Science Fiction & Fantasy

Milos Träume

Jonas Akermann

Milos Träume

Leseprobe:

Kapitel I
Einsam



Von draußen höre ich den Regen. Es blitzt. Plötzlich ein Donner. Und wach bin ich. Der schwarze kleine Wecker auf meinem Nachttisch zeigt mir an, dass es mitten in der Nacht ist. Zwei Uhr. Ich blicke umher. Alles ist dunkel. Ich schaue zum Fenster. Es steht einen Spalt weit offen. Ich höre das leichte Rauschen des Windes, der durch eben diese Öffnung zischt. Ansonsten ist es leise. Ich höre meinen Atem und spüre mein Herz wie wild schlagen. Ich bin wach, aber noch nicht wirklich da. Ich liege im Bett, aber fühle mich an einem ganz anderen Ort.
Ist das tatsächlich wieder einer dieser Träume gewesen? Diese Träume, die mich bereits seit Monaten verfolgen und sich stets so echt anfühlen? So, als wäre ich ein Teil davon. Oder habe ich das gerade wirklich erlebt? War ich dieser Agent, der zusammen mit seinem Kollegen unterwegs gewesen ist und einen Polizisten entführte? War ich dieser Typ, der so extrem zielstrebig und verbissen agierte? Und alles nur, um an irgendwelche Informationen zu gelangen. Auskünfte, die genau dieser Mann an exakt diesem von uns ausgewählten Ort an uns übermitteln sollte.
Die Überzeugung war spürbar. Der Polizist, Mitte vierzig, blondes Haar, vernarbtes Gesicht, schmächtig und circa einen Kopf größer als ich. Und wir, jung, kaltschnäuzig und voller Tatendrang. Mit nur dem einen Ziel, ihn zu schnappen.
„Wer bist du?“, fragt er mich. „Wieso machst du das? Wieso gerade ich?“
Und dann, in dem Moment, als ich den Mund öffne, um ihm zu sagen, was meine Beweggründe sind, wache ich auf. Wieso jetzt? Wieso muss der Traum gerade jetzt zu Ende sein? Wieso immer dann, wenn ich erfahren will, wie es weitergeht?
Ich will wissen, wieso ich das mache und weshalb sich alles so echt anfühlt. Ich will wissen, was mit meinem anderen ‚Ich‘ in meiner Traumwelt passiert. Wissen, wieso es mir so vorkommt, als wäre das andere ‚Ich‘ wie ich. Ein ‚Ich‘ in einer Parallel-Welt, die sich wie die Wirklichkeit anfühlt. So als könnte ich den Zugang dahin mit einem Sprung über eine schmale Stufe erreichen. Es erscheint mir so nah, aber die Antworten auf meine Fragen sind meilenweit entfernt.Pause, tief durchatmen, die Augen nochmals kurz schließen. Dann mein Blick durchs Zimmer kreisen lassen und entscheiden, was ich tun soll. Keine Antwort finden, oder doch, einfach nur liegen - nichts tun.
So liege ich nun da, benommen von dem Traum, der mir immer noch im Kopf brennt. Ich habe Mühe einzuordnen, was echt ist und was nicht. Im Magen habe ich ein komisches Gefühl. Im Dunkel meines Zimmers erscheint noch immer der Polizist vor mir, wie er verwirrt nach unseren Motiven fragt. Wie er mich anschaut und einfach nicht verstehen kann, wieso ich das mache. Wie er völlig perplex in mein Gesicht schaut, so als würde er gar nicht begreifen, dass das alles gerade wirklich passiert.
Alles steht still und ich bewege mich weder vor noch zurück. Dann starte ich einen Versuch. Ich drehe meine Beine in Richtung Boden, um Fuß zu fassen, lege mich dann aber sofort wieder hin. Ich schaue zur Decke und prüfe, ob ich etwas erkennen kann. Irgendein Zeichen? Nichts, keine Chance. Ich blicke zum Nachttisch und erkenne, dass gerade mal zehn Minuten vergangen sind. Was soll ich tun?
