Navigator 3
Der Preis der Freundschaft
EUR 26,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 226
ISBN: 978-3-99130-613-9
Erscheinungsdatum: 03.10.2024
Stell dir vor, du müsstest wählen zwischen deinem eigenen Leben und der Unversehrtheit vieler. Stelle dir nun vor, dass beide Optionen für jeden die Hölle bedeuteten. Was würdest du tun?
1.
***
Das Ende einer Reise
Mayï ging in die Hocke, fletschte die Zähne und biss auf die Glasscherbe, die aus seiner rechten Handfläche herausragte. Mit der anderen Hand klammerte er sich an die Kante des Klapptisches. Das Schiff bebte und rüttelte, er konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Er wappnete sich gegen den Schmerz und mit einem Ruck zog er die Scherbe heraus, dabei verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. Er stöhnte. Das tat höllisch weh! Aber es half ja nichts, das Ding musste raus, so schnell wie möglich. Neben ihm fiel ein Wischlappen vom Tisch zu Boden; er spie vorsichtig die Scherbe aus, griff mit der verletzten Hand nach dem Tuch und steckte sich einen Zipfel in den Mund. Das andere Ende klemmte er in die Falte zwischen Daumen und Zeigefinger und wickelte mit schnellen Drehungen des Handgelenks das Tuch um seine Hand, bis es die Wunde bedeckte. Die Trümmer des zerschellten Glases kullerten klirrend über den Boden bis zur Wand; dann wechselten sie die Richtung und schlitterten zur Mitte der kleinen Kombüse zurück. Die Bodengravitation des Schiffes war defekt; anstatt unter dem Schiffsbauch zu verharren, verlagerte sie sich nun in unregelmäßigen Abständen von einer Seite zur anderen. Es hatte den Anschein, als versuchte der Springer verzweifelt, etwas abzuschütteln. Etwas, das durch sein Magnetfeld gedrungen war und ihm übel zusetzte. Anders konnte er sich nicht erklären, was gerade passierte.
Auf allen vieren kriechend bewegte sich Mayï auf die Tür zu, die von der Kombüse auf den Korridor führte. Er versuchte, seine verletzte Hand, so gut es ging, zu schonen, und stützte sich auf der Innenseite seines Handgelenks ab. Einmal warf ihn eine heftige Erschütterung gegen die Wand, und er fluchte. Die Stille war gespenstisch, die einzigen Geräusche kamen aus der Kombüse: die klirrenden Scherben, das Geklapper der Geräte, das Scheppern des wenigen Geschirrs in dem kleinen Schrank. Kein kreischendes Metall, keine knarrenden Spanten – sein Springer war ein lebendes Wesen, seine Struktur organisch und nachgiebig. Dennoch war offensichtlich, dass etwas ganz und gar nicht stimmte – selbst, wenn sein Schiff sich gelegentlich störrisch verhielt, sogar bockte, sein Gravitationsfeld blieb dabei stets konstant.
Er streckte einen Arm aus und drückte auf den Öffnungsmechanismus der Tür; sie verschwand in der Wand, und nun konnte er unten im Steuerraum seinen Piloten schreien hören, ein schrilles Quietschen, das aus dem Salzwassertank drang, in dem er lebte. Als wäre das nicht schon schlimm genug, dröhnte die Übersetzungsanlage durch den Korridor, formte das Quietschen zu Worten: „Mayï! Hilfe! Es tut so weh!“
Sein Verstand raste. Was, in aller Welt, war geschehen? Nur ein paar Augenblicke zuvor hatte er noch mitten in seiner abendlichen Routine gesteckt und sich zum Schlafen fertig gemacht, in einem Ritual, das ihm so vertraut war, dass er vollkommen abschalten konnte. Bewegungen, die zum Automatismus geworden waren, nach den vielen Tagen, die er schon auf dem Springer verbrachte: Er hatte sich in der winzigen Kombüse ein Glas warme Milch zubereitet und es ausgetrunken, war dann zur Hygienestation auf der anderen Seite des Korridors gegangen, um seine Zahnreinigungsschiene zu holen. Während er auf dem sanft vibrierenden, weichen Apparat herumkaute, war er zur Kombüse zurückgekehrt. Als er eben das benutzte Glas in den Geschirrreiniger hatte stellen wollen, riss ihn ein gewaltiger Schlag von den Füßen und schleuderte ihn gegen die Gerätewand der Kombüse. Er war nicht im Geringsten darauf vorbereitet gewesen und hatte reflexartig die Arme vor sich ausgestreckt, um den Aufprall abzumildern. Das Glas in seiner Hand hatte er völlig vergessen, bis es beim Kontakt mit der Metallhülle des Nahrungszubereiters zerschellte und sich eine Scherbe tief in seine Handfläche bohrte.
Mayï zog sich am Türrahmen hoch, stürzte zur Treppe und taumelte die Stufen hinunter zur Navigationskonsole, wo er sich in den Sessel fallen ließ. Der Springer rüttelte wie ein ruderloses Schiff auf stürmischer See.
„Zurückziehen! Ich übernehme!“, rief er.
„So weeeh!“
„Zieh dich aus den Nervenbahnen zurück! Das ist ein Befehl!“
Hastig, aber präzise, flogen seine Finger über die Bedienelemente der Konsole. Panik konnte er sich jetzt nicht erlauben. Sämtliche Alarmlämpchen blinkten, die Anzeigen daneben meldeten durchweg schlechte Neuigkeiten. Magnetische Feldintegrität: gefährdet; Schwerkraftausgleich: unkontrolliert fluktuierend; Luft- und Wasserdruck: rapide sinkend; Hüllenbruch auf Höhe des Hangardecks.
