Science Fiction & Fantasy

Nigris – Nachtwandler

Florentine Klee

Nigris – Nachtwandler

Moiras Vermächtnis

Leseprobe:

Ein lautes Knacken ließ mich aufschrecken. Ich ließ das Licht meiner Taschenlampe zu meiner Uhr gleiten und fluchte leise vor mich hin. Es war bereits kurz nach elf. Wieder einmal hatte ich es nicht geschafft, mich an mein Vorhaben zu halten und pünktlich um zehn zu Hause zu sein. Während ich weiter vor mich hin schimpfte, suchte ich schnell meine Sachen zusammen, stopfte alles wild durcheinander in meine Tasche und wollte gerade den schmalen Weg zu meinem Fahrrad hinaufstürmen, als das laute Knacken sich wiederholte. Mein ganzer Körper erstarrte und in meinem Kopf hallten Laut die Worte: Da ist jemand, was mir eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Ich wagte es kaum zu atmen. Langsam bewegte ich das Licht der Taschenlampe in Richtung des Wäldchens hinter mir. Doch da war nichts … Nur Bäume und Sträucher und eine kleine Briese, die durch die Blätter wehte.
„Wer ist da?“, hörte ich mich trotzdem laut und deutlich sagen.
Ja klar! Wenn da jemand um diese Zeit durch das Dickicht watete, würde er sich sicher höflichst bei mir anmelden: „Hey ich bin Dave, freut mich dich kennenzulernen, ich bin hier, um dich auszurauben und zu vergewaltigen.“ Logo!
Ich stand immer noch steif wie ein Stock auf der Wiese und leuchtete den Waldrand ab. Nichts.
Jess, deine Fantasie geht gerade wieder einmal mit dir durch, da ist nichts, versuchte ich mich selber zu beruhigen.
Wahrscheinlich ein Waschbär oder ein Reh, von denen gibt es hier mehr als genug, fuhr ich weiter und stellte erleichtert fest, dass mein Herz wieder schlug, wenn auch in einem Tempo, als hätte ich einen fünfzig-Kilometer-Marathon hinter mir. Ich leuchtete ein letztes Mal den Wald ab und richtete die Taschenlampe wieder auf den Pfad vor mir.
Geh einfach zu deinem Fahrrad und fahr nach Hause. Und tatsächlich, meine Füße setzten sich in Bewegung und ich stolperte den steinigen Weg hinauf und schimpfte wieder leise vor mich hin. Das lenkte mich von dem unguten Gefühl in meinem Magen ab. Ich atmete ein wenig auf, als in dem strahlenden Kegel der Taschenlampe mein Fahrrad in Sichtweite kam.
Nur noch fünfzig Meter, redete ich mir wieder gut zu. In dem Moment flackerte meine Taschenlampe ein paarmal hell auf und entschied sich dann, den Geist aufzugeben.
„Mist verfluchter! Wie oft hab ich dir gesagt du sollst Ersatzbatterien mitnehmen“, schellte ich mich selber laut.
War ja wieder einmal klar. Die Taschenlampe vergaß ich seltsamerweise nie, aber dass das blöde Ding auch Energie brauchte, um zu funktionieren, soweit reichte mein Verstand nicht aus.
Und so was kriegt das Stipendium für Literatur an der Universität von London.
Toll, jetzt wurde ich auch noch so richtig sarkastisch. Ich meine, dass meine Fantasie mit mir durchging und die Panik sich mittlerweile in meinem ganzen Körper ausbreitete und mir deshalb so richtig Übel war, reichte nicht aus. Gott sei Dank war der letzte Vollmond erst ein paar Tage her und der beginnende Herbst ungewöhnlich mild und schön, sonst hätte ich wahrscheinlich nicht mal meine eigene Hand vor Augen erkannt. So erhellte mir der Mond den Weg und ich konnte immerhin die Umrisse meines Fahrrads erkennen. Ich steckte die Taschenlampe in das Seitenfach meiner Umhängetasche und richtete meinen Blick wieder auf den Weg. Doch der Weg war weg. Stattdessen waren da zwei rote Punkte, nur etwa ein Meter vor mir, und eine unmenschliche Stimme knarrte: „Oh was haben wir denn da? Ein Nigrisweibchen, ganz allein und unbewaffnet, mitten in der dunklen Nacht.“
Unfähig, mich zu bewegen - mein ganzer Körper bebte zwar, aber ich hatte keinerlei Kontrolle mehr über ihn -, starrte ich weiter die roten Punkte an. Ich konnte die Umrisse der Gestalt erkennen und die schienen halbwegs menschlich zu sein, aber diese Stimme. Schauer um Schauer jagten mir den Rücken hinunter. Die roten Punkte kamen näher und langsam wurde ein Gesicht erkennbar.
