Science Fiction & Fantasy

Verschlungene Fäden

Andara Thomann

Verschlungene Fäden

Leseprobe:

Prolog

Am 02. 03. 2054 exakt um 11:46 Uhr dröhnt und scheppert es laut und vernehmlich im kleinen Konferenzraum des ARZAK, als Arvin Mendel mit der Faust auf den Tisch schlägt und dabei seine und zwei weitere Kaffeetassen hüpfen lässt. Offenbar platzt dem Chef des Amtes für raumzeitlich bedingte Außerkörperlichkeiten gerade der Kragen, womit er die beiden anderen Leute im Raum nicht gerade wenig erschreckt. Solche Ausbrüche von ihrem Chef erleben die Frau und der Mann in mittleren Jahren höchst selten, doch ihr Zusammenzucken und Hochfahren rührt eher daher, dass sie ihre Diskussion telepathisch, also in völliger Stille geführt haben. Beobachtet und begleitet von Arvin Mendel, der diese noch junge Form der Kommunikation natürlich auch drauf hat, nun aber nach seinem körperlichen Ausbruch auch verbal wohl lieber die altmodische Klinge schlagen will.
Und zwar sofort, denn nach kaum einem Augenzwinkern dröhnt er los: „Was für eine lausige Gedankenverschmelzung, die wohl ewig kein Ergebnis bringen wird. Zeit ist jedoch knapp, also ab jetzt bitte mit Ton, du fängst an.“ Dabei zeigt er energisch auf die Frau, während seine andere Hand immer noch zur Faust geballt ist, weiteres Malträtieren des Tisches aber unterlässt. Was auch nicht nötig ist, denn die Frau hat ihre Verblüffung offenbar schnell überwunden und lässt sich nicht lange bitten. Doch bevor sie nach einem kurzen Räuspern sprechen kann, bekommt sie noch zu hören, sich gefälligst kurz zu fassen, da nicht nur eine schnelle Entscheidung getroffen werden müsse, sondern auch bald Mittag wäre und er möglichst keine Hängepartie haben wolle.
„Na gut, dann eben knapp und knackig, ich bin gegen das Zulassen einer so schwerwiegenden Beeinflussung, die ja faktisch ein Auferstehen von den Toten nach sich zieht“, äußert die Frau daraufhin und beugt sich, ihre Ansicht bekräftigend, etwas nach vorn, bevor sie ein kleines, provokatives Anhängsel offenbar nicht stecken lassen kann. „Kurz genug?“, lautet es und entlockt den beiden Männern ein Grinsen, bevor Arvin zum Schluss seiner nächsten Äußerung die Miene wieder ernster werden lässt.
„Durchaus und viel mehr möchte ich von dir auch nicht hören, also leg los“, wendet er sich an den Mann, der sein Statement offenbar auch parat hat.
„Verstehe deine Bedenken durchaus“, spricht er zuerst die Frau an, bevor er den Rest an den Chef richtet, „aber so merkwürdig die Sache auch sein mag, wir sind einfach nicht dafür zuständig. Jedenfalls noch nicht, also will ich den Ball lieber flach halten und den Dingen ihren Lauf lassen.“
„Und ich bin geneigt, dem zuzustimmen, und das nicht nur, weil ich Hunger habe, sondern weil wir so einen Fall eben noch nie hatten. Wobei ich auch den Zusammenhang zwischen Beeinflussung und bizarrem Ergebnis keineswegs als gegeben sehe“, kommt es daraufhin vom Chef, womit die Sache entschieden ist und die Frau sich dreinfügen muss.

Worauf die Leute von der ARZAK pünktlich zum Essen kommen, während es bei den von der Diskussion Betroffenen etwa zur gleichen Zeit auch nicht gerade harmonisch zugeht. Ganz im Gegenteil herrscht dicke Luft in warmen Gefilden auf einer Terrasse, die nicht gerade klein ist und dominiert wird von einem großen, wirklich riesigen Gummibaum, der sie komplett vor der prallen Mittagssonne abschirmt. Seine Pracht und Erhabenheit werden jedoch nicht beachtet, denn harsche Worte fliegen hin und her zwischen zwei Leuten, die hellhäutig, aber braun gebrannt sind, was für einen bereits längeren Aufenthalt in den Tropen spricht. Präziser formuliert handelt es sich um eine hübsche Frau und einen urig aussehenden Mann, beide in reifem Alter, die leicht bekleidet auch im angenehm kühlen Schatten schwer in Wallung geraten sind.
