Science Fiction & Fantasy

Un Fertig

Marion Seter

Un Fertig

Geschichten aus dem Bücherregal der Vergessenen

Leseprobe:

Vorwort

Ich kann mich noch wie gestern daran erinnern, wie ich als nicht viel lesendes Kind endlich ein Fantasy-Buch entdeckte, das mich fesselte. Den ersten Teil habe ich verschlungen, danach wartete ich gespannt auf den zweiten, welcher leider nie erschien. Aus welchen Gründen auch immer hatte der Autor die Buchreihe aufgegeben und nicht weitergeschrieben. Dies kommt immer wieder vor – sowohl in Büchern, Filmen, Serien als auch im realen Leben.
Im konkreten Fall stellte ich mir zum einen die Frage, wie die Geschichte enden sollte? Ich hätte die Autoren zu gerne gefragt.
Zum anderen dachte ich darüber nach, wie schlimm es für die Figuren sein musste, deren Geschichte einfach mittendrin stehen geblieben ist. Was passierte mit denen? Warteten sie für immer auf ihr Ende? Litten sie oder entwickelten sie sich selbst weiter?
Genau darum geht es in diesem Buch.
Um der Sache auf den Grund zu gehen, erschuf ich einen unvoreingenommenen Charakter, einen Charakter komplett ohne Vorgeschichte, ohne Vorurteile oder bereits geprägte Meinungen.
Und genau so ist dieses Buch auch zu lesen, lasst euch von Un Fertig mit auf seine Reise nehmen. Es ist nicht immer alles, wie es scheint und die Reise wird nicht gradlinig verlaufen. Viele Hürden stellen sich Un in den Weg, aber andererseits gibt es auch immer wieder Glücksmomente und Begegnungen. Es müssen Entscheidungen gefällt werden, die den Verlauf eines Lebens beeinflussen und meistens sind die Folgen nicht komplett vorhersehbar. Wenn es dann aber so weit ist, muss man das Beste daraus machen und einfach weiterziehen bzw. weiterlesen…
Ich wünsche allen Lesern eine einerseits gemütliche und lustige, andererseits aber auch raue und ungewöhnliche Reise durch das Bücherregal der Vergessenen.


1 Tussis

Es war einmal eine Stadt namens „Tussis“. Ob es sich nun um eine Stadt oder einen größeren Ort handelte ist Definitionssache. Auf jeden Fall war es ein Lebensbereich, bestehend aus vielen hohen Bauwerken, in denen zu viele Menschen auf engem Raum zusammengestopft lebten, für den sie ihrer Meinung nach zu viel bezahlten und ihr Leben lang dafür schufteten. Ob sie nun allerdings auf ihrer Arbeit lebten und zu Hause schufteten oder zu Hause lebten oder auf der Arbeit schufteten ist eine andere Frage.
Es gab in „Tussis“ wenig Grün, viel Verkehr, viele unzufriedene Lebensarten (die Menschen aufgrund von Weltschmerz und ihrer Umwelt, die Tiere aufgrund ihrer Umwelt und Pflanzen gab es eigentlich nicht). Es gab zu viele Geschäfte, die immer wieder wechselten, weil sie dem Markt nicht standhalten konnten. Den Inhabern und Mitarbeitern wurde direkt ein schlecht bezahlter Job in einem der führenden Großkonzerne angeboten bzw. aufgezwängt, denn ohne Arbeit war man schließlich kein richtig funktionierender Mensch. Die Menschen nahmen kaum aufeinander Rücksicht und jeder beklagte sich mindestens einmal am Tag über das Wetter, die Kosten für die Wohnung oder irgendetwas anderes Banales, was ihnen gerade in den Sinn kam, über den Weg lief und ihnen die Stimmung vermieste. Wichtig bei dieser Klagerei war, dass es sich entweder nicht ändern ließ wie das Wetter, oder das sie in Wahrheit nichts ändern wollten, weil es zu viel Energie kosten würde. Dass die Klagerei selbst eigentlich viel mehr Energie kostete, als das Problem zu lösen oder sich damit abzufinden, darüber machten die Menschen sich keine Gedanken. Sie machten sich auch keine Gedanken darüber, dass sie sich selbst die Stimmung durch irgendeinen Grund vermiesen ließen. Denn dazu gehören wie bei den meisten Situationen im Leben immer zwei, ob es nun zwei Menschen sind oder ein Mensch und ein anderer Grund. Apropos, in den Gedanken wirkten viele von ihnen wie leer und nur dem typischen Alltag verfallen nachgehend ohne jegliche Hinterfragungen. Dabei gingen sie oft in ihren oder jedermanns Augen langweiligen und sinnlosen Tätigkeiten nach, doch jeder tat so, als wären sie sinnvoll und äußerst wichtig. Einige erstellten Formulare für Einzelfälle, die einmal in 50 Jahren vorkamen und wieder andere schaufelten Müll in die Müllverbrennungsanlagen. Müll gab es außerdem sehr, sehr viel und jährlich wurde mehr produziert. Wäre die Produktion von Müll ein positiver Aspekt der Wirtschaft wie die Produktion von Bleistiften wäre „Tussis“ wohl die reichste Stadt der Welt gewesen. Das Einzige, das noch zahlreicher und auffälliger als der Müll und die unzufriedenen Menschen war, waren die Schornsteine der Stadt, aus denen unablässig dicker, zäher Rauch in den unterschiedlichsten Farben kroch. Das Wort „kroch“ ist hier absichtlich gewählt, da dieser Rauch so dick war, dass er fast wie ein organisches Lebewesen wirkte, das geboren wurde und in die Freiheit der Lüfte entschwand, um anschließend in einer dicken Masse oben zu verschwinden. Es war also ähnlich wie bei den Menschen, man wurde zwar als ein Individuum geboren, wurde aber kurz danach schon von der großen Masse einfach aufgesaugt, um darin unterzugehen. Man existierte zwar irgendwo weiter, aber nur als ein kleiner Teil des Ganzen. Wenn man den Rauch nun allerdings auch als eine Art Müll bezeichnete, wäre der Müll am Ende am meisten vorhanden gewesen in „Tussis“. Das Besondere an dem Rauch von „Tussis“ war, dass er wirklich die unterschiedlichsten Farben annahm.

