Cover: Stracciatella

Stracciatella
oder Ambers Traum über das Unsichtbare im Leben


EUR 27,90

Format: 18 x 27 cm
Seitenanzahl: 46
ISBN: 978-3-99130-414-2
Erscheinungsdatum: 16.09.2024
Begleitet von einem kleinen Wesen wird Amber in einem Traum durch verschiedene Szenarien geführt, um hinter die Fassade des Alltäglichen zu blicken. So wird ihr Wunsch geweckt, mehr über das Leben zu erfahren und ihre bisherigen Wahrnehmungen zu hinterfragen.
Kapitel 1

Helles, warmes Licht fiel auf Ambers Gesicht. Sie öffnete vorsichtig die Augen und wurde von grellen morgendlichen Sonnenstrahlen geblendet. Schnell schloss sie ihre
Lider wieder. Sie streckte die Arme und Beine weit von sich und gähnte laut. Irgendetwas drückte unangenehm in ihren Rücken. Sie setzte sich auf und rieb ihre Augen, bis sie sich an die Helligkeit gewöhnt hatten. Langsam nahm ihre Umgebung Gestalt an. Die hereinfallende Sonne malte gespenstisch lange Schatten in Zickzackform auf die unebenen hölzernen Wände. Erschrocken sah sie sich um und starrte ungläubig auf ihre kleine Behausung. Sie war umgeben von grobem, zersplissenem Holz. Ihr Herz begann, schneller zu schlagen, und leichte Panik kroch in ihr hoch. Sie wollte aufspringen und stützte sich mit beiden Armen am Boden ab. Beinahe wäre sie noch im Sitzen umgefallen, als dieser unter ihr nachzugeben schien.
Polternd kullerten runde Kugeln durch den Raum und sie hatte Mühe, darauf zu stehen. Zur Panik kam jetzt Angst. Angst, weil sie nicht wusste, wo sie war und was hier mit ihr geschah. Sie drehte sich um. Vor sich sah sie ein eiförmiges Loch, durch das
gleißendes Sonnenlicht fiel.
„Raus, nur raus hier“, dachte sie. Ihr kleines Herz pochte vor Aufregung und Un-sicherheit. Sie stolperte dem Licht entgegen und wollte gerade über die wulstige, abgenutzte Holzkante springen, da schrie sie laut auf. Im letzten Moment konnte sie sich am Rande der Öffnung festhalten. Vor ihr ging es steil in die Tiefe und weit, sehr weit unter sich sah sie Blätter und Äste, die ihr die Sicht auf den Boden versperrten.
Außer Atem stand sie am Rand des Lochs, an dem sie sich festklammerte, und starrte ungläubig in die Tiefe. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wo sie war: auf einem riesigen Baum, umgeben von einem dichten grünen, gelben und roten Blättermeer, das im Wind und im Licht der Sonne zu tanzen schien. Sie blinzelte und schaute dann wieder vorsichtig nach unten. Es sah so unendlich hoch aus von hier oben.
„Wenn ich doch nur den Boden sehen könnte“, dachte sie. Stattdessen drehte sie sich um und schaute noch einmal in die fremde hölzerne Behausung, die vom Sonnenlicht warm erleuchtet war. Ihr Atem ging schnell und heftig. „Wo bin ich hier und wie bin ich hierhergekommen?“




