Zill

Zill

Alexander Jackson


EUR 14,90
EUR 8,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 52
ISBN: 978-3-99131-374-8
Erscheinungsdatum: 12.04.2022

Leseprobe:

Sophie war kalt. Normalerweise machte ihr die Kälte nichts aus, aber an diesem Wintertag sass sie da, ihren Körper in eine dicke Jacke eingehüllt, die Fenster im geheizten Klassenzimmer geschlossen und spürte diese teuflische Kälte in ihre Seele eindringen. Sie wünschte sich, nach Hause zu ihrem Computer zu gehen, und dort diese bedeutungslose Zeit des endlosen Lernens, Repetierens und Vergessens hinter sich zu lassen. Aber als sich der Zeiger der Uhr über der Wandtafel langsam Viertel nach eins näherte und ihre Klassenkameraden zurückkehrten, stellte sie fest, dass sie die lang erwartete Mail vom Mathelehrer nicht erhalten hatten, der die Stunde hätte absagen sollen. Sie nahm ihre Materialen aus dem Rucksack und legte sie auf den Tisch. Die Jungs riefen irgendetwas Blödes, der Lehrer erklärte, warum die Stunde trotz dessen, was auch immer es war, stattfinden würde und sie fingen mit der Theorie an. Wie immer verstand Sophie fast nichts davon, die Ablenkung liess sie aber die Kälte vergessen.

Als drei Stunden später die Glocke das Ende des Schultags verkündete, stürmte Sophie mit vorhergepacktem Rucksack durch die Masse schwätzender Gesichter aus der Schule und auf die Strasse. Sie schaffte es gerade noch zur Bushaltestelle und stieg keuchend ein, Sekunden bevor der Bus abfuhr. Keine Sekunde wollte sie verschwenden, also lief sie quer durch den Bus, alle herumstehenden Leute beiseite schubsend, bis sie bei der optimalen Türe ankam, also die, die ihrem Ziel am nächsten war. Aus dem Fenster sah sie, wie die Stadt langsam weicher wurde, mehr Bäume und Gräser auf dem Strassenrande auftauchten. Dann aber verschwanden die Pflanzen wieder und mit ihnen das Licht. Sie waren im Schatten eines Wohnblocks. Im Ganzen gab es sechs davon; jeder sah ein bisschen anders aus, aber keiner war mehr als ein quadratischer Betonklotz. Die Türe öffnete sich und sie stieg aus.

Aus ihrem Fenster konnte sie einen Fluss sehen. Der verlief parallel zur Strasse bis in die Stadt hinein und an ihrer Schule vorbei, so dass sie nie weiter als einen Kilometer davon entfernt war. Früher war sie oft mit ihrer Familie an ihm wandern gegangen, das war aber lange her; vielleicht weil die früher auf dem gegenüberliegenden Ufer stehenden Häuser durch mehr Betonklötze ersetzt worden waren. Sophie erinnerte sich an die Baustelle, die noch vor einem Jahr dort gestanden, jetzt aber den Fluss weiter hinaufgezogen war, wie ein Raubtier, das nach dem Mahl nur kalte, farblose Knochen hinterlässt.
Sie schluckte den Rest ihrer Cola, die sie aus dem Kühlschrank geholt hatte, hinunter. Es waren noch etwa zwei Stunden, bis ihre Eltern zurückkamen, also genug Zeit für eine Session Legend of Dawnblade. Sie schaute ein letztes Mal aus dem Fenster auf die glatte, farblose Landschaft, stellte das Glas auf ihren Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Schon bald stand sie, Zilia Vorensk, vor dem Stadttor von Ularia und blickte vom Berg hinab auf den Schattenwald von Norn. Ihr Gefährte, Darian Shadowclaw, beschwerte sich, dass sie nicht länger in Ularia geblieben waren, wobei Jarei ihn an die Wichtigkeit ihrer Aufgabe erinnerte, die Welt vor dem Einschlag des roten Mondes zu retten. Für die nächsten zwei Stunden wanderte sie durch den Wald, kämpfte gegen Schattentrolle und Himmelsdrachen, erkundete unterirdische Ruinen und erfuhr, wer der böse General Ziorol wirklich war. Dann hörte sie, wie die Türe geöffnet wurde. Sie speicherte ihren Spielstand an der nächsten Sternenquelle und schaltete den Computer ab.

