Science Fiction & Fantasy

Wer glaubt denn schon an Elfen?

Elke Edith

Wer glaubt denn schon an Elfen?

Leseprobe:

Nach diesen Worten sah er mich eindringlich an. Mir wurde ganz warm ums Herz unter diesem Blick, mit dem er viel mehr sagte, als er das mit Worten hätte ausdrücken können.
Dieser Mann machte sich Sorgen um mich, und das gab er auch zu, indem er sagte: „Sei bitte vorsichtig. Ich verstehe nicht, was du tun willst, aber bitte sei vorsichtig.“
Ich schenkte ihm ein beruhigendes Lächeln und meinte: „Danke, aber du bitte auch. Denk an die Wächter!“
Und dann zeichnete ich rasch einen Schutzzauber auf seine Brust, der die Angreifer wenigstens etwas aufhalten sollte.
„Was machst du da?“
Seine Augen fixierten mich fragend, und ich meinte nur: „Das soll dir helfen!“
Nur widerwillig wendete ich mich jetzt ab, um mit meiner Arbeit zu beginnen. Seine Augen ruhten noch immer auf mir, dessen war ich mir sicher, während ich auf das Zentrum des Kreises unter dem Bogen zu humpelte, um dort die ersten Verbindungen herzustellen.
Unter dem Bogen stehend, begann ich die ersten Symbole und Zeichen mit meinen Fingern in die Luft zu malen und den Bogen damit zu füllen. Meine Fingerspitzen kribbelten, weil ich die dortige Magie nach meinem Willen nutzen und verändern wollte. Der Zauber an diesem Ort wehrte sich damit, wollte sich widersetzen, doch ich fuhr unbeeindruckt fort, als ich hinter mir Jameson plötzlich lautstark fluchen hörte.
Ich hatte keine Zeit, mich nach ihm umzudrehen, sondern musste schleunigst das angefangene Muster beenden, um an anderer Stelle fortfahren zu können. Aber ich wusste auch so, dass die ersten Wächter dieses Portals aufgetaucht sein mussten. Sofort machte ich mir meinerseits Sorgen um Jameson, aber ich konnte ihm jetzt nicht helfen, ich durfte meine Arbeit nicht unterbrechen und mich nicht ablenken lassen. Die Zeichen waren kompliziert zu malen, aber es durfte mir auch kein Fehler dabei unterlaufen. Die Konsequenzen wären sonst vielleicht schrecklich gewesen!
Genau zu dem Zeitpunkt, da ich die letzte Linie unterhalb des Bogens mit diesem verband, hörte ich einen unterdrückten, menschlichen Schrei, der mich rasch herumwirbeln ließ. Jameson war von einem riesig anmutenden schwarzen Wesen zu Boden gerissen worden und wehrte sich verbissen seiner Haut. Ein Schlag, den der Dämon ihm in den Leib versetzen wollte, kam zum Glück nicht durch. Er wurde von meinem Schutzzauber abgeblockt und der Angreifer dabei zurückgestoßen.
„Halte durch!“, rief ich ihm zu, ohne sicher zu wissen, ob er mich überhaupt gehört hatte.
Ich konnte jedoch sehen, dass sich zwei der Felsen plötzlich in langarmige Zottelwesen verwandelten und ebenfalls zum Angriff übergingen. Das war also die Tarnung der Wächter gewesen, anscheinend harmlose Gesteinsbrocken. So gerne hätte ich ihm geholfen und die Kerle mit ein paar heftigen Zaubersprüchen weggeschleudert, aber ich befand mich innerhalb des Kreises, aus dem heraus ich keinen Einfluss auf das Geschehen nehmen konnte. Jameson musste das ganz allein durchstehen und dabei einfach nur durchhalten, bis ich endlich fertig sein würde!
