Seelentraum
Legende der Familie Eklypse
EUR 25,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 544
ISBN: 978-3-7116-0091-2
Erscheinungsdatum: 25.09.2025
Fantasyroman, über Freundschaft, Liebe, Krieg und Fehler. Erlebt wie die magischen und nicht magischen Völker Liras um die Zukunft ihrer Welt gegen einen urgewaltigen Feind und einige wenige sogar gegen das Schicksal selbst kämpfen.
Prolog
Man konnte deutlich das Entsetzen in ihren Augen erkennen. Wie gut ihr dies doch stand. Wirkliche Befriedigung konnte Fenast in diesem Augenblick jedoch nicht empfinden. Obwohl sie nun erschlagen und ihr Kopf auf einen Pfahl gesteckt worden war, empfand er weder Erleichterung noch Genugtuung.
Oft sagte man ja, Rache wäre leer, aber dass es so sehr zutreffen würde, hatte der Wolf nicht erwartet. Natürlich hatte er seine Differenzen mit ihr gehabt, dennoch waren sie einmal so etwas Ähnliches wie Freunde gewesen. Irgendwie schien ihm dieses Ende für sie doch falsch.
Eine große Klauenhand legte sich auf seine Schulter. „Sie hat es verdient, auch wenn du das im Moment nicht sehen kannst. Bedenke einfach, was sie dir angetan hat“, meinte Chrusor. Der Ursara oder Bärenmensch war seit einiger Zeit nun schon ein sehr guter Freund für Fenast und hatte ihn stets gestützt, wenn dies nötig gewesen war. Nach all der Zeit hatten seine Worte auch ein gewisses Gewicht für den Wolf und doch halfen sie ihm gerade nicht, anders zu empfinden.
Im Prinzip sah Chrusor aus wie die Mischung aus einem gewaltigen Grizzly und einem kräftigen Mann. Standen die beiden Freunde so nebeneinander, mutete das wohl meist seltsam an. Loborina oder auch Wolfsmenschen sahen laut Volksmund aus wie sehr gepflegte Werwölfe. Der Vergleich wirkte im ersten Moment auch gar nicht so schlecht, auch wenn sie sich komplett unter Kontrolle hatten und ihre menschliche Form nicht ihre natürliche darstellte.
Allerdings nahmen die meisten Loborina es einem sehr übel, wenn man sie mit einem Werwolf verglich. Werwölfe waren nie Herr ihrer Sinne, dadurch meist auch nicht anders als wilde Bestien. Loborina störten sich deswegen enorm daran, mit ihnen gleichgesetzt zu werden. Fenast war selbst ein waschechter Loborina, aber sein Volk hatte ihn verstoßen. Seit seiner Geburt besaß er einen kränklichen, schwachen und mit Schmerzen erfüllten Körper. Solche Welpen wurden normalerweise gleich nach dem ersten Schrei ausgesondert und dem Tode überlassen. Aus Gründen, die wohl nur er selbst kannte, hatte sein Vater ihn jedoch einem reisenden Magier in den Weg gelegt, damit sein Sohn zumindest leben konnte. Dieser Magier hatte ihn dann jedoch nicht nur aufgezogen, sondern weit mehr getan. Er hatte Fenast, einen Loborina, dessen Volk Magie ablehnte, zu einem Magier ausgebildet.
Damit war dieser wohl einmalig auf Lira. Was ihm aber nicht seine Leiden nahm und ihn stets krumm neben seinem großen Freund stehen ließ. Ob man darunter ein Bild für die Götter verstand, der gewaltige Ursara und daneben der verkrüppelte Loborina? Vielleicht.
Nun jedoch standen sie in den Trümmern der geschlagenen Schlacht. Und wenn Götter an diesem Bild Gefallen fanden, wollte Fenast diese Götter nie kennenlernen. Vor ihnen waren die Köpfe etlicher hoher Tiere des Feindes aufgespießt worden, und wenn sie sich umsahen, waren da auch mehr als genug Leichen der Angehörigen beider Seiten. In Geschichten hörte man meistens nur etwas von vor der Schlacht und was währenddessen dort geschah. Niemand sprach aber von dem Gestank nach Blut und Fäkalien, dem schrecklichen Anblick, der sich den Überlebenden bot. Und auch nicht von jenen Gefühlen, die man hinterher empfand.
Wie viele verzweifelten trotz Sieg! Wie viele zerbrachen daran, Freunde oder Familien sterben gesehen zu haben! Oft suchten die Schrecken des Krieges Soldaten noch Jahre danach heim, viele auch ihr ganzes Leben lang.
Wenn sich Fenast hier so umsah, verstand er dies durchaus. Auch er würde niemals vergessen, was hier geschehen war. Wie könnte er auch. Siegen und feiern blieb jedoch den wenigsten hier vergönnt. Natürlich würde es ein Fest geben, wahrscheinlich bereitete man das sogar gegenwärtigvor. Aber dort würde gerade mal ein kleiner Teil jener anwesend sein, die gekämpft hatten. Der größte Teil würde irgendwo dem Alkohol frönen und versuchen zu vergessen. Ein Luxus, der Fenast in seinem Leben nie vergönnt gewesen war. Seine Gedanken beruhigen oder vergessen hatte er nie können. Da war es egal, wie viel er getrunken hatte. Und den Anblick des aufgespießten Kopfes einer ehemaligen Freundin würde er wohl nun auch nicht mehr vergessen können.
