Science Fiction & Fantasy

Tochter der Flamme

Sophie Hildebrand

Tochter der Flamme

Leseprobe:

Prolog


Marcus Greenledge hatte ein breites Grinsen auf dem Gesicht, als er die Ratskammer betrat. Kaiser Cassius Tillot III. blickte von seinen Papieren auf und lächelte seinen Freund an. Sein weißblondes, langes Haar fiel ihm in die Stirn, kaum vom Goldreif auf seinem Kopf zurückgehalten. Wasserblaue Augen funkelten jungenhaft und weckten Erinnerungen an Streiche, die die beiden Freunde unglücklichen Dienern gespielt hatten. Cassius legte seinen Füller ab und stand auf, um Marcus zu umarmen.
„Ich habe dich seit dem letzten Silbermond nicht mehr gesehen“, bemerkte er und klopfte Marcus auf die Schulter.
„Es gab Komplikationen mit dem Baby und ich wollte Christine in ihrem Zustand nicht allein lassen“, erklärte Marcus.
„Aber jetzt ist doch hoffentlich alles in Ordnung?“, fragte Cassius besorgt.
Er war der Trauzeuge von Marcus und Christine gewesen und sah die Hexe als seine Schwester an, genau wie er Marcus als seinen Bruder ansah. Der Kaiser selbst war vom Volk der Feen, während Marcus ein einfacher Mensch war. Er war der Sohn eines Mitglieds des Rats, der Cassius’ Vater zur Seite gestanden hatte, und einer Frau aus den heißen, südlichen Ebenen. Seiner Mutter verdankte er seine dunkle Haut.
„Ja, Christine ist wohlauf. Und ich bin stolzer Vater einer wunderschönen Tochter geworden.“
„Setz dich, mein Freund“, lächelte Cassius. „Darauf müssen wir anstoßen.“
Er öffnete den kleinen Schrank, in dem einige Flaschen Wein und Brandy, deren Genuss den Ratsmitgliedern vorbehalten war, aufbewahrt wurden, und schenkte ein großzügiges Glas Wein für Marcus und sich selbst ein. Der Kaiser stellte ein Glas vor seinem Freund ab und setzte sich mit dem anderen in der Hand neben ihn. Er hob das Glas.
„Auf … – wie wollt ihr die Kleine eigentlich nennen?“
„Erin. Erin Rose Greenledge.“
„Auf Erin Rose Greenledge, möge sie ein langes und erfülltes Leben führen!“
Marcus gluckste, als sie anstießen und tranken. Er schmatzte leicht und kostete den Geschmack des Weins aus.
„Warum hast du meinen Hochzeitswein in der Ratskammer?“, fragte er.
„Nur die eine Flasche“, erwiderte Cassius mit einem Lächeln. „Damit wir auf die Geburt deines vierten Kindes anstoßen können!“
„Du bist unverbesserlich, Cass.“ Marcus schüttelte den Kopf und nahm noch einen Schluck.
„Und das aus dem Mund von Marcus ‚eine ganze Flasche Elfenwein auf einmal‘ Greenledge“, konterte Cassius mit einem herzhaften Lachen.
„Das ist zehn Jahre her, Cassius“, grummelte Marcus in sein Glas. „Und du kannst nicht behaupten, an dem Abend nicht betrunken gewesen zu sein. Wenn ich mich recht erinnere, musste ich dich von der Büste deiner Urgroßmutter wegzerren.“
Cassius schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck Wein.
„Selbst die Abbilder von Feen sind unwirklich schön, Marcus“, verteidigte er sich.
„Du hast ihre Wange gestreichelt und ihr angeboten, sie zu deiner Kaiserin zu machen“, lachte Marcus.
„Das ist doch ewig her“, murmelte Cassius.
Marcus lachte noch immer. Es tat gut zu wissen, dass ihre Freundschaft nach all den Jahren und selbst nach Cassius’ Krönung zum Kaiser so eng war wie immer. Hinter verschlossenen Türen waren sie noch immer die Jungen, die zusammen mit Christine im Palast Unfug trieben, während ihre Väter zu Rat saßen. Marcus trank seinen Wein aus und stand auf.