Augen!, klärte mein Verstand - beziehungsweise das was davon noch übrig war - mich auf.
Und wirklich, mittlerweile war die Gestalt mir so nahe gekommen, dass ich in dem leuchtenden Rot Pupillen erkennen konnte. Das Gesicht, das sich nun nur noch wenige Zentimeter vor meinem befand, hatte durchaus menschliche Züge, aber mein Bauch sagte mir ganz klar: Das ist kein Mensch! Die Augen waren, bis auf das seltsame rote Leuchten, durchaus mit denen eines Menschen zu vergleichen. Mund und Nase ebenso, wenn auch die Lippen eine unnatürlich, annähernd weiße Farbe hatten. Die Haare waren lang und strähnig und fielen unkontrolliert vom Scheitel herab. Die Haut im Gesicht war irgendwie seltsam schuppig und mehr als nur annähernd weiß.
Nun gut, vielleicht war es einfach ein Mensch, der dringend wieder einmal ein Bad brauchte, ertönte wieder eine Stimme in meinem Kopf und meine Nase bestätigte diesen unkontrollierten Gedanken, denn der Wind wehte mir in diesem Moment einen modrigen Geruch entgegen. Mein Magen rebellierte, doch ich schaffte es nach wie vor nicht, mich zu bewegen oder irgendetwas zu sagen, wie sollte ich mich da also bitte übergeben?
Die roten Augen weiteten sich, und als die Gestalt ihre Lippen öffnete, musste ich wirklich stark gegen meinen Würgereiz ankämpfen, denn das, was mir jetzt entgegenwehte, roch noch ekliger als die Gestalt selbst.
„Und dann auch noch ihre kleine Königin … entzückend.“
Irgendwie nahm mein Gehör die Worte auf, doch mein Verstand konnte sie nicht richtig verarbeiten. Wahrscheinlich stand ich kurz vor einem Herzinfarkt und mein Gehirn wurde nicht mehr ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt. Oder vielleicht hatte ich auch einen Nervenzusammenbruch … das würde dieses komische Etwas vor mir erklären. Ich sollte mich dringend ärztlich untersuchen lassen, wenn - nein, falls - ich die Gelegenheit dazu - noch - hätte.
Zwei klauenartige Hände packten mich an den Schultern und meinem Mund entwich ein unkontrolliertes Kieksen, was mich dazu brachte, tief einzuatmen, was wiederum dazu führte, dass mir die Galle die Speiseröhre hochkam.
Schrei endlich!, ermahnte mich die Stimme in meinem Kopf.
Ich würgte die Galle zurück in den Magen und konzentrierte mich ganz auf dieses eine Wort: Schrei. Schließlich schaffte ich es sogar meinen Mund zu öffnen, und wollte gerade probieren einen Laut auszustoßen, als die Klauen von meinen Schultern gerissen wurden und die roten Punkte aus meinem Blickfeld verschwanden. Ich hörte das Klirren von Metall, dann ein unnatürliches Aufkreischen und dann … tiefe Stille. Ich zwang meine Lungen, sich wieder mit Sauerstoff zu füllen, zu mehr war ich aktuell nicht in der Lage.
Atmen. Ein- und ausatmen. Atmen!, redete ich mir gut zu, um irgendwie die Panik loszuwerden, die meinen Körper immer noch an Ort und Stelle festhielt.