„Was sie mir angetan hat? Lassen wir es ruhen, Großer. Die Prinzessin und ich haben genug Probleme, auch ohne die Vergangenheit wieder aufzuwärmen“, stellte Fenast fest. „Ach Fenast, ihr seid doch mittlerweile weit mehr als Freunde. Sollte das nicht ein kleiner Erfolg in deinen Augen sein?“, entgegnete ihm sein bäriger Freund seufzend, aber mit einem wissenden und aufrichtigen Lächeln.
Just in diesem Moment landete auf ebenjenem Kopf direkt vor ihnen ein Rabe und begann sich an den entsetzt aufgerissenen Augen gütlich zu tun. Der Loborina hob die Hand und der Kopf ging in Flammen auf, sodass das Tier augenblicklich verschreckt aufflog.
„Du bist zu nett“, stellte Chrusor kopfschüttelnd fest. Er selbst hätte das Tier den Kopf schänden lassen, aber irgendwas war auch damals zwischen ihm und der ehemaligen Besitzerin des nun brennenden Kopfs geschehen.
Für Fenast war es aber unmöglich gewesen, den Vogel einfach gewähren zu lassen. „Womöglich“, erwiderte er nur auf die Feststellung seines Freundes und zuckte mit den Schultern. Nickend quittierte Chrusor dies. Zusammen wandten die beiden sich ab und gingen zurück in Richtung des Heerlagers ihrer Verbündeten. Wahrscheinlich würde man sich dort auch freuen, wenn Fenast mit seinem Wissen über Pflanzen und Magie half, die Verwundeten zu versorgen. Und Chrusor würde ein Bad nehmen. Sein Fell war von der Schlacht blutgetränkt und es wurde Zeit, dass er dies änderte.
Die beiden trennten sich deswegen auch, kaum dass sie im Lager angekommen waren. Natürlich wusste Fenast, dass sein bäriger Freund sich nicht nur waschen wollte, er wollte auch schnell aufbrechen, um zu seiner Frau und zu seinem Sohn zurückzukehren. Beide würden sicherlich schon sehnsüchtig auf Chrusors Rückkehr warten. Für Fenast war sein Freund nur zu beneiden. Er hatte eine ihn liebende Frau und einen vernünftigen und gut geratenen Sohn. So etwas hätte sich der kränkliche Loborina auch gewünscht.
Im Prinzip bot sich ihm im Moment auch die Möglichkeit, dies zu bekommen. Nur war er nicht sicher, wie fair es von ihm war, sie wirklich zu ergreifen. Gerade weil er das Glück seines Freundes so schön und erstrebenswert fand, war Fenast beruhigt, dass sein Freund überlebt hatte.
Jetzt suchte der Loborina aber zunächst einmal das Lazarett auf, wo man, wie erwartet, viel zu viel zu tun hatte. Die Schlacht war aber auch wirklich höllisch und nur mit großen Verlusten zu gewinnen gewesen. Man wollte auch ihn versorgen, als die Priester und Mediziner sahen, dass Fenast verletzt war. Er jedoch schüttelte den Kopf und half lieber selbst, andere zu versorgen. Ihm war schon mehr als genug Hilfe zuteilgeworden, auch wenn man es ihm nicht ansehen mochte.
Als er nach etlichen Stunden im Lazarett zu seinem Zelt zurückkehrte, wartete eine Überraschung auf ihn.
„Schön, dass du noch lebst, Fen“, begrüßte ihn eine junge und wunderschöne Frau. Die Gefühle, die er in diesem Moment in sich verspürte, waren so widersprüchlich und überschlugen sich dermaßen, dass Fenast für einen Moment überlegte, ob antworten eine gute Idee war. „Ich sagte doch, du sollst dir keine Sorgen um mich machen“, stellte er schließlich resignierend fest. Was für eine dämliche Antwort das doch war. Zu seinem Glück kannte sie ihn mittlerweile gut genug.
„Und wie oft sagte ich dir, dass du mir wichtig bist?“, entgegnete sie ihm deswegen auch nur mit einem sanften Lächeln. „In letzter Zeit? Öfter als ich zählen kann“, antwortete er. Andernfalls wären sie wohl auch kaum da, wo sie nun einmal waren. Obwohl er ein verkümmerter Krüppel war, im Körperlichen wie im Sozialen, und obwohl sie so viel mehr verdiente, als ihre Zeit mit ihm zu verschwenden. „Was bringt dich in mein Zelt?“, stellte er die naheliegendste Frage. Eigentlich hatte sie ihm mehrfach versprochen, sich von dem Schlachtfeld fernzuhalten. Er würde Deus später den Kopf zurechtrücken, denn wirklich gehalten hatte sie dieses Versprechen nicht. Wie hatte der dumme Vogel sie nur herkommen lassen können? Allerdings war es Fakt, dass dieser Kampf ohne sie deutlich anders ausgegangen wäre. Vielleicht wäre dann nur er allein noch am Leben. Insofern war es schon gut, dass sie gekommen war.
Gut finden musste er es trotzdem nicht zwingend. Zumal er Angst hatte, dass sie weiterkämpfen wollte, denn sie hatten zwar diese Bestie von einer Schlacht gewonnen und der Feind war auf dem Rückzug, aber ihr wahrer Feind lauerte viel weiter westlich im Verborgenen.
Wie lang würde dieser Krieg wohl noch gehen? Und wie lange würden sie darin kämpfen müssen? Wenn es nach ihm ging, gar nicht mehr. Die Prinzessin sah ihn ernst an und deutete ihm, neben ihr auf der Liege, auf der sie selbst saß, Platz zu nehmen. Fenast erwiderte ihren Blick nickend und setzte sich. Dabei versuchte er, sich nicht, wie so oft, in ihren Augen zu verlieren. Trotz der ganzen Zeit hatte sich einfach nichts in ihm verändert, wie es schien. Sie war sein Stern, seine Sonne und für ihn das wundervollste Wesen, das es je gab, gibt und geben würde.
