Cover: Lilly

Lilly


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 44
ISBN: 978-3-7116-1219-9
Erscheinungsdatum: 01.04.2026
Ein nächtlicher Krankenhausbesuch, ein geheimnisvoller Name: Lilly. Sie kommt jede Nacht – für Sex und nichts weiter. Doch was als erotische Überraschung beginnt, wird bald zur Obsession. Wer ist Lilly – und was will sie wirklich?
Es kam über ihn mitten in der Nacht. Sie kletterte auf das Bett, fingerte unter dem Leibchen an seinem Penis herum und führte ihn ein. Als sie begann, sich langsam vor- und zurückzubewegen, quietschte das überraschte Bett im Rhythmus der Bewegung mit. Felix glaubte sich zunächst in einem Traum, aber der warme Frauenkörper lag schwer und sehr real auf seinen Hüften. Dank des Lichtstrahls unter der Tür erkannte er lange Haare und dass sie zumindest obenrum bekleidet war. Er hob seine Hände. Sofort suchten ihre Finger nach seinen und umschlossen sie fest. Mit einem leichten Stöhnen drückte sie seine Hände auf das Kopfkissen und beugte sich über ihn. Das Bett quietschte lauter und schneller. Gestern Abend noch war er der Typ, dem das Regal mit der Briefmarkensammlung auf den Kopf gefallen war, und jetzt ist er der Typ, der nachts in einem Krankenhausbett gevögelt wird. Einfach so. Er schloss die Augen.