Es gab die üblichen Farben: weiß, rot, grün, gelb, blau, orange, lila, pink und grau. Nach der Farbe des Rauches wurden auch die Stadtteile benannt. Wenn man gefragt wurde, wo man wohnte, hieß es zum Beispiel: „Im Teil Blau, Blaue Straße 501.“ In jedem Stadtteil gab es nämlich nur die eine Straße und die Häuser waren alle an dieser Straße und nummeriert, es musste schließlich alles seine Ordnung haben. Ob es nicht für alle sinnvoller gewesen wäre, unterschiedliche Straßennamen zu geben, damit die Zahlen der Häuser nicht zu hoch ausfielen, wurde nicht debattiert.
Das Besondere war außerdem, dass die Menschen in dem jeweiligen Stadtteil ein wenig ihre Haut-, Augen- und Haarfarbe an die jeweilige Rauchfarbe anpassten. Vielleicht lag dieser Eindruck auch nur daran, dass der Rauch unablässig überall war und die Menschen kaum ihren Stadtteil verließen. Schließlich hatte jeder Stadtteil ein wenig seine eigene Kultur geprägt von der jeweiligen Farbe entwickelt und ließ sich ohne Abwandlung in dieser nicht beirren. Was die Menschen allerdings vergaßen war, dass der Rauch auch in ihren Lungen saß und, egal welche Farbe er vorher gehabt haben möge, einen widerlichen schwarzen Rest hinterließ, der sich festsetzte und für immer blieb. Ein schwarzer, dickflüssiger Schleim, der sich in die Lungen und auf die Seelen legte. Weltschmerz bekam an dieser Stelle noch eine ganz andere Bedeutung, denn umso mehr Rauch in den Lungen war, umso mehr schmerzte es auch. Dies führte dazu, dass alle Bewohner der Stadt an schmerzendem Husten litten. Mindestens einmal am Tag hatte jeder Mensch einen Hustenanfall, an öffentlichen Orten, Schulen und Arbeitsplätzen gab es die sogenannten „Hust-Plätze“, in denen der während der Arbeit oder Schule angestaute Husten herausgelassen werden konnte. Es gab daher auch richtige „Hust-Pausen“. Die Menschen veranstalteten teilweise sogar „Hust-Wettbewerbe“ oder „Hust-Abende“, an denen sie sich trafen und gemeinsam husteten und redeten, obwohl das Reden dabei meistens zu kurz kam. Zu diesen beiden Ereignissen kam es allerdings fast nie, da wie schon erwähnt fast nur gearbeitet wurde.
Um den für einige vielleicht eigenartig klingenden Namen zu erklären: Angeblich kam das Wort „Tussis“ aus einer toten Sprache und bedeutete „Husten“. Als ob die Erbauer der Stadt bereits gewusst hätten, dass diese sich zu einem gigantisch vermüllten und verrauchten, konsum- und wirtschaftsorientieren überfüllten Lebensort entwickeln würde. Wer die Stadt erbaut hatte war allerdings unbekannt.
Jedenfalls waren wie gesagt in dieser Stadt alle Menschen an ihren Farben zu erkennen. Auch ihre Namen wurden an die Farben angepasst: Rosania, Grünius und so weiter. In dieser so geordneten, bunten und gleichzeitig schwarzen Stadt geschah an einem normalen Tag, als alle ihrer gewohnten Monotonie nachgingen, etwas Außergewöhnliches. Nicht das besagte Ereignis, das die Menschen aus ihrer Ruhe in Hektik versetzt hätte, aber es sorgte durchaus dafür, dass einige von ihnen einmal kurz ihren Blick hoben, weil eine andere Farbe als sonst auf einem Platz war.


