Serasin Feuermagier

Serasin Feuermagier

Lanning C. Bel


EUR 18,90
EUR 11,99

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 408
ISBN: 978-3-99003-309-8
Erscheinungsdatum: 12.07.2011

Leseprobe:

Ein kleiner, kaum wahrnehmbarer Schatten glitt im Mondlicht an der Wand entlang zum schmalen Geländer, welches das große Flachdach umgab. Lautlos kroch er durch den Buschring, der den Turmbewohnern an sonnigen Tagen so angenehmen Schatten spendete. Kein Ast bewegte sich, nicht einmal der am Boden verstreute Sand knirschte unter seinen Fußsohlen. Hinter dem Strauch stieg er ebenso lautlos auf die Brüstung und als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, stand die Gestalt auf dem schmalen Balken des Geländers, das eigentlich dazu gedacht war zu verhindern, aus einer Höhe von sieben Stockwerken auf die steinige Straße zu stürzen
Die kalte Brise zwischen den hohen Pyramidentüren erwachte unverhofft und frischte die warme, beinahe stickige Nacht auf. Dieser dürftige Windzug kam neben seiner erfrischenden Wirkung auch sehr gelegen, die Blätter raschelten und übertönten so die ohnehin beinahe unhörbare Landung der Gestalt, welche mit einem unmenschlich weiten Sprung auf das gegenüberliegende Turmdach geschnellt war. Selbst die darauf­folgenden breiteren Schluchten zwischen den Türmen, in denen zuunterst eine zweispurige Karrenstraße und die Hochgassen für die Fußgänger verliefen, waren anscheinend keine Hindernisse für diesen nächtlichen Wanderer. Einige Dächer weiter wurde es hingegen kniff­liger. Gezwungenermaßen vorsichtiger setzte die Gestalt einen Fuß vor den nächsten, um keine der unzähligen Ölamphoren umzustoßen, die auf jenem Dach gelagert wurden, und überquerte so, trotzdem kein bisschen langsamer im Vergleich zu vorhin, dieses und die zwei darauffolgenden Flachdächer, auf denen ebenfalls Amphoren in jeglicher Größe und Form standen. Hinter dem letzten jener drei Türme gab es keinen weiteren, auf den man hätte springen können, und dennoch sprang der nächtliche Besucher ohne Zögern Kopf voran hinunter und betrachtete, nicht wirklich inte­ressiert, sondern aus reiner Gewohnheit, mehr über die Bewohner der Stadt he­rauszufinden, die vorbeifliegenden ­Stockwerke.
Auf dem ersten Balkon, der vorbeizischte, stand ein kleiner Glastisch auf einem eisernen Kranichfuß mit zwei zum Tisch passenden, bequem aussehenden Stühlen, welche dezent daneben platziert worden waren und einen gewissen Sinn für Geschmack verrieten. Ansonsten gab es nur noch etliche kleinere Pflänzchen in verschiedenen Töpfen, welche schön sortiert waren, aber irgendwie nicht zum Tisch passten. Doch insgesamt keine schlechte, wenn auch eine etwas ungewöhnliche Einrichtung für Angehörige dieser minderen Rasse.
In dem darunterliegenden Stockwerk war der Balkon ein Stückchen breiter, jedoch durch eine Wand in zwei Teile getrennt. Hier gab es ebenfalls einen Tisch, umsäumt von Stühlen, welche eher dem Geschmack der Menschen entsprachen, doch sonst kaum was hergaben, des Weiteren stand in einer Ecke eine buschige Bambuspflanze, welche in einem beachtlichen Topf vor sich hinwucherte. Kurz gesagt, nach dem vorherigen Anblick eine klare Enttäuschung.
Im folgenden Balkon gab es noch eine Wand mehr und in den verbliebenen Teilen waren es einzig Stühle, kein Tisch und kein einziges Pflänzchen mehr. Langsam war der Anblick eindeutig nicht mehr sehenswert und die Gestalt schloss seelenruhig die Augen, währendem der Boden in erschreckendem Tempo näher kam.
Fünf der sieben Stockwerke waren bereits an ihm vorbeigeflogen, bevor der Schwebezauber seinen fallenden Körper auffing und sanft auf das Giebeldach eines kleineren Hauses jenseits der Straße absetzte. Nachdenklich blickte der Wanderer zurück, der Wald aus Türmen ragte Unheil verkündend hinter ihm in den Himmel und verdeckte fast das ganze Giebeldach, auf dem er gerade stand, mit seinen dunklen Schatten.
Diese endeten wenige Fingerbreit vor seinen Zehenspitzen und verschlangen bis dorthin alles und hüllten es in wohltuende, für Menschenaugen beinahe undurchdringliche Schatten, sodass man außerhalb, im hellen Mondlicht stehend, nur erahnen konnte, was dort drinnen in der Finsternis vor sich ging.
Warum genau der Wanderer zurückgeschaut hatte, war ihr zuerst nicht ganz klar, doch irgendeinen Grund hatte es gegeben, da keine seiner unbewussten Bewegungen überflüssig war. Forschend musterte er jedes Stockwerk und jedes Fenster der umliegenden Häuser und Türme, wobei er nicht wusste, wonach er Ausschau hielt bis er das Gesuchte gefunden hatte.
Halb hinter dem Vorhang eines Fensters versteckt, spähte ein schemenloses, graues Gesicht in die Nacht hinaus und ihm direkt in sein Antlitz. Keine Gesichtszüge waren von dem Mann sichtbar, da er, wie alle seines Ordens, seit seinem Eintritt Tag und Nacht eine gewellte Eisenmaske trug.