Renn endlich weg! Schau dass du wegkommst!, schrie mich die unkontrollierte Stimme in meinem Kopf an, doch ich konnte mich immer noch nicht richtig bewegen. Langsam drehte ich meinen Kopf in die Richtung, in welche die Gestalt verschwunden war. Nichts.
Ich konzentrierte mich weiter auf meinen Atem, der, wieder in einigermaßen regelmäßigen Stößen, ein- und ausfloss, und spürte, wie sich mein Herzschlag etwas beruhigte. Ich lenkte meine Gedanken auf meine starren Beine und konzentrierte mich darauf, einen Schritt nach vorne zu machen. Irgendwie setzte sich mein rechtes Bein vor mein linkes und ich machte eine wackelige Bewegung vorwärts … und knallte gegen eine Mauer. Wieder griffen mich zwei Hände fest an der Schulter, diesmal doch eindeutig menschlich, und hielten mich auf den Beinen. Ich musste den Kopf in den Nacken legen, um das Ende der Mauer zu erkennen.
„Junge Damen wie du sollten sich nicht um diese Zeit allein in der Dunkelheit herumtreiben. Die Nacht zieht dunkle Gestalten an“, sagte eine raue, aber durchaus menschliche Stimme zu mir.
Mein Herz machte wieder unregelmäßige, hastige Sprünge - dodong, dong, dododong - und ich musste meine ganze Kraft zusammennehmen, um die Luft wieder aus meiner Lunge zu pressen und diese erneut mit frischer Nachtluft zu füllen. Der Gestank der seltsamen Gestalt von vorher lag immer noch in der Luft, doch mein jetziges Gegenüber roch anders.
Leder!, flüsterte mein Verstand.
Mein Nacken fing an zu schmerzen, also ließ ich meinen Kopf wieder in eine halbwegs normale Position zurücksinken, während mein Blick langsam folgte und die Gestalt vor mir von Kopf bis zum Fuße abtastete.
Der Mann - ja, ich war mir absolut sicher, dass dies ein Mensch war, und kein stinkendes, hässliches Irgendwas - steckte vom Hals abwärts in schwarzem, matt glänzendem Leder. Es umschmeichelte seinen muskulösen Körper wie eine zweite Haut. Die Schultern waren breit - nicht so wie bei diesen hirnlosen Bodybuilder-Typen, sondern auf eine durchaus maskuline, anziehende Art und Weise. Er war groß und stand vor mir wie ein Fels. Trotzdem, sein Griff war stark, aber nicht bedrohlich, eher stützend. Seine Hände hatten nichts mit Klauen gemein. Ich fuhr mit den Augen wieder zu seinem Gesicht. Er hatte ein markantes, durchaus männliches Kinn und hohe Wangenknochen. Die Haare waren kurz und dunkel und ganz offensichtlich mit jeder Menge Gel nach hinten frisiert. Die etwas zu lange Nase trug eine dunkle Sonnenbrille und versperrte mir die Sicht auf seine Augen. Er war schön, das wusste ich sofort. Die Frauen würden Schlange stehen, um mit ihm ausgehen zu dürfen. Und - was für mich weitaus wichtiger war - er war nicht böse. Woher ich das wusste? Keine Ahnung. Doch mein Puls beruhigte sich zusehends und ich war langsam wieder fähig, einigermaßen normal zu atmen.
„Bist du okay?“
Auch wenn ich seine Augen nicht sehen konnte, wusste ich, dass diese meinen Körper nach allfälligen Verletzungen absuchten.
„I… ich denke ja“, hörte ich mich sagen und ich war froh, dass ich langsam wieder die Beherrschung über meine Stimme hatte.
„W… was war das?“, stotterte ich weiter.
„Ein Misgir. In deiner Welt wohl besser bekannt als Vampir. Ein Wesen der Dunkelheit“, antwortete die raue Stimme sachlich.
„W… w… was?“ Mann, musste ich mich dämlich anhören, also echt!
