Science Fiction & Fantasy

Zukunft?

Claus-Peter Ganssauge

Zukunft?

Ja, wir schaffen das!

Leseprobe:

Der UNO-Generalsekretär Lord Spencer setzte für den 1. Oktober 2028 die entscheidende Vollversammlung fest, in deren Verlauf weltweit verbindliche Beschlüsse zur Rettung der irdischen Lebensqualität gefasst werden sollten.
Zahlreiche Redner, besonders der vom Klimawandel am stärksten betroffenen Länder, meldeten sich zu Wort. In ihren Reden wurden in eindringlichster Weise die in ihren Ländern bereits eingetretenen Klimakatastrophen geschildert und an die Mitglieder appelliert, nun endlich die erforderlichen Beschlüsse zu fassen, die die Erde noch vor der völligen Unbewohnbarkeit retten können.
Obwohl nicht mehr im Amt, betrat der fast 76-jährige Wladimir Putin das Rednerpult.

„Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren,
wir sind hier zusammengekommen, um weltweit gültige und verbindliche Entscheidungen zu treffen, die alle Menschen dieser Welt angehen werden.
Sie kennen mich als einen Mann, der sich durchsetzen kann und als einen jahrzehntelangen Regierungschef, der gewohnt ist, Fakten zu schaffen. Ich weiß, ich habe mich damit nicht gerade beliebt gemacht. Ich war in den Jahren zwischen 2010 und 2020 eine Art Gegenstück zu meinem amerikanischen Kollegen Donald Trump, der das Schlagwort geprägt hat: ‚Amerika first’. Für mich galt natürlich: ‚Russia first’. Wir haben damals in erster Linie national gedacht. Mich hat während meiner gesamten Regierungszeit der Zerfall der großen Sowjetunion fast körperlich geschmerzt und es war als Regierungschef Russlands mein Bestreben, mit mehr oder weniger friedlichen Mitteln die alte Machtposition wieder zurück zu gewinnen. Dies hat meinen Beliebtheitsgrad bei der russischen Bevölkerung gestärkt, aber weltweit hat es meinem Land geschadet. Ich war – trotz der gegen mein Land verhängten Strafmaßnahmen – stolz und zufrieden mit meinen Erfolgen. An Umweltschäden als Folge der Politik meiner Regierung haben wir damals nicht gedacht. So haben wir weiter die Wälder der Taiga abgeholzt, um möglichst hohe Gewinne zu erwirtschaften und Devisen einzunehmen, die unser Land dringend benötigte.
Bedenkenlos haben wir auch Öl aus undichten Pipelines in den Boden sickern lassen. Wir hatten ja reichlich Öl; Ersatzteile waren größtenteils nicht vorhanden und die Reparaturen waren teuer.
Wir haben kräftig Atomkraftwerke gebaut, weil diese billigen Strom produzieren, haben aber dabei außer Acht gelassen, wo wir die strahlungsgefährlichen Abfall-Brennstäbe auf die Dauer von Jahrhunderten sicher lagern können. Wir tragen auch Schuld am Supergau von Tschernobyl.
Meine Vorgänger haben bedenkenlos Wasserstoffbomben auf Nowaja Semlja gezündet, ohne zu bedenken, dass diese Insel infolge der hinterlassenen Strahlung auf unabsehbare Zeit fast unbewohnbar geworden ist. Im Nördlichen Polarmeer liegen mehrere Atom-U-Boote auf Grund, die im Laufe der Jahre den Meeresboden verseuchen und das Wasser vergiften werden. Dies alles hat meine Regierung und mich selbst mehr oder weniger unberührt gelassen.
Doch dann erreichten uns in zunehmendem Maße Meldungen über Hurrikane, Taifune und Zyklone in nie gekannten Ausmaßen und mit unermesslichen Schäden, die es vorher so nie gegeben hat. Wir haben erlebt, dass in Städten wie z. B. Peking die Atemluft zeitweise so verschmutzt ist, dass die Menschen Atemmasken tragen müssen, um nicht zu ersticken oder sich vor Lungenkrebs zu schützen. Wir haben gesehen, dass Wüstenrandgebiete geräumt werden müssen, weil das letzte Trinkwasser versiegt ist. Wir erleben Waldbrände erheblichen Ausmaßes infolge anhaltender Dürren und wir sehen andererseits furchtbare Überschwemmungen durch die erwähnten Unwetter, die in Verbindung mit dem ansteigenden Meeresspiegel nie gekannte Zerstörungen verursachen. Hinzu kommen die irreparablen Umweltsünden der Meerwasserverschmutzung durch nicht verrottbaren Plastikmüll, Trinkwasservergiftung infolge übermäßiger Gülle-Einbringung in die landwirtschaftlich genutzten Böden, Artenvernichtung der Insekten, die die Ernährungsgrundlage für höhere Lebewesen bilden und so weiter und so fort.
