Science Fiction & Fantasy

Mythos - Ruf der Vergangenheit

Patrick Reinsch

Mythos - Ruf der Vergangenheit

Leseprobe:

Prolog

Der Mond schien voll am Himmel und herrschte über ihn. Kein einziger Stern um ihn herum konnte mit der silbernen Scheibe mithalten. Nur am Horizont wagten es wenige, ihr die Stirn zu bieten.
Der silberne Schein des Monds, unscharf und in stetigem Wandel, spiegelte sich auf der Oberfläche des Pazifiks. Einige Schaumkronen trotzten der trügerischen Stille des Ozeans. Aber ihre Kraft reichte nicht aus, die nahegelegene Küste zu erreichen; das gelang nur ihren entfernten Schwestern. Sie schlugen an die zerklüfteten Klippen der einsam gelegenen Insel und ließen ihre Gischt aufpeitschen, als wollten sie die obere Kante erreichen.
Unbeirrt thronten die Palmen auf der Insel. Spöttisch ließen einige ihre Kronen über die Hänge hinausragen, als wollten sie die Wellen dabei beobachten, wie sie an der schroffen Küste zerschmettert wurden. Trotz dieser Verhältnisse war es eine ruhige, warme Nacht. Lediglich ein kleines Boot trieb inmitten dieser Wellen umher. Es wirkte zwar verloren, war aber nicht verlassen. Zwei Gestalten befanden sich darauf. Einer von ihnen schaute immer wieder die Klippen hinauf. Offensichtlich wartete er auf etwas. Der zweite, der Kapitän, lugte nur ab und an aus dem winzigen Steuerhaus hervor. Das gesamte Boot war schwarz lackiert und ging so selbst im Schein des Mondes im Meer verloren. Nicht einmal die getönten Scheiben des Steuerhauses reflektierten das silberne Licht des Trabanten.
Im Inneren schaute der Kapitän des kleinen Bootes abwechselnd auf mehrere Monitore. Gebannt schaute er auf das Radar. Seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt, denn wenn die Gerüchte wahr waren, trieben sie in diesem Moment in einer der gefährlichsten Gegenden der Welt. Er ließ sich noch einmal die Summe durch den Kopf gehen, die ihn zu dieser Mission überredet hatte. Es half nicht viel. Nervös zog er an seiner Zigarette. Erneut lugte er aus dem winzigen Häuschen und presste leise auf Spanisch hervor: „Ist schon etwas zu sehen?“
„Nein, noch nichts!“, erwiderte Pedro. Leise brummend verschwand der Kapitän in seinem Häuschen und verglich die Zahlen von einem handgeschriebenen Zettel, mit denen auf dem GPS-gesteuerten Kartenmonitor. Er wollte immer noch nicht glauben, was auf dem Bildschirm zu sehen war. Laut diesem befand sich hier nichts außer dem weiten Ozean. Nichts deutete darauf hin, dass es an diesem Ort auch nur ansatzweise eine Insel gab.
Unerwartet meldete sich das Radar. Nervös blickte der Kapitän auf den Bildschirm. Ein grüner Punkt leuchtete beim Vorbeilaufen einer grünen Linie auf. Normalerweise hätte nun eine Identifikationsnummer erscheinen müssen. Der Kapitän zog stärker an seiner Zigarette. „Der Teufel soll sich beeilen!“, knurrte er. Einen Augenblick später lehnte er sich erneut aus seinem Häuschen: „Wenn er nicht gleich da ist, verschwinde ich hier. Auch ohne ihn!“