Einen Augenblick später war er verschwunden, nur der unstetig baumelnde, rote Vorhang war noch zu sehen. Bewegungslos blieb der Dunkelelf ruhig atmend an derselben Stelle auf dem Giebeldach stehen und starrte zu jener Türe hinüber, aus der wie erahnt der maskierte Prokurator wenige Sekunden später gestürmt kam. Außer der eigentümlichen gewellten Maske trug der stolze Prokurator auch seine graue, geschuppte Rüstung, die im fahlen Mondlicht schimmerte. Komischerweise führte er aber keine Waffe bei sich und versuchte gar nicht, zum Dunkel­elfen aufs Dach zu gelangen, sondern verlangsamte seine ­Schritte sogar selbstsicher.
Einmal, außerhalb des Hauses, blieb der Ritter mitten auf dem Hof endgültig stehen und begann sofort einen Zauber zu weben, mit dem der Dunkelelf zweifellos beseitigt werden sollte. Nach etlichen, in der Luft aneinandergereihten Runen, der Zauber war beinahe vollendet, erstarrte der Prokurator und blickte sein Werk ungläubig an, welches plötzlich in sich zusammenfiel. Seine Zeichen verloren an Kontur und verschwammen dann zusehends, bis nichts mehr von ihnen übrig war, außer einem völlig harmlosen milchigen Nebel. Fassungslos suchte der Mann nach seinem verblichenen Zauber und schaute schließlich zum Dach und seinem lächelnden Gegner hinauf. Immer noch bewegungslos verharrte der nächtliche Wanderer auf dem Dach, was für einfache Wesen diese Menschen doch waren. Sein ganzes magisches Arsenal verdankte dieser Prokurator seiner verzauberten Rüstung und den darin eingeschmiedeten Runen, ohne die er kaum einen Zauber zustande bringen würde. Zumindest das Schin, welches er für seine primitive Magie zu brauchen gedachte, war sein eigenes, doch viel mehr leistete er selbst beim besten Willen nicht. Denn im Grunde erledigte seine Rüstung fast alles, es sog sogar das wenige Schin, das sein Körper abgab, auf und speicherte es für ihn, und nur deswegen war es dem Prokurator überhaupt möglich, die Schinmengen für seinen Lähmungszauber aufzubringen, den er gerade eben hatte vollenden wollen. Eigentlich war es ungerecht, die Formel war des Prokurators alleiniges Werk, das musste man er ihm schon lassen. Wie viel Zeit der arme Mann wohl gebraucht hatte, um das Weben selbst mit der Rüstung zu erlernen? Mit dem mangelnden Talent war sicher ein mehrjähriges Training nötig gewesen. Und ausgerechnet solch ein Kerl wollte alleine gegen ihn bestehen? Möglicherweise war er einfach überheblich und dachte ernsthaft, gut genug zu sein. Oder er handelte überlegt, einem so jungen Dunkelelfen wäre er sicherlich für kurze Zeit gewachsen, und wenn er vorhin im Haus bereits Hilfe herbeigerufen hatte, musste er auch nicht lange gegen seinen mäch­tigeren Gegner bestehen. Denn in ungefähr einer Minute würde sich das Blatt zu seinen Gunsten wenden, denn selbst der Talentierteste dieser spitzohrigen Bastarde, wie die Umbra netterweise von den Prokuratoren genannt wurde, würde gegen zehn von ihnen verlieren. Aber an alles hatte der listige Prokurator nicht gedacht. Noch war seine Verstärkung nicht da. Noch war das Schicksal des nächtlichen Wanderers nicht besiegelt, dem von Anfang an klar gewesen war, dass er leider nicht auf dieses vielversprechende Spielchen eingehen durfte.
Seine Verachtung für solch leicht durchschaubare Listen klar in den Augen leuchtend, wendete er sich ab und huschte über den Dachgiebel, rutschte auf der anderen Seite ungebremst hi­nunter und sprang am Ende des Ziegeldaches über die Straße auf das nächste, gegenüberliegende Dach. Leider hatte er in dieser Nacht für lange Spielereien keine Zeit, denn sein heutiges Ziel war die Akademie, welche noch weit in der Ferne auf dem höchsten der drei Stadthügel thronte. Bis er bei diesem einigermaßen geschmackvollen Gebäude sein würde, waren bei seinem momentanen Marschtempo mindestens noch zwei Stunden nötig. Kurz gesagt, es wäre die dritte Stunde der Nacht und der Tag wäre nicht mehr sehr fern.
Zwar fürchtete er sich nicht vor dem Tageslicht, doch beim Morgengrauen würde, wie an jedem Tag in der Woche, in der stark bevölkerten Stadt der Tagesbetrieb aufgenommen werden, und sobald das geschah, musste er wieder außerhalb der Akademie und mindestens auf dem Rückweg sein, sonst würde man ihn unweigerlich bemerken. Das durfte auf keinen Fall geschehen.
Doch so eine wundervoll vielversprechende Gelegenheit für eine kleine, unterhaltsame Verfolgungsjagd mochte er keineswegs ungenutzt verstreichen lassen, das war einfach nicht seine Art. Ein hinterhältiges Lächeln auf den Lippen, löste er im Vorbeigehen absichtlich einen Ziegel vom Hausdach und ließ ihn haarscharf neben der nächsten Soldatenpatrouille hinunter­fallen, sodass diese hinaufschauen und ihn zufälligerweise sehen würde, damit die Prokuratoren vom Alarmgeschrei angelockt wurden und seine bereits verloren geglaubte Spur erneut fanden … selbstverständlich hatten sie keine Chance, aber das wussten die Kerle ja nicht.

Mit seiner Schätzung wegen der Zeit lag er sehr richtig, wenige Minuten vor dem letzten Drittel der warmen Sommernacht sprang er vom Hauptplatz zwischen den verschiedenen, zusammenhängenden Gebäuden der Akademie auf einen der überdachten Korridore und von dort aus war es nicht mehr sehr weit bis zum Bibliotheksgebäude, auf dessen Kuppeldach sich das eigentliche Ziel seiner Reise befand.