„Ich sollte wieder zu Christine und den Kindern gehen“, erklärte er. „Ich werde dich wohl nächste Woche bei der Ratssitzung sehen.“
Cassius erhob sich von seinem Stuhl.
„Ich denke eher, dass ich bei euch vorbeischauen werde, wenn ich denn mal eine freie Minute habe. Richte Christine meine Glückwünsche aus, ja.“
„Aber natürlich. Die Jungs werden sich freuen, dich wiederzusehen.“
Die Männer umarmten sich, ehe Marcus sich vor seinem Kaiser verbeugte und die Ratskammer verließ, um zu seiner Frau und seinen Kindern zurückzukehren. Cassius setzte sich wieder und lächelte, als er sich wieder den Papieren zuwandte, von denen Marcus ihn abgelenkt hatte.



I
Siebzehn Jahre später


Erin Greenledge lag schlafend im Bett. Ihre wilden, dunkelroten Locken umgaben ihren Kopf auf dem Kissen wie ein Feuerkranz. Ihr zierlicher, kleiner Körper zeichnete sich schwach unter der Decke ab. Die braune Hand, die neben ihrem Kopf lag, bildete einen starken Kontrast zum weißen Kissenbezug.
Die Vorhänge vor den Fenstern waren geschlossen, nur einer ließ einen schmalen Strahl goldenen Sonnenlichts durch. Feine Staubpartikel schwebten durch das Licht. An einer Seite des Raumes stand das aus dunklem Kirschholz gefertigte Himmelbett, dessen schwere, rote Samtvorhänge zugezogen waren. An der gegenüberliegenden Wand war das Feuer im Kamin beinahe erloschen. Der Fußboden war mit einem weichen, hochflorigen Teppich bedeckt, der jeden Schritt fast bis zur Geräuschlosigkeit dämpfte.
Es klopfte an der Tür und Erins Mutter Christine trat ein; der Hexentalisman, den sie um ihren Hals trug, bildete eine schwache, blaue Lichtquelle in dem fast dunklen Zimmer. Christine strich sich die roten Locken, die sie an ihre Tochter weitergegeben hatte, aus der Stirn und trat ans Fenster. Mit einem Lächeln zog sie die Vorhänge zurück, damit das Sonnenlicht den Raum fluten konnte. Sie ging hinüber zum Bett, ihre Füße glitten geräuschlos auf dem Teppich dahin. Sie öffnete die Vorhänge am Bett und beugte sich über Erin.
„Aufwachen, Liebling“, flüsterte sie. „Die Ferien sind vorbei.“
Erin seufzte, drehte sich auf den Rücken und blinzelte im hellen Licht, während sie sich aufsetzte. Ihr Haar fiel ihr ungezähmt und unzähmbar ins Gesicht. Sie kniff ihre dunkelbraunen Augen zusammen, bis sie sich an das Licht gewöhnt hatten, dann schenkte sie ihrer Mutter ein verschlafenes Lächeln. Erin strich sich die Locken aus der Stirn und nickte.
„Wir warten unten mit dem Frühstück“, erklärte Christine und ließ Erin allein, damit sie sich für den Tag fertigmachen konnte.
Erin ging automatisch durch ihre morgendliche Routine und zog sich an. Sie platzierte einen schlichten Haarreif auf ihrem Kopf, um ihre wilde Mähne zurückzuhalten, schulterte ihre Schultasche und ging nach unten ins Esszimmer.
Das Anwesen, das Erin mit ihren Eltern und einem ihrer drei Brüder bewohnte, war groß. Dank des Rangs, den Erins Vater Marcus im kaiserlichen Rat hatte, war die Familie wohlhabend und von hohem sozialem Status. Christine bestand darauf, nur minimales Hauspersonal zu haben: Zwei Dienstmädchen, einen Butler und einen Gärtner sowie einen Wildhüter, der sich um die ausgedehnten Ländereien kümmerte.
