Science Fiction & Fantasy

Schicksalsjahre Europas

Dieter Semmler

Schicksalsjahre Europas

Europa 2015–2060

Leseprobe:

Für einen Biergarten mit Bayerischem Bier und ‚marsianischen‘ Gerichten werden wir das Gelände aussuchen.“
Der Start der Raumsonde von der Mondbasis und der Flug zum Roten Planeten verlaufen reibungslos. Das Landemanöver ist schon fast Routine.
„Ich war schon hier!“, ruft Axel. „Aber ihr sollt hier über ein Jahr bleiben und den Roten Planeten grün machen. Wenn ich euch abhole, will ich eine ‚blühende Landschaft‘ sehen.“
In der ersten Nacht schlafen die drei Rückkehrer in der Startsonde, die fünf Bewohner in ihren Rovern, die so groß wie ein Kleinlastwagen sind. Die Fahrzeuge werden von den glücklichen Besitzern mit ihren Namen gekennzeichnet, gründlich untersucht und zu einer kurzen Fahrt genutzt.
In den nächsten fünf Tagen werden alle vorhandenen Vorräte, Bauteile, Aggregate und Instrumente auf ihre Vollständigkeit und Funktionsfähigkeit untersucht. Die Solarzellen zur Energieerzeugung sind aufgebaut worden und müssen ständig vom Sand befreit werden, um ausreichend Strom für alle Geräte und für die Heizung zu erzeugen.
Dann verabschieden sich die drei Heimkehrer. Sam ist jetzt der Kommandant und der Leiter des Marsdorfes. Alle sind ein bisschen traurig und wünschen sich viel Glück und ein gesundes Wiedersehen. Schnell verschwindet Axel in die Startsonde, damit keiner sieht, dass er die Tränen kaum zurückhalten kann.
Für alle Arbeiten im Freien haben die fünf Bewohner je zwei Weltraumanzüge (EVA), die zwanzig Kilogramm wiegen. Zunächst müssen sie ihre Unterkünfte aufbauen und die dafür vorgesehenen Flächen herrichten. Die Innenteile aus einem besonders stabilen und widerstandsfähigen Kunststoff sind schon vorhanden.
Die fünf „Marsianer“ arbeiten bei der Herstellung der Steine und dem Aufrichten der Mauern für beide Häuser wie im Wettbewerb. Jeder will der Erste sein.
Nach zehn Tagen auf dem Mars (10 Sol) nehmen sie sich einen halben Tag frei und feiern ihren Einzug. Ihre Arbeiten werden Tag für Tag in das Logbuch in allen Einzelheiten und mit allen Schwierigkeiten eingetragen. Der Marstag ist 39 Minuten länger als der irdische Tag. Sie sollen nicht mehr als zehn Stunden am Sol arbeiten, überschreiten diesen Wert an den ersten Tagen aber erheblich, weil die Arbeit auf dem Mars ihnen viel Spaß macht.
„Prost, auf unseren Erfolg“, spricht Sam und hebt sein Glas mit Wasser. „Leider war die NASA zu geizig und hat uns keinen Alkohol geliefert, und wenn wir selbst unser Bier brauen wollen, brauchen wir Gerste und müssen noch ein halbes Jahr warten.“
„Wenigstens haben wir Betten, Tische und Stühle“, sagt William. „Sonst müssten wir auf dem harten Felsboden liegen oder könnten in dem weichen Sand versinken.“
„Jedenfalls ist es in unseren selbst gebauten Hütten gemütlicher als in den Häusern der hektischen Welt des Planeten Erde“, meldet sich Mark. „Ich liebe die Stille.“
„Wir werden später noch ein Haus bauen“, sagt Sam. „Für unsere Untersuchungen brauchen wir ein Labor. Dann werden zwei von euch immer Innendienst haben.“
„In den nächsten Tagen müssen wir unseren Gemüsegarten einrichten“, erklärt Mark, der für die Botanik zuständig ist. „Damit wir uns eine gute, frische Bio-Mahlzeit genehmigen können. Das Steak vom Mars-Schwein müssen wir uns allerdings in unserer Fantasie denken.“
Am nächsten Tag bauen sie zwei große Zelte auf und fluten sie mit der irdischen Atmosphäre. Der Marsstaub und -sand wird auf den Boden verteilt und durch die mitgebrachten Bakterien angereichert. Die Wässerung erfolgt natürlich auch mit irdischem Wasser. Nun müssen die Kartoffeln, Bohnen, Erbsen und das andere Gemüse zeigen, was sie auf einem fremden Planeten können.
