Science Fiction & Fantasy

Schattensaga

Terra Fox

Schattensaga

Where it begins

Leseprobe:

Der nächste Abend, dieselbe Zeit. Ich hatte Mühe dabei, mich überhaupt noch zu bewegen. Jetzt hatten sogar schon meine blauen Flecken blaue Flecken und jeder Schritt und jede einzelne Bewegung schmerzten bis in die kleinsten Muskelfasern. Dennoch war ich entschlossener als je zuvor. Mit ihrem gestrigen Verhalten hatte Angel vermutlich zwar das genaue Gegenteil erreichen wollen, doch nun hatte ich meinen Kampfgeist wiedergefunden – zumindest, wenn mein Körper nicht gerade dabei gewesen wäre, auseinanderfallen zu wollen. Trotzdem war ich bereit, mich einer weiteren selbstzerstörerischen Trainingseinheit zu stellen.
Im Versteck angekommen verfolgte Angel gerade die Nachrichten im Fernsehen. Mit verschränkten Armen und einem ernsten Blick saß sie auf der Couch und sah nicht mal auf, als ich hereinkam.
„Hey, ist was passiert?“, begrüßte ich sie. „Ich weiß noch nicht genau“, antwortete sie, während sie weiterhin die Geschehnisse verfolgte, über die in den Nachrichten berichtet wurde. Neugierig warf ich einen Blick über Angels Schulter, um auch zu erfahren, um was es ging. Es war schon wieder eine Live-Übertragung aus Pine Heaven und es sah fast so aus, als ginge es um einen Fall, der schon vor Monaten zum ersten Mal in den Nachrichten aufgetaucht war. Damals war ein Mädchen über Nacht spurlos verschwunden. Angeblich sollte ihr Freund etwas mit der Sache zu tun gehabt haben, aber ihm konnte nichts nachgewiesen werden. Irgendwann wurde die Suche nach ihr eingestellt, aber nun gab es anscheinend neue Hinweise. Die Polizisten waren gerade dabei, ein mehrstöckiges Haus zu stürmen, in dem sich die Gesuchte allem Anschein nach befand. Einer nach dem anderen verschwand in dem Gebäude und dann war es auf einmal ganz still. Der Nachrichtensprecher sagte kein Wort mehr und auch sonst war kein einziger Laut zu hören. Das Kamerabild lag nur noch still auf der Fassade des Hauses.
„Hast du diesen Fall mitverfolgt?“, wollte ich wissen, während wir darauf warteten, was als nächstes passierte. „Ich hab davon gehört“, antwortete Angel knapp. Auf einmal gab es eine Explosion und ein großes Loch wurde in eine Seite des Gebäudes gerissen. Die Kameraleute und der Nachrichtensprecher gingen sofort in Deckung und auch Angel sprang im selben Moment auf und griff nach ihrer Holzmaske.
„Ich fürchte, dein heutiges Training muss warten. Stell in meiner Abwesenheit bloß nichts Dummes an“, wies sie mich an, dann setzte sie die Maske auf und stürmte hinaus. Das Geräusch einer zweiten Explosion war aus dem Fernseher zu hören und dicke Rauchschwaden stiegen zum Himmel auf. Gleich darauf retteten sich zwei der Polizisten ins Freie. Sie versuchten verzweifelt über Funk Kontakt mit ihren Kollegen im Haus aufzunehmen – und schon wieder eine Explosion. Die rechte hintere Ecke des Gebäudes fing an zu bröckeln. Das Dach und die äußere Wand waren dabei einzustürzen. Wenn das so weiterging, dann würde Angel es nicht mehr rechtzeitig schaffen. Doch nein, da! Schon nach ein paar Minuten tauchte sie im Bild auf! Der Kameramann machte eine Großaufnahme davon, wie sie sich mit den beiden Polizisten austauschte. Es war so laut, dass man kaum etwas davon verstehen konnte. Schon im nächsten Augenblick zückte Angel ein Messer und ließ es einmal in der Hand rotieren, während die Polizisten sich ihre Uniform bis über die Nase hinaufzogen. Dann stürmten alle drei das Haus. Sie verschwanden in den Rauchwolken, die bereits aus jedem Fenster und aus jeder kleinsten Ritze gekrochen kamen. Zunächst war wieder alles ruhig. Es war nichts zu hören und nichts zu sehen, bis auf einmal eine ganze Reihe von Geschossen losgingen und eine Explosion nach der anderen das Gebäude erschütterte. Die Fenster zerbrachen und einzelne Mauerteile wurden in die umliegende Gegend geschleudert. Die Folge davon war, dass es auch im zweiten Stockwerk zu brennen anfing. Die Flammen waren aus den zerstörten Fenstern bis