Kapitel 1
Eine Chance
Aufregung stand einem Magier nicht, das hatte ihm sein Meister immer wieder eingebläut. Trotzdem war Fenast mehr als aufgeregt. Man hatte ihn an den Hof von König Asloref und Königin Silindria, dem Herrscherpaar der Hochelfen, gerufen. Allerdings war er nicht der einzige Magier. Einer der Zauberkundigen des königlichen Hofes war vor einiger Zeit verstorben. Hisaf Sternenknall, ein alter und weiser Gnom, der sich oft als unersetzbarer Berater des Hofes erwiesen hatte. Nun brauchte man einen Ersatz für jemanden, den man eigentlich nicht ersetzen konnte. Zu diesem Zweck hatte man alle vielversprechenden Magier des Kontinents zum Hofe gerufen, um zu sehen, welcher von ihnen vielleicht in diese gewaltigen Fußstapfen treten konnte.
Weder empfand sich Fenast als etwas Besonderes noch als besonders talentiert. Dass der Zirkel der Magier ihn dennoch ebenfalls hierhergeschickt hatte, machte ihn nervös, und es machte ihm auch Angst. Würde er sich hier nicht nur unter all diesen Talenten blamieren, weiter nichts. Musste er abermals den Spott jener erdulden, die sich nicht einmal die Zeit nahmen, ihn wirklich auch nur ein wenig kennenzulernen. Akzeptiert zu werden, war definitiv keines seiner Talente.
Einige der Gesichter um ihn herum kannte er und einige nicht. Von vielen der ihm bekannten Magier erntete er nur spöttisches Grinsen und Gelächter, sobald sie ihn sahen.
Zusammen mit den anderen Magiern und mit gesenktem Blick schob sich Fenast durch das große goldene Tor des Palastes. Allein um dieses zu erreichen, hatten sie eine drei Kilometer lange und ansteigende Brücke aus Marmor überqueren müssen. Der Palast der Herrscher der Hochelfen lag mitten in einem wunderschönen Wald, dessen Pflanzen durch Magie in allerlei exotischen Farben leuchteten und erstrahlten. Rings um den Palast befand sich ein gewaltiger Abgrund, der wirklich komplett kreisrund direkt um den gesamten Palast herumreichte. Angeblich war auch dieser Abgrund durch Magie erschaffen worden. Wobei das eine beängstigende Vorstellung war, weil es eine gewaltige Leistung gewesen sein muss. Ohne die Brücke konnte man den Palast nicht erreichen, und was am Boden dieser enorm tiefen Schlucht lag, war nicht zu erkennen. Wenn so etwas durch Magie erschaffen wurde, dann war dazu enormes Können und enorm viel Macht nötig gewesen. Jedoch erzählte man sich auch, dass die ersten Hochelfen, die das Hochelfenvolk begründet hatte, unglaublich fähige Magier gewesen sein sollen. Umso surrealer war es, dass man nun Leute aus anderen Völker hierher rief, und das ausgerechnet auf der Suche nach einem neuen fähigen Magier. Erst recht, wenn man wusste, dass die meisten Hochelfen immer noch ein angeborenes Talent für Magie besaßen.
Der Palast an sich war gewaltig. Er besaß dreizehn Türme, von denen selbst die kleineren zehn gewaltige Ausmaße hatten. Man hatte das Gebäude komplett aus Marmor gebaut, der verzaubert wurde, damit weder Wetter noch Angriffe ihm etwas anhaben konnten. Das Ganze wurde dann noch mit Gold verziert.
Für die Sicherheit der Bewohner existierte eine magische Abschirmung aus mehreren Barrieren, um so ungebetenen Besuch zu verhindern.
Für Magier war es eigentlich ein Traum, an so einem durch und durch magischen Ort zu leben und zu arbeiten. Trotzdem wäre Fenast im Moment einfach nur gern umgedreht und davongelaufen. Er hatte Angst, fühlte sich unwohl und der kleine Buckel, den er aufgrund seines kaputten Körpers hatte, fühlte sich unter den höhnischen Blicken der anderen Magier wie ein Berg an.
Man führte sie alle in den ersten Hof, wo sie erst einmal warten sollten. Obwohl es mehr als dreihundert Magier waren, passten sie dort problemlos hinein, ohne dass sie sich gegenseitig behinderten. Dieser erste Hof war wie eine Festung gebaut, falls es tatsächlich einmal Angreifer bis in diesen Hof schaffen würden, hier könnte man sie aufhalten. Entsprechend wenig einladend war es hier. Dafür gab es jedoch sehr viele Möglichkeiten, sie alle einfach zu töten. Bogenschützen könnten die ganze Zeit auf die Menge aus Magiern zielen. Ob davon alle Stationen unbemannt waren, wie man es ihnen gesagt hatte, blieb verborgen.
Für sieben Stunden standen sie dann dort. Die Sonne schien, es war heiß und niemand informierte sie darüber, wie es nun weiterging. Lange dauerte es da nicht, bis sich die Ersten beschwerten.
Als schließlich ein Elf in edlen Gewändern das kleinere Tor, das in den inneren Hof des Palastes führte, öffnete, wurden nicht alle Magier eingelassen. Und wen man aussortierte, fiel sehr schnell auf, nämlich all jene Magier, die sich beschwert hatten. Ein wenig haderte Fenast jetzt mit sich selbst, dass er nur ruhig ein wenig Wasser herbeigezaubert und abgewartet hatte.