So schnell es nur ging, zog ich die magischen Linien, wobei mich mein verletzter Fuß jedoch behinderte, sodass ich einmal sogar zu Fall kam und das dortige Muster erneuern musste. Auch wenn er bisher alles gegeben hatte und sich sehr gut behauptete, so ermüdete mein Begleiter jetzt doch, und mit einem Röcheln auf den Lippen ging er erneut zu Boden und wurde unter drei der schwarzen Wesen begraben. Mein Schutzzauber wirkte anscheinend nicht mehr! Er brauchte meine Hilfe! Und das schnell! Die drei Monsterwesen würden ihn sonst töten!
Zwei Sekunden später zeichnete ich die letzte Verknüpfung und das ganze Muster leuchtete hell auf.
„Jameson!“, schrie ich laut, doch er schaffte es nicht mehr, sich zu befreien, und verschwand fast völlig unter den Körpern der dämonischen Wächter.
Ich musste ihn in den Kreis bekommen! Nur an einer einzigen Stelle war das auf seiner Seite möglich, wo kein Muster den Boden bedeckte. Obwohl ein stechender Schmerz meinen verletzten Fuß durchfuhr, dass mir die Tränen in den Augen standen, schaffte ich einen Sprung, der mich an den Rand des Kreises brachte. Ich griff zum letzten Mittel, das ich noch besaß, um ihm helfen zu können, und zog das Amulett meiner Großmutter unter meiner Bluse hervor, die diesen Namen auch nicht mehr verdiente, so verdreckt und zerrissen war sie inzwischen.
Dieses silberne Amulett besaß selbst weißmagische Kräfte und war mit so vielen Symbolen verziert, dass ich sie selbst noch nicht alle entschlüsselt hatte. Am Boden liegend, streckte ich mich, soweit es nur ging, um einen der Dämonen, der auf Jameson lag, damit zu berühren. In einer grellen Lichtexplosion wurde das Wesen von ihm geschleudert und die anderen beiden gleich mit. Ihre Schreie gellten in meinen Ohren, während ich bereits nach dem Arm meines Partners in diesem ungleichen Kampf der Mächte fasste, um ihn zu mir in den Kreis zu ziehen, als ich bemerkte, dass er noch bei Bewusstsein war. Sein Blick traf sich mit meinem, und ich konnte den Schmerz darin erkennen. Sein Mund öffnete sich, als wolle er laut aufschreien, doch kein Laut war zu hören. Nicht einmal dazu war er mehr in der Lage! Überall an seinem Körper war er von Fäusten, Krallen und Zähnen malträtiert worden, hatte alles gegeben, um mich zu schützen und meine Arbeit machen zu lassen. Und mit seinem Blick traf mich auch dieser Schmerz selbst. War ich bereits so sehr mit ihm verbunden, dass ich an seinen Gefühlen und Empfindungen teilhatte? Es war müßig, darüber nachzudenken, ich musste ihn retten!
„Hilf mit!“, schrie ich ihn an. „Du musst in den Kreis!“
Dabei zog ich bereits, so gut es eben ging, an ihm, fühlte, dass mir die Zeit davonlief, weil das magische Muster bereits seine Wirkung entfalten wollte. Ich hatte ihn bereits zur Hälfte in den Kreis gezogen. Wäre dieser jetzt aktiv geworden, hätte ihn die Magie wahrscheinlich zerrissen!
„Komm“, stöhnte ich auf und rollte seinen Körper zu mir.
Einer der Dämonen hatte ihn noch festhalten wollen, hielt jedoch nur seinen einen Schuh in den Klauen. Er hatte das Nachsehen, denn in den weißmagischen Kreis vermochte er uns nicht zu folgen. Jamesons Stöhnen ging mir durch und durch. Er hatte so viel einstecken müssen, dass seine Kleidung nur noch zerrissen und in teils blutigen Fetzen an ihm hing, aber er lebte. Seine schmerzerfüllten Augen blickten mich an, während ich ihn am linken Arm und selbst auf allen Vieren auf dem einzigen freien Streifen zur Mitte des Torbogens zog. Keuchend vor Anstrengung ließ ich ihn hier einfach liegen, kroch eilig zurück zum Rand des Kreises, der schon wieder von den dämonischen Wächtern umstanden wurde, ohne dass sie noch etwas hätten tun können. Mit drohenden Gebärden ihrer langen Arme und mit urigen Lauten begleiteten sie mein Tun, als ich den schmalen Streifen mit Symbolen schloss, bis ich Jameson wieder erreichte.