Mein Gegenüber ging nicht auf meine Frage ein und sagte erneut: „Du solltest dich nicht allein in der Nacht rumtreiben, sie ist nicht mehr sicher für dich.“
„F… für mich?“ Mein Hirn musste definitiv irgendeinen Schaden haben, davon war ich mittlerweile mehr als überzeugt. Ich meine, wie kann man sich sonst so lächerlich benehmen?
Mein Gegenüber schien das Ganze jedoch gar nicht zum Lachen zu finden, denn seine Lippen waren nach wie vor zu einer ernsten, fast geraden Linie zusammengepresst.
„Wer bist du?“ Unkontrolliert entwichen die Worte meinem Mund. Wenigstens hatte ich das Stottern langsam im Griff. Trotzdem bekam ich keine Antwort. Der Typ schien nicht sonderlich gesprächig zu sein, was mich irgendwie ein bisschen wütend machte. Hey, immerhin war ich gerade von irgendeinem - wie hatte er es genannt? Mis-was? Egal, ich war von einem echt ekligen Wesen angegriffen worden. Obwohl, ob es wirklich ein Angriff war oder nicht, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, immerhin hat das Ding mich nur an den Schultern festgehalten, genau wie der Typ jetzt auch. Nein, nicht genauso, es hatte sich bedrohlich angefühlt und ich war sicher gewesen, dass dieses Etwas nichts Gutes im Schilde führte. Der Typ hingegen war zwar ein bisschen mürrisch, aber definitiv nicht böse. Was er war? Keine Ahnung! Auf jeden Fall nicht unbedingt freundlich.
„Du könntest mich ruhig aufklären, was hier eben abgegangen ist, immerhin hat dieses Mis-was mich gerade in Todesangst versetzt. Ich finde, eigentlich hätte ich da schon die eine oder andere Erklärung verdient.“ Mein innerer Monolog hatte meine Wut angefacht und irgendwie die Panik aus meinen Gliedern vertrieben und meinen Verstand zum Laufen gebracht.
„Misgir“, korrigierte mich die Stimme ruhig und als die Lippen sich wieder schlossen, glaubte ich, ein winziges Lächeln darauf zu erkennen.
Toll, jetzt machte sich dieser Kerl auch noch über mich lustig. In mir begann es so richtig zu brodeln und ich machte mich gerade bereit, eine heftige Schimpftirade auf den Kerl abzufeuern, als dieser die Hände von meinen Schultern löste, sich leicht nach vorne beugte und die Sonnenbrille anhob. Ich sah, blau … kristallklares Meerwasser, ein sonniger Himmel … doch von einer Sekunde auf die andere verdunkelte sich die Farbe zu einem Saphirblau.
„Denk nicht mehr darüber nach! Geh nach Hause und schlaf dich ordentlich aus! Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus.“
Die Worte fuhren mir in Mark und Bein. Die Stimme war noch rauer geworden, so als hätte der Typ gerade eine Zigarre geraucht. Irgendwie brannten meine Augen und ich musste ein paarmal blinzeln, um wieder klar zu sehen. Vor mir lag der steinige Pfad. Meine Beine setzten sich wie ferngesteuert in Bewegung und ehe ich mich versah, saß ich auf meinem Fahrrad und raste die leere Straße entlang zu unserem Haus. Leise schloss ich die Tür auf und wieder zu, und schlich mich wie gewohnt ins Wohnzimmer. Die Zeiger der großen Pendeluhr an der gegenüberliegenden Wand zeigten fast schon auf ein Uhr. Mein Vater lag schlafend auf der Couch. War ja klar, dass er wieder mal auf mich gewartet hatte. Ich konnte seine Vorwürfe morgen früh schon hören. Toll gemacht, Jess, echt wahr!
Nun denn, ich schnappte mir die Decke von der Armlehne, deckte ihn ordentlich zu und schlich die Treppe rauf in mein Zimmer. Ohne mich umzuziehen oder die Zähne zu putzen, kroch ich in mein Bett und schlief sofort ein.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 372
ISBN: 978-3-99064-307-5
Erscheinungsdatum: 25.07.2018
Durchschnittliche Kundenbewertung: 4
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