Yumi
EUR 18,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 134
ISBN: 978-3-7116-1303-5
Erscheinungsdatum: 20.01.2026
Kennst du Yumi? Lerne das freche Koboldmädchen kennen und stürze dich mit ihr ins Abenteuer. Finde heraus, wer oder was die furchtbaren Ereignisse auf dem friedlichen Kontinent Myteas verursacht und erlebe, wie sich Yumi mit ihren Gefährten der Gefahr stellt.
KAPITEL 1
– Folgenschwerer Erstkontakt –
Minu blickte in Richtung Osten. Der kühle, grüne Wald mit seinem weichen Moosboden war nur noch eine Erinnerung. Der Schutz der dichten Baumkronen war vergessen und die Sonne brannte heiß. Yumi legte ihrem treuen Begleiter die Hand auf den Rücken und sagte: „Ich weiß, dass du unsere Heimat vermisst. Du wolltest nie gehen, aber ich hatte keine Wahl. Ich habe alle enttäuscht und musste gehen. Es wäre nicht mehr gegangen. Ich wünschte auch, dass wir hätten bleiben können. Aber wir werden das schon irgendwie schaffen. Glaub mir. Jetzt lass uns erstmal schauen, dass wir hier irgendetwas Essbares finden. Dann wird es uns besser gehen.“ Traurig blickte nun auch Yumi in Richtung des Tokkawaldes, der Heimat der beiden. Das ungleiche Paar war seit einigen Wochen ziellos unterwegs. Yumi, ein Koboldmädchen, das kaum größer war als ein Menschenkind, und Minu, ein mystischer Kreuzfuchs, dessen Größe die eines normalen Fuchses um ein Vielfaches übertraf. Seine schmalen Beine wirkten durch das dunkle, lockige Fell am Körper und den großen, buschigen, schwarzen Schwanz unproportional lang. Die schwarz-rote Färbung des Fells betonte seine schlauen, smaragdgrünen Augen. Yumi hatte bis auf die Farbe der Augen und der Haare wenig mit ihm gemein. Ihr kleiner, gedrungener Koboldkörper wurde von einer waldgrünen Robe mit langer Kapuze bedeckt. Ihr langes, wildes, dunkelrotes Haar fiel üppig über ihre Schultern.
Von einem der sanften Hügel überblickten die beiden einen Teil der Ebene des Lebens. In der einst grünen und belebten Graslandschaft warteten die Bewohner seit Monaten vergeblich auf den erlösenden Regen. Auch die beiden spürten auf der Suche nach etwas Essbarem die Auswirkungen der anhaltenden Dürre. Nach etlichen Stunden ließ Yumi erschöpft und entmutigt ihre Tasche auf den Boden fallen und setzte sich daneben. „Es hat einfach keinen Zweck. Die Sträucher sind trocken und kahl und der Boden ist einfach zu hart! Da wächst nichts mehr. Wenn es nicht bald regnet, müssen wir uns was einfallen lassen, um an etwas Essbares zu kommen. Das Geld wird uns nicht ewig reichen!“ Sie griff nach ihrer Tasche und holte das letzte bisschen Proviant heraus. Als sie Minu etwas Trockenfleisch reichen wollte, sah sie ihn fragend an: „Was ist los?“ Minu hatte seine spitzen Ohren nach vorne gerichtet und stand mit angewinkelter Pfote da und blickte in die Ferne. Ein leises Grollen ließ sie aufhorchen. Nach einem weiteren Donner stand Yumi auf, klopfte sich den losen Staub von der Robe und schaute über die weite Ebene. Doch die hochstehende Sonne am wolkenlosen Himmel zerstörte die Hoffnung auf Regen. Da. Erneut war ein Dröhnen zu hören. Gefolgt von einem Lichtblitz. Minu knurrte. Yumi kniff die Augen zusammen und flüsterte: „Was ist das?“ In der Ferne konnte sie nur das Flimmern der heißen Luft in der Ebene erkennen. Jetzt wurde das Grollen immer lauter und unterbrach bedrohlich das Konzert der Zikaden. Plötzlich schnappte sich Minu den Umhang von Yumi, zerrte an ihm und zog sie weg. Sie sagte erschrocken: „Hey, was soll das? Lass das sein!“ und riss ihren Umhang zurück. Direkt vor ihren Füßen donnerte ein Blitz in den Boden. Das plötzliche Krachen ließ sie zusammenzucken. Dunkle Rauchschwaden stiegen in den Himmel. Dort, wo der Blitz eingeschlagen war, fing das trockene Gras sofort Feuer. Beißender Rauch füllte die Luft. Durch die dunklen Schwaden hindurch erkannte sie nun zwei erbittert gegeneinander kämpfende Männer. Einer von ihnen war in eine dunkle, violette Robe gehüllt, hatte blasse Haut und schwarze Haare und ließ laut zischende Lichtblitze auf seinen Gegner niederprasseln. Der andere Kämpfer lenkte diese geschickt mit seinem Schwert ab. Seine lederne Rüstung war mit silbernen und blauen Akzenten geschmückt und glänzte im Sonnenlicht. Yumi keuchte Minu zu: „Mist! Lauf! Wir müssen hier weg.“ Beide rannten den vor ihnen liegenden Hügel hinab. Doch so sehr sie sich auch bemühten, dem Kampf aus dem Weg zu gehen, die beiden Kämpfer bewegten sich immer wieder in ihre Richtung. Inzwischen schmetterte der dunkel gekleidete Mann neben den Blitzen auch massive Druckwellen auf den Schwertkämpfer. Diese breiteten sich wie monströse Stoßwellen mit einem tosenden Donner durch die Hügellandschaft aus. Der Krieger wurde von einer erfasst und weit zurückgeworfen. Schützend hielt er sein Schild vor sich. Nach einem kurzen Moment richtete er sich wieder auf und raste mit einem gewaltigen, übernatürlichen Sprint auf den anderen zu. Wieder wurde er durch eine mächtige Druckwelle zurückgeworfen. Dieses Mal entwickelte sie eine so hohe Wucht, dass sie weite Teile der Umgebung in Mitleidenschaft zog. Bäume knickten wie Streichhölzer um, Sträucher verneigten sich tief und sandiger Staub wurde aufgewirbelt. Wieder ein Schlag. Dieses Mal wurden auch Yumi und Minu auf der Flucht von hinten getroffen. Wie ein dumpfer Hammerschlag schleuderte die Welle die