„Gleich sind wir von hier weg“, flüsterte ich ihm zu und zog seinen Kopf in meinen Schoß.
Ich musste ihn festhalten, wenn wir denn zusammenbleiben wollten, sonst wären wir auf dieser erneuten Dimensionsreise getrennt worden. Noch immer blickte er mich aus diesen schmerzerfüllten braunen Augen an, sah auch das Muster der verschlungenen Linien um uns herum leuchten, in die ich nun an der absolut letzten Lücke das Amulett meiner Großmutter, einer echten Elfe, hineindrückte.
Und dann wurden fast in derselben Sekunde ungeahnte Kräfte frei, die an uns rissen und zerrten, die Jameson von mir wegreißen wollten, doch ich hielt ihn fest. Ich sah Farben und Formen durcheinanderwirbeln, hörte Jaulen und Schreien um uns herum, bis ich mich plötzlich von einem ungeheuren Sog gepackt fühlte, der uns beide von diesem schrecklichen Ort wegriss. Mein letzter Gedanke, bevor ich das Bewusstsein verlor, galt dem Mann, den ich in meinen Armen hielt. Ich konnte nur hoffen, dass seine Verletzungen nicht zu schwerwiegend waren. Vielleicht konnten wir beide noch einmal von vorne anfangen. Ich wünschte es mir so sehr!

***

„Au! Verdammt! Schon wieder so eine harte Landung!“, schimpfte ich erbost, da ich doch sehr unsanft auf einem harten Steinboden aufkam.
Ich konnte mich nicht halten, kippte nach hinten und schlug auch noch mit dem Kopf auf dem Boden auf. Ich hatte Mühe, nicht schon wieder ganz wegzutreten, glaubte jedoch hinter mir ein missmutiges Knurren zu hören, das von Jameson stammen musste, der wohl genauso unsanft gelandet war wie ich. Aber ich hatte viel zu viel mit mir selbst zu tun, als dass ich darauf hätte reagieren können. Vor meinen Augen drehte sich noch immer alles, und immer wieder schien sich ein dunkler Schatten vor meinen Blick zu legen. Doch während ich noch mit mir selbst kämpfte, rappelte sich Jameson bereits wieder auf, da es ihn diesmal nicht so schlimm erwischt hatte. Nur am Rande registrierte ich, dass der Inspektor sich an mich heranschob und plötzlich neben mir auf dem Boden hockte.
„Sandra? Sandra, geht es dir gut?“
Seine besorgte Stimme und seine streichelnde Hand an meiner Wange holten mich endgültig in die Gegenwart zurück. Verwirrt blinzelte ich ihn an. Von seinen schweren Verletzungen durch die Dämonen war seltsamerweise nichts mehr zu sehen. Diese letzte magische Reise schien heilende Wirkung gehabt zu haben, ohne dass ich mir erklären konnte, wieso das so war.
„James?“, fragte ich mit schwacher Stimme und verkürzte seinen Namen.
„Ja, ich bin es. Wir haben wohl schon wieder so eine seltsame Reise hinter uns gebracht.“
Seine Stimme klang zwar fester als die meine, doch erschien sie mir etwas heiser. Er musste ja genau so viel Durst haben wie ich. Und auch ich hörte mich etwas seltsam an und schien gar nicht ich selbst zu sein. Ich versuchte, mich zu bewegen, aber mir schmerzten sämtliche Knochen, so hart musste ich aufgeprallt sein. Mein Gesicht verzog sich schmerzvoll, sodass James mich erschrocken ansah.
„Was hast du, Sandra? So rede doch!“
Nur langsam klärte sich nach dieser Schmerzattacke mein Blick, und ich konnte sein besorgtes Gesicht erkennen und schaute in seine wunderschönen haselnussbraunen Augen. Und dann lächelte er sogar, packte mich an den Schultern und richtete mich in eine sitzende Position auf. Sofort überkam mich wieder ein Schwindel, und ich sackte zur Seite in seine starken Arme, die mich festhielten und mir einfach ein Gefühl der Sicherheit gaben.