Nun haben wir uns langsam gefragt: Sind wir Menschen eigentlich von allen guten Geistern verlassen, sehenden Auges den Ast abzusägen, auf dem wir alle sitzen? Es wird allerhöchste Zeit, unsere egoistische und national geprägte Denkweise zu ändern und uns kraft unseres Verstandes nur noch global und im Sinne der Bewohnbarkeit unserer Erde so zu verhalten, dass ein Fortbestand der gesamten Menschheit auf lange Zeit ermöglicht wird. Ich selbst, meine und andere Regierungen denken heute zwangsläufig anders als früher, nämlich im Sinne von ‚mankind first’!
Mit Recht ist schon vor einigen Jahren eine mutige junge Schwedin auf die Straße gegangen und hat jeden Freitag für eine lebenswerte Zukunft der jungen Generation öffentlich demonstriert. Spontan, nachdrücklich und weltweit ist ihr die Jugend aller Nationen dieser Erde gefolgt. Ihr, der hier anwesenden schwedischen ehemaligen Schülerin Greta Thunberg gilt unsere Bewunderung und unser Dank.“ (Beifall)
„Ein besonders schlauer Wissenschaftler hat damals mahnend den Zeigefinger erhoben und gemeint, man müsse aber nicht nur sagen, dass sich etwas in unserem Verhalten ändern muss, man müsse auch die Machbarkeit der Forderungen bedenken.
Ich sage Ihnen jetzt als Mensch mit langer Lebenserfahrung: Wenn wir uns nicht jetzt sofort in unserem Verhalten radikal ändern, sondern Rücksicht auf die Machbarkeit nehmen, dann wird es bald zu spät sein, dann können wir schon bald alle die Atemmasken bereit legen, um nicht in unserem selbstproduzierten Welt-Mief zu ersticken, zu verdursten, zu rösten, zu verhungern oder uns selbst zu vergiften. Die Machbarkeit der zu treffenden Maßnahmen muss nicht mehr berücksichtigt, nein, sie muss erzwungen werden! Viel Zeit bleibt uns nicht mehr.
Das Allerwichtigste in unserer Verhaltensänderung ist aber nach meiner Ansicht dieses: Die zahlenmäßig ungebremste Vermehrung der Menschen muss ganz schnell und gründlich gebremst, nein, gestoppt werden!! Alle Einsparmaßnahmen am Verbrauch der irdischen Ressourcen, alle das Klima schützenden Bemühungen, alle Luft und Wasser reinhaltenden Anstrengungen werden nichts nutzen, wenn es uns Menschen nicht gelingt, unsere eigene lawinenhafte Vermehrung in den Griff zu bekommen.
Eine Mutter mit sieben Kindern wurde früher bei uns und in anderen Ländern besonders dafür geehrt, den Staat mit reichlich Nachwuchs für die Armee oder mit neuen, gebärfreudigen Müttern zu versorgen. Eine Mutter, die in Anbetracht der bereits bestehenden Überbevölkerung der Erde auch heutzutage noch mit einem oder mehreren Partnern einvernehmlich sieben Kinder erzeugt, begeht eine vorsätzliche Straftat, eine Art Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder zumindest eine schreckliche Umweltsünde mit Langzeitwirkung. Eine Straftat allerdings, die – nirgendwo auf der Welt – in irgendeinem Strafgesetzbuch enthalten ist.
Sieben Kinder, die ihrerseits wieder je sieben Kinder erzeugen, begehen nun, in Anbetracht der bereits überbevölkerten Erde und in Kenntnis der Tatsache, dass schon jetzt jedes Jahr Hundertausende Kinder verhungern, einen Mordversuch auf Raten. Nach fünf Generationen würden von der einen Mutter allein theoretisch 16.807 Nachkommen abstammen. Ob diese dann auch noch menschenwürdig existieren können, ist kaum vorstellbar.
Das ist somit im Interesse aller lebenden Menschen nicht mehr zu tolerieren!
Die Kirchen werden jetzt Zeter und Mordio schreien, wenn ich die jetzt zu treffenden überlebensnotwendigen Maßnahmen auch nur andeute.
1935 lebten schätzungsweise ca. 4,2 Milliarden Menschen weltweit. Heute sind es schon fast doppelt so viele, und das innerhalb von nur 90 Jahren. Wie soll das in weiteren 90 Jahren aussehen?
Wir müssen uns nun endlich besinnen und aus schlimmen Erfahrungen der Vergangenheit lernen. Eine der schlimmsten Plagen der Vergangenheit, die vor allem südliche Länder zu erleiden hatten, waren die riesigen Heuschreckenschwärme, die in den damals vorhandenen ausgedehnten Sümpfen entstanden waren und gleichzeitig aufbrachen, um ganze Landstriche mit allem, was darauf wuchs, kahl zu fressen. Die Folge waren schlimme Hungersnöte, an denen viele Menschen elend zugrunde gingen.
Vergleichen wir dies mit der (noch) ungebremsten menschlichen Vermehrung, so würde bald die ganze Erde so aussehen, wie heute die Osterinsel aussieht, nachdem die Menschen dort buchstäblich alles kahl „gefressen“ hatten.