Das Ziel ist, weiterschlafen, aber davon bin ich so weit entfernt wie nach den Antworten auf meine gerade erlebten Taten. Also entscheide ich mich, meine Kräfte zu bündeln. Ich löse mich von den imaginären Fesseln, die mich ans Bett klammern, und stehe auf.
Ein Glas kalte Milch und ein Spaziergang rund ums Haus helfen mir, mich zu sammeln. Die frische Luft, die während des Laufens in mein Gesicht bläst, ist wie ein feuchter Lappen, der die Unreinheiten aus der Haut wäscht. Einfach befreiend und genau das, was ich in diesem Moment brauche. Die Dunkelheit macht mir nichts aus. Anfangs schon, aber irgendwie habe ich mich daran gewöhnt. Von Zeit zu Zeit, von Spaziergang zu Spaziergang, ist sie zu meinem Freund geworden. Düster und doch so ruhig und ohne bösen Willen. So als würde man all die Dinge, die nicht so laufen, wie sie sollten, mit einem großen Tuch überdecken und erst am nächsten Tag wieder zum Vorschein kommen lassen. Ein sehr schöner Gedanke, den ich versuche festzuhalten, während ich mich langsam wieder zum Eingang bewege. Im Haus ist es weiterhin ruhig und ich laufe ohne weitere Zwischenfälle zurück in mein Schlafzimmer.
Nun ist mein Kopf wieder frei und mein Körper ist müde. Ich lege mich hin und nicke innert Sekunden ein. Dieses Mal schlafe ich tief, ohne Ausflüge in meine Traumwelt. Dieses Mal reduziert sich mein Leben nur auf mich. Kein Polizist, kein Komplize und auch keine weiteren Fragen. Es gibt nur mich, Milos, den Jungen im Bett. Ich erhole mich vom Erlebten.
Geht doch. Die Sonne scheint in mein Zimmer. Ich wache auf und fühle mich leicht benommen, jedoch um Längen besser als bei meinem ersten Erwachen. Ich versuche, meine Gedanken zu ordnen, und fokussiere mich auf den Tag und auf das, was mich erwartet. Ich befreie mich davon, auf alles eine Antwort haben zu müssen, und merke, dass es mir besser geht. Also konzentriere ich mich weiter gezielt auf ein paar wenige Anhaltspunkte.
Den Fokus zu finden, habe ich zu meiner täglichen Aufgabe gemacht. Immer, wenn ich eine Nacht wie heute erlebt habe, präge ich mir morgens meine nächsten Schritte tief ein. Ich stelle mir diese bildlich vor und lasse einen Film vor meinen Augen ablaufen. Wenn auch dies nicht genügt, spreche ich die Gedanken laut aus. Fast schon so, als wäre ich davon besessen. Es ist mein Ritual, mein Plan und meine eigene Strategie, die mir hilft, mit der ganzen Situation klarzukommen.
Aus der Küche nehme ich den Geruch von Toast und heißer Schokolade wahr. Fokus gefunden. Ich rieche kurz am T-Shirt vom Vortag und entscheide, dass ich damit auch noch heute durch den Tag gehen kann. Die wenigen Schweißspuren bemerkt sowieso niemand. Bei den Hosen hat sich die Frage erübrigt. Durch meinen Spaziergang rund ums Haus sehen diese entsprechend aus, also völlig verdreckt. Ich krame mein zweites Paar Hosen aus dem in die Jahre gekommenen Holzschrank und bewege mich in Richtung Küche.
