Lyseira
Die Spuren der Herkunft
EUR 28,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 248
ISBN: 978-3-99185-131-8
Erscheinungsdatum: 09.07.2026
Als Cathleen bei Recherchen für ihr Studium unerwartet ein Abbild ihres geerbten Amuletts in einem alten Buch findet, ändert sich ihr Leben für immer: Sie entdeckt ihre wahre Herkunft sowie eine Prophezeiung, die erfüllt werden muss, um das Böse aufzuhalten..
Kapitel 1
21 Jahre später
Cathleen sass wieder einmal über ein Buch gebeugt in der Bibliothek der Uni. Sie war hier kein seltener Gast und erst recht nicht, seit sie mit ihrer Masterarbeit begonnen hatte. Gedankenverloren spielte sie mit der Kette um ihren Hals. Es war die Kette, die sie bereits ihr Leben lang besass. Jedenfalls konnte sie sich nicht daran erinnern, je ohne sie gewesen zu sein. Der Anhänger war rund und aus Kupfer, daher kam die leicht rötliche Färbung. In der Mitte war ein mit Silber eingelassenes Zeichen, das einem Dreieck sehr ähnlich war. Die Silberlinie schien keinen Anfang und kein Ende zu haben und zog sich verschlungen bis in die Ecken des Zeichens und wieder zur Mitte zu. Um das Symbol in der Mitte waren verschlungene, im Kreis angeordnete Muster zu erkennen, die direkt in das Kupfer des Anhängers geritzt worden waren. Diese grenzten zwar an das Muster in der Mitte, jedoch berührten sie nicht den Rand des Anhängers, sondern wurden von einem gleich breiten Rand wie die verschlungenen Linien selbst abgetrennt, der wie ein Rahmen wirkte.
Sie spielte oft mit dem Anhänger, besonders wenn sie in Gedanken war. Er war ihr seit jeher vertraut und gab ihr Halt. Ihre Gedanken konnten sie manchmal so stark in Beschlag nehmen, dass sie das Gefühl hatte, ohne eine Hand an ihrer Kette, von ihren Gedanken regelrecht fortgezogen zu werden, fort in eine andere Welt. Ohne sich recht auf die Wörter und Sätze konzentrieren zu können, blätterte sie in dem dicken Buch über die Kelten. Sie suchte darin nach Inspiration für ihre Masterarbeit. Durch ein kleines Fenster mit trüben Scheiben suchten einige Sonnenstrahlen den Weg ins Innere der Bibliothek, gerade so, als stöberten auch sie nach teilweise schon längst vergessenem Wissen zwischen all den Büchern. In den Sonnenstrahlen, die auf den Boden aus grob bearbeiteten Steinplatten fielen, tanzten winzige Staubkörner, die manchmal kurz aufleuchteten in dem goldigen Sonnenlicht, als wären es Glühwürmchen. Cathleen folgte ihnen mit den Augen und sah plötzlich kleine Feen auf den Steinplatten tanzen. Sie drehten sich zwischen den Glühwürmchen im goldenen Licht. Ihre Kleidchen glitzerten und funkelten in den schönsten Grüntönen und bei jeder Drehung wirbelten ihre um den Kopf fliegenden Haare noch mehr Glühwürmchen durch die Luft.
Woher kam nur diese Fantasie?, fragte sich Cathleen mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Sie blinzelte ein paar Mal und die Feen waren verschwunden. Nur gut, dachte Cathleen, dass ich mir wenigstens den besten und meistbewanderten Geschichtsprofessor der Uni für meine Masterarbeit ausgesucht habe. Ohne ihn wäre ich wohl aufgeschmissen, so gut wie ich meine Konzentration bei den Büchern behalten kann.
Es fiel ihr schwer, sich bei dem schönen Wetter im Innern einer abgedunkelten, alten Bibliothek aufzuhalten und sich für Bücher zu begeistern, wenn draussen die Sonne lachte und die Vögel so schöne Lieder sangen, als wollten sie Cathleen absichtlich von der Arbeit abhalten und an die frische Luft locken. Das plötzliche, metallene Piepen riss sie zwar unsanft aus ihren Tagträumen, kam ihr jedoch nicht ganz ungelegen. Leicht erschrocken sah sie sich in der Bibliothek um. Sie hatte schon wieder vergessen, ihr Handy auf lautlos zu stellen, und das konnte mächtig Ärger mit der Bibliothekarin geben. Doch es schien, als wäre sie gerade nicht in der Nähe, und so zog sie das Gerät aus ihrer Tasche. Die Nachricht auf Cathleens Handybildschirm war von ihrem Adoptivbruder Damian und lautete: „Komm raus, du Bücherwurm! Ich hab eine Überraschung für dich.“ Erleichtert über die Ablenkung räumte sie die Bücher zusammen, packte ihre Tasche und gab am Ausgang der Bibliothek alle Bücher bis auf das über die Kelten zurück. Mit einem kurzen Umweg über ihr Schliessfach, in welchem sie das ausgeliehene Buch und ihre Tasche verstaute, lief sie zum Ausgang der Uni. Kaum war sie ins herrlich warme Sonnenlicht getreten, rief Damian auch schon nach ihr: „Da bist du ja endlich! Ich war schon kurz davor, mir ein anderes Mädchen zu schnappen und ihr meine Überraschung zu zeigen. Es laufen ja genug hier herum …“ Damian zwinkerte Cathleen zu und sie boxte ihn unsanft in den Oberarm. „Du kannst von Glück reden, dass du mein Bruder bist! Ich halte nämlich nichts von solchen Schwätzern“, gab sie etwas giftig zurück. Damian grinste breit und schob beide Hände in die Taschen seines grünen Kapuzenpullis. Es war offensichtlich, wie sehr er sich darauf freute, ihr eine Überraschung zu machen und gleichzeitig wurde deutlich, wie gerne er Cat neckte. Mit seinem vollen, dunkelbraunen Haar, das er gerne nach links kämmte, was ihm einen lässigen Look verlieh, feikste er sie aus seinen kastanienbraunen Augen an. Cat musste lachen. Egal wie alt er ist, dachte sie, er wird sich wohl nie ändern.