Auf dem Dach gab es einen großen Park, von dem man über die ganze Stadt blicken konnte. Und in diesem Park befand sich eine kleine Arena, in der die endlosen Treffen der Allianzabgeordneten normalerweise während des Tages abgehalten wurden. In der Nacht waren dieser Ort und der rundherum angelegte Park so gut wie menschenleer, wenn er einmal drinnen war, würde ihn bei den vielen Verstecken im Park selbst im hellen Tageslicht niemand entdecken, geschweige denn schnappen. Die eigentliche Schwierigkeit bestand darin, überhaupt irgendwie hinauf und hinein in den Park zu gelangen, eigentlich sollte das ziemlich unmöglich sein, denn die fähigsten Magier der bekannten Welt hatten alles unternommen, damit niemand es schaffen konnte, doch selbst diese Tatsache bereitete ihm keinerlei Kopfzerbrechen, da er alles, was für sein Vorhaben von Nöten war, vorbereitet und in die Wege geleitet hatte.
Durch das Innere der Kuppel in diesen Park zu gelangen war unmöglich, da man auf diesem Weg nur durch eine schwebende Marmorplattform zum Ziel kam. Diese Plattform war den Gerüchten zufolge ein Geschenk der Drachenkönige zur Gründung der Allianz gewesen, in dessen goldenen Rand sämtliche Völker und die Gesetze der Allianz eingraviert waren. Und genau hier lag das Problem, die Drachen oder wer auch immer dieses Ding erbaut hatte, waren nicht dumm gewesen: Um unerwünschten Besuchern von vornherein keine Möglichkeit zu bieten, konnte man die Steinplattform lediglich von oben hinunterlassen. Nur jemanden anzustiften, einem Dunkelelfen zum Herzen der Allianz gegen die Dunkelelfen Zutritt zu gewähren war in dieser doch relativ kurzen Zeit unmöglich gewesen, oder besser gesagt, sein Plan war sicherer, da der Verräter im Nachhinein nicht entlarvt werden konnte und es nicht annähernd so aufwendig gewesen war.
Deshalb wählte der Dunkelelf einen anderen Weg, von dem eigentlich behauptet wurde, dass dieser noch unmöglicher sei, um unbefugt in den Park einzutreten.
Mit einigen geschickten Sätzen kletterte er an einem Fenster­rahmen hoch, fast bis zum oberen Ende der senkrechten Seitenwände des Bibliotheksgebäudes. Von dort aus war es nicht leichter, weiter hochzukommen, doch er benötigte weitaus weniger Zeit, um aufs Dach zu gelangen, als auf einem anderen Weg. Flink griff er über den Fenstergiebel hinweg, packte den kunstvollen Marmorrahmen mit beiden Händen und stieß sich mit aller Kraft vom magisch verstärkten Fenster ab. Einige schreckhafte Sekunden lang hielt er sich weder am Rahmen noch sonst wo fest und griff, bevor er zurück zum Boden stürzte, in die handbreite Lücke zwischen der Wand und der vergoldeten Kuppel, welche als Regenrinne diente, und zog sich daran hoch. So war er bereits auf dem Dach und das allein sollte schon ein Ding der Unmöglichkeit sein. Diese Menschen hatten schlichtweg keine Ahnung, was unmöglich und was bloß sehr schwer war. Beinahe ohne Unterbrechung ging sein Vormarsch ins kleine Heiligtum der Allianz weiter.
Von unten sah die gewaltige Kuppel wie eine einzige, goldene Halbkugel aus, bestand in Wirklichkeit jedoch nur aus einzelnen zusammengefügten Goldplatten, von denen einige bei der Regenrinne endeten. Mit Abertausenden von Nägeln waren die Goldplatten ans Dach geheftet worden und hielten sogar den stärksten Stürmen stand. Einem spitzen Dolch, welcher jeden Nagel einzeln herauszog, waren sie jedoch nicht gewachsen. Nachdem er recht unbequem eng an die Kuppel gepresst, während es hinter ihm mehr als zwanzig Meter in die Tiefe ging, einige davon entfernt hatte, griff er unter das gelöste Goldblech und fand, wonach er gesucht hatte. Von außen sah das Dach zwar massiv aus, war in Wirklichkeit jedoch hohl und wurde von acht mehr oder weniger großen Trägern gehalten. Ansonsten bildete lediglich ein simples Holzgerüst das imposante Dach. Direkt unterhalb der von ihm angehobenen Goldplatten ertastete der Dunkelelf gleich das unterste dieser Holzgestelle, an dem auch Tapete der Bibliotheksdecke befestigt war und angeblich einen bezaubernden Anblick bieten sollte, aber um diese anzuschauen, war er nicht gekommen, sosehr sie auch von aller Munde gepriesen wurde. Sein Vorhaben für die Nacht war schließlich viel wichtiger, als eine kunstvoll bemalte und mit Illusionszaubern versehene Decke anzustarren.
Zwischen der Goldfolie und der Stoffdecke gab es gerade mal einen ungefähr vier Handbreit großen Hohlraum und in diesem kroch er senkrecht in die Höhe, wobei er die kleinen Quer­streben des Gerüsts als Leitersprossen nutzte. Nach gut drei Minuten ungehinderten und vor allem unbemerkten Kletterns kam ihm der schützende, fast unsichtbare Schild des Parks in die ­Quere. Hauptsächlich wegen diesem wurde gesagt, dass niemand eindringen konnte, da der er eine Kombination aus Glas- und Nebelschild war und daher selbst gewaltige Treffer ­wegsteckte und anschließend innert Kürze die paar wenigen Kratzer, die er schlimmstenfalls erhalten hatte, sofort regenerierte.
