu. Er wurde schon bei dem Wort „Psychiater“ hellhörig und blickte auf, zeigte Interesse am Gespräch. Doch bevor sich seine Lippen öffnen konnten, einen Ton herausbringen konnten, bevor er sich überhaupt auch nur ein paar Worte zurechtlegen konnte oder er es auch nur selbst bemerkte, reagierte sein Körper.
Er blieb stehen, spürte die überraschte Gegenwehr in seinem Rücken nur nebenbei, da einer seiner Kollegen, vertieft in das Gespräch, in ihn hineingelaufen war.
Sein Blick war stur geradeaus gerichtet, blickte in die tiefbraunen Spiegel, die ihn im selben Moment entdeckt hatten.
Doch statt des Lächelns, welches ihm entgegengebracht wurde, spürte er nur, wie sich sein Magen verkrampfte. Ein harter Klumpen, als ob er einen Stein verschluckt hätte, bildete sich in seinem Magen, wog schwer und zog ihn nach unten.
Krampfhaft bildete sich ein Lächeln auf seinen Lippen, langsam, bevor es ehrlich wurde. Entwaffnung, etwas anderes war es nicht, was er damit verursachte. Er wusste um sein Lächeln, wusste um die Bedeutung dahinter und er sah deutlich, dass der andere es ebenfalls tat.
Für andere vermutlich nicht wahrnehmbar, egal und durchaus zu ignorieren, doch er sah es. Sah das Kontrahieren der Kiefermuskeln, das Beben welches sich durch seinen Körper kämpfte, das Zucken der Finger. Doch das Lächeln blieb.

Er konnte nicht mehr sagen, wie genau er hier angekommen war, etwas, was ihm sonst nicht passierte. Alles unterlag seiner Kontrolle, alles lief nach seinem Plan, alles passierte so, wie es sollte und nicht anders. Absolut nichts entglitt seinen Fingern.
Nichts.
Abgesehen von dem heutigen Nachmittag.
Ein Knurren suchte sich den Weg, seine Kehle hinauf und hinaus in die Freiheit. Doch alles, was er zuließ, war ein finsterer Blick in Richtung der Akten, welche bedrohlich auf seinem Schreibtisch wankten.
So war es nicht geplant gewesen, so konnte es auch nicht geplant gewesen sein, niemals.
Er wusste nicht, dass der andere diese Richtung eingeschlagen hatte. Ahnen, ja eventuell hätte er das können. Aber damals waren das nichts weiter als Hirngespinste, Fantasien, die sich Jugendliche ausgemalt hatten.
Die Zukunft hielt oftmals anderes für sie bereit, verlief selten, nie so wie man es eigentlich wollte, wie man es geplant hatte, wie man es sich gewünscht hatte. Nur er hatte das Recht zu behaupten, dass alles nach seinen Plänen verlief, größtenteils jedenfalls.
Erneut starrte er die Akten an, mochten sie doch in Flammen aufgehen, allesamt!
Er griff sich ins Haar, zog daran, strich sich über das Gesicht und seufzte angestrengt.
Sie waren nicht weitergekommen, keinen weiteren Hinweis bezüglich des Falls. Der Täter verschwand mit den Schatten und verschmolz mit dem Wind. Sie alle arbeiteten mit Kräften daran, diesen Menschen zu fassen und er saß hier und ließ den Mittag Revue passieren.
Er wusste nicht mehr genau, wann sie sich aus den Augen verloren hatten, es war Jahre her. Doch der andere verschwand irgendwann, zog um. Er musste zu seinen Verwandten in die Staaten, wenn er sich recht erinnerte. Seit dem Tag hatte er nichts mehr von ihm gehört, hatte sich allerdings auch keine Mühe gegeben, seinerseits den Kontakt zu suchen.
Die letzten Schuljahre verbrachten sie also getrennt. Aufgrund dieser Tatsache hatte er seinen albernen Ideen, Polizeipsychologe zu werden, auch keine Beachtung mehr geschenkt.
Bis heute.
Er schüttelte den Kopf, seufzte erneut auf und griff zu der Akte, welche ihm schon kooperativ entgegen gerutscht kam. Ohne einen Blick auf den Namen zu verschwenden, er wusste ihn sowieso, klappte er sie auf. Er musste irgendwie weiterkommen und vielleicht hatten die Untersuchungen ja etwas ergeben, etwas, das mehr Aufschluss gab als der Rest.
Er glaubte nicht daran, wusste er doch sowieso, dass sie nichts gefunden hatten. Abgesehen von den üblichen Hinweisen; Haare und Abdrücke, die nur zu schnell zu den Akten gelegt werden würden, da sie erneut auf eine Leiche zurückzuführen waren.