Viele, die Cathleen und Damian nicht gut kannten, hielten sie im ersten Moment für ein Paar, weil sie zum einen so vertraut miteinander umgingen und zum anderen sich gerne und oft zankten. Für sie beide war das jedoch nie ein Thema, da sie als Geschwister bei denselben Eltern aufgewachsen waren. Obwohl Cathleen nicht Damians leibliche Schwester war, behandelte er sie seit jeher als solche und hatte ihr gegenüber daher auch einen ausgeprägten Beschützerinstinkt.
„Also, was ist denn nun die Überraschung, Brüderchen?“, neckte ihn Cathleen. „Du weisst genau, dass ich es hasse, wenn du mich Brüderchen nennst! Nur weil ich jünger bin als du, heisst das noch lange nicht, dass du mich noch immer so nennen darfst. Immerhin bin ich jetzt 21 und …“
„Und ich bald 22!“, unterbrach sie ihn. „Deshalb nenne ich dich so, wie ich will“, fügte sie hinzu und streckte trotzig ihr Kinn nach vorne. Damian legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie zu seinem Motorrad. „Nun gut, liebes Schwesterchen …“, begann Damian. „Nenn mich nicht Schwesterchen, ich bin älter als du!“, fiel Cathleen ihm ins Wort und befreite sich von ihm. „Folgender Deal …“, schlug Damian vor. „Du nennst mich nicht mehr Brüderchen und ich dich nicht mehr Schwesterchen. Was sagst du?“ Sie waren bei seinem Motorrad angekommen. Damian nahm einen Helm aus dem Fach unter dem Sitz und gab ihn Cathleen. Diese schaute ihm prüfend in die Augen und erwiderte: „Einverstanden! Aber nun erzähl mir endlich, was wir machen. Wozu hast du mich von meiner Arbeit weggeholt?“ Cathleen setzte sich den Helm auf und wartete, bis Damian seinen vom Lenker nahm und ihn ebenfalls aufsetzte. Da war schon wieder dieses Grinsen auf seinem Gesicht, als er meinte: „Wie ich dich kenne, konntest du dich sowieso nicht wirklich auf die Bücher konzentrieren und bist lieber deinen Tagträumen nachgehangen.“
Das gibt’s doch nicht, dachte Cathleen und musste grinsen. Wieso kannte er sie so gut? Sie tat so, als wüsste sie nicht, wovon er sprach, und antwortete: „Also dann, lass uns gehen. Aber ich möchte mich gerne noch kurz umziehen, damit ich nicht mehr ganz so schlimm nach Uni und alten Büchern rieche.“ Sie verzog die Nase. „So hast du schon als Kind immer die Nase gerümpft, wenn dir etwas nicht gepasst hat“, erinnerte er sich und musste lachen. Er schwang ein Bein über den Sattel, stellte sein Motorrad gerade und löste mit einem kräftigen Ruck nach vorne den Motorradständer. Damian drehte sich zu Cathleen um und gab ihr mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie aufsitzen konnte. Cathleen stellte den rechten Fuss auf eine Sprosse seitlich des Motorrads, hielt sich an Damians Schultern fest und schwang mit etwas Anlauf das linke Bein über den Sitz. Als auch ihr linker Fuss auf der anderen Seite Halt fand, auf der zweiten Sprosse, setzte sie sich hinter Damian in den Sattel und verschränkte beide Arme vor seiner Brust.
„Ich nehme nicht an, dass du mir verrätst, was du vorhast?“, fragte sie des Helmes wegen etwas lauter als sonst in Damians Ohr. Dieser drehte leicht den Kopf in ihre Richtung, grinste und meinte nur: „Lass dich überraschen!“
Mit diesen Worten startete er den Motor, der wie ein brüllender Löwe laut aufheulte. Bevor er die Hand von der Bremse löste, liess er den Motor noch einige Male aufheulen. Angeber, dachte Cathleen und musste dennoch grinsen. Mit einem kleinen Ruck setzte sich das Gefährt in Bewegung und Cathleen grub ihre Hände etwas tiefer in Damians Jacke, um den Halt nicht zu verlieren. Gemeinsam fuhren sie von der Uni weg in die Stadt Amra.
Cathleens gemütliche, kleine Zweizimmerwohnung lag etwas entfernt vom Zentrum der Stadt, in einem Haus abseits der grossen Strassen. Das Haus war ein Altbau aus dunkelroten Ziegelsteinen. Die Fenster des Treppenhauses hatten noch immer zwei Scheiben. Eine konnte man nach innen öffnen und die andere – ähnlich wie ein Fensterladen – wurde nach aussen geöffnet. Bei alten Häusern war dies früher so üblich. Da man die Fenster noch nicht so gut isolieren konnte, sollten wenigstens die beiden Scheiben die Kälte etwas besser draussen halten. Die restlichen Fenster wurden bereits vor Cathleens Einzug renoviert und gegen modernere eingetauscht, die sich durch nach oben Schieben öffnen liessen. Auch Cathleens Wohnung war nicht mehr im ursprünglichen Zustand, wenngleich die Wohnung ihren ganz eigenen Charakter hatte und man da und dort noch das wahre Alter erkennen konnte. Beispielsweise gab es trotz der kleinen Grösse der Wohnung noch einen Kamin, der an kalten Wintertagen wahrhaft ein Segen sein konnte. Auch die kunstvollen Verzierungen an den Decken der Wohnung waren Indizien aus früheren Tagen.
Während Cathleen in ihrem Schlafzimmer verschwunden war, um ihren Kleiderschrank zu durchsuchen, machte es sich Damian auf dem kleinen Sofa gegenüber dem Kamin gemütlich. Bevor er sich jedoch hatte setzen können, musste er noch einen Stapel alt aussehender Bücher zur Seite räumen, die sich auf und neben dem Sofa türmten. Einige Titel überflog er kurz beim Wegräumen: „Das keltische Baum-Horoskop“, „Anam Cara – Das Buch der keltischen Weisheit“, „Lexikon der keltischen Mythologie“, „Die Kelten – Weisheit und Mythos“. Damian schüttelte grinsend den Kopf und dachte, wenn Cathleen weiterhin jedes Buch, das sie vielleicht eventuell für ihre Masterarbeit brauchen könnte, mit nach Hause nehmen würde, hätte sie bald ihre eigene Bibliothek hier. Aus dem Schlafzimmer drang das Klirren von aneinanderschlagenden Kleiderbügeln und schliesslich ein entnervtes Stöhnen. „Du solltest etwas Schickes anziehen …“, versuchte Damian zu helfen. „Aber nicht zu schick“, fügte er nach kurzem Überlegen hinzu.