beiden ein paar Meter nach vorne. Yumi landete unsanft in einem ausgetrockneten Gestrüpp. Der Krieger landete neben ihr, erhob sich stöhnend und stürzte sich erneut auf den Gegner. Während sich Yumi noch keuchend aus dem stacheligen Gestrüpp befreite, schlug neben ihr erneut ein Blitz ein. Knisterndes Feuer breitete sich aus. Die aufgeworfene Staubwolke vermischte sich mit dickem Qualm und versperrte ihr nun vollkommen die Sicht. Hustend rief sie nach Minu. Doch ihre erstickte Stimme wurde durch ein weiteres ohrenbetäubendes Grollen verschluckt. Lauter und durchdringender als vorher. Tosend brach vor ihr der Boden auf. Die ausgedörrte Erde rutschte in einen gewaltigen Riss hinab. Der gesamte Hang kam in Bewegung. Zwischen Sträuchern, Felsen und Sandwällen drohte auch Yumi, in die Tiefe zu rutschen. Wild strampelnd versuchte sie, sich vom Abgrund wegzubewegen, doch die Erde rutschte unter ihren Händen weg. Immer öfter griff sie ins Leere. Gerade kippte sie nach vorn, als etwas sie am Arm packte und ruckartig zur Seite zog. Yumi wirbelte herum, um zu sehen, was es war. Minu! Er hatte sie aus dem Erdrutsch befreit, verlor nun aber selbst den Halt und glitt über die Erdkante. Entsetzt sah sie, wie ihr geliebter Fuchs versuchte, sich im herabstürzenden Erdfall nach oben zu kämpfen. Immer wieder traten seine Pfoten ins Leere. Yumi starrte hinab, krallte sich an der Abbruchkante fest und schrie verzweifelt seinen Namen. Seine Sprünge wurden kleiner und kleiner, bis er zwischen den Felsen und Erdmassen in der tiefen Erdspalte verschwand. Entsetzt starrte Yumi auf die Stelle, an der gerade noch ihr Fuchs zu sehen war. Das Tosen ebbte ab. Kein Grollen, kein Donnern, kein Zirpen waren zu hören. Nur noch tödliche Stille.
Es vergingen zwei Tage voller Verzweiflung, Hoffnung und ununterbrochener Suche nach ihrem Begleiter. Am Abend des zweiten Tages zwang der Hunger Yumi, aufzugeben. Die erfolglose Suche im Geröllfeld hatte Spuren hinterlassen. Abdrücke ihrer vom Graben blutigen Finger und verwischten Tränen zeichneten ein Bild der Verzweiflung auf ihren staubigen Wangen. Ihre Kleidung war von oben bis unten mit Dreck bedeckt. Entkräftet stolperte sie in Richtung Westen. Die tief stehende Abendsonne färbte die Umgebung in einen tiefen, schweren Orangeton. Nur ihr langer Schatten war ihr Begleiter auf dem einsamen Weg. Nach einiger Zeit kam sie an den Vorläufern des Plateaugebirges an. Ihr fiel ein mit Steinsäulen umrahmter Pfad auf. Am Ende thronte ein großes, schwarzes Tor. Sie hielt inne, überlegte und ging langsam darauf zu. Die gewaltigen Steinsäulen schauten auf sie hinab. Als sie sich dem schweren Tor näherte, öffnete es sich langsam knarzend wie von Zauberhand. Kühle Luft strömte ihr entgegen und trug den mineralischen Geruch feuchter Erde mit sich. Die drohende Dunkelheit der kommenden Nacht drängte sie in den mit Fackeln beleuchteten Eingang. Erschöpft ging sie den gewundenen Pfad in die Tiefe hinab. Das Knurren ihres Magens durchbrach die Stille und ließ sie zusammenzucken. Nach einem weiteren Stück des Weges drangen Geräusche aus dem Inneren. Mit jedem Schritt wuchsen das fröhliche Stimmengewirr und ihre Neugier. Als sie das Ende des Tunnels erreichte, riss sie wie verzaubert die Augen auf. Mit einem Mal eröffnete sich vor ihr eine gewaltige Grotte, die einen atemberaubend schönen Marktplatz beherbergte. Ein mit strahlenden Edelsteinen besetzter Brunnen bildete das Zentrum. Eine solch imposante Myteonquelle hatte sie noch nie gesehen. Das strahlende Blau des Myteon, der reinen Energie der Götter, die den Kontinent und die Völker versorgte, erhellte die gesamte Höhle. Dutzende bunt verzierte Marktstände bildeten vier Ringe um den Brunnen herum. Bunte Fahnen zierten die Dächer der Stände und gaben Auskunft über die Waren. Es herrschte ein reges Treiben. Laute Musik und ein wirres Stimmenmeer füllten den gesamten Raum. Erneut riss Yumi das laute Knurren ihres Magens aus den Gedanken. Hungrig tauchte sie in die Welt des Marktes ein. Unterschiedlichste Gerüche und Düfte zogen an ihr vorbei. Zwischen dem schweren, metallischen Geruch der Schmiede drängte sich der Duft von frisch zubereitetem Essen. Von Hunger getrieben, folgte sie ihrer Nase. Vorbei an Zwergen, die sie teils verwundert, mitleidig oder abschätzend beäugten. Das Aroma frisch gebackenen Brotes und der Duft nach gegrillten Fleischspießen hingen in der Luft. Als sie die Berge an all den Speisen entdeckte, wurden ihre Lebensgeister wieder geweckt. Hastig fing Yumi am ersten Stand an zu bestellen. Ein junger Zwerg sah sie unsicher an.
„Hallo, zwei gefüllte Muscheln, ein Pilzspieß, gegrillte Ananas und …“, gerade überlegte sie, was es noch werden soll, als sie unterbrochen wurde.
„Du hier? Streuner wie dich wollen wir hier nicht! Mach, dass du wegkommst.“
Yumi sah verwundert zur Seite, doch wandte sich wieder dem Verkäufer zu.
„… und fünf Herzäpfel, bitte“, beendete sie ihren Satz.
„Hast du nicht gehört? Hau ab! Diebisches Gesindel! Wer hat dich überhaupt hier reingelassen? So dreckig, wie du bist, hast du bestimmt kein Geld.“ Er ging auf sie zu. Die Schnallen an seinen schweren Stiefeln rasselten bedrohlich. „Ver-schwin-de!“ Seine Stimme wurde lauter und fordernder.
Verunsichert blickte der junge Verkäufer vom Stand zwischen Yumi und dem alten Zwerg hin und her.
