Mystic eyes

Mystic eyes

Elisabeth Turner


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 240
ISBN: 978-3-903067-86-8
Erscheinungsdatum: 16.02.2017
Katherine und ihre Familie finden ein sagenumwobenes Dorf - angeblich der schönste Ort der Welt, doch wer einmal dort ist, kann ihn niemals wieder verlassen. So beginnt der große Albtraum, und Katherines unglaubliche Bestimmung tritt zutage …
Das Dorf

Ich konnte meinen Augen kaum trauen, das Glücksgefühl, das mich übermannte, war einfach unbeschreiblich! Tiefste Dankbarkeit erfüllte mich. Wir hatten es geschafft! Endlich hatten wir es geschafft! Als ich aus dem Auto ausstieg, hielt ich den Atem an. Vor mir lag der schönste Ort, den ich je gesehen hatte. Nie hätte ich mir die Schönheit und Einzigartigkeit dieses Ortes auch nur erträumen lassen. Die Menschen hatten mit ihren Geschichten Recht gehabt, das weiße Dorf existiert wirklich und wir hatten es endlich gefunden! Als ich vorsichtig wagte mit einem Schritt nach dem anderen auf den Dorfeingang zuzusteuern, konnte ich nur das leise Knirschen meiner Schuhsolen auf dem Tiefschnee hören. Tapp, Tapp. Sonst kein Geräusch. Alles um mich schien wie tot, eingefroren in seiner Kälte und Schönheit. Tapp, Tapp. Wie hypnotisiert blickte ich auf das strahlend weiße Dorf, das sich vor mir erstreckte. So sauber, dass jeder Stein, jede Ecke, jeder Brunnen dieses Dorfes in der Sonne glitzerte, als wäre es von 1000 Diamanten bedeckt. Alles war in klarem Weiß, die Häuser, die Dächer, die Fensterrahmen, die Bänke, die Geschäfte, ja sogar der halb eingefrorene Bach, der durch das Dorf floss, glitzerte in einem silbrig-weißen Ton. Der Schnee hatte seinen dicken Mantel über die Dächer gelegt. Am Dorfplatz konnte ich ein kleines Geschäft ausmachen, Rauch erhob sich aus dem Schornstein, glitzernd weißer Rauch. Neugierig steuerte ich auf das Geschäft zu. Ich wusste, dass ich es kannte. Ich wusste, dass ich schon mal hier gewesen war. Freudestrahlend drehte ich mich zu meiner Familie um. Waren sie ebenso fasziniert wie ich?
Doch sie waren spurlos verschwunden. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Es war so still, dass ich mein Herz rasen hörte. Mit weit aufgerissenen Augen lies ich erneut meinen Blick zum Auto schwenken. Doch ich war mir sicher. Ich war ganz alleine.
In diesem Moment ertönte ein entsetzliches Geräusch. Es war laut und schrill und ich kannte es nur zu gut. Es war das Geräusch meines Weckers, der mich aus dem Schlaf riss.