„Warte nur einen Augenblick!“, zischte Pedro zurück. In diesem Moment klatschte etwas Schweres auf das Wasser. Verwundert schauten die beiden in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Im Lichtschein des Mondes konnten sie die Wellen ausmachen, die das Objekt verursacht hatte.
Der junge Mann an der Reling dachte nur: „Ich hoffe, dass er nicht gesprungen ist“. Die Blicke der beiden jagten über das Wasser. Augenblicke vergingen, bis der Kapitän den leblosen Körper im Meer treiben sah. „Da ist er!“, rief er und deutete auf den Schatten im Mondlicht. Ohne zu zögern sprang der Pedro ins Wasser und schwamm zu ihm. Er umklammerte den Mann und zog ihn mit sich durch das Wasser. Der Kapitän half beiden an Bord.
Der Fremde trug eine zerrissene Hose, ein fleckiges, ebenfalls zerrissenes Hemd und abgetretene Stiefel. Etwas Dunkles rann aus seiner Nase. Beide vermuteten, dass es Blut sein musste. Der Kapitän kniete sich neben den Mann und berührte dessen Hals. Er hoffte, dass der Fremde noch am Leben sein würde. Gebannt schaute der Jüngere zum Kapitän. Er hoffte das Gleiche wie er. Doch es war vergebens. Der Puls, der sehnlichst gefühlt werden sollte, blieb aus. Betrübt schüttelte der Kapitän den Kopf.
„Scheiße!“, zischte Pedro.
Was die beiden verwunderte, als sie den Mann auf die Seite drehten, war sein Rucksack. Es überraschte sie, denn er wirkte nicht, als ob er dieselben Torturen durchgemacht hatte wie sein Träger. „Wir brauchen nur den Rucksack!“, brummte Pedro, obwohl es ihm sichtlich leidtat, den Mann dem Meer zu übergeben. Der Kapitän nickte zustimmend und schlug ein Kreuz vor seiner Brust. Die beiden machten Anstalten, den Rucksack von dem Mann zu lösen. Wenig später landete der Tote wieder in den Fluten des Pazifiks und beide verschwanden im winzigen Häuschen ihres Bootes. Abermals beäugte der Kapitän die Bildschirme. Der grüne Punkt war näher gekommen. „Verschwinden wir von diesem gottverlassenen Ort!“, knurrte der Kapitän. Wortlos nickte Pedro und verschloss die Tür zum Häuschen.
Das schwarze Boot machte eine Wende und sauste geräuscharm los. Dank seiner Beschaffenheit und der Farbe war es auf dem schwarzen Ozean kaum zu erkennen. Es war flach, dafür aber umso breiter. Ideal, um unter dem Radar zu fahren. Dank der dunklen und schmalen Fenster drang auch kein Licht nach außen. Der Kapitän manövrierte das winzige Boot über eine Außenkamera mit Restlichtverstärker.
Pedro krabbelte am Kapitän vorbei und unter dem Armaturen hindurch in den Bug des Bootes. Dort befanden sich auch die beiden Schlafplätze und eine winzige Küche. Zum Essen war ihnen aber nicht zu mute. Pedro quetschte sich in sein Bett und begutachtete den Rucksack. Er war in verschiedenen Grüntönen bemalt und schien aus Metall zu sein. Um ihn zu öffnen, war jedoch ein sechsstelliger Code einzugeben. Nur eine kleine wasserdichte Klappe ließ sich öffnen. Dort fand er auch einen handgeschriebenen Zettel.
Pedro, ich weiß, ich habe dir schon einiges abverlangen müssen, aber um eines muss ich dich noch bitten. Wenn ich nicht überleben sollte, bringe diesen Rucksack unter allen Umständen zu meinem Sohn in New York. Egal was er sagenwird, drück ihm diesen Rucksack einfach in die Hände.
P.S.: Traue niemandem, den du nicht kennst.