„Also, wie war’s heute in der Menschenfabrik?“, fragte ihr Vater.
Alle vier sassen um den Esstisch, Sophies Mutter und Bruder in ihre Geräte versunken, während sich das rituelle Gespräch abspielte.
„Also …“, sie versuchte, sich an irgendetwas Interessantes zu erinnern, „wir haben in Bio gelernt, wie die Zellteilung abläuft.“
Er schaute sie erwartungsvoll an.
„Ich hätte gedacht, dass du dich mindestens an etwas so Grundlegendes erinnern würdest.“
„In zwanzig Jahren kann man vieles vergessen, vor allem Dinge, die man nie richtig gelernt hat.“
Sophie seufzte und machte sich daran, aus ihren Erinnerungen das Gelehrte zusammenzustückeln. Heute war es schlimmer als sonst, weil sie am vorherigen Abend viel zu lang aufgeblieben war und fast die ganze Biolektion verpennt hatte, aber irgendwie schaffte sie es trotzdem, eine halbwegs kohärente Erklärung zustande zu bringen. Ihr Vater wandte sich dann zum Bruder, der sein Handy widerstrebend ausschaltete und irgendetwas über Französisch murmelte. Als dann etwa zehn Minuten später alle Teller leer waren, hiess es ab zum Duschen.
Das warme Wasser verdrängte die Müdigkeit aus Sophies Körper, so dass sie nicht umkippte, als sie die kurze Strecke zu ihrem Computer zurücklief und der leuchtende Bildschirm und die laute Musik aus ihren Kopfhörern verhinderten, dass sie zurückkehrte. Sie stellte einen Alarm für halb elf, um die Fehler von gestern nicht zu wiederholen, und öffnete das Game. Ein Update. Sie schaltete den Bildschirm aus, erfahrungsgemäss würde es etwa eine halbe Stunde dauern, und nahm ihr Handy hervor. Nach etwa zehn Sekunden Scrollen wurde ihr aber klar, dass sie heute nichts Interessantes finden würde. Was jetzt? Hinter ihr stand ein Rucksack, gefüllt mit Blättern, die sie für die kommende Physikprüfung repetieren sollte. Sie hatte eigentlich geplant, heute Abend einige Stunden ins Üben zu investieren, wie es andere machten, hatte aber keine Lust und schaute lieber aus dem Fenster. Als sie auf die gelb beleuchtete Strasse hinunterblickte, verfluchte sie ihre Faulheit, die ihr so schlechte Noten gab, und sich selbst, die nichts dagegen unternehmen würde. Als ihre Augen und ihr Hirn sich aber auf die Strasse konzertierten, bemerkte sie etwas Unnatürliches, das sie vom Fenster zurückschrecken liess. Langsam blickte sie trotz ihrer Angst wieder hinab auf die Bushaltestelle an der gegenüberliegenden Strassenseite und in die Augen des Mädchens, das da auf der Bank sass. Es lächelte Sophie freundlich an und winkte. Sophie hob dann unsicher ihre Hand und ahmte die Geste nach. Sophie wollte gleichzeitig wegschauen und ihren Blick halten, sie hatte ein angespanntes Gefühl in ihrer Brust und ein unsicheres Lächeln auf ihrem Gesicht. So standen sie für etwa eine Minute, bis ein Bus kam und das erste Gefühl sie vom Fenster wegriss. Sie legte sich auf das Bett, ihre Emotionen kämpften gegen ihre Gewohnheit, jeden Abend zu gamen. Dem zweiten Drang widerstehend blieb sie liegen und dachte an das Mädchen, fragte sich, wer sie war, was sie wollte, ob sie sie jemals wiedersehen würde und warum sie sie wiedersehen wollte.
So lag sie, weil ihre umherschweifenden Gedanken sie nicht einschlafen liessen, einige Stunden, bis sie hörte, wie ihr Fenster geöffnet wurde. Blitzschnell setzte sie sich auf, fand aber nur ihr leeres Zimmer. Sie stand auf, um das Fenster zu schliessen, stoppte aber, als sie am Himmel einen Stern entdeckte. So etwas sah sie wegen der hellen Strassenlichter nur selten, also setzte sie sich an ihr Pult und stellte den Bildschirm, der ihr Blickfeld ganz füllte, beiseite.
„Guten Abend, Sophie Ackermann.“
Sophie schaute den Stern beängstigt an, zu müde, um sich zu erschrecken.
„Entschuldigung, aber ich habe jetzt nicht viel Zeit.“, sagte der Stern. „Geh Morgen direkt nach der Schule zum Bahnhof Effikon, dort wirst du jemanden treffen. Bahnhof Effikon, verstanden?“
Der kleine Stern, der nur etwa zwei Meter hinter dem Fenster geschwebt hatte, fiel hinab und war schon verschwunden, als Sophie hinunterblickte. Nach einigen Minuten nahm der Schock ab und sie legte sich wieder ins Bett.
Der Bahnsteig war fast leer, wie es um zwei Uhr an einem Dienstagnachmittag zu erwarten war, und es regnete. Sophie hatte ihre Jacke vergessen und wartete auf der überdachten Seite, wo die Züge, die ins Land fuhren, stoppten; der nächste war schon zehn Minuten verspätet, also genau so lange, wie sie schon da auf der kalten Eisenbank sass. Das musste der Grund sein, weshalb noch niemand gekommen war. Jedenfalls würde sie warten, wenn nötig, bis die Polizei, von ihren besorgten Eltern angerufen, sie fand. Sie wusste nämlich, dass das Sternenwesen echt gewesen war, ohne Zweifel, und zwar, weil sie sich an ihre Träume erinnern konnte: Sie hatte andere Welten, andere Zeiten besucht, Realitäten voller magischer Wesen und riesige, grüne Wälder, und sie war jemand anders gewesen, vom jungen Ritter bis zur Prinzessin im Exil, und in diesen Welten hatte der magische Stern sie geführt. Bald hörte sie den Zug, wie er sich näherte, und sah, wie er langsamer wurde, bis er anhielt und sich die Türe, die sich direkt vor Sophie befand, öffnete. Trotz der vielen freien Sitzplätze stand eine dahinter, die sich an der Wand lehnte und Sophie mit einem Lächeln zuwinkte.
„Entschuldigung wegen der Verspätung“, sagte das Mädchen von gestern.
Sophie stieg rasch ein, die Angst vor dem imminenten Schliessen der Türen trieb sie voran, und blieb stehen, ihr Körper war angespannt. Das Mädchen seufzte, nahm sie beim Arm und zog sie in eine Viererabteilung.
„Du bist doch Sophie, oder?“, fragte sie.
„Also, ja.“ Sophie schaute auf den Boden, weil ihre Nervosität sie das Mädchen nicht anschauen liess.
„Gut. Ich habe dich gestern da oben im Dunkeln nur schlecht sehen können, also war ich mir nicht sicher.“, erklärte sie. „Ich heisse übrigens Grete.“
„Okay.“ Sophie erhaschte durch das Fenster einen kurzen Blick auf ein ländliches Dorf, flüchtete dann wieder zum gemütlichen, sicheren Boden.
Grete seufzte: „Du bist also so eine.“
Sophie rührte sich nicht, nur ihre Augen flitzten umher, hinauf und hinab, ihr nach unten gebeugter Kopf liess sie Gretes Gesicht aber nicht sehen.
„Willst du nicht wissen, warum du hier bist? Oder mindestens, wer ich bin?“
„Also, ja.“
„Sprich nicht so unsicher!“, befahl sie. „Und schau mir gefälligst in die Augen, wenn du mit mir redest!“
Sophie zuckte zusammen und gehorchte, wollte aber sofort wieder wegschauen. Als sie aber Gretes genervte Miene sah, konnte ihr Blick nicht lange von den aufdringlichen Augen wegreissen: „Also, was … wer bist du? Warum bin ich hier?“
Grete lächelte wieder: „Endlich.“
Sie blickte nach draussen, wo die letzten Häuser von Bäumen ersetzt worden waren.
„Also …“
„Was ist es?“ Grete schaute immer noch aus dem Fenster.
„Willst du meine Fragen jetzt beantworten oder nicht?“