Der Abend

Wütend drehte ich mich zu meinem Wecker, der erbarmungslos seinen schrecklichen Ton im Zimmer verbreitete. Erst jetzt spürte ich die Kälte in meinen Gliedmaßen. Ich hatte die dicke Daunendecke bis zu meiner Nase gezogen, trotzdem zitterte ich vor Kälte.
Nach ein paar Sekunden Überlegung schnellte meine Hand unter der Decke hervor und brachte den Wecker zum Verstummen. Noch immer mit der Decke bis zur Nasenspitze setzte ich mich langsam auf und ließ verschlafen meinen Blick durch das Zimmer gleiten. Es war einfach und trotzdem nett eingerichtet. Mein Bett stand direkt neben dem Fenster, wo es hineinzog wie in ein Vogelhäuschen. Am Ende des Zimmers befand sich ein kleiner Kleiderschrank aus beigem Holz. Gegenüber ein kleines Waschbecken mit Spiegel und ein winzig kleiner Heizkörper, der meiner Meinung nach gar nichts taugte, er war einfach nur vorhanden. Der Boden war ein alter, knarrender Holzboden und die Wände in einem schlichten Weiß gestrichen.
Ich atmete tief ein und wieder aus. Wie jeden Morgen quälten mich die gleichen Gedanken. Warum hatte ich mich nur auf diese Reise eingelassen? Ich könnte zu Hause in meinem warmen Zimmer sein und den Tag mit meinen Freunden verbringen.
Ich wusste, dass es meine Eltern nur gut gemeint hatten. Sie wollten mich zu meinem 16. Geburtstag überraschen und schenkten mir eine Reise durch Kanada. Als Kind hatte ich immer von Kanada geschwärmt und mich eigentlich über das Geschenk auch sehr gefreut. Wir reisten zu viert in einem Kleinbus. Meine Eltern, meine kleine Schwester (11 Jahre) und ich.
Ich stamme aus einer sehr reichen, jedoch bodenständigen Familie aus Kalifornien. Mit einem Haus am Meer, einem Privatlehrer und jeden Tag einem fixen Programm, vollgepackt mit Aktivitäten.
Diese Reise war das genaue Gegenteil zu allem, was meine Schwester und ich bisher erlebt hatten. Wir fuhren täglich stundenlang durch die abgeschiedensten Gegenden, um abends in einem kleinen Hotel oder einer Art Bed & Breakfast zu übernachten. Anfangs genossen wir die wunderschönen Landschaften und die ungewohnte Ruhe. Doch die unglaubliche Kälte, es war Jänner, machte uns nach einer Zeit zu schaffen.
Ursprünglich war die Reise nur für 3 Wochen geplant, doch unsere Pläne änderten sich an einem Abend vor ca. 8 Tagen unverhofft.