Als wir die Reise begonnen hatten, war ich es gewesen, die ihn gehalten hatte, jetzt war es umgekehrt. Einen Moment lang genoss ich die Situation, bevor ich mich selbst wieder
aufrichtete.
„Danke“, flüsterte ich leise, „das habe ich jetzt gebraucht. Und nein, ich glaube nicht, dass ich verletzt bin.“
Er atmete hörbar auf und lockerte den Griff seiner Hände.
„Gut, ich dachte schon, dir sei etwas passiert, als ich dich hier regungslos liegen sah.“
Ich blickte ihn von der Seite her fragend an. Hatte er sich wirklich solche Sorgen um mich gemacht, wie ich in seinen Augen zu lesen glaubte? Doch dann wurde mir schlagartig bewusst, dass wir noch lange nicht in Sicherheit waren, ja, dass wir noch nicht einmal wussten, wohin uns die erneute Dimensionsreise befördert hatte. Vielleicht waren wir ja vom Regen in die Traufe gekommen.
„Komm, hilf mir mal auf“, bat ich ihn.
James stand selbst auf und unterstützte dann mich. Erstaunlicherweise konnte ich recht gut stehen, und als ich einen Schritt versuchte, stellte ich fest, dass ich meinen linken Fuß wieder voll belasten konnte. Anscheinend hatte die Dimensionsreise die Heilung auch bei mir bewirkt und beschleunigt, denn auch von James zahlreichen Platzwunden, Kratzern und Bissen war tatsächlich nichts mehr zu sehen. Verwundert sah er an sich herunter und konnte es selbst nicht glauben.
„Die Bestien haben mich doch fast umgebracht“, stieß er hervor. „Wieso ist jetzt alles wieder in Ordnung, wenn man von der zerrissenen Kleidung einmal absieht? Du kannst auch deinen Fuß belasten. Wieso?“
„Ich kann dir darauf keine Antwort geben, tut mir leid“, gab ich zu. „Aber anscheinend sind alle Verletzungen, die wir uns in dieser anderen Dimension zugezogen haben, verschwunden. Sei froh darüber, ich habe dich mehr tot als lebendig in den magischen Kreis gezogen. Du hättest dort auch sterben können.“
„Das ist mir bewusst. Ich habe ja den Schmerz wahrlich empfunden. Und ich bin dir sehr dankbar, dass du mich dort nicht zurückgelassen hast.“
„Ich habe nicht eine Sekunde daran gedacht“, gestand ich, was ein Lächeln auf seine Züge zauberte.
„Und wo befinden wir uns jetzt?“, fragte er sofort. „Wieder in irgendeiner Dimension? Ich habe so langsam von dieser Art zu reisen die Nase gründlich voll!“
„Das glaube ich dir gerne. Mir ergeht es da nicht anders.“
Ich sah mich neugierig um. Wir schienen uns in einem alten Gemäuer zu befinden, vielleicht in einem Keller aus grob behauenen Steinen. Verblüfft entdeckte ich die kleine eingestaubte Glühbirne, die von der Decke hing und einen sanften Schein verbreitete. Wir mussten uns wohl wieder in unserer Dimension und in unserer Zeit befinden, sonst hätte es doch keinen Strom gegeben. Ich machte meinen Begleiter darauf aufmerksam.
„Ich glaube, wir müssen nur noch aus diesem alten Gemäuer –
oder was immer es sein mag – verschwinden, und schon befinden wir uns wieder in unserer Welt!“
„Glaubst du wirklich, dass es so einfach ist?“, fragte James skeptisch. „Wenn ich eines bei dir gelernt habe, dann ist es die Tatsache, dass es mit dir nie einfach ist.“
„Lass uns doch erst einmal den Ausgang suchen, dann werden wir ja sehen“, entgegnete ich mit einem Schmollmund.