»Ist das dein Ernst?« Hannes bog in die Einfahrt und lenkte den Wagen langsam über die Kieselspur auf dem kurz geschnittenen Rasen. Am Ende der Auffahrt hielt er an, drückte den Zündschalter und sah Felix misstrauisch an.
»Ja, es ist genau so passiert. Und dann kletterte sie von mir runter.«
»Und was passierte dann? Wie ging es weiter? Und was war das überhaupt für eine Frau?«
»Naja, ich machte erstmal die Bettlampe an. Die Frau sah eigentlich ganz normal aus. Sie war vielleicht etwas älter als wir und sie war dressed to kill. Sie trug ein kurzes Kleid und hohe Absätze.« Noch neun Stunden.
Nachdenklich schüttelte Hannes den Kopf. »Die Geschichte ist völlig schräg. Und sie passt überhaupt nicht zu dir. Ich fuhr dich gestern Abend ins Krankenhaus, nachdem dir dieses Regal auf den Kopf gefallen war. Du hattest die alten Briefmarkenalben deines Vaters sortiert. An einem Samstagabend! In deinem bisherigen Leben warst du nicht gerade der große Verführer. Du hattest in den 90er-Jahren mit zwei Frauen Sex, von denen eine betrunken und die andere verzweifelt war. Und nach dem Unfall liegst du im Krankenhausbett und plötzlich spaziert eine Sexgöttin in dein Zimmer, setzt sich auf dich und vögelt dich einfach so durch? Das passt doch nicht.« Er sah Felix misstrauisch an.
»Als Sexgöttin würde ich sie jetzt nicht bezeichnen, aber ja, genau so ist es geschehen.« Felix kratzte sich grinsend am Hinterkopf.
Sie stiegen aus. Hannes nahm Felix’ kleine Tasche vom Rücksitz und durch das Spalier der gepflegt geschnittenen Rosenbögen gingen sie langsam zum Haus. Mit dem Fuß schob Felix zwei Kieselsteine, die auf dem Gehweg lagen, sanft ins Kiesbett. Er ging zur Haustür und nestelte mit dem Schlüssel in dem Schloss unterhalb des massiven Türklopfers. Hannes betrachtete währenddessen die beiden Kugelbäume, die am Ende der kleinen Allee vor der Haustür standen. Er fand sie überflüssig und sinnlos wie Wächter, die in nutzlose runde Kugeln verwandelt worden waren.
Die Freunde betraten das Haus und streiften ihre Schuhe ab. Sie gingen über den makellosen weißen Marmorboden in das geräumige Wohnzimmer mit der offenen Küche, wo sie sich in tiefe beige Sessel fallen ließen.
»Erzähl schon, Felix, wie ging es weiter?«
»So viel ist danach eigentlich nicht mehr passiert. Sie stieg vom Bett und zuppelte ihre Kleidung zurecht. Ich fragte sie, wie sie heißt, und sie antwortete, ›ich bin Lilly‹. Dann hab ich sie gefragt, ob wir uns wiedersehen. Sie antwortete, dass sie mich morgen Abend besucht. Ich sagte, dass ich zur Kontrolle aber nur diese eine Nacht im Krankenhaus bin und morgen wieder entlassen werde. Sie sah mich dann an und sagte, dass sie das doch weiß. Offenbar arbeitet sie dort.«
»Eine Krankenschwester, die nachts Patienten mit Gehirner­schütterung besteigt?«
»Offensichtlich. Aber ich will mich nicht beschweren.« Felix zuckte grinsend die Schultern.
»Und sie trug keine Schwesterkleidung?«
»Jedenfalls nicht in meinem Zimmer.« Felix konnte nicht aufhören, zu grinsen.
»Und wann will sie dich besuchen?«
»Sie sagte, wenn es dunkel ist, gegen 22 Uhr. Dann sah sie mich an, drehte sich wortlos um und verließ das Zimmer.«
»Einfach so?«
»Einfach so.«
Hannes starrte Felix an. »Merkwürdig. Also kommt sie heute Abend zu dir?«
»Das ist der Plan.«
»Hast du ihre Handynummer?«
»Nein, die besorge ich mir heute Abend.«
»Aber du hast ihr deine Nummer und Adresse gegeben?«
»Nein, es ging alles ganz schnell. Aber sie arbeitet ja im Krankenhaus, daher wird sie meine Kontaktdaten haben.«
»Stimmt.« Hannes legte Felix die Hand auf die Schulter. »Und wenn sie im Krankenhaus arbeitet, hat deine Brandnarbe sie wohl auch nicht abgeschreckt.«
»Einen abgeschreckten Eindruck hat sie auf mich jedenfalls nicht gemacht.«
»Und was ist dein Plan für heute Abend?«
»Ich habe keinen Plan. Ich mache uns später eine Kleinigkeit zu essen und lasse den Abend einfach laufen.«
»Du hast mir aber keinen Bären aufgebunden, oder?«
»Nein, Mann, ich verstehe doch selbst nicht, was da gestern passiert ist.«
»Meike wird mir das nie glauben. Tu mir den Gefallen und schmück ihr gegenüber die Sexszene nicht so aus, wenn du mit ihr sprichst. Sie reagiert gerade etwas empfindlich.«
»Ich schmücke gar nichts aus. Es ist genauso passiert.«
Hannes stand auf. »Vergiss nicht, mir morgen zu erzählen, wie der Abend gelaufen ist.«
»Und ob ich das mache.« Felix erhob sich ebenfalls. Er brachte Hannes zur Tür und schloss sie nachdenklich. Sein Hemd spannte über dem Bauch, wie seine Hemden es seit Monaten taten. Er hatte sich daran gewöhnt, dass die Hemden mit der Zeit enger wurden, aber wollte nicht schon wieder einen Satz größerer Hemden kaufen. In besseren Zeiten hatte er unter der Dusche sogar seinen Pimmel sehen können. Aber wenn es heute wieder gut lief, war nicht entscheidend, dass er ihn sehen konnte.