Es war der Abend, an dem wir in Whitehorse in Yukon angekommen waren. Dort sollten wir eine Nacht verbringen und am nächsten Morgen mit einem Flug nach Vancouver wieder unsere Heimreise antreten. Müde nach der langen Fahrt hatten wir es uns relativ spät in einer Kneipe gemütlich gemacht, um noch eine Kleinigkeit zu essen und dann die Nachtruhe zu genießen. Von außen wirkte das Lokal eher unspektakulär, doch die Müdigkeit und der Hunger ließen es nicht zu, dass wir uns nach einer anderen Möglichkeit umschauten.
Drinnen saß eine Gruppe Einheimischer auf einem großen Tisch versammelt. Sie diskutierten mit gesenkter Stimme. Als wir die Räumlichkeiten betraten, hielten sie kurz inne und musterten uns genau. Erst als wir an einem Tisch, am anderen Ende der Kneipe Platz nahmen (die Kneipe war mit 10 Tischen sehr klein) setzten sie leise ihr Gespräch fort.
Alles wirkte schummrig, was durch das orangene, gedämmte Licht noch verstärkt wurde. Die Stimmung war gedrückt und irgendwie unheimlich und ich hatte das Gefühl, dass wir ganz und gar nicht willkommen waren.
Uns bediente eine sehr freundliche, alte Dame, die so undeutlich redete, dass man sie kaum verstand. Ohne lang zu überlegen bestellten wir alle einen Burger mit Pommes und ein Cola. Die Kellnerin nahm unsere Bestellung auf, schenkte uns mit den wenigen Zähnen, die sie noch hatte, ein Lächeln und verschwand in die Küche.
„Was sagst du da?“, ehallte ein empörter Ruf vom Tisch am Eingang. Mit einem allgemeinen „Schhhh“ und Blicken in unsere Richtung wurde der Mann von der Gruppe wieder zum Schweigen gebracht.
Kurz darauf stand ein eiskaltes Cola vor uns, was wir genüsslich, schweigend und vor uns hinstarrend schlürften. Ich versuchte mich auf das Gespräch der Männer zu konzentrieren und auszumachen, worüber sie sich unterhielten. Doch dem Flüstern war nichts zu entnehmen. Also lenkte ich nach einer Weile meine Aufmerksamkeit wieder auf mein Cola.
Die Diskussion schien immer intensiver zu werden und zwei der Männer wirkten sehr aufgebracht. Als wir schließlich unsere Speisen serviert bekamen, sprang einer der beiden Männer auf und schlug mit der Faust laut auf den Tisch.
„Ihr müsst uns glauben! Es gibt es! Es gibt es wirklich. Wir haben es gesehen. Die Sagen stimmen! Das Dorf ist real!“
Dem folgte wieder ein lautes „Schhhhhh“ und verärgerte Blicke in unsere Richtung. Doch dieses Mal ließ sich der Mann davon nicht mehr einschüchtern. Er meinte nur: „Euch Ungläubigen ist doch wirklich nicht mehr zu helfen! Ihr werdet wohl ewig blind durch das Leben gehen. Nur aus Angst vor der Realität!“, nahm seine Jacke, warf uns noch einen langen, eindringlichen Blick zu und verschwand mit einem lauten Knallen der Tür aus dem Lokal. Kurz darauf folgte ihm sein Kollege.
Ab diesem Moment wurde kein einziges Wort mehr gesprochen. Wir kassierten noch ein paar äußerst unangenehme Blicke, bis schließlich auch der Rest der Gruppe zahlte und wir ganz alleine in der Kneipe saßen. Dem Ereignis folgte eine unerträgliche Stille, welche sich unbarmherzig im Lokal ausbreitete. Unruhig wetzte ich auf meinem Stuhl hin und her.
Als die Kellnerin wieder an unserem Tisch vorbeikam fragte sie mein Vater, worum es in dem Gespräch der Männer ging. Ich blickte ihn entsetzt an. Anscheinend war das kein Thema, worüber hier so gerne gesprochen wurde! Doch sie lächelte nur verständnisvoll und meinte: „Ach, es wurde nur wieder über eine jahrhundertealte Legende diskutiert. Es gibt eben diejenigen, die es nur für eine Legende halten und diejenigen, die es für eine wahre Erzählung halten. Manche meinen sogar, den Ort gesehen zu haben.“
Als sie unsere verwirrten Blicke bemerkte, seufzte sie kurz, lächelte wieder und nahm sich einen Stuhl, um sich neben uns zu setzen.
„In der Legende geht es um ein Dorf. Das ‚weiße Dorf‘ genannt. Es soll sich irgendwo in Alaska an der Grenze zu Kanada befinden, nicht allzu weit von hier entfernt“, erzählte sie in nüchternem Ton. „Die Legende besagt, dass es vor hunderten von Jahren entstanden ist. Gott und Luzifer beschlossen sich zu versöhnen und als Zeichen ihrer Versöhnung schufen sie dieses Dorf. So strahlend und so rein, dass die Engel darin wohnten. Bald zogen auch Menschen in das Dorf und lebten das glücklichste, erfüllteste Leben in Frieden und Freiheit. Doch Luzifer hielt sich nicht an die Vereinbarung und legte einen Fluch auf die Bewohner des Dorfes. Die Engel konnten noch rechtzeitig fliehen und verhalfen vielen menschlichen Dorfbewohnern zur Flucht, doch einige blieben auf ewig dort gefangen. Es heißt, jeder der das Dorf betritt, erlebe das größte Glück und die größte Schönheit auf Erden. Doch Gott bewahre und man hält sich zu lange dort auf! Man verfällt den Mächten Luzifers.“
Vielleicht bildete ich es mir nur durch das gedämmte Licht ein. Aber das herzliche Gesicht der alten Frau hatte sich in eine diabolische Fratze verwandelt. Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
Ihrer Geschichte folgte erneut der Mantel unangenehmer Stille, welchen mein Vater mit einem „Könnten wir bitte zahlen?“ aufhob.
So schnell wie sie gekommen war, verließ die grässliche Fratze wieder das Gesicht der Frau und ihre Augen strahlten mir wieder eine Warmherzigkeit entgegen. Sie strich mir über die Schulter: „Keine Angst, meine Liebe. Es ist ja nur eine Geschichte.“ Und bereitete unsere Rechnung vor.