Der innere Hof war das absolute Gegenteil des vorherigen Hofes. Groß genug, um eine Stadt darin zu beherbergen. Mit Gebäuden, einem Park, einem See und unzähligen Statuen war er das, was man sich wohl von einem Palast erwartete.
An einer Stelle, wo sonst Turniere abgehalten wurden, sollten die Magier dann allesamt Aufstellung nehmen. Zusammen mit ihrem Hofstaat hatten König Asloref und Königin Silindria es sich auf ihrer Tribüne gemütlich gemacht. Unter ihren wachsamen Blicken wurde ihnen ein Magier nach dem anderen vorgestellt, woraufhin dieser jeweils seine Künste demonstrieren durfte. Es war niederschmetternd, was für spektakuläre Kunststücke die anderen Magier zustande brachten. Und das, wo Fenast selbst nicht einmal wusste, was genau er demonstrieren sollte.
Ein ihm bekanntes Gesicht, der Magier Rudran, demonstrierte direkt, bevor Fenast an der Reihe war, auf spektakuläre Weise, wie meisterhaft er das Feuer beherrschte. Der Hochelfenmagier beschwor es in gewaltiger Menge, formte es und ließ es ganz ohne jede Geste, nur mit seinen Gedanken, tun, was er wollte, auch wenn es etwas klischeehaft war, dass Rudran aus den Flammen einen Phönix formte und diesen in den Himmel schoss, wo sein magisches Gebilde sich in ein wunderschönes Feuerwerk verwandelte. Viele seiner Kollegen applaudierten ihm und auch eine Menge Leute aus dem Hofstaat. Einzig das Königspaar blieb regungslos, wie auch schon bei jedem einzelnen Magier zuvor.
Da schlug direkt neben Rudran eine Taube hart auf den Boden auf. So wie es roch und aussah, hatte Rudrans Magie den Vogel unbeabsichtigt vom Himmel geholt und ihn dabei offensichtlich schwer verletzt. Genau genommen war es ein Wunder, dass das Tier nicht allein durch den Sturz gestorben war.
Mit den Augen rollend, ging Rudran auf das arme Geschöpf zu und beschwor eine Flamme. Diese Flamme prallte jedoch an einer kleinen Barriere ab, woraufhin sie die Robe des Magiers anzündete. Schimpfend löschte sich Rudran und sah sich fragend um. Die Antwort, wer dies eben getan hatte, kam in Gestalt von Fenast, welcher sich aus der Gruppe gelöst hatte und sich zu dem Tier begab. Vorsichtig hob er die Taube auf und war abermals erstaunt, dass das Tier noch lebte.
„Ist jetzt auch dein Verstand so verkümmert wie du selbst? Was erlaubst du dir eigentlich, du verdammter Krüppel?“, fuhr der Hochelfenmagier ihn zornig an. Fenast ignorierte es und untersuchte lieber vorsichtig die Taube in seinen Händen. Die Verletzungen waren schwer, aber er hatte tatsächlich Hoffnung für das Tier, zumindest wenn er schnell handelte. Eilig erhob er sich und machte sich auf den Weg aus dem Palast hinaus. Er war sich sicher, im Wald das zu finden, was er brauchte.
Ein heftiger Schmerz traf ihn jedoch in den Rücken, noch bevor er überhaupt wieder die anderen Magier erreicht hatte. Dass ihm Rudran einen Feuerball in den Rücken geworfen hatte, war Fenast klar, ohne dass er sich umsah. Schmerz war ihm jedoch keine Unbekannte, er litt ihn ständig. Die Zähne zusammenbeißend, ging er also einfach weiter. Stimmen hinter ihm redeten auf Rudran ein und hielten diesen wohl von einem weiteren Angriff ab.
Kurz bevor Fenast die anderen Magier erreichte, hielt man ihn auf. Zwei Soldaten aus der königlichen Garde stellten sich ihm in den Weg.
„Lasst mich bitte durch. Ich denke, dem Tier kann noch geholfen werden“, bat der Loborina aufrichtig.
„So ein Schwachsinn. Keine Heilmagie der Welt könnte da noch etwas tun. Es ist verbrannt und hat unzählige gebrochene Knochen. Wahrscheinlich blutet das Vieh sogar noch innerlich“, spottete ein Magier in der Nähe. Viele der anderen stimmten ihm zu und nur die wenigsten lächelten mitleidig, die meisten amüsierten sich über Fenasts Glauben, dem Tier noch helfen zu können.
„Könnt Ihr wirklich helfen?“, erklang jedoch plötzlich eine Frauenstimme hinter Fenast, und wirklich alle vor ihm nahmen Haltung an. Verwundert blickte der Loborina sich um, wo er die Königin entdeckte. Er wandte sich direkt zu ihr um, verneigte sich und nickte.
„Ich bin selbst eine gute Heilerin, aber auch ich würde es für unmöglich halten. Verratet Ihr mir bitte, was Ihr tun wollt?“, bat die Herrscherin der Hochelfen.
„Ihr habt recht, Hoheit. Magie allein wird hier absolut nichts bewirken. Die Natur hingegen kann dies wohl noch, wenn ich schnell genug bin. Mit den richtigen Kräutern und ein wenig magischer Unterstützung kann ich diesem Geschöpf wieder auf die Beine helfen“, erklärte sich Fenast und sein Vorhaben. Dabei war er so nervös, dass er erstaunt darüber war, sich nicht verhaspelt zu haben.