Mir war nur allzu klar, dass er wahrscheinlich recht hatte, denn so leicht entfloh man keinem Dämon, wenn man sich erst einmal in seinem Reich aufhielt, doch das hatte ich James nicht gerade auf die Nase binden wollen. Und so wendete ich mich einfach in die Richtung, in der ein dunkles Loch in der Wand gähnte und wohl auf einen Gang hinausführte. Vorsichtig spähte ich durch das Loch, während ich ihn in meinem Rücken spürte, da er mir sofort gefolgt war. Auch dieser grob in den Felsen gehauene Gang wurde hin und wieder von einer matten Glühbirne erhellt, die ohne jeglichen Schutz vor Zerstörung von einem Kabel an der Decke herunterhing. Wir mussten uns wieder in unserer Welt befinden, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass es im Dämonenreich, etwa in der Unterwelt, elektrisches Licht gab.
Langsam ging ich den schmalen Gang entlang und musste immer wieder heruntergefallenen Steinen ausweichen. Wir mussten uns in einem sehr alten Gebäude befinden. Ich überlegte, welche denn infrage kämen, vorausgesetzt natürlich, wir befanden uns wieder in der gleichen Stadt, also in London. Aber um weitere Überlegungen anzugehen, hatte ich keine Zeit mehr, da der Gang plötzlich vor einer ebenfalls sehr alten Holztür endete. Ich hatte sie nicht rechtzeitig erkennen können, da ausgerechnet hier keine Lampe hing und ich in dem Halbdunkel fast dagegen gelaufen wäre. Da ich so abrupt stehen blieb, stieß James, der mir ja dichtauf folgte, prompt mit mir zusammen. Und da er dabei Bekanntschaft mit meinem Ellenbogen in seiner Brust machte, stieß er prustend die Luft aus.
„Sorry“, murmelte ich rasch, „aber ich habe das Hindernis selbst nicht sehen können.“
Besorgt hatte ich mich zu ihm umgedreht, da es mir wirklich leidtat, als er sich gerade wieder aufrichtete und sich mit einem schmerzvollen Zug um die Mundwinkel die Brust rieb.
„Geht schon“, erwiderte er stöhnend. „Du hast es ja nicht absichtlich gemacht.“
„Nein, gewiss nicht.“
„Ist die Tür offen?“, fragte er dann ungeduldig. „Ich möchte allmählich zurück in meine eigene Welt und ein kühles Bier herunterkippen!“
„Ich habe auch Durst“, gab ich zu, „aber es geht nun mal nicht schneller.“
Dabei versuchte ich bereits, die Tür vor mir zu öffnen, was mir auch tatsächlich gelang. Das Hindurchgehen gestaltete sich allerdings schwieriger als gedacht, da ich bereits beim ersten Schritt gegen eine Stufe trat und fast gestürzt wäre. Auch diesmal reagierte James bemerkenswert schnell und bewahrte mich davor, auf die harten Kanten zu fallen. Fest drückte er mich an sich. Unsere Blicke begegneten sich im Halbdunkel, aber ich war nicht sicher, was ich in seinen Augen zu lesen vermochte. Wut, Ungeduld, Begierde? Ich hätte in seinen Gedanken stöbern müssen, um es sicher zu erfahren, doch gegen dieses Gefühl wehrte ich mich. Nein, ich würde es nicht tun! Er sollte mir vertrauen können, voll und ganz! Und so kam mir denn auch nur ein schlichtes ‚Danke‘ über die Lippen.
Entschlossen wandte ich mich der Treppe zu, kaum dass sein Griff sich gelockert hatte und ich sicher auf meinen eigenen Beinen stand. Langsam und vorsichtig stieg ich die schon bröckeligen Steinstufen empor und konnte dabei feststellen, dass sie sich spiralförmig nach oben schraubten. Wir schienen in einem Turm emporzusteigen.
„Ist dir außerhalb der Stadt der alte Turm bekannt, an dem wir vorhin knapp vorbeigekommen sind?“, wollte just in diesem Moment James wissen.