Für fast alle Eindringlinge wäre zumindest hier nun endgültig Endstation, denn nur ganz wenige Wesen, wahrscheinlich konnte man sie an einer Hand abzählen, konnten durch einen solchen Schild dringen. Zu den wenigen Auserkorenen gehörte der Dunkelelf jedoch nicht, obwohl er es gerne wäre, dafür zählte jemand anderes zu den wenigen und dieser hatte selbstverständlich einwandfreie Arbeit geleistet. Auf das Schild hatte der einen komplizierten Ring aus Runen auf den Schild gemalt, worauf ein kaum fassgroßes Loch entstanden war. Beim Anblick dieses Kunststücks überraschte er sich selbst, indem er glaubte ein wenig Neid zu verspüren, was eigentlich sehr verständlich wäre, denn selbst bei einem viel einfacheren Schildzauber wäre es ihm schwergefallen, ein solches Loch hinzukriegen, trotzdem überraschte ihn diese Empfindung, die er vor vielen, vielen unzähligen Jahren, inzwischen vielleicht schon Jahrhunderten, zum letzten Mal verspürt hatte.
Und obwohl jeder Magier innegehalten hätte, um das Meisterwerk mit den Augen zu verschlingen, widmete ihm der Dunkelelf jedoch keinen weiteren Blick, denn er kannte die Formeln bereits und hatte im Übrigen auch erwartet, genau diesen Zauber an exakt dieser Stelle anzutreffen. Wie selbstverständlich kroch er hindurch und machte sich sogleich daran, eine Goldplatte zu lösen. So weit oben, wie er sich befand, war das Dach schon beinahe waagrecht, sodass er sich nicht mehr festhalten, sondern nur noch bequem liegen musste, um nicht zwischen dem Holzgerüst und der Bibliotheksdecke hindurchzufallen. Nach wenigen qualvollen Nägeln war eine der kleinen Ecken der Platte endlich lose, danach ging alles viel schneller voran. Genau wie bei einem vergoldeten Sarg drückte er das Goldblech zur Seite und kletterte hinaus an die frische Luft.
Endlich draußen und in der Parkanlage angekommen, zog er die Goldfolie an ihren ursprünglichen Platz zurück und drückte die Nägel wieder in ihre Löcher, damit niemand auf die ­Schnelle sehen würde, dass jemand an der Stelle eingedrungen war. Unbekümmert, weil ihn sein sechster Sinn gewarnt hätte, falls ihn jemand inzwischen entdeckt hatte, drehte sich der Dunkelelf um und sprang über das abgrenzende Steingeländer auf den Fußweg, der in schwungvollen Schleifen um den Park herumführte, und atmete genüsslich die Luft des Erfolges ein paar Mal ein.
Obwohl das der berüchtigtste Ort in der ganzen Stadt war, barg die kleine Verschnaufpause für ihn als Einbrecher fast ­keine Gefahr, denn so weit drinnen gab es sicherlich keine Wachen, weil eben angeblich niemand unberechtigt hineingelangen konnte. Und da dieser spezielle Teil der Stadt lediglich den Allianzabgeordneten vorbehalten war und diese Privilegierten zu jener Uhrzeit ihren wohlverdienten Schönheitsschlaf hielten, gab es sozusagen niemanden, der seinen Siegeszug noch aufhalten könnte. Gemütlich und selbstzufrieden lief er den Weg, den er in- und auswendig kannte und welcher zum Zentrum des kreisrunden Parks führte, entlang und summte dabei leise vor sich hin. Sein lang ersehntes Ziel sozusagen vor Augen, konnte er einfach nicht anders, die ganze Mühe zahlte sich nach all den Jahren endlich aus.
Fünfzig, im Vergleich zu den bisherigen, außerordentlich bequemen Wegminuten später kam er an das berühmte Versammlungsgebäude, welches im Zentrum des Parks stand und ebenfalls kreisrund war. Unter dem roten Stoffdach führten acht Treppen mit genau acht Treppenabsätzen an je acht Stufen zum Grund der Arena hinunter. In der Mitte der Konferenzhalle plätscherte ein seichter Wasserbrunnen vor sich hin und schimmerte pechschwarz. An dessen Rand sitzend, grinste der Dunkelelf höhnisch, sein Plan war reibungslos aufgegangen.
Er lehnte seinen Kopf zufrieden in den Nacken und schloss seine Augen. Jetzt war er im Herz der Allianz und … und … was wollte er eigentlich an dem Ort? Sein Puls beschleunigte und seine Augen weiteten sich vor Schrecken. Wie war er überhaupt erst hinaufgelangt?
In Panik drehte sich Serasin um die Achse, ein Schweißfilm überzog seine Stirn und er atmete zusehends schneller. Oreg war ihm hoffentlich wohlgesinnt und würde ihm eine rettende Idee schicken sonst würde man ihn bei Tagesanbruch ent­decken und für dieses Verbrechen zweifelsohne hinrichten. Dem Wahnsinn nahe, raufte er sich die Haare und trotzdem wollte ihm keine Antwort auf eine seiner Fragen einfallen. Irgendeinen Ausweg von diesem verfluchten Ort musste es doch geben. Natürlich gab es da den Weg, auf dem er eingedrungen war, aber den gleichen zurückzugehen, war schlichtweg unmöglich. Irgendeine dämonische Hand musste ihn geführt haben, als er quer durch die Stadt gehetzt war. Wie ging das überhaupt? So Wände hinaufzuklettern lag überhaupt nicht im Bereich seiner Fähigkeiten. Leise fluchte er vor sich hin und führte ein leises Selbstgespräch, etwas, das er gewöhnlich nie tat, aber schließlich war das keine normale Situation, da durfte er schon ein Auge zudrücken. Hauptsache, es half ihm einigermaßen, wieder einen klaren Kopf zu kriegen.
„Mist! Bei den Göttern, das kann doch nicht wahr sein … Moment! Es ist eben nicht wahr, ich träume noch! Genau so ist es, ich muss nur noch aufwachen und das wird bestimmt erst geschehen, wenn sie mich entdecken und ich in Panik geflohen bin und mich in einer ausweglosen Situation befinde. Was für ein seltsamer Albtraum … Da kann ich mir doch gleich die ganze Mühe und die sinnlose Hetzjagd sparen.“
Eine andere, komischerweise sehr bekannte Präsenz tauchte plötzlich aus dem Nichts auf und mischte sich in sein Selbstgespräch ein.