in den nächsten Stock hinaufgelodert, wo sie schließlich die Vorhänge in Brand gesteckt und sich weiter ausgebreitet hatten. Es war ein einziges Inferno! Nur hin und wieder sah man verschwommene Schatten hinter den leeren Fensterrahmen inmitten des Feuers vorbeihuschen. Sie schienen unkontrolliert in verschiedene Richtungen zu laufen, aber als nach und nach Polizist für Polizist wieder aus dem Gebäude kam, wurde mir klar, dass alles abgesprochen war. Angel war wohl auf dem Weg nach oben, während die beiden Polizisten von vorhin damit beschäftigt waren, ihre Kollegen zu bergen und in Sicherheit zu bringen. Manche von ihnen waren verletzt und wurden von der eben eingetroffenen Rettung und der Feuerwehr in Empfang genommen. Die, die sich nur leicht verletzt hatten, rannten noch einmal zurück ins Haus. Sie mussten sich beeilen, denn lange würde es nicht mehr dauern, bis alles einstürzte. Auf einmal wurde die Kamera in Richtung des vierten Stockes geschwenkt. Die Flammen züngelten bereits bis zum Fenstersims empor, auf dem zwei Personen standen: Angel und das vermisste Mädchen. Die Feuerwehrmänner breiteten unter ihnen ein Sprungtuch aus und machten sich bereit, aber es sah nicht so aus, als ob die beiden springen würden. Irgendetwas stimmte nicht. Anscheinend war die Vermisste am Bein verletzt, sie belastete nur das linke und klammerte sich an Angel fest. Als sie nach unten sah, konnte man die blanke Furcht von ihrem Gesicht ablesen. Auf einmal schien etwas hinter den beiden zu passieren. Hastig drehte Angel sich um, ließ das Mädchen los und verschwand im Inneren des Raumes. Die Vermisste sank langsam und vorsichtig hinunter und kauerte nun auf dem Fenstersims. Als Angel wiederkam, hatte sie einen bewusstlosen Mann im Schlepptau, den sie mit sich schleifte. Zwischen den beiden Frauen fand ein heftiger Wortwechsel statt, als Angel den Mann losließ und auf den Fenstervorsprung kletterte. Sie half dem Mädchen beim Aufstehen, welches sich sofort wieder an sie klammerte. Im nächsten Moment hielt ich den Atem an. Die beiden Frauen, nein, Angel, nur Angel katapultierte sich mit einem gewaltigen Satz nach vorn. Sie stieß sich vom Fenster ab und zog ihre Begleiterin dabei einfach mit sich. Beide flogen durch die Luft, viel weiter weg als gedacht! Sie würden nicht im Sprungtuch landen! Sie würden es verfehlen! Angel streckte ihre freie Hand aus. Sie bekam einen Ast des Baumes zu fassen, der neben dem Gebäude stand. Ein Ruck ging durch sämtliche Zweige des Astes, welcher so heftig nach unten gerissen wurde, dass ich glaubte, er würde jeden Moment brechen. Gott sei Dank hielt er dem Gewicht stand und Angel konnte sich und das Mädchen nach oben ziehen. Sie begleitete die Fremde den Ast entlang bis zum Stamm, wo sie sie allein ließ. Angel trat dann nochmal den Rückweg an. Als sie sich vom Ast zurück ins offene Fenster katapultierte, war die Wucht, mit der sie absprang, so stark, dass der Ast nun doch abbrach und mitsamt all seiner Zweige und Blätter zu Boden krachte. Angel jedoch landete trittsicher an ihrem Ziel im vierten Stock. Sie hievte den Bewusstlosen in die Höhe und gemeinsam mit ihm sprang sie in die Tiefe. Beide landeten im Sprungtuch der Feuerwehr. Da somit alle Personen aus dem brennenden, einstürzenden Gebäude gerettet waren, war von allen Beteiligten großer Jubel zu hören. Angel tauschte noch einige Worte mit den Polizisten und Feuerwehrmännern aus, woraufhin sofort der Rettungskorb des Feuerwehrautos in Bewegung gesetzt wurde. Das vermisste Mädchen wurde mithilfe des Korbes von einem der Feuerwehrmänner aus dem Baum geholt, während die Polizisten dem benommenen Mann Handschellen anlegten und ihn abführten. Als die Gerettete wieder festen Boden unter den Füßen hatte, war Angel schon längst nicht mehr zu sehen. Sie hatte sich so schnell in Luft aufgelöst, dass ich nicht mal bemerkt hatte, wie sie aus dem Bild verschwunden war. Wahrscheinlich ging es den Polizisten, den Feuerwehrleuten und dem Nachrichtensprecher ganz genauso.