Konkurrenz durch Unkraut ist nicht vorhanden. Außer Sandstürmen gibt es kein schlechtes Wetter auf dem Roten Planeten. Die Temperatur im Gartenzelt wird auf 25°C konstant gehalten. Die Astronauten müssen ihre Marskrume nur lockern und wässern und ihr Gemüse gedeiht prächtig. Die Gewächshäuser haben immer ausreichend Sauerstoff, Kohlendioxid muss durch Rohre abgeleitet werden.
Nach einhundert Tagen ist das Labor betriebsbereit. Zur Feier des Tages wird die erste eigene Mahlzeit, Kartoffelgemüse und Bohnen, serviert. Die erste Ernte hat etwas länger gedauert. In zwei Monaten wollen die Gemüsebauern ihre zweite Ernte einfahren. Für die Pflanzen gibt es noch keine Krankheiten durch Insekten oder Parasiten. Im Gemüsezelt herrschen perfekte Bedingungen für das Wachstum.
„Unsere Freunde werden neidisch, wenn sie uns hier sehen, wie wir unser eigenes, frisches Bio-Gemüse verzehren“, bemerkt Mark. „Aber erst in sieben Minuten erleben sie mein Bio-Gemüse, zu diesem Zeitpunkt habe ich das Gemüse bereits im Magen. Zurzeit benötigen die Bild- und Tonsignale von der Erde zum Mars sieben Minuten.“
„Morgen beginnen wir mit unseren Laborarbeiten“, berichtet William. „Zunächst wollen wir das Marsgestein auf seine Zusammensetzung untersuchen. Auch die Untersuchung der Marsatmosphäre steht auf unserem Programm. Die Wissenschaftler auf der Erde sind schon ganz wild auf die Ergebnisse.“
„Zwei beginnen morgen mit den Erkundungsfahrten“, erklärt Sam. „Ihr sollt immer in Sichtweite zueinander bleiben. Krater und größere Felsansammlungen sollt ihr kartieren und einen Namen geben. Zwei werden im Labor und im Garten arbeiten. Der Fünfte hat einen Ruhetag und ist für die Kommunikation mit der Erde verantwortlich.“
Am frühen Morgen starten William und Mark zu ihrer ersten Fahrt. Die Rover sind so groß wie Kleinlastwagen. Sie sind luftdicht, damit die Insassen ohne Raumanzug fahren können. Solarzellen sorgen für Strom und Heizung. Im Notfall kann man im Rover auch übernachten.
Die Marsianer fahren nur mit vierzig Kilometer pro Stunde, um nicht in weichen Stellen zu versinken. Der Boden ist auf den ersten fünfzig Kilometern fest und eben, dann folgt ein zerklüftetes, mit kleinen und größeren Kratern durchsetztes Gebiet. Die größeren Krater müssen sie umfahren. Manchmal sind die Kraterränder so flach, dass auch eine Durchquerung möglich ist. Zum Navigieren haben sie auf ihren Karten nur wenige Landmarken. Das Wichtigste auf diesen Fahrten ist die Festlegung der Felsenformationen, Krater, Einschnitte oder Täler als Landmarken, die von ihnen einen Namen bekommen und die sie für die Marskarten mit Koordinaten festlegen.
Nach zwei Stunden kehren sie um. Ihre eigenen Reifenspuren weisen ihnen den Weg zu den Marshäusern. Überglücklich berichten Mark und William von ihren Eindrücken:
„Sam“, rief Mark, „eine unendliche Weite und eine beeindruckende Stille empfängt jeden auf dem Roten Planeten.“
„Es gab keine Schwierigkeiten auf dieser Entfernung von einhundert Kilometern“, stellt William fest. „Der Flüssigsauerstoff im Rover reicht für mehrere Tage. Wer sich verfährt, kann im Fahrzeug übernachten.“
Nach zweihundert Tagen haben sie die Marsoberfläche im Umkreis von einhundert Kilometern erkundigt und das Terrain aufgenommen und benannt. Die Fahrten verliefen oft bergauf und bergab. Manchmal sind die Strecken von Kratern durchsetzt. Größere Krater mussten umfahren werden. Es sind auch „Flusstäler“ vorhanden, Flüsse, die versiegt sind. Die Täler bestehen aus Sand, Kies und Gesteinsbrocken. Länge und Breite konnten leicht bestimmt werden, aber die Höhe macht einige Schwierigkeiten, weil es keine Meereshöhe gibt.