Kapitel 2

Krampfhaft dachte sie darüber nach, was sie am Vorabend gemacht hatte, wo sie
gewesen war und wann sie zu Bett gegangen war. „Guten Morgen“, unterbrach eine dünne, piepsige Stimme ihre Gedanken, „gut geschlafen?“
Sie drehte so abrupt ihren Kopf, dass sie zum zweiten Mal beinahe aus dem Loch gefallen wäre. Erschrocken streckte sie den Kopf hinaus und blickte in die Richtung, aus der die Stimme kam. Zunächst konnte sie nichts erkennen, erst auf den zweiten Blick sah sie über sich auf einem Ast, an den Baumstamm gelehnt, ein kleines, ein sehr kleines grinsendes Wesen sitzen. Vielleicht so groß wie ihr eigener Oberschenkel, bestimmt aber nicht größer. Es sah aus wie ein Mädchen, nein, eher wie eine Frau, oder irgendetwas dazwischen, eigentlich keins von beidem. Die kleinen, dünnen Beinchen waren in eine enge Hose gezwängt, baumelten rechts und links vom Ast und strampelten hektisch hin und her.
Amber war irgendwie erleichtert, dass sie nicht mehr ganz allein auf dem hohen Baum war, aber sie war alles andere als beruhigt. Mühsam versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen und etwas zu sagen, aber ihre Stimme versagte. „Hilfe“, dachte sie. „Hilf mir hier runter“, kam es zaghaft, kaum hörbar von ihren Lippen. „Gleich“, grinste das Wesen, „wollen wir uns nicht erst einmal vorstellen?“ Eigentlich war es Amber völlig schnurz, jedenfalls in der momentanen Situation, zu erfahren, wer oder was das da war. Sie wollte nur endlich wieder festen Boden unter den Füßen haben.
„Wer bist du?“, fragte sie dann aber doch und ohne eine Antwort abzuwarten, fügte sie hinzu „und wo bin ich hier?“
„Du bist in deinem Traum“, erwiderte das Wesen grinsend.
„Ich träume? Aber es ist alles so real und echt ... ich kann fühlen und riechen und ...“
„Es ist eben einer dieser ganz besonderen Träume, einer, der so intensiv und wirklich ist wie die wirkliche Wirklichkeit“, konterte das kleine Wesen, „so was gibt’s, aber sehr selten.“
„Aha“, sagte Amber etwas verstört und blickte wieder nach unten. Galant sprang das Wesen von seinem Ast herunter und stand nun direkt vor ihr in der Öffnung.
„Spring, dann wirst du verstehen.“ Amber machte unbewusst einen Schritt zurück.
„Wie, spring?“ Ungläubig blickte sie in die großen, tiefgrün glitzernden Augen ihres Gegenübers. Sie sahen fremd aus und katzenartig, aber irgendwie hübsch. Das Wesen hatte eine große, rote Knubbelnase und unter langen, glatten, rotbraunen Haaren lugten zwei lustige spitze Ohren hervor.
„Nur keine Angst, setzen wir uns erst einmal, plumps“, sagte es, ließ sich vor ihr auf den Po fallen und lachte dabei laut, was sich eher wie das Wiehern eines Fohlens anhörte. Vorsichtig, der Situation so gar nicht vertrauend, setzte Amber sich neben das Wesen auf den Rand des Baumlochs. Immer noch klammerten sich ihre Hände an den Rand und begannen schon langsam zu schmerzen.
„Was bist du?“, fragte Amber jetzt etwas mutiger und versuchte dabei eine ernste
Miene aufzusetzen.
„Ich bin ...“, das Wesen grinste und machte eine bedeutungsvoll lange Pause. Es schien so, als wolle es die Spannung auskosten und Ambers Neugierde auf die Probe stellen. „Ach, nenn es, wie du willst; die einen sagen so, die anderen sagen so.“ Dabei fuchtelte es mit seinen kleinen, dünnen Armen und den zierlichen bleichen Händen in der Luft herum. „Elfe, Gnom, Wichtel, Wesen, Engel, Waldmännchen, Zwerg, Gespenst ...“
Es warf sich nach vorne, tat so, als wolle es Amber am Kragen packen und machte
„Buuuuuuh“, um gleich darauf in kicherndes Geschnatter auszubrechen. Amber wich zurück und versuchte, ebenfalls zu lachen, aber irgendwie war ihr gar nicht danach zumute. Nicht einmal ein richtiges Schmunzeln brachte sie zustande. „Oooch, schau doch nicht so traurig drein, ich will für heut’ dein Lehrer sein, aah, cool, das reimt sich.“ Glucksend und piepsend lachte das kleine Wesen über sich selbst und schlug sich dabei mit den Händchen auf die dünnen Schenkel.
„Was meinst du damit, mein Lehrer sein?“, wollte Amber wissen.
„Frag’ mich, was du wissen willst, ich stehe dir Rede und Antwort. Allerdings rede ich am liebsten über das Leben und die Menschen und über die Menschen und ihr
Leben.“ Kichernd fuhr es fort: „Willst du wissen, wie ich heiße?“ Amber nickte und blickte
gebannt in das kleine Gesicht vor ihr. „Ich heiße so, wie du mich nennen willst, besser noch: Nenn mich nach dem, an das du als Nächstes denken wirst, aber denke bitte an etwas Schönes.“ Gespielt arrogant reckte es seinen Hals und blickte erwartungsvoll auf Amber
„Sehr witzig, woran soll ich jetzt bloß denken?“, dachte Amber. „Ich denke an gestern Abend. Ich war zu Hause und …“ Spontan fiel ihr das leckere Eis ein, das ihre Mutter nach dem Abendbrot auf den Tisch gestellt hatte. Ihr Lieblingseis ... Noch bevor sie etwas
sagen konnte, platzte es aus der kleinen Person heraus:
„Stracciatella, Stracciatella, was für eine schöne Wahl, was für ein cooler Name!“
Dabei schloss sie genießerisch die Augen, als hätte sie das Eis im Mund.
„Aber ...“, verstört und ungläubig schaute Amber auf, „kannst du meine Gedanken lesen?“
„Im Traum ist alles möglich. Alles und jedes und jedes und alles.“ Stracciatella lachte wieder herzhaft, sprang auf und verschwand nach draußen.
...
5 Sterne
Lektüre übers Leben - 26.11.2024

Ein wunderbares Buch für Kinder mit wunderbaren Weisheiten übers leben. Kann ich sehr empfehlen.

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