Mayï versiegelte von der Konsole aus das Schott zum Hangar, damit nicht noch mehr Sauerstoff durch die beschädigte Hülle entwich. Damit waren die Vorräte und der kleine Flieger unerreichbar geworden. Sein Pilot hatte trotz aller Panik schnell reagiert und die wassergefüllten Gleitkanäle bereits abgedichtet, die zum Hangardeck führten.
„Etwas hat uns gerammt!“, hörte er hinter sich Pfeifer rufen, er schien sich ein wenig beruhigt zu haben, nun, da er seine hochempfindlichen Fadententakel aus dem Nervensystem des Springers zurückgezogen hatte und die primitiven Empfindungen des organischen Schiffes nicht mehr ungefiltert miterlebte. „Das war weder ein Himmelskörper noch ein kosmisches Phänomen, unsere Instrumente hätten lange vor dem Aufprall angeschlagen.“
„Wir sind nicht nur gerammt worden, etwas hat das Magnetfeld durchdrungen und die Hülle aufgeschlitzt“, rief Mayï. Nun, da er an seinem gewohnten Platz saß und die Situation einzuschätzen versuchte, reagierte sein Körper: Das anfängliche dumpfe Pochen in seiner Hand steigerte sich zu einem glühenden Schmerz, ihm wurde schlecht, als der Schock mit leichter Verzögerung einsetzte. Mit schierer Willenskraft drängte Mayï die heranrollende Welle der Übelkeit zurück, das war jetzt der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, um in Ohnmacht zu fallen.
„Dazu ist kein natürliches Objekt in der Lage. Das Magnetfeld lässt sich nur mit einem neutralen Quantenfeldmodulator durchstoßen. Das war Absicht! Aber wie konnte das nur passieren?“
Ja, wie nur? Nach all den Vorsichtsmaßnahmen, die sie getroffen hatten, eben um böse Überraschungen dieser Art zu verhindern?
***
Mayïs Eltern hatten viel Zeit und Sorgfalt auf die Planung seiner Reiseroute verwendet, die ihn zu einer Reihe ausgewählter Sonnensysteme führen sollte, um dort Freunde zu treffen, Neues zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Doch nachdem er bereits auf der Erde, seiner zweiten Etappe, von den alten Gegnern seiner Eltern angegriffen worden war, hatte sein Vormund und Mentor, Großmeister Ni, beschlossen, eine neue Strecke festzulegen; nur er und das Team des Springers kannten ihren Verlauf. Nachrichten und Berichte mussten Mayï und sein Pilot auf kleine, verschlüsselte Kommunikationsbojen überspielen und an vereinbarten Koordinaten absetzen, denn direkte Verbindungen über das Kommunikationsnetz der Gemeinschaft – selbst codierte – waren zu unsicher und hätten die Position ihres Springers verraten können.
Auf diese Art, so hoffte Ni, würde Mayï seinen Verfolgern immer einen Schritt voraus sein, hätte ein Etappenziel bereits verlassen, wenn sie dort eintrafen.
Etwa einhundert Tage lang hatte dieser Plan bestens funktioniert.
Er hatte Sar besucht, den Heimatplaneten von Pao, einer Meisterschülerin seines Vaters – eine schöne Welt, ursprünglich und wild. Die Völker auf den besiedelten Kontinenten lebten noch als Jäger und Sammler, immer ihrer Beute hinterherziehend. Ihre Zelte und Ausrüstung zogen sie auf hölzernen Schlitten hinter sich her, Reit- und Lasttiere kannten sie nicht. Auf dem gesamten Planeten ließ sich keine sesshafte Zivilisation finden. Mayï hatte sich einen Stamm zur Beobachtung ausgewählt, der sein Lager am Waldrand in der Nähe eines Sees aufgeschlagen hatte. Er blieb in respektvoller Distanz, versuchte aber nicht, seine Anwesenheit vor ihnen zu verbergen. Die Einheimischen wussten ohnehin um die Existenz der Gemeinschaft, aus der Mayï selbst stammte, und das nicht nur wegen der Rekrutierer, die ihre Heimatwelt durchstreiften auf der Suche nach potenziellen neuen Mitgliedern, so wie sein Vater einst Pao rekrutiert hatte; gelegentlich landeten Fähren, um Frischwasser für die Tanks der Langstreckenschiffe aufzunehmen oder ein seltenes Metall zu bergen, für das keines der indigenen Völker Verwendung hatte. Rekrutierer und Bodenmannschaften gingen diskret und umsichtig vor, um nicht als Eindringlinge, geschweige denn als Feinde wahrgenommen zu werden, schließlich war der Planet eine wertvolle Rohstoffquelle, seine Bewohner exzellente Kämpfer und wie gemacht für die Schulen der Gemeinschaft. Die Fremden waren den Stämmen eher lästig, als dass sie eine Bedrohung darstellten, Mayï war da keine Ausnahme. Er hatte gebührenden Abstand gehalten, einen großen Bogen um ihre heiligen Stätten gemacht und ihre Lebensweise studiert, die Jäger und Sammler hatten ihrerseits den fremden Jungen im Auge behalten und waren ansonsten ihren Beschäftigungen nachgegangen. Keine der beiden Seiten hatte versucht, Kontakt aufzunehmen.