Ernst wandte sich der Zwerg an den Verkäufer und zeigte mit dem Finger auf Yumi: „Du verkaufst ihr nichts, hast du gehört? Diebe sind hier nicht erwünscht!“ Anschließend knurrte er Yumi zu: „Und du, mach dich endlich vom Acker, du Gnom!“
Yumi ignorierte weiterhin den alten Zwerg und lächelte den Verkäufer an. „Zum Mitnehmen bitte. Habt ihr auch noch Sonnenbeerenkuchen da? Ich bin wirklich hungrig!“
Da platzte dem alten Zwerg der Kragen. „Hat man so was schon erlebt?! Dir werde ich Manieren beibringen, du garstiges Kind!“ Er bewegte sich auf sie zu und griff nach ihrem Arm.
Yumi hatte nun genug und wandte sich zu dem Zwerg. Ruhig sagte sie: „Ich gehe erst, wenn ich was gegessen habe, und jetzt lass mich los!“ Sie holte ihren Zauberstab aus der Tasche und zeigte mit diesem auf den alten keifenden Zwerg. Mit einem Mal war Ruhe. Der Zwerg zappelte und hampelte, doch kein Ton verließ mehr seinen Mund.
„Nun, so ist es besser. Also, alles zum Mitnehmen bitte.“ Yumi lächelte den Verkäufer fröhlich an. Dieser starrte mit offenem Mund den stumm tobenden Zwerg an und packte eilig die Tüten.
„Danke“, sagte Yumi grinsend, als sie endlich ihr Essen in den Händen hielt. Sie suchte sich gerade einen gemütlichen Platz, als sie plötzlich einen festen Griff auf ihrer Schulter spürte. Eine tiefe Stimme ertönte. „Zaubern verboten! Schon allein für den Zauberstab könnten wir dich Monate einsperren!“ Yumi drehte sich um und sah zwei voll bewaffnete Wachen. Beschwichtigend versuchte sie, sich herauszureden. „Hey, ich wollte doch nur was zu essen kaufen, als mich dieser alte Meckerzwerg angegriffen hat. Es war reine Notwehr! Und woher sollte ich wissen, dass es verboten ist? Ich bin das erste Mal hier. Stellt doch Schilder auf!“ Die Wachen deuteten auf eines der vielen Verbotsschilder. Anschließend griffen sie Yumi und zogen sie in Richtung eines der Tunnel. „Wirklich. Ich habe das nicht gewusst. Ich mach es auch nie wieder. Aber ihr solltet lieber diesen Pöbler mitnehmen und nicht mich.“ Ohne jegliche Reaktion nahmen die Wachen Yumi ihre Tasche mitsamt ihrem Zauberstab ab und stießen sie weiter vorwärts in Richtung der Verliese. Die schweren Schritte hallten durch die leeren, mit Fackeln gesäumten Gänge. Kalte, feuchte Luft kam ihnen entgegen. Den intensiven Geruch nach Metall konnte Yumi sogar schmecken. Frust breitete sich in ihr aus. Als sie die Zelle erreichten, öffneten die Wachen quietschend die Metalltür und schubsten Yumi ruppig hinein.
„Du bleibst erst mal hier! Mal sehen, was wir mit dir machen!“ Mit einem lauten Scheppern fiel die Tür ins Schloss. Yumi griff mit beiden Händen um die kalten Metallstreben der Tür und keifte die Wachen an. „Hey! Der alte Gnom hat es nicht anders verdient. Jetzt lasst mich endlich raus.“ Doch die Wachen liefen ohne Reaktion davon. Yumi ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen und rutschte langsam an ihr herab. „So ein Mist. Das fehlte mir gerade noch.“ Mit geschlossenen Augen legte sie ihren Kopf in den Nacken und atmete schnaufend aus. Das Knurren ihres Magens holte sie aus den Gedanken. Seufzend holte sie den Apfel, den sie im Tumult schnell eingepackt hatte, unter der Robe hervor. Als sie hineinbeißen wollte, merkte sie, dass sie nicht allein war. Im fahlen Licht der Zelle erkannte sie eine Gestalt, die am anderen Ende kauerte. Erst als sich ihre Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie erkennen, wer es war. Wut stieg in ihr auf. Zornig erhob sie sich, stellte sich vor den Krieger und brüllte: „Das kann doch nicht wahr sein! Du! Du bist schuld! Wegen dir ist das alles passiert!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Hörst du? Ich rede mit dir!“ Doch der Krieger kauerte in der Ecke und blickte ins Leere. „Hey! Ich rede mit dir! Wegen dir und dem anderen Mistkerl ist …“ Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Allein der Gedanke an Minu versetzte ihr einen Stich ins Herz. Zornig schmiss sie den Apfel mit voller Wucht gegen den Kopf des Kriegers. Dennoch blieb er regungslos sitzen. „Da kannst du lange warten. Der sitzt da seit zwei Tagen und macht keinen Mucks.“ Yumi erschrak und fuhr herum. Hinter ihr stand plötzlich ein kleines Zwergenmädchen an der Tür. „Den haben sie so gefunden und hier eingesperrt. Ich bringe ihm jeden Tag was zu essen, aber der regt sich nicht. Wenn du magst, kannst du es haben.“
Yumi sah das Zwergenmädchen lange an und griff dann gierig nach dem Teller. „Ich muss dann auch gleich weiter. Wir sehen uns“, sagte das Mädchen freundlich. Während Yumi das Essen verschlang und das Wasser hinunterstürzte, starrte sie den Krieger finster an. Wütend warf sie auch den leeren Becher nach ihm. „Mir machst du nichts vor. Dafür wirst du noch bezahlen!“ Tränen der Verzweiflung liefen über ihr Gesicht.