2 Der weiße Kasten

Eines Morgens tauchte ein weißer Kasten in „Tussis“ auf. Schneeweiß, ohne jede Färbung, bis auf ein paar rötliche, fast durchsichtige Flecken. Er ragte hoch in die Luft, aber nicht so hoch wie die anderen Gebäude und er hatte keinen Schornstein, zwei Faktoren, die ausschlossen, dass es sich schlichtweg um ein sehr schnell hochgezogenes Haus handelte. Ein paar Tage lang stand es nur da. Nach dem ersten Schock fingen die Menschen schon langsam an, sich daran zu gewöhnen bzw. es zu akzeptieren. Es war versucht worden es abzureißen, doch das war gescheitert. Lange darüber nachdenken wollten die Menschen nicht, dafür hatten sie schließlich keine Zeit und außerdem stand es nur da und bewegte sich nicht und gab auch keinen Laut von sich. Es behelligte sie also nicht in ihrem Tagesablauf. Die meisten liefen einfach nur zu Boden schauend an dem Kasten vorbei. Nebenbei: Kasten ist eigentlich das falsche Wort, das Ding war zwar viereckig, allerdings flach. Es konnte sich nichts darin befinden, weshalb die Menschen davor keine Angst zu haben brauchten. Wenn man also einfach nicht hochsah, konnte man so tun, als wäre es gar nicht da. Die meisten hatten so etwas zwar noch nie gesehen und hätten sich diese Erfahrung lieber erspart. Anders war anders war nicht so wie alles andere war, war nicht richtig. (Diesen Satz hatte tatsächlich ein Deutschlehrer einmal zu seiner Klasse gesagt.)
Doch eines Tages veränderte sich der Kasten und ihm entstieg etwas. Oder besser gesagt, dieses Etwas stand von einem Tag auf den anderen plötzlich davor. Und dieses Etwas war jenes Wesen, nach dem dieses Buch benannt ist, dieses Etwas war Un Fertig. Also zu diesem Zeitpunkt war es genau genommen nur ein Es, weil Es noch keinen Namen hatte. Genau genommen hatte Es noch gar nichts. Es stand nur da und sah sich um. Und wer sah sich noch um? Die Tussierer Menschen natürlich! Ein paar blieben stehen, andere versuchten ihren gewohnten Weg fortzusetzen und gleichzeitig zu gucken, was zu einem Stau auf den Straßen und Wegen und einigen Zusammenstößen mit Straßenlaternen führte. Eine Frau rief hysterisch die Polizei. Dies kam in Tussis nicht oft vor, da schließlich alle einer vernünftigen Arbeit nachgingen, gewohnte Wege gingen und obwohl keiner in dem Sinne auf den anderen Rücksicht nahm funktionierte die Stadt doch im Großen und Ganzen wie ein geschmiertes Uhrwerk. Wenn in das Getriebe allerdings ein Stein oder ein Schädling kommt, dann funktioniert das Uhrwerk nicht mehr einwandfrei und für diesen seltenen Vorfall war dann die Polizei zuständig. Da sie so selten Einsätze hatte, bestand die Polizei vorwiegend aus dickbäuchigen Männern und Frauen, die sich stets überarbeitet fühlten, obwohl sie den ganzen Tag nur vor dem Computer saßen und sinnlos nach Fällen suchten.
Das „Es“ wurde nun also von einer genervten Polizeistreife von einem Amt zum nächsten kutschiert. Keines der Ämter wusste wohin mit ihm, noch nicht einmal in welchen Stadtteil, denn da kam für die Menschen der erschreckendste Aspekt des Wesens ins Spiel. Es hatte keine Farbe! Es war vollkommen farblos! Auch nicht weiß, sondern wirklich komplett farblos. Es war durchsichtig, wenn man so will, ausschließlich seine Außenlinien waren zu erkennen, doch die hat schließlich jeder. Ohne Außenlinien löst man sich in nichts auf, doch dazu an anderer Stelle mehr.
Wenn Un Fertig vor einem stand, dann konnte man ohne große Anstrengung durch ihn hindurchsehen. Er war nur etwas verschwommen, als wäre die Luft dickflüssig geworden oder als ob man durch ein Milchglas sehen würde. Doch man konnte ihn schließlich auch nicht einfach in der Stadt herumstehen und Löcher in die Luft schauen lassen. So wurde er zunächst in die Schule der Weißen eingeteilt. Er war schließlich vor einem weißen Kasten erschienen. Der weiße Kasten war übrigens, sobald Un Fertig da war, auf mysteriöse Weise augenblicklich verschwunden.