Der Rote Planet ist eine kahle Staub-, Sand- und Steinwüste, eine Wüste, die auch noch verrostet ist. Ihre drei Häuser sind ein winziger Fleck in der unendlichen Weite.
Mark und Sam sind wieder unterwegs und wollen das erste Mal im Rover übernachten. Auf der Heimfahrt haben sie einen Motorschaden. Nahe beim Marsdorf streikt plötzlich der Motor von Sams Rover. Beide halten an und untersuchen den Elektromotor. Ein Kabel war durch einen scharfen Felsbrocken zerrissen worden.
„Es sind nur ein paar Kilometer“, stellt Mark fest. „Ich fahre schnell zum Dorf und hole ein Ersatzkabel. Das alte Aggregat ist völlig zerstört.“
Sam bleibt zurück. Es gelingt ihm, das Kabel zu flicken und am beschädigten Aggregat zu befestigen. Der Motor springt wieder an. Sam dreht ein paar Runden und fährt dann auf Marks Spur in Richtung Marsdorf.
Plötzlich bricht der Sand ein. Ein Hohlraum hat sich unter dem Sand gebildet. Die rechten Räder rutschen weg. Der Rover in der Größe eines Kleinlasters kippt zur Seite. Sam fällt aus dem Führerhaus und wird von dem Sand und dem Fahrzeug getroffen. In zwei Metern Tiefe bleiben Sam und auf ihm der Rover liegen.
Mark hat einen Kilometer zurückgelegt. Ein Bauchgefühl macht ihn unruhig: „Sam ist allein, wenn ihm etwas zustößt, kann ihm niemand helfen.“ Er kehrt um. Schon von Weitem sieht er, dass die Räder des Rovers nach oben aus dem Sand ragen. Er springt aus seinem Fahrzeug und schreit: „Sam, Sam, Sam, wo bist du?!“
Niemand antwortet, es ist totenstill. Mark ist verzweifelt. Dann sieht er, dass ein Stiefel aus dem Sandhaufen ragt. Rasend schnell schaufelt er mit seinen Händen den Sand zur Seite. Schließlich kann er seinen bewusstlosen Freund aus dem Sand ziehen. Mit großem Schrecken erkennt er, dass der Rover seinen Helm getroffen und beschädigt hat. Das rote Blinklicht zeigt die Lebensgefahr an. Der Sauerstoff ist aus dem Helm entwichen. Über ein Notsystem erhält Sam die letzten Sauerstoffreserven.
Mark zieht aus seinem Weltraumhelm die medizinische Notversorgung und das Abdichtungsmaterial für kleinere Öffnungen. Sam ist mit dem Kopf auf einen Felsen unter dem Sand geflogen, dabei wurde ein Teil des Sichtfensters zertrümmert. Schnell hat Mark das Loch im Fenster geschlossen und Sam an seine eigene Sauerstoffversorgung angeschlossen. Nach wenigen Minuten erlangt Sam das Bewusstsein.
Mark schleppt seinen Freund in seinen Rover und fährt im Eiltempo zurück ins Marsdorf. Sam hat sich schon wieder erholt. Die Bewohner des Dorfes tragen ihn in ihr Haus, versorgen ihn und hören seinen Bericht mit großem Entsetzen.