„Das hilft mir jetzt ungemein weiter“, kam die sarkastische Antwort aus dem Nebenraum. Nacheinander zog sie jeweils ein Kleid aus dem Schrank, hielt es prüfend vor sich, warf es nach kurzem Überlegen aufs Bett und griff nach dem nächsten.
Sie hörte, wie Damian sich im Wohnzimmer vom Sofa erhob und glaubte schon, er würde ihr endlich bei ihrer Entscheidung weiterhelfen. Doch seine Schritte entfernten sich und dann wurde es still, als wäre er irgendwo stehen geblieben. Cathleen wandte sich erneut ihrem Kleiderschrank zu, als aus der Küche Damians Stimme zu ihr drang: „Du, Cat, was sind das hier für Zeichnungen auf dem Küchentisch?“ Mit einem Seufzen warf sie das hübsche, sonnengelbe Kleid, das sie gerade in Händen hielt, auf ihr Bett und steckte den Kopf aus dem Schlafzimmer.
„Es ist nicht besonders anständig, in anderer Leute Sachen zu schnüffeln“, fauchte sie. „Ich schnüffle nicht, sie liegen ja einfach so hier herum“, verteidigte sich Damian. Cathleen verdrehte die Augen und gab zurück: „Ist klar.“
Aus der Küche drang das Rascheln von Papier an Cathleens Ohren und dann ertönte erneut die Stimme von Damian: „Cat, jetzt im Ernst, was soll das sein?“ Er trat aus der Küche und hielt eine ihrer Zeichnungen in die Höhe. Sie erkannte das Blatt mit den unleserlichen, meist kreisförmigen Symbolen und Zeichen. Weiter unten auf dem Blatt waren Zeichnungen von Feen und ein paar begonnene Skizzen eines Drachens zu sehen. Zudem gab es Torbögen in verschiedenen Variationen und angedeutete Landschaftsskizzen auf dem Papier, das Damian, noch immer auf eine Antwort wartend, hochhielt.
Cathleen liess ergeben die Arme sinken und gab zu: „Ehrlich gesagt, ich weiss es auch nicht. Ich habe dir doch von den seltsamen Träumen erzählt, in denen ich an einem fremden Ort – meistens in einem Wald – bin. Es scheint eine andere Welt oder so zu sein, dort gibt es Feen und Drachen. Ausserdem sehe ich immer wieder so einen Torbogen.“ Cathleen war an Damian herangetreten und zeigte nun auf einen der Torbögen auf dem Blatt. Sie seufzte und sprach weiter: „Ach, keine Ahnung, es hilft mir, die Bilder in meinem Kopf aufzuzeichnen. Wenn ich es nicht tue, schwirren sie unentwegt in meinem Kopf herum und ich kann mich den ganzen Tag nicht richtig konzentrieren. So was kann ich momentan echt nicht gebrauchen, ich muss mich auf meine Masterarbeit konzentrieren.“
Abrupt drehte sie sich um und lief zurück in ihr Schlafzimmer. „Cat, mach dir keinen Kopf! Finnobarr hat ein gutes Herz und er kennt dich schon dein ganzes Leben lang. Er würde dich nicht durchfallen lassen.“ Er hörte, wie Cat ein weiteres Kleidungsstück auf ihr Bett warf und leicht genervt antwortete: „Darum geht es nicht, Damian! Ich will meinen Master schaffen, weil ich eine richtig gute Arbeit schreibe und nicht, weil mein Betreuer so etwas wie mein Onkel ist.“ Die letzten Worte wurden von dem Kleidungsstück gedämpft, das Cathleen sich gerade über den Kopf zog. Damian legte die Zeichnungen zurück auf den Küchentisch und schaute zum Fenster hinaus, als er Cathleens Stimme fragen hörte: „Nimmst du mich so mit?“
Damian trat aus der Küche und betrachtete seine Adoptivschwester, die sich einmal um die eigene Achse drehte. Das mattgrüne Kleid bildete einen schönen Kontrast zu ihrem kupferroten Haar. Es reichte ihr bis knapp über die Knie und war oben enganliegend, während es von der Taille abwärts weit war. Als sich Cathleen um sich selbst drehte, flog der Stoff ihres Rockes etwas in die Höhe und zeichnete einen beinahe perfekt runden, unsichtbaren Kreis in die Luft. Damian grinste breit und meinte: „Ja, sollte gehen.“ Cathleen verabreichte ihm den wohlverdienten Kniff in den Oberarm und beide lachten laut los. „Aber das Motorrad lasse ich dann wohl lieber bei dir stehen und wir nehmen den Bus“, fügte Damian hinzu. „Mit dem Kleid auf dem Motorrad, das halte ich für keine gute Idee.“
Cathleen musste lächeln und schlüpfte gerade in ein paar passende Schuhe. Wie fürsorglich ihr Adoptivbruder doch stets war, das genoss sie. Während sie die Riemen ihrer Schuhe vornübergebeugt schloss, glitten ihre Haare über die rechte Schulter nach vorne und gaben den Blick auf ihren Nacken und einen Teil ihres Rückens, der durch den tiefen Ausschnitt des Kleides sichtbar wurde, frei. Damian, der hinter ihr an der Wohnungstür lehnte, blickte auf das Muttermal an ihrem Nacken hinter dem rechten Ohr und fragte: „Was hat eigentlich der Dermatologe gesagt?“ Mit einer schwungvollen Bewegung stand sie auf und warf sich die Haare in den Nacken, sodass sie das Mal verbargen. Sie streckte sich nach der kleinen, schwarzen Lederumhängetasche an der Garderobe und antwortete in beifälligem Ton: „Alles okay, hat er gesagt.“
