Wie die Kuh einmal ihre Ruhe hatte und die Schildkröte Vollpension bekam

Wie die Kuh einmal ihre Ruhe hatte und die Schildkröte Vollpension bekam

Cordula Weidner


EUR 17,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 300
ISBN: 978-3-95840-478-6
Erscheinungsdatum: 13.09.2017
Die Maus, die Giraffe und das Flusspferd gründen einen Chor und möchten berühmt werden. Die Kuh will ihre Ruhe und trauert um die verschwundene Schildkröte. Schließlich treffen sich alle auf einem Festival, wo ein fieser Dachs versucht, das Fest zu sabotieren.
Wie die Kuh einmal ihre Ruhe hatte und die Schildkröte Vollpension bekam



Die Weide lag still im Frühlingslicht. Gräser und Kräuter waren schon kräftig gewachsen und schwankten im Wind. Der Zaun war repariert. Gestern war ein Traktor gekommen und hatte in der Mitte einen Wasserwagen abgestellt. Fliegen summten um ihn herum, frisch geschlüpft und erwartungsvoll. Etwas in ihren Genen verhieß ihnen leckere Mahlzeiten in Form von Kuhfladen. Sie beobachteten eine Herde Kühe, die langsam, aber zielstrebig auf sie zukam. Sie wussten, jetzt konnte es nicht mehr lange dauern.
Nicht weit davon entfernt - doch gleichzeitig könnte man sagen, in einer anderen Dimension - ging die lange Reise durch einen tiefen und ruhigen, nennen wir es einmal: Traum sanft zu Ende. In kleinen Wellen schwappten letzte Traumausläufer an die Küste des Hier und Jetzt. Das Hier und Jetzt bestand aus warmer, sandiger Erde, verrottetem Laub, Vogelgezwitscher und dem eigenen knurrenden Magen. Die Schildkröte grub sich aus ihrem geschützten Ruheplatz und blinzelte in die Sonne.
Schildkröten fühlen sich in der Dimension der Traumzeit genauso zu Hause wie an dem Ort, den viele „Wirklichkeit“ nennen. 220 Millionen Jahre Erfahrung als Spezies auf diesem Planeten haben sie gelehrt, sich in verschiedenen Dimensionen zu bewegen und relativ mühelos von der einen in die andere zu gleiten. Besonders zu bestimmten Zeiten.
Die Schildkröte stellte fest, dass sie jetzt gerade aus ihrer Winterruhe-Traumzeit in die warme Zeit hinübergewechselt war, die sie oft als etwas anstrengend empfand. In der Traumzeit bewegte sie sich leicht und schwerelos, konnte von einem Ort zum anderen wechseln, einfach so. Hier jedoch kam sie nur langsam voran und musste immer ihren Panzer mit sich herumtragen. Das war mühsam und sie ärgerte sich oft darüber. Aber es half nichts. Sie wusste aus Erfahrung, dass ihr der nächste Übergang in die Schwerelosigkeit erst wieder im Herbst gelingen würde.
Sie schaufelte sich frei, kletterte die sandige Böschung hinab und fluchte, als sich ihr Panzer in einer Wurzel verhedderte. Langsam bahnte sie sich ihren Weg durch das Gebüsch und dachte dabei an Löwenzahn. Kleine Bruchstücke des Traums tanzten noch immer am Rande ihres Bewusstseins. Sie hatten irgendetwas mit Wasser zu tun. Und eigenartigerweise auch mit Buchstaben.

Die Kühe drängelten sich am Tor zur Weide. Mutterkühe, Jungkühe und Kälber, alle waren froh um das frische Futter und darüber, sich nach dem langen Winter endlich wieder die Beine vertreten zu können. Die Kälber, die das alles zum ersten Mal erlebten, hüpften und sprangen übermütig herum. Die Stimmung in der Herde war so gut, wie sie sein konnte.
Nur eine Kuh trödelte hinterher und hielt sich abseits. Während die anderen Kühe gemeinsam ihre Köpfe in die Gräser und Blumen senkten, suchte sie sich eine Stelle zum Grasen, die möglichst weit weg von den anderen lag.