Der alte, fast glatzköpfige Herr trommelt gerade grimmig dreinschauend auf seinem Bauch herum und wettert: „Du sagst doch selber, dass ich immer mehr vom Fleische falle, weshalb wir den Hüpfern endlich verstärkt Beine machen sollten und sie selber entscheiden können, was sie mit den Beeinflussungen anfangen wollen.“
„Die aber total schräg sind und alles aufs Spiel setzen!“, keift die Frau zurück, die im Gegensatz zu ihrem Widerpart noch üppiges Haar hat, das, zu Zöpfen geflochten, hin und her fliegt, als sie den Kopf heftig schüttelt. Mit Händen in den Hüften und vorgerecktem, spitzem Kinn sieht sie auch nicht so aus, als wolle sie alsbald von ihrer Meinung abweichen, was sie in einem Nachsatz unterstreicht. „Und gerade jetzt, wo es sich so gut anlässt, will ich bestimmt keine längst überfällige Sperrung vom ARZAK riskieren, nur weil du mit so verrückten Dingen daherkommst.“
„Hm, dann ist es ja gut, dass ich heute Morgen einen Eilantrag gestellt habe.“
„Du hast was?“
„Ja, ja, ich weiß schon, ‚Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst‘, aber nach der gelben Karte für die finanzielle Manipulation wollte ich lieber auf Nummer sicher gehen und den Segen der ARZAK vorher einholen.“
Offenbar gelingt es dem Mann, mit dieser Offenbarung einigen Wind aus den Segeln der Frau zu nehmen, die auch eher verblüfft als verärgert dreinschaut, als sie fragt: „Und wann kriegen wir Bescheid?“
„Na ja, Eilantrag eben und ich …“, antwortet der Mann und endet mit, „na, das nenn ich mal ein Timing“, als sich just in diesem Moment ein im Tisch befindliches Kommunikationsgerät meldet und kurz darauf ein holografisches Bild vom streng dreinblickenden Arvin Mendel produziert.
„Siehste, hab’s doch geahnt“, stöhnt die Frau daraufhin leise, aber offenbar doch ausreichend hörbar, worauf sich der Chef der ARZAK ein Grinsen nicht verkneifen kann, als er ohne Umschweife mitteilt: „Bei uns war auch die Frau dagegen, aber mit 2:1 Stimmen könnt ihr trotzdem erst mal weitermachen und das Mittagessen dürfte jetzt wohl besser schmecken.“
„Wirklich mit allem, was beantragt wurde?“, will die ungläubig dreinschauende Frau aber trotzdem noch wissen.
„So ist es, doch ich rate schon dazu, ordentlich Gas zu geben und bald zum Ende zu kommen, denn eine weitere Diskussion wie die eben möchte ich mir wirklich nicht antun“, erklärt Arvin Mendel darauf, bevor sein holografisches Bild nach dem Austauschen von Abschiedsfloskeln verschwindet.
Die Bemerkung: „Na also, alle Aufregung umsonst“, kann sich der Mann daraufhin offenbar nicht verkneifen, während er sich in einen gemütlich aussehenden Sessel plumpsen lässt. Doch so ganz will ihn die Frau wohl noch nicht vom Haken lassen.
„Ach ihr Männer, und wie es der armen Frau dabei gehen wird, interessiert offenbar nicht“, grummelt sie, aber bei Weitem nicht mehr so aufgeregt wie vorher, weshalb sich der Mann auch unbeeindruckt zeigt.
„Doch, das interessiert sehr wohl, aber du weißt genauso wie ich, dass es ihr prächtig gehen wird, was ich im Übrigen kaum noch erwarten kann. Aber vor allem bin ich ja nicht mehr der Jüngste und möchte unabhängig vom Wagnis vorm Verhungern das Ende des Projekts schon noch erleben, was mich halt immer wieder hibbelig werden lässt.“
„Na, nun übertreib mal nicht, denn egal, wie weit deine Rippen sich hervorwagen, bist du doch viel zu zäh und hartnäckig, um dich davon unterkriegen zu lassen. Allerdings war Geduld noch nie deine Stärke, was wohl eher der Grund sein dürfte“, kontert die Frau, jedoch weiterhin mit ruhiger Stimme, wobei sie sich ebenfalls hinsetzt.
„Ach mein geliebtes Weib, du kennst mich halt zu gut, aber können wir nicht doch ein winziges bisschen mehr Gas geben?“, bettelt der Gemaßregelte mit hoher Piepsstimme und führt dabei vor seinem schmolllippig verzogenen Gesicht Daumen und Zeigefinger beider Hände bis auf einen schmalen Spalt zusammen.
„Na komm schon her, alter Zausel!“, fordert sie grinsend und streckt die Arme aus, worauf der alte Zausel nicht zögert und sich vorbeugt, um einen kurzen, aber innigen Kuss mit viel Zunge entgegenzunehmen. Seine flehende Miene legt er dabei aber nicht ab, weshalb die Frau nach der Trennung ihrer Münder den Kopf schüttelt, dann aber doch ein Zugeständnis macht. „Hör bloß auf, so zu gucken, vielleicht geht ja noch die eine oder andere über den Antrag hinausgehende Kleinigkeit, aber sobald mir was nicht koscher vorkommt, mach dich schon mal auf die nächste längere Beratung gefasst.“
„Hm, besser als nix, aber du solltest dabei wirklich im Auge behalten, dass ich lieber heute als morgen wieder vollständig sein möchte. Also lass uns am besten sofort weitermachen und das Beste hoffen.
„Einverstanden, oder besser gesagt …“
Die letzten ein oder zwei kurzen Worte formuliert die Frau stumm und das war’s auch schon, bevor herzhaftes Lachen den Dialog beendet und beide die Terrasse verlassen, um sich im dazugehörigen Haus wieder an die Arbeit zu machen.

Zeit für uns, alles näher zu beleuchten, doch natürlich mit dem Anfang der Geschichte, wenn nun das Weben der verschlungenen Fäden – wie es sich gehört – mit dem ersten Kapitel beginnt.


