Phönixfeuer

Phönixfeuer

Andrea Labahn


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 370
ISBN: 978-3-99048-053-3
Erscheinungsdatum: 17.11.2015
Zora lebt in einer Pflegefamilie und wird krankenhausreif geschlagen. Ihr Bruder Zoran hilft ihr und übergibt sie Mario, da er eine Kriegserklärung von Leroy, dem Anführer des Blutclans, bekommen hat. Doch Zora wird entführt und verschleppt…
Kapitel 1

Zora war eine gewöhnliche Frau, die in einer Pflegefamilie aufwuchs, in einem kleinen Haus, mit Eltern und Geschwistern, die selbst alle adoptiert waren. Sie verstand sich ganz gut mit den anderen, doch sie hassten alle ihre Pflegeeltern. Es gab harte Regeln hier, z. B. dass sie die beiden als richtige Eltern akzeptieren mussten, Backen, Kochen und Putzen standen an der höchsten Stelle der Tagesordnung. Außerdem wurde ihnen immer eingeprägt, wie sie sich gegenüber den Männern zu verhalten hatten. Der Mann sollte verwöhnt werden und die Frau durfte nicht widersprechen. „Die Frau kocht, putzt und kümmert sich um die Kinder und der Mann geht arbeiten und lässt sich von der Frau verwöhnen, das ist doch nicht normal, wir leben doch nicht im Mittelalter!“
„Ob du dich nun aufregst, Amelia, oder nicht. Du weißt, wenn wir nicht gehorchen und nicht unsere Arbeit machen, dann bekommen wir wieder Schläge von den Alten. Denkst du, uns anderen macht es Spaß, hier in dieser Bude zu leben und das alles zu machen?“ Wie jeden Tag regten sie sich über die Eltern auf – außer Zora. Sie stand ruhig in der Küche und machte den Abwasch. Sie mischte sich nicht mehr ein in solche Sachen, seit sie Schläge bekommen hatte von dem Herrn. Zora wusste nicht, wie die anderen das jedes Mal machen konnten, obwohl sie doch schon selber alle Prügel bekommen hatten, aber trotzdem redeten sie so über die Eltern und machten keine Anstalten, ihre Arbeit richtig auszuführen. Zögernd sagte Zora: „Wisst ihr … ich finde das nicht richtig. Irgendwann werden wir hier raus sein, könnt ihr nicht dann über die beiden reden? Ihr wisst doch genau, wenn einer von ihnen das mitbekommt, was dann wieder passiert.“ Amelia sah Zora fassungslos an.
„Was soll das, Zora? Sag bloß, du bist schon so eingeschüchtert von einmal Schläge? Du lebst so lange hier mit uns, nur einmal hast du Schläge bekommen im Gegensatz zu uns. Nun willst du dir alles gefallen lassen?“ Jetzt mischte sich auch Ella ein. „Lass sie. Irgendwo hat sie eigentlich recht damit.“
Die beiden verschwanden und Zora war froh endlich etwas Ruhe zu haben. Sie freute sich schon endlich ihren Bruder wiederzusehen, doch die Frage, warum sie hier war, ging ihr nicht aus dem Kopf. Zora nahm sich vor ihren Bruder endlich zu fragen, doch bis dahin dauerte es noch mindestens drei Stunden. Nun musste sie erst einmal noch abtrocknen und summte vor sich hin. „Hör auf zu träumen und mache das Geschirr endlich sauber und stell es in den Schrank!“ Erschrocken fuhr sie herum und sah in das Gesicht der Frau, die sie großgezogen hatte, drehte sich aber schnell wieder herum zu dem Geschirr und machte sofort mit ihrer Arbeit weiter. „Bring das Papier raus, sobald du hier fertig bist. Wenn du das getan hast, kannst du in deinem Zimmer warten, bis dein Bruder da ist, und kein Wort darüber, was hier passiert, verstanden!?“