Pedro schaute sich den Rucksack erneut an und fragte sich, was an ihm so wichtig sein konnte, dass der vorherige Besitzer sogar dafür gestorben war.
Das Boot raste weiter über den Pazifik in Richtung der peruanischen Küste. Dort lag der Ursprung dieses Unternehmens. Die einzigen Zeugen dieser Nacht waren nur die beiden Männer und der Mond am Himmel.



1

Der Himmel war verhangen von mächtigen schwarzen Wolken, die ihre Wassermassen auf die Stadt ergossen. Blitze zuckten und zeugten ebenfalls von dem Unwetter, das New York gerade heimsuchte. Das Wasser stand auf den Straßen und wurde von den Fahrzeugen aufgepeitscht. Das Abwassersystem der Stadt war hoffnungslos überlastet. Es war das schlimmste Unwetter seit Langem. Wer konnte, blieb zu Hause. Dennoch gab es wenige Hartgesottene, die sich bei diesem Wetter hinaustrauten – oder es der Arbeit wegen mussten.
Samuel Gibson, ein junger drahtiger Mann Anfang dreißig, von seinen Freunden auch nur Sam genannt, hielt sich die New York Times über den Kopf, um nicht nass zu werden. Aber schon wenige Augenblicke, nachdem er das Taxi verlassen hatte, war die Zeitung völlig aufgeweicht. Es war schon ein eigenartiges Gefühl für ihn, dass nur wenige Menschen unterwegs waren. Normalerweise wimmelte es nur so von Menschen, die Fotos von dem Museum of National History machten. Um nicht bis auf die Knochen aufzuweichen, rannte Sam die Stufen hinauf in das Museum. Drinnen fanden sich weit mehr Menschen, als er es erwartet hätte.
Obwohl sich Dutzende Menschen in dem Lesesaal befanden, konnte Sam den Eindruck dank der Stille nicht loswerden, dass er allein dort war. Ruhig schlenderte er durch die Tischreihen, wo sich die Leute über ihre Bücher beugten. Sein Ziel sollte allerdings ein ganz anderes sein. Ein Ort, zu dem die Öffentlichkeit keinen Zutritt hatte. Eine charmante ältere Frau begrüßte ihn: „Guten Morgen, Sam. Wie ich sehe, bist du nicht von den Fluten weggespült worden.
„Zum Glück nicht. Aber viel fehlte nicht mehr dazu“, kam er ihr entgegen „Ich hoffe, du bist trockenen Fußes hierhergekommen?“
„Nicht wirklich. Kaum war ich draußen, war ich nass bis auf die Knochen Sie öffnete ihm eine Tür. Als Sam hindurchtrat, wurde ihm ein Buch entgegengehalten, in dem er unterschreiben sollte. „Und, wirst du dich wieder mit den alten Schinken aus dem Mittelalter auseinandersetzen?“, hakte sie freundlich nach, als sie das Buch wieder zur Seite legte.
„Es ist interessant, in die alte Welt einzutauchen“ Sam betrachtete die durchweichte Zeitung, bevor er sie in einem Mülleimer verschwinden ließ. „Dazu ist es interessant zu sehen, dass manche Schinken länger halten als neuzeitliche, fügte er hinzu. Verschmitzt lächelte sie und nahm Sam die Jacke ab.
„Wenn etwas sein sollte, du weißt, wo ich zu finden bin Samuel verschwand in den Katakomben des Museums. Mit weißen Baumwollhandschuhen legte er Hand an uralte Bücher an. Er machte sich zu manchen Notizen und stöberte weiter.
Im Laufe der Zeit schweifte er gedanklich zu den Anfängen seiner Studienzeit ab. Sein Vater war nicht sehr begeistert, als Sam sich dem Altertum widmete. Schließlich sollte er in dessen Fußstapfen treten und Paläontologe werden. Schwerpunkt von Sams Nachforschungen war hauptsächlich die Besiedelung von Amerika durch die ersten Einwanderer aus Europa. Mittlerweile war es anerkannt, dass es sich dabei um die Wikinger und nicht um Christoph Kolumbus und seine Besatzung gehandelt hatte. Er blätterte in erst kürzlich an der Ostküste entdeckten Schriften, die für jetzige Untersuchungen besonders präpariert worden waren. Jahre zuvor hatte er die Runenschrift der Wikinger studiert, um die Texte heute zu lesen.