Erin grinste, als sie an einer Wand mit zwei gerahmten Dellen vorbeilief. Unter dem rechten Rahmen war zu lesen, dass Marcus diese Delle mit seiner rechten Hand in die Wand geschlagen hatte, ein Jahr vor Erins Geburt. Die Delle daneben war Cassius’ Schuld. Er hatte nur wenige Monate nach Marcus mit seiner linken Hand eine Delle in die Wand geschlagen. Aus Spaß hatte Erins Mutter beschlossen, die Dellen zu rahmen. Beide Männer hatten jeweils neben ihrer Delle unterschrieben.
Ihr Vater las gerade seine Morgenzeitung, als Erin sich setzte und nach einem Brötchen griff. Er senkte die Zeitung und lächelte seine einzige Tochter an. Marcus Greenledge hatte gleich dunkle Haut wie Erin. Sein Haar war militärisch kurz und dunkelbraun wie seine warmen, freundlichen Augen. Nach einem kurzen Lächeln und einem Gruß verschwand er wieder hinter seiner Zeitung. Marcus war über dem Frühstück immer sehr wortkarg.
Erins Bruder Thomas stolperte gähnend ins Esszimmer. Er trug noch immer seine Schlafhose, und sein braunes Haar sah aus, als wäre er durch einen Wirbelsturm gewandert. Erin kicherte, als er sich in seinen Stuhl neben ihr fallen ließ und müde das Müsli ansah, als würde es sich von selbst mit Milch übergießen und in seinen Mund wandern, wenn er es nur lange genug anstarrte.
„Hier schläft jemand am Tisch“, bemerkte Christine und zupfte Thomas am Ohr. „Aufwachen, Tommi.“
Thomas grummelte und schob Christines Hand weg. Er warf Erin, die immer noch leise in ihren Tee kicherte, einen finsteren Blick zu, ehe er sich sein Müsli selbst machte. Er sah wohl ein, dass es das nicht von selbst tun würde.
Erin wandte sich wieder ihrem Frühstück zu. Sie war bald fertig und beobachtete, wie ihr Vater ihre Mutter zum Abschied küsste.
„Grüß Cassius von mir. Und erinnere ihn daran, dass er heute zum Abendessen vorbeikommen wollte“, lächelte Christine. „Pass auf dich auf, Liebling.“
„Was soll mir bei einer Ratssitzung schon passieren?“, fragte Marcus und streichelte Christines Wange. „Keine Sorge, ich erinnere Cassius ans Abendessen.“
Erin stand auf und küsste ihre Mutter auf die Wange, ehe sie ihrem Vater aus dem Raum folgte und auch ihm einen Kuss auf die glatt rasierte Wange gab.
„Viel Spaß in der Schule, Kleines“, murmelte er und strich ihr mit einer Hand übers Haar. „Pass auf dich auf.“
„Mach ich doch immer“, grinste Erin und verließ das Haus.
Die Sonne stand noch nicht hoch über dem Horizont im Osten, während Steron, der Blutmond, noch immer schwach im Süden zu sehen war. Erin blickte nach Norden und lächelte beim Anblick von Gryke, dem Silbermond. In nur einem Monat würden Gryke und Steron gemeinsam in voller Schönheit am Himmel stehen. Dieses Ereignis fand nur etwa alle zwanzig Jahre statt und war Anlass für ein rauschendes Fest, das so lange dauerte, bis Steron abzunehmen begann. Erin schüttelte den Kopf und rückte den Träger ihrer Schultasche zurecht, während sie die Auffahrt entlanglief. Ein Hupen hinter ihr erregte ihre Aufmerksamkeit und Almon, der Wildhüter, lehnte sich aus dem Fenster des Lasters.
„Guten Morgen, Fräulein Erin“, grüßte er mit einer Hand an seiner Mütze. „Soll ich Sie ein Stück mitnehmen?“
„Das wäre nett, danke, Almon“, lächelte Erin und lief um den Wagen herum, um auf den Beifahrersitz zu klettern.