1. Ankunft in Thailand

Mit Dudumm, Dudumm, Dudumm bei jedem Schienenstoß, die es in Thailand auch kurz nach der Jahrtausendwende noch gab, ratterte der Zug von Bangkok nach Had Yai. Eine Stadt im Süden an der Grenze zu Malaysia, doch so weit wollten Jono und Mika nicht. Das Ziel der deutschen Touristen war eine Hafenstadt, die bereits etliche Stunden vorher auftauchen sollte und von der aus es zuerst mit einem Bus und dann mit einer Fähre zur Insel Lamoi weitergehen sollte. Tja, und dort wollten die beiden Brüder im Alter von knapp unter vierzig und über dreißig Jahren noch reichlich Zeit vom Januar und ein bisschen vom Februar im Warmen verbringen. Beide freuten sich mächtig darauf, dem eisigen Winter in der Heimat für eine Weile entfliehen zu können, was zurzeit aber nur Jono durch ein breites Grinsen zum Ausdruck brachte, obwohl die Dauer der Reise für seine Verhältnisse eher knapp bemessen war.
Früher habe ich in Monaten statt in Wochen gerechnet, aber da warst du ja als Mann mit fester Arbeit und begrenztem Urlaub nicht dabei, dachte er und anerkannte die Bemühungen seines acht Jahre jüngeren Bruders um diese Reise. Dieser war wie er selbst schlank und für deutsche Verhältnisse eher klein und schlief im Bett unter ihm. Sie hatten Glück gehabt und konnten nach ihrer Ankunft auf dem Flughafen in Bangkok und einer schnellen Taxifahrt zum Bahnhof tatsächlich noch am gleichen Tag zwei der begehrten Schlafwagenplätze ergattern. So blieb ihnen eine unbequeme Busfahrt erspart, die zudem auch nicht ungefährlich gewesen wäre.
„Die fahren wie die Bekloppten und liefern sich sogar Rennen. Bei mir ging’s gut, aber ich habe von einigen Unfällen gehört“, hatte Jono seinem Bruder erklärt, der ihn das erste Mal auf einer Winterreise in warme Gefilde begleitete. Für Jono war es bereits die fünfte, er war sozusagen ein alter, erfahrener Tropenhase und dachte stets mit Grausen an seine beiden ersten und einzigen Bustouren. „Außerdem sind die Dinger dank schlecht eingestellter Klimaanlagen arschkalt, da verkühlt man sich leicht den Magen, was natürlich mit Dünnschiss endet, worauf ich gut verzichten kann“, hatte er auf dem Weg zur Schalterhalle angefügt und sich dabei den Bauch gehalten und schmerzhaft das Gesicht verzogen, als müsse er tatsächlich gerade mit aller Kraft ein kommendes Malheur verhindern. Seine Mimik – große, blaue Augen, dicke Backen und gerunzelte Stirn – wirkte dabei total zerknautscht und war von unglaublicher Komik durchwirkt, in etwa wie bei Jerry Lewis oder Mr. Bean, worüber sich Mika, obwohl er es schon oft gesehen hatte, köstlich amüsierte. Er konnte sich das Lachen nicht verkneifen, was auch bemerkt wurde und willkommen war, jedenfalls bei einer Horde einheimischer Kinder, die mit ihm um die Wette gackerten und auch nicht gleich aufhörten, als Jono unvermittelt wieder ein normales Gesicht aufsetzte und so tat, als sei nichts geschehen. Der Bahnhof war gut besucht mit Thais und Fallang, wie die Ausländer in Thailand genannt werden, von denen nun einige amüsiert zu den Brüdern schauten. Doch da von Jono keine Zugabe kam und Mika sich schnell wieder einkriegte, formten sich die Zuschauermienen bald zum Normalzustand zurück. Und Sekunden später war alles so, als hätte es das kleine humoristische Intermezzo gar nicht gegeben, so, wie sich Wellen nach einem ins Wasser geworfenen Stein schnell wieder glätten. Anschließend orientierte sich Jono vor den Fahrkartenausgaben, da es – wie er wusste – die Tickets für den Schlafwagen nur an einem Schalter gab. Zum Glück war der an der gleichen Stelle wie in seiner Erinnerung, sodass er nicht suchen musste und sich Mika wieder zuwenden konnte, der offenbar immer noch belustigt war.
„Ich stimme dir unumwunden zu und bin natürlich auch nicht scharf auf ’nen Flotten Otto, aber wer will den schon?“, gluckste er, als sie sich in die richtige, aber leider nicht gerade kurze Schlange einreihten. Sie wurde auch nicht allzu schnell kürzer, weshalb die beiden noch ein wenig über das Thema Verdauung im Allgemeinen und die verschiedenen Beschaffenheiten des Endprodukts im Speziellen rumalbern konnten. Außerdem machte ihre Blödelei einen Abstecher bei der Frage, ob der Begriff „Flotter Otto“ eventuell von Otto Reutter und seinem Lied „Der Überzieher“ herrühren könnte.
„Schließlich werden in ihm die magentechnischen Nöte eines Mannes genial umgesetzt“, argumentierte Jono, aber Mika schaute skeptisch drein.
„Ist ’ne nette Idee und möglich, aber nicht zwingend. Wahrscheinlich gibt’s den Begriff schon länger, hört sich für mich eher nach Militär an“, entgegnete er und Jono stimmte zu, da „Flotter Otto“ für ihn auch nach Kommiss klang. Die Frage würde sich ohne Recherche sowieso nicht klären lassen, wusste er, und war kurz davor, das bewusste Lied anzusingen, da er als begeisterter Verehrer von Otto Reutter den „Überzieher“ und einige andere seiner zeitlosen Couplets voll drauf hatte. Außerdem sang er gern und war sich ziemlich sicher, dass es keinen Tag in seinem Leben gegeben hatte, an dem er nicht gesungen hatte.