„Das darf ich leider nicht.“ Sie schaute Sophie wieder an. „Zill, das Wesen von gestern, wird dir aber einiges erzählen, wenn wir ankommen. Keine Angst, du wirst nicht viel länger warten müssen: Wir steigen schon bei der nächsten Haltestelle aus und von da sind es zu Fuss nur etwa zehn Minuten. Also, erzähl mir mal etwas über dein Leben!“
Sophie weigerte sich nach dieser frustrierenden Konversation, sich auf noch mehr von Gretes Anforderungen einzulassen, diese lachte aber und ihr Lachen steckte auch Sophie an. Für die letzten Minuten der Reise lachten sie über das dumme Gespräch. Als sie dann aussteigen mussten, war der Regen noch nicht vorüber und Sophie musste ohne Jacke einen schlammigen Waldweg die Bergseite hinaufwandern. Die beiden kamen schliesslich zu einer kleinen Holzhütte am Rande einer kleinen Lichtung. Dort warteten unter einem kurzen Dachüberhang drei andere und das schwebende Licht auf sie. Sophie spürte, wie ihre Unsicherheit zurückkehrte, aber Grete schubste sie an: „Keine Angst, die beissen nicht.“
Es folgten einige kurze Begrüssungen, dann kamen sie zum wichtigen Teil: „Ich bin Zill, ein Ausserirdischer …“
Sie hörte aufmerksam zu, als es über die Kolonisationspläne seiner Spezies und über seine politische Inhaftierung, seinen Ausbruch und die folgende Flucht hinunter zur Erde erzählte. Es redete über eine riesige Flotte, die auf eine von ihren Spionen hergeleitete Selbstzerstörung der Menschenrasse wartete. Diese kontrollierten die Medien, „erfanden“ Massenzerstörungswaffen und andere Maschinen, die die Welt durch ihre Abfallprodukte in eine ihnen passendere verwandeln würden. Durch ihre Leistungen hatten sie, also der Widerstand, in den letzten Jahren den Selbstzerstörungsprozess verlangsamen können, aber es fehlten ihnen noch die nötigen menschlichen Ressourcen, um sie endgültig zu stoppen, und wegen einer bewaffneten Einheit der Gegner, die sie jagte, konnten sie es nicht riskieren, Informationen über sich zu geben.
„… Wir haben dich also hierhergebracht, weil wir deine Unterstützung in unserem Kampf zum Schutz des Planeten erhoffen.“
Zwei Kräfte wüteten in Sophie: eine idealistische, die die Welt verändern wollte, und eine ängstliche, unsichere, die die erste zurückhielt. Wenn Sophie allein gewesen wäre, wenn sie all das auf Papier oder einer Internetseite gelesen hätte, dann hätte die zweite gewonnen, aber die Anwesenheit der anderen, die sie erwartungsvoll anschauten, machte es unglaublich schwer, diese normalerweise weniger aufwändige Option zu wählen. „Natürlich werde ich Euch helfen.“
„Endlich“, sagte ein Mädchen, das ungefähr so alt war wie sie, und öffnete die Hüttentüre, „Ich kann diese Kälte nicht länger aushalten.“
Der einzige Junge folgte ihr schnell in die Hütte, während das kleinere Mädchen anfing, mit Grete zu reden.
„Ich gehe jetzt deine Waffe holen“, sagte Zill und löste sich in Luft auf.
„Er wird etwa eine Stunde weg sein“, erklärte Grete. „Aus Sicherheitsgründen darf nur er wissen, wo die Waffen aufbewahrt werden. Mit Waffen meint er übrigens nicht konventionelle Schwerter und Pfeilbogen, sondern die ausserirdischen Waffen, die er gestohlen hat. Jeder von uns hat eine, aber nur wenige funktionieren gleich.“
„Wir sollten die anderen nicht länger warten lassen“, sagte die andere mit ruhiger Stimme. „Markus hat das Spiel sicher schon aufgestellt.“
Grete seufzte: „Ja, Eile mit Weile hat er aufgestellt.“
„Grete, Puerto Rico wäre für die Neue zu kompliziert. Wir haben das schon etliche Male besprochen!“
„Ja, aber …“
Sophie folgte den Diskutierenden in die Hütte: Das erste Zimmer war etwa so gross wie ihr Zimmer zu Hause und gleich wie dort waren die Wände hinter Schränken und Regalen versteckt, die hier aber mit alten Büchern und Brettspielen statt alten Schulbüchern und Kleidern vollgestopft waren, und wo das Fenster und ihr Computer gewesen wären, waren hier zwei Türen, worauf die Namen Grete und Isolde standen. Der Boden war mit einem dicken Teppich bedeckt und in der Mitte des Zimmers stand ein rechteckiger Holztisch mit fünf Stühlen, zwei davon schon besetzt, und ein Spielbrett aus Karton obendrauf. Drei leere Stühle standen in der Ecke links hinten.
Sophie setzte sich neben das Mädchen, das zuerst hineingekommen war.
„Also, Neue, welche Farbe willst du?“, fragte Gretes Freundin.
Sie schaute das Spielbrett an: „… gelb. Sind wir nicht zu viele?“
„Nein, als Neue musst du mit jemand anderem spielen, damit du gezwungen bist, dich sozial zu engagieren“, erklärte Grete, „Du wärst jetzt mit Charlotte, weil sie immer gelb ist. Ich bin übrigens rot, Isolde grün und Markus blau.“
Nach einer kurzen Erklärung der Regeln konnten sie anfangen.
„Weisst du, ich habe das Gefühl, dass ich dich von irgendwo kenne“, sagte das Mädchen neben ihr, also Charlotte, nachdem sie ihre Figur bewegt hatte, „Warst du im Tennisclub?“
„Nein, ich war nie Mitglied eines Clubs.“
„Dann muss ich dich aus der Schule kennen. Bist du mit Max oder Julian in der Klasse?“
„Max …“ Die Runde dauerte lange, weil der Junge, Markus, ein gegnerisches Stück aus Rücksicht nicht überholen wollte. „Das ist doch der Laute, Nervige, mit den blonden Haaren.“
„Dann bist du das Mädchen aus der Klasse d! Die, die immer alleine isst.“
Sophie spürte, wie ihre Wangen rot anliefen, als sie würfelte.
„Ich hätte nie gedacht, dass jemand aus der Schule hier auftauchen würde.“
Nach einer kurzen, unangenehmen Pause fing Charlotte an, sie mit Fragen über Lehrer, Noten und Klassenkameraden zu bombardieren, die Sophie gerne beantwortete. Lange redeten sie aber nicht über die Schule, als sie merkten, dass sie beide Rollenspiele spielten und sogar welche, die die andere kannte: Sie redeten über alle ihre Lieblingsteile und jede war begeistert davon, dass die andere ihre Meinung teilte, stritten sich aber auch ein bisschen, vor allem bezüglich der Charaktere; Charlotte war nämlich gegenüber den Bösewichten viel unsympathischer eingestellt als Sophie. Als Grete und Isolde ihrer Diskussion anderthalb Runden lang belustigt zugehört hatten, kehrte Zill zurück.
„Also, Sophie, könntest du bitte deinen Ärmel hochziehen?“, bat er.
Markus stand schnell auf und ging nach draussen, während Sophie seinen Anweisungen folgte. Auch Charlotte schaute weg, als das schwebende Licht sich ihrer Schulter näherte, und sie musste vom blendenden Licht wegschauen. Es pikste kurz, und dann flog Zill schon weg, ohne irgendwelche Spuren hinterlassen zu haben.
„Es wird einen Tag dauern, bis sich die Waffe völlig an deinen Körper angepasst hat“, erklärte er, „Dann musst du zurückkommen, damit wir sie aktivieren können. Jetzt solltest du aber nach Hause gehen, damit deine Familie dich nicht vermisst.“
„… dann sehen wir uns morgen wieder“, sagte sie und ging. Sie lief um den Tisch, aus der Türe und an Markus vorbei, und zielstrebig hinab zum Bahnhof. Die ganze Zeit dachte sie, dass sie länger hätte bleiben sollen, etwas hätte sagen sollen, hatte aber keine Ahnung, was dieses „etwas“ war.