„Ja, verstanden.“ Nach dreißig endlos langen Minuten war sie in der Küche fertig und ging in den Keller. Kurz schaute sie zu der Foltertür, senkte dann schnell den Kopf wieder und ging zum Papier. Ihr kamen die Bilder hoch, wie der Alte den Stock nahm und auf sie einprügelte, niemand unternahm etwas, obwohl ihre Schreie durch das Haus zu hören gewesen sein mussten. Zora nahm schnell eine Tüte, kramte das Papier zusammen und steckte es hinein, sie hatte nicht das Verlangen, länger als nötig hier unten zu sein, wo das alles geschehen war. Als sie draußen war, freute sie sich über die frische Luft, im Haus war es nur stickig, roch nach Zigaretten und Alkohol. Als Zora das Papier in den Container geschmissen hatte, überkam sie ein komisches Gefühl, als ob ihr jemand gefolgt wäre. Angst stieg in ihr auf und sie wusste nicht, ob es schlau wäre, sich umzudrehen. Sie stand da und konnte sich nicht bewegen. „Was ist denn mit dir los, Schwesterherz?“ Beim Klang dieser Stimme beruhigte sie sich schnell wieder, und ehe er sich versah, lag sie schon in seinen Armen. Er umarmte sie fürsorglich und sein Blick wurde nachdenklich. „Was ist denn los mit dir? In der letzten Zeit stürzt du dich in meine Armen und umklammerst mich, dass ich kaum Luft bekomme. Ist irgendwas passiert, was ich nicht weiß?“
„Nein, es ist nichts … ich freue mich nur, dass du mich besuchen kommst.“
Zoran hörte in ihrer Stimme jedoch etwas Ängstliches und man hörte, dass sie weinte. Er konnte sie nicht zwingen zu reden, aber er wollte es wissen, sie war seine kleine Schwester, die er beschützen musste, nicht nur weil seine Eltern es ihm damals befohlen hatten, sondern auch weil er sie als Schwester liebte und nichts über sie kommen lassen wollte. „Ich zwinge dich nicht mir alles zu erzählen. Das möchte ich auch nicht, aber ich hoffe, dass du Vertrauen zu mir hast. Du kannst alles sagen, was du willst, und egal wie sehr du auch versuchst zu leugnen, dass etwas war, ich höre es in deiner Stimme, dass etwas passiert ist.“ Zora wollte nicht reden, zumindest jetzt nicht. Sie klammerte sich an ihrem Bruder fest und wünschte sich, dass er sie hier herausholen würde. Was er bestimmt machen würde, wenn er wissen würde, was hier passierte, doch Zora hatte so viel Angst, dass sie darüber kein Wort reden konnte. „Es ist wirklich nichts, das sind Freudentränen … wirklich. Mir geht es gut.“ Zoran musste seine Wut unterdrücken, weil er ganz genau wusste, dass sie etwas bedrückte, doch was war das gewesen, dass sie nicht darüber reden konnte oder wollte? Sie gingen gemeinsam in das Haus hinein. Zoran begrüßte alle sehr freundlich, dann gingen sie in den Wohnraum und setzten sich alle an den Tisch, um Kaffee zu trinken. „Würde es Ihnen etwas ausmachen, mir einen Tee zu machen und bitte auch für meine Schwester?“
„Nein, überhaupt nicht. Amelia, gehe doch bitte mal in die Küche und mache zwei Tassen fertig.“ Es war wie immer, wenn Besuch kam, die beiden setzten ihre Maske auf und verhielten sich sehr freundlich. Der Schein einer glücklichen Familie, dachte Zora sich. Niemand wusste, was hinter den Scheinwerfern wirklich los war. Amelia kam mit zwei Tassen wieder und stellte sie auf den Tisch. Zora spürte die Blicke von ihrem Bruder auf sich, dass er kein Wort glaubte, wusste sie. Zoran erkannte immer sofort, wenn was nicht stimmte.