Dort erwartet mich das gewohnte Bild. Alles ist an seinem Platz. Mein Vater sitzt wie immer völlig korrekt und aufrecht auf seinem Stuhl. Er wirkt, eingeschnürt in Anzug und Krawatte, als würde er bereits im Büro sitzen und das erste Meeting vorbereiten. Auf dem großen, massiven Esstisch liegt die Tageszeitung. Diese hält meinen Vater davon ab, sich mit mir zu unterhalten. Er bringt nicht mehr als ein kurzes „Hallo“ über seine Lippen und blickt dann wieder direkt in die wohl sehr ergreifenden und spannenden Berichte aus der Umgebung. Ich nicke ihm, oder besser gesagt, dem Mann im Zeitungsartikel, zu und setze mich hin.
Meine Mutter ist ebenfalls bereits pikfein hergerichtet. Sie könnte direkt zu den Oscarverleihungen gehen und würde selbst dort noch auffallen. Da sie weder Schauspielerin ist noch im letzten Jahr einen Blockbuster produziert hat, schließe ich das aus. Sie hat wohl einfach mal wieder einen wichtigen Termin in der Kanzlei. Meine Mutter arbeitet viel, eigentlich immer. Heute nimmt sie mich mehr oder weniger wahr. Sie scheint bereits in ihrem Film gefangen zu sein. Ohne irgendein Wort zu sagen, stellt sie die noch halb volle Tasse auf den Tisch und verlässt den Raum. „Dir auch einen schönen Tag“, sage ich leise vor mich hin, als ich bereits den Autoschlüssel klimpern höre.
Eigentlich alles wie immer, denke ich mir. Nur, dass ich aktuell Mühe habe zu unterscheiden, ob das nun real ist oder nicht. Bin ich wirklich hier oder stecke ich in einem dieser Abenteuer, welche ich jeweils im Schlaf erlebe? Ich erinnere mich an meinen Plan und versuche, mich auf den Raum zu konzentrieren. Mit dem ersten Blick treffe ich eine Schlagzeile in der Zeitung meines Vaters. Ich lese den in Großbuchstaben geschriebenen und somit nicht übersehbaren Titel: Die Stadt brennt.
Ich erfahre von brutalen Überfällen. Diese wurden letzte Nacht in Ame, der Stadt im Norden, auf verarmte Wohnungseigentümer ausgeübt. Die Opfer haben sich gewehrt, aber ohne Erfolg. Sie wollten auf die gemachten Kaufangebote nicht eingehen und ihre Häuser nicht verkaufen - trotz fehlender eigener Mittel. Darauf brach dann wohl die Gewalt aus. Es kam zum Gefecht. Die Täter waren in der Überzahl und es endete blutig. Das ist das gewohnte Bild. Die Kriminalität in den Städten steigt. Wenn es auf dem diplomatischen Weg nicht vorwärtsgeht, lassen sie die Fäuste sprechen. Ein sehr wirkungsvolles Mittel. Leider.
„Über solche Dinge spricht man nicht“, bemerkt mein Vater abwertend, als ich ihn nach seiner Meinung frage. Ich merke sofort, dass dies das Ende der Konversation ist. „Keine Antwort, mal wieder“, denke ich mir und schweife mit meinen Gedanken ab. Fokus verändern. Wohin? Ah ja - Frühstück. Himbeer-Marmelade, Butter, Brot - eigentlich führe ich doch ein ganz normales Leben, eines ganz normalen Jungen in einer völlig intakten Umgebung. Oder doch nicht?
Ein kurzer Blick in den Spiegel, kaltes Wasser ins Gesicht und los geht’s. Mit vollem Bauch mache ich mich auf den Weg. Ich muss zur Schule, also an den Ort, der mir nie zum Freund geworden ist. Nun ja, ich habe dort auch keine Freunde. Hatte ich noch nie und werde ich wohl auch nie haben. „Die Hoffnung stirbt zuletzt“, flüstert mir meine Stimme im Kopf zu. „Lass mich in Ruhe“, gebe ich zurück und beende das Selbstgespräch.