Damian runzelte die Stirn, fragte jedoch nicht weiter nach. „Du solltest es einfach im Auge behalten und noch mal hingehen, falls es auszufransen beginnt“, fügte er nachdenklich hinzu. Cat baute sich vor ihm auf, stützte die Hände in die Seite und erwiderte in schnippischem Ton: „Ja, Bruderherz!“ Kurzentschlossen packte Damian sie an der Hand und zog sie aus ihrer Wohnung. „Wo gehen wir eigentlich hin?“, wollte Cathleen wissen, als sie hinter ihnen die Wohnungstür abschloss und Damian dann die Treppe hinunterfolgte. Sie hasste Überraschungen. Wobei das so nicht ganz stimmte. Natürlich hasste sie nicht das jeweilige Geschenk hinter der Überraschung, aber sie konnte es nicht ausstehen, wenn sie nicht wusste, was auf sie zukam. Und das war nun mal der unangenehme Teil einer Überraschung. Sie vermutete, das ungute Gefühl kam von einer Überraschung, die bereits einige Jahre zurücklag. Damals hatte sie ein Junge, der in sie verknallt gewesen war, zum Bungeespringen mitgenommen und ihr nichts erzählt, bis sie hoch oben auf einem Staudamm standen und sie vor Angst beinahe vergessen hätte, zu atmen. Von dem Tag an war dieses Gefühl, das sie damals auf dem Staudamm empfunden hatte, eng mit dem Wort Überraschung verknüpft. Und auch wenn sie wusste, dass Damian ihr nie so etwas antun würde, konnte sie nicht verhindern, dass sich noch während ihr die Frage über die Lippen kam, ein ungutes Ziehen im Magen bemerkbar machte.
Damian kannte sie lange genug, um den leicht ängstlichen Unterton in ihrer Frage herauszuhören, auch wenn sie ihn wie stets gut zu verbergen versuchte. „Ich weiss, dass du keine Überraschungen magst“, begann er mit beschwichtigender Stimme, „aber nun vertrau mir bitte einfach, es wird dir gefallen.“
Er hoffte, sie damit etwas beruhigt zu haben. Denn obwohl er fast einen Kopf grösser war als Cathleen, wusste er, dass sie nach dem Bungee-Vorfall – wie sie ihn später nur noch nannte – Kampfsport gelernt hatte. Es gab ihr Sicherheit, dass sie wusste, sie könnte sich in einem Ernstfall selbst verteidigen. Und sie beherrschte ihre Kunst gut, wie Damian bei einigen seltenen, aber nicht minder schmerzhaften Gelegenheiten feststellen musste, wenn er es mit seinen Spässen etwas zu weit getrieben hatte. Cathleen liess sich nicht gerne in die Ecke treiben, sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Solche Aktionen machten ihr Angst – auch wenn sie das niemals zugeben würde.
Damian führte Cathleen auf direktem Wege in ihr Lieblingslokal in Amra. Auch wenn sie sich nichts anmerken liess, hatte sie schon längst begriffen, dass die Überraschung mit ihrem Geburtstag zu tun hatte, was sie ein klein wenig beruhigte. Sie wollte Damian die Freude nicht verderben und spielte weiterhin die Unwissende, als er sie vor sich über die Schwelle ins Lokal hineinführte. Sie sah sich um, erkannte jedoch kein bekanntes Gesicht unter den Gästen. Die Enttäuschung bohrte sich bereits in ihr Herz wie eine Messerspitze, als sie sich zu Damian umdrehen und ihn fragend anblicken wollte. Dieser jedoch packte sie an den Schultern, führte sie quer durch das Lokal und schob sie in ein Hinterzimmer. Als er hinter ihnen die Tür schloss, wurden sie von fast vollkommener Dunkelheit umhüllt. Bevor Cathleen wusste, wie ihr geschah, leuchteten überall im Raum Wunderkerzen und Feuerzeuge auf und eine grosse Geburtstagstorte mit 22 Kerzen schwebte wie von Geisterhand getragen auf sie zu. Ein vielstimmiges „Happy Birthday“ erklang und erst als der letzte Ton des Liedes verklungen war, schaltete Damian hinter ihr das Licht an und sie sah den Raum voller Freunde, die sie anstrahlten. Das war eine gelungene Überraschung von Damian, das musste Cathleen sich eingestehen. Er hatte es doch tatsächlich geschafft, all ihre Freunde an einem Abend zu versammeln, damit sie gemeinsam in ihren 22. Geburtstag feiern konnten. Um Mitternacht stiessen sie alle gemeinsam auf Cathleens Wohl an. Damian schloss seine Adoptivschwester fest in die Arme und wünschte ihr für das neue Lebensjahr alles Gute, dass sie ihren Master schaffen und bald einmal den Richtigen finden würde. Bei den letzten Worten kniff Cathleen ihren Adoptivbruder in die Seite. Sie mochte es nicht, über dieses Thema zu sprechen. Dennoch fand sie seinen Wunsch an sie insgeheim süss und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich aus seiner Umarmung löste.
Kurz nach ein Uhr verabschiedete sich Cathleen gerade von ihren letzten Gästen. Gemeinsam mit Damian ging sie nach Hause. Er hatte immer noch sein Motorrad bei ihr geparkt und hatte den ganzen Abend über gerade mal ein Bier und zum Anstossen um Mitternacht ein kleines Glas Champagner getrunken, um anschliessend noch nach Hause fahren zu können. Zugegeben, es hätte Cathleen auch nichts ausgemacht, wenn er bei ihr auf dem Sofa übernachtet hätte, denn sie war so müde, dass sie nur noch ins Bett wollte.
Zu Hause angekommen, bedankte sie sich bestimmt zum 20. Mal bei Damian für den gelungenen Abend. Dieser grinste breit übers ganze Gesicht, schwang sich auf sein Motorrad und startete den Motor, als Cathleen im Treppenhaus verschwunden war. In ihrer Wohnung angekommen, schaffte sie es noch knapp, sich die Zähne zu putzen, streifte Kleid und BH ab und fiel ins Bett, wo sie, ohne sich noch einmal umzudrehen, einschlief.