Wahrscheinlich habe ich auch als Baby schon melodisch gequäkt, dachte er, doch in diesem Fall verzichtete er darauf, um nicht schon wieder für Aufsehen zu sorgen. Lieber tauschte er sich mit Mika weiter über das der Frage zugrunde liegende Thema aus mit der abschließenden Erkenntnis, dass Durchfall allgemein nicht beliebt sei, aber für jemanden, der lange Zeit von Hartleibigkeit geplagt werde, eventuell doch ein willkommenes Ereignis sein könne. Darüber waren sie sich so einig wie über viele Dinge, weshalb es zu keiner kontroversen Diskussion kam, was bei anderen Themen durchaus der Fall sein konnte und sicher auch bald so käme. Jedenfalls rechnete Jono damit, denn zum einen waren sie seit ihrer Kindheit und Jugend nie mehr so lange an einem Stück zusammen gewesen, wie sie es in den nächsten Wochen sein würden, und zum anderen gingen ihre Reiseintensionen nicht in jeder Beziehung konform. Schon in den Jahren zuvor – das erste Mal ausgenommen – war Jono bei seinen Thailandreisen nicht mehr daran interessiert gewesen, viele Eindrücke zu sammeln. Deshalb wollte er sich auch diesmal möglichst wenig bewegen, während es bei Mika auf seiner Premierenreise in eine völlig fremde Kultur natürlich anders aussah. Kleine Konflikte waren also vorprogrammiert, aber die beiden waren sich auch sicher, mit Vernunft, Geschwisterliebe und vor allem Humor gut miteinander auszukommen. Albernes Rumblödeln gehörte unbedingt dazu, weshalb sie keine Gelegenheit ausließen und auch diese zur Gänze mit gedämpftem Gelächter auskosteten, bis Jono zum Ausgangspunkt zurückkehrte.
„Scheißdreck hin, Scheißdreck her, auf jeden Fall steht mir nicht der Sinn nach einer rasanten Busfahrt. Also lass uns alle Daumen drücken“, schlug er vor und ging mit gutem Beispiel voran, kurz bevor sie den Schalter erreichten. Beim Erhalt der begehrten Tickets hüpfte sein Herz freudig und noch ein bisschen mehr, als die Fahrt am frühen Abend losging, sogar pünktlich. Sie störten sich auch nicht an den etwas harten Sitzen oder den überzogenen Preisen für Essen und Trinken, die durch das freundliche Personal mehr als wettgemacht wurden. Zu fortgeschrittener Stunde bekamen sie von einer rundlichen Thai im mittleren Alter sogar die Schlafstätten gerichtet, wonach Jono für sich sofort das obere Bett wählte, während es sich Mika unter ihm gemütlich machte. Schon bald danach war im schummrig beleuchteten, leicht schunkelnden Schlafwagen außer dem Dudumm, Dudumm, Dudumm der Schienenstöße nur noch eine rauschende Kakofonie zahlreicher Ventilatoren zu hören, die alle leisen Schlafgeräusche überdeckte. Schnarcher gab es zum Glück keine, sodass Jono schlafen konnte, aber nun, ein, zwei Stunden vor Tagesanbruch, war er schon wach, obwohl er sich sonst als Langschläfer auch gern bis Mittag in die Laken kuschelte. Wahrscheinlich war sein Rhythmus durch den Nachtflug von Frankfurt nach Bangkok mit einigen Stunden Aufenthalt in Dubai aus dem Tritt gekommen, aber vielleicht hatte ihn auch die Vorfreude auf ein lustiges Ereignis geweckt, bei dem es um Mika gehen würde.
Eine Weile wird es aber noch dauern, Zeit, um ein bisschen zu dösen, sagte er sich nach einem Blick auf seine Armbanduhr.
Dudumm, Dudumm, Dudumm! Das ratternde Geräusch und die Dunkelheit hätten leicht dazu führen können, ihn wieder einschlafen zu lassen, wäre sein aufgekratztes Hirn nach dem Erinnern an einen verworrenen Traum nicht schon im Wachmodus von zahlreichen Gedanken an die bevorstehende Zeit durchdrungen gewesen. Aber nicht nur das Kommende mit ihm und Mika als zentrale Figuren beschäftigte ihn, sondern auch kürzlich und länger Vergangenes. Erinnerungen und Erwartungen gaben sich in seinem vierzig Jahre alten, ziemlich fitten Gehirnkasten, wie meistens in einem fremden Bett, verstärkt ein munteres Stelldichein und wetteiferten darum, was eine längere Betrachtung wert war.
Dudumm, Dudumm, Dudumm! Im Takt der Schienenstöße rauschten ohne erkennbaren Grund als Erstes Fragmente seiner weitgehend unbeschwerten Kindheit vorbei, welche er in einem winzigen Dorf verbracht hatte. Mit einer fürsorglichen Mutter, die als Hausfrau immer für ihn da gewesen war, womit sie ihn aber auch eingeengt hatte, weshalb er sich seinen Freiraum erkämpfen musste. Noch viel mehr bei seinem Vater, einem strengen Lehrer der alten Schule mit dem nicht erlahmenden Verlangen nach Zucht und Ordnung, der ihn mit Gartenarbeit genervt und auch schon mal ordentlich zugelangt hatte, wenn etwas nicht nach seinem Gusto lief. Das blieb nicht ohne Folgen und die Kerben in Jonos Psyche hatten eine Weile gebraucht, um zuzuwachsen. Aber inzwischen konnte er wieder liebevoll und dankbar an seinen Alten denken, der vor einigen Jahren gestorben war und seinen Kindern eine kleine Erbschaft hinterlassen hatte.