Er war auf Herim gewesen, der Heimatwelt mehrerer seiner Freunde und zusammen mit Paadir, Num und Hamhaddith eine der ältesten Gründerwelten der Gemeinschaft. Er hatte die Pilotenschule dort besucht und eine Menge dazugelernt – insgeheim hoffte er, mit den neuen Tricks sogar Hedda, Herima und beste Fliegerpilotin der Gemeinschaft, verblüffen zu können. Sie hatte ihn bislang stets für einen überdurchschnittlich guten, aber nicht herausragenden Fliegerpiloten gehalten, und er hatte es nicht erwarten können, ihr erstauntes Gesicht zu sehen. Eigentlich hätte er sich in wenigen Tagen mit einem Springer treffen sollen, der unter ihrem Kommando stand; Ni kümmerte sich von der Erde aus um die Koordinierung, er unterrichtete dort die Krieger des Stützpunktes und musste sich darauf verlassen können, dass Mayï und sein Pilot den Zeitplan genauestens einhielten.
Nachdem sie den Orbit von Herim verlassen hatten und sich auf dem vereinbarten Zickzackkurs zu ihrem nächsten Ziel befanden, war Mayï zunehmend lustloser geworden; die letzten Tage vor dem Angriff war er routiniert, aber ohne die übliche Begeisterung durch sein Arbeitsprogramm gegangen, das ihm seine Lehrer mit auf den Weg gegeben hatten. Am Morgen der Herbst-Tagundnachtgleiche schließlich war seine Laune an ihrem Tiefpunkt angelangt, am liebsten hätte er die Decke über den Kopf ziehen und im Bett bleiben wollen. Vor genau einem Jahr hatte er auf unfassbar brutale Weise seine Eltern verloren, seit jenem Tag war nichts mehr gewesen wie zuvor: Er war vom sorglosen und wohlbehüteten Kind zum Gejagten geworden, innerhalb weniger Augenblicke in eine grausame Wirklichkeit katapultiert worden, in der er allein für seine Sicherheit sorgen musste. Zu allem Überfluss war der ursprüngliche Plan seiner Eltern, ihn auf die Reise zu schicken, damit er möglichst großen Abstand zu ihren Gegnern auf der Kernwelt gewann, gescheitert. Mehrere von ihnen waren ihm bis zur Erde gefolgt, hatten sogar auf ihn geschossen, als Warnung, dass sie ihn jederzeit vernichten konnten. Und auch, wenn es Ni und der Besatzung des Stützpunktes unter der Führung von Kommandant Sun gelungen war, diese eine Gruppe dingfest zu machen, war die Gefahr längst nicht gebannt. Ni konnte Mitglieder der Gemeinschaft nicht ewig festhalten; außerdem bestand kein Zweifel daran, dass die Verfolger Teil einer größeren Gruppierung waren, die dort weitermachen würde, wo ihre Mitstreiter versagt hatten.
Ja, Mayï hatte allen Grund, deprimiert zu sein. Doch er war vor allen Dingen Navigator und verantwortlich für die Sicherheit seines Teams, er konnte sich nicht zurückziehen, bloß weil ihm gerade danach war, denn hier draußen mussten sie sich aufeinander verlassen können. Also hatte er getan, was er in diesen Situationen stets tat: Er hatte seinen Kummer hinuntergeschluckt, war aufgestanden wie jeden Tag und hatte weitergemacht, beharrlich, verbissen, niemals nachlässig.
Sein Pilot war feinfühlig genug gewesen, ihn nicht auf seine getrübte Laune anzusprechen; Mayï hatte ihm vor Monaten alles erzählt, was damals vorgefallen war, die rohe, ungeschönte Wahrheit, und Pfeifer ahnte, wie dem Jungen in diesen Tagen zumute sein musste.
Nun starrten sie beide durch das Große Bullauge des Springers, der Junge von seiner Konsole aus, sein Pilot aus seinem Salzwassertank heraus, sahen die Kommunikationsbojen, Dutzende von ihnen, die durch das Loch in der Hülle aus dem Hangardeck ins All hinausgerissen worden waren und nun nutzlos dahintrieben.
Mayï hatte einen Notruf abgesetzt, sobald er die Konsole erreicht hatte, doch er wusste nicht, ob überhaupt ein Schiff der Gemeinschaft in der Nähe war, um rechtzeitig zu Hilfe zu kommen. Hedda und ihr Team jedenfalls waren noch viel zu weit weg. Vielleicht würde das Signal auch vorher abgefangen und zerstreut werden, sodass niemand von dem Angriff erfuhr. Wenn der kleine Springer und seine Besatzung nicht in den nächsten Tagen an den vereinbarten Koordinaten eintrafen, würde sich Hedda Sorgen machen und nach ihnen suchen. Doch was würde sie vorfinden? Einen havarierten Springer, der Sauerstoff entwichen durch die geborstene Außenhülle, in einer Wolke aus gefrorenen Wassertropfen treibend? Einen Haufen Trümmer?
Blut tropfte von seiner Hand auf die Konsole, das schmutzige Tuch war bereits durchtränkt. Er wischte mit dem Ärmel seines Schlafanzugs über die Konsole und verteilte das Blut nur noch mehr; breite Schlieren behinderten die Sicht auf die Anzeigen. Wieder fluchte er.
Ein weiteres Zittern erfasste den Springer, Mayï drehte der Kopf, als die rastlose Bodengravitation kurz stärker wurde.