Ein kleiner, kaum wahrnehmbarer Schatten glitt im Mondlicht an der Wand entlang zum schmalen Geländer, welches das große Flachdach umgab. Lautlos kroch er durch den Buschring, der den Turmbewohnern an sonnigen Tagen so angenehmen Schatten spendete. Kein Ast bewegte sich, nicht einmal der am Boden verstreute Sand knirschte unter seinen Fußsohlen. Hinter dem Strauch stieg er ebenso lautlos auf die Brüstung und als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt, stand die Gestalt auf dem schmalen Balken des Geländers, das eigentlich dazu gedacht war zu verhindern, aus einer Höhe von sieben Stockwerken auf die steinige Straße zu stürzen
Die kalte Brise zwischen den hohen Pyramidentüren erwachte unverhofft und frischte die warme, beinahe stickige Nacht auf. Dieser dürftige Windzug kam neben seiner erfrischenden Wirkung auch sehr gelegen, die Blätter raschelten und übertönten so die ohnehin beinahe unhörbare Landung der Gestalt, welche mit einem unmenschlich weiten Sprung auf das gegenüberliegende Turmdach geschnellt war. Selbst die darauf­folgenden breiteren Schluchten zwischen den Türmen, in denen zuunterst eine zweispurige Karrenstraße und die Hochgassen für die Fußgänger verliefen, waren anscheinend keine Hindernisse für diesen nächtlichen Wanderer. Einige Dächer weiter wurde es hingegen kniff­liger. Gezwungenermaßen vorsichtiger setzte die Gestalt einen Fuß vor den nächsten, um keine der unzähligen Ölamphoren umzustoßen, die auf jenem Dach gelagert wurden, und überquerte so, trotzdem kein bisschen langsamer im Vergleich zu vorhin, dieses und die zwei darauffolgenden Flachdächer, auf denen ebenfalls Amphoren in jeglicher Größe und Form standen. Hinter dem letzten jener drei Türme gab es keinen weiteren, auf den man hätte springen können, und dennoch sprang der nächtliche Besucher ohne Zögern Kopf voran hinunter und betrachtete, nicht wirklich inte­ressiert, sondern aus reiner Gewohnheit, mehr über die Bewohner der Stadt he­rauszufinden, die vorbeifliegenden ­Stockwerke.
Auf dem ersten Balkon, der vorbeizischte, stand ein kleiner Glastisch auf einem eisernen Kranichfuß mit zwei zum Tisch passenden, bequem aussehenden Stühlen, welche dezent daneben platziert worden waren und einen gewissen Sinn für Geschmack verrieten. Ansonsten gab es nur noch etliche kleinere Pflänzchen in verschiedenen Töpfen, welche schön sortiert waren, aber irgendwie nicht zum Tisch passten. Doch insgesamt keine schlechte, wenn auch eine etwas ungewöhnliche Einrichtung für Angehörige dieser minderen Rasse.
In dem darunterliegenden Stockwerk war der Balkon ein Stückchen breiter, jedoch durch eine Wand in zwei Teile getrennt. Hier gab es ebenfalls einen Tisch, umsäumt von Stühlen, welche eher dem Geschmack der Menschen entsprachen, doch sonst kaum was hergaben, des Weiteren stand in einer Ecke eine buschige Bambuspflanze, welche in einem beachtlichen Topf vor sich hinwucherte. Kurz gesagt, nach dem vorherigen Anblick eine klare Enttäuschung.
Im folgenden Balkon gab es noch eine Wand mehr und in den verbliebenen Teilen waren es einzig Stühle, kein Tisch und kein einziges Pflänzchen mehr. Langsam war der Anblick eindeutig nicht mehr sehenswert und die Gestalt schloss seelenruhig die Augen, währendem der Boden in erschreckendem Tempo näher kam.
Fünf der sieben Stockwerke waren bereits an ihm vorbeigeflogen, bevor der Schwebezauber seinen fallenden Körper auffing und sanft auf das Giebeldach eines kleineren Hauses jenseits der Straße absetzte. Nachdenklich blickte der Wanderer zurück, der Wald aus Türmen ragte Unheil verkündend hinter ihm in den Himmel und verdeckte fast das ganze Giebeldach, auf dem er gerade stand, mit seinen dunklen Schatten.
Diese endeten wenige Fingerbreit vor seinen Zehenspitzen und verschlangen bis dorthin alles und hüllten es in wohltuende, für Menschenaugen beinahe undurchdringliche Schatten, sodass man außerhalb, im hellen Mondlicht stehend, nur erahnen konnte, was dort drinnen in der Finsternis vor sich ging.
Warum genau der Wanderer zurückgeschaut hatte, war ihr zuerst nicht ganz klar, doch irgendeinen Grund hatte es gegeben, da keine seiner unbewussten Bewegungen überflüssig war. Forschend musterte er jedes Stockwerk und jedes Fenster der umliegenden Häuser und Türme, wobei er nicht wusste, wonach er Ausschau hielt bis er das Gesuchte gefunden hatte.
Halb hinter dem Vorhang eines Fensters versteckt, spähte ein schemenloses, graues Gesicht in die Nacht hinaus und ihm direkt in sein Antlitz. Keine Gesichtszüge waren von dem Mann sichtbar, da er, wie alle seines Ordens, seit seinem Eintritt Tag und Nacht eine gewellte Eisenmaske trug.
Einen Augenblick später war er verschwunden, nur der unstetig baumelnde, rote Vorhang war noch zu sehen. Bewegungslos blieb der Dunkelelf ruhig atmend an derselben Stelle auf dem Giebeldach stehen und starrte zu jener Türe hinüber, aus der wie erahnt der maskierte Prokurator wenige Sekunden später gestürmt kam. Außer der eigentümlichen gewellten Maske trug der stolze Prokurator auch seine graue, geschuppte Rüstung, die im fahlen Mondlicht schimmerte. Komischerweise führte er aber keine Waffe bei sich und versuchte gar nicht, zum Dunkel­elfen aufs Dach zu gelangen, sondern verlangsamte seine ­Schritte sogar selbstsicher.