Eine Zeit lang war nichts anderes zu hören als konzentriertes Rupfen und Kauen. Irgendwann gesellte sich ein leises, schabendes Geräusch dazu. Im hohen Gras bildete sich ein schmaler Trampelpfad, der sich langsam, aber zielstrebig über die Wiese schlängelte, bis er die Kuh erreicht hatte.
„Guten Morgen“, sagte eine Stimme direkt neben ihrem rechten Nasenloch.
Die Kuh drehte den Kopf.
„Ach du bist es“, sagte sie erfreut. „Willkommen im Frühling! Ich hatte schon gehofft, dass du aufgewacht bist. Wie war dein Winter?“
„Hab die meiste Zeit geschlafen.“ Die Schildkröte gähnte. „Und jetzt bin ich hungrig. Wie war es bei dir?“
Die Kuh seufzte.
„Nichts gegen den Winter im Stall“, meinte sie. „Wir werden versorgt, es wird regelmäßig ausgemistet und wir bekommen Vollpension. Aber diese Enge da drin - das wird irgendwann unerträglich! Dauernd hörst du neben dir eine andere schnaufen oder wiederkäuen. Es gibt überhaupt keine Privatsphäre!“
Sie deutete mit ihren Hörnern hinüber zum Rest der Herde.
„Schau sie dir doch an. Immer hängen sie zusammen herum, ratschen und tratschen und klingeln mit ihren Glocken. Und ihre Gespräche drehen sich nur ums Fressen und darum, welche wohl die nächste Leitkuh werden soll. Sie sind einfach so langweilig!“
Sie schüttelte den Kopf, um ein paar lästige Fliegen zu vertreiben.
Die Schildkröte kaute an einem Grashalm.
„Also ich hätte schon gerne einmal Vollpension“, meinte sie versonnen. „Einfach jeden Tag etwas Leckeres hingelegt bekommen - das wäre wunderbar! Ich muss mein Essen immer selber suchen. Und du weißt ja, wie langsam ich bin.“
„Ja, verstehe ich. Aber glaube mir, dir würden die anderen Kühe genauso auf die Nerven gehen wie mir. Für die bist du viel zu klug und zu interessant. Mit dir kann man sich immer so gut unterhalten, über alles Mögliche. Mit dir ist es nie langweilig!“
„Na ja …“, meinte die Schildkröte geschmeichelt.
Danach sprachen sie erst mal nichts mehr. Die Kuh folgte den Grasbüscheln und die Schildkröte machte sich über ausgesuchte Kräuter her. Die Sonne hatte ihren höchsten Punkt überschritten. Am Nachmittag gab es einen kurzen Regenschauer. Vögel zwitscherten in der Hecke. Die restlichen Kühe waren weit entfernt in einer Senke verschwunden. Es war sehr ruhig und friedlich.
Die Kuh ließ sich nieder und döste. Die Schildkröte suchte sich einen trockenen Platz und döste ebenfalls. So verbrachten sie ein paar Stunden in gemütlichem, freundschaftlichem Schweigen und genossen die Stille.
Schildkröten, so heißt es, sind eigenbrötlerisch und verschroben. Sie sind gerne für sich, bleiben am liebsten zu Hause und laden auch so gut wie nie jemanden zu Kaffee und Kuchen ein.
Das sind natürlich Vorurteile.
Diese Schildkröte zum Beispiel war kontaktfreudig, neugierig und kreativ. Sie hatte ihren Panzer liebevoll möbliert, Bilder an die Wände gehängt und war auch auf Gäste eingerichtet. So besaß sie unter anderem einen Tisch mit Tischdecke, mehrere Stühle und ein sechzehnteiliges Kaffeeservice im Küchenschrank, auf das sie sehr stolz war.
Leider war sie noch nie dazu gekommen, es zu benutzen, denn die anderen Schildkröten, die im Umkreis lebten, waren eigenbrötlerisch und verschroben, luden nie jemanden zu sich ein und blieben am liebsten zu Hause.