Felix räumte die Tasche aus und hing seinen Gedanken nach. Hannes hatte recht, es war tatsächlich nicht normal, dass eine Frau wortlos zu einem ihr unbekannten Mann ins Bett stieg. Sie wirkte, als habe sie etwas nachzuholen. Dann wären sie schon zu zweit. Er musste grinsen. Aber vielleicht wollte sie ein Kind. Womöglich war sie auch eine Irre, die sich bei einem Mann angesteckt hatte und aus Rache den Keim einer Krankheit oder des Todes unter die Männerschaft streuen wollte. Warum war sie mitten in der Nacht zu ihm gekommen? An seinem nächtlichen Sexappeal kann es jedenfalls nicht gelegen haben, das wusste er selbst. Zu oft schon ist Felix durch sein eigenes Schnarchen oder den angetrockneten Sabber auf seinem Kopfkissen wach geworden, um zu wissen, dass er schlafend nicht eben ein Bild für die Götter abgab. Ganz abgesehen von der Brandnarbe im Gesicht.

Er öffnete die Terrassentür und ging zum Gartenhäuschen am Ende des akkurat geschnittenen Rasens. Dort gab ihm der Anblick der Gartengeräte, die nach aufsteigender Größe an der Wand aufgereiht waren, eine vertraute Sicherheit. Er zog die Gummistiefel an, die er letzte Woche gewaschen hatte, griff sich Gartenhandschuhe und eine Harke und machte sich an die Arbeit. Nachdem er Unkraut gejätet, die Rosenbeete beschnitten, lange geduscht, sich rasiert und angezogen hatte, ging er in die Küche. Noch vier Stunden.

Wie von Geisterhand bewegte sich das Stück Butter von der Mitte der Pfanne an ihren Rand. Felix schaute gebannt zu, Butter hatte ihn schon immer fasziniert. Als Kind hatte ihn gefesselt, wie ein Stück Butter in der heißen Pfanne ein Eigenleben entwickelt und sich von selbst bewegt. Als Erwachsener hatte ihn beeindruckt, dass Butter allein kaum genießbar und wenig attraktiv ist, jedoch beim Verschmelzen mit anderen Lebensmitteln diese zur Perfektion führt. Nachdem das Stück Butter ganz und gar in den karamellisierten Champignons aufgegangen ist, die duftend darauf warteten, aus dem Ofen geholt zu werden, setzte Felix sich auf die Couch. Noch eine Stunde. Er schloss die Augen.

Es klopfte. Es klingelte nicht, es klopfte. Der Türklopfer hämmerte dreimal. Felix atmete tief ein, erhob sich langsam aus dem Sessel und öffnete die Tür. Vor ihm stand eine hübsche Frau in einem schicken schwarzen Kleid. Sie hatte lange dunkle Haare und blaue Augen, und Felix hätte sie auf der Straße nicht als die Frau erkannt, die letzte Nacht zu ihm ins Bett gestiegen ist. Er war überrascht, dass eine so zierliche Hand so einen Lärm machen konnte. Die Frau lächelte ihn wortlos an, und instinktiv zog er den Bauch ein. Sie umarmten sich, wobei ihre Wangen einander berührten. Felix’ Herz schlug wild, und es fiel ihm schwer, sich aus der Umarmung zu lösen.
»Äh, komm doch rein.« Er machte eine einladende Handbewegung, und die geheimnisvolle, schöne Frau überschritt lächelnd die Türschwelle.
»Wie wäre es mit einem Aperitif? Ich habe uns ein paar Häppchen vorbereitet.«
Statt zu antworten, ging sie mit vor der Brust verschränkten Armen weiter in das Wohnzimmer. Ihr Blick glitt durch den geräumigen Raum, dann fixierte sie den Servierwagen mit dem Sektkübel und den zwei Sektflöten, die mittig auf zwei Untersetzern standen. Langsam drehte sie sich zu Felix, der ihr gefolgt war und neben ihr stand. Sie trat näher an ihn heran, bis ihre Lippen nur wenige Zentimeter von seinen entfernt waren. »Du bist mein Häppchen. Wo ist denn dein Schlafzimmer?«

