na:i:en

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Jonathan Saunders


EUR 18,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 374
ISBN: 978-3-95840-110-5
Erscheinungsdatum: 22.03.2016
Die irdisch geborene Naien Patty Brian führt auf der verwunschenen Nora Isle in der Irischen See ein Leben zwischen Magie und Menschlichkeit. Doch dann muss sie die Energien bändigen, denen sie entstammt … und gibt es etwa eine zweite Naien auf Erden?
XXXII

Wochen waren vergangen. Wochen, in denen Frangach in engem Kontakt mit Rionnag sich einerseits von den Entwicklungen der Naien in Schottland berichten ließ, andererseits das aussichtsreiche Unterfangen gegen Gouveia von London aus koordinierte, da die Dunedin wenigstens das entwendete Stammkapital von Brians Stiftung unter ihre uneingeschränkte Kontrolle bekommen und das Vermögen verwaltend anschließend tätig werden wollten. Southfield hatte die Gefolgschaft verlassen und kümmerte sich abrufbereit um die logistischen Belange für seine Geschwister und die Albe. Den Dunedin auf Brians Apfelinsel – wie Sidhe die Insel nannte, da der Samen eines Apfelbaumes als einziger Samen von allen Obstgehölzen unter den anderen war – brachte er die nötigen Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände für ihr tägliches Leben in der Wildnis. Dabei benötigten die Dunedin mehr als Brian, die über die Zeit hinweg durch Verzicht auffiel. Ein geräumiges Zelt als Unterkunft. Solarmodule und ein Generator für die Energiegewinnung sowie kleine Akkumulatoren zur Speicherung. Southfield brachte auch eine der steinernen Schalen für das Brot. Er kümmerte sich rührend um ausreichend Trockenobst und köstlichen Honig. Manchmal brachte er Kräuter oder exotische Nüsse, die ihn auf der Apfelinsel stets willkommen sein ließen. Hatte man ihn gefragt, wo er diese Delikatessen aufgetrieben haben wollte, ließ er sich im Einzelnen auf keine konkreten Antworten ein und erwiderte nur ein Augenzwinkern oder ein suggestives Ihr wisst schon. Southfield stellte all seinen Sinn mit Freude in den Dienst seiner von ihm wahrgenommenen Aufgabe.

Camshron bestand darauf, dass man die Insel, der man sich anvertraut hatte, erwerben müsse, damit man dauerhaft in Ruhe auf dem Eiland leben könne und gegebenenfalls dann erworbene Eigentumsrechte vor Vertreibung von der Insel schützen könnten. Er wollte gewährleisten, dass die Naien ihre Experimente der Selbstfindung in größtmöglicher Sicherheit vollziehen konnte. Ein Landtitel schien ihm in dieser Beziehung sicherer zu sein, als auf einer annektierten Insel zu leben und sich möglicherweise Streit mit einem Staat zu leisten, den man ohnehin verloren hätte. Die ersten, zaghaften Gehversuche eines Engels hielt er auf privatem Grund und Boden durch den eingeräumten Schutz der Privatsphäre per Grundgesetz für gestattet, während er die gleichen Schritte desselben Engels in einem öffentlichen Park für schwierig erachtete, dachte er an die allgemeine Ordnung. Das Betreten des Rasens ist untersagt. Bitte nicht berühren. Eltern haften für ihre Kinder …, und er kannte noch mehr feinfühlige Hinweise zur unproblematischen Bewegung in öffentlichen Räumen. Deshalb bestand er immer wieder darauf, dass die Insel käuflich erworben werden müsse. Die finanziellen Mittel dazu habe man durch das Vermögen der Brian.
Frangach stimmte ihm grundsätzlich zu, warb aber um etwas Geduld, weil sie zuerst die Gelder aus der ehemaligen Stiftung Brians zusammenführen wollte, bevor man sich Ausgaben leistete und Eigentum erwerben würde. Schließlich wisse man noch nicht, wie teuer das Verfahren gegen Gouveia werden könne, erklärte sie ihm.
Camshron blieb bei seiner Ansicht, dass man sich vorrangig um den Erwerb der Insel sorgen sollte, auf der die Ältesten mit der Naien lebten. Er wollte nicht riskieren, als sektierender Tramp eines Tages von ordnungskräftigen Paragrafen und ihren menschlichen Sklaven eines Staates von der Apfelinsel komplimentiert werden zu können, da man auf dieser Insel bereits die Waldsamen durch die Vögel ausgesät hatte. Schon allein deshalb trug man bereits Verantwortung für den Boden und dessen sichere Bestellung.
In London verstand man sein Anliegen und wollte versuchen, was man mit Augenmaß in aller stiller Vorsicht vorbereiten und tun könne.