...
21 Jahre später
Cathleen sass wieder einmal über ein Buch gebeugt in der Bibliothek der Uni. Sie war hier kein seltener Gast und erst recht nicht, seit sie mit ihrer Masterarbeit begonnen hatte. Gedankenverloren spielte sie mit der Kette um ihren Hals. Es war die Kette, die sie bereits ihr Leben lang besass. Jedenfalls konnte sie sich nicht daran erinnern, je ohne sie gewesen zu sein. Der Anhänger war rund und aus Kupfer, daher kam die leicht rötliche Färbung. In der Mitte war ein mit Silber eingelassenes Zeichen, das einem Dreieck sehr ähnlich war. Die Silberlinie schien keinen Anfang und kein Ende zu haben und zog sich verschlungen bis in die Ecken des Zeichens und wieder zur Mitte zu. Um das Symbol in der Mitte waren verschlungene, im Kreis angeordnete Muster zu erkennen, die direkt in das Kupfer des Anhängers geritzt worden waren. Diese grenzten zwar an das Muster in der Mitte, jedoch berührten sie nicht den Rand des Anhängers, sondern wurden von einem gleich breiten Rand wie die verschlungenen Linien selbst abgetrennt, der wie ein Rahmen wirkte.
Sie spielte oft mit dem Anhänger, besonders wenn sie in Gedanken war. Er war ihr seit jeher vertraut und gab ihr Halt. Ihre Gedanken konnten sie manchmal so stark in Beschlag nehmen, dass sie das Gefühl hatte, ohne eine Hand an ihrer Kette, von ihren Gedanken regelrecht fortgezogen zu werden, fort in eine andere Welt. Ohne sich recht auf die Wörter und Sätze konzentrieren zu können, blätterte sie in dem dicken Buch über die Kelten. Sie suchte darin nach Inspiration für ihre Masterarbeit. Durch ein kleines Fenster mit trüben Scheiben suchten einige Sonnenstrahlen den Weg ins Innere der Bibliothek, gerade so, als stöberten auch sie nach teilweise schon längst vergessenem Wissen zwischen all den Büchern. In den Sonnenstrahlen, die auf den Boden aus grob bearbeiteten Steinplatten fielen, tanzten winzige Staubkörner, die manchmal kurz aufleuchteten in dem goldigen Sonnenlicht, als wären es Glühwürmchen. Cathleen folgte ihnen mit den Augen und sah plötzlich kleine Feen auf den Steinplatten tanzen. Sie drehten sich zwischen den Glühwürmchen im goldenen Licht. Ihre Kleidchen glitzerten und funkelten in den schönsten Grüntönen und bei jeder Drehung wirbelten ihre um den Kopf fliegenden Haare noch mehr Glühwürmchen durch die Luft.
Woher kam nur diese Fantasie?, fragte sich Cathleen mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Sie blinzelte ein paar Mal und die Feen waren verschwunden. Nur gut, dachte Cathleen, dass ich mir wenigstens den besten und meistbewanderten Geschichtsprofessor der Uni für meine Masterarbeit ausgesucht habe. Ohne ihn wäre ich wohl aufgeschmissen, so gut wie ich meine Konzentration bei den Büchern behalten kann.
Es fiel ihr schwer, sich bei dem schönen Wetter im Innern einer abgedunkelten, alten Bibliothek aufzuhalten und sich für Bücher zu begeistern, wenn draussen die Sonne lachte und die Vögel so schöne Lieder sangen, als wollten sie Cathleen absichtlich von der Arbeit abhalten und an die frische Luft locken. Das plötzliche, metallene Piepen riss sie zwar unsanft aus ihren Tagträumen, kam ihr jedoch nicht ganz ungelegen. Leicht erschrocken sah sie sich in der Bibliothek um. Sie hatte schon wieder vergessen, ihr Handy auf lautlos zu stellen, und das konnte mächtig Ärger mit der Bibliothekarin geben. Doch es schien, als wäre sie gerade nicht in der Nähe, und so zog sie das Gerät aus ihrer Tasche. Die Nachricht auf Cathleens Handybildschirm war von ihrem Adoptivbruder Damian und lautete: „Komm raus, du Bücherwurm! Ich hab eine Überraschung für dich.“ Erleichtert über die Ablenkung räumte sie die Bücher zusammen, packte ihre Tasche und gab am Ausgang der Bibliothek alle Bücher bis auf das über die Kelten zurück. Mit einem kurzen Umweg über ihr Schliessfach, in welchem sie das ausgeliehene Buch und ihre Tasche verstaute, lief sie zum Ausgang der Uni. Kaum war sie ins herrlich warme Sonnenlicht getreten, rief Damian auch schon nach ihr: „Da bist du ja endlich! Ich war schon kurz davor, mir ein anderes Mädchen zu schnappen und ihr meine Überraschung zu zeigen. Es laufen ja genug hier herum …“ Damian zwinkerte Cathleen zu und sie boxte ihn unsanft in den Oberarm. „Du kannst von Glück reden, dass du mein Bruder bist! Ich halte nämlich nichts von solchen Schwätzern“, gab sie etwas giftig zurück. Damian grinste breit und schob beide Hände in die Taschen seines grünen Kapuzenpullis. Es war offensichtlich, wie sehr er sich darauf freute, ihr eine Überraschung zu machen und gleichzeitig wurde deutlich, wie gerne er Cat neckte. Mit seinem vollen, dunkelbraunen Haar, das er gerne nach links kämmte, was ihm einen lässigen Look verlieh, feikste er sie aus seinen kastanienbraunen Augen an. Cat musste lachen. Egal wie alt er ist, dachte sie, er wird sich wohl nie ändern.