»Jeden Tag?«
»Jeden Tag.« Felix grinste.
Heiner starrte Felix ungläubig an. »Nochmal, nur um sicherzugehen, dass ich es richtig verstanden habe: Die Frau kommt seit zwei Wochen jeden Abend zu dir, lässt sich von dir vögeln und geht direkt danach wieder? Und das ist der Grund, warum wir uns seit deinem lächerlichen Unfall mit diesem Briefmarken-Regal nicht mehr gesehen haben? Das ist der Grund, warum du den Stammtisch abgesagt hast und wir jetzt schon wie Rentner nachmittags spazieren gehen, weil sie dich heute Abend wieder besuchen kommt?«
»Naja, genau genommen vögelt sie mich, aber im Prinzip hast du recht.« Felix genoss seine Worte und grinste.
»Felix, jetzt mal im Ernst: Entweder erzählst du Blödsinn oder die Frau ist verrückt. Was veranlasst eine erwachsene Frau dazu, sich nachts in einem Krankenhaus auf einen wildfremden Mann zu stürzen und mit ihm Sex zu haben? Vielleicht hat sie sich mit AIDS infiziert und will sich an Männern rächen. Macht dir das keine Sorgen? Habt ihr wenigstens Kondome benutzt?«
»Nope.« Felix fühlte sich wie sechzehn. Stolz, furchtlos und dumm.
»Aber du stimmst mir doch zu, dass es nicht normal ist, wenn eine Frau nur zu dir kommt, um Sex zu haben und anschließend direkt wieder geht.«
»Was ist denn normal? Dass ich meinen Pimmel seit 20 Jahren nur zum Pissen und Wichsen nutze und bis vor zwei Wochen die einzige andere Person, die ihn außer mir einmal im Jahr in die Hand nahm, mein Urologe war? Und wenn jetzt Abend für Abend eine schöne Frau kommt und hinter meinem Schwanz her ist wie der Teufel hinter der armen Seele, dann sage ich nicht nein. Dann sage ich danke.«
»Hey, entspann dich«, Heiner hob beide Hände, »ich freue mich ja für dich. Aber merkwürdig ist es schon. Und du musst mir irgendwann mal verraten, wie du das Nacht für Nacht durchhältst.« Er grinste und legte Felix versöhnlich die Hand auf die Schulter.
Felix grinste auch und hob die Schultern. »Das weiß ich doch selbst nicht.«
Sie waren an Heiners Wagen angekommen. Der öffnete die Tür und drehte sich zu Felix: »Okay, denk aber diesmal an unseren Stammtisch. Wir treffen uns am übernächsten Freitag um 20 Uhr bei uns. Hannes und seine Frau kommen auch. Und du bist sicher, dass du deine Perle nicht mitbringst?«
»Ich werde sie fragen, aber rechne nicht mit ihr.«
Nach einer kurzen Umarmung stieg Heiner ins Auto und fuhr davon. Für heute die letzte Umarmung, die nicht mit Sex endet, dachte Felix.