Einmal, außerhalb des Hauses, blieb der Ritter mitten auf dem Hof endgültig stehen und begann sofort einen Zauber zu weben, mit dem der Dunkelelf zweifellos beseitigt werden sollte. Nach etlichen, in der Luft aneinandergereihten Runen, der Zauber war beinahe vollendet, erstarrte der Prokurator und blickte sein Werk ungläubig an, welches plötzlich in sich zusammenfiel. Seine Zeichen verloren an Kontur und verschwammen dann zusehends, bis nichts mehr von ihnen übrig war, außer einem völlig harmlosen milchigen Nebel. Fassungslos suchte der Mann nach seinem verblichenen Zauber und schaute schließlich zum Dach und seinem lächelnden Gegner hinauf. Immer noch bewegungslos verharrte der nächtliche Wanderer auf dem Dach, was für einfache Wesen diese Menschen doch waren. Sein ganzes magisches Arsenal verdankte dieser Prokurator seiner verzauberten Rüstung und den darin eingeschmiedeten Runen, ohne die er kaum einen Zauber zustande bringen würde. Zumindest das Schin, welches er für seine primitive Magie zu brauchen gedachte, war sein eigenes, doch viel mehr leistete er selbst beim besten Willen nicht. Denn im Grunde erledigte seine Rüstung fast alles, es sog sogar das wenige Schin, das sein Körper abgab, auf und speicherte es für ihn, und nur deswegen war es dem Prokurator überhaupt möglich, die Schinmengen für seinen Lähmungszauber aufzubringen, den er gerade eben hatte vollenden wollen. Eigentlich war es ungerecht, die Formel war des Prokurators alleiniges Werk, das musste man er ihm schon lassen. Wie viel Zeit der arme Mann wohl gebraucht hatte, um das Weben selbst mit der Rüstung zu erlernen? Mit dem mangelnden Talent war sicher ein mehrjähriges Training nötig gewesen. Und ausgerechnet solch ein Kerl wollte alleine gegen ihn bestehen? Möglicherweise war er einfach überheblich und dachte ernsthaft, gut genug zu sein. Oder er handelte überlegt, einem so jungen Dunkelelfen wäre er sicherlich für kurze Zeit gewachsen, und wenn er vorhin im Haus bereits Hilfe herbeigerufen hatte, musste er auch nicht lange gegen seinen mäch­tigeren Gegner bestehen. Denn in ungefähr einer Minute würde sich das Blatt zu seinen Gunsten wenden, denn selbst der Talentierteste dieser spitzohrigen Bastarde, wie die Umbra netterweise von den Prokuratoren genannt wurde, würde gegen zehn von ihnen verlieren. Aber an alles hatte der listige Prokurator nicht gedacht. Noch war seine Verstärkung nicht da. Noch war das Schicksal des nächtlichen Wanderers nicht besiegelt, dem von Anfang an klar gewesen war, dass er leider nicht auf dieses vielversprechende Spielchen eingehen durfte.
Seine Verachtung für solch leicht durchschaubare Listen klar in den Augen leuchtend, wendete er sich ab und huschte über den Dachgiebel, rutschte auf der anderen Seite ungebremst hi­nunter und sprang am Ende des Ziegeldaches über die Straße auf das nächste, gegenüberliegende Dach. Leider hatte er in dieser Nacht für lange Spielereien keine Zeit, denn sein heutiges Ziel war die Akademie, welche noch weit in der Ferne auf dem höchsten der drei Stadthügel thronte. Bis er bei diesem einigermaßen geschmackvollen Gebäude sein würde, waren bei seinem momentanen Marschtempo mindestens noch zwei Stunden nötig. Kurz gesagt, es wäre die dritte Stunde der Nacht und der Tag wäre nicht mehr sehr fern.
Zwar fürchtete er sich nicht vor dem Tageslicht, doch beim Morgengrauen würde, wie an jedem Tag in der Woche, in der stark bevölkerten Stadt der Tagesbetrieb aufgenommen werden, und sobald das geschah, musste er wieder außerhalb der Akademie und mindestens auf dem Rückweg sein, sonst würde man ihn unweigerlich bemerken. Das durfte auf keinen Fall geschehen.
Doch so eine wundervoll vielversprechende Gelegenheit für eine kleine, unterhaltsame Verfolgungsjagd mochte er keineswegs ungenutzt verstreichen lassen, das war einfach nicht seine Art. Ein hinterhältiges Lächeln auf den Lippen, löste er im Vorbeigehen absichtlich einen Ziegel vom Hausdach und ließ ihn haarscharf neben der nächsten Soldatenpatrouille hinunter­fallen, sodass diese hinaufschauen und ihn zufälligerweise sehen würde, damit die Prokuratoren vom Alarmgeschrei angelockt wurden und seine bereits verloren geglaubte Spur erneut fanden … selbstverständlich hatten sie keine Chance, aber das wussten die Kerle ja nicht.

Mit seiner Schätzung wegen der Zeit lag er sehr richtig, wenige Minuten vor dem letzten Drittel der warmen Sommernacht sprang er vom Hauptplatz zwischen den verschiedenen, zusammenhängenden Gebäuden der Akademie auf einen der überdachten Korridore und von dort aus war es nicht mehr sehr weit bis zum Bibliotheksgebäude, auf dessen Kuppeldach sich das eigentliche Ziel seiner Reise befand.