Viele, die Cathleen und Damian nicht gut kannten, hielten sie im ersten Moment für ein Paar, weil sie zum einen so vertraut miteinander umgingen und zum anderen sich gerne und oft zankten. Für sie beide war das jedoch nie ein Thema, da sie als Geschwister bei denselben Eltern aufgewachsen waren. Obwohl Cathleen nicht Damians leibliche Schwester war, behandelte er sie seit jeher als solche und hatte ihr gegenüber daher auch einen ausgeprägten Beschützerinstinkt.
„Also, was ist denn nun die Überraschung, Brüderchen?“, neckte ihn Cathleen. „Du weisst genau, dass ich es hasse, wenn du mich Brüderchen nennst! Nur weil ich jünger bin als du, heisst das noch lange nicht, dass du mich noch immer so nennen darfst. Immerhin bin ich jetzt 21 und …“
„Und ich bald 22!“, unterbrach sie ihn. „Deshalb nenne ich dich so, wie ich will“, fügte sie hinzu und streckte trotzig ihr Kinn nach vorne. Damian legte einen Arm um ihre Schultern und führte sie zu seinem Motorrad. „Nun gut, liebes Schwesterchen …“, begann Damian. „Nenn mich nicht Schwesterchen, ich bin älter als du!“, fiel Cathleen ihm ins Wort und befreite sich von ihm. „Folgender Deal …“, schlug Damian vor. „Du nennst mich nicht mehr Brüderchen und ich dich nicht mehr Schwesterchen. Was sagst du?“ Sie waren bei seinem Motorrad angekommen. Damian nahm einen Helm aus dem Fach unter dem Sitz und gab ihn Cathleen. Diese schaute ihm prüfend in die Augen und erwiderte: „Einverstanden! Aber nun erzähl mir endlich, was wir machen. Wozu hast du mich von meiner Arbeit weggeholt?“ Cathleen setzte sich den Helm auf und wartete, bis Damian seinen vom Lenker nahm und ihn ebenfalls aufsetzte. Da war schon wieder dieses Grinsen auf seinem Gesicht, als er meinte: „Wie ich dich kenne, konntest du dich sowieso nicht wirklich auf die Bücher konzentrieren und bist lieber deinen Tagträumen nachgehangen.“
Das gibt’s doch nicht, dachte Cathleen und musste grinsen. Wieso kannte er sie so gut? Sie tat so, als wüsste sie nicht, wovon er sprach, und antwortete: „Also dann, lass uns gehen. Aber ich möchte mich gerne noch kurz umziehen, damit ich nicht mehr ganz so schlimm nach Uni und alten Büchern rieche.“ Sie verzog die Nase. „So hast du schon als Kind immer die Nase gerümpft, wenn dir etwas nicht gepasst hat“, erinnerte er sich und musste lachen. Er schwang ein Bein über den Sattel, stellte sein Motorrad gerade und löste mit einem kräftigen Ruck nach vorne den Motorradständer. Damian drehte sich zu Cathleen um und gab ihr mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie aufsitzen konnte. Cathleen stellte den rechten Fuss auf eine Sprosse seitlich des Motorrads, hielt sich an Damians Schultern fest und schwang mit etwas Anlauf das linke Bein über den Sitz. Als auch ihr linker Fuss auf der anderen Seite Halt fand, auf der zweiten Sprosse, setzte sie sich hinter Damian in den Sattel und verschränkte beide Arme vor seiner Brust.
„Ich nehme nicht an, dass du mir verrätst, was du vorhast?“, fragte sie des Helmes wegen etwas lauter als sonst in Damians Ohr. Dieser drehte leicht den Kopf in ihre Richtung, grinste und meinte nur: „Lass dich überraschen!“
Mit diesen Worten startete er den Motor, der wie ein brüllender Löwe laut aufheulte. Bevor er die Hand von der Bremse löste, liess er den Motor noch einige Male aufheulen. Angeber, dachte Cathleen und musste dennoch grinsen. Mit einem kleinen Ruck setzte sich das Gefährt in Bewegung und Cathleen grub ihre Hände etwas tiefer in Damians Jacke, um den Halt nicht zu verlieren. Gemeinsam fuhren sie von der Uni weg in die Stadt Amra.
Cathleens gemütliche, kleine Zweizimmerwohnung lag etwas entfernt vom Zentrum der Stadt, in einem Haus abseits der grossen Strassen. Das Haus war ein Altbau aus dunkelroten Ziegelsteinen. Die Fenster des Treppenhauses hatten noch immer zwei Scheiben. Eine konnte man nach innen öffnen und die andere – ähnlich wie ein Fensterladen – wurde nach aussen geöffnet. Bei alten Häusern war dies früher so üblich. Da man die Fenster noch nicht so gut isolieren konnte, sollten wenigstens die beiden Scheiben die Kälte etwas besser draussen halten. Die restlichen Fenster wurden bereits vor Cathleens Einzug renoviert und gegen modernere eingetauscht, die sich durch nach oben Schieben öffnen liessen. Auch Cathleens Wohnung war nicht mehr im ursprünglichen Zustand, wenngleich die Wohnung ihren ganz eigenen Charakter hatte und man da und dort noch das wahre Alter erkennen konnte. Beispielsweise gab es trotz der kleinen Grösse der Wohnung noch einen Kamin, der an kalten Wintertagen wahrhaft ein Segen sein konnte. Auch die kunstvollen Verzierungen an den Decken der Wohnung waren Indizien aus früheren Tagen.
Während Cathleen in ihrem Schlafzimmer verschwunden war, um ihren Kleiderschrank zu durchsuchen, machte es sich Damian auf dem kleinen Sofa gegenüber dem Kamin gemütlich. Bevor er sich jedoch hatte setzen können, musste er noch einen Stapel alt aussehender Bücher zur Seite räumen, die sich auf und neben dem Sofa türmten. Einige Titel überflog er kurz beim Wegräumen: „Das keltische Baum-Horoskop“, „Anam Cara – Das Buch der keltischen Weisheit“, „Lexikon der keltischen Mythologie“, „Die Kelten – Weisheit und Mythos“. Damian schüttelte grinsend den Kopf und dachte, wenn Cathleen weiterhin jedes Buch, das sie vielleicht eventuell für ihre Masterarbeit brauchen könnte, mit nach Hause nehmen würde, hätte sie bald ihre eigene Bibliothek hier. Aus dem Schlafzimmer drang das Klirren von aneinanderschlagenden Kleiderbügeln und schliesslich ein entnervtes Stöhnen. „Du solltest etwas Schickes anziehen …“, versuchte Damian zu helfen. „Aber nicht zu schick“, fügte er nach kurzem Überlegen hinzu.
