Sankalpa

Sankalpa

Alexander Liebminger


EUR 25,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 550
ISBN: 978-3-99038-352-0
Erscheinungsdatum: 22.04.2014

Leseprobe:

Einleitung Prolog

Erst wenige Jahre war das 17. Jahrhundert alt, da wurde es auch schon mit dem dunkelroten Lebenssaft vieler unschuldiger Wesen befleckt. Während das Zeitalter der Renaissance in ganz Europa immer mehr auf dem Vormarsch war und sich Wissenschaft und Forschung allmählich ihrer Kinderschuhe entledigten, eskalierten nach und nach die stetig gewachsenen Spannungen zwischen den vielen, auf engstem Raum zusammenlebenden Menschen mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen.
Die Intoleranz vieler hielt dem Krieg Tür und Tor auf und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Hass, Habgier und Gewalt zu einem Schleier des Todes bündelten, welcher sich wohl in kürzester Zeit über den ganzen Kontinent legen würde. Was mit dem Prager Fenstersturz und der Krönung von Ferdinand dem II. zum König von Ungarn begann, mündete nach der Niederlage der ehemaligen Ostseemacht Dänemarks im sogenannten Schwedischen Krieg, in dem Gustav Adolf von Schweden seine hegemonialen Ansprüche in Nordosteuropa durchsetzen wollte, und endete schließlich im Schwedisch-Französischen Krieg, dessen Kämpfe ihren Höhepunkt in den 40er-Jahren des 17. Jahrhunderts erreichten und hauptsächlich auf deutschem Boden stattfanden.
Inmitten von Seuchen, Mord und Totschlag hatte sich zudem Anfang der 20er-Jahre im alpenländischen Raum unbemerkt von allen anderen Krieg führenden Parteien eine weitere Hochburg gebildet - die von den Habsburgern als eigenständig anerkannte Provinz Jaresta. Ihr Gründer und zugleich auch alleiniger Herrscher Jares hatte wohl nur auf eine Schwächung der königlichen Truppen gewartet, um seine eigenen Pläne umsetzen zu können. An sämtlichen Fronten wurde immer noch gekämpft und die Pest, gepaart mit vielen weiteren Seuchen, hatte gut ein Drittel der bürgerlichen Bevölkerung dahingerafft, ehe sich ein gigantisches Heer von Jaresta aus Richtung Böhmen in Bewegung setzte.
Zielorientiert folgten die Mannen des Jares stur ihrem Weg und hinterließen in allen Gegenden und Ortschaften, die sie durchquerten, eine Spur des Schreckens und der Zerstörung. Ihre Gräueltaten machten beinahe den Anschein, als ob niemand zurückbleiben sollte, der irgendjemandem von ihnen berichten konnte. Jares wollte seine Angelegenheiten wohl im Mantel der vielen anderen Schlachten verbergen, die zur selben Zeit überall im Lande stattfanden.
Erst nachdem dieser grauenvolle Durchmarsch querfeldein unzählige Opfer gefordert hatte, stellten die Jarestaner an einem unscheinbaren Spätsommertag sämtliche Kampfhandlungen ein und bliesen überraschend zum Rückzug. Kurz zuvor hatten sie auf beinahe bestialische Art und Weise eine böhmische Festung dem Erdboden gleichgemacht. Die Schreie ihrer vielen Opfer waren vom Wind bis in die umliegenden Dörfer getragen worden und der Qualm des lichterloh brennenden Gemäuers war selbst mit bloßem Auge auch aus großer Entfernung immer noch klar zu erkennen.
Es dauerte mehrere Wochen, bis dieses gigantische Heer dieselben Landstriche, welche es meuchelnd bereits einmal durchquert hatte, erneut passierte, bis es schließlich, so schnell wie es gekommen war, in den südlichen Alpen verschwand. Eines war den Jarestanern aber nicht gelungen, nämlich unerkannt zu bleiben und keine Zeugen zurückzulassen! Obwohl nach wie vor immer noch überall in Europa gekämpft wurde, war die Freude über das Abrücken dieser Zehntausend-Mann-Armee unter den Menschen in den betroffenen Gebieten groß. Ein fahler Beigeschmack blieb allerdings zurück, denn niemand konnte sich erklären, warum das Heer aus Jaresta seinen Feldzug ohne einen nachvollziehbaren Grund beendet hatte. Aufschlussreiche Antworten von den höheren Adeligen, die jene Festung bewohnt hatten, welche von den Jarestanern mitsamt des umliegenden Dorfes in Grund und Boden gestampft worden war, vermochte man nicht mehr zu bekommen, da dort niemand mehr am Leben war. Alles, was in den Überresten dieser Grafschaft noch gefunden wurde, waren sterbliche Überreste von Mensch und Tier, die verstümmelt und geschändet an der Stätte des Kampfes zurück geblieben waren.
Jetzt, wo das tägliche Klirren der Schwerter und die Schreie der gepeinigten Menschen verstummt waren, regierte eine beunruhigende Stille die betroffenen Gebiete, in denen die wenigen verstörten und verängstigten Überlebenden dieses feigen, jarestanischen Feldzuges nur sehr langsam in ihr früheres Leben zurückfanden. Obwohl es nun wieder möglich war, gefahrlos sein Tagwerk zu verrichten oder zu später Stunde noch aus dem Haus zu gehen, traute niemand diesem plötzlichen Frieden, denn wer konnte schon mit Gewissheit sagen, dass diese todbringende Armee, welche sich in diesen ohnehin schon schweren Zeiten dann auch noch gegen die eigenen Landsleute gerichtet hatte, nicht erneut wiederkommen würde? Absolut niemand! Deshalb dauerte es auch nicht lange, bis von den Überlebenden jener Ländereien, die unter dem Durchmarsch der Jarestaner gelitten hatten, eine öffentliche Versammlung einberufen wurde, um zu klären, was man nun in dieser Angelegenheit unternehmen sollte. Lange Diskussionen waren nicht vonnöten, denn sowohl der Adel mitsamt dem Rittertum als auch die einfachen Bauern und Bürger waren sich schnell einig und kamen zu dem Schluss, dass man das Übel an der Wurzel packen musste, solange man die Gelegenheit dazu bekam. Für absolut jeden, der dieser Versammlung beiwohnte, gab es nur eine logische Schlussfolgerung. Über kurz oder lang würde Jares sich wohl gegen den König stellen und nach der alleinigen Herrschaft im Lande streben, was zu einer grauenvollen Tyrannei führen würde. Endgültiger Frieden für nachfolgende Generationen würde demnach erst dann gewährleistet sein, wenn Jares gestürzt war! Nur dann konnte er nicht noch einmal schnell und tödlich wie eine Raubkatze zuschlagen, während sich Armeen, die seine Truppen womöglich hätten aufhalten können, anderswo gegenseitig bekämpften.