„Er versucht zu fliehen!“, meldete Pfeifer. „Er will springen!“
Ein ausgewachsener Springer konnte riesige Distanzen überbrücken, indem er von einem Punkt im Raum zu einem anderen „hüpfte“, am Raumgefüge vorbei. Dazu krümmte er den Rumpf, erhöhte gleichzeitig sein Gravitationsfeld um ein Vielfaches und schnellte zurück; die dadurch freigesetzte Energie katapultierte ihn aus dem Standardraum hinaus direkt zum vorprogrammierten Ort. Voraussetzung für einen technisch einwandfreien Sprung war ein stabiler Wasserdruck in den Wänden des Springers – und ein erfahrener Pilot, ein Chloeopside, der sich mit seinen feinen Fäden in das Nervensystem des Springers einloggen konnte und das Schiff auf diese Art kontrollierte. Bei Pfeifers allererstem Sprung hatte sich Mayï eine blutige Nase geholt, doch inzwischen beherrschte sein Pilot das kleine Schiff so gut, dass sie mühelos große Strecken zurücklegten.
Ein Springer war aber auch ein organisches Schiff, ein Lebewesen ohne Verstand und allein von seinem Instinkt gesteuert; nun befahl ihm sein primitiver Selbsterhaltungstrieb, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Doch mit einem Riss in der Außenwand und ohne den optimalen und für einen Sprung notwendigen Wasserdruck in den Kanälen …
„Auf keinen Fall, seine Hülle ist beschädigt. Ein Sprung würde ihn in Stücke reißen! Du musst ihn davon abhalten. Versuche, ihn zu bändigen! Ich probiere von hier aus das Gleiche.“
Gemeinsam brachten sie den Springer wieder unter ihre Kontrolle; er bockte und taumelte, setzte jedoch nicht erneut zum Sprung an. Die Bodengravitation sank wieder gegen Normal, verlagerte sich aber weiterhin unvorhersehbar von einer Seite des Rumpfes zur anderen und zurück.
Ein harter Aufprall warf Mayï aus seinem Sessel. Der unbekannte Angreifer hatte sie erneut gerammt. Lange würde der Springer diese Attacken nicht mehr aushalten.
„Du musst das Schiff sofort verlassen!“, rief sein Pilot. „Nimm den Flieger und bring dich in Sicherheit.“
Mayï kletterte mühsam wieder in seinen Sessel.
„Negativ! Das Hangardeck ist versiegelt.“
„Ich setze dir ein Portal direkt ins Cockpit!“
„Nein! Glaubst du allen Ernstes, ich würde dich hier allein zurücklassen?“
„Getrennt wären unsere Überlebenschancen besser.“
„Sie wären ebenso lausig wie jetzt gerade. Wer immer da draußen auf uns Jagd macht, würde mich im Flieger auch erwischen.“
„Spürst du irgendwen? Irgendetwas? Empfängst du mehr als die Schiffssensoren?“
Mayï wünschte, er täte es; gleich bei der ersten Kollision hatte er seine Sinne auf das Umfeld seines Springers gerichtet und den Raum sondiert; doch er fühlte nichts, keine Präsenz, keine Gedanken. Wie sollte er sich gegen einen Angreifer wehren, den er nicht einmal erspüren konnte?
„Nein, sie müssen dazugelernt haben seit unserer letzten Begegnung.“
„Glaubst du, das sind Tosch Wi-Par und die anderen? Die wurden doch eingesperrt und zur Kernwelt zurückgeschickt.“
„Ich glaube, dass man sie freigelassen hat, sobald sie dort angekommen sind; sie haben dort viele Unterstützer, ganz sicher haben die Druck ausgeübt oder Versprechungen gemacht, damit ihre Kumpel freikommen. Und die wiederum müssen sie gewarnt haben, dass ich sie aufspüren kann. Wenn ich weiß, wonach ich suchen muss.“
„Sie sind uns also gefolgt. Was haben sie vor?“
Noch ehe Mayï antworten konnte, dass er keine Ahnung hatte, erfolgte eine letzte Kollision, und das Magnetfeld des kleinen Springers kollabierte vollends. Blitze tauchten aus dem Nichts auf, zuckten über den Boden und die Wände, schlängelten sich um die Konsole, überlasteten ihre Schaltkreise und ließen sie Funken sprühen; das dünne Metallglas der Displays verformte sich durch die Hitze und den Druck der winzigen Explosionen; das Große Bullauge, das die Front des Steuerraums einnahm, und durch das Mayï vor einer Sekunde noch den dunklen und – bis auf die dahintreibende Fracht aus dem zerstörten Hangardeck – leeren Weltraum hatte sehen können, lud sich statisch auf, wurde milchig trüb. Die Schwerkraft versagte, und Mayï spürte, wie er abhob. Ohne Gravitation konnte das über die Konsole verschmierte Blut seine Zellen verbinden, kleine rote Tröpfchen formten sich und begannen durch die Luft zu schweben.
Die Konsole stand unter Strom, er konnte sich nicht daran festhalten. Er wollte nach der Rückenlehne seines Sessels greifen, doch sie war bereits außer Reichweite. Immer noch unter Schock stehend kam er gar nicht auf den Gedanken, sein Potential einzusetzen, um seinen treibenden Körper zu steuern, es passierte alles viel zu schnell.
Sein Pilot schrie vor Qual, als der Energiefluss seinen Weg durch die Wände in die Wasserkanäle fand. Die Blitze lösten sich von der Oberfläche der Objekte und zuckten durch den Raum der Steuerzentrale. Mayï musste ihnen ausweichen, wenn er nicht gegrillt werden wollte, er musste sie von sich fernhalten. Er ruderte mit den Armen, kickte mit den Füßen, wand und drehte sich. Seine Reflexe waren schnell, doch die Blitze waren überall, bildeten ein irre zuckendes Muster; mehrere von ihnen trafen Mayï gleichzeitig an seinen Extremitäten. Er schrie kurz auf, als der Strom durch seinen Körper fuhr; jede einzelne Muskelfaser verkrampfte unter dem Energiestoß, sein Körper erstarrte, seine Atmung setzte aus. Er spürte noch, wie sein Herzschlag aus dem Rhythmus geriet.