„Das klingt interessant. Folgt mir, ich überlasse das hier meinem Gemahl“, forderte die Königin ihn daraufhin auf.
...
Man konnte deutlich das Entsetzen in ihren Augen erkennen. Wie gut ihr dies doch stand. Wirkliche Befriedigung konnte Fenast in diesem Augenblick jedoch nicht empfinden. Obwohl sie nun erschlagen und ihr Kopf auf einen Pfahl gesteckt worden war, empfand er weder Erleichterung noch Genugtuung.
Oft sagte man ja, Rache wäre leer, aber dass es so sehr zutreffen würde, hatte der Wolf nicht erwartet. Natürlich hatte er seine Differenzen mit ihr gehabt, dennoch waren sie einmal so etwas Ähnliches wie Freunde gewesen. Irgendwie schien ihm dieses Ende für sie doch falsch.
Eine große Klauenhand legte sich auf seine Schulter. „Sie hat es verdient, auch wenn du das im Moment nicht sehen kannst. Bedenke einfach, was sie dir angetan hat“, meinte Chrusor. Der Ursara oder Bärenmensch war seit einiger Zeit nun schon ein sehr guter Freund für Fenast und hatte ihn stets gestützt, wenn dies nötig gewesen war. Nach all der Zeit hatten seine Worte auch ein gewisses Gewicht für den Wolf und doch halfen sie ihm gerade nicht, anders zu empfinden.
Im Prinzip sah Chrusor aus wie die Mischung aus einem gewaltigen Grizzly und einem kräftigen Mann. Standen die beiden Freunde so nebeneinander, mutete das wohl meist seltsam an. Loborina oder auch Wolfsmenschen sahen laut Volksmund aus wie sehr gepflegte Werwölfe. Der Vergleich wirkte im ersten Moment auch gar nicht so schlecht, auch wenn sie sich komplett unter Kontrolle hatten und ihre menschliche Form nicht ihre natürliche darstellte.
Allerdings nahmen die meisten Loborina es einem sehr übel, wenn man sie mit einem Werwolf verglich. Werwölfe waren nie Herr ihrer Sinne, dadurch meist auch nicht anders als wilde Bestien. Loborina störten sich deswegen enorm daran, mit ihnen gleichgesetzt zu werden. Fenast war selbst ein waschechter Loborina, aber sein Volk hatte ihn verstoßen. Seit seiner Geburt besaß er einen kränklichen, schwachen und mit Schmerzen erfüllten Körper. Solche Welpen wurden normalerweise gleich nach dem ersten Schrei ausgesondert und dem Tode überlassen. Aus Gründen, die wohl nur er selbst kannte, hatte sein Vater ihn jedoch einem reisenden Magier in den Weg gelegt, damit sein Sohn zumindest leben konnte. Dieser Magier hatte ihn dann jedoch nicht nur aufgezogen, sondern weit mehr getan. Er hatte Fenast, einen Loborina, dessen Volk Magie ablehnte, zu einem Magier ausgebildet.
Damit war dieser wohl einmalig auf Lira. Was ihm aber nicht seine Leiden nahm und ihn stets krumm neben seinem großen Freund stehen ließ. Ob man darunter ein Bild für die Götter verstand, der gewaltige Ursara und daneben der verkrüppelte Loborina? Vielleicht.
Nun jedoch standen sie in den Trümmern der geschlagenen Schlacht. Und wenn Götter an diesem Bild Gefallen fanden, wollte Fenast diese Götter nie kennenlernen. Vor ihnen waren die Köpfe etlicher hoher Tiere des Feindes aufgespießt worden, und wenn sie sich umsahen, waren da auch mehr als genug Leichen der Angehörigen beider Seiten. In Geschichten hörte man meistens nur etwas von vor der Schlacht und was währenddessen dort geschah. Niemand sprach aber von dem Gestank nach Blut und Fäkalien, dem schrecklichen Anblick, der sich den Überlebenden bot. Und auch nicht von jenen Gefühlen, die man hinterher empfand.
Wie viele verzweifelten trotz Sieg! Wie viele zerbrachen daran, Freunde oder Familien sterben gesehen zu haben! Oft suchten die Schrecken des Krieges Soldaten noch Jahre danach heim, viele auch ihr ganzes Leben lang.
Wenn sich Fenast hier so umsah, verstand er dies durchaus. Auch er würde niemals vergessen, was hier geschehen war. Wie könnte er auch. Siegen und feiern blieb jedoch den wenigsten hier vergönnt. Natürlich würde es ein Fest geben, wahrscheinlich bereitete man das sogar gegenwärtigvor. Aber dort würde gerade mal ein kleiner Teil jener anwesend sein, die gekämpft hatten. Der größte Teil würde irgendwo dem Alkohol frönen und versuchen zu vergessen. Ein Luxus, der Fenast in seinem Leben nie vergönnt gewesen war. Seine Gedanken beruhigen oder vergessen hatte er nie können. Da war es egal, wie viel er getrunken hatte. Und den Anblick des aufgespießten Kopfes einer ehemaligen Freundin würde er wohl nun auch nicht mehr vergessen können.
„Was sie mir angetan hat? Lassen wir es ruhen, Großer. Die Prinzessin und ich haben genug Probleme, auch ohne die Vergangenheit wieder aufzuwärmen“, stellte Fenast fest. „Ach Fenast, ihr seid doch mittlerweile weit mehr als Freunde. Sollte das nicht ein kleiner Erfolg in deinen Augen sein?“, entgegnete ihm sein bäriger Freund seufzend, aber mit einem wissenden und aufrichtigen Lächeln.