„Mark“, sagt Sam, „ohne dein Bauchgefühl und ohne dein schnelles Handeln hättet ihr schon jetzt den ersten Toten auf unserem guten Planeten zu beklagen.“
„Was lernen wir daraus?“, antwortet Mark. „Wir dürfen niemals alleine sein!“
Axel und die Leute im NASA-Zentrum sind erschüttert, aber auch erleichtert. Axel verspricht: „Mark erhält die höchste Auszeichnung der UNO. Wir sind so dankbar, dass Sam wieder gesund ist und die Mission sicher zu Ende führen kann.“
In den nächsten Wochen und Monaten verläuft alles ruhig nach Plan. Extreme Wetterbedingungen müssen allerdings nach 300 Tagen befürchtet werden. Bisher waren die Marstage von der Stille geprägt. In einer Wüstenwelt ohne eine nennenswerte Atmosphäre werden keine Geräusche übertragen. Die Marsianer haben sich an diese Stille gewöhnt. Umso mehr sind sie von einem sehr leisen Säuseln und einem durch leichten Dunst verschleierten Horizont überrascht. Zur anderen Seite ist der Horizont völlig klar.
„Wind und Staub haben sich angekündigt“, sagt Sam. „Das kann ein Sandsturm werden. Dimitri und Hang-Pi arbeiten an der Raketenbasis in einem Kilometer Entfernung. Ich rufe sie sofort zurück! Niemand verlässt heute unsere sichere Unterkunft“, gibt Sam eine Anweisung.
Wenige Minuten später sieht man nichts mehr, Sandkörner wirbeln durch die Luft, der Wind heult in allen Tönen. Nach der großen Stille sind das ungewohnte Töne. Das Jaulen und Heulen wird noch stärker. Der Russe Dimitri und der Chinese Hang-Pi kämpfen sich durch die wirbelnden Luftmassen und erreichen mit letzter Kraft die steinernen Mauern. Dimitri wird zu Boden gedrückt und kann den rettenden Eingang nicht mehr erreichen.
Sam springt auf, zieht sich eine Maske über den Kopf, lässt die Schiebetür einen Spalt öffnen und wirft sich auf den Boden. Er greift sich die Arme des Russen und lässt sich an den Beinen von Mark und William ins sichere Haus ziehen.
Alle sind wohlauf. Nach einiger Zeit finden sie ihre Fassung wieder. „Das war eine Schrecksekunde“, äußert sich Mark. „Beinahe hätten wir wieder einen Verlust auf dem Mars gehabt.“
Sam ist außerordentlich erleichtert. „Dass der Sandsturm uns innerhalb von Minuten erreicht, konnten wir nicht voraussehen. Sehr kritisch wird es, wenn wir unterwegs sind. Dann müssen wir uns ganz schnell in unseren Rover verkriechen.“
„Wir an deinen Beinen, du auf dem Bauch und im Schlepptau Dimitri, das war eine lustige Karawane und niemand hat ein Foto gemacht“, gibt William von sich und rettet die Stimmung.
Inzwischen hat sich die Sonnenstrahlung auf ein Zehntel abgeschwächt. Das können die „Marsianer“ an der Kapazität der Solarzellen ablesen.
„Wenn der Staubsturm sich weiter ausweitet und verdichtet, können die Solarzellen der Marshäuser und der Marsfahrzeuge nicht mehr genügend Energie liefern. Wenn aber erst die Batterien an den Fahrzeugen leer sind, könnte die Kälte auf dem Mars die Elektronik zerstören und die Rover funktionsuntüchtig machen. Wir hätten die Batterien rechtzeitig ausbauen müssen“, erklärt Sam.
„Wenn der Sturm nicht länger als zwei Wochen dauert, werden die Batterien diese Beanspruchung überleben“, stellt Mark fest.
Als der Sturm das Marsdorf umhüllt, ist die Atmosphäre nicht mehr so eintönig wie bisher. Es zeigen sich Wolken aus Wasserdampf und Kohlendioxid, die sich in Tälern sammeln oder an Bergspitzen hängen bleiben.
„Das Wolkenbild erinnert mich an unsere Heimat Erde“, gibt William seiner Stimmung Ausdruck. „Ein glückseliges Gefühl.“
„Zu globalen Staubstürmen kommt es alle fünf Jahre auf dem Mars“, erklärt Dimitri. „Vor vier Jahren gab es den letzten großen Sturm. Jeder Sturm beginnt als kleine Staubwolke. Nach einigen Tagen explodiert der Sturm plötzlich, wenn er eine kritische Schwelle überschritten hat und er breitet sich rasend schnell aus. Man ist dann in einem rötlichen Nebel mit wirbelnden Staubkörnern eingehüllt. Den Sturm kann man nur in einer festen Unterkunft überstehen. In der großen Stille muss man auf jedes noch so leise Geräusch achten.“
Die fünf Menschen müssen zwei Wochen in ihren Behausungen bleiben, bis sich der Sandsturm endlich gelegt hat. Die starken Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht haben sich in diesen Tagen angeglichen, weil die gesamte Atmosphäre voller Staub ist und Tag und Nacht eine einheitliche Temperatur angenommen haben. Dann legen sich die Winde und der Staub sinkt wieder zu Boden.