Dann verlor er das Bewusstsein.
...
***
Das Ende einer Reise
Mayï ging in die Hocke, fletschte die Zähne und biss auf die Glasscherbe, die aus seiner rechten Handfläche herausragte. Mit der anderen Hand klammerte er sich an die Kante des Klapptisches. Das Schiff bebte und rüttelte, er konnte sich kaum mehr auf den Beinen halten. Er wappnete sich gegen den Schmerz und mit einem Ruck zog er die Scherbe heraus, dabei verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. Er stöhnte. Das tat höllisch weh! Aber es half ja nichts, das Ding musste raus, so schnell wie möglich. Neben ihm fiel ein Wischlappen vom Tisch zu Boden; er spie vorsichtig die Scherbe aus, griff mit der verletzten Hand nach dem Tuch und steckte sich einen Zipfel in den Mund. Das andere Ende klemmte er in die Falte zwischen Daumen und Zeigefinger und wickelte mit schnellen Drehungen des Handgelenks das Tuch um seine Hand, bis es die Wunde bedeckte. Die Trümmer des zerschellten Glases kullerten klirrend über den Boden bis zur Wand; dann wechselten sie die Richtung und schlitterten zur Mitte der kleinen Kombüse zurück. Die Bodengravitation des Schiffes war defekt; anstatt unter dem Schiffsbauch zu verharren, verlagerte sie sich nun in unregelmäßigen Abständen von einer Seite zur anderen. Es hatte den Anschein, als versuchte der Springer verzweifelt, etwas abzuschütteln. Etwas, das durch sein Magnetfeld gedrungen war und ihm übel zusetzte. Anders konnte er sich nicht erklären, was gerade passierte.
Auf allen vieren kriechend bewegte sich Mayï auf die Tür zu, die von der Kombüse auf den Korridor führte. Er versuchte, seine verletzte Hand, so gut es ging, zu schonen, und stützte sich auf der Innenseite seines Handgelenks ab. Einmal warf ihn eine heftige Erschütterung gegen die Wand, und er fluchte. Die Stille war gespenstisch, die einzigen Geräusche kamen aus der Kombüse: die klirrenden Scherben, das Geklapper der Geräte, das Scheppern des wenigen Geschirrs in dem kleinen Schrank. Kein kreischendes Metall, keine knarrenden Spanten – sein Springer war ein lebendes Wesen, seine Struktur organisch und nachgiebig. Dennoch war offensichtlich, dass etwas ganz und gar nicht stimmte – selbst, wenn sein Schiff sich gelegentlich störrisch verhielt, sogar bockte, sein Gravitationsfeld blieb dabei stets konstant.
Er streckte einen Arm aus und drückte auf den Öffnungsmechanismus der Tür; sie verschwand in der Wand, und nun konnte er unten im Steuerraum seinen Piloten schreien hören, ein schrilles Quietschen, das aus dem Salzwassertank drang, in dem er lebte. Als wäre das nicht schon schlimm genug, dröhnte die Übersetzungsanlage durch den Korridor, formte das Quietschen zu Worten: „Mayï! Hilfe! Es tut so weh!“
Sein Verstand raste. Was, in aller Welt, war geschehen? Nur ein paar Augenblicke zuvor hatte er noch mitten in seiner abendlichen Routine gesteckt und sich zum Schlafen fertig gemacht, in einem Ritual, das ihm so vertraut war, dass er vollkommen abschalten konnte. Bewegungen, die zum Automatismus geworden waren, nach den vielen Tagen, die er schon auf dem Springer verbrachte: Er hatte sich in der winzigen Kombüse ein Glas warme Milch zubereitet und es ausgetrunken, war dann zur Hygienestation auf der anderen Seite des Korridors gegangen, um seine Zahnreinigungsschiene zu holen. Während er auf dem sanft vibrierenden, weichen Apparat herumkaute, war er zur Kombüse zurückgekehrt. Als er eben das benutzte Glas in den Geschirrreiniger hatte stellen wollen, riss ihn ein gewaltiger Schlag von den Füßen und schleuderte ihn gegen die Gerätewand der Kombüse. Er war nicht im Geringsten darauf vorbereitet gewesen und hatte reflexartig die Arme vor sich ausgestreckt, um den Aufprall abzumildern. Das Glas in seiner Hand hatte er völlig vergessen, bis es beim Kontakt mit der Metallhülle des Nahrungszubereiters zerschellte und sich eine Scherbe tief in seine Handfläche bohrte.
Mayï zog sich am Türrahmen hoch, stürzte zur Treppe und taumelte die Stufen hinunter zur Navigationskonsole, wo er sich in den Sessel fallen ließ. Der Springer rüttelte wie ein ruderloses Schiff auf stürmischer See.
„Zurückziehen! Ich übernehme!“, rief er.
„So weeeh!“
„Zieh dich aus den Nervenbahnen zurück! Das ist ein Befehl!“
Hastig, aber präzise, flogen seine Finger über die Bedienelemente der Konsole. Panik konnte er sich jetzt nicht erlauben. Sämtliche Alarmlämpchen blinkten, die Anzeigen daneben meldeten durchweg schlechte Neuigkeiten. Magnetische Feldintegrität: gefährdet; Schwerkraftausgleich: unkontrolliert fluktuierend; Luft- und Wasserdruck: rapide sinkend; Hüllenbruch auf Höhe des Hangardecks.