Einige kurze Vorbereitungen wurden getroffen und schon bald zogen die ersten von vielen, bunt zusammen gewürfelten Truppen still und leise los und drangen mit nur einem Gedanken im Kopf in die Provinz des gnadenlosen Schlächters ein. Jaresta musste fallen!
Ihre Angst hatte sich in Zorn verwandelt und der Schmerz über den Verlust von Angehörigen, den sie alle im Herzen trugen, schwand zusehends und wich grenzenloser Entschlossenheit, um für das Erlittene Vergeltung zu üben. Kein einziger der tapferen Männer, die sich nun auf dem Weg nach Jaresta befanden, kannte den eigentlichen Grund, warum der Tyrann Jares seine Truppen nach Böhmen entsandt hatte. Manche wollten gehört haben, dass er sein Heer unter dem Vorwand, Wallensteins Armee gegen die Dänen verstärken zu wollen, losgeschickt hatte, wodurch seine Truppen kaum auf Gegenwehr gestoßen waren. Andere waren schlicht der Meinung, dass jener Mann, der sich, von der nach ihm benannten Stadt aus ein inzwischen schon gar nicht mehr so kleines Imperium aufgebaut hatte, einfach nur verrückt geworden war. Doch all diese ungeklärten Fragen waren im Grunde nicht mehr wirklich relevant, denn eines stand zweifelsohne fest, nämlich dass an seinen Händen das Blut vieler Unschuldiger klebte, was ihn jetzt zum Ziel der aufgebrachten Meute machte, die sich in diesen Tagen vor den Toren Jarestas versammelte.

Es folgte die in den Wogen des Dreißigjährigen Krieges völlig untergegangene elfmonatige Belagerung von Jaresta, einer gigantischen Stadt, die sich wie eine uneinnehmbare Festung über zwei komplette Täler erstreckte. Auf dem Gipfel des Berges, welcher genau zwischen diesen beiden Tälern lag, geografisch gesehen also unmittelbar im Zentrum von Jaresta, befand sich die persönliche Residenz von Jares. Eine gigantische Burg, die sich hoch in den Himmel erstreckte und bereits aus der Ferne für jedermann erkennbar war. „Steinerner Reif“ wurde sie von den Belagerern aufgrund ihrer rundlichen Bauart auch gerne genannt. Zugleich Autorität und Angst verbreitend kennzeichnete sie für die Freiheitskämpfer jenen Ort, den es nun einzunehmen galt.
Mehrere Stadtmauern und Gräben machten den Angreifern ihr Vorhaben, die Stadt zu unterjochen, alles andere als leicht, dennoch gelang es ihnen bereits nach einem Monat, den ersten Wall zu durchbrechen und sich in der Stadt festzusetzen. Täglich tobten Kämpfe in den Straßen und das Aufeinanderprallen von Schwertern stand für die Einwohner Jarestas längst an der Tagesordnung. Wenn die Besetzer gegen das gigantische Heer des Imperators auch nur den kleinsten Etappensieg feierten, sprach sich dies wie ein Lauffeuer herum, worauf immer mehr Menschen den Mut fanden, sich gegen Jares zu stellen, weshalb die Zahl der Belagerer trotz der vielen Toten in den eigenen Reihen nicht kleiner wurde. Diesen Vorteil hatte Jares, eingesperrt in der von ihm gegründeten Herrscherstadt nun nicht mehr. Sein Heer schrumpfte zusehends und immer mehr Stadtteile fielen in die Hände des Feindes. Allein der steinerne Reif war nach wie vor unantastbar geblieben und schien lachend auf seine Angreifer ins Tal zu blicken. Da des Imperators dezimierte Armee den letzten Mauerwall um den Berg herum verbissen und mit Erfolg zu verteidigen wusste, entstand eine klassische Pattstellung, woran sich auch in den darauffolgenden Wochen nichts änderte.