KAPITEL 2
– In den Zwergenhöhlen –
Als Kiko an dem Abend nach Hause in ihre Höhle kam, war es ruhig und friedlich. Das Kerzenlicht flackerte und tanzte an den großen Holzbalken an der Decke und den gemauerten Wänden. Eine wohlige Wärme empfing sie und hüllte die ganze Höhle in eine gemütliche Atmosphäre. Das Zwergenmädchen schlüpfte aus den Stiefeln, band sich gekonnt ihre langen blonden Haare zusammen und machte sich auf den Weg in die Küche. Im Flur wurde sie emsig von ihrem Kater begrüßt, der sich eine kleine Streicheleinheit abholte. Kikos große grüne Augen blitzten erfreut auf. Aufgekratzt erzählte sie ihm von ihrem Tag: „Hallo Kuro. Na, mein Lieber? Hast du dich auch gut benommen, als ich weg war? Ich bin völlig erledigt! So viele Tiere brauchen meine Hilfe. Es ist furchtbar, wie viele bei dem Erdrutsch verletzt wurden oder ihr Zuhause verloren haben. Aber es gibt gute Nachrichten. Der kleinen Flughasenfamilie geht es deutlich besser. Ich glaube, sie können bald wieder in die Ebene zurück. Aber ich fürchte, die Grasmäuse müssen noch lange bleiben. Bei der Trockenheit ist der Boden viel zu hart, als dass sie einen neuen Bau graben könnten. Es ist schrecklich. Mal sehen, wie es weitergeht. Auch mit den anderen Tieren. Aber solange es sein muss, werde ich mich um sie kümmern.“ Kuro wand sich aus ihren Armen und mauzte laut. „Ja, schon verstanden. Um dich kümmere ich mich als Erstes. Ich mach dir gleich noch was zu essen. Ich muss nur schnell die Sachen sauber machen und das Abendessen vorbereiten, bevor Karok nach Hause kommt. Danach können wir auch noch ein bisschen spielen. Versprochen!“ Kiko warf ihrem Kater noch einen Kuss zu und huschte in die Küche. Diese war klein und vollgestopft bis unter die Decke. An der rechten Seite waren Dutzende Teller, Tassen, Töpfe und Küchenutensilien auf verschiedenen Regalen aufgereiht. Vor den Regalen befand sich ein alter Holztisch mit drei passenden Schemeln. Auf der anderen Seite gab es eine kleine Feuerstelle, über der ein großer Topf hing, und daneben war ein großes Steinbecken. Zu diesem wendete sich Kiko, griff in ihre Tasche und holte in ein Bündel gewickeltes schmutziges Geschirr heraus. Die Tasche warf sie auf die Seite und das Geschirr stellte sie zu den restlichen schmutzigen Tellern in die Steinspüle. Summend machte Kiko sich an das Abendessen. Gerade als sie den Kessel mit dem Feuerbohneneintopf über das Feuer hing, hörte sie scheppernde Geräusche im Flur. Kurze Zeit später betrat ein breitschultriger Zwerg die Küche. Seine glänzende Rüstung der Zwergenwache zeigte seinen hohen Rang als Kommandant. Sein voller, dunkelbrauner Bart hing aufwendig geflochten darüber und reichte bis zu seinem Bauch. Eine nicht mindere Haarpracht schmückte seinen Kopf, aus dem schmale, ernste Augen in Richtung Kiko blickten. Passend zum Blick sprach Karok ernst: „Ein Mal. Ein einziges Mal möchte ich heimkommen und nicht über deine Unordnung stolpern. Wie oft habe ich dir gesagt, dass du dein Zeug wegräumen sollst. Und hier geht es gerade so weiter. Was ist das hier alles für Zeug?“ Karok hob Kikos Tasche vom Boden auf und ließ sie an einem Finger baumeln. „Räum das gefälligst weg. Ich habe andere wichtige Dinge zu tun!“
Kiko flitzte zu ihm herüber und schnappte sich ihre Tasche. „Ja, Papa. Natürlich. Tut mir leid. Kommt nicht wieder vor. Ich räume es gleich auf. Ich habe für uns gekocht. Dein Lieblingsessen. Eintopf“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen.
Karok linste in den Kessel und antwortete: „Na gut, aber viel Zeit habe ich nicht. Nach dem Essen muss ich nochmal runter zu den Wachen. Da geht es in letzter Zeit drunter und drüber. Die haben heute so eine kleine Göre geschnappt, die nichts Besseres zu tun hatte, als mitten auf dem Marktplatz zu zaubern. Das Verbot seit dem Vorfall mit dem Zauberer sollte doch nun allen bekannt sein. Ist ja nicht so, als hätten wir mit den Folgen nicht schon genug zu tun. Da braucht es nicht noch aufmüpfige Gören, die alle Regeln brechen und dann auch noch frech werden. Der werde ich erstmal ein paar Manieren beibringen. Ein paar Tage in der Zelle werden ihr gut tun.“
Kiko deckte in der Zwischenzeit eilig den Tisch, an den sich Karok gesetzt hatte, und hörte aufmerksam zu. Dieser redete sich langsam immer mehr in Rage.
„Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie er an all den Wachen vorbei in die Schatzkammer vordringen und unser Artefakt rauben konnte. Da steckt etwas Dunkles und Böses dahinter. Und dann noch dieser Erdrutsch. Die Erdmassen blockieren immer noch die wichtigsten Verbindungswege. Es dauert ewig, bis man von der Wachstelle zu den Zellen kommt. Und die Wachleute nutzen das natürlich aus und schlendern plaudernd durch die Gänge. Als hätten sie nichts zu tun. Faules Pack!“, fuhr er wütend fort. „Da tratschen die Wachen lieber darüber, dass jemand unseren Gefangenen Essen bringt, als etwas dagegen zu unternehmen. Teller haben sie gefunden, aber nichts gemacht. Kannst du das glauben? Ich nicht. Da gibt es jemanden, der so dumm ist und sich die Mühe macht, für Gefangene zu kochen und es ihnen auch noch zu bringen, und meine Leute machen noch nicht einmal was dagegen. Wenn ich den zwischen die Finger bekomme.“
Obwohl Kiko es besser wusste, unterbrach sie ihr Schweigen: „Vielleicht hat jemand Mitleid mit ihm und macht deswegen Essen. Er scheint ja kein Monster oder böse Seele zu sein. Vielleicht unternehmen deshalb auch die Wachen nichts.“
Karok blickte finster zu Kiko hinüber: „Ihm? Woher weißt du, dass es ein Er ist? Weißt du etwa mehr darüber? Hast du etwa was damit zu tun?“, fragte Karok und durchbohrte seine Tochter mit einem ernsten Blick.
„Ich? Nein! Auf keinen Fall! Wie kommst du denn darauf? Woher sollte ich denn mehr darüber wissen? Ich bin doch nur hier oben unterwegs und kümmere mich um die Höhle. Außerdem muss ich ja noch in die Schule. Ich hätte gar keine Zeit noch für Fremde zu kochen und zu euch nach unten zu kommen.“, antwortete Kiko und schaute ihn unsicher an.