Wie gestern nahm Sophie den fremden Zug vom Bahnhof Effikon, lief den Berg hinauf und kam zur Holzhütte, die sie mithilfe der Kraft des abgemachten Termins fast so einfach betreten konnte, wie sie sie gestern verlassen hatte. Als sie aber nur Isolde in dem Zimmer fand, wollte sie sofort wieder gehen, konnte aber nicht.
„Ah, Sophie“, sagte sie und schloss das alte Buch, das sie gelesen hatte, „Du bist ein bisschen früher hier als erwartet.“
„Ja“, antwortete Sophie unsicher, „Der vorherige Zug war zwei Minuten verspätet.“
Isolde musste kurz nachdenken, bevor sie die Aussage verstand. „Es ist eine Weile her, seit ich das letzte Mal mit dem Zug gefahren bin. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich in den letzten fünf Wochen diese Hütte verlassen habe: Grete war immer zu beschäftigt, um mich zu begleiten, seit Alexandra umgekommen ist. Es ist „…“
„Umgekommen?“ Sie war sich nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte.
„Ja. So etwas passiert, wenn man kämpft, um die Welt zu retten.“ Sie redete ganz gelassen. „Von den sieben, die ich bei meinem Beitritt zum Widerstand getroffen habe, lebt nur noch Grete. Die meisten von ihnen sind früh gestorben, aber sie, Alexandra und Maria, haben überlebt, weil sie stark waren. Besser gesagt, weil sie starke Waffen hatten. Meine Waffe ist eigentlich nicht …“
Wie eine alte Frau schwätzte Isolde pausenlos weiter: Nachdem sie beim Tod angefangen hatte, benutzte sie die Waffen als eine Brücke zu ihrer Sorge um Grete, die sie dann über einen Vergleich mit dem Buch, das sie vor einigen Minuten gelesen hatte, verliess, um zur Politik zu kommen. So wanderte sie Dutzende Minuten durch diverse, unverwandte Themen, bis sie durch Gretes Rückkehr unterbrochen wurde.
„Ah, Sophie, bist du nicht zu früh hier?“
„Sie konnte wegen einer Verspätung den vorherigen Zug nehmen“, erklärte Isolde.