Ich schaltete den Fernseher ab und musste mich erstmal wieder fassen. Das war unglaublich! Angel war der Hammer! Sie war zwar vollkommen verrückt und übergeschnappt gewesen bei dem, was sie da gerade getan hatte, aber wie hieß es so schön? Ihr Wahnsinn hatte Methode! Sie musste lebensmüde sein, sich einfach so von diesem Gebäude zu werfen, doch sie wusste offenbar ganz genau, was sie sich zutrauen konnte! Sie hatte gewusst, dass sie den Baum erreichen konnte! Aber wenn der Ast schon früher gebrochen wäre …? Was hätte sie dann getan? Vermutlich hatte sie gar nicht darüber nachgedacht, dass das hätte passieren können. Ich hatte wirklich den größten Respekt vor Angels Mut, auch wenn dieser sich dadurch ausdrückte, sich selbst in Gefahr zu bringen. Auch, wenn ich Angel als Person nicht besonders gut leiden konnte, so war dies der Grund dafür, warum ich sie dennoch in höchstem Maße bewunderte. Genau das war es, was ich auch erreichen musste. Genau das musste ich lernen. Wenn ich irgendwann einmal soweit war, um solche Dinge tun zu können, dann musste ich mir keine Gedanken mehr um die Sicherheit meiner Familie machen.
Von oben hörte ich das Plätschern von Wasser. War Angel etwa schon zurück? Sie hatte ja ein Wahnsinnstempo drauf! Ich ging nach oben und öffnete die Tür zum Badezimmer. Tatsächlich war es Angel, welche in voller Montur – in ihrer Kleidung und mit Maske – unter der laufenden Dusche stand.
„Du bist echt der Wahnsinn! Das war einfach … Wow!“, sprudelte es sogleich aus mir heraus. „Aber bist du irre? Hast du eine Ahnung, was dabei hätte passieren können? Hast du dir keine Gedanken darüber gemacht, was passiert wäre, wenn auch nur eine Kleinigkeit, eine winzige Sequenz bei dieser Aktion nicht funktioniert hätte? Ihr beide hättet in den Tod stürzen können!“, fuhr ich fort. Es war eigenartig, ich war ganz hin- und hergerissen zwischen Bewunderung und Besorgnis. „Jetzt krieg dich wieder ein, es ist ja alles gut gegangen. Das Geheimnis ist es, den Kopf auszuschalten. Wenn du erstmal anfängst nachzudenken, ist die Sache gelaufen, noch bevor du es überhaupt versucht hast. Merk dir das“, erklärte Angel, bevor sie die Holzmaske absetzte und mir zuwarf. Sie fuhr sich mit den Händen durch die Haare und ließ das Wasser über ihr Gesicht laufen. Als ich die Maske in meiner Hand betrachtete, fiel mir sofort auf, wie verkohlt das Holz war. Angel war dem Feuer wohl sehr, sehr nahe gekommen.
„Geht es dir gut? Hat dich das Feuer erwischt? Bist du verletzt?“, hakte ich nach. „Nein, vielleicht etwas angesengt, aber sonst …“, antwortete sie und murmelte gleich darauf: „Aber was mich wirklich nervt, ist dieser Geruch. Ich stinke, als hätte ich auf einem Grill übernachtet“, woraufhin mir ein kurzes, ungläubiges Lachen entkam. „Das ist das einzige, worum du dir Gedanken machst? Wirklich?“, fragte ich. „Tz, tu nicht so überrascht. Falls es dir noch nicht aufgefallen ist: Ich habe sowas nicht zum ersten Mal gemacht. Für mich ist das nichts Besonderes mehr“, erklärte sie, woraufhin ich wieder kurz lachen musste. Angel war einfach unglaublich, aber ich wusste noch nicht, ob im positiven oder negativen Sinn.