Dudumm, Dudumm, Dudumm! Nun wurden Jonos gemischte Erinnerungen an die Eltern durch die an seine zwei Jahre ältere Schwester Gina verdrängt, zu der er als Kind bis zur Jugend eine sehr enge Beziehung gehabt hatte. Danach hatten sich ihre Wege getrennt und der Kontakt war bis auf gelegentliche Treffen bei Familienfesten abgerissen, weshalb auch diesem Rückblick keine lange Verweildauer vergönnt war. Gleiches galt wenig später für den auf seinen jüngsten Bruder Alex, mit dem er sich nie besonders innig verbunden gefühlt hatte. Das lag nicht nur am großen Altersunterschied von beinah zwölf Jahren, sondern auch daran, dass Alex im Gegensatz zu Jono ein bürgerliches Leben führte. Wobei er seinen großen Bruder an guten Tagen für einen spinnerten Träumer hielt und an schlechten für einen Schmarotzer, der trotz seiner sicher vorhandenen Fähigkeiten auf Staatskosten einen faulen Lenz schob und nie was zustande bringen würde.
Kann ich dir angesichts meiner lang anhaltenden, selbst gewählten Arbeitslosigkeit auch nicht verübeln, aber nun schnell weg mit euch, ihr unbequemen und ganz und gar unwillkommenen Gedanken, verordnete Jono seinem Denkapparat. Lieber schwenkte er noch mal zu den Kindertagen, die aber nur kurz mit Bildern von ihm als nicht immer bravem Jungen durchhuschten. Offenbar waren diese Zeiten ebenso wie seine Jugend nicht aufregend genug oder zu lange passé, um eine Chance beim Wettkampf um erweiterte Aufmerksamkeit zu haben.
Dudumm, Dudumm, Dudumm – lachten die Schienen ihm zu, er solle sich lieber mit der Reise beschäftigen, weshalb er nach ein paar weiteren ungeordneten Gedankensplittern schließlich mit einem Sprung zurück ins kalte Deutschland bei der liebevollen Verabschiedung von seiner immer noch resoluten Mutter verharrte. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, ihre Söhne zum Leipziger Flughafen zu bringen, und Jono zum Abschied eindringlich angeraten, ja gut auf ihren Mika aufzupassen.
„Sonst kannst du was erleben. Du weißt ja, er ist fremdsprachlich und auch sonst nicht so wendig wie du. Also bring ihn mir heil zurück, sonst …!“, bekam er von ihr verbal und mit einem leichten Zug am Ohr eingetrichtert, was ihn noch mal an seine Kinderzeit erinnerte.
„Zu Befehl, mein General“, blödelte er zurück und nahm zackig Haltung an, was seinem Ohrwaschel noch mehr Leiden bescherte, bis er ehrlich gemeinte Zeichen von Ernsthaftigkeit hatte erkennen lassen und der Rest der Verabschiedung mit Küsschen und Umarmungen über die Bühne gehen konnte.
Das werde ich wohl müssen, sonst habe ich nie mehr was zu lachen. Also sollte ich ein wachsames Auge auf dich haben, kleiner Bruder, aber Zauberpilze musst du trotzdem essen, dachte er und schmunzelte – immer noch in der Waagerechten – bei der Erinnerung an seine eigenen drei Pilzreisen. Als er vor seiner zweiten Wintertour nach Lamoi durch Literatur von diesen Gewächsen und deren halluzinogenen Wirkungen erfahren hatte, konnte er sich nicht viel darunter vorstellen. Doch die Neugier reichte, um die Pilze zu probieren, wobei seine Wahrnehmung jedes Mal ganz schön durcheinandergewirbelt wurde. Besonders die erste Pilzreise war ihm auch nach Jahren so präsent, als ob er sie gerade erlebe, weshalb er die Augen schloss und sie gern noch mal Revue passieren ließ:
Das Pilzomelett steht einladend vor mir.
Ob der Pilz mich mögen wird? Ich spreche mit ihm und bitte um eine gute Reise. Langsam und sorgfältig beginne ich zu essen, Bissen für Bissen mit viel Kauen und ordentlicher Speichelentwicklung. Man sollte immer so essen. Bis der Teller leer ist und das Warten beginnt. Warten worauf?
Spannung und noch mal die bange Frage: Wird er mich auch mögen, der Pilz?
Dann nach knapp einer halben Stunde geht es los. Die Reise beginnt.
Und er mag mich! Ich weiß es sofort.
Überall beginnt es zu prickeln, Haare richten sich auf, angenehme Schauer durchrieseln mich. Ich suche Musik und beginne gleich zu tanzen. Kann mich bewegen wie nie zuvor.
Kräfte wirken, auf die ich keinen Einfluss habe, doch ich fühle mich nicht beherrscht, kann tun und lassen, was ich will.
Wenn ich die Augen schließe, kommt die Musik in Bildern daher, rhythmische Bilder in Farbe, ganz toll, ein tanzendes Kaleidoskop.