3 Wie Un Fertig zu seinem Namen kam

„Es sieht aus …“, dachte Un Fertig, als er dort stand.

Er wusste noch nicht, wie es aussah, er hatte schließlich noch nie irgendetwas gesehen. Er wusste nur, dass er etwas sah. Viele schnell laufende Wesen, obwohl er noch nicht wusste, was schnell bedeutete oder Wesen waren. Sie gaben murmelnde und teilweise laute Geräusche von sich, die Un versuchte nachzuahmen.

Doch es kamen dabei nur anders klingelnde Geräusche heraus, wie „Waaaaaaasdaaaaaaaaa“ oder Ähnliches.

Er konnte noch nicht sprechen. Diese Wesen brachten ihn von einem Ort zum anderen, wo sie, wie er später erfuhr, versuchten mit ihm zu kommunizieren. Einigen von ihnen lief Flüssigkeit über die Stirn oder aus ihren Augen. Un war fasziniert von der Welt an sich, so wie man fasziniert sein kann, wenn man eben noch nichts kennt. Alles ist spannend und aufregend. Un verstand nicht, was sie von ihm wollten, da er schließlich noch keine Sprache kannte. Schließlich brachten sie ihn in ein großes weißes Gebäude, das ein spitz zulaufendes Dach hatte. Viele kleinere der „Wesen“ in Uns Augen waren dort und hörten still zu, während ein großes Wesen gestikulierend etwas erzählte. Da er allerdings nicht wirklich zuhören konnte, weil er nichts verstand, wurde er in einen weiteren Raum, in dem noch viel kleinere Wesen nicht auf Stühlen, sondern auf dem Boden in einem Kreis saßen, geführt Die kleineren Wesen machten die Worte gespannt nach, wie Un Fertig schließlich auch. Er kannte zwar noch nichts, aber er verstand sehr schnell. Wenn man selbst noch keine Ahnung von nichts hat schließt man sich automatisch an das an, was die anderen Lebewesen auch tun.
Zunächst besuchte Un Fertig, wie er später erfuhr, nun die Vorschule. Er stellte sich, da er älter war als die Kinder, sehr geschickt an. Insbesondere da er sich nichts aus Spielen machte, die anderen Kinder ließen ihn nicht mitspielen und alleine hätte er gar nicht gewusst, was er spielen sollte. Er bestaunte vielmehr die Welt und sah ihnen gerne dabei zu, wie sie ihren Beschäftigungen nachgingen. Während die anderen Kinder sich für Puppen und Autos interessierten, verbrachte er Stunden damit, sich den Beschreibungen und Eigenschaften eines Flummis zu widmen. Er empfand es als Privileg, immer mehr Wörter zu erlernen. Was ihn außerdem von den Kindern unterschied, war, dass er zunächst keinen Namen hatte. Zunächst kam ihm die ganze Sache mit den Namen komisch vor, es waren doch schließlich alle Menschen, wieso hatte jeder eine andere Bezeichnung und woran erkannte man diese? Das Argument der Lehrerin, dass es höflicher war, jemanden mit Namen anstatt mit dem Wort „Mensch“ anzusprechen, verstand er nicht, aber dass man so jeden von einem anderen unterscheiden konnte, leuchtete ein.