Nachdem in China das Ein-Kind-Gebot aufgehoben wurde, werden dort Jahr für Jahr 15 Millionen Geburten gemeldet! Wenn wir so weiter machen, wird es mit absoluter Sicherheit passieren, dass es schon in absehbarer Zeit fürchterliche Kriege im Kampf um trinkbares Wasser und um anbaufähige Bodenflächen geben wird – falls überhaupt das Erdklima uns Menschen noch so lange am Leben lässt. Und genau deshalb ist eine Überproduktion an menschlichem Nachwuchs, der auch essen, trinken, heizen und irdische Ressourcen verbrauchen muss, ein langfristig wirkendes Verbrechen an der Jugend von morgen.
Unsere Kirchen werden also kräftig protestieren, wenn wir zukünftig, um selbst überleben zu können, werdendes Leben im frühest möglichen Stadium beenden müssen. Wir tun dies schließlich jetzt schon – allerdings noch viel grausamer – nicht mit Embryos im Anfangsstadium der Menschwerdung, sondern mit Erwachsenen und Kindern, indem wir sie im Mittelmeer auf der Flucht vorm Verhungern und Verdursten qualvoll ertrinken lassen, weil kaum ein Land noch imstande oder willens ist, diese armen Menschen bei sich, in gemäßigteren Klimaverhältnissen, aufzunehmen.
Ich spreche es nur ungern aus, aber wenn wir langfristig denken, (was wir jetzt tun müssen), so bedeutet die kompromisslose Haltung der Kirchen und auch einiger Länder zur Frage der Abtreibung für die gesamte Menschheit nichts anderes als langsamen Selbstmord auf Raten!
Natürlich werden wir ein schlechtes Gewissen haben, beginnendes menschliches Leben töten zu lassen und damit das fünfte Gebot ‚Du sollst nicht töten’ unter strenger staatlicher Aufsicht teilweise außer Kraft zu setzen. Aber ich meine, es ist besser, mit diesem Makel behaftet zu überleben, als mit reinem Gewissen qualvoll zu sterben.
Ich sage Ihnen das als alter Mensch, der selbst nicht mehr lange zu leben hat. Ich bin unheilbar krebskrank und rate Ihnen dies in Ihrem und nicht mehr in meinem eigenen Interesse. Bitte haben Sie bei Ihrer heute zu treffenden schweren Entscheidung Ihre eigenen Familien vor Augen. Nehmen Sie als mein Vermächtnis folgendes zur Kenntnis:
So unterschiedlich Rassen, Sprachen, Religionen, Sitten und Gebräuche in der Welt auch sein mögen, die hohe Bevölkerungszahl in Verbindung mit der hoch entwickelten Kommunikationstechnik schmiedet uns weltweit infolge der spürbaren Klimaveränderung zu einer einzigen Lebens- und Interessensgemeinschaft zusammen. Wir alle haben das gemeinsame Ziel, unsere Existenz, unseren Wohlstand und unsere Zivilisation auch über die nächsten Jahrhunderte zu erhalten. Alle klimarelevanten Maßnahmen oder Auswirkungen betreffen ja gleichermaßen, wenn auch in unterschiedlichen Erscheinungsformen, alle Menschen auf der Welt.
Daher müssen alle diesbezüglichen Beschlüsse ab sofort global gemeinsam und in friedlicher Abstimmung getroffen werden. Eine Alternative dazu gibt es nicht mehr!
Mein Appell richtet sich daher an Sie alle: Nehmen Sie die bereits für Europa beschlossenen Maßnahmen ernst und akzeptieren Sie diese, so schwer es auch fallen mag. Die zu treffenden Regulierungen erfordern in einigen Teilen der Wirtschaft schwere Opfer, sie bieten andererseits aber auch neue Chancen für zukunftsorientierte Arbeitsplätze. Aber Opfer sind nun, 2028, unausweichlich, nachdem wir alle die Zeichen der Zeit so lange verschlafen haben.
Für die Zukunft unserer Erde bin ich aber dennoch zuversichtlich, denn die Menschheit hat nun endlich in allen Teilen der Welt erkannt, dass es ernst wird, wenn wir alle uns nicht einhellig diszipliniert umweltschonend verhalten, alle Kraft, alles Wissen und alles Kapital einsetzen, unseren Planeten Erde, dieses Kleinod im riesigen All für alle Zeit lebenswert zu erhalten. Ich nehme einen Ausspruch meiner geschätzten früheren deutschen politischen Gegenspielerin auf und sage: Ja, wir schaffen das!
Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.“

Betroffenes Schweigen im Saal.
Der europäische Maßnahmenkatalog wurde mit Wirkung zum 01.01.2029 mit nur wenigen Gegenstimmen ohne wesentliche Änderungen angenommen und verbindlich beschlossen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 114
ISBN: 978-3-948379-42-1
Erscheinungsdatum: 27.02.2020
EUR 12,90
EUR 7,99

Halloween-Tipps