Karok blickte sie weiterhin ernst an und sagte streng: „Nun ja. Nur damit eines klar ist. Ich weiß, dass du dich um die ganzen Tiere hier kümmerst, aber du besuchst und verköstigst keine Gefangenen! Haben wir uns da verstanden?“
…
– Folgenschwerer Erstkontakt –
Minu blickte in Richtung Osten. Der kühle, grüne Wald mit seinem weichen Moosboden war nur noch eine Erinnerung. Der Schutz der dichten Baumkronen war vergessen und die Sonne brannte heiß. Yumi legte ihrem treuen Begleiter die Hand auf den Rücken und sagte: „Ich weiß, dass du unsere Heimat vermisst. Du wolltest nie gehen, aber ich hatte keine Wahl. Ich habe alle enttäuscht und musste gehen. Es wäre nicht mehr gegangen. Ich wünschte auch, dass wir hätten bleiben können. Aber wir werden das schon irgendwie schaffen. Glaub mir. Jetzt lass uns erstmal schauen, dass wir hier irgendetwas Essbares finden. Dann wird es uns besser gehen.“ Traurig blickte nun auch Yumi in Richtung des Tokkawaldes, der Heimat der beiden. Das ungleiche Paar war seit einigen Wochen ziellos unterwegs. Yumi, ein Koboldmädchen, das kaum größer war als ein Menschenkind, und Minu, ein mystischer Kreuzfuchs, dessen Größe die eines normalen Fuchses um ein Vielfaches übertraf. Seine schmalen Beine wirkten durch das dunkle, lockige Fell am Körper und den großen, buschigen, schwarzen Schwanz unproportional lang. Die schwarz-rote Färbung des Fells betonte seine schlauen, smaragdgrünen Augen. Yumi hatte bis auf die Farbe der Augen und der Haare wenig mit ihm gemein. Ihr kleiner, gedrungener Koboldkörper wurde von einer waldgrünen Robe mit langer Kapuze bedeckt. Ihr langes, wildes, dunkelrotes Haar fiel üppig über ihre Schultern.
Von einem der sanften Hügel überblickten die beiden einen Teil der Ebene des Lebens. In der einst grünen und belebten Graslandschaft warteten die Bewohner seit Monaten vergeblich auf den erlösenden Regen. Auch die beiden spürten auf der Suche nach etwas Essbarem die Auswirkungen der anhaltenden Dürre. Nach etlichen Stunden ließ Yumi erschöpft und entmutigt ihre Tasche auf den Boden fallen und setzte sich daneben. „Es hat einfach keinen Zweck. Die Sträucher sind trocken und kahl und der Boden ist einfach zu hart! Da wächst nichts mehr. Wenn es nicht bald regnet, müssen wir uns was einfallen lassen, um an etwas Essbares zu kommen. Das Geld wird uns nicht ewig reichen!“ Sie griff nach ihrer Tasche und holte das letzte bisschen Proviant heraus. Als sie Minu etwas Trockenfleisch reichen wollte, sah sie ihn fragend an: „Was ist los?“ Minu hatte seine spitzen Ohren nach vorne gerichtet und stand mit angewinkelter Pfote da und blickte in die Ferne. Ein leises Grollen ließ sie aufhorchen. Nach einem weiteren Donner stand Yumi auf, klopfte sich den losen Staub von der Robe und schaute über die weite Ebene. Doch die hochstehende Sonne am wolkenlosen Himmel zerstörte die Hoffnung auf Regen. Da. Erneut war ein Dröhnen zu hören. Gefolgt von einem Lichtblitz. Minu knurrte. Yumi kniff die Augen zusammen und flüsterte: „Was ist das?“ In der Ferne konnte sie nur das Flimmern der heißen Luft in der Ebene erkennen. Jetzt wurde das Grollen immer lauter und unterbrach bedrohlich das Konzert der Zikaden. Plötzlich schnappte sich Minu den Umhang von Yumi, zerrte an ihm und zog sie weg. Sie sagte erschrocken: „Hey, was soll das? Lass das sein!“ und riss ihren Umhang zurück. Direkt vor ihren Füßen donnerte ein Blitz in den Boden. Das plötzliche Krachen ließ sie zusammenzucken. Dunkle Rauchschwaden stiegen in den Himmel. Dort, wo der Blitz eingeschlagen war, fing das trockene Gras sofort Feuer. Beißender Rauch füllte die Luft. Durch die dunklen Schwaden hindurch erkannte sie nun zwei erbittert gegeneinander kämpfende Männer. Einer von ihnen war in eine dunkle, violette Robe gehüllt, hatte blasse Haut und schwarze Haare und ließ laut zischende Lichtblitze auf seinen Gegner niederprasseln. Der andere Kämpfer lenkte diese geschickt mit seinem Schwert ab. Seine lederne Rüstung war mit silbernen und blauen Akzenten geschmückt und glänzte im Sonnenlicht. Yumi keuchte Minu zu: „Mist! Lauf! Wir müssen hier weg.“ Beide rannten den vor ihnen liegenden Hügel hinab. Doch so sehr sie sich auch bemühten, dem Kampf aus dem Weg zu gehen, die beiden Kämpfer bewegten sich immer wieder in ihre Richtung. Inzwischen schmetterte der dunkel gekleidete Mann neben den Blitzen auch massive Druckwellen auf den Schwertkämpfer. Diese breiteten sich wie monströse Stoßwellen mit einem tosenden Donner durch die Hügellandschaft aus. Der Krieger wurde von einer erfasst und weit zurückgeworfen. Schützend hielt er sein Schild vor sich. Nach einem kurzen Moment richtete er sich wieder auf und raste mit einem gewaltigen, übernatürlichen Sprint auf den anderen zu. Wieder wurde er durch eine mächtige Druckwelle zurückgeworfen. Dieses Mal entwickelte sie eine so hohe Wucht, dass sie weite Teile der Umgebung in Mitleidenschaft zog. Bäume knickten wie Streichhölzer um, Sträucher verneigten sich tief und sandiger Staub wurde aufgewirbelt. Wieder ein Schlag. Dieses Mal wurden auch Yumi und Minu auf der Flucht von hinten getroffen. Wie ein dumpfer Hammerschlag schleuderte die Welle die beiden ein paar Meter nach vorne. Yumi landete unsanft in einem ausgetrockneten Gestrüpp. Der Krieger landete neben ihr, erhob sich stöhnend und stürzte sich erneut auf den Gegner. Während sich Yumi noch keuchend aus dem stacheligen Gestrüpp befreite, schlug neben ihr erneut ein Blitz ein. Knisterndes Feuer breitete sich aus. Die aufgeworfene Staubwolke vermischte sich mit dickem Qualm und versperrte ihr nun vollkommen die Sicht. Hustend rief sie nach Minu. Doch ihre erstickte Stimme wurde durch ein weiteres ohrenbetäubendes Grollen verschluckt. Lauter und durchdringender als vorher. Tosend brach vor ihr der Boden auf. Die ausgedörrte Erde rutschte in einen gewaltigen Riss hinab. Der gesamte Hang kam in Bewegung. Zwischen Sträuchern, Felsen und Sandwällen drohte auch Yumi, in die Tiefe zu rutschen. Wild strampelnd versuchte sie, sich vom Abgrund wegzubewegen, doch die Erde rutschte unter ihren Händen weg. Immer öfter griff sie ins Leere. Gerade kippte sie nach vorn, als etwas sie am Arm packte und ruckartig zur Seite zog. Yumi wirbelte herum, um zu sehen, was es war. Minu! Er hatte sie aus dem Erdrutsch befreit, verlor nun aber selbst den Halt und glitt über die Erdkante. Entsetzt sah sie, wie ihr geliebter Fuchs versuchte, sich im herabstürzenden Erdfall nach oben zu kämpfen. Immer wieder traten seine Pfoten ins Leere. Yumi starrte hinab, krallte sich an der Abbruchkante fest und schrie verzweifelt seinen Namen. Seine Sprünge wurden kleiner und kleiner, bis er zwischen den Felsen und Erdmassen in der tiefen Erdspalte verschwand. Entsetzt starrte Yumi auf die Stelle, an der gerade noch ihr Fuchs zu sehen war. Das Tosen ebbte ab. Kein Grollen, kein Donnern, kein Zirpen waren zu hören. Nur noch tödliche Stille.