Seit wir vor etwas mehr als einem Jahr den Wohnort gewechselt haben, klappt es einfach nicht mehr. Ich kann keine Beziehungen zu anderen Menschen mehr knüpfen. Egal wie sehr ich mich auch anstrenge, niemand will mit mir ein Gespräch führen. Ein kurzer Blickkontakt ist das Höchste der Gefühle und dieser ergibt sich meist auch eher zufällig. „Vorher war alles anders“, meldet sich meine Stimme im Kopf zurück. Ich beachte sie nicht, bin mir aber bewusst, dass es in diesem Fall zutrifft.
Am früheren Wohnort, westlich von hier, mitten in der großen Stadt Oro, hatte ich ein tolles Leben. In unserem Quartier lebten viele Kinder. An Sommertagen spielten wir Fußball, draußen auf der Straße. Mit großen Steinen markierten wir die Torpfosten und irgendjemand hatte immer einen Ball dabei. Meist war es Paco, der aus Spanien eingewanderte Junge mit seinen unglaublich flinken Beinen. Ich mochte alle und alle mochten mich. Vielleicht war es zu schön, um wahr zu sein, zu schön, um lange zu dauern. Denn so ziemlich von einem Tag auf den anderen war alles vorbei.
„Milos, wir müssen los.“
„Wohin?“, war mein erster Gedanke. Aber als ich mich zu Hause umsah, waren die Koffer bereits gepackt und die Autoschlüssel auf dem Küchentisch platziert. Ohne „Auf Wiedersehen“ zu sagen, verließ ich meine Freunde und auf ein Wiedersehen warte ich bis heute. Anfangs versuchte ich, Kontakt aufzunehmen, aber dies funktionierte nicht. Meine Briefe an Paco und all die anderen Jungs aus dem Viertel kamen entweder nie an oder wurden allesamt nie beantwortet. Letzteres kann ich mir nur schlecht vorstellen. Es gibt dafür keinen Grund. Wieso sollten meine Freunde mir nicht antworten wollen? Ich habe ihnen doch nichts getan? Wir waren eine verschworene Gemeinschaft und hatten trotz unseres jungen Alters bereits viel zusammen erlebt. Jahr für Jahr wuchsen wir enger zusammen. Jeder fühlte sich eng mit den anderen verbunden. Gab es Ärger, waren immer alle schuldig, und wurde jemand für etwas belohnt, wurde geteilt. So gab es keinen Streit und niemand fühlte sich benachteiligt.
Nun ja, auf jeden Fall bin ich nun hier. Ich wohne im Dorf Kono, irgendwo im Nirgendwo, mitten auf dem Land, in einem großen Haus, umringt von Wald, so weit das Auge reicht. Sonst gibt es nichts. Nein, so schlimm ist es nicht, aber als wäre Kono nicht schon genügend klein, müssen wir auch hier noch im vom Dorfkern am weitesten entfernten Haus wohnen.
Kono ist ein klassisches Dorf für Leute, die gekommen sind, um zu bleiben. So leben hier vor allem alte Leute und Familien. Die Anbindung an die umliegenden Dörfer ist in Ordnung, aber nur für Besitzer eines Autos. Der Bus fährt sehr unregelmäßig und nimmt einen nur mit, wenn man das nötige Kleingeld besitzt. Da ich weder flexibel bin noch über eigene Mittel verfüge, gibt es für mich keine Möglichkeiten, von hier wegzukommen. Ich werde nicht gefangen gehalten, aber es fühlt sich so an.
In Kono gibt es einen Dorfkern. Dieser sollte für die Bewohner ein Treffpunkt sein, ist er aber nicht. So bleibt der kleine Park vor der Kirche stets leer, außer, wenn die Dorfältesten aus der täglich stattfindenden Abendmesse kommen. Die Familien und die Kinder ziehen sich am liebsten in ihre Wohnquartiere zurück. Dort treffen sie sich untereinander. Die Geschäfte im Ort decken die wichtigsten Bedürfnisse ab. Das Angebot ist gerade so groß, dass man den Ort nicht unbedingt verlassen muss. Neben einem Dorfladen findet man einen Bäcker, einen Metzger und ein paar weitere Läden. In der Nähe der Schule steht ein alter Bauernhof. Weiter gibt es ein stattliches Gemeindehaus, einen Polizeiposten und diverse Handwerkerbetriebe.