Und bei geöffneten Augen ist alles schärfer, meinem Blick entgeht nicht die kleinste Kleinigkeit, wie zum Beispiel das Anwinkeln der Beine bei einer zehn Meter entfernten Ameise.
Ich bin nicht mehr ich und doch fühle ich, dass ich nie zuvor so sehr ich war wie jetzt.
Unendlich viel Zeit habe ich für all das, was sonst nur mit einem flüchtigen Blick gestreift wird. Es gibt nichts Uninteressantes. Die Welt ist jeden Augenblick neu.
Alle Menschen sind lieb, aber auch geheimnisvoll und alles ist größer und bedeutender.
Wunderliche, schwer zu beschreibende Dinge passieren und der Zeitfluss spielt verrückt, bis es irgendwann gar keine Zeit mehr gibt.
Doch es sind sechs Stunden vergangen, als ich merke, dass der Pilz mich so sanft wie ein Lüftchen ohne Nachwirkung verlassen hat.
„Na ja, ganz ohne sicher nicht“, murmelte er leise und erinnerte sich, dass seine spirituelle Entwicklung nach dem Lesen von Büchern und den ersten Versuchen zu meditieren durch den Pilz einen mächtigen Schub bekommen hatte.
Die anderen Reisen waren sogar noch aufregender und ich möchte keine missen, mal sehn, ob sich beim nächsten Mal noch eins draufsetzen lässt. Wahrscheinlich nicht, oder besser gesagt, lieber nicht, denn dann ist es vielleicht wirklich ’ne Fahrt ohne Rückfahrkarte, sagte er sich und dachte dabei an den letzten, etwas stark bemessenen Imbiss vor drei Jahren, bei dem er auf einem Felsen liegend vom Himmel angesaugt wurde und losgelassen hatte. Ein Jahr davor war er in der gleichen Situation noch entsetzt aufgesprungen und wieder unter Leute gegangen, um der bedrohlichen Magie Einhalt zu gebieten, was sogar funktioniert hatte. Doch anschließend wurmte es ihn ungemein, den Schwanz ängstlich eingezogen zu haben, weshalb er seine Anstrengungen, sich spirituell zu entwickeln, erheblich forcierte. Zu verschiedenen Arten der Meditation gesellten sich Tai Chi und der Unterricht bei einem Guru, bis wieder eine Reise nach Lamoi und damit verbunden der nächste Pilzimbiss anstand. Und diesmal war er bereit gewesen, sich auf das Wagnis einzulassen, wonach die Welt – oder seine Wahrnehmung davon und von sich selbst – so stark aus den Fugen geriet und ihn abdriften ließ, bis er sich an gar nichts Vertrautem mehr festhalten konnte. Natürlich hatte er Mika von seinen Pilzreisen erzählt, auch mit dem Ziel, ihm den Zauberpilz schmackhaft zu machen, dabei aber den gefährlichen Teil mit der Möglichkeit, sich dabei auflösen zu können, lieber weggelassen.
Will dich ja schließlich nicht verschrecken und es sowieso langsam, also mit einer kleinen Portion angehen, aber jetzt müsste es eigentlich bald so weit sein, dass du auf andere Weise etwas gebeutelt wirst, schmunzelte er und schaute noch mal auf die Uhr, wobei er feststellte, bis zum erwarteten Ereignis immer noch etwas Zeit zu haben. Offenbar hatten seine Gedankensprünge nicht viel Zeit beansprucht.
Dudumm, Dudumm, Dudumm! Das Rattern hatte sich nicht verändert und die Geschehnisse im Abteil gingen nach wie vor ihren ereignislosen Gang, was nicht wunderte, da es draußen immer noch stockdunkel war. Mika atmete auch ruhig und schien weniger Probleme mit der sechsstündigen Zeitverschiebung zu haben, was Jono allerdings kaum wunderte, als er darüber nachdachte.
Mal überlegen, wenn es hier fünf Uhr ist, haben sie es in Deutschland eine Stunde vor Mitternacht, die Zeit, zu der du normalerweise schlafen gehst, während ich dann erst richtig aufblühe. Und rechnen wir die Reisestrapazen dazu, bist du jetzt wahrscheinlich im Tiefschlaf, lautete seine Schlussfolgerung, die er jedoch korrigierte, als er mit einem Blick nach unten hinter den Vorhang feststellte, dass Mikas Augenlider heftig flatterten, was eher für einen intensiven Traum sprach. Jono beschäftigte sich im Rahmen seiner spirituellen Entwicklung seit vielen Jahren sowohl theoretisch als auch praktisch mit dem Träumen, weshalb er gern in Mikas Kopf schauen würde und ein wenig herumspekulierte, da das nun mal nicht ging, oder besser gesagt, weil er es nicht konnte. Er hielt so was nämlich schon für möglich und glaubte an die Kraft des Träumens, woran seine Erfahrungen mit den Zauberpilzen keinen kleinen Anteil hatten. Seitdem stand für ihn ohne Zweifel fest, dass die Trennung zwischen der Traumwelt und der vermeintlichen Realität eher fließend als fest war. Dabei unterschied er allerdings zwischen dem normalen Traum, in dem der Träumer nur Spielball ist, und dem Klartraum, in dem man sich des Träumens bewusst ist und Gestaltungsmöglichkeiten hat. Einige Male war es ihm auch schon gelungen, vom Normaltraum in diese Dimension zu gelangen, allerdings nur für kurze Zeit und mit enorm großem Energieaufwand. Nach jedem Aufwachen fühlte er sich dann zwar wie ausgelutscht und völlig erschöpft, doch der Motivationsschub durch Faszination reichte immer aus, um ihn weitermachen zu lassen. Allerdings vermutete er allmählich, auf diesem Gebiet nicht talentiert genug zu sein. Jedenfalls nicht so sehr wie in anderen Bereichen seiner Spiritualität, denn mittlerweile konnte er beim Meditieren sogar im größten Lärm und Trubel den Ort der Ruhe aufsuchen und sein Tai Chi sah – von mehreren Seiten bestätigt – seit einigen Jahren nach was aus. Auch mit Massagen und Tarotkarten kannte er sich aus und seine Fähigkeiten beim Tantra, der altindischen Liebeskunst, waren nicht ohne, doch das Träumen war offenbar nicht sein Ding. Deshalb wollte er Mika in der nächsten Zeit auch in dieser Hinsicht mal auf den Zahn fühlen, ahnte zu diesem Zeitpunkt jedoch nicht, was sich daraus entwickeln sollte.