Un Fertig wollte auch gerne einen Namen haben wie alle anderen, doch niemand wollte ihm seinen sagen. Er fragte die Lehrerin, ob sie ihm nicht einen geben könnte. Zu dieser Zeit schien sie in seinen Augen der allwissendste Mensch der ganzen Welt zu sein, doch sie verneinte. Irgendwann fiel ihm auf, dass, wenn die Lehrerin die anderen Kinder aufforderte, auch mit ihm zu sprechen und zu spielen, sie oft sagten: „Er ist nicht wie wir! Er sieht komisch aus und hat keine Farbe. Meine Mama sagt, er ist unfertig!“ Sie hänselten ihn oft damit, dass er unfertig sei. Doch Un konnte dies nicht als Hänseln identifizieren, da er keine negativen Absichten darin erkannte, sondern sich vielmehr angesprochen fühlte von ihnen. Er erkannte Un Fertig als seinen Namen. Die Lehrerin wollte dies zunächst nicht zulassen, andererseits konnte sie ihm schließlich auch nicht einfach einen Namen aussuchen, wieso sollte er dies dann nicht selbst tun. Er trennte das Wort unfertig in Un und Fertig, da schließlich jeder Mensch zwei Namen hatte. Einen Vornamen und einen Nachnamen, so war es ihm erklärt worden. Dies fand er an sich noch verwirrender als die Sache selbst. Zwei Bezeichnungen zusätzlich für ein und dieselbe Person? Dies war ihm bereits in der gesamten Sprache aufgefallen. Es gab für die meisten Dinge mehrere Bezeichnungen. So war ein Glas auch gleichzeitig ein Behältnis und so weiter. Insbesondere bei Gefühlen sowohl von einem selbst, als auch besonders von anderen Menschen fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. War nun jemand, der irgendwo saß und weinte, allein, einsam, traurig oder hatte Schmerzen? War er betrübt oder maulig? Dies war teilweise sehr schwer einzuschätzen, weshalb es auch schwer war, mit der Situation umzugehen. An einem Tag lernte er das Wort „Trauer“, was zum Beispiel durch Weinen ausgedrückt werden konnte. Wenn jemand traurig ist, braucht er „Trost“. „Trost“ gibt man, indem man für jemanden da ist, ihm nette Sachen sagt und ihn in den Arm nimmt. Bei den Kindern funktionierte dies gut, wenn die Lehrerin es machte. In seiner nächsten Schule, womit ein neues Kapitel in Uns Schul- und Menschenkennenlernlaufbahn begann, machte er eine andere Entdeckung. Er sah am ersten neuen Schultag einen mittelgroßen Menschen, einen Jugendlichen, wie er später erfuhr, ganz allein auf einer Bank sitzen und weinen. Es war ein weiblicher Mensch, ein Mädchen, so viel wusste er schon.

Er ging zu dem Mädchen, nahm es in den Arm und sagte: „Wieso weinst du bloß, du bist doch so schön weiß heute!“

Zu Erklärung: Ja, die Menschen hier nahmen Aussagen über ihre Farbe normalerweise als Kompliment.

Statt den Trost nun aber dankend anzunehmen und aufzuhören zu weinen, schubste sie ihn weg und schrie ihn an: „Fass mich nicht einfach an! Ich will nichts von dir! Du siehst doch, dass ich gerade Ruhe brauche! Was soll das heißen, ich habe ein schönes Weiß, meinst du das etwa, um mich zu ärgern? Gefall ich dir nicht oder was?!“

Rums, das war ein totaler Reinfall. Nach diesem Vorfall wurde Un Fertig zum Direktor der Schule gebracht. Ihm wurde vorgeworfen, andere Schüler zu belästigen. Un Fertig sehnte sich in die Vorschule zurück, wo Weinen noch Weinen war und Lachen Lachen.
Nachdem Un Fertig nun aber leider sehr schnell sprechen gelernt und die anderen Kinder von der Intelligenz her überholt hatte, musste er sie verlassen und in die Schule gehen.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 114
ISBN: 978-3-948379-46-9
Erscheinungsdatum: 04.03.2020
EUR 14,90
EUR 8,99

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