Der geschickten Kriegslist eines Einzelnen war es schließlich zu verdanken, dass es eines Tages einer kleinen Gruppe von etwa fünfundzwanzig Anuitenkriegern gelang, mitten durch die feindlichen Reihen hindurch bis in Jares Residenz vorzudringen. Doch obwohl sie weiter als alle Anderen vor ihnen gekommen waren, blieb ihnen die Gelegenheit, den Imperator zu Fall zu bringen, verwehrt. Denn bereits wenige Augenblicke, nachdem sie den steinernen Reif betreten hatten, wurden sie von der persönlichen Leibgarde des Eroberers gestellt, den sagenumwobenen Teufelskriegern. Der Mythos um diese speziellen Wächter des Imperators war zwar bis zu den Anuiten vorgedrungen, doch der geistliche Anuitenführer Markus hatte den Fehler gemacht, diese Gerüchte schlicht als Märchen abzutun.
Als Teufel in Menschengestalt waren diese mysteriösen Krieger nämlich von den wenigen Menschen beschrieben worden, welche behaupteten, eine Begegnung mit ihnen überlebt zu haben. Als Dämonen, die schnell und lautlos töteten und denen das Wort Gnade fremd war. Doch zu märchenhaft beziehungsweise übertrieben hatten all diese Geschichten geklungen, deshalb hielten sowohl der Ältestenrat der Anuiten als auch dessen Vorsitzender Markus sie schlicht für erfunden.
Der Kampf zwischen diesen Bestien und den eingedrungenen Anuiten war nur von kurzer Dauer und glich einem Gemetzel, das damit endete, dass nur eine Handvoll jener tollkühnen Anuitenkrieger an der Seite von Aros Mendes es schafften, diesen Ausgeburten der Hölle zu entkommen. Aros, der zum damaligen Zeitpunkt der berüchtigtste jener drei Männer war, die das geheime Heer der Anuiten anführten, zog noch in derselben Stunde knapp vierzig Geistliche von dem Anuitenkontingent ab, welches nach Jaresta geschickt worden war, um die Fortschritte der Belagerer im Kampf gegen Jares an den Ordensleiter Markus weiterzureichen, und verließ zusammen mit ihnen die Stadt des Todes. Das neue Ziel des Heerführers war es, auf schnellstem Wege die Heimstätte der Anuiten, einen geheimen Orden, versteckt in den Bergen Helvetiens, zu erreichen. Denn Aros war sich absolut sicher, dass ohne die Hilfe der Götter, an welche die Geistlichen schon seit ihren Anfängen ihre Gebete richteten, ein Sieg gegen Jares und die Monster, die ihn beschützten, nicht möglich war.
Seine felsenfeste Überzeugung, schon in Kürze mit diesen Göttern in Kontakt treten zu können, war aber weder Zweckoptimismus noch Spinnerei. Denn Aros wusste als einer von nur einer Handvoll Anuiten von dem größten und wohl am meisten behüteten Geheimnis des Ordens. Hierbei handelte es sich um ein Gewölbe, tief im Inneren des Berges verborgen, über dem die Gründerväter der Anuiten ihren Hauptstandort errichtet hatten. An diesem heiligen Platz, weit unter der Erde, befand sich ein uralter goldener Torbogen, durch den die Götter einst in höhere Sphären gelangt sein sollten, um von dort aus über ihre Kinder zu wachen. Noch heute wartete dieses Tor, den Glanz vergangener Tage verbreitend, in der Dunkelheit auf die Rückkehr seiner Erbauer.
Aros war einer der wenigen Anuiten, der die Existenz dieses mystischen Objektes bestätigen konnte, da er es bereits mit seinen eigenen Augen gesehen und mit seinen unwürdigen Händen berührt hatte. Manche Mitglieder des Ordens, welche die Geschichte von diesem goldenen Torbogen nur aus Erzählungen kannten, waren der festen Ansicht, man könnte durch ihn ins Paradies gelangen, aus dem Adam und Eva einst vertrieben worden waren. Diese Thesen beruhten natürlich nur auf Spekulationen, da es seit dem Bestehen des Ordens niemandem aus dem kleinen Kreis der Eingeweihten gelungen war, das Rätsel um die Herkunft und die Inbetriebnahme dieses Reliktes der Götter zu lösen.
Was im Ältestenrat hinter vorgehaltener Hand aber von niemandem bestritten wurde, war, dass es auf jeden Fall als Pforte dienen sollte. Ob es allerdings wirklich in jenes goldene Reich führte, wohin der Göttervater Anu und die anderen Götter nach der Erschaffung von Erde, Mensch und Tier wieder zurückgekehrt sein sollten, war dahingestellt. Fakt war aber, dass er, Aros, der oberste Heerführer der Anuiten es nach vielen Jahren des Suchens tatsächlich geschafft hatte, den vermeintlichen Schlüssel zum Öffnen dieses Tores in seinen Besitz zu bringen, obwohl ihm dies vom Oberhaupt und dem Ältestenrat der Anuiten ausdrücklich verboten worden war …