Auf dem Dach gab es einen großen Park, von dem man über die ganze Stadt blicken konnte. Und in diesem Park befand sich eine kleine Arena, in der die endlosen Treffen der Allianzabgeordneten normalerweise während des Tages abgehalten wurden. In der Nacht waren dieser Ort und der rundherum angelegte Park so gut wie menschenleer, wenn er einmal drinnen war, würde ihn bei den vielen Verstecken im Park selbst im hellen Tageslicht niemand entdecken, geschweige denn schnappen. Die eigentliche Schwierigkeit bestand darin, überhaupt irgendwie hinauf und hinein in den Park zu gelangen, eigentlich sollte das ziemlich unmöglich sein, denn die fähigsten Magier der bekannten Welt hatten alles unternommen, damit niemand es schaffen konnte, doch selbst diese Tatsache bereitete ihm keinerlei Kopfzerbrechen, da er alles, was für sein Vorhaben von Nöten war, vorbereitet und in die Wege geleitet hatte.
Durch das Innere der Kuppel in diesen Park zu gelangen war unmöglich, da man auf diesem Weg nur durch eine schwebende Marmorplattform zum Ziel kam. Diese Plattform war den Gerüchten zufolge ein Geschenk der Drachenkönige zur Gründung der Allianz gewesen, in dessen goldenen Rand sämtliche Völker und die Gesetze der Allianz eingraviert waren. Und genau hier lag das Problem, die Drachen oder wer auch immer dieses Ding erbaut hatte, waren nicht dumm gewesen: Um unerwünschten Besuchern von vornherein keine Möglichkeit zu bieten, konnte man die Steinplattform lediglich von oben hinunterlassen. Nur jemanden anzustiften, einem Dunkelelfen zum Herzen der Allianz gegen die Dunkelelfen Zutritt zu gewähren war in dieser doch relativ kurzen Zeit unmöglich gewesen, oder besser gesagt, sein Plan war sicherer, da der Verräter im Nachhinein nicht entlarvt werden konnte und es nicht annähernd so aufwendig gewesen war.
Deshalb wählte der Dunkelelf einen anderen Weg, von dem eigentlich behauptet wurde, dass dieser noch unmöglicher sei, um unbefugt in den Park einzutreten.
Mit einigen geschickten Sätzen kletterte er an einem Fenster­rahmen hoch, fast bis zum oberen Ende der senkrechten Seitenwände des Bibliotheksgebäudes. Von dort aus war es nicht leichter, weiter hochzukommen, doch er benötigte weitaus weniger Zeit, um aufs Dach zu gelangen, als auf einem anderen Weg. Flink griff er über den Fenstergiebel hinweg, packte den kunstvollen Marmorrahmen mit beiden Händen und stieß sich mit aller Kraft vom magisch verstärkten Fenster ab. Einige schreckhafte Sekunden lang hielt er sich weder am Rahmen noch sonst wo fest und griff, bevor er zurück zum Boden stürzte, in die handbreite Lücke zwischen der Wand und der vergoldeten Kuppel, welche als Regenrinne diente, und zog sich daran hoch. So war er bereits auf dem Dach und das allein sollte schon ein Ding der Unmöglichkeit sein. Diese Menschen hatten schlichtweg keine Ahnung, was unmöglich und was bloß sehr schwer war. Beinahe ohne Unterbrechung ging sein Vormarsch ins kleine Heiligtum der Allianz weiter.
Von unten sah die gewaltige Kuppel wie eine einzige, goldene Halbkugel aus, bestand in Wirklichkeit jedoch nur aus einzelnen zusammengefügten Goldplatten, von denen einige bei der Regenrinne endeten. Mit Abertausenden von Nägeln waren die Goldplatten ans Dach geheftet worden und hielten sogar den stärksten Stürmen stand. Einem spitzen Dolch, welcher jeden Nagel einzeln herauszog, waren sie jedoch nicht gewachsen. Nachdem er recht unbequem eng an die Kuppel gepresst, während es hinter ihm mehr als zwanzig Meter in die Tiefe ging, einige davon entfernt hatte, griff er unter das gelöste Goldblech und fand, wonach er gesucht hatte. Von außen sah das Dach zwar massiv aus, war in Wirklichkeit jedoch hohl und wurde von acht mehr oder weniger großen Trägern gehalten. Ansonsten bildete lediglich ein simples Holzgerüst das imposante Dach. Direkt unterhalb der von ihm angehobenen Goldplatten ertastete der Dunkelelf gleich das unterste dieser Holzgestelle, an dem auch Tapete der Bibliotheksdecke befestigt war und angeblich einen bezaubernden Anblick bieten sollte, aber um diese anzuschauen, war er nicht gekommen, sosehr sie auch von aller Munde gepriesen wurde. Sein Vorhaben für die Nacht war schließlich viel wichtiger, als eine kunstvoll bemalte und mit Illusionszaubern versehene Decke anzustarren.
Zwischen der Goldfolie und der Stoffdecke gab es gerade mal einen ungefähr vier Handbreit großen Hohlraum und in diesem kroch er senkrecht in die Höhe, wobei er die kleinen Quer­streben des Gerüsts als Leitersprossen nutzte. Nach gut drei Minuten ungehinderten und vor allem unbemerkten Kletterns kam ihm der schützende, fast unsichtbare Schild des Parks in die ­Quere. Hauptsächlich wegen diesem wurde gesagt, dass niemand eindringen konnte, da der er eine Kombination aus Glas- und Nebelschild war und daher selbst gewaltige Treffer ­wegsteckte und anschließend innert Kürze die paar wenigen Kratzer, die er schlimmstenfalls erhalten hatte, sofort regenerierte.