Just in diesem Moment landete auf ebenjenem Kopf direkt vor ihnen ein Rabe und begann sich an den entsetzt aufgerissenen Augen gütlich zu tun. Der Loborina hob die Hand und der Kopf ging in Flammen auf, sodass das Tier augenblicklich verschreckt aufflog.
„Du bist zu nett“, stellte Chrusor kopfschüttelnd fest. Er selbst hätte das Tier den Kopf schänden lassen, aber irgendwas war auch damals zwischen ihm und der ehemaligen Besitzerin des nun brennenden Kopfs geschehen.
Für Fenast war es aber unmöglich gewesen, den Vogel einfach gewähren zu lassen. „Womöglich“, erwiderte er nur auf die Feststellung seines Freundes und zuckte mit den Schultern. Nickend quittierte Chrusor dies. Zusammen wandten die beiden sich ab und gingen zurück in Richtung des Heerlagers ihrer Verbündeten. Wahrscheinlich würde man sich dort auch freuen, wenn Fenast mit seinem Wissen über Pflanzen und Magie half, die Verwundeten zu versorgen. Und Chrusor würde ein Bad nehmen. Sein Fell war von der Schlacht blutgetränkt und es wurde Zeit, dass er dies änderte.
Die beiden trennten sich deswegen auch, kaum dass sie im Lager angekommen waren. Natürlich wusste Fenast, dass sein bäriger Freund sich nicht nur waschen wollte, er wollte auch schnell aufbrechen, um zu seiner Frau und zu seinem Sohn zurückzukehren. Beide würden sicherlich schon sehnsüchtig auf Chrusors Rückkehr warten. Für Fenast war sein Freund nur zu beneiden. Er hatte eine ihn liebende Frau und einen vernünftigen und gut geratenen Sohn. So etwas hätte sich der kränkliche Loborina auch gewünscht.
Im Prinzip bot sich ihm im Moment auch die Möglichkeit, dies zu bekommen. Nur war er nicht sicher, wie fair es von ihm war, sie wirklich zu ergreifen. Gerade weil er das Glück seines Freundes so schön und erstrebenswert fand, war Fenast beruhigt, dass sein Freund überlebt hatte.
Jetzt suchte der Loborina aber zunächst einmal das Lazarett auf, wo man, wie erwartet, viel zu viel zu tun hatte. Die Schlacht war aber auch wirklich höllisch und nur mit großen Verlusten zu gewinnen gewesen. Man wollte auch ihn versorgen, als die Priester und Mediziner sahen, dass Fenast verletzt war. Er jedoch schüttelte den Kopf und half lieber selbst, andere zu versorgen. Ihm war schon mehr als genug Hilfe zuteilgeworden, auch wenn man es ihm nicht ansehen mochte.
Als er nach etlichen Stunden im Lazarett zu seinem Zelt zurückkehrte, wartete eine Überraschung auf ihn.
„Schön, dass du noch lebst, Fen“, begrüßte ihn eine junge und wunderschöne Frau. Die Gefühle, die er in diesem Moment in sich verspürte, waren so widersprüchlich und überschlugen sich dermaßen, dass Fenast für einen Moment überlegte, ob antworten eine gute Idee war. „Ich sagte doch, du sollst dir keine Sorgen um mich machen“, stellte er schließlich resignierend fest. Was für eine dämliche Antwort das doch war. Zu seinem Glück kannte sie ihn mittlerweile gut genug.
„Und wie oft sagte ich dir, dass du mir wichtig bist?“, entgegnete sie ihm deswegen auch nur mit einem sanften Lächeln. „In letzter Zeit? Öfter als ich zählen kann“, antwortete er. Andernfalls wären sie wohl auch kaum da, wo sie nun einmal waren. Obwohl er ein verkümmerter Krüppel war, im Körperlichen wie im Sozialen, und obwohl sie so viel mehr verdiente, als ihre Zeit mit ihm zu verschwenden. „Was bringt dich in mein Zelt?“, stellte er die naheliegendste Frage. Eigentlich hatte sie ihm mehrfach versprochen, sich von dem Schlachtfeld fernzuhalten. Er würde Deus später den Kopf zurechtrücken, denn wirklich gehalten hatte sie dieses Versprechen nicht. Wie hatte der dumme Vogel sie nur herkommen lassen können? Allerdings war es Fakt, dass dieser Kampf ohne sie deutlich anders ausgegangen wäre. Vielleicht wäre dann nur er allein noch am Leben. Insofern war es schon gut, dass sie gekommen war.
Gut finden musste er es trotzdem nicht zwingend. Zumal er Angst hatte, dass sie weiterkämpfen wollte, denn sie hatten zwar diese Bestie von einer Schlacht gewonnen und der Feind war auf dem Rückzug, aber ihr wahrer Feind lauerte viel weiter westlich im Verborgenen.
Wie lang würde dieser Krieg wohl noch gehen? Und wie lange würden sie darin kämpfen müssen? Wenn es nach ihm ging, gar nicht mehr. Die Prinzessin sah ihn ernst an und deutete ihm, neben ihr auf der Liege, auf der sie selbst saß, Platz zu nehmen. Fenast erwiderte ihren Blick nickend und setzte sich. Dabei versuchte er, sich nicht, wie so oft, in ihren Augen zu verlieren. Trotz der ganzen Zeit hatte sich einfach nichts in ihm verändert, wie es schien. Sie war sein Stern, seine Sonne und für ihn das wundervollste Wesen, das es je gab, gibt und geben würde.