Mayï versiegelte von der Konsole aus das Schott zum Hangar, damit nicht noch mehr Sauerstoff durch die beschädigte Hülle entwich. Damit waren die Vorräte und der kleine Flieger unerreichbar geworden. Sein Pilot hatte trotz aller Panik schnell reagiert und die wassergefüllten Gleitkanäle bereits abgedichtet, die zum Hangardeck führten.
„Etwas hat uns gerammt!“, hörte er hinter sich Pfeifer rufen, er schien sich ein wenig beruhigt zu haben, nun, da er seine hochempfindlichen Fadententakel aus dem Nervensystem des Springers zurückgezogen hatte und die primitiven Empfindungen des organischen Schiffes nicht mehr ungefiltert miterlebte. „Das war weder ein Himmelskörper noch ein kosmisches Phänomen, unsere Instrumente hätten lange vor dem Aufprall angeschlagen.“
„Wir sind nicht nur gerammt worden, etwas hat das Magnetfeld durchdrungen und die Hülle aufgeschlitzt“, rief Mayï. Nun, da er an seinem gewohnten Platz saß und die Situation einzuschätzen versuchte, reagierte sein Körper: Das anfängliche dumpfe Pochen in seiner Hand steigerte sich zu einem glühenden Schmerz, ihm wurde schlecht, als der Schock mit leichter Verzögerung einsetzte. Mit schierer Willenskraft drängte Mayï die heranrollende Welle der Übelkeit zurück, das war jetzt der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, um in Ohnmacht zu fallen.
„Dazu ist kein natürliches Objekt in der Lage. Das Magnetfeld lässt sich nur mit einem neutralen Quantenfeldmodulator durchstoßen. Das war Absicht! Aber wie konnte das nur passieren?“
Ja, wie nur? Nach all den Vorsichtsmaßnahmen, die sie getroffen hatten, eben um böse Überraschungen dieser Art zu verhindern?
***
Mayïs Eltern hatten viel Zeit und Sorgfalt auf die Planung seiner Reiseroute verwendet, die ihn zu einer Reihe ausgewählter Sonnensysteme führen sollte, um dort Freunde zu treffen, Neues zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Doch nachdem er bereits auf der Erde, seiner zweiten Etappe, von den alten Gegnern seiner Eltern angegriffen worden war, hatte sein Vormund und Mentor, Großmeister Ni, beschlossen, eine neue Strecke festzulegen; nur er und das Team des Springers kannten ihren Verlauf. Nachrichten und Berichte mussten Mayï und sein Pilot auf kleine, verschlüsselte Kommunikationsbojen überspielen und an vereinbarten Koordinaten absetzen, denn direkte Verbindungen über das Kommunikationsnetz der Gemeinschaft – selbst codierte – waren zu unsicher und hätten die Position ihres Springers verraten können.
Auf diese Art, so hoffte Ni, würde Mayï seinen Verfolgern immer einen Schritt voraus sein, hätte ein Etappenziel bereits verlassen, wenn sie dort eintrafen.
Etwa einhundert Tage lang hatte dieser Plan bestens funktioniert.
Er hatte Sar besucht, den Heimatplaneten von Pao, einer Meisterschülerin seines Vaters – eine schöne Welt, ursprünglich und wild. Die Völker auf den besiedelten Kontinenten lebten noch als Jäger und Sammler, immer ihrer Beute hinterherziehend. Ihre Zelte und Ausrüstung zogen sie auf hölzernen Schlitten hinter sich her, Reit- und Lasttiere kannten sie nicht. Auf dem gesamten Planeten ließ sich keine sesshafte Zivilisation finden. Mayï hatte sich einen Stamm zur Beobachtung ausgewählt, der sein Lager am Waldrand in der Nähe eines Sees aufgeschlagen hatte. Er blieb in respektvoller Distanz, versuchte aber nicht, seine Anwesenheit vor ihnen zu verbergen. Die Einheimischen wussten ohnehin um die Existenz der Gemeinschaft, aus der Mayï selbst stammte, und das nicht nur wegen der Rekrutierer, die ihre Heimatwelt durchstreiften auf der Suche nach potenziellen neuen Mitgliedern, so wie sein Vater einst Pao rekrutiert hatte; gelegentlich landeten Fähren, um Frischwasser für die Tanks der Langstreckenschiffe aufzunehmen oder ein seltenes Metall zu bergen, für das keines der indigenen Völker Verwendung hatte. Rekrutierer und Bodenmannschaften gingen diskret und umsichtig vor, um nicht als Eindringlinge, geschweige denn als Feinde wahrgenommen zu werden, schließlich war der Planet eine wertvolle Rohstoffquelle, seine Bewohner exzellente Kämpfer und wie gemacht für die Schulen der Gemeinschaft. Die Fremden waren den Stämmen eher lästig, als dass sie eine Bedrohung darstellten, Mayï war da keine Ausnahme. Er hatte gebührenden Abstand gehalten, einen großen Bogen um ihre heiligen Stätten gemacht und ihre Lebensweise studiert, die Jäger und Sammler hatten ihrerseits den fremden Jungen im Auge behalten und waren ansonsten ihren Beschäftigungen nachgegangen. Keine der beiden Seiten hatte versucht, Kontakt aufzunehmen.
Er war auf Herim gewesen, der Heimatwelt mehrerer seiner Freunde und zusammen mit Paadir, Num und Hamhaddith eine der ältesten Gründerwelten der Gemeinschaft. Er hatte die Pilotenschule dort besucht und eine Menge dazugelernt – insgeheim hoffte er, mit den neuen Tricks sogar Hedda, Herima und beste Fliegerpilotin der Gemeinschaft, verblüffen zu können. Sie hatte ihn bislang stets für einen überdurchschnittlich guten, aber nicht herausragenden Fliegerpiloten gehalten, und er hatte es nicht erwarten können, ihr erstauntes Gesicht zu sehen. Eigentlich hätte er sich in wenigen Tagen mit einem Springer treffen sollen, der unter ihrem Kommando stand; Ni kümmerte sich von der Erde aus um die Koordinierung, er unterrichtete dort die Krieger des Stützpunktes und musste sich darauf verlassen können, dass Mayï und sein Pilot den Zeitplan genauestens einhielten.