Bei aller Ähnlichkeit unterscheiden wir uns in einigen Dingen, zum Beispiel im Künstlerischen, da schreiben wir zwar beide gern, aber während ich eine Rampensau in allen möglichen Genres der Unterhaltung bin, bleibst du als Maler lieber im Hintergrund. Und möglicherweise bist du ja von uns beiden der Träumer vor dem Herrn und weißt nur nichts davon. Und vielleicht ist dein künstlerisches Talent ja nicht nur als Freizeitbeschäftigung zu gebrauchen, auch wenn du selbst nicht an verborgene Fähigkeiten in dir glaubst. Wenn es sie gibt, werde ich sie schon finden, suggerierte er stumm in Mikas Richtung und mutmaßte, während er ihn anschaute, was sich in dessen Hirn beim ersten Traum im warmen Thailand wohl abspielen mochte.
Wahrscheinlich was mächtig Aufregendes und Schönes, wenn ich deinen wechselnden Gesichtsausdruck von angespannt bis verklärt richtig deute. Und wenn das so ist, kann es eigentlich nur um eine Frau gehen, vielleicht mit sexuellen Intensionen, lautete seine erste Interpretation, die er etwas revidierte angesichts eines flachen und nicht zum Zelt gebeulten Lakens auf Mikas Körper, das bei den warmen Temperaturen eigentlich nicht nötig war. Es sorgte aber für Gemütlichkeit, ein Begriff, mit dem die Thais nichts anfangen konnten, weshalb sie auch keine Entsprechung in ihrem Wortschatz dafür hatten. Doch Jono selbst mochte ebenso wie Mika auch in den Tropen nicht auf eine leichte Zudecke verzichten. Mitunter zog er sie nur bis über die Hüfte, so wie jetzt, aber ganz ohne ging es nicht. Mika war etwas mehr zugedeckt und trug sogar einen Schlafanzug, was Jono als passionierter Nacktschläfer wiederum nicht nachvollziehen konnten. Beim Schlafen wollte er absolut nichts anhaben, wobei er sich gelegentlich fragte, von welchem Zeitpunkt an das so war, da er als Kind sehr wohl Nachthemd oder Schlafanzug getragen hatte. Bis jetzt hatte er den Tag seiner Kleiderhäutung fürs Bett aber nicht herausfinden können und an Mika war diese Art der Metamorphose offenbar vorübergegangen.
Vielleicht, weil du mit fast dreißig immer noch bei Mama wohnst, sagte sich Jono und grinste, als ein Geräusch ihn dazu bewog, Mika sofort die Aufmerksamkeit zu entziehen. Nicht dass es ihn erschreckte oder besonders laut war, ganz im Gegenteil. Ein leises, kaum hörbares Summen versetzte ihn in Alarmbereitschaft und trieb ihn mit geschärften Sinnen von der Bauch- zurück in die Rückenlage. Natürlich musste er in den Tropen mit Mückenattacken rechnen, aber bei einem ausreichend blasenden Ventilator hatten sie normalerweise keine Chance. Auch diesmal konnte Jono erfreut beobachten, wie der weibliche Minivampir, getrieben von der Gier nach seinem Blut, eine Weile tapfer kämpfte und es beinah schaffte, auf ihm zu landen, bis er jede Koordinationsfähigkeit verlor und vom Luftstrom des schwenkenden Ventilators mit dem nächsten Schwall weggeweht wurde. Beinah tat ihm das kleine Geschöpf etwas leid, denn schließlich tat es doch nur, was es musste. Aber wirklich nur beinah entwickelte er Mitgefühl, denn bei geglückter Landung wäre er ganz sicher handgreiflich geworden und hätte sich den Saugstutzen nicht in die blasse Winterhaut rammen lassen.
Ich würde euch gern ein bisschen lecker Blut von mir abgeben, aber leider hinterlasst ihr die Zapfstelle nicht, wie ihr sie vorgefunden habt, was ich nicht haben will. Tut mir leid, dachte er bei diesen Gelegenheiten immer und hoffte, nicht irgendwann als Mückenweibchen wiedergeboren zu werden.