Sophie war kalt. Normalerweise machte ihr die Kälte nichts aus, aber an diesem Wintertag sass sie da, ihren Körper in eine dicke Jacke eingehüllt, die Fenster im geheizten Klassenzimmer geschlossen und spürte diese teuflische Kälte in ihre Seele eindringen. Sie wünschte sich, nach Hause zu ihrem Computer zu gehen, und dort diese bedeutungslose Zeit des endlosen Lernens, Repetierens und Vergessens hinter sich zu lassen. Aber als sich der Zeiger der Uhr über der Wandtafel langsam Viertel nach eins näherte und ihre Klassenkameraden zurückkehrten, stellte sie fest, dass sie die lang erwartete Mail vom Mathelehrer nicht erhalten hatten, der die Stunde hätte absagen sollen. Sie nahm ihre Materialen aus dem Rucksack und legte sie auf den Tisch. Die Jungs riefen irgendetwas Blödes, der Lehrer erklärte, warum die Stunde trotz dessen, was auch immer es war, stattfinden würde und sie fingen mit der Theorie an. Wie immer verstand Sophie fast nichts davon, die Ablenkung liess sie aber die Kälte vergessen.

Als drei Stunden später die Glocke das Ende des Schultags verkündete, stürmte Sophie mit vorhergepacktem Rucksack durch die Masse schwätzender Gesichter aus der Schule und auf die Strasse. Sie schaffte es gerade noch zur Bushaltestelle und stieg keuchend ein, Sekunden bevor der Bus abfuhr. Keine Sekunde wollte sie verschwenden, also lief sie quer durch den Bus, alle herumstehenden Leute beiseite schubsend, bis sie bei der optimalen Türe ankam, also die, die ihrem Ziel am nächsten war. Aus dem Fenster sah sie, wie die Stadt langsam weicher wurde, mehr Bäume und Gräser auf dem Strassenrande auftauchten. Dann aber verschwanden die Pflanzen wieder und mit ihnen das Licht. Sie waren im Schatten eines Wohnblocks. Im Ganzen gab es sechs davon; jeder sah ein bisschen anders aus, aber keiner war mehr als ein quadratischer Betonklotz. Die Türe öffnete sich und sie stieg aus.

Aus ihrem Fenster konnte sie einen Fluss sehen. Der verlief parallel zur Strasse bis in die Stadt hinein und an ihrer Schule vorbei, so dass sie nie weiter als einen Kilometer davon entfernt war. Früher war sie oft mit ihrer Familie an ihm wandern gegangen, das war aber lange her; vielleicht weil die früher auf dem gegenüberliegenden Ufer stehenden Häuser durch mehr Betonklötze ersetzt worden waren. Sophie erinnerte sich an die Baustelle, die noch vor einem Jahr dort gestanden, jetzt aber den Fluss weiter hinaufgezogen war, wie ein Raubtier, das nach dem Mahl nur kalte, farblose Knochen hinterlässt.
Sie schluckte den Rest ihrer Cola, die sie aus dem Kühlschrank geholt hatte, hinunter. Es waren noch etwa zwei Stunden, bis ihre Eltern zurückkamen, also genug Zeit für eine Session Legend of Dawnblade. Sie schaute ein letztes Mal aus dem Fenster auf die glatte, farblose Landschaft, stellte das Glas auf ihren Schreibtisch und schaltete den Computer ein. Schon bald stand sie, Zilia Vorensk, vor dem Stadttor von Ularia und blickte vom Berg hinab auf den Schattenwald von Norn. Ihr Gefährte, Darian Shadowclaw, beschwerte sich, dass sie nicht länger in Ularia geblieben waren, wobei Jarei ihn an die Wichtigkeit ihrer Aufgabe erinnerte, die Welt vor dem Einschlag des roten Mondes zu retten. Für die nächsten zwei Stunden wanderte sie durch den Wald, kämpfte gegen Schattentrolle und Himmelsdrachen, erkundete unterirdische Ruinen und erfuhr, wer der böse General Ziorol wirklich war. Dann hörte sie, wie die Türe geöffnet wurde. Sie speicherte ihren Spielstand an der nächsten Sternenquelle und schaltete den Computer ab.