Nachdem sie den Orbit von Herim verlassen hatten und sich auf dem vereinbarten Zickzackkurs zu ihrem nächsten Ziel befanden, war Mayï zunehmend lustloser geworden; die letzten Tage vor dem Angriff war er routiniert, aber ohne die übliche Begeisterung durch sein Arbeitsprogramm gegangen, das ihm seine Lehrer mit auf den Weg gegeben hatten. Am Morgen der Herbst-Tagundnachtgleiche schließlich war seine Laune an ihrem Tiefpunkt angelangt, am liebsten hätte er die Decke über den Kopf ziehen und im Bett bleiben wollen. Vor genau einem Jahr hatte er auf unfassbar brutale Weise seine Eltern verloren, seit jenem Tag war nichts mehr gewesen wie zuvor: Er war vom sorglosen und wohlbehüteten Kind zum Gejagten geworden, innerhalb weniger Augenblicke in eine grausame Wirklichkeit katapultiert worden, in der er allein für seine Sicherheit sorgen musste. Zu allem Überfluss war der ursprüngliche Plan seiner Eltern, ihn auf die Reise zu schicken, damit er möglichst großen Abstand zu ihren Gegnern auf der Kernwelt gewann, gescheitert. Mehrere von ihnen waren ihm bis zur Erde gefolgt, hatten sogar auf ihn geschossen, als Warnung, dass sie ihn jederzeit vernichten konnten. Und auch, wenn es Ni und der Besatzung des Stützpunktes unter der Führung von Kommandant Sun gelungen war, diese eine Gruppe dingfest zu machen, war die Gefahr längst nicht gebannt. Ni konnte Mitglieder der Gemeinschaft nicht ewig festhalten; außerdem bestand kein Zweifel daran, dass die Verfolger Teil einer größeren Gruppierung waren, die dort weitermachen würde, wo ihre Mitstreiter versagt hatten.
Ja, Mayï hatte allen Grund, deprimiert zu sein. Doch er war vor allen Dingen Navigator und verantwortlich für die Sicherheit seines Teams, er konnte sich nicht zurückziehen, bloß weil ihm gerade danach war, denn hier draußen mussten sie sich aufeinander verlassen können. Also hatte er getan, was er in diesen Situationen stets tat: Er hatte seinen Kummer hinuntergeschluckt, war aufgestanden wie jeden Tag und hatte weitergemacht, beharrlich, verbissen, niemals nachlässig.
Sein Pilot war feinfühlig genug gewesen, ihn nicht auf seine getrübte Laune anzusprechen; Mayï hatte ihm vor Monaten alles erzählt, was damals vorgefallen war, die rohe, ungeschönte Wahrheit, und Pfeifer ahnte, wie dem Jungen in diesen Tagen zumute sein musste.
Nun starrten sie beide durch das Große Bullauge des Springers, der Junge von seiner Konsole aus, sein Pilot aus seinem Salzwassertank heraus, sahen die Kommunikationsbojen, Dutzende von ihnen, die durch das Loch in der Hülle aus dem Hangardeck ins All hinausgerissen worden waren und nun nutzlos dahintrieben.
Mayï hatte einen Notruf abgesetzt, sobald er die Konsole erreicht hatte, doch er wusste nicht, ob überhaupt ein Schiff der Gemeinschaft in der Nähe war, um rechtzeitig zu Hilfe zu kommen. Hedda und ihr Team jedenfalls waren noch viel zu weit weg. Vielleicht würde das Signal auch vorher abgefangen und zerstreut werden, sodass niemand von dem Angriff erfuhr. Wenn der kleine Springer und seine Besatzung nicht in den nächsten Tagen an den vereinbarten Koordinaten eintrafen, würde sich Hedda Sorgen machen und nach ihnen suchen. Doch was würde sie vorfinden? Einen havarierten Springer, der Sauerstoff entwichen durch die geborstene Außenhülle, in einer Wolke aus gefrorenen Wassertropfen treibend? Einen Haufen Trümmer?
Blut tropfte von seiner Hand auf die Konsole, das schmutzige Tuch war bereits durchtränkt. Er wischte mit dem Ärmel seines Schlafanzugs über die Konsole und verteilte das Blut nur noch mehr; breite Schlieren behinderten die Sicht auf die Anzeigen. Wieder fluchte er.
Ein weiteres Zittern erfasste den Springer, Mayï drehte der Kopf, als die rastlose Bodengravitation kurz stärker wurde.
„Er versucht zu fliehen!“, meldete Pfeifer. „Er will springen!“
Ein ausgewachsener Springer konnte riesige Distanzen überbrücken, indem er von einem Punkt im Raum zu einem anderen „hüpfte“, am Raumgefüge vorbei. Dazu krümmte er den Rumpf, erhöhte gleichzeitig sein Gravitationsfeld um ein Vielfaches und schnellte zurück; die dadurch freigesetzte Energie katapultierte ihn aus dem Standardraum hinaus direkt zum vorprogrammierten Ort. Voraussetzung für einen technisch einwandfreien Sprung war ein stabiler Wasserdruck in den Wänden des Springers – und ein erfahrener Pilot, ein Chloeopside, der sich mit seinen feinen Fäden in das Nervensystem des Springers einloggen konnte und das Schiff auf diese Art kontrollierte. Bei Pfeifers allererstem Sprung hatte sich Mayï eine blutige Nase geholt, doch inzwischen beherrschte sein Pilot das kleine Schiff so gut, dass sie mühelos große Strecken zurücklegten.