„Das hilft mir jetzt ungemein weiter“, kam die sarkastische Antwort aus dem Nebenraum. Nacheinander zog sie jeweils ein Kleid aus dem Schrank, hielt es prüfend vor sich, warf es nach kurzem Überlegen aufs Bett und griff nach dem nächsten.
Sie hörte, wie Damian sich im Wohnzimmer vom Sofa erhob und glaubte schon, er würde ihr endlich bei ihrer Entscheidung weiterhelfen. Doch seine Schritte entfernten sich und dann wurde es still, als wäre er irgendwo stehen geblieben. Cathleen wandte sich erneut ihrem Kleiderschrank zu, als aus der Küche Damians Stimme zu ihr drang: „Du, Cat, was sind das hier für Zeichnungen auf dem Küchentisch?“ Mit einem Seufzen warf sie das hübsche, sonnengelbe Kleid, das sie gerade in Händen hielt, auf ihr Bett und steckte den Kopf aus dem Schlafzimmer.
„Es ist nicht besonders anständig, in anderer Leute Sachen zu schnüffeln“, fauchte sie. „Ich schnüffle nicht, sie liegen ja einfach so hier herum“, verteidigte sich Damian. Cathleen verdrehte die Augen und gab zurück: „Ist klar.“
Aus der Küche drang das Rascheln von Papier an Cathleens Ohren und dann ertönte erneut die Stimme von Damian: „Cat, jetzt im Ernst, was soll das sein?“ Er trat aus der Küche und hielt eine ihrer Zeichnungen in die Höhe. Sie erkannte das Blatt mit den unleserlichen, meist kreisförmigen Symbolen und Zeichen. Weiter unten auf dem Blatt waren Zeichnungen von Feen und ein paar begonnene Skizzen eines Drachens zu sehen. Zudem gab es Torbögen in verschiedenen Variationen und angedeutete Landschaftsskizzen auf dem Papier, das Damian, noch immer auf eine Antwort wartend, hochhielt.
Cathleen liess ergeben die Arme sinken und gab zu: „Ehrlich gesagt, ich weiss es auch nicht. Ich habe dir doch von den seltsamen Träumen erzählt, in denen ich an einem fremden Ort – meistens in einem Wald – bin. Es scheint eine andere Welt oder so zu sein, dort gibt es Feen und Drachen. Ausserdem sehe ich immer wieder so einen Torbogen.“ Cathleen war an Damian herangetreten und zeigte nun auf einen der Torbögen auf dem Blatt. Sie seufzte und sprach weiter: „Ach, keine Ahnung, es hilft mir, die Bilder in meinem Kopf aufzuzeichnen. Wenn ich es nicht tue, schwirren sie unentwegt in meinem Kopf herum und ich kann mich den ganzen Tag nicht richtig konzentrieren. So was kann ich momentan echt nicht gebrauchen, ich muss mich auf meine Masterarbeit konzentrieren.“
Abrupt drehte sie sich um und lief zurück in ihr Schlafzimmer. „Cat, mach dir keinen Kopf! Finnobarr hat ein gutes Herz und er kennt dich schon dein ganzes Leben lang. Er würde dich nicht durchfallen lassen.“ Er hörte, wie Cat ein weiteres Kleidungsstück auf ihr Bett warf und leicht genervt antwortete: „Darum geht es nicht, Damian! Ich will meinen Master schaffen, weil ich eine richtig gute Arbeit schreibe und nicht, weil mein Betreuer so etwas wie mein Onkel ist.“ Die letzten Worte wurden von dem Kleidungsstück gedämpft, das Cathleen sich gerade über den Kopf zog. Damian legte die Zeichnungen zurück auf den Küchentisch und schaute zum Fenster hinaus, als er Cathleens Stimme fragen hörte: „Nimmst du mich so mit?“
Damian trat aus der Küche und betrachtete seine Adoptivschwester, die sich einmal um die eigene Achse drehte. Das mattgrüne Kleid bildete einen schönen Kontrast zu ihrem kupferroten Haar. Es reichte ihr bis knapp über die Knie und war oben enganliegend, während es von der Taille abwärts weit war. Als sich Cathleen um sich selbst drehte, flog der Stoff ihres Rockes etwas in die Höhe und zeichnete einen beinahe perfekt runden, unsichtbaren Kreis in die Luft. Damian grinste breit und meinte: „Ja, sollte gehen.“ Cathleen verabreichte ihm den wohlverdienten Kniff in den Oberarm und beide lachten laut los. „Aber das Motorrad lasse ich dann wohl lieber bei dir stehen und wir nehmen den Bus“, fügte Damian hinzu. „Mit dem Kleid auf dem Motorrad, das halte ich für keine gute Idee.“
Cathleen musste lächeln und schlüpfte gerade in ein paar passende Schuhe. Wie fürsorglich ihr Adoptivbruder doch stets war, das genoss sie. Während sie die Riemen ihrer Schuhe vornübergebeugt schloss, glitten ihre Haare über die rechte Schulter nach vorne und gaben den Blick auf ihren Nacken und einen Teil ihres Rückens, der durch den tiefen Ausschnitt des Kleides sichtbar wurde, frei. Damian, der hinter ihr an der Wohnungstür lehnte, blickte auf das Muttermal an ihrem Nacken hinter dem rechten Ohr und fragte: „Was hat eigentlich der Dermatologe gesagt?“ Mit einer schwungvollen Bewegung stand sie auf und warf sich die Haare in den Nacken, sodass sie das Mal verbargen. Sie streckte sich nach der kleinen, schwarzen Lederumhängetasche an der Garderobe und antwortete in beifälligem Ton: „Alles okay, hat er gesagt.“
Damian runzelte die Stirn, fragte jedoch nicht weiter nach. „Du solltest es einfach im Auge behalten und noch mal hingehen, falls es auszufransen beginnt“, fügte er nachdenklich hinzu. Cat baute sich vor ihm auf, stützte die Hände in die Seite und erwiderte in schnippischem Ton: „Ja, Bruderherz!“ Kurzentschlossen packte Damian sie an der Hand und zog sie aus ihrer Wohnung. „Wo gehen wir eigentlich hin?“, wollte Cathleen wissen, als sie hinter ihnen die Wohnungstür abschloss und Damian dann die Treppe hinunterfolgte. Sie hasste Überraschungen. Wobei das so nicht ganz stimmte. Natürlich hasste sie nicht das jeweilige Geschenk hinter der Überraschung, aber sie konnte es nicht ausstehen, wenn sie nicht wusste, was auf sie zukam. Und das war nun mal der unangenehme Teil einer Überraschung. Sie vermutete, das ungute Gefühl kam von einer Überraschung, die bereits einige Jahre zurücklag. Damals hatte sie ein Junge, der in sie verknallt gewesen war, zum Bungeespringen mitgenommen und ihr nichts erzählt, bis sie hoch oben auf einem Staudamm standen und sie vor Angst beinahe vergessen hätte, zu atmen. Von dem Tag an war dieses Gefühl, das sie damals auf dem Staudamm empfunden hatte, eng mit dem Wort Überraschung verknüpft. Und auch wenn sie wusste, dass Damian ihr nie so etwas antun würde, konnte sie nicht verhindern, dass sich noch während ihr die Frage über die Lippen kam, ein ungutes Ziehen im Magen bemerkbar machte.