Die Schildkröte versuchte, es mit Fassung zu tragen. Sie wusste längst, dass Jammern in so einem Fall nichts nützte. Da sie von ihren Artgenossinnen nicht besucht wurde, hatte sie sich ein wenig umgesehen, neue Kontakte geknüpft und dabei über den üblichen Schildkröten-Tellerrand geblickt. Sie hatte festgestellt, dass sich jenseits dieses Tellerrands eine große und faszinierende Welt erstreckte. Dort lebten zum Beispiel Kühe in Herden und waren so gut wie nie alleine. Das fand sie sehr interessant.
Die Kuh ihrerseits kannte zwar nur den Blick bis zum Weidezaun, doch auch sie hatte bereits ein paar wichtige Dinge gelernt. Zum Beispiel dies: Dass Kühe Herdentiere sind und sich in der Gesellschaft anderer Kühe am wohlsten fühlten, traf vielleicht auf die anderen Kühe zu, aber nicht auf sie selbst. Offenbar konnte es passieren, dass es in einer Herde auch einmal eine Kuh gab, die anders war als die anderen - so wie in ihrem Fall. Die Herde ging ihr auf die Nerven. Daher blieb sie gerne für sich und hatte am liebsten ihre Ruhe.
Dass sie die Schildkröte getroffen hatte, empfand sie dagegen als großes Glück. In ihr hatte sie endlich eine Gesprächspartnerin gefunden, mit der sie auch über andere Dinge reden konnte als über Fressen und Wiederkäuen. Mit ihr war es immer so interessant. Außerdem fand sie es sehr beeindruckend, dass die Schildkröte ein Haus ganz für sich alleine hatte. So etwas hätte sie auch gerne gehabt.
Und schließlich gab es mit der Schildkröte nicht nur die interessanten Gespräche, sondern auch das interessante Schweigen. Denn im Gegensatz zu den anderen Kühen kannte sich die Schildkröte sehr gut mit Privatsphäre aus und ließ die Kuh auch immer mal in Ruhe.
Es wurde Abend und die Sonne versank hinter dem Hügel. Die anderen Kühe begannen, langsam zum Tor zu wandern. Die Schildkröte sah ihnen zu.
„Jetzt wird’s wohl langsam Zeit für dich“, sagte sie und deutete hinüber.
„Ja, leider.“ Die Kuh seufzte. „Aber morgen dürfen wir wiederkommen. Ich freue mich schon!“
Sie verabschiedete sich und trottete mit den anderen zurück in den Stall.
Als die Kühe fort waren, zog sich die Schildkröte in ihren Panzer zurück. Sie wollte ein bisschen sauber machen, damit ihr Zuhause nach der Winterruhe wieder gemütlich und bewohnbar wurde.
Sie betrat ihre Küche und holte das Staubtuch aus der Schublade. Ihr Blick fiel auf den Küchentisch. Dort lag ein flacher schwarzer Kasten, den sie noch nie gesehen hatte. Im vergangenen Herbst war er jedenfalls noch nicht dort gewesen.

(Dies war nichts Ungewöhnliches. Es kam immer wieder vor, dass beim Dimensionswechsel Dinge aus der Traumzeit in die sogenannte Wirklichkeit schwappten. So hatte sie in der Vergangenheit beim Aufwachen schon etliche Male seltsame Gegenstände in ihrem Panzer entdeckt, beispielsweise eine riesige Rohrzange, einen sehr eigenartig geformten goldenen Kerzenleuchter und einmal sogar ein Fünf-Gänge-Menü für zwanzig Personen. Die Rohrzange war dann in den Werkzeugkasten gewandert - man konnte ja nie wissen. Das Menü war leider nicht für Vegetarierinnen geeignet, aber die Füchse hatten sich sehr darüber gefreut. Den eigenartigen Kerzenleuchter hatte sie unter die Spüle geräumt, wo er eine Zeit lang ein unbeachtetes Dasein fristete. Dann jedoch hatte er einen großen und viel beachteten Auftritt. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Neugierig klappte sie den Deckel auf. Der Kasten erwachte zum Leben. Ein paar Lichter blinkten, ein Ventilator surrte, dann leuchtete der hochgeklappte Deckel auf und eine Schildkröte erschien an seinem linken Rand. Sie wirkte sehr alt und hatte einen etwas mürrischen Gesichtsausdruck. Langsam kroch sie in die Mitte des Bildschirms, drehte dann den Kopf, sodass sie die Betrachterin direkt anblickte und sagte:
„Willkommen. Mein Name ist Suchen-und-Finden. Du kannst mich etwas fragen.“
„Oh. Das ist gut!“, antwortete die Schildkröte erfreut. „Denn, weißt du, eigentlich habe ich immer viele Fragen. Nur hat bisher noch nie jemand angeboten, sie zu beantworten. Was für ein Glückstag!“
Sie setzte sich aufrecht hin und konzentrierte sich.