„Also wir haben überlegt, ob es nicht an der Zeit wäre, Ihrer Schwester einen Mann zu suchen. Sie ist sehr schlau und extrem hübsch. Die Hausarbeiten beherrscht sie alle. Wir sind uns sicher, dass sie einen Mann glücklich machen könnte.“ Zoran überlegte kurz und ließ seinen Blick nicht von Zora. Die Eltern waren bekannt dafür, dass sie ihre „Frauen“ an reiche und gut aussehende Männer weitergaben. Die letzte hatten sie sogar zum Tanz- und Gesangunterricht gebracht, weil sie mit einem Musiker zusammengebracht wurde. „Ich bestreite nicht, dass Sie sich sehr gut um Zora gekümmert haben, schon gar nicht, weil Sie schließlich eine gute Summe dafür bekommen haben, um auf sie zu achten. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Was jedoch Vermählungen und sonstiges angeht, so möchte ich doch bitte entscheiden, wann die richtige Zeit dafür ist und wer es sein wird.“ In dem Raum wurde es ganz still und die Pflegeeltern schienen alles andere als glücklich zu sein über seine Antwort. Zora hörte zum ersten Mal davon, dass man Geld dafür bezahlt hatte, dass sie hier lebte. Umso mehr fühlte sie sich schuldig, dass sie Zoran nichts erzählt hatte, was hier in Wirklichkeit vor sich ging. Dann räusperte sich die alte Frau und setzte ein Lächeln auf. Langsam kam in ihr Gesicht wieder Farbe, welche nach Zorans Antwort entwichen war. „Natürlich können Sie das alles entscheiden. Dann werden wir uns nicht weiter in diese Angelegenheit einmischen.“ Als sie mit dem Tee fertig waren, gingen Zoran und Zora gemeinsam in die Stadt. Sie waren beide erleichtert aus dem Haus hinaus zu sein. In der Stadt durfte sie sich Sachen und Schmuck aussuchen, doch sie wollte nur ein einziges Kleid haben. Es war schwarz und lag eng an der Haut, der Ausschnitt war nicht sehr tief und deswegen hatte Zoran eingewilligt. Ihm passte es jedoch nicht wirklich, dass Zora so ein Kleid aussuchte, weil es doch ziemlich kurz war. Es ging bis zur Hälfte ihrer Oberschenkel, da er aber wusste, dass sie nicht viel von dieser Familie bekam, stimmte er zu. Als sie an einem Buchladen vorbeikamen, wollte Zora da gerne hinein. Sie nahm ein Buch, bei dem es sich anscheinend um einen Liebesroman handelte. Gemeinsam gingen sie an die Kasse und Zoran bezahlte es. „Hast du Lust, mit mir zum Japaner essen zu gehen?“
„Gerne, aber du hast doch schon so viel bezahlt für mich. Das Kleid war schon teuer genug, du musst mich nicht noch zum Essen einladen.“
„Das sind Kleinigkeiten, die ich gerne mache für meine Schwester. Geld spielt für mich keine Rolle, solange ich es für dich ausgebe. Ich bestehe darauf, dass du mit mir essen gehst, dann kannst du wenigstens nicht ablehnen.“
Er grinste leicht und hoffte, dass Zora endlich mit der Sprache herausrücken würde, was passiert war. Hatte es was damit zu tun, das sie einen Mann bekommen sollte? Das konnte nicht sein, Zora hatte seine Antwort gehört.
„Warum musste ich dort aufwachsen und wo bist du denn aufgewachsen? Warum bekommen sie Geld dafür von dir?“ Er merkte zuerst nicht, dass sie stehen geblieben war, weil er so in seine Gedanken vertieft war. Ihre himmelblauen Augen sahen ihn an und warteten auf Antworten. „Es ging damals nicht anders. Wir hatten viele Probleme gehabt und wollten nicht, dass dir etwas passiert. Deshalb haben wir dich zu einer Familie gebracht, wo du sicher aufwachsen konntest. Diese Familie ist bekannt dafür, dass sie den Kindern alles beibringen, was sein muss. So wie sie dir den Haushalt beigebracht haben zum Beispiel. Außerdem wurden die Frauen immer an sehr gute Männer weitergegeben. Zumindest wurden keine Beschwerden gehört. Ich bin damals bei unseren Eltern geblieben, da ich älter bin als du. Das Geld haben sie für dein Wohlbefinden bekommen. Gibt es ein Problem damit? Du lebst doch hoffentlich gut bei ihnen?“
„Ja, es geht mir gut. Was waren das für Probleme und warum wolltet ihr mich in Sicherheit bringen?“
„Das ist egal, das musst du nicht wissen. Ich habe dir deine Fragen beantwortet, das sollte reichen.“ Sie kamen bei dem Japaner an und bestellten sich beide Sushi. Keiner redete mehr über das Thema. Zora merkte, dass er gereizt war, und wollte ihn nicht noch weiter provozieren, deshalb behielt sie ihren Kopf unten und aß ihr Sushi auf. Wieder bezahlte Zoran und bedankte sich für das köstliche Essen. Zora ging der Kommentar nicht aus dem Kopf, dass sie sehr hübsch sei. Neben ihrem Bruder sah sie bestimmt nicht hübsch aus. Er hatte dunkelblaue Augen und dunkelblonde Haare, einen sportlichen Körper und war immer sehr gut gekleidet. Wenn er lächelte, schmolzen die Frauen fast dahin, was Zora total übertrieben fand. Vielleicht lag es auch daran, weil sie seine Schwester war. Warum musste sie sich immer über solche unwichtigen Dinge Gedanken machen? Die beiden waren auf dem Weg nach Hause, zu Zoras Zuhause. Sie wollte nicht zurück und ging immer langsamer, umso näher sie kamen. „Jetzt reicht es Zora!“ Sie fuhr so heftig zusammen und stand wie erstarrt da, ihr ganzer Körper fing unkontrolliert an zu zittern. Zoran hatte sie so sehr angeschrien, wie sie es noch nie erlebt hatte bei ihm. Sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Zoran schubste sie gegen eine Wand, schlug seine Hände auf beiden Seiten dagegen und schaute seine kleine Schwester wütend an.