»Ein Hoch auf Felix und seine Freundin!« Hannes hielt triumphierend eine Flasche Bier hoch.
»Das ist toll«, sagte Anna. »Ihr drei Jungs kennt euch ja seit eurer Kindheit, aber in den 20 Jahren, in denen ich Felix kenne, hat er noch nie eine Freundin gehabt. Das freut mich sehr für dich.« Sie lächelte Felix an.
Er lächelte zurück. »Hey, das klingt ja, als sei ich ein Pflegefall.«
»Naja, es ist ja nicht so, als sei Felix bislang eine Jungfrau gewesen.« Hannes brachte sich grinsend in Position. »Aber es ist halt schon Ewigkeiten her, dass er Sex hatte.« Immer noch strahlend stand er auf und ging in die Küche.
»Felix, erzähl uns von ihr.« Anna schlug die Beine übereinander und sah ihn neugierig an. »Wie sieht sie aus und was macht sie so?«
»Sie sieht umwerfend aus.«
»Ja, das hat Heiner schon gesagt. Aber wie ist sie, wo wohnt sie und was macht sie beruflich?«
»So weit sind wir noch nicht.«
»Alter, so weit seid ihr noch nicht?« Hannes kam mit Heiner und zwei neuen Flaschen Bier aus der Küche zurück. »Seit vier Wochen legt sie dich jeden Abend flach und du weißt nicht mal, was sie beruflich macht?«
»Sie ist wohl Krankenschwester.«
»Das vermutest du«, hob Hannes grinsend den Finger.
Anna warf Hannes einen kurzen, missbilligenden Blick zu und wandte sich wieder an Felix. »Okay, wie heißt sie denn?«
»Lilly.«
»Das ist ein schöner Name.«
»Sie ist auch eine schöne Frau.« Felix lächelte.
»Also, für mich klingt sie eher nach einer der Instagram-Tussis, die sich leicht bekleidet im Sonnenuntergang fotografieren lassen.« Meike, die auf der Couch saß und noch nichts gesagt hatte, streichelte langsam ihren Schwangerschaftsbauch.
»Das Foto wird dann bearbeitet und erhält Like-Klicks von Mädchen, die sich an diesem Schönheitsideal orientieren. Leider wissen sie nicht, dass diese Schönheit nicht der Natur, sondern Photoshop entsprungen ist und Zellulitis und Körperdellen wegretuschiert wurden. Daher halten sie sich selbst für zu hässlich und zu dick und landen irgendwann auf einer Therapiecouch. Vorteilhaft für die Tussi auf dem Foto ist, dass sie nur gut aussehen und nicht sprechen muss, denn sie würde Narzissmus für irgendwas mit Blumen halten.«
»Hey, warum so böse und so bissig?« Hannes setzte sich neben seine Frau und legte ihr besänftigend die Hand auf den Oberschenkel.
»Ich bin nicht bissig, ich teile nur nicht eure Begeisterung für Körperkult und Sexualisierung. Aber ich freue mich für dich, Felix.« Sie wendete sich an Felix. »Deine Freundin scheint dir gutzutun. Du hast abgenommen und siehst entspannter aus. Dein Hemd ist etwas zerknittert und liegt über der Hose, und unrasiert bist du auch. Mit deinen immer gleichen, knitterfreien Hemden, die du so korrekt getragen hast, wirktest du auf mich immer ein bisschen spießig. Aber so siehst du gar nicht mehr aus. Dein neuer Look steht dir. Auch, wenn du etwas blass wirkst.«
»Vielen Dank.« Felix lächelte müde.
»Ich meine es ernst. Du wirkst nicht mehr so steif und siehst deutlich lockerer aus.«
»Ja, aber hoffentlich machst du dich bald auch wieder anderweitig locker und nimmst wieder am gesellschaftlichen Leben teil«, schob Hannes sich dazwischen. »So sehr ich mich auch über dein wiederentdecktes Sexualleben freue, würde ich mich auch freuen, wenn wir endlich wieder etwas gemeinsam unternehmen. Alter, wir haben uns seit Wochen nicht gesehen und du hast freitags sogar unseren zweiwöchigen Stammtisch ausfallen lassen, der uns seit Jahren heilig ist.«
»Hannes, entspann dich, ich war beschäftigt.«
»Alter, erzähl mir nicht, ich soll mich entspannen. Das bisschen Programmierung bei der Arbeit sitzt du auf einer Arschbacke ab. Und nach der Arbeit fährst du nach Hause, sortierst und räumst auf. Das machst du so seit über 20 Jahren, du warst schon immer ein Gewohnheitstier. Nur jetzt klopft Abend für Abend die Femme fatale an deine Tür, um dir die Zeit deines Lebens zu bereiten. Das gönne ich dir von Herzen, aber wir sehen uns ja gar nicht mehr. Kommst du denn morgen früh mit zum Bolzplatz?«
»Nee, lass mal, ich bin in letzter Zeit etwas müde.«
Resignierend winkte Hannes ab.
Anna stand auf. »Wer hilft mir mit den Canapés?«