Es vergingen zwei Tage voller Verzweiflung, Hoffnung und ununterbrochener Suche nach ihrem Begleiter. Am Abend des zweiten Tages zwang der Hunger Yumi, aufzugeben. Die erfolglose Suche im Geröllfeld hatte Spuren hinterlassen. Abdrücke ihrer vom Graben blutigen Finger und verwischten Tränen zeichneten ein Bild der Verzweiflung auf ihren staubigen Wangen. Ihre Kleidung war von oben bis unten mit Dreck bedeckt. Entkräftet stolperte sie in Richtung Westen. Die tief stehende Abendsonne färbte die Umgebung in einen tiefen, schweren Orangeton. Nur ihr langer Schatten war ihr Begleiter auf dem einsamen Weg. Nach einiger Zeit kam sie an den Vorläufern des Plateaugebirges an. Ihr fiel ein mit Steinsäulen umrahmter Pfad auf. Am Ende thronte ein großes, schwarzes Tor. Sie hielt inne, überlegte und ging langsam darauf zu. Die gewaltigen Steinsäulen schauten auf sie hinab. Als sie sich dem schweren Tor näherte, öffnete es sich langsam knarzend wie von Zauberhand. Kühle Luft strömte ihr entgegen und trug den mineralischen Geruch feuchter Erde mit sich. Die drohende Dunkelheit der kommenden Nacht drängte sie in den mit Fackeln beleuchteten Eingang. Erschöpft ging sie den gewundenen Pfad in die Tiefe hinab. Das Knurren ihres Magens durchbrach die Stille und ließ sie zusammenzucken. Nach einem weiteren Stück des Weges drangen Geräusche aus dem Inneren. Mit jedem Schritt wuchsen das fröhliche Stimmengewirr und ihre Neugier. Als sie das Ende des Tunnels erreichte, riss sie wie verzaubert die Augen auf. Mit einem Mal eröffnete sich vor ihr eine gewaltige Grotte, die einen atemberaubend schönen Marktplatz beherbergte. Ein mit strahlenden Edelsteinen besetzter Brunnen bildete das Zentrum. Eine solch imposante Myteonquelle hatte sie noch nie gesehen. Das strahlende Blau des Myteon, der reinen Energie der Götter, die den Kontinent und die Völker versorgte, erhellte die gesamte Höhle. Dutzende bunt verzierte Marktstände bildeten vier Ringe um den Brunnen herum. Bunte Fahnen zierten die Dächer der Stände und gaben Auskunft über die Waren. Es herrschte ein reges Treiben. Laute Musik und ein wirres Stimmenmeer füllten den gesamten Raum. Erneut riss Yumi das laute Knurren ihres Magens aus den Gedanken. Hungrig tauchte sie in die Welt des Marktes ein. Unterschiedlichste Gerüche und Düfte zogen an ihr vorbei. Zwischen dem schweren, metallischen Geruch der Schmiede drängte sich der Duft von frisch zubereitetem Essen. Von Hunger getrieben, folgte sie ihrer Nase. Vorbei an Zwergen, die sie teils verwundert, mitleidig oder abschätzend beäugten. Das Aroma frisch gebackenen Brotes und der Duft nach gegrillten Fleischspießen hingen in der Luft. Als sie die Berge an all den Speisen entdeckte, wurden ihre Lebensgeister wieder geweckt. Hastig fing Yumi am ersten Stand an zu bestellen. Ein junger Zwerg sah sie unsicher an.
„Hallo, zwei gefüllte Muscheln, ein Pilzspieß, gegrillte Ananas und …“, gerade überlegte sie, was es noch werden soll, als sie unterbrochen wurde.
„Du hier? Streuner wie dich wollen wir hier nicht! Mach, dass du wegkommst.“
Yumi sah verwundert zur Seite, doch wandte sich wieder dem Verkäufer zu.
„… und fünf Herzäpfel, bitte“, beendete sie ihren Satz.
„Hast du nicht gehört? Hau ab! Diebisches Gesindel! Wer hat dich überhaupt hier reingelassen? So dreckig, wie du bist, hast du bestimmt kein Geld.“ Er ging auf sie zu. Die Schnallen an seinen schweren Stiefeln rasselten bedrohlich. „Ver-schwin-de!“ Seine Stimme wurde lauter und fordernder.
Verunsichert blickte der junge Verkäufer vom Stand zwischen Yumi und dem alten Zwerg hin und her.