Sie mochte den Wildhüter. Wie der Gärtner war auch er ein Elf und hatte die seinem Volk eigene Verbundenheit mit der Natur. Als Erin noch ein kleines Mädchen gewesen war, hatte er ihr oft die Geschichten erzählt, die er als Junge von seiner Mutter gehört hatte. Er hatte ihr elfische Lieder vorgesungen und eine kleine Flöte für sie geschnitzt. Erst letztes Jahr hatte Erin erfahren, dass Almon seine Frau und seine Tochter an eine radikale Gruppe verloren hatte, die davon überzeugt war, dass die verschiedenen Völker untereinander nicht heiraten sollten. Almons Frau war ein Mensch gewesen. Erin konnte nur vermuten, dass sie ihn an seine Tochter erinnerte.
Das Halten des Wagens riss Erin aus ihren Gedanken.
„So. Ich muss Besorgungen machen und Sie müssen in die Schule, Fräulein Erin“, erklärte Almon.
„Danke.“ Erin öffnete die Tür und stieg aus. „Viel Spaß bei deinen Besorgungen.“
„Viel Spaß in der Schule, Fräulein Erin.“ Almon legte eine Hand an seine Mütze und fuhr davon, während Erin sich in die Richtung ihrer Schule wandte.
Sie überquerte den Marktplatz, wo Verkäufer gerade dabei waren ihre Läden zu öffnen. Der verlockende Duft von frisch gebackenem Brot wehte aus einer nahen Bäckerei und vermischte sich mit dem Geruch der Blumen, die ein Händler gerade vor seinem Laden aufstellte. Erin schüttelte den Kopf und ging weiter. Immerhin wollte sie nicht zu spät kommen.
Erin trat in die Versammlungshalle und blickte sich nach ihren besten Freunden Leopold „Leo“ Salamon und Amelia „Lia“ Ibbet um. Sie entdeckte den Feenjungen und das Menschenmädchen in der vorletzten Reihe. Die beiden winkten ihr zu und deuteten auf den Platz, den sie zwischen sich freigehalten hatten. Erin setzte sich und hatte augenblicklich zwei Arme um ihre Schultern.
„Ich habe euch vermisst!“, lachte sie.
Die ganzen Ferien über hatten die drei einander nicht gesehen. Leo hatte seine Ferien bei seiner Tante in den Nördlichen Bergen verbracht, während Lia Verwandte in den Flussebenen zwischen der Kaiserstadt und den Westsümpfen besucht hatte.
„Ich hab’s kaum ausgehalten ohne euch!“, erwiderte Lia. „Ich bin fast gestorben vor Langeweile!“
Ihre blaugrünen Augen funkelten spitzbübisch hinter ihrer Brille und ihr rotblondes Haar fiel ihr ins Gesicht, als sie Erins Oberarm mit ihrer freien Hand drückte. Leo gluckste und schüttelte den Kopf, wobei sein strohblondes Haar um seinen Kopf flog. Er öffnete gerade den Mund, als alle Gespräche im Saal verstummten und sämtliche Schüler ihren Blick zum Podium wandten. Rektorin Sarah Fletcher trat auf die Bühne. Wie immer wurde sie von ihrem Drachen Tharos begleitet. Rektorin Fletcher war eine der seltenen Drachengebundenen. Drachen kamen in allen Farben und Größen vor. Keine zwei Drachen sahen völlig gleich aus. Tharos hatte die Größe eines Ponys. Sein Körper war schlank und geschmeidig und seine silbergrauen Schuppen schimmerten im künstlichen Licht des Raums. Seine Krallen klickten leise auf dem Podium und seine ledrigen Flügel raschelten, als er sich niederließ und seinen langen Schwanz wie eine Katze um seinen Körper schlang. Rektorin Fletcher räusperte sich und Erin riss ihre Aufmerksamkeit von Tharos los, um sich auf die Rektorin zu konzentrieren.