Für fast alle Eindringlinge wäre zumindest hier nun endgültig Endstation, denn nur ganz wenige Wesen, wahrscheinlich konnte man sie an einer Hand abzählen, konnten durch einen solchen Schild dringen. Zu den wenigen Auserkorenen gehörte der Dunkelelf jedoch nicht, obwohl er es gerne wäre, dafür zählte jemand anderes zu den wenigen und dieser hatte selbstverständlich einwandfreie Arbeit geleistet. Auf das Schild hatte der einen komplizierten Ring aus Runen auf den Schild gemalt, worauf ein kaum fassgroßes Loch entstanden war. Beim Anblick dieses Kunststücks überraschte er sich selbst, indem er glaubte ein wenig Neid zu verspüren, was eigentlich sehr verständlich wäre, denn selbst bei einem viel einfacheren Schildzauber wäre es ihm schwergefallen, ein solches Loch hinzukriegen, trotzdem überraschte ihn diese Empfindung, die er vor vielen, vielen unzähligen Jahren, inzwischen vielleicht schon Jahrhunderten, zum letzten Mal verspürt hatte.
Und obwohl jeder Magier innegehalten hätte, um das Meisterwerk mit den Augen zu verschlingen, widmete ihm der Dunkelelf jedoch keinen weiteren Blick, denn er kannte die Formeln bereits und hatte im Übrigen auch erwartet, genau diesen Zauber an exakt dieser Stelle anzutreffen. Wie selbstverständlich kroch er hindurch und machte sich sogleich daran, eine Goldplatte zu lösen. So weit oben, wie er sich befand, war das Dach schon beinahe waagrecht, sodass er sich nicht mehr festhalten, sondern nur noch bequem liegen musste, um nicht zwischen dem Holzgerüst und der Bibliotheksdecke hindurchzufallen. Nach wenigen qualvollen Nägeln war eine der kleinen Ecken der Platte endlich lose, danach ging alles viel schneller voran. Genau wie bei einem vergoldeten Sarg drückte er das Goldblech zur Seite und kletterte hinaus an die frische Luft.
Endlich draußen und in der Parkanlage angekommen, zog er die Goldfolie an ihren ursprünglichen Platz zurück und drückte die Nägel wieder in ihre Löcher, damit niemand auf die ­Schnelle sehen würde, dass jemand an der Stelle eingedrungen war. Unbekümmert, weil ihn sein sechster Sinn gewarnt hätte, falls ihn jemand inzwischen entdeckt hatte, drehte sich der Dunkelelf um und sprang über das abgrenzende Steingeländer auf den Fußweg, der in schwungvollen Schleifen um den Park herumführte, und atmete genüsslich die Luft des Erfolges ein paar Mal ein.
Obwohl das der berüchtigtste Ort in der ganzen Stadt war, barg die kleine Verschnaufpause für ihn als Einbrecher fast ­keine Gefahr, denn so weit drinnen gab es sicherlich keine Wachen, weil eben angeblich niemand unberechtigt hineingelangen konnte. Und da dieser spezielle Teil der Stadt lediglich den Allianzabgeordneten vorbehalten war und diese Privilegierten zu jener Uhrzeit ihren wohlverdienten Schönheitsschlaf hielten, gab es sozusagen niemanden, der seinen Siegeszug noch aufhalten könnte. Gemütlich und selbstzufrieden lief er den Weg, den er in- und auswendig kannte und welcher zum Zentrum des kreisrunden Parks führte, entlang und summte dabei leise vor sich hin. Sein lang ersehntes Ziel sozusagen vor Augen, konnte er einfach nicht anders, die ganze Mühe zahlte sich nach all den Jahren endlich aus.
Fünfzig, im Vergleich zu den bisherigen, außerordentlich bequemen Wegminuten später kam er an das berühmte Versammlungsgebäude, welches im Zentrum des Parks stand und ebenfalls kreisrund war. Unter dem roten Stoffdach führten acht Treppen mit genau acht Treppenabsätzen an je acht Stufen zum Grund der Arena hinunter. In der Mitte der Konferenzhalle plätscherte ein seichter Wasserbrunnen vor sich hin und schimmerte pechschwarz. An dessen Rand sitzend, grinste der Dunkelelf höhnisch, sein Plan war reibungslos aufgegangen.
Er lehnte seinen Kopf zufrieden in den Nacken und schloss seine Augen. Jetzt war er im Herz der Allianz und … und … was wollte er eigentlich an dem Ort? Sein Puls beschleunigte und seine Augen weiteten sich vor Schrecken. Wie war er überhaupt erst hinaufgelangt?
In Panik drehte sich Serasin um die Achse, ein Schweißfilm überzog seine Stirn und er atmete zusehends schneller. Oreg war ihm hoffentlich wohlgesinnt und würde ihm eine rettende Idee schicken sonst würde man ihn bei Tagesanbruch ent­decken und für dieses Verbrechen zweifelsohne hinrichten. Dem Wahnsinn nahe, raufte er sich die Haare und trotzdem wollte ihm keine Antwort auf eine seiner Fragen einfallen. Irgendeinen Ausweg von diesem verfluchten Ort musste es doch geben. Natürlich gab es da den Weg, auf dem er eingedrungen war, aber den gleichen zurückzugehen, war schlichtweg unmöglich. Irgendeine dämonische Hand musste ihn geführt haben, als er quer durch die Stadt gehetzt war. Wie ging das überhaupt? So Wände hinaufzuklettern lag überhaupt nicht im Bereich seiner Fähigkeiten. Leise fluchte er vor sich hin und führte ein leises Selbstgespräch, etwas, das er gewöhnlich nie tat, aber schließlich war das keine normale Situation, da durfte er schon ein Auge zudrücken. Hauptsache, es half ihm einigermaßen, wieder einen klaren Kopf zu kriegen.
„Mist! Bei den Göttern, das kann doch nicht wahr sein … Moment! Es ist eben nicht wahr, ich träume noch! Genau so ist es, ich muss nur noch aufwachen und das wird bestimmt erst geschehen, wenn sie mich entdecken und ich in Panik geflohen bin und mich in einer ausweglosen Situation befinde. Was für ein seltsamer Albtraum … Da kann ich mir doch gleich die ganze Mühe und die sinnlose Hetzjagd sparen.“
Eine andere, komischerweise sehr bekannte Präsenz tauchte plötzlich aus dem Nichts auf und mischte sich in sein Selbstgespräch ein.
test

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