„Ähm. Also, fangen wir fürs Erste mit folgenden Fragen an: wasistdasfüreinKasten und: wassollichdamitmachen und: auswelcherDimensionkommstdueigentlich und: habichbeidirjetztdreiWünschefrei und: bistdusowaswieeinOrakeloderwas???“
Dann schob sie den Kopf nach vorne und starrte erwartungsvoll auf den Bildschirm.
Suchen-und-Finden verdrehte die Augen und seufzte.
„Also gut“, sagte sie. „Aber nur dieses eine Mal, weil du hier neu bist: Mit diesem Kasten betrittst du das ‚Interessante Netz für Schildkröten‘. Abgekürzt InterNetSch. Und nein, ich bin kein Orakel, sondern eher so etwas wie die Pförtnerin: Wünsche erfülle ich zwar nicht, aber du kannst über mich jede Menge Informationen bekommen.
Dafür musst du deine Fragen aufschreiben. Und zwar oben in diese Zeile, über der ‚Suchen-und-Finden‘ steht. Wenn du Glück hast, bekommst du dann auch Antworten.“
„O.k.“, sagte die Schildkröte. Sie wollte gerade beginnen, ihre Fragen einzugeben, als Suchen-und-Finden fortfuhr:
„Ach, und noch etwas: Ich empfehle dir, mit etwas Einfachem anzufangen. So was Alltägliches wie, nun, … Essen und Trinken zum Beispiel. Diese metaphysischen Dimensions-Dinge hebst du dir am besten für die diversen Schildkröten-Foren auf.“
„O.k.“, sagte die Schildkröte wieder. Die Sache mit den Schildkröten-Foren hatte sie zwar nicht verstanden, doch das war ihr im Moment egal. Dies hier war wesentlich interessanter und spannender als die Sache mit der Rohrzange vom letzten Mal. Sie überlegte eine Weile. Dann ging sie in die Suchen-und-Finden-Zeile und tippte: „Was kann ich tun, damit meine tägliche Nahrungssuche nicht mehr so mühsam ist?“
„Na bitte, geht doch“, meinte Suchen-und-Finden zufrieden. Sie wirkte auf einmal viel freundlicher. „Das leite ich jetzt weiter. Und bis die Antworten kommen, erkläre ich dir, wie du einen Account einrichtest, damit dir andere Schildkröten E-Mails schicken können. Übrigens: Du kannst SuFi zu mir sagen!“
Am nächsten Morgen, als die Kuh auf die Weide kam, wartete die Schildkröte schon ungeduldig am Zaun.
„Stell dir vor“, erzählte sie freudig, „ich habe gestern Abend noch Salat angesät. In Töpfen, auf meiner Fensterbank!“
„Interessant.“ Die Kuh war sehr beeindruckt. Dass es möglich war, das eigene Essen zu säen!
„Auf die Idee wäre ich nie gekommen. Hoffentlich wächst er gut, dein Salat.“
„Das ist es ja gerade. Ich muss ihn dringend gießen, damit er wächst. Und ich wollte dich bitten, ob du mir nicht ein Maul voll Wasser aus dem Wasserwagen holen kannst. Wenn ich das selbst mache, dauert es wieder einen halben Tag!“
„Natürlich“, sagte die Kuh gutmütig und ging davon.