Brians Entwicklung als Naien setzte sich selbsttätig fort. Sie war schweigsamer denn jemals zuvor geworden. Und indem sich die sie begleitenden Ältesten an eine in fahlem, graublauem Lichtstaub schimmernde Gestalt gewöhnten, deren Glanz von dem Spinnengarn ihrer Wolfsjacke zuerst aufgefangen und dann stärker changierend widergespiegelt wurde, lernte eine als Mensch geborene Frau sich als Naien kennen und zu verstehen. Lernte die sinnvolle Leere aller Wesenheit einer Albe. Das Sprechen verlernte sie nicht. Doch sie sprach weniger – und falls sie sprach, so war sie in ihrer Rede zielsicherer geworden. Ihre übermäßige Freude an ihren Gefährten blieb, selbst falls diese sie oft weniger empfanden als die Naien. Und bei Brian war das Glücksempfinden sogar noch gewachsen, ohne dass es die anderen merkten. Ihr Glück fand einen inneren Weg in einem neuen Zentrum ihres Wesens, dem sie zunehmend vertrauender begegnete. Nur ihre Dohlen machten sich häufig auf die Reise in eine sich verändernde Brian, falls sie scheinbar Zeit schindend nur neben ihr saßen oder sich wie zufällig in ihrer ersehnten Nähe aufhielten. Die Dunedin hingegen meinten zuweilen ungeduldig, dass etwas geschehen müsse, damit man endlich irgendwie irgendwohin vorankäme, gleichwohl keiner der Ältesten hätte sagen können, wohin man wirklich kommen wollte und was erreicht werden sollte. Auch wussten sie nicht, was ein Naien auf Erden überhaupt erreichen konnte, da die Erde als Lebensraum für ihn nicht gedacht gewesen war. Die Seevögel beobachteten Brian nur dann und wann und kamen sich schließlich relativ nutzlos vor, schätzten aber die vielen Gespräche mit den Ältesten und mehr noch mit den Dohlen. Der Gedankenaustausch bescherte ihnen Einsichten über den irdischen Menschen auf seiner Erde, die sie so auf offener See niemals hätten erlangen können. Sie selbst hatten auf den Meeren auch nicht diese Nähe zu den auf den Erdschollen Lebenden.