Ernst wandte sich der Zwerg an den Verkäufer und zeigte mit dem Finger auf Yumi: „Du verkaufst ihr nichts, hast du gehört? Diebe sind hier nicht erwünscht!“ Anschließend knurrte er Yumi zu: „Und du, mach dich endlich vom Acker, du Gnom!“
Yumi ignorierte weiterhin den alten Zwerg und lächelte den Verkäufer an. „Zum Mitnehmen bitte. Habt ihr auch noch Sonnenbeerenkuchen da? Ich bin wirklich hungrig!“
Da platzte dem alten Zwerg der Kragen. „Hat man so was schon erlebt?! Dir werde ich Manieren beibringen, du garstiges Kind!“ Er bewegte sich auf sie zu und griff nach ihrem Arm.
Yumi hatte nun genug und wandte sich zu dem Zwerg. Ruhig sagte sie: „Ich gehe erst, wenn ich was gegessen habe, und jetzt lass mich los!“ Sie holte ihren Zauberstab aus der Tasche und zeigte mit diesem auf den alten keifenden Zwerg. Mit einem Mal war Ruhe. Der Zwerg zappelte und hampelte, doch kein Ton verließ mehr seinen Mund.
„Nun, so ist es besser. Also, alles zum Mitnehmen bitte.“ Yumi lächelte den Verkäufer fröhlich an. Dieser starrte mit offenem Mund den stumm tobenden Zwerg an und packte eilig die Tüten.
„Danke“, sagte Yumi grinsend, als sie endlich ihr Essen in den Händen hielt. Sie suchte sich gerade einen gemütlichen Platz, als sie plötzlich einen festen Griff auf ihrer Schulter spürte. Eine tiefe Stimme ertönte. „Zaubern verboten! Schon allein für den Zauberstab könnten wir dich Monate einsperren!“ Yumi drehte sich um und sah zwei voll bewaffnete Wachen. Beschwichtigend versuchte sie, sich herauszureden. „Hey, ich wollte doch nur was zu essen kaufen, als mich dieser alte Meckerzwerg angegriffen hat. Es war reine Notwehr! Und woher sollte ich wissen, dass es verboten ist? Ich bin das erste Mal hier. Stellt doch Schilder auf!“ Die Wachen deuteten auf eines der vielen Verbotsschilder. Anschließend griffen sie Yumi und zogen sie in Richtung eines der Tunnel. „Wirklich. Ich habe das nicht gewusst. Ich mach es auch nie wieder. Aber ihr solltet lieber diesen Pöbler mitnehmen und nicht mich.“ Ohne jegliche Reaktion nahmen die Wachen Yumi ihre Tasche mitsamt ihrem Zauberstab ab und stießen sie weiter vorwärts in Richtung der Verliese. Die schweren Schritte hallten durch die leeren, mit Fackeln gesäumten Gänge. Kalte, feuchte Luft kam ihnen entgegen. Den intensiven Geruch nach Metall konnte Yumi sogar schmecken. Frust breitete sich in ihr aus. Als sie die Zelle erreichten, öffneten die Wachen quietschend die Metalltür und schubsten Yumi ruppig hinein.
„Du bleibst erst mal hier! Mal sehen, was wir mit dir machen!“ Mit einem lauten Scheppern fiel die Tür ins Schloss. Yumi griff mit beiden Händen um die kalten Metallstreben der Tür und keifte die Wachen an. „Hey! Der alte Gnom hat es nicht anders verdient. Jetzt lasst mich endlich raus.“ Doch die Wachen liefen ohne Reaktion davon. Yumi ließ sich mit dem Rücken gegen die Wand fallen und rutschte langsam an ihr herab. „So ein Mist. Das fehlte mir gerade noch.“ Mit geschlossenen Augen legte sie ihren Kopf in den Nacken und atmete schnaufend aus. Das Knurren ihres Magens holte sie aus den Gedanken. Seufzend holte sie den Apfel, den sie im Tumult schnell eingepackt hatte, unter der Robe hervor. Als sie hineinbeißen wollte, merkte sie, dass sie nicht allein war. Im fahlen Licht der Zelle erkannte sie eine Gestalt, die am anderen Ende kauerte. Erst als sich ihre Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnte sie erkennen, wer es war. Wut stieg in ihr auf. Zornig erhob sie sich, stellte sich vor den Krieger und brüllte: „Das kann doch nicht wahr sein! Du! Du bist schuld! Wegen dir ist das alles passiert!“ Ihre Stimme überschlug sich. „Hörst du? Ich rede mit dir!“ Doch der Krieger kauerte in der Ecke und blickte ins Leere. „Hey! Ich rede mit dir! Wegen dir und dem anderen Mistkerl ist …“ Die Worte blieben ihr im Hals stecken. Allein der Gedanke an Minu versetzte ihr einen Stich ins Herz. Zornig schmiss sie den Apfel mit voller Wucht gegen den Kopf des Kriegers. Dennoch blieb er regungslos sitzen. „Da kannst du lange warten. Der sitzt da seit zwei Tagen und macht keinen Mucks.“ Yumi erschrak und fuhr herum. Hinter ihr stand plötzlich ein kleines Zwergenmädchen an der Tür. „Den haben sie so gefunden und hier eingesperrt. Ich bringe ihm jeden Tag was zu essen, aber der regt sich nicht. Wenn du magst, kannst du es haben.“
Yumi sah das Zwergenmädchen lange an und griff dann gierig nach dem Teller. „Ich muss dann auch gleich weiter. Wir sehen uns“, sagte das Mädchen freundlich. Während Yumi das Essen verschlang und das Wasser hinunterstürzte, starrte sie den Krieger finster an. Wütend warf sie auch den leeren Becher nach ihm. „Mir machst du nichts vor. Dafür wirst du noch bezahlen!“ Tränen der Verzweiflung liefen über ihr Gesicht.