Damian kannte sie lange genug, um den leicht ängstlichen Unterton in ihrer Frage herauszuhören, auch wenn sie ihn wie stets gut zu verbergen versuchte. „Ich weiss, dass du keine Überraschungen magst“, begann er mit beschwichtigender Stimme, „aber nun vertrau mir bitte einfach, es wird dir gefallen.“
Er hoffte, sie damit etwas beruhigt zu haben. Denn obwohl er fast einen Kopf grösser war als Cathleen, wusste er, dass sie nach dem Bungee-Vorfall – wie sie ihn später nur noch nannte – Kampfsport gelernt hatte. Es gab ihr Sicherheit, dass sie wusste, sie könnte sich in einem Ernstfall selbst verteidigen. Und sie beherrschte ihre Kunst gut, wie Damian bei einigen seltenen, aber nicht minder schmerzhaften Gelegenheiten feststellen musste, wenn er es mit seinen Spässen etwas zu weit getrieben hatte. Cathleen liess sich nicht gerne in die Ecke treiben, sowohl wörtlich als auch im übertragenen Sinn. Solche Aktionen machten ihr Angst – auch wenn sie das niemals zugeben würde.
Damian führte Cathleen auf direktem Wege in ihr Lieblingslokal in Amra. Auch wenn sie sich nichts anmerken liess, hatte sie schon längst begriffen, dass die Überraschung mit ihrem Geburtstag zu tun hatte, was sie ein klein wenig beruhigte. Sie wollte Damian die Freude nicht verderben und spielte weiterhin die Unwissende, als er sie vor sich über die Schwelle ins Lokal hineinführte. Sie sah sich um, erkannte jedoch kein bekanntes Gesicht unter den Gästen. Die Enttäuschung bohrte sich bereits in ihr Herz wie eine Messerspitze, als sie sich zu Damian umdrehen und ihn fragend anblicken wollte. Dieser jedoch packte sie an den Schultern, führte sie quer durch das Lokal und schob sie in ein Hinterzimmer. Als er hinter ihnen die Tür schloss, wurden sie von fast vollkommener Dunkelheit umhüllt. Bevor Cathleen wusste, wie ihr geschah, leuchteten überall im Raum Wunderkerzen und Feuerzeuge auf und eine grosse Geburtstagstorte mit 22 Kerzen schwebte wie von Geisterhand getragen auf sie zu. Ein vielstimmiges „Happy Birthday“ erklang und erst als der letzte Ton des Liedes verklungen war, schaltete Damian hinter ihr das Licht an und sie sah den Raum voller Freunde, die sie anstrahlten. Das war eine gelungene Überraschung von Damian, das musste Cathleen sich eingestehen. Er hatte es doch tatsächlich geschafft, all ihre Freunde an einem Abend zu versammeln, damit sie gemeinsam in ihren 22. Geburtstag feiern konnten. Um Mitternacht stiessen sie alle gemeinsam auf Cathleens Wohl an. Damian schloss seine Adoptivschwester fest in die Arme und wünschte ihr für das neue Lebensjahr alles Gute, dass sie ihren Master schaffen und bald einmal den Richtigen finden würde. Bei den letzten Worten kniff Cathleen ihren Adoptivbruder in die Seite. Sie mochte es nicht, über dieses Thema zu sprechen. Dennoch fand sie seinen Wunsch an sie insgeheim süss und ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie sich aus seiner Umarmung löste.
Kurz nach ein Uhr verabschiedete sich Cathleen gerade von ihren letzten Gästen. Gemeinsam mit Damian ging sie nach Hause. Er hatte immer noch sein Motorrad bei ihr geparkt und hatte den ganzen Abend über gerade mal ein Bier und zum Anstossen um Mitternacht ein kleines Glas Champagner getrunken, um anschliessend noch nach Hause fahren zu können. Zugegeben, es hätte Cathleen auch nichts ausgemacht, wenn er bei ihr auf dem Sofa übernachtet hätte, denn sie war so müde, dass sie nur noch ins Bett wollte.
Zu Hause angekommen, bedankte sie sich bestimmt zum 20. Mal bei Damian für den gelungenen Abend. Dieser grinste breit übers ganze Gesicht, schwang sich auf sein Motorrad und startete den Motor, als Cathleen im Treppenhaus verschwunden war. In ihrer Wohnung angekommen, schaffte sie es noch knapp, sich die Zähne zu putzen, streifte Kleid und BH ab und fiel ins Bett, wo sie, ohne sich noch einmal umzudrehen, einschlief.
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