Das Dorf Kono bildet zusammen mit den vier Dörfern Suna, Kiri, Kumo und Iwa einen Verbund. Die fünf Dörfer sind in etwa gleich groß und haben ähnlich viele Einwohner. Umringt werden sie von vier Städten. Eine davon ist Ora, meine Heimatstadt.
Kono ist ein Traum für ein pensioniertes Ehepaar, aber nicht für einen sechzehnjährigen Jungen. Ich fühle mich in der Blüte meines Lebens, aber blühe nicht. Voller Tatendrang habe ich Lust, die Welt zu entdecken. Ich will mit meinen Freunden Abenteuer erleben. Aber hier erlebe ich nichts. Kein kaputtes Fenster durch einen zu hoch angesetzten Ball von Paco, kein Davonrennen und auch kein Aufatmen, wenn man nicht erwischt wurde, nein, hier gibt es nichts davon. Nur mich, mitten im Leben, aber ohne Zutrittsberechtigung. Allein, so als wäre ich eine eigene Spezies, bestehend aus nur einer Person.
Im Vergleich zu meinem Leben in der Stadt spielt sich im Hier und Jetzt eine völlig andere Geschichte ab. So als hätte jemand meine Welt auf eine Schallplatte gelegt und um hundertachtzig Grad gedreht. Hier besuche ich die Klasse 3c, welche im nächsten Sommer ihren Schulabschluss feiert. Hier spielen die Kinder auch Fußball, aber befreit von Spaß und Emotionen. Die Exoten und deren sorglose Art, gegen den Ball zu kicken, fehlen komplett. Es gibt keine leuchtenden Augen, keine Harmonie, keine Bewunderung und schon gar kein Lachen. Das Ganze wirkt so, als würde man den Jungs sagen, sie müssen Fußball spielen, als Hausaufgabe, mit zusätzlicher Bestrafung bei Nichterfüllung.
Ganzheitlich beurteilen kann ich das nicht, da ich nicht mitspielen darf. Doch mein Eindruck bestätigt sich Tag für Tag. An meinem ersten Schultag sprang ich in der Pause noch völlig euphorisch auf den Platz. Danach fragte ich noch ab und zu, dann noch etwa einmal im Monat und irgendwann nur noch dann, wenn meine Füße so bestimmend nach dem Spielen mit dem Ball verlangten, dass sie mich direkt auf den Platz trugen. Und jetzt? Jetzt sitze ich auf der kühlen, im Schatten liegenden Steintreppe und verfolge das Geschehen. Dabei könnte ich die anderen Schüler beraten und ihnen wertvolle Tipps geben, damit sie besser werden. Ich könnte ihnen zeigen, dass ein Tritt gegen den Ball ein Gefühl der Freude auslösen kann. Ich könnte so vieles tun, doch ich sitze nur da und schaue mir Pause für Pause das an, was sie hier Fußball nennen.
Wieso ich das mache? Ich weiß es nicht genau. Diese Frage stelle ich mir aber jedes Mal aufs Neue. Dann bleibe ich trotzdem sitzen und versuche zu vergessen, was ich mich gerade gefragt habe. Hauptsächlich liegt es wohl an den fehlenden Alternativen. Immerhin muss ich mich ja täglich für zwei mal zwanzig Minuten beschäftigen. Und ja, zugegeben, vielleicht ist es auch der noch so kleine Hoffnungsschimmer, der mich glauben lässt, dass ich eines Tages doch noch gefragt werde, ob ich mitspielen will.