„Erkläre mich nicht für dumm! Ich merke ganz genau, dass etwas passiert ist. Du willst nicht zurück und du erstarrst, sobald etwas ist. Außerdem zitterst du am ganzen Körper vor Angst. Erzähl mir endlich, was verdammt noch mal passiert ist! Und fange nicht wieder an, dass es dir gut geht!“ Zora öffnete zwar den Mund, doch es kam kein Wort heraus, dafür aber traten Tränen aus ihren Augen und rollten an ihren Wangen herunter. Die Bilder von den Ereignissen überschlugen sich, diese Augen, die sie so anstarrten, das Grinsen, die Schmerzen, das Schreien. Sie sank auf den Boden und zog die Knie an sich, umfasste diese mit den Händen und weinte mit gesenktem Kopf. Zoran schaute sie an, doch nicht mehr sauer, sondern traurig. Er ging vor ihr in die Hocke und nahm sie in die Arme. „Entschuldige, wenn ich dir Angst gemacht habe. Ich kann einfach nur nicht mit ansehen, wie du leidest.“
„Halt mich einfach nur fest, Zoran, und lass mich bitte nicht los. Ich kann es dir nicht erzählen, es tut mir leid, wirklich. So sehr ich es auch will, ich kann es einfach nicht.“ Zoran erwiderte nichts mehr und hielt seine Schwester einfach, ohne ein Wort zu sagen, in den Armen. Sie ist so zerbrechlich und so ängstlich und schüchtern, sie könnte niemals einer Fliege was zuleide tun, was wurde ihr nur angetan? Er beschloss jemanden an ihre Seite zu stellen, der ein Auge auf sie haben sollte. Irgendwann würde er es erfahren, was man seiner Schwester angetan hatte. Langsam hörte Zora auf zu weinen und stand auf. Sie richtete den Blick immer noch nach unten und traute sich nicht ihren Bruder anzusehen. Langsam gingen sie weiter zum Haus, mittlerweile war es schon dunkel geworden und die Eltern standen an der Tür und warteten schon, Zora wusste, dass sie sauer waren, ohne dass sie es sehen musste. „Entschuldigung, dass es so lange gedauert hat. Ich war mit meiner Schwester noch essen und habe vergessen auf die Uhr zu schauen, während wir uns unterhielten.“
Beide schauten erst Zoran an und dann gingen die Blicke zu Zora. Sie blickte immer noch auf den Boden und krallte sich an Zoran fest. „Ist schon okay, wir wussten ja, dass sie mit Ihnen unterwegs ist.“ Zoran drückte seine Schwester noch einmal fest an sich und flüsterte ihr ein „Auf Wiedersehen“ zu. Dann ließ er sie los, gab ihr einen Kuss auf die Stirn und ging. Zora blickte ihm noch eine lange Zeit hinterher, bis er nicht mehr zu sehen war. Dann bemerkte sie, dass eine Hand ihren Arm packte und sie hereinzerrte. Es war der Herr, der sie wütend ansah und anfing sie anzuschreien. „Was hast du ihm erzählt und warum bist du total verheult? Du hast ihm etwas erzählt, stimmt’s?“
„Nein! Ich … ich habe wirklich nicht …“
„Schweig, du Lügnerin!“ Zora wurde in den Keller gezerrt und sie weinte und schrie, dass er sie loslassen sollte. Doch er hörte nicht und schubste sie in die Kammer. Hinter sich schloss er die Tür ab und nahm das Brett zur Hand. Zora sah nur noch, wie er ausholte, und schloss dann die Augen, als sie schrie. Der Schmerz war nicht auszuhalten und es brannte, als würde man sie mit Feuer verbrennen. Dann merkte sie nur noch, wie das Blut über ihren Rücken floss, bevor alles schwarz wurde.