„Also, wie war’s heute in der Menschenfabrik?“, fragte ihr Vater.
Alle vier sassen um den Esstisch, Sophies Mutter und Bruder in ihre Geräte versunken, während sich das rituelle Gespräch abspielte.
„Also …“, sie versuchte, sich an irgendetwas Interessantes zu erinnern, „wir haben in Bio gelernt, wie die Zellteilung abläuft.“
Er schaute sie erwartungsvoll an.
„Ich hätte gedacht, dass du dich mindestens an etwas so Grundlegendes erinnern würdest.“
„In zwanzig Jahren kann man vieles vergessen, vor allem Dinge, die man nie richtig gelernt hat.“
Sophie seufzte und machte sich daran, aus ihren Erinnerungen das Gelehrte zusammenzustückeln. Heute war es schlimmer als sonst, weil sie am vorherigen Abend viel zu lang aufgeblieben war und fast die ganze Biolektion verpennt hatte, aber irgendwie schaffte sie es trotzdem, eine halbwegs kohärente Erklärung zustande zu bringen. Ihr Vater wandte sich dann zum Bruder, der sein Handy widerstrebend ausschaltete und irgendetwas über Französisch murmelte. Als dann etwa zehn Minuten später alle Teller leer waren, hiess es ab zum Duschen.
Das warme Wasser verdrängte die Müdigkeit aus Sophies Körper, so dass sie nicht umkippte, als sie die kurze Strecke zu ihrem Computer zurücklief und der leuchtende Bildschirm und die laute Musik aus ihren Kopfhörern verhinderten, dass sie zurückkehrte. Sie stellte einen Alarm für halb elf, um die Fehler von gestern nicht zu wiederholen, und öffnete das Game. Ein Update. Sie schaltete den Bildschirm aus, erfahrungsgemäss würde es etwa eine halbe Stunde dauern, und nahm ihr Handy hervor. Nach etwa zehn Sekunden Scrollen wurde ihr aber klar, dass sie heute nichts Interessantes finden würde. Was jetzt? Hinter ihr stand ein Rucksack, gefüllt mit Blättern, die sie für die kommende Physikprüfung repetieren sollte. Sie hatte eigentlich geplant, heute Abend einige Stunden ins Üben zu investieren, wie es andere machten, hatte aber keine Lust und schaute lieber aus dem Fenster. Als sie auf die gelb beleuchtete Strasse hinunterblickte, verfluchte sie ihre Faulheit, die ihr so schlechte Noten gab, und sich selbst, die nichts dagegen unternehmen würde. Als ihre Augen und ihr Hirn sich aber auf die Strasse konzertierten, bemerkte sie etwas Unnatürliches, das sie vom Fenster zurückschrecken liess. Langsam blickte sie trotz ihrer Angst wieder hinab auf die Bushaltestelle an der gegenüberliegenden Strassenseite und in die Augen des Mädchens, das da auf der Bank sass. Es lächelte Sophie freundlich an und winkte. Sophie hob dann unsicher ihre Hand und ahmte die Geste nach. Sophie wollte gleichzeitig wegschauen und ihren Blick halten, sie hatte ein angespanntes Gefühl in ihrer Brust und ein unsicheres Lächeln auf ihrem Gesicht. So standen sie für etwa eine Minute, bis ein Bus kam und das erste Gefühl sie vom Fenster wegriss. Sie legte sich auf das Bett, ihre Emotionen kämpften gegen ihre Gewohnheit, jeden Abend zu gamen. Dem zweiten Drang widerstehend blieb sie liegen und dachte an das Mädchen, fragte sich, wer sie war, was sie wollte, ob sie sie jemals wiedersehen würde und warum sie sie wiedersehen wollte.
So lag sie, weil ihre umherschweifenden Gedanken sie nicht einschlafen liessen, einige Stunden, bis sie hörte, wie ihr Fenster geöffnet wurde. Blitzschnell setzte sie sich auf, fand aber nur ihr leeres Zimmer. Sie stand auf, um das Fenster zu schliessen, stoppte aber, als sie am Himmel einen Stern entdeckte. So etwas sah sie wegen der hellen Strassenlichter nur selten, also setzte sie sich an ihr Pult und stellte den Bildschirm, der ihr Blickfeld ganz füllte, beiseite.
„Guten Abend, Sophie Ackermann.“
Sophie schaute den Stern beängstigt an, zu müde, um sich zu erschrecken.
„Entschuldigung, aber ich habe jetzt nicht viel Zeit.“, sagte der Stern. „Geh Morgen direkt nach der Schule zum Bahnhof Effikon, dort wirst du jemanden treffen. Bahnhof Effikon, verstanden?“
Der kleine Stern, der nur etwa zwei Meter hinter dem Fenster geschwebt hatte, fiel hinab und war schon verschwunden, als Sophie hinunterblickte. Nach einigen Minuten nahm der Schock ab und sie legte sich wieder ins Bett.
Der Bahnsteig war fast leer, wie es um zwei Uhr an einem Dienstagnachmittag zu erwarten war, und es regnete. Sophie hatte ihre Jacke vergessen und wartete auf der überdachten Seite, wo die Züge, die ins Land fuhren, stoppten; der nächste war schon zehn Minuten verspätet, also genau so lange, wie sie schon da auf der kalten Eisenbank sass. Das musste der Grund sein, weshalb noch niemand gekommen war. Jedenfalls würde sie warten, wenn nötig, bis die Polizei, von ihren besorgten Eltern angerufen, sie fand. Sie wusste nämlich, dass das Sternenwesen echt gewesen war, ohne Zweifel, und zwar, weil sie sich an ihre Träume erinnern konnte: Sie hatte andere Welten, andere Zeiten besucht, Realitäten voller magischer Wesen und riesige, grüne Wälder, und sie war jemand anders gewesen, vom jungen Ritter bis zur Prinzessin im Exil, und in diesen Welten hatte der magische Stern sie geführt. Bald hörte sie den Zug, wie er sich näherte, und sah, wie er langsamer wurde, bis er anhielt und sich die Türe, die sich direkt vor Sophie befand, öffnete. Trotz der vielen freien Sitzplätze stand eine dahinter, die sich an der Wand lehnte und Sophie mit einem Lächeln zuwinkte.
„Entschuldigung wegen der Verspätung“, sagte das Mädchen von gestern.
Sophie stieg rasch ein, die Angst vor dem imminenten Schliessen der Türen trieb sie voran, und blieb stehen, ihr Körper war angespannt. Das Mädchen seufzte, nahm sie beim Arm und zog sie in eine Viererabteilung.
„Du bist doch Sophie, oder?“, fragte sie.
„Also, ja.“ Sophie schaute auf den Boden, weil ihre Nervosität sie das Mädchen nicht anschauen liess.
„Gut. Ich habe dich gestern da oben im Dunkeln nur schlecht sehen können, also war ich mir nicht sicher.“, erklärte sie. „Ich heisse übrigens Grete.“
„Okay.“ Sophie erhaschte durch das Fenster einen kurzen Blick auf ein ländliches Dorf, flüchtete dann wieder zum gemütlichen, sicheren Boden.
Grete seufzte: „Du bist also so eine.“
Sophie rührte sich nicht, nur ihre Augen flitzten umher, hinauf und hinab, ihr nach unten gebeugter Kopf liess sie Gretes Gesicht aber nicht sehen.
„Willst du nicht wissen, warum du hier bist? Oder mindestens, wer ich bin?“
„Also, ja.“
„Sprich nicht so unsicher!“, befahl sie. „Und schau mir gefälligst in die Augen, wenn du mit mir redest!“
Sophie zuckte zusammen und gehorchte, wollte aber sofort wieder wegschauen. Als sie aber Gretes genervte Miene sah, konnte ihr Blick nicht lange von den aufdringlichen Augen wegreissen: „Also, was … wer bist du? Warum bin ich hier?“
Grete lächelte wieder: „Endlich.“
Sie blickte nach draussen, wo die letzten Häuser von Bäumen ersetzt worden waren.
„Also …“
„Was ist es?“ Grete schaute immer noch aus dem Fenster.
„Willst du meine Fragen jetzt beantworten oder nicht?“