„Wir haben uns lange nicht gesehen, Jack.“
Die Stimme war sanft, ruhig, aber auch abschätzend, bewertend. Die dunklen Augen bohrten sich in seine, warteten auf eine Reaktion seinerseits, erwarteten eine Reaktion.
Doch er lächelte nur, legte den Kopf schief und grinste ihn an. Er gab sich nicht die Blöße zu bieten, was der andere wollte, was auch immer dies sein mochte.
Indizien.
„Du hast es also tatsächlich wahr werden lassen.“
Es war keine Frage, viel mehr eine Feststellung. Es war nicht einmal ein abschätzender Kommentar, keine Beleidigung, einfach nur nackt in den Raum gestellte Tatsachen, denen er einen kühlen Blick schenkte.
Nachdem sie ihn den Boden unter den Füßen weggerissen hatten.
„Ja, scheint so“, kam es ihm ruhig entgegen, ohne Vorwurf, ohne Wut.
Der Braunhaarige blickte ihn an, öffnete den Mund und verschloss ihn wortlos wieder. Seine Stirn legte sich nachdenklich in Falten, er schien zu überlegen, wie er die nächsten Worte aussprechen sollte.
„Ich werde dein Team ab heute unterstützen und euch helfen, dieses Monster zu fassen.“
Künstler.
Nur langsam sprach er die Worte aus, ließ sie sich allen Anschein nach auf der Zunge zergehen wie ein Stück Zartbitterschokolade.
Bitter, dieser Vergleich traf es ganz passend.
„Würdest du mich einweihen? Ich habe zwar die Akten …“
In diesem Moment hob er eine empor, dick und gut gefüllt, die er unter seinen Arm geklemmt hatte, warf kurz selbst einen Blick darauf, bevor sein Blick wieder zu ihm glitt.
„Aber es ist dennoch besser, wenn du mich noch einmal persönlich einweisen würdest.“
Es stand schließlich nicht alles in den Akten. Fakten, selbstverständlich. Doch auch die konnten nicht alles aufzeigen. Fehlversuche, falsche Fährten, falsche Ideen. All die Fehlschläge die sie hatten, all die fehlgeleiteten Hoffnungen.
„Kaffee?“ Die Frage kam über seine Lippen, bevor er sich wirklich Gedanken darüber machen konnte.
Die Kontrolle entglitt ihm.
Doch er hatte keinesfalls vor, diese Richtung beizubehalten. Er würde sie wiedererlangen, schneller als der andere es bemerken würde.

„Woher wusstest du wie ich meinen Kaffee trinke?“
Der Vorwurf, der gestrafte Blick, er traf ihn, durchbohrte ihn bis in die letzten Nerven. Doch er lächelte nur, warf ihm einen spöttischen Blick zu.
„Gutes Gedächtnis.“
Ein Schnauben erklang, ungläubig und irritiert. Doch der Braunhaarige ging nicht näher darauf ein, jedenfalls nicht verbal. Der durchbohrende Blick lag dennoch auf ihm, fragend und abschätzend.

Kopfschüttelnd schlug er die Akte zu, erneut. Er hatte den Mittag damit zugebracht, Valentin in ihre Ermittlungen einzuführen, mit allen Details, hatte Fragen beantwortet, welche gestellt, doch waren sie zu keinem Ergebnis gekommen.
Wie verwunderlich.
Er schnaubte.
Natürlich kamen sie zu keinem Ergebnis, waren sie all die Zeit nicht, weshalb also jetzt? Valentin mochte der Beste auf der gesamten Akademie gewesen sein, doch auch er konnte sich nicht innerhalb eines Gespräches die Ergebnisse aus den Fingern saugen. Er war auch nur ein Mensch.
Ein Mensch wie die anderen.
Einer, der die Mauer erblickte und den Weg herum suchte, anstatt zu schauen, was genau dahinter lag. Ein verbohrter, dickköpfiger Mensch, der versuchte seine Meinung durchzusetzen. Aber kein Mensch, der über den Tellerrand sah.
Wieder einmal schüttelte er den Kopf, während er aufstand und das Büro hinter sich ließ. Er konnte am heutigen Tag nichts mehr tun, jetzt war die Forensik an der Reihe.
Ganz davon zu schweigen, dass sein Privatleben rief, denn wenn er nicht schnell zu Hause war, durfte er sich das die nächste Zeit anhören. Schließlich hatte er etwas versprochen und seine Versprechen hielt er.
Wenn auch deutlich verspätet.
Polizeipsychologe in seinem Team. Ein breites Grinsen schlich sich auf seine Lippen, unheilvoll, freudig, erregt. Wie ein kleines Kind, das endlich den lang ersehnten Lolli bekam. Endlich, endlich machte es Spaß.
Darauf hatte er die ganze Zeit, wenn auch nur unterbewusst, gewartet.
Auf seine Rückkehr.

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