Etwas Helles blendete Zora im Gesicht und sie spürte Schmerzen. Sie konnte ihre Augen nicht öffnen, weil das Licht zu grell war. Es dauerte ein paar Minuten, bis sie es schaffte, die Augen leicht aufzubekommen. „Wo bin ich hier? Das ist nicht mein Zimmer.“ Ihre Stimme war kaum hörbar. Sie setzte sich langsam auf und überlegte, was geschehen war und wie sie hierhergekommen war. Als Zora durch den Raum blickte, erkannte sie, dass es ein Krankenhauszimmer war. Erst jetzt bemerkte sie den Tropf und die Pflaster. Bei jeder Bewegung spürte sie den Schmerz, der über ihren Rücken fuhr. Langsam kamen die Gedanken wieder, mit dem Keller, die Schläge und die Behauptung, dass sie ihrem Bruder etwas erzählt hätte. Was haben die den Ärzten erzählt, wie das passiert ist? Als es klopfte, zuckte Zora heftig zusammen und schrie fast auf, konnte es aber gerade noch unterdrücken. „Oh, Sie sind wach. Wurde auch Zeit, Sie haben schließlich drei Tage geschlafen. Wir haben uns schon Sorgen gemacht. Können Sie sich erinnern, was passiert ist?“
„Nein, kann ich nicht“, log Zora, um zu erfahren, was die Eltern gesagt hatten.
„Sie sollen mit einem Fahrrad im Wald von einem Berg heruntergestürzt sein. Durch die Äste und Sträucher haben Sie schwere Wunden, aber keine Sorge, so wie es aussieht, wird später nichts mehr zu sehen sein.“
Das haben sie also erzählt, dachte Zora. Sind die Ärzte wirklich so dumm, um so was zu glauben? „Ja, klingt irgendwie nach mir. Wann darf ich hier raus?“
„Die Ärztin meinte, wenn alles gut geht, in sieben Tagen. Ich soll noch ausrichten, dass Ihrem Bruder Bescheid gesagt wurde und er bald hier sein müsste.“
„Danke für die Nachricht.“ Erst überlegte sie, ob man der Schwester vertrauen konnte, um die Wahrheit zu erzählen, hielt dann aber doch inne, weil sie nicht noch mehr Probleme haben wollte. Langsam lehnte sie sich zurück und schloss die Augen wieder. Nach einer Weile schlief sie wieder ein, weil ihr Körper zu erschöpft war von den ganzen Ereignissen.

„Zora? Zora, hörst du mich?“ Besorgt sah Zoran seine Schwester an und streichelte ihr über die Wange. In ihm kochte es vor Wut. Ihm kamen keine Zweifel mehr, dass die Familie ein dunkles Geheimnis hatte. Die Geschichte, dass Zora von einem Berg mit dem Fahrrad gestürzt sein sollte, hatte er von Anfang an nicht geglaubt. Dafür kannte Zoran sie zu gut. „Zo…ran …“, sein Blick ging sofort hoch auf ihr Gesicht. Ihr Lächeln war sehr schwach. Ihm kamen die Tränen, als er sie so sah. Langsam, als könnte sie bei jeder Berührung zerbrechen, streichelte er ihr über die Haare und küsste sie ganz vorsichtig auf die Stirn. „Ich bin so froh, dass du noch lebst. Wer hat dir das angetan?“
„Es bringt nichts mehr, dich anzulügen, oder?“ Zoran schaute seiner Schwester direkt in die Augen, legte seine Hand auf ihre und schüttelte leicht den Kopf.