KAPITEL 2
– In den Zwergenhöhlen –
Als Kiko an dem Abend nach Hause in ihre Höhle kam, war es ruhig und friedlich. Das Kerzenlicht flackerte und tanzte an den großen Holzbalken an der Decke und den gemauerten Wänden. Eine wohlige Wärme empfing sie und hüllte die ganze Höhle in eine gemütliche Atmosphäre. Das Zwergenmädchen schlüpfte aus den Stiefeln, band sich gekonnt ihre langen blonden Haare zusammen und machte sich auf den Weg in die Küche. Im Flur wurde sie emsig von ihrem Kater begrüßt, der sich eine kleine Streicheleinheit abholte. Kikos große grüne Augen blitzten erfreut auf. Aufgekratzt erzählte sie ihm von ihrem Tag: „Hallo Kuro. Na, mein Lieber? Hast du dich auch gut benommen, als ich weg war? Ich bin völlig erledigt! So viele Tiere brauchen meine Hilfe. Es ist furchtbar, wie viele bei dem Erdrutsch verletzt wurden oder ihr Zuhause verloren haben. Aber es gibt gute Nachrichten. Der kleinen Flughasenfamilie geht es deutlich besser. Ich glaube, sie können bald wieder in die Ebene zurück. Aber ich fürchte, die Grasmäuse müssen noch lange bleiben. Bei der Trockenheit ist der Boden viel zu hart, als dass sie einen neuen Bau graben könnten. Es ist schrecklich. Mal sehen, wie es weitergeht. Auch mit den anderen Tieren. Aber solange es sein muss, werde ich mich um sie kümmern.“ Kuro wand sich aus ihren Armen und mauzte laut. „Ja, schon verstanden. Um dich kümmere ich mich als Erstes. Ich mach dir gleich noch was zu essen. Ich muss nur schnell die Sachen sauber machen und das Abendessen vorbereiten, bevor Karok nach Hause kommt. Danach können wir auch noch ein bisschen spielen. Versprochen!“ Kiko warf ihrem Kater noch einen Kuss zu und huschte in die Küche. Diese war klein und vollgestopft bis unter die Decke. An der rechten Seite waren Dutzende Teller, Tassen, Töpfe und Küchenutensilien auf verschiedenen Regalen aufgereiht. Vor den Regalen befand sich ein alter Holztisch mit drei passenden Schemeln. Auf der anderen Seite gab es eine kleine Feuerstelle, über der ein großer Topf hing, und daneben war ein großes Steinbecken. Zu diesem wendete sich Kiko, griff in ihre Tasche und holte in ein Bündel gewickeltes schmutziges Geschirr heraus. Die Tasche warf sie auf die Seite und das Geschirr stellte sie zu den restlichen schmutzigen Tellern in die Steinspüle. Summend machte Kiko sich an das Abendessen. Gerade als sie den Kessel mit dem Feuerbohneneintopf über das Feuer hing, hörte sie scheppernde Geräusche im Flur. Kurze Zeit später betrat ein breitschultriger Zwerg die Küche. Seine glänzende Rüstung der Zwergenwache zeigte seinen hohen Rang als Kommandant. Sein voller, dunkelbrauner Bart hing aufwendig geflochten darüber und reichte bis zu seinem Bauch. Eine nicht mindere Haarpracht schmückte seinen Kopf, aus dem schmale, ernste Augen in Richtung Kiko blickten. Passend zum Blick sprach Karok ernst: „Ein Mal. Ein einziges Mal möchte ich heimkommen und nicht über deine Unordnung stolpern. Wie oft habe ich dir gesagt, dass du dein Zeug wegräumen sollst. Und hier geht es gerade so weiter. Was ist das hier alles für Zeug?“ Karok hob Kikos Tasche vom Boden auf und ließ sie an einem Finger baumeln. „Räum das gefälligst weg. Ich habe andere wichtige Dinge zu tun!“
Kiko flitzte zu ihm herüber und schnappte sich ihre Tasche. „Ja, Papa. Natürlich. Tut mir leid. Kommt nicht wieder vor. Ich räume es gleich auf. Ich habe für uns gekocht. Dein Lieblingsessen. Eintopf“, versuchte sie ihn zu beschwichtigen.
Karok linste in den Kessel und antwortete: „Na gut, aber viel Zeit habe ich nicht. Nach dem Essen muss ich nochmal runter zu den Wachen. Da geht es in letzter Zeit drunter und drüber. Die haben heute so eine kleine Göre geschnappt, die nichts Besseres zu tun hatte, als mitten auf dem Marktplatz zu zaubern. Das Verbot seit dem Vorfall mit dem Zauberer sollte doch nun allen bekannt sein. Ist ja nicht so, als hätten wir mit den Folgen nicht schon genug zu tun. Da braucht es nicht noch aufmüpfige Gören, die alle Regeln brechen und dann auch noch frech werden. Der werde ich erstmal ein paar Manieren beibringen. Ein paar Tage in der Zelle werden ihr gut tun.“
Kiko deckte in der Zwischenzeit eilig den Tisch, an den sich Karok gesetzt hatte, und hörte aufmerksam zu. Dieser redete sich langsam immer mehr in Rage.
„Es ist mir immer noch ein Rätsel, wie er an all den Wachen vorbei in die Schatzkammer vordringen und unser Artefakt rauben konnte. Da steckt etwas Dunkles und Böses dahinter. Und dann noch dieser Erdrutsch. Die Erdmassen blockieren immer noch die wichtigsten Verbindungswege. Es dauert ewig, bis man von der Wachstelle zu den Zellen kommt. Und die Wachleute nutzen das natürlich aus und schlendern plaudernd durch die Gänge. Als hätten sie nichts zu tun. Faules Pack!“, fuhr er wütend fort. „Da tratschen die Wachen lieber darüber, dass jemand unseren Gefangenen Essen bringt, als etwas dagegen zu unternehmen. Teller haben sie gefunden, aber nichts gemacht. Kannst du das glauben? Ich nicht. Da gibt es jemanden, der so dumm ist und sich die Mühe macht, für Gefangene zu kochen und es ihnen auch noch zu bringen, und meine Leute machen noch nicht einmal was dagegen. Wenn ich den zwischen die Finger bekomme.“
Obwohl Kiko es besser wusste, unterbrach sie ihr Schweigen: „Vielleicht hat jemand Mitleid mit ihm und macht deswegen Essen. Er scheint ja kein Monster oder böse Seele zu sein. Vielleicht unternehmen deshalb auch die Wachen nichts.“
Karok blickte finster zu Kiko hinüber: „Ihm? Woher weißt du, dass es ein Er ist? Weißt du etwa mehr darüber? Hast du etwa was damit zu tun?“, fragte Karok und durchbohrte seine Tochter mit einem ernsten Blick.
„Ich? Nein! Auf keinen Fall! Wie kommst du denn darauf? Woher sollte ich denn mehr darüber wissen? Ich bin doch nur hier oben unterwegs und kümmere mich um die Höhle. Außerdem muss ich ja noch in die Schule. Ich hätte gar keine Zeit noch für Fremde zu kochen und zu euch nach unten zu kommen.“, antwortete Kiko und schaute ihn unsicher an.
Karok blickte sie weiterhin ernst an und sagte streng: „Nun ja. Nur damit eines klar ist. Ich weiß, dass du dich um die ganzen Tiere hier kümmerst, aber du besuchst und verköstigst keine Gefangenen! Haben wir uns da verstanden?“
…