In London hingegen war man sehr umtriebig und aktiv im Fall der Gouveia. Man wollte die ehemalige Bekannte der Brian fallen und stürzen sehen. Zusammen mit Hagerty, dem ehemaligen Finanzmakler Brians, wollte man die Holding der Gouveia durch sogenannte Insider-Geschäfte und durchaus strafrechtlich relevante, doch vertrauliche Absprachen mit befreundeten Kollegen des Maklers angreifen. Die ersten Versuche jedoch misslangen, da die Emissionen der Holding zu weit an den internationalen Handelsplätzen gestreut waren und das Kapital der Dunedin, das sie von Moore erhalten hatten, nicht ausreichte, um durch An- und Verkäufe das Gesamtkonstrukt des Finanzimperiums der Gouveia ins Wanken zu bringen. Der nächste Schritt, den man ersann, war der persönliche, körperliche Angriff gegen die Zielperson, was einige der Dunedin vom ersten Moment an ohnehin als einzige Lösung des Problems angesehen hatten, da sie die Macht der Märkte nicht einzuschätzen wussten. Folglich wussten sie auch nichts von den möglichen Chancen in absurd perfiden Taktiken der Geldflüsse.
Doch auch der grobe Akt gegen Gouveia erwies sich wahrhaft schwieriger, als man es sich gewünscht hätte. Schließlich wollten die Ältesten keine eigenen Verluste beklagen müssen. Daraufhin erstellte Frangach ein profilierendes Dossier der Betrügerin. Alle für die Operation abgestellten Dunedin waren angehalten, sämtliche Bewegungen der Portugiesin zu beobachten und zu dokumentieren, um etwaige Schwach- und Angriffspunkte gegen die Person herauszuarbeiten. Man stellte fest, das Gouveia in der Öffentlichkeit niemals trank. Sie ging nicht unbewacht von wenigstens mehreren Sicherheitskräften in Lokale, in denen sie dann nichts aß, sondern meistens in Begleitung von geschäftlichen Gästen diese speisen ließ, während sie sich vornehm mit einem Glas Wasser oder einem nicht alkoholischen Cocktail zurückhielt. Sie mied öffentliche Veranstaltungen. Sie wurde rund um die Uhr durch ihre Garden abgeschirmt. Sie scheute das publikumswirksame Licht auf ihre Person und schien nur in Dolgellau etwas freier zu sein. Sie reiste in einem firmeneigenen Jet und war entweder gut beraten oder aber als gebranntes Kind mit einem schlechten Gewissen versehen worden, das ihr instinktiv zu größter Vorsicht riet, um ihre Achillesferse nicht preiszugeben. Doch ein Laubblatt war auch ihr auf den kalkweißen Rücken gefallen.
Sutherland hatte eines Tages während einer öffentlichen Spenden­gala, die von den Medien beobachtet und aufgezeichnet worden war, herausgefunden, dass Gouveia vor laufenden Kameras einen Check abzeichnete, um ihrer Holding einen sozial engagierten Eindruck zu verschaffen. Sutherland hatte aufmerksam zugesehen, grinste dann etwas schelmisch während der Übertragung der Sendeanstalten vor dem Fernseher und wurde weder von Caite noch von Samhain verstanden, die der Ausstrahlung ebenfalls beiwohnten. Er schaute dann seine Schwestern verschmitzt an, die seinem Blick nur fragend begegneten, bis er meinte:
„Noblesse oblige“, was die beiden schwesterlichen Dunedin nicht verstanden. „Schaut euch doch einmal ihr Schreibgerät an“, grinste Sutherland. „Habt ihr das gesehen?“, und die beiden anderen hatten nicht darauf geachtet, wie und womit sie den Check gezeichnet hatte. „Sie hatte ein Etui aus ihrer Tasche gezogen, das Checkheft auf den Tisch gezaubert und einen Kugelschreiber sowie zwei Füllfederhalter in ihrem Etui auf den Tisch gelegt.“
„Ja … Und?“, fragte Caite.
„Mont Blanc. Die Schreibgeräte waren von Mont Blanc. Alles edelste Meisterstücke derselben Firma. Und das hat sie so drapiert, dass die Kameras sie sehen konnten. Eine sehr dezente Art der Protzerei. Offenbar ist das ein Fimmel von ihr: Kugelschreiber und Federhalter“, sagte Sutherland, was die anderen zum Nachdenken gebracht hatte. Man wollte sich die Aufzeichnung der Gala von der Sendeanstalt besorgen und das Beobachtete dann gemeinsam mit den anderen besprechen. Vielleicht war das die offensichtliche Schwäche, auf die man Vorgehensweisen aufbauen könnte, um der Gouveia habhaft zu werden.