„Hätte ich mir auch denken können. Es ist nicht einfach, das zu erzählen. Ich habe Angst, dass sie mich das nächste Mal umbringen.“
„Sie werden dir nichts mehr antun, das schwöre ich dir.“
„Ich hätte es dir so oder so erzählt, ich kann einfach nicht mehr darüber schweigen. Wenn wir nicht hören und machen, was sie sagen, dann bekommen wir Schläge. Es war das erste Mal vor ungefähr einem Monat, als ich mich mit den anderen über sie beschwert hatte. Die Herrin hat es gehört und dem Herrn erzählt. Bevor ich etwas verstehen konnte, hatte er mich schon in den Keller gezerrt und mit dem Stock ausgeholt. So war es auch an dem Tag, als du gegangen warst. Der Herr hat behauptet, ich hätte dir etwas erzählt, als ich es abstritt, nannte er mich eine Lügnerin und zerrte mich wieder in den Keller. Ich habe nur einen sehr starken Schmerz gespürt und sehr bald wurde vor meinen Augen alles schwarz. Die Schwester meinte, ich hätte drei Tage geschlafen.“
Ihr Kopf fing an wehzutun. Zoran bemerkte es und wollte schon nach einer Schwester klingeln, doch Zora nahm seine Hand und zog sie langsam davon weg. „Schon gut, ich brauche nichts. Als du dich von mir verabschiedet hast, sah ich noch lange hinter dir her. Ich habe gehofft, dass du wieder zurückkommen würdest, um mich mitzunehmen.“ Zoran schluckte seine Wut runter. Der Hass zerfraß ihn innerlich. Am liebsten wäre er zu dieser Familie gefahren, um ihnen alles heimzuzahlen. Doch seine Schwester brauchte ihn jetzt, das wusste Zoran. „Ich habe jemanden mitgebracht. Dass etwas nicht stimmte, wusste ich schon früher, auch wenn du nicht den Mund aufgemacht hast. Er wird auf dich aufpassen und immer ein Auge auf dich haben, auch wenn du ihn nicht sehen wirst, kannst du sicher sein, dass er an deiner Seite ist. Könntest du bitte hereinkommen, Leander?“ Zoran sah, dass seine Schwester etwas verwirrt war, das konnte er gut verstehen, wenn er in ihrer Situation gewesen wäre, würde er auch kein Wort verstehen. Zoran hoffte, dass Zora nicht weiter darauf einging. „Guten Tag, Zora. Du bist also die Schwester von meinem besten Freund? Hübsches Fräulein, muss ich schon sagen. Liegt wohl in der Familie.“
Zoran warf ihm einen wütenden Blick zu, der aber wieder verschwand, als Zoran das leichte verlegene Lächeln seiner Schwester sah. Er hatte recht, sie war wirklich sehr schön. Ihre dünne Figur und ihre langen hellblonden Haare passten zu ihrer blassen Haut und ihre wunderschönen großen Augen erinnerten Zoran an seine Mutter. Doch er wusste, dass es nicht sie war, wie sie geboren wurde. Ihr Wirkliches Ich war tief verschlossen worden, damit sie in Sicherheit sein konnte. Nun drohte aber seit langer Zeit schon keine Gefahr mehr. Ihre Eltern waren gefallen im Kampf und Zoran war verpflichtet sich nun um seine Schwester zu kümmern. Er wusste nicht, wie man die wirkliche Zora freilassen konnte, und auch nicht, wie er ihr überhaupt die Geschichte irgendwann erklären sollte. Bis dahin hatte er zum Glück noch Zeit, erst einmal musste er seine Wut unter Kontrolle bekommen, für Zora, und mit Leander reden. „Leander, könntest du bitte mal kurz mitkommen vor die Tür? Ich muss noch etwas Wichtiges mit dir besprechen.“ Zora blickte erst zu ihrem Bruder, dann zu Leander. Sie verstand nicht, warum ihr Bruder mit ihm alleine reden wollte. Zora fühlte sich erschöpft und beschloss sich wieder hinzulegen. Die Zeit im Krankenhaus sollte genutzt werden, um sich auszuruhen. Wenn die Zeit hier drin vorbei war und es dann wieder nach Hause gehen würde, fing der Stress wieder an.
5 Sterne
Sehr gut geschrieben!  - 29.10.2017
Jenny

Das Buch ist wirklich gut geschrieben und ich denke das es solche Fälle leider zu oft in dieser Welt gibt und das wir viel doller die Augen auf halten müssen! Ich danke dieser Autorin das sie die Bücherwelt mit diesem Buch bereichert!

5 Sterne
Sehr gutes Buch - 29.10.2017
Stefan

Ich hab dieses Buch mehrmals gelesen, die Geschichte ist sehr dramatisch und geht unter die Haut aber regt auch zum nachdenken an!Sehr empfehlenswert und sowas von einer Autorin die das nicht professionell macht - sehr tolL!

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