„Und das Mädchen? Hättest du nicht noch bleiben können, damit sie sich bei dir bedanken kann? Also ich an ihrer Stelle hätte noch mit dir sprechen wollen“, setzte ich erneut an. „Wenn meine Arbeit erledigt ist, wieso sollte ich dann noch bleiben? Ich kann sowas nicht ausstehen“, erwiderte sie mir. „Und der Mann? Der Kerl, mit dem du gesprungen bist? War das der Entführer?“, fragte ich weiter. „Keine Ahnung, ich vermute es, aber eigentlich ist es auch egal. Er hat sich uns in den Weg gestellt, also …“, antwortete sie. „Deine Familie hat keine Ahnung, was du da treibst, hab ich recht? Du musst echt vorsichtiger werden. Wenn dir etwas passiert, was denkst du, wie es ihnen dann geht? Sie würden vor lauter Sorge kein Auge mehr zumachen“, ließ ich sie wissen, während ich die Situation sofort auf mich selbst ummünzte. Wenn meine Eltern wüssten, dass ich von Angel unterrichtet wurde, dann würden sie mich vor lauter Angst um mich sofort auf ewig in meinem Zimmer einsperren.
„Das ist ziemlich unwahrscheinlich“, entgegnete Angel mir. Ich legte die Stirn in Falten. „Ich habe keine Familie. Darum ist es ausgeschlossen, dass sich irgendjemand Sorgen macht“, setzte sie nach. Für einen Moment schwieg ich, bevor ich mich zaghaft dazu zwang, etwas zu sagen. „Was ist passiert? War es ein Unfall oder bist du abgehauen?“ „Nichts dergleichen“, wurde mir geantwortet. „Aber du musst doch irgendjemanden haben, bei dem du wohnst: Großeltern oder eine Tante oder vielleicht auch einen Bruder. Jemanden, bei dem du bist, wenn du gerade nicht Angel bist“, hakte ich nach. „Ich bin immer Angel. Das ist ein Vollzeitjob – 24 Stunden am Tag“, antwortete die junge Frau unter der Dusche. „Willst du mir etwa erzählen, dass es nur Angel gibt? Willst du sagen, dass es nichts gibt, zu dem du tagsüber zurückkehrst? Nicht mal am Wochenende? Was ist mit einer Ausbildung oder einem Job? Was ist mit einer Wohnung und einem richtigen Leben als normaler Bürger neben Angels Dasein?“, sprudelten die Fragen nur so aus mir heraus. „Verdammt nochmal, was hast du denn gedacht? Ich bin nicht Batman oder Spiderman oder wie sie alle in den Comics heißen! Das wahre Leben ist nun mal kein Comicheft! Jetzt hör endlich auf, so viele Fragen zu stellen! Hau ab und lass mich in Ruhe duschen. Geh und mach irgendetwas Produktives“, schimpfte sie und winkte mich dabei mit der Hand zur Tür hinaus, wobei mein Gesicht von mehreren Wassertropfen getroffen wurde. Betreten schlich ich wieder hinunter und setzte mich erstmal auf die Couch. War das, was Angel gerade behauptet hatte, überhaupt möglich? Konnte das sein? War sie wirklich nur Angel und niemand sonst? Hatte sie tatsächlich kein normales Leben als Schülerin, Floristin, Architektin oder was auch immer zu ihr passen würde? Gab es nichts, keinen Ort, an dem sie sich nach einem anstrengenden Arbeitstag zurückziehen konnte? Keine Wohnung mit gestreiften oder gepunkteten Tapeten und einem großen, weichen Bett, in das sie sich fallen lassen konnte? Gab es wirklich niemanden, der Angst um sie hatte? Niemand, der sich Sorgen um Angel machte oder um sie weinen würde? Niemand, der ihr dieses Leben verbieten wollte? Gab es denn wirklich niemanden, dem sie wichtig genug war, und gab es wirklich niemanden, der ihr wichtig war? Wie konnte das sein? Was musste passiert sein, damit es so weit kommen konnte? Bei Angel war so gut wie alles möglich. Ihrer Familie war womöglich etwas passiert und es gab niemanden, der sich anschließend um sie gekümmert hätte. Oder – was ich Angel auch durchaus zutrauen konnte – vielleicht war sie einfach von Zuhause ausgerissen und seitdem lebte sie dieses Leben. Aber selbst dann musste sie doch von irgendjemandem vermisst werden, oder? Irgendjemand suchte doch ganz bestimmt schon lange nach ihr.