Sie war eine großgewachsene, schlanke Frau mit scharfen Gesichtszügen und stahlgrauen Augen. Ihr blondes Haar war zu einem hohen Pferdeschwanz zusammengebunden. Rektorin Fletcher ordnete ihre Papiere auf dem Pult und rückte ihre Brille zurecht, ehe sie aufsah und ihren Blick über die Schüler schweifen ließ. Sie lächelte leicht.
„Willkommen“, sagte sie. „Für alle, die zum ersten Mal dieses Institut besuchen, und all diejenigen, die aus den Ferien zurückkehren. Ich werde mich kurzfassen: Sie alle haben ein Handbuch mit Regeln und Hinweisen zum Schulalltag erhalten. Sollten Sie dennoch Fragen oder Sorgen haben, versichere ich Ihnen, dass das Kollegium ein offenes Ohr für Sie haben wird. Diejenigen unter Ihnen, die neu an diesem Institut sind, werden nun einem Tutor zugewiesen. Alle anderen können nun ihren Tutoren folgen.“
Erin, Leo, und Amelia standen auf und schlossen sich der Gruppe um ihren Tutor Doktor Lucius Manild an. Doktor Manild unterrichtete Astronomie und war bei den Schülern allgemein sehr beliebt. Der kleine, untersetzte Mann hatte immer ein freundliches Wort und ein offenes Ohr für seine Schüler. Er führte sie in sein Klassenzimmer, dessen Wände mit verschiedenen, beschrifteten Ansichten des Nachthimmels bemalt waren. Die Schüler setzten sich, immer drei an einem Tisch.
„Gut.“ Doktor Manild klatschte in die Hände. „Dann fangen wir mal an.“
Er ging die Schülerliste durch und verteilte die Stundenpläne. Wie jedes Jahr erkundigte er sich, ob alle schöne Ferien gehabt hatten und beantwortete jegliche Fragen, die seine Schüler hatten. Der erste Tag nach den Sommerferien war immer kurz, und so entließ Doktor Manild seine Schüler bereits am Mittag.
Erin, Leo, und Lia brachten ihre Bücher in ihre Spinde und verließen die Schule gemeinsam. Das Trio bummelte durch die Stadt und brachte einander auf den neuesten Stand. Nach einer Weile erreichten sie das Anwesen der Greenledges und betraten das Haus.
Ein verlockender Duft wehte aus der Küche und Erin wusste augenblicklich, dass ihre Mutter Hefekränze buk. Sie und ihre Freunde tauschten einen Blick aus und betraten den Raum, nachdem sie ihre Taschen an die Garderobe gehängt hatten. Christines Haar war mit einem Tuch zurückgebunden und mit Mehl bestäubt. Sie lächelte ihre Tochter und ihre Freunde an.
„Hallo, ihr drei“, begrüßte sie sie. „Wollt ihr ein Stück Hefekranz?“
„Eigentlich wollten wir runter zum Strand“, erwiderte Erin. „Spazieren, schwimmen, und am Abend den Sonnenuntergang genießen.“
„Aber natürlich.“ Christine lächelte sanft und nickte. „Das macht ihr doch jedes Jahr. Der Picknickkorb ist schon gepackt.“
Sie deutete auf den Korb, der auf dem Hocker neben der Tür stand.
„Danke, Mama.“ Erin küsste ihre Mutter auf die Wange, während Leo den Korb nahm.
„Kein Problem.“ Christine fuhr mit den Fingern durch Erins Haar. „Jetzt geht und habt Spaß. Aber vergiss nicht, dass Cassius zum Abendessen kommt, Liebling.“
„Das passiert mir nicht!“, lachte Erin. „Um nichts in der Welt würde ich auf Onkel Cassius verzichten!“
Die drei grinsten einander an und liefen wieder nach draußen. Es dauerte nicht lange, bis sie den Trampelpfad erreichten, den sie selbst vor Jahren angelegt hatten. Er führte im Zickzack die steile Felswand hinunter zum weißen Sandstrand. Erin, Leo und Lia zogen die Schuhe aus und lachten, als ihre Füße im weichen Sand versanken.