Der Vormittag verging mit Fressen, Plaudern und Schweigen. Die Schildkröte erzählte ein bisschen vom InterNetSch und den vielen Möglichkeiten, die sich ihr jetzt auftun würden. Die Kuh hörte zu. Sie verstand höchstens die Hälfte davon, doch das machte ihr nichts aus. Denn sie fand alles sehr faszinierend und freute sich über das interessante Gespräch. Es wurde Mittag und die Sonne schien wunderbar warm. Die Kuh hatte sich neben der Schildkröte niedergelassen und kaute ihre letzte Mahlzeit noch einmal durch.
„Weißt du“, meinte sie nach einiger Zeit, „dein Leben ist wirklich sehr interessant. Kaum bist du aus der Winterruhe zurück, schon hast du diesen schwarzen Kasten und säst Salat an. Manchmal beneide ich dich ein wenig. Im Grunde meines Herzens wäre ich auch gern eine Schildkröte. Ich glaube, ich bin nur aus Versehen als Kuh auf die Welt gekommen.“
Sie schlug mit dem Schwanz nach ein paar Fliegen.
„Oder …“ - eine neue Idee stieg in ihr auf - „vielleicht bin ich ja in Wirklichkeit ja gar keine Kuh!“
„Wie meinst du das?“
„Na ja - vielleicht hat man mich ja als kleines Kalb vertauscht und meinen richtigen Schildkröteneltern weggenommen!“
Die Schildkröte musterte die massige Kuh, die vor ihr aufragte, und erinnerte sich an das winzige Ei, aus dem sie damals selbst geschlüpft war.
„Ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass das so war“, meinte sie vorsichtig.
„Schade.“ Die Kuh war etwas enttäuscht. Sie beschloss im Stillen, dann wenigstens in ihrem nächsten Leben eine Schildkröte zu werden.
Das schöne Wetter hielt auch in den nächsten Wochen an. Die Tage zogen vorbei, der Frühling entfaltete sich immer mehr und wurde schließlich zum Sommer. Die Fliegen schwelgten in ihrem ganz persönlichen Kuhfladen-Paradies.
Die Kuh trottete jeden Morgen mit ihrer Herde auf die Weide und abends wieder zurück in den Stall.
Die Schildkröte verbrachte die Abende mit ihrem neuen Spielzeug. Sobald es dämmerte, setzte sie sich an den Küchentisch, fuhr den Laptop hoch und betrat das InterNetSch, um ihre E-Mails abzurufen und zu surfen. Am meisten interessierten sie fremde Länder, vor allem natürlich solche, in denen andere Schildkröten lebten. Zusätzlich las sie auch diverse Schildkrötenblogs, besuchte Schildkrötenforen und hatte längst eine eigene Seite im Schildkröten-Netzwerk „Faltiger Hals“.
Manchmal war sie die halbe Nacht online. Am nächsten Morgen war sie dann meist unausgeschlafen, missmutig und hatte Fernweh.
„Ich will endlich einmal reisen und etwas von der Welt sehen!“, jammerte sie dann, wenn sie sich mit der Kuh traf. „Sogar die dummen Fliegen wissen mehr von der Welt als ich. Stell dir vor, all die anderen Schildkröten, die ich kennenlernen könnte. Ich meine, nicht nur virtuell im Schildkröten-Netzwerk, sondern in echt. Neulich hat mir eine geschrieben, dass es sogar Schildkröten geben soll, die schwimmen können.“ Sie seufzte und fügte sehnsüchtig hinzu: „Das würde ich auch gern lernen.“
Die Kuh schwieg. Sie war etwas ratlos und wusste nicht viel dazu zu sagen. Sie verstand weder etwas vom InterNetSch, noch verstand sie, was so toll sein sollte am Reisen oder gar daran, schwimmen zu können. Ihr selbst reichte das Wasser im Wasserwagen völlig aus. Sie hatte zwar einmal gehört, dass es Kühe gab, die Boot fuhren - aber nur, weil es irgendwo am anderen Ufer köstliche Sommerweiden gab. Die Idee, freiwillig im Wasser zu schwimmen, fand sie sehr eigenartig. Und die Vorstellung, weit wegzufahren, nur um dort viele andere Kühe kennenzulernen, erschien ihr ziemlich absurd.