Später am Tag kam er zu einem vorläufigen Ergebnis. Es handelte sich um Auszüge mehrerer Geschichten, wie sie aus der Mythologie der Wikinger bekannt waren. Sam schlussfolgerte, dass es sich um Seiten eines alten Buches handelte, in dem die Mythen aufgeschrieben worden waren, um sie in die neue Welt mitzunehmen. Er schätzte, dass die Blätter aus der Zeit zwischen 950 und 1050 nach Christus stammten. Auf nähere Erkenntnisse in dieser Richtung wartete er noch. Für solche Untersuchungen war Claudia eine langjährige Bekannte zuständig, die er zu seiner Studienzeit kennengelernt hatte.
Abermals schweifte er ab und dachte an die Zeit mit ihr. Es war nie etwas Ernsteres zwischen den beiden entstanden, stattdessen war es mehr eine Bruder-Schwester-Beziehung geworden. Es wunderte ihn immer wieder, unter welchen Umständen sie zueinandergefunden hatten. Auf dem Campus hatten sich beide immer wieder verlaufen und sich gegenseitig ausgefragt, wo was zu finden war. Wie es der Zufall wollte, lagen ihre Hörsäle immer nebeneinander. So kamen sie immer wieder ins Gespräch. Zwischen ihnen baute sich eine Freundschaft auf, in der sie alles teilten – sogar ein paar ihre Geheimnisse.
In der Studienzeit geschah es, dass sie auch mehrere Male im Bett landeten. Aber aus unerfindlichen Gründen wurde nie etwas Festes aus ihrer Beziehung. Stattdessen lernte Sam eine Frau kennen, mit der er etwas Ernsteres hatte. Ähnlich ging es auch Claudia. Aber nach wenigen Jahren ging auch die ernstere Beziehung mit Amanda in die Brüche, wobei sie kurz nach der Trennung eine Tochter bekam – Clarissa.
Unbemerkt kam Sam Amandas Name über die Lippen. Eliza, die Frau am Empfang, schmunzelte, als sie ihm einen Tee vor die Nase setzte. „Du bist mit den Gedanken ganz weit weg?“ Erschrocken blickte er in das Gesicht der älteren Frau und konnte sich ein Lächeln entlocken. „Ja, leider schon wieder. Aber es sind positive Gedanken Verschmitzt schob er seine Notizen zusammen. Beiläufig ließ Eliza ihren Blick über die Runen gleiten. „Sind es denn wenigstens interessante Texte?“
„Es sind Auszüge von der Mythologie der Wikinger. Nichts Besonderes, wenn man etwas darüber weiß. Aber es finden sich auch so etwas wie Tagebucheinträge, Listen von Gegenständen und anderen alltäglichen Dingen darin Vorsichtig blätterte er die zerbrechlich wirkenden vergilbten Pergamente durch. „Einiges muss ich noch entziffern Sein Blick ruhte ab und an auf Zeichnungen von Fabelwesen, Schiffen und Wikingern. „Dann will ich dich nicht weiter stören.“ Eliza war fast wie eine Mutter für ihn geworden. Seit er in dem Museum angefangen hatte, behandelte sie ihn wie ihren eigenen Sohn. Es lag wohl daran, dass sie diesen vor vielen Jahren durch einen Autounfall verloren hatte – das war Sam bewusst. Genauso wie ihr bewusst war, dass er nicht ihr Sohn war. Dennoch war etwas Besonderes zwischen ihnen.
Sam schaute auf seine Armbanduhr. Es war viertel vor sechs. Ihm war es nicht so vorgekommen, dass er bereits zehn Stunden vor diesen Pergamenten saß. Da er wusste, dass nichts im Fernsehen kam, das sein Interesse erweckte, blieb er noch eine Weile sitzen.
Unerwartet meldete sich sein Mobiltelefon. Sam lächelte, als er die vertraute Nummer sah. „Amanda, meine Liebe, wie hast du erraten, dass ich noch auf der Arbeit bin?“, scherzte er. „Du Idiot, ich rufe auf deinem Handy an“, kläffte sie in ihrer typischen Art frech, aber freundlich zurück. „Clarissa und ich haben uns gefragt, ob du heute Abend schon etwas vorhast?“ Sam schaute erneut auf seine Uhr. „Bis jetzt nicht. Wenn ihr eine Idee habt, bin ich in einer Dreiviertelstunde bei euch.“
„Hast du Lust auf einen DVD-Abend?“ Sam überlegte nicht lange und sagte zu. Kaum war das Telefonat beendet, packte Sam seine Sachen zusammen und verließ seinen Arbeitsplatz.