Erin rannte so schnell ihre nackten Füße sie im nachgiebigen Sand trugen. Ihr Ziel war die Höhle, die sie und ihre Freunde sieben Jahre zuvor gefunden hatten. Eigentlich war es zum Großteil nur ein breiter Spalt im Felsen, aber er war vom Wurzelgeflecht eines hartnäckigen Baumes überdacht, der sich zu beiden Seiten festklammerte.
Erin blieb nicht lange allein, da Leo und Lia sie bald einholten. Sie hängten ihre Schuhe an die Baumwurzeln, schnell gefolgt von dem grünen Schal, den Amelia um die Schultern trug. Leo stellte den Picknickkorb in den Schatten der Höhle und holte die Decken, die in einer Felsnische versteckt waren, um sie auszubreiten. Leo zog sein Hemd und seine Hose aus und stürzte sich nur in Unterhosen kopfüber in die blauen Fluten, die sanft am Strand leckten. Sekunden später tauchte er wieder auf und schüttelte sich das nasse Haar aus dem Gesicht.
„Das Wasser ist fantastisch!“, rief er den Mädchen zu.
Erin und Amelia tauschten einen Blick, ehe Amelia in einer fließenden Bewegung ihr Kleid ablegte und Leo ins Wasser folgte. Erin grinste, schüttelte den Kopf und tat es ihren Freunden gleich. Das Wasser war herrlich. Sie schwamm mit kräftigen Zügen, bis sie die beiden eingeholt hatte. Sie trat im Wasser, um an der Oberfläche zu bleiben, und öffnete den Mund, vergaß aber sofort, was sie sagen wollte, als Amelia sich auf ihre Schultern stützte und sie untertauchte. Lia ließ sie wieder los und Erin tauchte auf, hustend und Wasser spuckend.
„Na warte!“, drohte sie und stürzte sich auf ihre Freundin.
Das führte zu einer nur halb ernsten Wasserschlacht, in die nicht viel später auch Leo gezogen wurde.
Eine Stunde später ließen die drei sich erschöpft und lachend auf die Decken vor der Höhle fallen, um sich von der Sonne trocknen zu lassen. Erin raffte sich auf und holte den Picknickkorb. Gemeinsam genossen sie die gute Küche von Erins Mutter und schliefen kurz darauf satt, warm und zufrieden ein.
Als das Trio erwachte, hatte das goldene Sonnenlicht bereits ein warmes Orange angenommen. Sie standen auf und zogen sich an, ehe sie sich wieder niederließen, um zu beobachten, wie die Sonne langsam unterging und schließlich nach einem letzten Aufleuchten im Meer versank. Erin seufzte und stand auf, wobei sie den Sand von ihrer Hose klopfte, ehe sie nach ihren Schuhen griff.
„Wir sollten zurück“, erklärte sie. „Onkel Cassius wird gleich da sein.“
Lia und Leo taten es ihr gleich. Lia schlang ihren Schal wieder um ihre Schultern und gemeinsam räumten sie alles auf.
„Es ist wirklich komisch, dass du den Kaiser einfach so ‚Onkel Cassius‘ nennen kannst“, bemerkte Leo, als sie sich auf den Rückweg machten. „Er ist immerhin der Kaiser!“
Erin zuckte mit den Schultern und sagte nichts. Ihr war klar, dass der Mann, den sie Onkel nannte und der der Bruder ihres Vaters in allem außer im Blut war, der Kaiser von Estora war. Aber gleichzeitig waren „Onkel Cassius“ und „Kaiser Cassius Tillot“ zwei verschiedene Personen für sie. Die Gruppe verfiel in angenehmes Schweigen, das den Rest des Weges anhielt.
Erin umarmte ihre Freunde zum Abschied und Almon bot an, die beiden nach Hause zu fahren, damit sie in der Dämmerung und schnell hereinbrechenden Dunkelheit nicht laufen mussten. Erin winkte ihnen hinterher, bis sie die Rücklichter nicht mehr sehen konnte.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 170
ISBN: 978-3-948379-63-6
Erscheinungsdatum: 19.02.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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