„Das darf ich leider nicht.“ Sie schaute Sophie wieder an. „Zill, das Wesen von gestern, wird dir aber einiges erzählen, wenn wir ankommen. Keine Angst, du wirst nicht viel länger warten müssen: Wir steigen schon bei der nächsten Haltestelle aus und von da sind es zu Fuss nur etwa zehn Minuten. Also, erzähl mir mal etwas über dein Leben!“
Sophie weigerte sich nach dieser frustrierenden Konversation, sich auf noch mehr von Gretes Anforderungen einzulassen, diese lachte aber und ihr Lachen steckte auch Sophie an. Für die letzten Minuten der Reise lachten sie über das dumme Gespräch. Als sie dann aussteigen mussten, war der Regen noch nicht vorüber und Sophie musste ohne Jacke einen schlammigen Waldweg die Bergseite hinaufwandern. Die beiden kamen schliesslich zu einer kleinen Holzhütte am Rande einer kleinen Lichtung. Dort warteten unter einem kurzen Dachüberhang drei andere und das schwebende Licht auf sie. Sophie spürte, wie ihre Unsicherheit zurückkehrte, aber Grete schubste sie an: „Keine Angst, die beissen nicht.“
Es folgten einige kurze Begrüssungen, dann kamen sie zum wichtigen Teil: „Ich bin Zill, ein Ausserirdischer …“
Sie hörte aufmerksam zu, als es über die Kolonisationspläne seiner Spezies und über seine politische Inhaftierung, seinen Ausbruch und die folgende Flucht hinunter zur Erde erzählte. Es redete über eine riesige Flotte, die auf eine von ihren Spionen hergeleitete Selbstzerstörung der Menschenrasse wartete. Diese kontrollierten die Medien, „erfanden“ Massenzerstörungswaffen und andere Maschinen, die die Welt durch ihre Abfallprodukte in eine ihnen passendere verwandeln würden. Durch ihre Leistungen hatten sie, also der Widerstand, in den letzten Jahren den Selbstzerstörungsprozess verlangsamen können, aber es fehlten ihnen noch die nötigen menschlichen Ressourcen, um sie endgültig zu stoppen, und wegen einer bewaffneten Einheit der Gegner, die sie jagte, konnten sie es nicht riskieren, Informationen über sich zu geben.
„… Wir haben dich also hierhergebracht, weil wir deine Unterstützung in unserem Kampf zum Schutz des Planeten erhoffen.“
Zwei Kräfte wüteten in Sophie: eine idealistische, die die Welt verändern wollte, und eine ängstliche, unsichere, die die erste zurückhielt. Wenn Sophie allein gewesen wäre, wenn sie all das auf Papier oder einer Internetseite gelesen hätte, dann hätte die zweite gewonnen, aber die Anwesenheit der anderen, die sie erwartungsvoll anschauten, machte es unglaublich schwer, diese normalerweise weniger aufwändige Option zu wählen. „Natürlich werde ich Euch helfen.“
„Endlich“, sagte ein Mädchen, das ungefähr so alt war wie sie, und öffnete die Hüttentüre, „Ich kann diese Kälte nicht länger aushalten.“
Der einzige Junge folgte ihr schnell in die Hütte, während das kleinere Mädchen anfing, mit Grete zu reden.
„Ich gehe jetzt deine Waffe holen“, sagte Zill und löste sich in Luft auf.
„Er wird etwa eine Stunde weg sein“, erklärte Grete. „Aus Sicherheitsgründen darf nur er wissen, wo die Waffen aufbewahrt werden. Mit Waffen meint er übrigens nicht konventionelle Schwerter und Pfeilbogen, sondern die ausserirdischen Waffen, die er gestohlen hat. Jeder von uns hat eine, aber nur wenige funktionieren gleich.“
„Wir sollten die anderen nicht länger warten lassen“, sagte die andere mit ruhiger Stimme. „Markus hat das Spiel sicher schon aufgestellt.“
Grete seufzte: „Ja, Eile mit Weile hat er aufgestellt.“
„Grete, Puerto Rico wäre für die Neue zu kompliziert. Wir haben das schon etliche Male besprochen!“
„Ja, aber …“
Sophie folgte den Diskutierenden in die Hütte: Das erste Zimmer war etwa so gross wie ihr Zimmer zu Hause und gleich wie dort waren die Wände hinter Schränken und Regalen versteckt, die hier aber mit alten Büchern und Brettspielen statt alten Schulbüchern und Kleidern vollgestopft waren, und wo das Fenster und ihr Computer gewesen wären, waren hier zwei Türen, worauf die Namen Grete und Isolde standen. Der Boden war mit einem dicken Teppich bedeckt und in der Mitte des Zimmers stand ein rechteckiger Holztisch mit fünf Stühlen, zwei davon schon besetzt, und ein Spielbrett aus Karton obendrauf. Drei leere Stühle standen in der Ecke links hinten.
Sophie setzte sich neben das Mädchen, das zuerst hineingekommen war.
„Also, Neue, welche Farbe willst du?“, fragte Gretes Freundin.
Sie schaute das Spielbrett an: „… gelb. Sind wir nicht zu viele?“
„Nein, als Neue musst du mit jemand anderem spielen, damit du gezwungen bist, dich sozial zu engagieren“, erklärte Grete, „Du wärst jetzt mit Charlotte, weil sie immer gelb ist. Ich bin übrigens rot, Isolde grün und Markus blau.“
Nach einer kurzen Erklärung der Regeln konnten sie anfangen.
„Weisst du, ich habe das Gefühl, dass ich dich von irgendwo kenne“, sagte das Mädchen neben ihr, also Charlotte, nachdem sie ihre Figur bewegt hatte, „Warst du im Tennisclub?“
„Nein, ich war nie Mitglied eines Clubs.“
„Dann muss ich dich aus der Schule kennen. Bist du mit Max oder Julian in der Klasse?“
„Max …“ Die Runde dauerte lange, weil der Junge, Markus, ein gegnerisches Stück aus Rücksicht nicht überholen wollte. „Das ist doch der Laute, Nervige, mit den blonden Haaren.“
„Dann bist du das Mädchen aus der Klasse d! Die, die immer alleine isst.“
Sophie spürte, wie ihre Wangen rot anliefen, als sie würfelte.
„Ich hätte nie gedacht, dass jemand aus der Schule hier auftauchen würde.“
Nach einer kurzen, unangenehmen Pause fing Charlotte an, sie mit Fragen über Lehrer, Noten und Klassenkameraden zu bombardieren, die Sophie gerne beantwortete. Lange redeten sie aber nicht über die Schule, als sie merkten, dass sie beide Rollenspiele spielten und sogar welche, die die andere kannte: Sie redeten über alle ihre Lieblingsteile und jede war begeistert davon, dass die andere ihre Meinung teilte, stritten sich aber auch ein bisschen, vor allem bezüglich der Charaktere; Charlotte war nämlich gegenüber den Bösewichten viel unsympathischer eingestellt als Sophie. Als Grete und Isolde ihrer Diskussion anderthalb Runden lang belustigt zugehört hatten, kehrte Zill zurück.
„Also, Sophie, könntest du bitte deinen Ärmel hochziehen?“, bat er.
Markus stand schnell auf und ging nach draussen, während Sophie seinen Anweisungen folgte. Auch Charlotte schaute weg, als das schwebende Licht sich ihrer Schulter näherte, und sie musste vom blendenden Licht wegschauen. Es pikste kurz, und dann flog Zill schon weg, ohne irgendwelche Spuren hinterlassen zu haben.
„Es wird einen Tag dauern, bis sich die Waffe völlig an deinen Körper angepasst hat“, erklärte er, „Dann musst du zurückkommen, damit wir sie aktivieren können. Jetzt solltest du aber nach Hause gehen, damit deine Familie dich nicht vermisst.“
„… dann sehen wir uns morgen wieder“, sagte sie und ging. Sie lief um den Tisch, aus der Türe und an Markus vorbei, und zielstrebig hinab zum Bahnhof. Die ganze Zeit dachte sie, dass sie länger hätte bleiben sollen, etwas hätte sagen sollen, hatte aber keine Ahnung, was dieses „etwas“ war.