In jener Nacht träumte ich von der alten Frau. In meinem Traum stand sie direkt neben meinem Bett und lächelte mich mit ihrem warmherzigen Lächeln an. In meinem Körper verbreitete sich das Gefühl des Vertrauens und der Sicherheit. Ich wusste, dass ich in ihrer Nähe geborgen war.
Nach einer Zeit reichte sie mir die Hand. „Komm, Mädchen. Komm. Ich nehme dich mit zu uns. Komm nur, hab keine Angst.“ Ohne zu zögern reichte ich ihr die Hand und erhob mich aus meinem Bett, um neben ihr zu stehen.
Kaum stand ich, begann sich alles zu drehen und ich hatte das Gefühl, den Boden unter meinen Füßen zu verlieren. Alles drehte sich immer schneller und schneller. Ich schloss meine Augen und griff ihre Hand noch fester.
Erst als ich wieder festen Boden unter meinen Füßen spürte, wagte ich es, die Augen zu öffnen.
Ich stand in einer sehr gemütlichen Küche. Sie war ganz weiß, der Boden, die Wände, die Einrichtung, ja sogar der Herd war weiß. Alles in der Küche war Vollholz, der Boden weißer Naturstein, überall hingen Gusseisenpfannen und -töpfe. Auf dem Herd stand ein Topf mit Wasser, welches ruhig vor sich hin köchelte. Der ganze Raum strahlte eine angenehme Ruhe aus. Kleine Lavendel- und Rosmarinsträuße entsandten einen wunderbaren Duft. In den Ecken und auf dem großen weißen Holztisch standen Kerzen, welche den Raum in ein warmes Licht hüllten.
„Möchtest du eine Tasse Tee, meine Liebe?“
Ich nickte der alten Dame dankend zu.
„Es ist ja so kalt draußen!“, meinte sie verständnisvoll und deutete mit ihrem Kopf hinter mich.
Erst jetzt fiel mir das riesige Küchenfenster, gerahmt in weißem Gusseisen auf. Fasziniert blickte ich ins Freie. Vor mir lag ein glitzerndes, komplett weißes Dorf, mit Schnee bedeckt. Ich konnte einen riesigen, weißen Brunnen am Dorfplatz ausmachen. Er hatte eine goldene Kuppel, welche durch den vielen Schnee kaum zu erkennen war. Das goldene Licht am Horizont deutete auf die ersten Sonnenstrahlen hin. Es schien sehr früh morgens zu sein. Oberhalb des Fensters erstreckte sich eine weiße Markise, die tapfer dem Schnee Stand hielt. Neben dem Fenster standen einige weiße Holzkisten gestapelt.
„Die sind für mein Geschäft. Weißt du, ich verkaufe Obst, Gemüse, selbst gemachte Kuchen und Kekse, wie diese.“ Mit diesen Worten stellte sie mir meinen Tee und einen Teller herrlich duftender Kekse auf den Tisch.
Ich nahm ihr gegenüber auf dem weißen Holztisch Platz und blickte weiterhin aus dem Fenster, während ich einen Bissen von einem Keks nahm. Der Geschmack war unbeschreiblich! Zimt, Vanille, weihnachtliche Gewürze und Nüsse. Das war definitiv der beste Keks, den ich je gegessen hatte.
Mittlerweile hüllten die Strahlen der Morgensonne das Dorf in einen warmen Goldton. Jede Ecke des Dorfes begann zu glitzern. Es war magisch. Ja, man hatte das Gefühl, als würden die Engel draußen spielen.
„Oh! So spät ist es schon! Sieh nur, wie hoch die Sonne steht! Wir müssen gehen, meine Liebe. Du musst nach Hause!“, riss mich die Dame aus meinen Gedanken.
Ich schien eine ganze Weile aus dem Fenster gestarrt zu haben, denn die Sonne war schon ganz schön gewandert. Den Teller Kekse hatte ich nebenbei auch leer gegessen. Bevor ich mich besinnen konnte, ergriff die alte Dame mit diesen Worten wieder meine Hand. Alles begann sich erneut zu drehen, ich verlor den Boden unter meinen Füßen…

Wiedermal riss mich das Ratschen meines Weckers aus dem Schlaf. Als ich meine Augen öffnete, lag ich in meinem Bett im Hotelzimmer.
Ich könnte schwören, dass die Frau noch neben mir stand. Doch als ich kurz blinzelte, war sie verschwunden.