Beiläufig schaltete ich den Fernseher ein. Bis Angel fertig war, wollte ich mich den Nachrichten widmen, die extra wegen den heutigen Vorkommnissen verlängert worden waren. Das lenkte mich vielleicht von den vielen Gedanken ab, die gerade um Angel kreisten. Ein Sonderbericht über den heutigen Einsatz von Polizei und Feuerwehr wurde gesendet, aber natürlich stand Angel im Mittelpunkt. Der Moderator ließ noch einmal das Video von Angels grandioser Rettungsaktion laufen, bevor der Polizist, der den Einsatz heute geleitet hatte, zu einem Interview gebeten wurde. Er berichtete darüber, wie die erste Explosion eingesetzt hatte, wie er mit seinem Kollegen aus dem Haus gelaufen war und die anderen dabei aus den Augen verloren hatte. Er erzählte davon, was für ein aufbauendes Gefühl es gewesen war, Angel auf einmal neben ihm auftauchen zu sehen und wie sie ihn darum gebeten hatte, ihr Rückendeckung zu geben. Es war nicht zu übersehen, wie dankbar er ihr war. Mit ihrem Auftreten und ihrem Eingreifen tat Angel viel Gutes. Sie half den Menschen und der Polizei und oft verhinderte sie Schlimmes. Dennoch … Wenn es nichts Anderes gab, zu dem Angel nach so viel Einsatz zurückkehren konnte …
Genau in dem Moment, nachdem der Polizist im Fernsehen sich im Namen aller Rettungskräfte bei Angel bedankt hatte und anschließend zum normalen Abendprogramm zurückgekehrt wurde, betrat Angel das Zimmer. Sie war klatschnass und einzelne Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht. Sie tropfte den Boden, die Bücher und auch alles andere mit Wasser voll.
„Du hast die Nachrichten verpasst. Sie sind dir alle sehr dankbar“, richtete ich ihr mit einem unüberhörbaren, betretenen Klang in der Stimme aus. Dank der neuen Informationen über Angel und meinen Gedanken, die ihr Übriges taten, war ich immer noch ganz aus der Bahn geworfen. Was war wohl wirklich passiert, was dazu geführt hatte, dass Angel sich für dieses Leben entschieden hatte?
„Das machst du also, wenn ich sage, dass du etwas Produktives tun sollst? Fernsehen?“, rügte sie mich, ohne auf mich oder die Nachrichten einzugehen. Stattdessen zitierte sie mich auf den Trainingsplatz hinaus. Nun begann also eine weitere Übungseinheit, so als wäre nichts gewesen.
„Setz dich“, wurde ich gebeten, während auch Angel sich im Schneidersitz vor mich niederließ. „A-aber das Training …“, murmelte ich verwirrt, aber Angel unterbrach mich. „Du wolltest doch etwas Theoretisches lernen, oder? Also bitte, hier hast du deine Theorie“, gab sie mir zur Antwort und zückte ein Buch mit dem Titel „Das zweischneidige Schwert“. Ich blätterte es kurz durch und musste feststellen, dass es bloß ein weiterer, trocken geschriebener Schmöker war, in dem es darum ging, die Angriffe des Gegners für sich selbst zu nutzen. Seufzend fragte ich: „Hast du die ganzen Bücher eigentlich alle gelesen?“ „Wozu hätte ich sie sonst, wenn nicht zum Lesen?“, antwortete Angel. „Und hast du dadurch wirklich etwas gelernt?“, fragte ich weiter. Ich hatte keine Lust auf diese Bücher. „Ich habe dir gesagt, dass du das Meiste aus der Praxis lernst, aber du hast ja darauf bestanden. Jetzt hör auf zu jammern und pass auf“, verlangte sie, dann begann sie mit dem theoretischen Unterricht. Als ich um ein wenig Theorie gebeten hatte, hatte ich ja keine Ahnung gehabt, dass ich mir damit mein eigenes Grab schaufeln würde. Es war so schwer, Angel zu folgen und gedanklich bei der Sache zu bleiben. Die langen Ausführungen darüber, wie man in so gut wie jedem gegnerischen Angriff eine Schwachstelle erkennen konnte, wirkten einschläfernd auf mich und bald hatte ich Mühe, nicht tatsächlich einzunicken. Immer wieder fielen mir die Augen zu, ich verfiel in Sekundenschlaf, sodass ich von meiner Hand, auf der ich mich mit dem Kopf abstützte, mehrmals abrutschte. Gedanklich war ich schon halb in der Welt der Träume, in der ich Angels gewagten Sprung aus dem Fenster immer und immer wieder wie einen Film vor mir sah. Und jedes Mal, wenn sie kurz davor war, im Sprung den Ast zu erreichen, um sich daran festzuhalten, wurde ich wieder wach und sah sie vor mir sitzen, wie sie aus dem Buch vorlas und anschließend das Vorgelesene erklärte. Verschlafen fuhr ich mir einmal mit der Hand übers Gesicht.