Nach vierhundert Tagen auf dem Mars wird Hang-Pi krank. Die Diagnose und Behandlung wird von der NASA durchgeführt. Alle Mitglieder der Crew sind als Sanitäter ausgebildet und haben medizinische Grundkenntnisse. Man glaubte zunächst an einen Schwächeanfall und einen „Marskoller“ . Viren und Bakterien gibt es auf dem Mars noch nicht. Dimitri alarmiert Sam: „Hang-Pi fantasiert, er fühlt sich von einem Marsungeheuer bedroht.“
Hang-Pi torkelt durch die Räume und schreit: „Ein Marsungeheuer, ein riesengroßes Marsungeheuer will uns entführen und fressen. Es sieht aus wie ein Drache, hat vier Beine und vier Arme. Es fletscht die langen Zähne in dem riesengroßen Maul. Es will mich packen, helft mir.“
„Wir haben alle Fenster und Türen fest verschlossen“, beruhigt Sam seinen Kumpel und gibt ihm ein Beruhigungsmittel zum Trinken. Hang-Pi wird wieder schlapp und legt sich auf sein Bett. Er schwitzt und bedankt sich bei Sam und Dimitri. „Ich habe das Ungeheuer gesehen, aber ihr habt es vertrieben.“
Am nächsten Tag schreibt Sam ins Tagebuch: „Es gibt ein rot-schwarzes Marsungeheuer mit vier Beinen, vier Armen und einem fürchterlichen Maul, Hang-Pi hat es gesehen. Wir haben es vertrieben, wollen es aber einfangen und im Zoo in Washington abliefern, damit in Washington noch andere Ungeheuer als nur die Politiker zu sehen sind.“
Schnell beruhigt sich Hang-Pi wieder und wird voll einsatzfähig. Es war eine psychische Erkrankung, verursacht durch die lange Einsamkeit und ewige Stille auf dem Planeten. Ab sofort treffen sich alle fünf Bewohner eine Stunde am Tag zu einem Erfahrungsaustausch und zu einer gemeinsamen Musikstunde. Mit Gesprächen und mit Musik überwinden sie das ewige Schweigen.
Die Krater und die weggeschleuderten Felsbrocken und Steine sind die Zeugnisse von Meteoriteneinschlägen im Laufe der Jahrtausende und der Jahrmillionen. Dimitri fragt Sam: „Wie häufig müssen wir eigentlich mit solchen Ereignissen rechnen und wie groß sind die Brocken?“
„Die Kohlendioxidatmosphäre ist dünn“, antwortet Sam. „Auch kleinere Meteoriten werden die Atmosphäre durchschlagen, nicht vollständig verglühen und den Boden erreichen. Das ist sicher eine ständige Gefahr, wenn sie auch nur selten eintritt.“
Am nächsten Tag verlängern Sam und Mark die Piste, die zum nächsten Dorf führt, das die nachfolgende Crew errichten soll. Mark verspürt plötzlich eine Hitzewelle und einen starken Luftzug. Instinktiv tritt er einen Schritt zurück. Danach spürt er einen stechenden Schmerz im rechten Arm. Einen Meter entfernt rast ein kleiner Meteorit zischend in den Sand und wirbelt einen Krater auf. Der aufgewirbelte Sand wirft Mark zu Boden.
Sam ist sofort bei ihm und hilft ihm beim Aufstehen. Der Astronautenanzug ist zwar nicht beschädigt oder angeschmolzen, aber die den Meteoriten umgebende Hitzewelle hat den Anzug durchdrungen und an seinem Arm leichte Verbrennungen verursacht. Sam hängt den Rover an sein Fahrzeug und fährt ins Dorf.