Ist bestimmt ein Scheißberuf. Riesige, Millionen mal größere Bestien anfliegen und auf ihnen landen in ständiger Angst, ohne Gnade platt geschlagen zu werden. Diesmal kam der kleine Plagegeist aber heil davon und einmal vom Winde verweht verschwand er Jono auch schnell aus dem Sinn, worauf dieser noch mal kurz mit einem liebevollen Blick über den Bettrand zu seinem kleinen Bruder lugte, der immer noch spannendes Zeug zu träumen schien.
„Wahrscheinlich doch von einer Frau, was dir wenigstens im Schlaf gegönnt sei, wenn es im wachen Zustand einfach nicht klappen will“, murmelte Jono in seinen stoppligen Bart und nahm sich vor, seinem Brüderchen während der Reise mit Druck und List auch beim Überwinden der Schüchternheit auf die Sprünge zu helfen.
Wäre doch gelacht, wenn wir nicht einen flotten Hirsch aus dir machen könnten oder wenigstens’nen passablen Rehbock. So weit er wusste, ließen sich Mikas bisherige Liebschaften an einer halben Hand abzählen, wobei ihm zweimal das Herz gebrochen worden war, was weitere Versuche, ein holdes Weib zu erobern, sicher auch nicht gerade motivierte, von fehlender Übung ganz zu schweigen. Aber ohne es anzugehen, würde nun mal nichts passieren. Womit Jono an sich kein Problem hätte, wüsste er nicht von Mikas unerfüllter Sehnsucht nach einer Partnerin, die ihn an manchen Tagen entweder recht still und in sich gekehrt oder zum Ärger seiner Mitmenschen auch missmutig und mürrisch werden ließ. Jono kannte sich dank eigener Erfahrung ganz gut mit diesem Zustand aus, denn in seiner Jugend war es ihm ähnlich gegangen, bis er von einem Kumpel auf die richtige Art an die Hand genommen worden war, was er nun mit Mika zu tun gedachte.
Wie aufs Stichwort und passend zu seiner Absicht hörte er plötzlich von unten Mikas aufgebrachte Stimme nicht gerade leise, aber etwas undeutlich, weshalb er nur Bruchstücke wie: „… die … mir … weg, versteht … nie!“, ausmachte, worüber er sich amüsierte, auch ohne die Lücken schließen und den dahintersteckenden Sinn erkennen zu können. Die Tatsache allein, dass sich Mika in seinem Traum mit irgendwelchen Widrigkeiten herumschlagen musste, brachte ihn zum Kichern, während die übrigen Fahrgäste keinerlei Anzeichen einer Störung erkennen ließen.
Muss ja wirklich er-, an- oder aufregend sein, was die Wahrscheinlichkeit einer dahintersteckenden Frau natürlich erhöht, schlussfolgerte Jono und griente süffisant, bevor er aus dem Fenster schaute. Nach dem Herunterklappen des Betts war davon zwar nur ein schmaler Spalt für ihn übrig geblieben, der jedoch reichte, um ihm das dunkle Draußen zu zeigen. Immer noch war nichts von der thailändischen Landschaft zu sehen, aber dank seines schier unerschöpflichen Vorrats an Erinnerungen und Ideen bestand bei Jono nicht mal ansatzweise die Gefahr von aufkommender Langeweile.
Andererseits könnte es aber auch bald losgehen. Oder hat sich die thailändische Bahn etwa gebessert und will mich meines Vergnügens berauben?, zog er zum ersten Mal als Möglichkeit in Betracht, wobei der Optimismus, sich auf Mikas Kosten gleich diebisch freuen zu können, aber immer noch überwog. Und um bis dahin nicht die ganze Zeit hibbelig auf der Lauer zu liegen, ließ er seinen Gedanken noch mal freien Lauf und landete prompt erneut bei den Frauen, diesmal allerdings bei seinen eigenen Erfahrungen mit dem schönen Geschlecht, die sich völlig von Mikas unterschieden. Zwar war es bei ihm auch eher gemächlich und unbeholfen losgegangen und das mäßige Tempo seiner Entwicklung dauerte eine ganze Weile an, aber inzwischen konnte er nach fünfundzwanzig Jahren Liebesleben immerhin auf sechs Jahre Ehe mit Scheidung, zwei längere Beziehungen ohne Trauschein und zahlreiche kurze Liebschaften zurückblicken. Die gemachten Erfahrungen reichten dabei von grandios und willkommen bis beschissen und lästig, wobei er manchmal sofort und manchmal erst im Fluss der Zeit eine Lebensweisheit daraus gewinnen konnte. Die Dauer der Beziehung war dabei schon von Bedeutung, spielte aber anderseits nicht immer eine Rolle. Deshalb war ihm seine eher langweilige, kinderlose Ehe als junger Mann mit verklemmter Sexualität auch viel weniger präsent als zum Beispiel eine Silvesternacht Ende der Achtzigerjahre, in der er von einem Ehepaar in die Welt der Rollenspiele eingeführt worden war. Er hatte damals sofort Geschmack daran gefunden und konnte das Erlebnis jederzeit in allen Einzelheiten abrufen, ebenso wie zahlreiche Tantra-Nächte in seiner zweiten längeren Partnerschaft als Mittdreißiger, während der er den größten Entwicklungssprung gemacht hatte und erstmals auf vielen Gebieten vom Lernenden zum Lehrenden wurde.

Format: 18 x 27 cm
Seitenanzahl: 826
ISBN: 978-3-99048-082-3
Erscheinungsdatum: 13.07.2015
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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Krampus & Nikolo