Aufbruchsstimmung

Um 8 Uhr kam ich komplett gerädert beim Frühstück an. Wortlos setzte ich mich neben meine kleine Schwester. Keiner meiner Familie schien auch nur annähernd ausgeschlafen zu sein, ungewöhnlich für Frühaufsteher. Niemand sagte ein Wort. Keiner von uns schien den anderen auch nur wahrzunehmen, so waren wir in Gedanken versunken.
Während ich in meiner Eierspeise stocherte, beobachtete ich die anderen.
Mein Vater, Eduardo, war ein sportlicher, stattlicher Mann, er trug einen Schnauzer und hatte seine vollen, dunklen Haare mit Gel elegant zurückgekämmt. Seine haselnussbraune Haut verriet, gerade im Winter, den südamerikanischen Einschlag seiner rassigen Mutter. Er war ein absoluter Technikfreak und spielte in jeder freien Sekunde mit seinem Handy, dem Laptop oder irgendeinem anderen technischen Gerät, das ihm gerade zwischen die Finger kam. Auch in diesem Moment tippte er höchst konzentriert auf den Tasten seines Smartphones. Meine Mutter hatte eine Zeit lang versucht, ihm das während des Essens zu untersagen, jedoch erfolglos. In seinen jungen Jahren schloss er neben seinem Jurastudium das Studium zum Computertechniker mit großem Erfolg ab. Nun war er Rechtsanwalt und lebte seine Vorliebe für die Technik nur noch in seiner Freizeit aus. Er war ein sehr gut aussehender Mann, der in der Gesellschaft geachtet und respektiert wurde und als Anwalt allgemein bekannt und gefürchtet.
Meine Schwester Vanessa kam ganz nach ihm. Ebenfalls schlank und sehr sportlich, trug sie ihre vollen, dunklen Haare in einem frechen Pagenschnitt. Ihre großen, tiefbraunen Augen, untermalt von unendlich langen Wimpern unterstrichen ihre offene Art. Die hohe Stirn deutete auf ihre Sturheit hin. Sie war der zweite Technikfreak in unserer Familie. Mich faszinierte immer wieder, wie gut sie sich mit ihren zarten 11 Jahren schon in der Computerprogrammierung auskannte.
Mein Blick schwenkte nun zu meiner Mutter, Sofia. Sie war komplett konträr zu meinem Vater. Ich wiederum kam ganz nach ihr, was am Aussehen sofort zu erkennen war. Sie hatte blondes, schulterlanges, volles Haar und blitzblaue Augen. Das waren auch die einzigen zwei Dinge, für die ich dankbar war, dass sie sie mir vererbt hatte. Ihr Lächeln glich dem einer Zahnpastawerbung. Ihre Figur war sehr weiblich und kurvenreich. Viel Busen, viel Po und ein kleiner Bauch. Trotzdem wirkte sie äußerst attraktiv auf die Männerwelt, ja sie waren sogar komplett verrückt nach ihr. Mir leuchtete das nicht so recht ein, da in unserer Umgebung nur gertenschlanke Damen lebten. Aber es scheint, als hätte keine von ihnen so eine Wirkung auf das männliche Geschlecht, wie meine Mutter sie hatte. Vielleicht lag es auch an ihrem unübertrefflichen Charme, für den ich sie äußerst bewunderte. Ich glaube, dieser kam ihr in ihrem Job als Immobilienmaklerin auch sehr zugute.