Dort behandeln sie seine leichten Verbrennungen durch den Meteoriteneinschlag. „Was habe ich für Glück gehabt“, stellt Mark fest. „Wäre ich nicht den einen Schritt zurückgegangen, hättet ihr jetzt den dritten Verlust auf dem Mars gehabt.“
„Gott ist bei mir gewesen“, erklärt er weiter. „Gott hat nicht nur das All mit allen Bedingungen für das Leben geschaffen, Gott ist auch immer bei uns!“
„Mark, du bist wie ich Teil der Glaubensgemeinschaft Chrimo“, antwortet Sam. „Wir glauben an die schöpferische Kraft im All. Dreimal haben wir die Fürsorge des Schöpfers gespürt, sonst hätten drei von fünf ihr Leben auf diesem Planeten gelassen. Vielleicht hätte dann die Menschheit das Projekt der Besiedelung eines anderen Planeten fallen gelassen und wäre hundert Jahre später an ihrer Überbevölkerung erstickt. Das sollte nicht sein.“
Nur wenige Tage später starten die fünf zur Rückkehr mit der bereitstehenden Sonde. Stolz halten sie im Protokoll ihre Leistungen fest:
„Im Marsdorf haben wir zwei Wohnhäuser, ein Labor, einen Aufenthaltsraum und zwei Lagerräume errichtet. Zur Raketenbasis in einem Kilometer Entfernung haben wir eine Straße angelegt. Die Grundfläche der Raketenbasis wurde hergerichtet, ein Aufenthaltsraum für Passagiere und eine Halle für Transportgüter gebaut. Eine weitere Straße zu der geplanten zweiten Marssiedlung wurde fünf Kilometer weit vorangetrieben. Neben unserer Siedlung haben wir auf einer Fläche von 100.000 Quadratmetern Gärten aus Kunstglas angelegt.“
Eine neue Mannschaft löst die Crew nach 16 Monaten ab. Unsere drei Marsforscher haben eine unzertrennliche Freundschaft entwickelt. Alle freuen sich auf ihre Familien. Nach der ersten gründlichen Untersuchung und einer Erholungsphase wird eine Besprechung mit allen zuständigen Fachleuten abgehalten. Ihre Aufgaben haben sie alle gut gelöst.
„Das wichtigste Ergebnis haben unsere Tiefenbohrungen ergeben“, beginnt Sam die Diskussion. „Wir haben Eis in 1000 Meter Tiefe gefunden. Das ist ein großartiges Ergebnis für die Menschheit, die diesen toten Planeten mit Leben erfüllen will. Auch das Projekt ‚Sauerstoff aus dem Marsgestein gewinnen‘ ist optimal verlaufen.“
„Unterirdische Behausungen zu bauen“, setzt William die Diskussion fort, „ist zwar möglich, die Erkenntnisse der Crew haben aber ergeben, dass die oberirdische Bauweise günstiger und zweckmäßiger ist. Zukünftig können auch die Bausteine der Häuser aus grobem Marsstaub hergestellt werden. Die Innenteile sollten wie bisher aus irdischen Kunststoffen gefertigt werden, die den atmosphärischen Bedingungen auf dem Mars standhalten.“
„Die neuen Tagesanzüge für den Mars“, ergänzt Sam, „sind hervorragend. Trotz aller technisch notwendigen Systeme kann man darin herumspringen und Lasten bewegen. Man fühlt sich keineswegs durch die Anzüge behindert.“
William spricht über seine Eindrücke: „Die totale Stille auf dem Roten Planeten war manchmal bedrückend. Wir haben das Rauschen der Blätter, das Klatschen des Regens, das Gezwitscher der Vögel, alle Geräusche der Natur vermisst.“
Mark ergänzt: „Der Sonnenschein übertrifft das Licht auf der Erde bei Weitem, aber die Schatten sind so tiefschwarz, dass man an ein tiefes Loch glaubt. Nichts bewegt sich. Nur der weiche Staub wirbelt um die Füße und fällt langsam wieder zu Boden. Alles ist tot, keine Geräusche. Aber trotz unserer Ausrüstung konnten wir mit Begeisterung große Sprünge machen.“

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 222
ISBN: 978-3-95840-373-4
Erscheinungsdatum: 21.03.2017
EUR 16,90
EUR 10,99

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