Genauso unaufgeregt wie das Treten gegen den Ball beobachte ich die Paare, die sich seit Wochen bilden und die dann wohl zusammen zum Abschlussball gehen werden. Es dauert zwar noch eine ganze Weile bis dahin, doch es scheint so wichtig zu sein, dass dies bereits jetzt erledigt sein muss. „Willst du mit mir zum Fest gehen?“, höre ich die sonst ach so harten Jungs die Mädchen fragen. Diese laufen dann für gewöhnlich rot an und drücken, völlig nervös und lächelnd, ein „Ja“ über ihre Lippen. So, als würden die Jungs nicht merken, dass sie nur darauf gewartet haben. Da ich nicht der einzige Junge sein will, der ein „Nein“ als Antwort erhält, werde ich nicht feiern. Denn wer soll mich schon fragen? Mich, Milos?
Teilweise frage ich mich, ob ich wirklich so heiße, denn die Gunst scheint nicht wirklich mein Begleiter zu sein. Ich fühle mich nicht so, als wäre die Gunst der Stunde auf meiner Seite, ich der X-Faktor oder als würde etwas bewusst für mich laufen. Nein, ich sehe mich eher als Zuschauer des Geschehens, eben als den Jungen auf der kalten Steintreppe.
Gäbe es einen Namen, der für „der Ungünstige“ steht, würde dieser wohl besser zu mir passen. Denn ungünstig entwickelt sich nicht nur mein Leben mit meinem Umfeld, sondern auch immer mehr mein Äußeres. Oder anders gesagt, vieles entwickelt sich nicht. So bin ich klein, sagen wir, eher klein - für mein Alter − habe keine besonders auffallenden äußeren Merkmale, bin schmächtig, habe viele Haare, aber keine Frisur, und laufe nicht in den angesagten Klamotten herum. Nein, vielmehr laufe ich dem Trend hinterher.
Zusammengefasst, bin ich eher der Frosch als der Prinz, und auch nicht der Frosch, den man küsst, damit er zum Prinzen wird. Ich bin Milos und auch wenn vieles an dieser Schule gegen mich läuft, denke ich immer daran, dass ich so, wie ich bin, mal ein Mitglied einer Clique war, die mich gern hatte und mich als festen Bestandteil einer Gruppe ansah. Dieser Gedanke gibt mir Kraft und ich weiß, dass ich ihn nie vergessen darf.
Es erübrigt sich wohl, zu sagen, dass ich aus den genannten Gründen bei den weiblichen Mitschülerinnen nicht besonders gut ankomme. Eigentlich müsste ich ihnen ja nahe sein, denn an dieser Schule dürfen auch die Mädchen nicht Fußball spielen. Aber diese Gemeinsamkeit habe wohl bisher nur ich entdeckt. Und da die Mädchen die kalte Steintreppe nicht so anziehend finden wie ich, ergibt sich auch kein Grund, diese Gemeinsamkeit zu vertiefen.
Das Alleine-Sein hat nicht nur dunkle Seiten, sondern bringt auch Vorteile mit sich. Da ich oft - o.k., sagen wir immer - alleine bin, habe ich Zeit, um unzähligen Dingen nachzugehen. Ich lese alles, was ich in die Hände kriege, und verschlinge die ergatterten Werke in Windeseile. In den Büchern bin ich der Herr der Lage und mir gefällt es, dass die Wörter nicht vor mir fliehen, sondern sich von mir lesen lassen. Am liebsten lese ich Romane, aber auch viel über Technik, Geschichte, Kultur. Ja, eigentlich alles, was ich finde. Zu Hause haben wir nur wenige Bücher, da meine Eltern nichts außer der Zeitung lesen. Diese Bücher habe ich bereits alle gelesen, manche mehrmals.

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 260
ISBN: 978-3-99064-938-1
Erscheinungsdatum: 06.04.2020
Durchschnittliche Kundenbewertung: 5
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