Ja, und wenn man mich so betrachtete; dachte ich, während ich mich in meiner Reflexion in der Fensterscheibe des Frühstücksraumes musterte. Ich hatte ebenfalls volle, blonde Haare, welche mir bis zu meinem Po reichten und auf welche ich sehr stolz war. Meine Augen waren tiefblau und meine Zähne schneeweiß, wie die meiner Mutter. Doch all dies half mir recht wenig, denn ich hatte auch ihre Kurven geerbt. Viel Hintern, einen Bauch, nur leider wenig Busen, was meine Figur nicht unbedingt abrundete. Ich hasste mich dafür. Meine Haut war zu jeder Jahreszeit weiß. Mein Vater nannte es immer „die noble Blässe“. Wenn ich in die Sonne ging, wurde ich höchstens krebsrot. Ich brauche nicht dazu sagen, dass ich in Kalifornien auffiel, oder? Viele, die mich nicht kannten, dachten, ich sei eine Touristin. Hier war das anders. Hier in Kanada waren alle so blass wie ich.
Ich war, was man eher einen schüchternen Charakter nennt und mein Selbstbewusstsein war quasi nicht vorhanden. Vielleicht waren dies mitunter die Gründe, warum ich mit meinen fast
16 Jahren bis dahin als Einzige in meinem Freundeskreis noch nie einen Freund hatte. Ich kann nicht unbedingt sagen, dass mich das nicht störte. Im Gegenteil, es frustrierte mich. In diesem Moment merkte ich, wie wieder Wut und Verzweiflung in mir aufstiegen, als ich darüber nachdachte. Aber ich schluckte sie gekonnt hinunter, wie ich es so oft tat.
Nach einigen Minuten, welche mir wie eine Ewigkeit vorkamen, ergriff mein Vater schließlich als Erster das Wort.
„Ich denke, wir sollten heute noch nicht abreisen.“
Verschlafene, verwirrte Blicke waren die Antwort.
„Wisst ihr, ihr kennt mich, ich glaube normalerweise nicht an solchen Schabernack!“, stotterte er vor sich hin.
„Wirklich nicht. Aber ich hatte heute Nacht so ein komisches Erlebnis. Ein Erlebnis, was ich so noch nie zuvor hatte. Wirklich, ihr müsst mir glauben. Und wenn ich diese Geschichte hören würde, dann würde ich mich auch für verrückt halten. Aber ihr kennt mich ja, wie bodenständig ich bin, oder? Ich bin ein sehr anständiger, bodenständiger Mensch.“
Wieder entgegneten wir ihm fragende, verwirrte Blicke.
„Ich habe heute Nacht geträumt; geträumt von dieser Frau und dem Dorf. Es war, als wäre ich dort gewesen. Es schien alles so real und so schön, und als ich aufwachte, hatte ich noch immer das Gefühl, dass die alte Frau neben mir stand und mich anlächelte und ich TATSÄCHLICH dort war! Versteht ihr? Darum müssen wir unsere Reise verlängern und das Dorf suchen. Ich muss es einfach tun, ich kann nicht anders. Aber ich kann auch nicht erklären, warum …“
Als wir ihn schockiert mit offenem Mund anstarrten, senkte er beschämt seinen Blick.
„Papa! Das gibt es nicht!“ Meine Schwester war die Erste, die auf seine Worte reagierte.
„Ich habe haargenau das Gleiche geträumt! Die Frau war auch bei mir heute Nacht! Sie nahm mich auch mit in das Dorf! Sie sagte sogar, dass wir uns bald wiedersehen würden, wenn ich nur daran glaubte. Sie würde uns alle zu sich holen! Wir sollten nur daran glauben.“
Das Erstaunen an unserem Tisch nahm von Minute zu Minute zu.
„Bei mir war sie auch heute Nacht!“, meinten schließlich meine Mutter und ich gleichzeitig.

Nun starrten wir uns wieder minutenlang mit einem, was ich debilen Blick nennen würde, an. Keiner wusste, was er mit den Ereignissen anfangen sollte.
Der Kellner holte uns schließlich aus unserer Welt der Gedanken wieder zurück. Gott sei Dank, sonst würden wir heute noch dort sitzen und uns anstarren. Mein Vater unterschrieb die Rechnung. „Gut, ich storniere den Flug, wir treffen uns in einer Stunde am Auto.“ Er stand auf und verließ den Frühstücksraum.

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