Prolog 1

Das Vermächtnis der Götter

1628 n. Chr., Mitteleuropa

Etwa drei Tage waren vergangen, seit sie das blutige Schlachtfeld Jaresta hinter sich gelassen hatten, als ihr Blick nach der Durchquerung eines engen Gebirgszuges endlich auf die heiligen Mauern des altehrwürdigen Anuitenklosters fiel. Mitten im Niemandsland errichtet und geschützt durch umliegende Berge, konnte man dieses von Menschenhand erschaffene Wunder wohl als einen der unzugänglichsten und verstecktesten Orte auf der ganzen Welt bezeichnen. Seit vielen Generationen diente dieses überwiegend nur aus Stein bestehende Kloster nun schon als Heim und Ausbildungsstätte für Menschen, die dazu bereit waren, ihren Geist für den wahren Glauben an den Gott Anu zu öffnen. Zudem beherbergte dieser Hauptstandort der Anuiten die ranghöchsten Ordensbrüder, alle Mitglieder des Ältestenrates sowie dessen Führer Markus. Die Ältesten kümmerten sich zum größten Teil selbst um die beinharte Ausbildung der jungen Anuitenrekruten, denn nur den gläubigsten und intelligentesten jungen Männern sollte es vorbehalten sein, in der Gemeinschaft der Anuiten ihren Dienst im Sinne des Gottes Anu zu verrichten.
Für die nicht gerade kleine Gruppe um den Anuitengeneral Aros Mendes gestaltete es sich schwieriger als erwartet, ungesehen von dem halben Dutzend als Wachposten abgestellten Anuitenmönchen in den gut bewachten Orden einzudringen und in den vielen belebten Gängen des Klosters nicht entdeckt zu werden. So dauerte es an die zwei Stunden, bis Aros, der gezwungen war, den Trupp der hierher geführten Anuitensoldaten in mehrere kleine Teams aufzuteilen, endlich jene Stelle erreichte, die den Geheimgang zum Herzstück des Anuitenordens hinter tonnenschweren Steinblöcken verbarg. Eine Treppe, die in ein Gewölbe führte, welches, wohl von Götterhand erschaffen, weit im Inneren des Berges lag. Aros, der eine der wenigen Personen war, die von diesem größten Geheimnis der Anuiten wusste, öffnete in einer langwierigen Prozedur, in der er verschiedene Ziegelsteine in der richtigen Reihenfolge leicht in die Wand schob, den verborgenen Geheimgang, worauf sich vor ihm und seinem Gefolge eine Öffnung auftat, die hinab in die Dunkelheit führte und einem Rachen glich, der sie alle zu verschlingen drohte.
Ohne den Schein der vielen entzündeten Fackeln wäre es wohl unmöglich gewesen, die eigene Hand vor Augen zu sehen, und auch jetzt offenbarte das Licht ihrer lodernden Flammen nur wenige Stufen der steinernen Treppe, die endlos nach unten zu führen schien. Die vielen dumpfen Schritte ihrer mit Leder überzogenen Eisenstiefel beim Abstieg wurden nur von den Geräuschen übertönt, die ihre klirrenden Rüstungen verursachten, wenn eine Stufe nach der anderen nach unten gestiegen wurde. Das dadurch entstandene Echo hallte den ganzen Weg, den sie schon hinter sich gebracht hatten, zurück, eilte ihnen aber zeitgleich auch voraus und verlor sich in der Finsternis vor ihnen.
Aber allen Strapazen der letzten Tage zum Trotz war von den müden Kriegern, an deren Rüstungen immer noch das Blut ihrer Brüder und Feinde vermischt mit ihrem eigenen klebte, kein Wort des Missfallens zu hören. Es wurde weder geredet noch getuschelt. Gelegentliches unterdrücktes Husten war das Einzige, das außer dem Getrappel der vielen Männer in diesem aus dem Stein geschlagenen Treppenhaus noch zu hören war. Den Marsch hierher zum geheimen Hauptquartier der Anuiten hatten sie beinahe laufend hinter sich gebracht, was viel Energie gekostet hatte, aber auch die teilweise am eigenen Leib verspürten Unmenschlichkeiten der Jarestaner bei der Verteidigung ihrer Stadt hatten wie viele kleine Egel langsam, aber kontinuierlich den Großteil ihrer Substanz ausgesaugt. Obwohl ihre Belastungsgrenze durch das jahrelange intensive Training viel höher war als bei anderen Menschen, begannen die Ersten von ihnen sich bereits nach einer zünftigen Mahlzeit und einem anschließenden Nickerchen zu sehnen. Jeder Normalsterbliche wäre unter diesen Umständen wohl schon längst seiner Erschöpfung erlegen, doch der winzige Funke an Kraft, der ihnen noch immer innewohnte, wurde nach wie vor am Leben erhalten von nur zwei Gedanken, die ihre Köpfe im Moment voll ausfüllten. Zum einen war es die Hoffnung, dass der Göttervater Anu ihnen bald beistehen und die Schreckensherrschaft des Tyrannen Jares beenden würde, die sie vorantrieb. Zum anderen war es einfach nur Neugierde, die es schaffte, Reserven zu mobilisieren, denn keiner von diesen einfachen Anuitenbrüdern hätte jemals zu träumen gewagt, dass an den vielen Gerüchten von verborgenen Katakomben mit einem Tor, das zu den Göttern führen sollte, welche schon immer im Orden die Runde gemacht hatten, auch nur das Geringste dran sein könnte.
Was anscheinend keinem von ihnen wirklich bewusst war, war die Tatsache, dass sowohl ihr Anführer Markus als auch die Männer im Rat sehr darum bemüht waren, dieses Geheimnis mit allen erdenklichen Mitteln zu schützen. Selbst ihr Heerführer war, so hatte er es ihnen zumindest mitgeteilt, nur aus purem Zufall darauf gestoßen. Die beiden ihm gleichgestellten Generäle Vladimir Ceresov und Johnatan Ferek, die er in Jaresta von diesen Dingen in Kenntnis gesetzt hatte, waren zwar ebenso wenig begeistert von der Geheimniskrämerei des Ältestenrates gewesen, wollten Aros aber auf keinen Fall bei seinem Vorhaben unterstützen, nach dem Ende des Krieges einen Aufstand anzuzetteln, um Markus und den Rat zu stürzen. Doch den beiden war es ohnehin nicht gelungen, Jaresta lebend zu verlassen, zu tödlich waren die Angriffe der Teufelsgarde gewesen. Von den ursprünglichen drei Anuitengenerälen war also nur noch Aros übrig und er hielt es für seine Pflicht, für seine gefallenen Kameraden diesen Krieg zu beenden, koste es, was es wolle.

Je länger der Abstieg in den Schoß der Erde aber dauerte, umso unruhiger wurden viele der Anuitenkrieger, deren Gesichter mittlerweile nicht mehr alleine von Hoffnung geziert wurden, so wie es vor etwa zehn Minuten noch gewesen war. Nein, eine Mischung aus Anspannung und Unbehagen schien sich mehr und mehr unter ihnen breitzumachen.

Einleitung Prolog

Erst wenige Jahre war das 17. Jahrhundert alt, da wurde es auch schon mit dem dunkelroten Lebenssaft vieler unschuldiger Wesen befleckt. Während das Zeitalter der Renaissance in ganz Europa immer mehr auf dem Vormarsch war und sich Wissenschaft und Forschung allmählich ihrer Kinderschuhe entledigten, eskalierten nach und nach die stetig gewachsenen Spannungen zwischen den vielen, auf engstem Raum zusammenlebenden Menschen mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen.
Die Intoleranz vieler hielt dem Krieg Tür und Tor auf und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Hass, Habgier und Gewalt zu einem Schleier des Todes bündelten, welcher sich wohl in kürzester Zeit über den ganzen Kontinent legen würde. Was mit dem Prager Fenstersturz und der Krönung von Ferdinand dem II. zum König von Ungarn begann, mündete nach der Niederlage der ehemaligen Ostseemacht Dänemarks im sogenannten Schwedischen Krieg, in dem Gustav Adolf von Schweden seine hegemonialen Ansprüche in Nordosteuropa durchsetzen wollte, und endete schließlich im Schwedisch-Französischen Krieg, dessen Kämpfe ihren Höhepunkt in den 40er-Jahren des 17. Jahrhunderts erreichten und hauptsächlich auf deutschem Boden stattfanden.
Inmitten von Seuchen, Mord und Totschlag hatte sich zudem Anfang der 20er-Jahre im alpenländischen Raum unbemerkt von allen anderen Krieg führenden Parteien eine weitere Hochburg gebildet - die von den Habsburgern als eigenständig anerkannte Provinz Jaresta. Ihr Gründer und zugleich auch alleiniger Herrscher Jares hatte wohl nur auf eine Schwächung der königlichen Truppen gewartet, um seine eigenen Pläne umsetzen zu können. An sämtlichen Fronten wurde immer noch gekämpft und die Pest, gepaart mit vielen weiteren Seuchen, hatte gut ein Drittel der bürgerlichen Bevölkerung dahingerafft, ehe sich ein gigantisches Heer von Jaresta aus Richtung Böhmen in Bewegung setzte.
Zielorientiert folgten die Mannen des Jares stur ihrem Weg und hinterließen in allen Gegenden und Ortschaften, die sie durchquerten, eine Spur des Schreckens und der Zerstörung. Ihre Gräueltaten machten beinahe den Anschein, als ob niemand zurückbleiben sollte, der irgendjemandem von ihnen berichten konnte. Jares wollte seine Angelegenheiten wohl im Mantel der vielen anderen Schlachten verbergen, die zur selben Zeit überall im Lande stattfanden.
Erst nachdem dieser grauenvolle Durchmarsch querfeldein unzählige Opfer gefordert hatte, stellten die Jarestaner an einem unscheinbaren Spätsommertag sämtliche Kampfhandlungen ein und bliesen überraschend zum Rückzug. Kurz zuvor hatten sie auf beinahe bestialische Art und Weise eine böhmische Festung dem Erdboden gleichgemacht. Die Schreie ihrer vielen Opfer waren vom Wind bis in die umliegenden Dörfer getragen worden und der Qualm des lichterloh brennenden Gemäuers war selbst mit bloßem Auge auch aus großer Entfernung immer noch klar zu erkennen.
Es dauerte mehrere Wochen, bis dieses gigantische Heer dieselben Landstriche, welche es meuchelnd bereits einmal durchquert hatte, erneut passierte, bis es schließlich, so schnell wie es gekommen war, in den südlichen Alpen verschwand. Eines war den Jarestanern aber nicht gelungen, nämlich unerkannt zu bleiben und keine Zeugen zurückzulassen! Obwohl nach wie vor immer noch überall in Europa gekämpft wurde, war die Freude über das Abrücken dieser Zehntausend-Mann-Armee unter den Menschen in den betroffenen Gebieten groß. Ein fahler Beigeschmack blieb allerdings zurück, denn niemand konnte sich erklären, warum das Heer aus Jaresta seinen Feldzug ohne einen nachvollziehbaren Grund beendet hatte. Aufschlussreiche Antworten von den höheren Adeligen, die jene Festung bewohnt hatten, welche von den Jarestanern mitsamt des umliegenden Dorfes in Grund und Boden gestampft worden war, vermochte man nicht mehr zu bekommen, da dort niemand mehr am Leben war. Alles, was in den Überresten dieser Grafschaft noch gefunden wurde, waren sterbliche Überreste von Mensch und Tier, die verstümmelt und geschändet an der Stätte des Kampfes zurück geblieben waren.
Jetzt, wo das tägliche Klirren der Schwerter und die Schreie der gepeinigten Menschen verstummt waren, regierte eine beunruhigende Stille die betroffenen Gebiete, in denen die wenigen verstörten und verängstigten Überlebenden dieses feigen, jarestanischen Feldzuges nur sehr langsam in ihr früheres Leben zurückfanden. Obwohl es nun wieder möglich war, gefahrlos sein Tagwerk zu verrichten oder zu später Stunde noch aus dem Haus zu gehen, traute niemand diesem plötzlichen Frieden, denn wer konnte schon mit Gewissheit sagen, dass diese todbringende Armee, welche sich in diesen ohnehin schon schweren Zeiten dann auch noch gegen die eigenen Landsleute gerichtet hatte, nicht erneut wiederkommen würde? Absolut niemand! Deshalb dauerte es auch nicht lange, bis von den Überlebenden jener Ländereien, die unter dem Durchmarsch der Jarestaner gelitten hatten, eine öffentliche Versammlung einberufen wurde, um zu klären, was man nun in dieser Angelegenheit unternehmen sollte. Lange Diskussionen waren nicht vonnöten, denn sowohl der Adel mitsamt dem Rittertum als auch die einfachen Bauern und Bürger waren sich schnell einig und kamen zu dem Schluss, dass man das Übel an der Wurzel packen musste, solange man die Gelegenheit dazu bekam. Für absolut jeden, der dieser Versammlung beiwohnte, gab es nur eine logische Schlussfolgerung. Über kurz oder lang würde Jares sich wohl gegen den König stellen und nach der alleinigen Herrschaft im Lande streben, was zu einer grauenvollen Tyrannei führen würde. Endgültiger Frieden für nachfolgende Generationen würde demnach erst dann gewährleistet sein, wenn Jares gestürzt war! Nur dann konnte er nicht noch einmal schnell und tödlich wie eine Raubkatze zuschlagen, während sich Armeen, die seine Truppen womöglich hätten aufhalten können, anderswo gegenseitig bekämpften.

Einige kurze Vorbereitungen wurden getroffen und schon bald zogen die ersten von vielen, bunt zusammen gewürfelten Truppen still und leise los und drangen mit nur einem Gedanken im Kopf in die Provinz des gnadenlosen Schlächters ein. Jaresta musste fallen!
Ihre Angst hatte sich in Zorn verwandelt und der Schmerz über den Verlust von Angehörigen, den sie alle im Herzen trugen, schwand zusehends und wich grenzenloser Entschlossenheit, um für das Erlittene Vergeltung zu üben. Kein einziger der tapferen Männer, die sich nun auf dem Weg nach Jaresta befanden, kannte den eigentlichen Grund, warum der Tyrann Jares seine Truppen nach Böhmen entsandt hatte. Manche wollten gehört haben, dass er sein Heer unter dem Vorwand, Wallensteins Armee gegen die Dänen verstärken zu wollen, losgeschickt hatte, wodurch seine Truppen kaum auf Gegenwehr gestoßen waren. Andere waren schlicht der Meinung, dass jener Mann, der sich, von der nach ihm benannten Stadt aus ein inzwischen schon gar nicht mehr so kleines Imperium aufgebaut hatte, einfach nur verrückt geworden war. Doch all diese ungeklärten Fragen waren im Grunde nicht mehr wirklich relevant, denn eines stand zweifelsohne fest, nämlich dass an seinen Händen das Blut vieler Unschuldiger klebte, was ihn jetzt zum Ziel der aufgebrachten Meute machte, die sich in diesen Tagen vor den Toren Jarestas versammelte.

Es folgte die in den Wogen des Dreißigjährigen Krieges völlig untergegangene elfmonatige Belagerung von Jaresta, einer gigantischen Stadt, die sich wie eine uneinnehmbare Festung über zwei komplette Täler erstreckte. Auf dem Gipfel des Berges, welcher genau zwischen diesen beiden Tälern lag, geografisch gesehen also unmittelbar im Zentrum von Jaresta, befand sich die persönliche Residenz von Jares. Eine gigantische Burg, die sich hoch in den Himmel erstreckte und bereits aus der Ferne für jedermann erkennbar war. „Steinerner Reif“ wurde sie von den Belagerern aufgrund ihrer rundlichen Bauart auch gerne genannt. Zugleich Autorität und Angst verbreitend kennzeichnete sie für die Freiheitskämpfer jenen Ort, den es nun einzunehmen galt.
Mehrere Stadtmauern und Gräben machten den Angreifern ihr Vorhaben, die Stadt zu unterjochen, alles andere als leicht, dennoch gelang es ihnen bereits nach einem Monat, den ersten Wall zu durchbrechen und sich in der Stadt festzusetzen. Täglich tobten Kämpfe in den Straßen und das Aufeinanderprallen von Schwertern stand für die Einwohner Jarestas längst an der Tagesordnung. Wenn die Besetzer gegen das gigantische Heer des Imperators auch nur den kleinsten Etappensieg feierten, sprach sich dies wie ein Lauffeuer herum, worauf immer mehr Menschen den Mut fanden, sich gegen Jares zu stellen, weshalb die Zahl der Belagerer trotz der vielen Toten in den eigenen Reihen nicht kleiner wurde. Diesen Vorteil hatte Jares, eingesperrt in der von ihm gegründeten Herrscherstadt nun nicht mehr. Sein Heer schrumpfte zusehends und immer mehr Stadtteile fielen in die Hände des Feindes. Allein der steinerne Reif war nach wie vor unantastbar geblieben und schien lachend auf seine Angreifer ins Tal zu blicken. Da des Imperators dezimierte Armee den letzten Mauerwall um den Berg herum verbissen und mit Erfolg zu verteidigen wusste, entstand eine klassische Pattstellung, woran sich auch in den darauffolgenden Wochen nichts änderte.

Der geschickten Kriegslist eines Einzelnen war es schließlich zu verdanken, dass es eines Tages einer kleinen Gruppe von etwa fünfundzwanzig Anuitenkriegern gelang, mitten durch die feindlichen Reihen hindurch bis in Jares Residenz vorzudringen. Doch obwohl sie weiter als alle Anderen vor ihnen gekommen waren, blieb ihnen die Gelegenheit, den Imperator zu Fall zu bringen, verwehrt. Denn bereits wenige Augenblicke, nachdem sie den steinernen Reif betreten hatten, wurden sie von der persönlichen Leibgarde des Eroberers gestellt, den sagenumwobenen Teufelskriegern. Der Mythos um diese speziellen Wächter des Imperators war zwar bis zu den Anuiten vorgedrungen, doch der geistliche Anuitenführer Markus hatte den Fehler gemacht, diese Gerüchte schlicht als Märchen abzutun.
Als Teufel in Menschengestalt waren diese mysteriösen Krieger nämlich von den wenigen Menschen beschrieben worden, welche behaupteten, eine Begegnung mit ihnen überlebt zu haben. Als Dämonen, die schnell und lautlos töteten und denen das Wort Gnade fremd war. Doch zu märchenhaft beziehungsweise übertrieben hatten all diese Geschichten geklungen, deshalb hielten sowohl der Ältestenrat der Anuiten als auch dessen Vorsitzender Markus sie schlicht für erfunden.
Der Kampf zwischen diesen Bestien und den eingedrungenen Anuiten war nur von kurzer Dauer und glich einem Gemetzel, das damit endete, dass nur eine Handvoll jener tollkühnen Anuitenkrieger an der Seite von Aros Mendes es schafften, diesen Ausgeburten der Hölle zu entkommen. Aros, der zum damaligen Zeitpunkt der berüchtigtste jener drei Männer war, die das geheime Heer der Anuiten anführten, zog noch in derselben Stunde knapp vierzig Geistliche von dem Anuitenkontingent ab, welches nach Jaresta geschickt worden war, um die Fortschritte der Belagerer im Kampf gegen Jares an den Ordensleiter Markus weiterzureichen, und verließ zusammen mit ihnen die Stadt des Todes. Das neue Ziel des Heerführers war es, auf schnellstem Wege die Heimstätte der Anuiten, einen geheimen Orden, versteckt in den Bergen Helvetiens, zu erreichen. Denn Aros war sich absolut sicher, dass ohne die Hilfe der Götter, an welche die Geistlichen schon seit ihren Anfängen ihre Gebete richteten, ein Sieg gegen Jares und die Monster, die ihn beschützten, nicht möglich war.
Seine felsenfeste Überzeugung, schon in Kürze mit diesen Göttern in Kontakt treten zu können, war aber weder Zweckoptimismus noch Spinnerei. Denn Aros wusste als einer von nur einer Handvoll Anuiten von dem größten und wohl am meisten behüteten Geheimnis des Ordens. Hierbei handelte es sich um ein Gewölbe, tief im Inneren des Berges verborgen, über dem die Gründerväter der Anuiten ihren Hauptstandort errichtet hatten. An diesem heiligen Platz, weit unter der Erde, befand sich ein uralter goldener Torbogen, durch den die Götter einst in höhere Sphären gelangt sein sollten, um von dort aus über ihre Kinder zu wachen. Noch heute wartete dieses Tor, den Glanz vergangener Tage verbreitend, in der Dunkelheit auf die Rückkehr seiner Erbauer.
Aros war einer der wenigen Anuiten, der die Existenz dieses mystischen Objektes bestätigen konnte, da er es bereits mit seinen eigenen Augen gesehen und mit seinen unwürdigen Händen berührt hatte. Manche Mitglieder des Ordens, welche die Geschichte von diesem goldenen Torbogen nur aus Erzählungen kannten, waren der festen Ansicht, man könnte durch ihn ins Paradies gelangen, aus dem Adam und Eva einst vertrieben worden waren. Diese Thesen beruhten natürlich nur auf Spekulationen, da es seit dem Bestehen des Ordens niemandem aus dem kleinen Kreis der Eingeweihten gelungen war, das Rätsel um die Herkunft und die Inbetriebnahme dieses Reliktes der Götter zu lösen.
Was im Ältestenrat hinter vorgehaltener Hand aber von niemandem bestritten wurde, war, dass es auf jeden Fall als Pforte dienen sollte. Ob es allerdings wirklich in jenes goldene Reich führte, wohin der Göttervater Anu und die anderen Götter nach der Erschaffung von Erde, Mensch und Tier wieder zurückgekehrt sein sollten, war dahingestellt. Fakt war aber, dass er, Aros, der oberste Heerführer der Anuiten es nach vielen Jahren des Suchens tatsächlich geschafft hatte, den vermeintlichen Schlüssel zum Öffnen dieses Tores in seinen Besitz zu bringen, obwohl ihm dies vom Oberhaupt und dem Ältestenrat der Anuiten ausdrücklich verboten worden war …

Prolog 1

Das Vermächtnis der Götter

1628 n. Chr., Mitteleuropa

Etwa drei Tage waren vergangen, seit sie das blutige Schlachtfeld Jaresta hinter sich gelassen hatten, als ihr Blick nach der Durchquerung eines engen Gebirgszuges endlich auf die heiligen Mauern des altehrwürdigen Anuitenklosters fiel. Mitten im Niemandsland errichtet und geschützt durch umliegende Berge, konnte man dieses von Menschenhand erschaffene Wunder wohl als einen der unzugänglichsten und verstecktesten Orte auf der ganzen Welt bezeichnen. Seit vielen Generationen diente dieses überwiegend nur aus Stein bestehende Kloster nun schon als Heim und Ausbildungsstätte für Menschen, die dazu bereit waren, ihren Geist für den wahren Glauben an den Gott Anu zu öffnen. Zudem beherbergte dieser Hauptstandort der Anuiten die ranghöchsten Ordensbrüder, alle Mitglieder des Ältestenrates sowie dessen Führer Markus. Die Ältesten kümmerten sich zum größten Teil selbst um die beinharte Ausbildung der jungen Anuitenrekruten, denn nur den gläubigsten und intelligentesten jungen Männern sollte es vorbehalten sein, in der Gemeinschaft der Anuiten ihren Dienst im Sinne des Gottes Anu zu verrichten.
Für die nicht gerade kleine Gruppe um den Anuitengeneral Aros Mendes gestaltete es sich schwieriger als erwartet, ungesehen von dem halben Dutzend als Wachposten abgestellten Anuitenmönchen in den gut bewachten Orden einzudringen und in den vielen belebten Gängen des Klosters nicht entdeckt zu werden. So dauerte es an die zwei Stunden, bis Aros, der gezwungen war, den Trupp der hierher geführten Anuitensoldaten in mehrere kleine Teams aufzuteilen, endlich jene Stelle erreichte, die den Geheimgang zum Herzstück des Anuitenordens hinter tonnenschweren Steinblöcken verbarg. Eine Treppe, die in ein Gewölbe führte, welches, wohl von Götterhand erschaffen, weit im Inneren des Berges lag. Aros, der eine der wenigen Personen war, die von diesem größten Geheimnis der Anuiten wusste, öffnete in einer langwierigen Prozedur, in der er verschiedene Ziegelsteine in der richtigen Reihenfolge leicht in die Wand schob, den verborgenen Geheimgang, worauf sich vor ihm und seinem Gefolge eine Öffnung auftat, die hinab in die Dunkelheit führte und einem Rachen glich, der sie alle zu verschlingen drohte.
Ohne den Schein der vielen entzündeten Fackeln wäre es wohl unmöglich gewesen, die eigene Hand vor Augen zu sehen, und auch jetzt offenbarte das Licht ihrer lodernden Flammen nur wenige Stufen der steinernen Treppe, die endlos nach unten zu führen schien. Die vielen dumpfen Schritte ihrer mit Leder überzogenen Eisenstiefel beim Abstieg wurden nur von den Geräuschen übertönt, die ihre klirrenden Rüstungen verursachten, wenn eine Stufe nach der anderen nach unten gestiegen wurde. Das dadurch entstandene Echo hallte den ganzen Weg, den sie schon hinter sich gebracht hatten, zurück, eilte ihnen aber zeitgleich auch voraus und verlor sich in der Finsternis vor ihnen.
Aber allen Strapazen der letzten Tage zum Trotz war von den müden Kriegern, an deren Rüstungen immer noch das Blut ihrer Brüder und Feinde vermischt mit ihrem eigenen klebte, kein Wort des Missfallens zu hören. Es wurde weder geredet noch getuschelt. Gelegentliches unterdrücktes Husten war das Einzige, das außer dem Getrappel der vielen Männer in diesem aus dem Stein geschlagenen Treppenhaus noch zu hören war. Den Marsch hierher zum geheimen Hauptquartier der Anuiten hatten sie beinahe laufend hinter sich gebracht, was viel Energie gekostet hatte, aber auch die teilweise am eigenen Leib verspürten Unmenschlichkeiten der Jarestaner bei der Verteidigung ihrer Stadt hatten wie viele kleine Egel langsam, aber kontinuierlich den Großteil ihrer Substanz ausgesaugt. Obwohl ihre Belastungsgrenze durch das jahrelange intensive Training viel höher war als bei anderen Menschen, begannen die Ersten von ihnen sich bereits nach einer zünftigen Mahlzeit und einem anschließenden Nickerchen zu sehnen. Jeder Normalsterbliche wäre unter diesen Umständen wohl schon längst seiner Erschöpfung erlegen, doch der winzige Funke an Kraft, der ihnen noch immer innewohnte, wurde nach wie vor am Leben erhalten von nur zwei Gedanken, die ihre Köpfe im Moment voll ausfüllten. Zum einen war es die Hoffnung, dass der Göttervater Anu ihnen bald beistehen und die Schreckensherrschaft des Tyrannen Jares beenden würde, die sie vorantrieb. Zum anderen war es einfach nur Neugierde, die es schaffte, Reserven zu mobilisieren, denn keiner von diesen einfachen Anuitenbrüdern hätte jemals zu träumen gewagt, dass an den vielen Gerüchten von verborgenen Katakomben mit einem Tor, das zu den Göttern führen sollte, welche schon immer im Orden die Runde gemacht hatten, auch nur das Geringste dran sein könnte.
Was anscheinend keinem von ihnen wirklich bewusst war, war die Tatsache, dass sowohl ihr Anführer Markus als auch die Männer im Rat sehr darum bemüht waren, dieses Geheimnis mit allen erdenklichen Mitteln zu schützen. Selbst ihr Heerführer war, so hatte er es ihnen zumindest mitgeteilt, nur aus purem Zufall darauf gestoßen. Die beiden ihm gleichgestellten Generäle Vladimir Ceresov und Johnatan Ferek, die er in Jaresta von diesen Dingen in Kenntnis gesetzt hatte, waren zwar ebenso wenig begeistert von der Geheimniskrämerei des Ältestenrates gewesen, wollten Aros aber auf keinen Fall bei seinem Vorhaben unterstützen, nach dem Ende des Krieges einen Aufstand anzuzetteln, um Markus und den Rat zu stürzen. Doch den beiden war es ohnehin nicht gelungen, Jaresta lebend zu verlassen, zu tödlich waren die Angriffe der Teufelsgarde gewesen. Von den ursprünglichen drei Anuitengenerälen war also nur noch Aros übrig und er hielt es für seine Pflicht, für seine gefallenen Kameraden diesen Krieg zu beenden, koste es, was es wolle.