Seine Gedanken schienen in dieselbe Richtung zu gehen, und er schien auch zu derselben Erkenntnis gekommen zu sein wie ich.
„Könnte das nicht der alte Wasserturm am Fluss sein, der bereits seit Jahren wegen Baufälligkeit für Besucher geschlossen ist?“
„Ja“, erwiderte ich, „das habe ich mir auch schon überlegt. Weißt du, wie hoch der Turm ist oder in welcher Höhe sich der Ausgang befindet? Wenn ich mich recht erinnere, führt doch außen eine Metallleiter entlang.“
„Ja, das stimmt! Soviel ich weiß, kann man aber nur von der Spitze, oder besser gesagt, von der Plattform aus absteigen“, antwortete mir James keuchend.
Aber auch mir ging es nicht besser. Ich hatte das Gefühl, bereits tausend Stufen emporgeklettert zu sein, dabei hatte der Turm nur zweihundertfünfzig Stufen, soviel ich wusste. Meine Beine wurden langsam, aber sicher lahm, ich stolperte hin und wieder, und nur durch unser heftiges Keuchen überhörten wir die anderen Geräusche von schleppenden Schritten, die uns folgten. Eigentlich wollte ich nur einen Moment verschnaufen, als ich in diesem Augenblick stehen blieb und mich dabei zu James umdrehte, der nur zwei Stufen tiefer stand als ich.
„Vorsicht!“, brüllte ich ihm erschrocken entgegen, aber es war bereits zu spät.
Zwei lange klauenartige Hände hatten sich bereits auf seine Schultern gelegt und zogen ihn erbarmungslos nach hinten. Ich sah in sein entsetztes Gesicht mit den schreckgeweiteten Augen, wollte ihm noch helfend meine Hand entgegenstrecken, doch er konnte sie nicht mehr packen. Nur unsere Fingerspitzen berührten sich flüchtig. Dieses Wesen hatte alle Vorteile auf seiner Seite. James verlor jeglichen Halt und kippte nach hinten. Sein Aufschrei gellte in meinen Ohren, als er mit diesem Wesen, das nur einer dieser Dämonendiener sein konnte, als ein ineinander verschlungenes Knäuel die Treppe hinunterstürzte.
Reglos, von Entsetzen gepeinigt, stand ich auf demselben Fleck wie zuvor, starrte den beiden hinterher und wusste, dass dieses Wesen ihn töten würde, wenn er sich nicht schon bei dem Sturz das Genick gebrochen hatte. Auch wenn es mir länger vorkam, so dauerte meine Starre wohl nur zwei, drei Sekunden, dann eilte ich den beiden hinterher und sah sie gerade noch ein paar Meter vor mir an die Wand prallen. Wieder hörte ich James Aufschrei, da er wohl die volle Wucht des Aufpralls abbekommen hatte.
Ich flog die Stufen geradezu hinunter, um zu ihm zu kommen, als das dämonische Wesen sich gerade über ihm aufrichtete und sich jetzt doch mir zudrehte, da es James vermutlich für erledigt hielt. Nur etwa zwei Meter vor mir streckte es seine Klauen nach mir aus. Und der Blick in diese wie zerrissen wirkende Fratze in einem kahlköpfigen Schädel, aus dem mir die dämonischen Augen rot entgegenfunkelten, gab mir in diesem äußerst gefährlichen Moment die Kraft, einen Bann auszusprechen, den ich bisher nur einziges Mal gehört hatte, doch die Angst um unser beider Leben ließ mich wohl alles richtig machen, die Worte schienen tatsächlich zu stimmen. Mitten in der Bewegung erstarrte der Höllendiener zu einer bewegungslosen Statue, die in ihrer Hässlichkeit wohl kaum noch übertroffen werden konnte. Seine mörderischen Klauen verharrten nur Millimeter vor meinem Gesicht.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 200
ISBN: 978-3-99038-970-6
Erscheinungsdatum: 27.11.2014
EUR 15,90
EUR 9,99

Krampus & Nikolo