2

Die drei lümmelten sich auf dem Sofa und schauten gebannt einen Film von Walt Disney. Clarissa, die zwölfjährige Tochter von Amanda, hatte sich die Schüssel mit den Chips unter den Nagel gerissen und schaufelte sich eine Ladung nach der anderen rein. So machte sie es immer, wenn es spannend wurde. Leider kannte sie ihren leiblichen Vater nicht. Er war während der Schwangerschaft mit ihr in alle Winde verschwunden. Sam war dafür so etwas wie ein Vaterersatz.
Amanda und Sam unterhielten sich über den Tag, das Regenwetter in der Stadt und über das kommende Wochenende. Es klingelte. Amanda sprang auf und eilte zur Tür. Dabei stolperte sie über ihre Schuhe, die überall in der Wohnung herumlagen, sowie über dicke Aktenordner und Papiere. Auf den ersten Blick hätte man nicht vermutet, dass Amanda Immobilienmaklerin war. Hinter der Tür wartete ungeduldig der Pizzabote. Als die Tür endlich geöffnet wurde, drückte er Amanda den Pizzakarton in die Hände und verlangte zwölf Dollar dafür. Mit großen Augen schaute sie den Boten an, sagte aber nichts und verschwand für einen Augenblick. Schließlich drückte sie ihm sogar fünfzehn Dollar in die Hand und wünschte ihm noch einen schönen Abend. Als der Pizzabote ihr den Rücken kehrte, glaubte Amanda zu erkennen, dass sich noch jemand im Hausflur befand. Prüfend warf sie einen Blick hinein. „Hast du dich in den Pizzaboten verliebt?“, rief Sam vom Sofa aus. Amanda zog ihren Kopf wieder zurück. „Ich dachte, da wäre noch jemand im Flur“, erklärte sie den beiden, als sie sich mit der Pizza dem Sofa näherte. „So, meine Schätze, der zweite Gang ist eröffnet“, präsentierte sie die riesige Salamipizza. Sofort stürzten sich Sam und Clarissa auf sie.
In Wahrheit stand wirklich noch jemand im Flur und war schon lange vor dem Pizzaboten angekommen. Er war hager und seine Haut gezeichnet von vielen Entbehrungen, die sein Leben mit sich gebracht hatte. Seine langen schwarzen, ungepflegten Haare klebten ihm in dünnen Strähnen im Gesicht, das ungewaschen und dreckig war, genauso wie sein schwarzer, verfilzter Vollbart. Dennoch strahlten seine Augen eine Energie aus, wie sie nur bei Hochleistungssportlern zu sehen war, die ihr Ziel in greifbarer Nähe hatten. Der Mann zog sich zurück, als der Pizzabote die Treppe hinaufgestolpert kam. Aus seinem Versteck beobachtete er ihn und die junge Frau an der Tür. Als sie ihn für einen kurzen Moment erhaschte, zog er sich ein weiteres Mal in sein Versteck zurück. Der Pizzabote verschwand so, wie er wenige Minuten zuvor gekommen war. Nun wagte sich der junge Mann heraus aus seinem Versteck. Er begutachtete die Tür, hinter der die Frau verschwunden war. Die Nummer auf dem Türblatt interessierte ihn keineswegs – eher der Name, der auf der Klingel stand. Amanda Bedingfield.
Die Stunden vergingen und der Regen wollte nicht aufhören. Aber es kümmerte den jungen Mann nicht, er hatte sich in der Zwischenzeit nach draußen begeben und wartete nun in einer dunklen Gasse auf sein Ziel.