Zur selben Zeit besprachen die Seevögel auf der Apfelinsel den irdischen Menschen. Die Dunedin hatten von der menschlichen Verachtung, ihrer Unterdrückung Schwächerer und dennoch von ihrem Mitgefühl erzählt. Sie hatten auch von etwas wie einem düsteren Erbe scheinbarer Liebe und vorgeblichen Respekts gesprochen. Sie hatten von grober Niedertracht und verschlagener Listigkeit erzählt, von ablehnenden Emotionen und von grauenvollster Gewalt. Von Grausamkeiten und Vergeltung und Rache, und nachdem sich die Seevögel zurückgezogen hatten, all das Gehörte noch einmal unter sich rezitierten, brauchten sie die Hilfe der Dohlen, die ihnen einige der menschlichen Empfindungen erklären mussten, die sie nicht verstanden, da es keine Entsprechungen für bestimmte Gefühle bei ihnen zu geben schien. So hörten sie von Sidhe, dass Neurotransmitter für Aggressivität der Irdischen zuständig sein sollten und aus Angst und Unsicherheit Aggressionen bei ihnen entstehen könnten. Sie erfuhren von den Impulsen und den Mechanismen, die bestimmte Eigenschaften der Menschen hervorrufen könnten. Reaktionen auf eine unglückliche oder gezielt provozierende Aktion. Sie erfuhren von Dopamin und Serotonin und lernten, dass die Geschichte der Aggression bei den irdischen Menschen Wurzeln in vielen Hundert Millionen Jahren habe. Der kritische Fergus hatte etwas schmunzeln müssen, da er sich den Zeitraum nicht vorstellen konnte, von dem die Dohle den anderen zu berichten schien, die dann weiter sagte, dass der Mensch trotz und alledem eine mehr als nur erstaunliche Dimension in seiner Entwicklung erreicht habe, da es kein anderes Tier gäbe, das Gewalt an und für sich einsetze, um seinen Artgenossen absichtlich kaum erträglich quälende Schmerzen zuzufügen. Es gäbe kein Tier, das Lust an der Qual seiner Opfer empfinde. Auf Fragen, wie viel Tiere er denn kenne und ob auch alle Tiere in den Gebirgen und der Tiefsee mit einbezogen wären, die er ja gar nicht kennen könne, schmunzelte die uralte Dohle und erwiderte nur ein leises wahrscheinlich. Außerdem gäbe es keine andere Spezies, die sich wie der evolutionäre Mensch in Gruppen bewaffnete, um andere Menschengruppen zu töten.
„Da kennst du keine Orcas, Dohle. Die sind Waffen in sich selbst. Und jagen nur in Gruppen. Gefährlich. Zuverlässig. Präzise. Und absolut tödlich“, sagte Aileen, der Mörderwale aus den Nordmeeren mehr als nur vertraut waren.
Sidhe ließ sie ihren Einwand zusteuern und kommentierte ihn nicht weiter. Camshron hatte ihnen erzählt, dass es keinerlei Grenzen bei den Irdischen gäbe, einander Leid zuzufügen. Nur diese Aussage allein hatte die Vögel sehr erschrocken. Der Gedanke war, falls sie Grauen gegen die eigenen Artgenossen ersinnen konnten, um wie viel grausamer würden sie gegen andere Arten sein können? Und daraufhin schwiegen die Vögel. Ein jeder malte sein eigenes, furchtbares Bild eines merkwürdigen Menschen, das nur bedingt zutreffen und wirklich sein konnte. Die Ältesten hatten von gierendem Neid und sinnleerer Missgunst gesprochen. Dieser Neid sollte bei den Irdischen eine Reaktion auf einen etwaigen Vergleich sein, wie Sidhe den anderen Vögeln verdeutlichte, der immer zu Ungunsten desjenigen ausfiele, der neidisch werden würde. Aus diesem Neid dann und der Missgunst entstehe etwas wie Schadenfreude, falls dem Beneideten schließlich ein Missgeschick geschähe. All das sei im Gefühlsrepertoire eines jeden Menschen tief verwurzelt. Und es sei noch viel mehr in ihm angelegt, dem er sich nur schwer erwehren könne, meinte die Dohle. Heraus griff sie die impulsive Vergeltung und kühl geplanten Racheakte, mit der zweifelhaft virtuellen Macht der Zuversicht. Andererseits seien die Menschen aber auch zu Selbstlosigkeit in der Lage. Die mental und physisch Starken unter ihnen vermöchten sich altruistisch zu verhalten, weil sie es sich leisten könnten, da sie sich keinem Wettbewerb zu einem anderen stellten – stark, wie sie seien. Gerieten sie aber in Not, so schwände die Bereitschaft zu einem selbstlosen Handeln. Selbstlos handele in der Regel nur ein Mensch, dem es gut ginge, erklärte Daoine, und die Seevögel vermochten das Gesagte zu hören. Auch konnten sie es sich merken. Aber die einzelnen Fallunterscheidungen, die Bedeutung von Hormonen und äußeren Bedingungen in Verbindung mit einer launischen Moral und individuellen Hirnstrukturen eines menschlichen Individuums, dies war für sie nicht mehr zu verstehen. Dazu das Verantwortungsgefühl eines jeden einzelnen Menschen, das sich dann im selben Menschen als ein gegensätzliches und vollkommen anders vermitteltes Verantwortungsgefühl in der Masse darstellen lassen sollte. Nichts schien eindeutig und klar strukturiert. Und nichts schien bei den Irdischen wahrhaft verlässlich zu sein. Und dieser schlussendliche Eindruck machte den Seevögeln den Menschen noch gefährlicher, als er ihnen ohnehin bisher erschienen war, da ein irdisch geborener Mensch offenbar auf jede Weise, und das willkürlich, reagieren konnte. Das war für alle Zuhörer unvorstellbar. Dazu kamen dann noch seine Obsessionen, Besessenheiten, Süchte und allgemeinen Geistesschwächen in Systemen pluralistischer Ignoranz. Und auf die geflüsterte Frage von Una, der Mantelmöwe, ob all das auch auf die Ältesten zuträfe, da sie schließlich auch irgendwie menschlich seien, und ob man dann nicht viel vorsichtiger mit ihnen sein müsse, rissen die beiden Dohlen die Augen auf, freuten sich nur, dass keiner der Dunedin ihre Unterhaltung hörte, und Fergus antwortete mit einem allumfassenden Nein. Er sagte unmissverständlich, dass die Dunedin vollkommen anders veranlagt seien und schloss jeden denkbaren Vergleich der Ältesten mit den Evolutionären kategorisch aus, was Una im ersten Moment glaubte, aber tief in ihrem Inneren nicht beruhigen wollte, so groß war ihre neue Angst vor dem Menschen geworden. Letztendlich aber war es die Frage, ob man das Erfahrene von den irdischen Menschen wirklich wissen musste, die blieb, denn man lebe aus guten Gründen weit draußen auf den Meeren.