„Angel?“, unterbrach ich sie in ihrem Redefluss. „Was ist? Hast du etwas nicht verstanden?“, fragte sie mich gleich. „Nein, darum geht es nicht. Aber ich würde dich gerne etwas fragen“, murmelte ich und nahm mir kurz Zeit, um richtig wach zu werden und mir meine nächsten Worte zurechtzulegen. „Wie bist du Angel geworden?“, meinte ich schließlich. „Indem mir die Medien diesen Namen gegeben haben“, bekam ich zur Antwort. „Nein, das meine ich nicht. Ich meine, warum hast du dich für dieses Leben entschieden?“, drückte ich mich noch deutlicher aus. „Ja, ja, ich weiß, was du meinst. Aber das, Kay, geht dich nun wirklich nichts an“, verneinte Angel sofort. „Aber du hast bestimmt einen Grund dafür, du machst das ja nicht zum Spaß. Genauso wenig wie ich. Ich habe mich dafür entschieden, um irgendwann, wenn es notwendig ist, meine Familie beschützen zu können. Darum mache ich es, aber warum du? Was ist dein Grund?“, ließ ich nicht locker. „Wie gesagt: Das geht dich nichts an“, wiederholte sie, während sie das Buch durchblätterte und nach einer bestimmten Seite zu suchen schien. „Angel, ich will es nur verstehen“, gab ich immer noch nicht auf, woraufhin Angel genervt seufzte und die Augen schloss. Ich konnte hören, wie sie mit den Zähnen knirschte, bevor sie sagte: „Sag mal, wie viele Liegestützte schaffst du eigentlich?“ Verwirrt legte ich die Stirn in Falten. „Was hat denn das jetzt …“, fing ich an, doch sie unterbrach mich. „Das werde ich dir gleich sagen. Also, wie viele? 20? 30?“ „Naja … 30 sollten schon drin sein“, antwortete ich verdutzt. „Okay, dann machst du jetzt sofort 50“, befahl Angel gleich darauf. „Was? Aber das …“, begann ich, aber wieder wurde ich unterbrochen. „Wenn du es nicht tust dann werte ich das als Arbeitsverweigerung und du hast die Probezeit nicht bestanden.“ Ich setzte dazu an, etwas zu sagen, aber im letzten Moment verkniff ich es mir und tat, was Angel von mir verlangte. Ich ging in die Liegestützausgangsposition und fing an. Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs …
… 46 … Mit aller Kraft drückte ich mich wieder nach oben. Mittlerweile zitterten meine Arme und ich hatte ganz schweißnasse Hände, welche dazu ansetzten, unter mir wegzurutschen. 47 … Noch einmal schaffte ich es, mich in die Höhe zu hieven. 48 … „Nur noch zwei, nur noch zwei“, sagte ich mir selbst und zwang mich dazu, erneut meine Arme zu beugen. Ich versuchte wieder hochzukommen, doch auf einmal war es so, als würden meine Ellbogen blockieren. Ich schaffte es nur auf halbe Höhe, so sehr ich mich auch anstrengte. Und dann konnte ich einfach nicht mehr. Mit ausgepowerten Armen fiel ich mit dem Gesicht voran ins Gras und blieb einen Moment lang liegen. Unter normalen Umständen hätte ich es womöglich geschafft, aber nicht nachdem, was ich vorgestern an den Netzen leisten musste. Meine Arme waren überanstrengt. Sie waren im Augenblick nicht in der Lage, so sehr gefordert zu werden.
Ich hörte bloß, wie Angel sich neben mich kniete und anschließend sagte: „Neue Regel: Solltest du wieder einmal das Bedürfnis haben, irgendwelche Fragen zu stellen, die nichts mit dem Training zu tun haben, dann wird das zukünftig meine Antwort sein. Habe ich mich klar ausgedrückt?“ „Hast du“, murmelte ich ins Gras hinein. Anschließend hörte ich, wie Angel sich von mir entfernte. Ich drehte den Kopf und sah ihr hinterher, wie sie im Tunnel, der zurück zum Versteck führte, verschwand. Damit war das heutige Training beendet.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 370
ISBN: 978-3-99064-366-2
Erscheinungsdatum: 26.02.2019
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Herbstlektüre