Kapitel 1
Eine Chance
Aufregung stand einem Magier nicht, das hatte ihm sein Meister immer wieder eingebläut. Trotzdem war Fenast mehr als aufgeregt. Man hatte ihn an den Hof von König Asloref und Königin Silindria, dem Herrscherpaar der Hochelfen, gerufen. Allerdings war er nicht der einzige Magier. Einer der Zauberkundigen des königlichen Hofes war vor einiger Zeit verstorben. Hisaf Sternenknall, ein alter und weiser Gnom, der sich oft als unersetzbarer Berater des Hofes erwiesen hatte. Nun brauchte man einen Ersatz für jemanden, den man eigentlich nicht ersetzen konnte. Zu diesem Zweck hatte man alle vielversprechenden Magier des Kontinents zum Hofe gerufen, um zu sehen, welcher von ihnen vielleicht in diese gewaltigen Fußstapfen treten konnte.
Weder empfand sich Fenast als etwas Besonderes noch als besonders talentiert. Dass der Zirkel der Magier ihn dennoch ebenfalls hierhergeschickt hatte, machte ihn nervös, und es machte ihm auch Angst. Würde er sich hier nicht nur unter all diesen Talenten blamieren, weiter nichts. Musste er abermals den Spott jener erdulden, die sich nicht einmal die Zeit nahmen, ihn wirklich auch nur ein wenig kennenzulernen. Akzeptiert zu werden, war definitiv keines seiner Talente.
Einige der Gesichter um ihn herum kannte er und einige nicht. Von vielen der ihm bekannten Magier erntete er nur spöttisches Grinsen und Gelächter, sobald sie ihn sahen.
Zusammen mit den anderen Magiern und mit gesenktem Blick schob sich Fenast durch das große goldene Tor des Palastes. Allein um dieses zu erreichen, hatten sie eine drei Kilometer lange und ansteigende Brücke aus Marmor überqueren müssen. Der Palast der Herrscher der Hochelfen lag mitten in einem wunderschönen Wald, dessen Pflanzen durch Magie in allerlei exotischen Farben leuchteten und erstrahlten. Rings um den Palast befand sich ein gewaltiger Abgrund, der wirklich komplett kreisrund direkt um den gesamten Palast herumreichte. Angeblich war auch dieser Abgrund durch Magie erschaffen worden. Wobei das eine beängstigende Vorstellung war, weil es eine gewaltige Leistung gewesen sein muss. Ohne die Brücke konnte man den Palast nicht erreichen, und was am Boden dieser enorm tiefen Schlucht lag, war nicht zu erkennen. Wenn so etwas durch Magie erschaffen wurde, dann war dazu enormes Können und enorm viel Macht nötig gewesen. Jedoch erzählte man sich auch, dass die ersten Hochelfen, die das Hochelfenvolk begründet hatte, unglaublich fähige Magier gewesen sein sollen. Umso surrealer war es, dass man nun Leute aus anderen Völker hierher rief, und das ausgerechnet auf der Suche nach einem neuen fähigen Magier. Erst recht, wenn man wusste, dass die meisten Hochelfen immer noch ein angeborenes Talent für Magie besaßen.
Der Palast an sich war gewaltig. Er besaß dreizehn Türme, von denen selbst die kleineren zehn gewaltige Ausmaße hatten. Man hatte das Gebäude komplett aus Marmor gebaut, der verzaubert wurde, damit weder Wetter noch Angriffe ihm etwas anhaben konnten. Das Ganze wurde dann noch mit Gold verziert.
Für die Sicherheit der Bewohner existierte eine magische Abschirmung aus mehreren Barrieren, um so ungebetenen Besuch zu verhindern.
Für Magier war es eigentlich ein Traum, an so einem durch und durch magischen Ort zu leben und zu arbeiten. Trotzdem wäre Fenast im Moment einfach nur gern umgedreht und davongelaufen. Er hatte Angst, fühlte sich unwohl und der kleine Buckel, den er aufgrund seines kaputten Körpers hatte, fühlte sich unter den höhnischen Blicken der anderen Magier wie ein Berg an.
Man führte sie alle in den ersten Hof, wo sie erst einmal warten sollten. Obwohl es mehr als dreihundert Magier waren, passten sie dort problemlos hinein, ohne dass sie sich gegenseitig behinderten. Dieser erste Hof war wie eine Festung gebaut, falls es tatsächlich einmal Angreifer bis in diesen Hof schaffen würden, hier könnte man sie aufhalten. Entsprechend wenig einladend war es hier. Dafür gab es jedoch sehr viele Möglichkeiten, sie alle einfach zu töten. Bogenschützen könnten die ganze Zeit auf die Menge aus Magiern zielen. Ob davon alle Stationen unbemannt waren, wie man es ihnen gesagt hatte, blieb verborgen.
Für sieben Stunden standen sie dann dort. Die Sonne schien, es war heiß und niemand informierte sie darüber, wie es nun weiterging. Lange dauerte es da nicht, bis sich die Ersten beschwerten.
Als schließlich ein Elf in edlen Gewändern das kleinere Tor, das in den inneren Hof des Palastes führte, öffnete, wurden nicht alle Magier eingelassen. Und wen man aussortierte, fiel sehr schnell auf, nämlich all jene Magier, die sich beschwert hatten. Ein wenig haderte Fenast jetzt mit sich selbst, dass er nur ruhig ein wenig Wasser herbeigezaubert und abgewartet hatte.