Wie gestern nahm Sophie den fremden Zug vom Bahnhof Effikon, lief den Berg hinauf und kam zur Holzhütte, die sie mithilfe der Kraft des abgemachten Termins fast so einfach betreten konnte, wie sie sie gestern verlassen hatte. Als sie aber nur Isolde in dem Zimmer fand, wollte sie sofort wieder gehen, konnte aber nicht.
„Ah, Sophie“, sagte sie und schloss das alte Buch, das sie gelesen hatte, „Du bist ein bisschen früher hier als erwartet.“
„Ja“, antwortete Sophie unsicher, „Der vorherige Zug war zwei Minuten verspätet.“
Isolde musste kurz nachdenken, bevor sie die Aussage verstand. „Es ist eine Weile her, seit ich das letzte Mal mit dem Zug gefahren bin. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich in den letzten fünf Wochen diese Hütte verlassen habe: Grete war immer zu beschäftigt, um mich zu begleiten, seit Alexandra umgekommen ist. Es ist „…“
„Umgekommen?“ Sie war sich nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte.
„Ja. So etwas passiert, wenn man kämpft, um die Welt zu retten.“ Sie redete ganz gelassen. „Von den sieben, die ich bei meinem Beitritt zum Widerstand getroffen habe, lebt nur noch Grete. Die meisten von ihnen sind früh gestorben, aber sie, Alexandra und Maria, haben überlebt, weil sie stark waren. Besser gesagt, weil sie starke Waffen hatten. Meine Waffe ist eigentlich nicht …“
Wie eine alte Frau schwätzte Isolde pausenlos weiter: Nachdem sie beim Tod angefangen hatte, benutzte sie die Waffen als eine Brücke zu ihrer Sorge um Grete, die sie dann über einen Vergleich mit dem Buch, das sie vor einigen Minuten gelesen hatte, verliess, um zur Politik zu kommen. So wanderte sie Dutzende Minuten durch diverse, unverwandte Themen, bis sie durch Gretes Rückkehr unterbrochen wurde.
„Ah, Sophie, bist du nicht zu früh hier?“
„Sie konnte wegen einer Verspätung den vorherigen Zug nehmen“, erklärte Isolde.test

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