Sosehr den Vögeln ein mögliches Menschenbild seziert wurde, trennte sich Brian zunehmend durch ihr wachsendes Wesen von ihm, indem ihre wandelnde Entwicklung fortschritt. Ihre Begleiter machten sich keine Sorgen um die zwangsläufige Entwicklung Brians zu einer Naien, da sie bisher von riskanten Experimenten abgesehen hatte und wahrscheinlich lange noch nicht in der Lage dazu wäre. Brian verhielt sich für die anderen scheinbar zunehmend autistisch, indem sie abgekapselt in ein inneres Geflecht verstrickt schien, das irgendwann die Naien von einer Patty Brian trennen sollte. Wahres würde sich von Wirklichem abspalten, hatte Rionnag den Prozess beschrieben. Und auf diesem wundervollen Weg befand sich Brian, die stets lächelnd – aber desinteressiert – den Gefährten begegnete, das Leben unter den baren Füßen spürte, zauberhaftes Licht auf der Apfelinsel mit Wärme durchflutete und einen Lebensraum ohne eigenes Dazutun schuf, der so wirklich war, wie er auch künstlich hätte scheinen können. Sie hörte die Waldsamen des Merlin in dem Boden gedeihen, selbst da die ersten grünen Triebe aus den Samenschalen noch auf sich warten ließen. Doch sie spürte die sich regende Vorfreude der anderen Pflanzen um sie herum, die auf den einen friedlichen Wald warteten, als sei er ihnen vor Urzeiten verhießen worden. So schritt sie des Tages wie des Nachts in sich gefestigt über die Insel, unter den wachsamen Blicken ihrer treuen Gefolgschaft. Sie wusste, dass sie aus Neugierde, aus Respekt und aus Vorsicht heraus beobachtet wurde. Sie spürte die ständige Sorge ihrer Begleiter vor spontanen Ausbrüchen der immer noch ungeahnten Macht einer Naien, die Brian möglicherweise übermannen könnten.
Doch nichts dergleichen geschah.
Die Albe war besonnen und friedvoll. Abwartend lief sie in ihrer lichten, fast transparent wirkenden Erscheinung, ohne zu ruhen, über die atmende Insel. Immer wieder aufs Neue wurde sie von den Bäumen und Moosen, den Flechten, Gräsern und Kräutern begrüßt, die sich zu ihr hinstreckten, wo auch immer sie ihren Fuß auf den Boden setzte. Und sie schien sich wissend an den Ufern der Apfelinsel auf etwas vorzubereiten. Die Dohlen, die sie gefragt hatten, ob sie wieder mit dem Gedanken spiele, schwimmen zu wollen, schauten durch die Augen einer lächelnden Naien und fanden keine konkrete Antwort mehr in ihnen. Sie hatte einmal erwidert, dass das sicherlich für einen Menschen in Betracht käme, für sie jedoch irgendwie zu spät zu sein schien. Was Brian damit zum Ausdruck bringen wollte, ahnten die Dohlen zu jener Zeit noch nicht. Folglich vermieden sie fortan Fragen, deren Antworten sie mit größter Wahrscheinlichkeit nicht verstehen würden, eines Tages aber erleben sollten, ohne jemals danach gefragt zu haben.

Die zarten Berührungen einer Naien empfand die Insel – mit ihrem nun geheimnisvollen Leben – auf eine Art, wie es die Chroniken der Menschheit bis zu jenem Tag nicht hatten vorhersehen können. Leben erschien der Insel bis dahin nur kausal und ihm dienend, geknechtet von der Notwendigkeit. In irdischer Gegenwart einer Naien jedoch schöpfte ein enormerer Sinn Geist aus einem allgegenwärtigen Leben, das all das Menschliche in seine Zeit einordnete und darüber hinaus über das Irdische verfügte. Zum ersten Mal empfanden sich die Pflanzen als gewollt und gebraucht. Sie empfanden sich als der älteste Teil des Lebens schlechthin und spürten etwas wie eine bewährte Bruderschaft zu den jüngsten Sprossen irdischen Seins. Sollte der Regen verdunsten und die Sonne verdunkeln – das Leben bliebe nicht aus. Sollten auch die Gestirne vergehen, Galaxien im Nichts der Materie verdampfen und alle Erden dürsten – in der Anwesenheit einer Naien war die Macht der Gesandten stärker als das. Und bliebe die brennende Erde im eisigen Raum stehen, so wäre Leben genug auf dieser Insel an der Abendgrenze im Glück lebender Schwerkraft. Sollte auch die Dunkelheit des Alls sich für alle Zeiten über die Irische See legen – die Naien spendete Nora Isle mit ihrem Wesen genug, um als raumlos segelndes Blatt auch das schwärzeste Sein möglicher Äonen dauerhaft im Gleichgewicht allen Sinns zu navigieren. Und sollten die Kräuter denken können, so hätten sie eben dieser gedacht. Wäre eine Kiefernadel bisher nur an ihrem Zweig ergrünt, so hatte sie zu träumen begonnen. Schienen die kalten Steine nur wie hingeworfen durch rohe Gewalten beliebiger Regeln, so ordneten sich die Kristalle und glätteten ihre Gitter. Diese, die die Naien erlebten, neigten sich vor der schöpferischen Schwerkraft eines Wesens, das seiner seltenen Art zunehmend bewusst wurde. Gebettet in ein pulverndes Licht, gewoben in die Wärme allen Atems, war sie eins mit sich und allem anderen, lauernd beäugt nur von dem unermesslich zufälligen Ozean um sie herum. Das salzige Wasser schien für jede Überraschung gut, da es sich nicht erniedrigen ließ, mit den Inseln jener Welt zu sprechen, gebieterisch, wie der Ozean als Titan war. Mit dem Mond sprach er und tauschte sich aus, da er allein einer seiner Götter war. Doch kein Gebirge war es ihm wert, einen Gedanken zu teilen. So lag das schwere Meer, hatte seine Klauen in das Land geschlagen, ließ die Insel nicht aus seiner Umklammerung und beobachtete das Treiben der wenigen auf diesem Eiland. Und es lauerte wie ein Raubtier, hätte ein Rispengras gesagt und ein Stein gedacht, das nur kommen sollte, damit seine Wasser alles zu Salzen zersetzten. Dieser wilde Titan blieb verbissen in das Ufer und schwieg mit seiner Allgegenwart. Er ruhte stumm und sah die Naien. Er dachte an den Raum, aus dem er einst gekommen war, und sah eine der wahrscheinlichen Meisterinnen jener Jahrmillionen angesichts einer Albe und ihrer gebietenden Allmacht gegenwärtigen Lebens.
5 Sterne
Patty Brian - 28.04.2016
Stella

Ich habe selten so viel Hingabe und Fantasie erlebt. Danke für diese tollen Momente!

5 Sterne
Danke - 19.04.2016
HH. Lars Ulf Busack

Ich wollte mich nur Herzlichst bedanken Für die Tollen Bücher "Myrddin, Patty Brian: Band 1 & 2, na:i:en Band 1 & 2" Von Jonathan Saunders Würde mich über Vorsetzungen freuen !!!

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