„Ey, was hast du für einen schicken Rucksack? Der könnte mir gefallen!“, hörte der junge Mann hinter sich jemanden reden. Ihm war sofort klar, dass es mehr als einer sein musste, der hinter ihm stand. Schon das leise Knurren der anderen verriet es ihm. Als er sich umdrehte, sah er sich Aug in Aug mit einem Mann seines Alters. Er war offensichtlich Afroamerikaner, trug eine Baseballmütze und eine schwere Jacke, unter der eine Militärhose hervorkam und in dicken Stiefeln wieder verschwand. Sein halbes Gesicht verbarg er unter einem Tuch. Die Kameraden des Schlägers sahen ebenfalls so aus wie er. Obwohl er sie nicht genau sehen konnte, spürte er das hämische Grinsen wie ein Prickeln auf seiner Haut. Dann sah der junge Mann etwas in der rechten Hand seines Gegners aufblitzen. Sofort war ihm klar, was geschehen würde.
Die vielen Jahre auf der Straße hatten den jungen Mann alles erleben lassen, was das Leben auf seiner dunkelsten Seite zu bieten hatte. Er erinnerte sich: Den Gegner einschätzen, verwirren und angreifen! Er hielt die Hände hoch. „Da ist nichts drin außer ein paar Klamotten von mir“, stammelte der junge Mann in gebrochenem Englisch – obwohl er die Sprache bestens beherrschte; und er tat, als wäre er mit der Situation völlig überfordert. Er begann zu zittern und suchte nach einem Ausweg.
Der Afroamerikaner ging mit einem Satz auf ihn zu und hielt ihm das Messer an den Hals. „Es ist mir egal, was in diesem Ding ist. Aber es scheint wertvoll zu sein!“
„Si“, zischte der junge Mann leise und entschlossen, bevor er herumwirbelte. Dabei hielt er die Hand mit dem Messer fest und schlug mit seinem anderen Ellenbogen auf dessen Kehlkopf ein. Ein undefiniertes Gurgeln drang daraus hervor. Der Afroamerikaner ließ das Messer unter Schmerzen fallen, um sich mit beiden Händen an die Kehle zu fassen. So weit kam es aber nicht. Schon einen Augenblick später raste die Faust des jungen Mannes mitten ins Gesicht seines Gegners. Die Nase brach unter der Wucht seines Schlages. Blut spritzte. Der Afroamerikaner wurde rücklings auf den nassen Boden geworfen, wo er benommen in einer Pfütze liegen blieb.
Seine beiden Kumpels zückten ihre Messer und stürmten auf den jungen Mann los. Er wich den Hieben geschickt aus und versuchte das dritte Messer am Boden zu erreichen. Die beiden stießen Flüche aus, als ihnen der junge Mann immer wieder durch die Finger ging. Sie schlugen und traten nach ihm, aber ohne jeden Erfolg. Anders herum landete der junge Mann immer wieder Treffer, die seine Gegner taumeln ließen. Es gelang ihm sogar, die beiden Angreifer zu entwaffnen.
Unerwartet versuchte der Erste vom Boden aufzustehen. Er taumelte und wusste nicht, wo er war. Dadurch stieß er mit dem jungen Mann zusammen, sodass auch er zu Boden ging. Die Gelegenheit für die zwei, sich auf ihn zu stürzen. Einer zerrte ihn an den Haaren auf die Beine zurück. Er legte ihm den Arm um den Hals und begann fest zuzudrücken. Die Luft zum Atmen wurde ihm genommen. Der andere ballte die Fäuste und drosch auf seinen Bauch ein.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 540
ISBN: 978-3-95840-997-2
Erscheinungsdatum: 18.12.2019
EUR 16,90
EUR 10,99

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