Der innere Hof war das absolute Gegenteil des vorherigen Hofes. Groß genug, um eine Stadt darin zu beherbergen. Mit Gebäuden, einem Park, einem See und unzähligen Statuen war er das, was man sich wohl von einem Palast erwartete.
An einer Stelle, wo sonst Turniere abgehalten wurden, sollten die Magier dann allesamt Aufstellung nehmen. Zusammen mit ihrem Hofstaat hatten König Asloref und Königin Silindria es sich auf ihrer Tribüne gemütlich gemacht. Unter ihren wachsamen Blicken wurde ihnen ein Magier nach dem anderen vorgestellt, woraufhin dieser jeweils seine Künste demonstrieren durfte. Es war niederschmetternd, was für spektakuläre Kunststücke die anderen Magier zustande brachten. Und das, wo Fenast selbst nicht einmal wusste, was genau er demonstrieren sollte.
Ein ihm bekanntes Gesicht, der Magier Rudran, demonstrierte direkt, bevor Fenast an der Reihe war, auf spektakuläre Weise, wie meisterhaft er das Feuer beherrschte. Der Hochelfenmagier beschwor es in gewaltiger Menge, formte es und ließ es ganz ohne jede Geste, nur mit seinen Gedanken, tun, was er wollte, auch wenn es etwas klischeehaft war, dass Rudran aus den Flammen einen Phönix formte und diesen in den Himmel schoss, wo sein magisches Gebilde sich in ein wunderschönes Feuerwerk verwandelte. Viele seiner Kollegen applaudierten ihm und auch eine Menge Leute aus dem Hofstaat. Einzig das Königspaar blieb regungslos, wie auch schon bei jedem einzelnen Magier zuvor.
Da schlug direkt neben Rudran eine Taube hart auf den Boden auf. So wie es roch und aussah, hatte Rudrans Magie den Vogel unbeabsichtigt vom Himmel geholt und ihn dabei offensichtlich schwer verletzt. Genau genommen war es ein Wunder, dass das Tier nicht allein durch den Sturz gestorben war.
Mit den Augen rollend, ging Rudran auf das arme Geschöpf zu und beschwor eine Flamme. Diese Flamme prallte jedoch an einer kleinen Barriere ab, woraufhin sie die Robe des Magiers anzündete. Schimpfend löschte sich Rudran und sah sich fragend um. Die Antwort, wer dies eben getan hatte, kam in Gestalt von Fenast, welcher sich aus der Gruppe gelöst hatte und sich zu dem Tier begab. Vorsichtig hob er die Taube auf und war abermals erstaunt, dass das Tier noch lebte.
„Ist jetzt auch dein Verstand so verkümmert wie du selbst? Was erlaubst du dir eigentlich, du verdammter Krüppel?“, fuhr der Hochelfenmagier ihn zornig an. Fenast ignorierte es und untersuchte lieber vorsichtig die Taube in seinen Händen. Die Verletzungen waren schwer, aber er hatte tatsächlich Hoffnung für das Tier, zumindest wenn er schnell handelte. Eilig erhob er sich und machte sich auf den Weg aus dem Palast hinaus. Er war sich sicher, im Wald das zu finden, was er brauchte.
Ein heftiger Schmerz traf ihn jedoch in den Rücken, noch bevor er überhaupt wieder die anderen Magier erreicht hatte. Dass ihm Rudran einen Feuerball in den Rücken geworfen hatte, war Fenast klar, ohne dass er sich umsah. Schmerz war ihm jedoch keine Unbekannte, er litt ihn ständig. Die Zähne zusammenbeißend, ging er also einfach weiter. Stimmen hinter ihm redeten auf Rudran ein und hielten diesen wohl von einem weiteren Angriff ab.
Kurz bevor Fenast die anderen Magier erreichte, hielt man ihn auf. Zwei Soldaten aus der königlichen Garde stellten sich ihm in den Weg.
„Lasst mich bitte durch. Ich denke, dem Tier kann noch geholfen werden“, bat der Loborina aufrichtig.
„So ein Schwachsinn. Keine Heilmagie der Welt könnte da noch etwas tun. Es ist verbrannt und hat unzählige gebrochene Knochen. Wahrscheinlich blutet das Vieh sogar noch innerlich“, spottete ein Magier in der Nähe. Viele der anderen stimmten ihm zu und nur die wenigsten lächelten mitleidig, die meisten amüsierten sich über Fenasts Glauben, dem Tier noch helfen zu können.
„Könnt Ihr wirklich helfen?“, erklang jedoch plötzlich eine Frauenstimme hinter Fenast, und wirklich alle vor ihm nahmen Haltung an. Verwundert blickte der Loborina sich um, wo er die Königin entdeckte. Er wandte sich direkt zu ihr um, verneigte sich und nickte.
„Ich bin selbst eine gute Heilerin, aber auch ich würde es für unmöglich halten. Verratet Ihr mir bitte, was Ihr tun wollt?“, bat die Herrscherin der Hochelfen.
„Ihr habt recht, Hoheit. Magie allein wird hier absolut nichts bewirken. Die Natur hingegen kann dies wohl noch, wenn ich schnell genug bin. Mit den richtigen Kräutern und ein wenig magischer Unterstützung kann ich diesem Geschöpf wieder auf die Beine helfen“, erklärte sich Fenast und sein Vorhaben. Dabei war er so nervös, dass er erstaunt darüber war, sich nicht verhaspelt zu haben.
„Das klingt interessant. Folgt mir, ich überlasse das hier meinem Gemahl“, forderte die Königin ihn daraufhin auf.
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