Als Felix am späten Abend seine Haustür öffnete, betrat eine wunderschöne Frau mit glänzenden, langen Haaren in einem schlicht-eleganten schwarzen Kleid und stilvollen High Heels schweigend das Haus.
»Ich hoffe nicht, dass du vorhin schon vor verschlossener Tür gestanden hast. Ich war mit Freunden verabredet und es wurde später.«
Sie sah ihn schweigend an und umspielte sein Kinn mit ihrer linken Hand.
»Es ist halt schwierig, wenn du kein Handy hast und ich dich nicht erreichen kann.«
Sie legte ihm den Zeigefinger auf den Mund. Er wollte noch etwas sagen, aber das war ihm nun egal, denn mit der anderen Hand hatte sie schon seinen Reißverschluss geöffnet. Eilig schloss er die Tür.

Am nächsten Morgen läutete die Klingel und Felix öffnete nach kurzem Zögern die Haustür. Das Klopfen war ihm mittlerweile vertrauter geworden als das Klingeln.
»Guten Morgen, Casanova. Wir sind auf dem Weg zum Fußball und wollten spontan mal sehen, ob deine geheimnisvolle Freundin vielleicht noch da ist. Dann könnten wir sie ja begrüßen.« Hannes strahlte ihn an, hinter ihm stand Heiner.
»Nein, sie bleibt doch nie über Nacht. Kommt rein.« Felix gähnte und trat beiseite.
Heiner betrat das Haus, hinter ihm folgte Hannes. Der Marmorboden war stumpf und der Eingangsbereich voller Schmutz. Jacken lagen auf dem Boden unter der Garderobe und vor dem Schuhschrank lag ein ungeordneter Haufen Schuhe. Von der Haustür führten Schmutzspuren ins Wohnzimmer, in den Küchenbereich und zur Treppe. Auf dem Servierwagen lagen die Tageszeitungen der vergangenen Wochen und auf dem Esstisch und der Küchenarbeitsplatte stapelte sich schmutziges Geschirr. Die Spülmaschine war eine Handbreit geöffnet und durch den Spalt flogen kleine Fliegen ein und aus. Der Rasen hinter dem Haus war kniehoch und über allem lag der leichte Geruch von Fäulnis. Heiner und Hannes sahen sich an.
»Junge, was ist los?« Heiner starrte Felix an.
»Was meinst du?«
»Seit ich denken kann, sind dein Haus und dein Garten der Inbegriff von Ordnung, Sauberkeit und Spießertum. Im Vorgarten dachte ich noch, okay, er hat ein paarmal verpasst, den Rasen zu mähen und Rosensträucher zu schneiden. Aber der Garten hinter dem Haus sieht aus wie die Serengeti und hier im Haus«, er zeigte auf die Arbeitsplatte, »sieht es so aus, als ob ein Penner eingezogen ist. Ist alles in Ordnung, mein Freund?« Er sah Felix besorgt an.
»Klar«, Felix lächelte müde. »Ich bin in letzter Zeit nur etwas viel beschäftigt und muss mal wieder aufräumen.«
Hannes stellte sich neben Heiner.
»Wir machen uns Sorgen um dich, Felix. Ich will dich gar nicht belehren, du weißt, wie chaotisch ich selber bin. Aber so, wie es hier aussieht, hat es bei dir wirklich noch nie ausgesehen.«
»Ich weiß.« Felix gähnte. »Ich muss einfach mal aufräumen.«
»Können wir dir dabei helfen?«
»Nein, das bekomme ich allein hin.«
»Okay. Aber gib uns Bescheid, wenn wir dich unterstützen können.« Er sah auf die Uhr. »Wir müssen langsam zum Fußball.«

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Lilly

Jasmin Herrmann

Element Tamers

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder