Science Fiction & Fantasy

Quell des Lebens

Tobias Arhelger

Quell des Lebens

Tiefenrausch

Leseprobe:

Anfang

Langsam weitete sich die Gasse vor Michael, und in der Ferne wurde endlich der Universitätsplatz sichtbar. Michaels Pulli war nun trotz der Kälte total durchgeschwitzt, dampfte in der Morgenluft wie eine alte Lok und klebte auf seinem Rücken. „Renn, Junge, renn! Waltersten wird dich sonst lynchen!“, ging ihm immer wieder durch den Kopf.
Auf dem großen, gepflasterten Platz, den er nun erreichte, standen majestätische Eichen in quadratischen Gruppen zusammen. Ein Postauto parkte in der Mitte. Einige Jugendliche waren damit beschäftigt, Stühle und Tische aus den seitlichen Cafés herauszuschleppen und auf dem Platz zu verteilen, um später dann dem mittäglichen Ansturm der Studenten in ihren Pausen gerecht zu werden.
Alles wirkte seltsam gestellt und unwirklich, weit weg, ähnlich einem Traum.
„Ist wohl die Müdigkeit“, dachte Michael verwundert. „Außerdem kenn ich das alles ja schon seit mehr als drei Jahren. Kinder, wie die Zeit vergeht!“
Er hetzte atemlos vorbei, weiter auf den imposanten Backsteinbau zu, der ihm und dem Großteil der Studenten der Kulturwissenschaften als Fakultät diente – Michaels Studiengang Global History eingeschlossen. Hier war er auch auf dem besten Weg, seinen Master-Abschluss zu erlangen.
Einige wenige andere Studenten hetzten ebenfalls atemlos auf den Bau zu.
In den oberen Etagen brannte Licht, und laut Michaels Uhr hatte die Prüfung schon seit fünfzehn Minuten offiziell begonnen. „Warum musst du Dummkopf auch ausgerechnet jedes Mal vor einer Klausur verschlafen! Ich meine: Bei einer Vorlesung wäre es ja nicht so schlimm. Aber ausgerechnet immer vor wichtigen Klausuren …“ Ein befreundeter Medizinstudent hatte ihm deshalb einmal spaßeshalber angeboten, ihn in die Sammlung medizinischer Kuriositäten aufzunehmen.
Michael sprintete, völlig außer Atem, die breite, steinerne Treppe nach oben und lief durch den langen Korridor. Endlich stand er vor der Doppeltür 23?E.
Er rücke sich den Pulli zurecht, fuhr sich mit einem kleinen Kamm durch die Haare und trat schließlich ein.
„Meine Damen und Herren, da uns nun auch endlich Herr Baumann gefunden hat, kann die Prüfung beginnen.“
Dreihundert Augenpaare drehten sich nach ihm um, deren Besitzer zum Teil grinsten, zum Teil genervt wirkten.
Michael beeilte sich dann auch, schnell einen Platz im Raum zu finden. Er dachte nur, halb belustigt, halb genervt: „Was guckt ihr Vögel denn alle so blöd? Ist ja nicht das erste Mal, dass ich zu spät komme. Was kann ich dafür, dass ihr alle so perfekt seid? Kauft euch mal ein Leben!“, und setzte sich zu einem schönen blonden Mädchen in die hinterste Reihe.

Professor Horst Waltersten war ein gemütlicher, dicklicher Mann um die fünfzig. Er war einer dieser Dozenten, denen es mit gutmütiger Strenge und dem ein oder anderen gut platzierten Witz gelang, dass viele Studenten, auch aus anderen Studiengängen, ihren Terminplan nach seinen Vorlesungen richteten.

[...]

Der Entschluss

„Und jetzt wissen wir nicht, wie wir das alles finanzieren können!“, beendete Ahasver des Vaters angefangen Satz.
Der nickte nur betreten und kaute mechanisch auf seiner Brötchenhälfte.
„Ich könnte mal zu Hause anrufen und meine Bank …“, fing Clara einen Satz an, doch verstummte sofort wieder, als ihr klar wurde, dass sie niemals einen solch hohen Kredit bekommen würde und ihn, falls doch, in keiner realistischen Lebenszeit wieder hätte abbezahlen können.
Michael biss noch einmal in sein Käsebrötchen. „Ich hätte da aber noch eine Idee …“
Alle sahen ihn fragend an. Kurz entschlossen sprang Michael auf: „Ich weiß nicht, ob es klappt, deshalb sag ich mal noch nichts, aber besser, man versucht etwas, als gar nichts zu tun!“
Und bevor die anderen weitere Fragen stellen konnten, war Michael auch schon wieder flink nach oben verschwunden. Alle am Tisch sahen sich überrascht an, und Clara zuckte mit den Schultern. „Was hat der Junge nur wieder vor?“
Michael zog derweil seine dreckigsten und widerspenstigsten Klamotten an, kramte seinen alten Rucksack hervor und packte alles ein, was er für nötig befand, ihn begleiten zu dürfen: die Taschenlampe mit allen verfügbaren Ersatzbatterien; ein Seil, Müsliriegel und eine Wasserflasche, Handy, Kamera und das neugekaufte Schweizer Taschenmesser.
Mit einem kurzen Blick auf sein Handy sah Michael an der „+049“-Nummer, dass ihn jemand aus Deutschland zu kontaktieren versucht hatte; vermutlich seine Eltern, die im Fernsehen bestimmt schon von dem Vorfall gehört hatten – genau wie der Rest der Welt.
Michael, ungeduldig und aufgekratzt, schrieb nur kurz. „Mir geht es gut. Betet für Chrissy, eine Bekannte von mir, und vor allem Lena. Meld mich später. Lieb euch!“
Auch Amos hatte versucht, ihn zu erreichen, irgendwann heute Morgen. Seinen Rat würde Michael später wahrscheinlich noch brauchen, doch jetzt hieß es erst mal: nichts wie weg.

„Egal, wohin du gehst, wir wollten dir nur viel Glück wünschen! Und mach keinen Unsinn, bitte!“ Samara stand zusammen mit Ahasver und Sarah vor seinem Zimmer, und in ihren Augen spiegelte sich ehrliche Besorgnis. Sie fuhr fort: „Wir werden gleich alle zu Chrissy ins Krankenhaus fahren.“

Michael versuchte krampfhaft, Zuversicht auszustrahlen, obwohl auch ihm sein Vorhaben nicht ganz geheuer war. „Danke. Das wird schon.“ Samara gab ihm einen vorsichtigen Kuss auf die Wange und flüsterte ihm ins Ohr: „Wir alle denken an dich und dein Gott ist bestimmt auch mit dir! Zieh es durch!“
Michael nickte zögernd. Er drückte alle noch mal innig und machte sich dann, jetzt wirklich entschlossen, sein Vorhaben durchzuziehen, auf den Weg.
Ein Taxi brachte ihn bis nahe an die Altstadt, wo immer noch alles gesperrt war. Michael joggte auf der Stelle, um ein penetrantes Frösteln zu unterbinden.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 404
ISBN: 978-3-99003-213-8
Erscheinungsdatum: 08.02.2011
Durchschnittliche Kundenbewertung: 4
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EUR 9,99

Herbstlektüre