Trotzdem merkte sie, wie wichtig das Ganze für die Schildkröte war. Und so versuchte sie, sich für das Thema zu erwärmen.
„Dann fahr doch einfach mal hin, zu diesen anderen Schildkröten“, schlug sie vor. „Ich bin mir sicher, du findest dort auch eine, die dir das Schwimmen beibringt.“
„Bist du verrückt? Ich kann doch nicht mit meinem Panzer verreisen. Bei meinem Tempo würde es bestimmt Jahre dauern, bis ich irgendwo angekommen bin! Und außerdem: Stell dir vor, ich gehe dort zum Schwimmen und der Laptop wird nass. Danach könnte ich nie wieder ins InterNetSch. Ganz zu schweigen davon, dass vielleicht meine Küche überschwemmt wird.“
„Dann musst du den Panzer und den Laptop eben hierlassen.“ Die Kuh war praktisch veranlagt. „Wenn du ohne Panzer verreist, bist du sicher viel schneller.“
Die Schildkröte schüttelte den Kopf.
„Ausgeschlossen, nein, das geht gar nicht. Diese Wasserschildkröten haben kein InterNetSch.“
„Na und? Eine Zeit lang könnte es doch auch ohne gehen. Früher hattest du das ja auch nicht.“
„Trotzdem. Ich würde schon gerne meine Mails lesen. Und bis ich wieder daheim bin, ist längst mein Salat vertrocknet.“
Das mit dem nassen Computer und dem InterNetSch wäre der Kuh ja egal gewesen. Aber das mit dem vertrockneten Salat verstand sie. Das war wirklich ein Problem. Darüber musste sie erst einmal nachdenken.
Sie suchte sich ein gemütliches Plätzchen und ließ sich nieder, um ein wenig wiederzukäuen und einen Nachmittagsschlaf zu machen. Als sie wieder aufwachte, war ihr eine glänzende Idee gekommen.
„Jetzt weiß ich, wie wir es machen können“, sagte sie zu der Schildkröte. „Wir tauschen.“
„Tauschen? Was meinst du mit tauschen?“
„Nun, wir tauschen einfach deinen Panzer. Du ziehst aus und gehst auf Reisen. Stattdessen wohne ich in dieser Zeit bei dir und kümmere mich um den Salat. Dann bist du unabhängig und dein Computer bleibt auch trocken. Und ich habe endlich einmal einen Platz für mich alleine und meine Ruhe!“
„Hm. Eine interessante Idee. Aber kannst du überhaupt so lange vom Stall wegbleiben? Musst du nicht abends immer gemolken werden oder so?“
„Nein. Zum Glück bin ich noch recht jung. Ich gebe noch keine Milch.“
„Aha.“ Die Schildkröte dachte eine Weile nach.
„Nur, wenn du regelmäßig meine Mails checkst“, sagte sie dann.
„Was soll ich denn da checken?“
„Ach, weißt du, vielleicht gibt es ja mal was Wichtiges, das beantwortet werden muss.“
Die Kuh überlegte noch ein bisschen. Aber eigentlich war ihre Entscheidung bereits gefallen.
„Na gut“, stimmte sie schließlich zu. „Machen wir es so.“
Und genauso machten sie es dann.
Die Kuh erhielt einen Computer-Crash-Kurs. Und obwohl sie auf der Tastatur nur mit dem Zwei-Klauen-System schreiben konnte, stellte sie sich dabei erstaunlich geschickt an.
Die Schildkröte buchte übers InterNetSch bei einem geeigneten Reiseveranstalter („Travel Light - Ihr Spezialist für Panzerfreiheit und Komfort. Pauschal, All-Inclusive und trotzdem individuell. Frühbucher-Rabatte!“) eine Reise auf die Galapagos-Inseln. Sie packte eine kleine Tasche und war so aufgeregt, dass sie in der letzten Nacht kaum schlafen konnte.
Früh am nächsten Morgen brach sie auf. Die Kuh begleitete sie noch bis zum Weidezaun, winkte zum Abschied und blickte ihr nach, wie sie über den Feldweg hüpfte, viel, viel schneller als sonst.

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