Je länger der Abstieg in den Schoß der Erde aber dauerte, umso unruhiger wurden viele der Anuitenkrieger, deren Gesichter mittlerweile nicht mehr alleine von Hoffnung geziert wurden, so wie es vor etwa zehn Minuten noch gewesen war. Nein, eine Mischung aus Anspannung und Unbehagen schien sich mehr und mehr unter ihnen breitzumachen.
5 Sterne
buch Bewertung - 29.09.2014
Valentin masser

Es ist ein sehr tolles buch sehr spannend gut geschrieben!

5 Sterne
spannend und mitreissend .... - 26.09.2014
Alfred

Danke für diese fesselde Reise - hoffentlich bald weitergeführt im 2ten Buch?!!

5 Sterne
lesenswert - 21.09.2014
Livia Papst

bin eigentlich kein freund von Fantasy, aber muss sagen: einmal was anderes- weitere "Werke" sollen folgen.

5 Sterne
unübertrefflich - 16.09.2014
germteig69

mir fehlen die worte ! ein einmaliges buch ! nur weiter zu empehlen !!!

5 Sterne
top (: - 08.09.2014
Seidl Ashley

super buch (:

5 Sterne
Sehr gut geschrieben! - 07.09.2014
Brigitte

Ich habe *Sankalpa* sehr genossen! Danke dem Autor für dieses spannende Buch und die persönliche Widmung in meiner Ausgabe! Ich hoffe auf baldige Fortsetzung Alexander...viel Erfolg!!

5 Sterne
Sankalpa - 29.08.2014

Sehr gut!

5 Sterne
Top - 28.08.2014

Einfach empfehlenswertes buch

5 Sterne
Sehr gutes Buch - 18.08.2014
mfg sasie

Bestes Buch seit Jahren ist sehr weiter zu empfehlen auch einen großen dank an dem Autoren. Ich habe mir alles sehr gut vorstellen können bzw ich habe mich in die Rolle der Person einfügen können.. wünsche mir auch das der Autor noch so ein Atemberaubendes Buch schreiben könnte .. 5 Sterne ***** bin sehr davon überzeugt ...

5 Sterne
Sehr gut! - 12.08.2014

Sehr gut!

5 Sterne
Super arbeit - 23.06.2014
nicole gaisecker

einfach super und spannend warte schon gespannt auf teil 2

5 Sterne
Besonders - 28.05.2014
Martin

Sehr gut gelungene Mischung vieler Genres wie ich finde. Mir wurde nie langweilig beim lesen und zum Schluss hab ich mir gedacht wo is jetzt die Zeit hin?? Kann nur sagen Danke Alex für deine gelungene Idee und die Spannung.Ich denke das Ding hat Potenzial und bitte bald eine Fortsetzung......

Das könnte ihnen auch gefallen :

Sankalpa
Buchbewertung:
*Pflichtfelder