Ein Springer war aber auch ein organisches Schiff, ein Lebewesen ohne Verstand und allein von seinem Instinkt gesteuert; nun befahl ihm sein primitiver Selbsterhaltungstrieb, so schnell wie möglich von hier zu verschwinden. Doch mit einem Riss in der Außenwand und ohne den optimalen und für einen Sprung notwendigen Wasserdruck in den Kanälen …
„Auf keinen Fall, seine Hülle ist beschädigt. Ein Sprung würde ihn in Stücke reißen! Du musst ihn davon abhalten. Versuche, ihn zu bändigen! Ich probiere von hier aus das Gleiche.“
Gemeinsam brachten sie den Springer wieder unter ihre Kontrolle; er bockte und taumelte, setzte jedoch nicht erneut zum Sprung an. Die Bodengravitation sank wieder gegen Normal, verlagerte sich aber weiterhin unvorhersehbar von einer Seite des Rumpfes zur anderen und zurück.
Ein harter Aufprall warf Mayï aus seinem Sessel. Der unbekannte Angreifer hatte sie erneut gerammt. Lange würde der Springer diese Attacken nicht mehr aushalten.
„Du musst das Schiff sofort verlassen!“, rief sein Pilot. „Nimm den Flieger und bring dich in Sicherheit.“
Mayï kletterte mühsam wieder in seinen Sessel.
„Negativ! Das Hangardeck ist versiegelt.“
„Ich setze dir ein Portal direkt ins Cockpit!“
„Nein! Glaubst du allen Ernstes, ich würde dich hier allein zurücklassen?“
„Getrennt wären unsere Überlebenschancen besser.“
„Sie wären ebenso lausig wie jetzt gerade. Wer immer da draußen auf uns Jagd macht, würde mich im Flieger auch erwischen.“
„Spürst du irgendwen? Irgendetwas? Empfängst du mehr als die Schiffssensoren?“
Mayï wünschte, er täte es; gleich bei der ersten Kollision hatte er seine Sinne auf das Umfeld seines Springers gerichtet und den Raum sondiert; doch er fühlte nichts, keine Präsenz, keine Gedanken. Wie sollte er sich gegen einen Angreifer wehren, den er nicht einmal erspüren konnte?
„Nein, sie müssen dazugelernt haben seit unserer letzten Begegnung.“
„Glaubst du, das sind Tosch Wi-Par und die anderen? Die wurden doch eingesperrt und zur Kernwelt zurückgeschickt.“
„Ich glaube, dass man sie freigelassen hat, sobald sie dort angekommen sind; sie haben dort viele Unterstützer, ganz sicher haben die Druck ausgeübt oder Versprechungen gemacht, damit ihre Kumpel freikommen. Und die wiederum müssen sie gewarnt haben, dass ich sie aufspüren kann. Wenn ich weiß, wonach ich suchen muss.“
„Sie sind uns also gefolgt. Was haben sie vor?“
Noch ehe Mayï antworten konnte, dass er keine Ahnung hatte, erfolgte eine letzte Kollision, und das Magnetfeld des kleinen Springers kollabierte vollends. Blitze tauchten aus dem Nichts auf, zuckten über den Boden und die Wände, schlängelten sich um die Konsole, überlasteten ihre Schaltkreise und ließen sie Funken sprühen; das dünne Metallglas der Displays verformte sich durch die Hitze und den Druck der winzigen Explosionen; das Große Bullauge, das die Front des Steuerraums einnahm, und durch das Mayï vor einer Sekunde noch den dunklen und – bis auf die dahintreibende Fracht aus dem zerstörten Hangardeck – leeren Weltraum hatte sehen können, lud sich statisch auf, wurde milchig trüb. Die Schwerkraft versagte, und Mayï spürte, wie er abhob. Ohne Gravitation konnte das über die Konsole verschmierte Blut seine Zellen verbinden, kleine rote Tröpfchen formten sich und begannen durch die Luft zu schweben.
Die Konsole stand unter Strom, er konnte sich nicht daran festhalten. Er wollte nach der Rückenlehne seines Sessels greifen, doch sie war bereits außer Reichweite. Immer noch unter Schock stehend kam er gar nicht auf den Gedanken, sein Potential einzusetzen, um seinen treibenden Körper zu steuern, es passierte alles viel zu schnell.
Sein Pilot schrie vor Qual, als der Energiefluss seinen Weg durch die Wände in die Wasserkanäle fand. Die Blitze lösten sich von der Oberfläche der Objekte und zuckten durch den Raum der Steuerzentrale. Mayï musste ihnen ausweichen, wenn er nicht gegrillt werden wollte, er musste sie von sich fernhalten. Er ruderte mit den Armen, kickte mit den Füßen, wand und drehte sich. Seine Reflexe waren schnell, doch die Blitze waren überall, bildeten ein irre zuckendes Muster; mehrere von ihnen trafen Mayï gleichzeitig an seinen Extremitäten. Er schrie kurz auf, als der Strom durch seinen Körper fuhr; jede einzelne Muskelfaser verkrampfte unter dem Energiestoß, sein Körper erstarrte, seine Atmung setzte aus. Er spürte noch, wie sein Herzschlag aus dem Rhythmus geriet.
Dann verlor er das Bewusstsein.
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