Lewendia
Die neuen Meister der Zaubersteine
EUR 19,90
Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 474
ISBN: 978-3-99146-973-5
Erscheinungsdatum: 17.09.2024
Als der machthungrige Erold die Herrschaft über Lewendia an sich reißen will, wird das Leben vierer Mädchen, darunter die von der Erde stammende Luna, völlig auf den Kopf gestellt. Zaubersteine, Meister und Fabelwesen – ein Abenteuer, das einem den Atem raubt.
Die Ausgeschlossene
Der Donner war so markerschütternd, dass es fast Esmeraldas Trommelfell zerriss, während sie hechelnd um ihr Leben rannte. Die Lichtblitze flogen wie ein Hagel hinter ihr her und eine dunkle Stimme, deren Besitzer ihr einst so vertraut und nun so fremd geworden war, gellte hinter ihr von einem hohen Felsen aus.
„IHR WERDET MICH NICHT AUFHALTEN! KEINER WIRD DAS!“
Esmeraldas Herz raste. Je weiter sie über die verwüstete Landschaft rannte, desto wütender wurde Erold und feuerte noch mehr Lichtblitze auf sie ab.
„Bitte, Erold!“, weinte Esmeralda und hielt ihre Hände schützend vor sich. „Unserer Freundschaft wegen!“
„Unsere Freundschaft existiert nicht mehr, jetzt gibt es nur noch MICH!“
Beinahe wäre Esmeralda von einem der Blitze ihres ehemaligen Freundes getroffen worden, als ein hochgewachsener Mann mit gebräunter Haut und schwarzen Augen hinter Erold erschien.
„Du wirst keinem mehr schaden, Erold!“, dröhnte er. „Deine ewige Gier nach Macht und Unsterblichkeit nimmt hier ein Ende!“
Der Mann richtete seine Hände auf Erold. Esmeralda ahnte, was er vorhatte, und ihr Herz setzte aus. Sie riss ihre Augen weit auf. „NEIN, JELDRIK, TU DAS NICHT!“, kreischte sie so laut, dass es ihr in der trockenen Kehle wehtat, doch Jeldrik hatte schon längst einen pechschwarzen Rauch auf Erold gefeuert, der seinen Körper wie eine unsichtbare Gestalt ergriff und ihm die Kraft raubte. Erolds Haut wurde blasser und mit jeder Sekunde schien er immer mehr zu altern. Ächzend versuchte er, den Rauch von sich abzuwehren, und strengte sich dabei so an, dass sämtliche Adern durch seine vernarbte Haut sichtbar wurden. Der schwarze Kristall in seinem Handgelenk begann zu glühen und brach aus seiner Höhle heraus, obwohl Erold noch so sehr dagegen ankämpfte.
„NEIN! NIEMAND NIMMT IHN MIR WEG!“, brüllte Erold, aber Jeldrik hörte nicht, obwohl es ihn fast genauso sehr anstrengte wie Erold. Tausende von Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und er grub seine Füße dicht in den grauen Sand, damit er nicht abrutschte.
„DU HÄLTST MICH NICHT AUF!“, donnerte Erold und wehrte sich so sehr gegen den Rauch, dass er schlagartig zu Jeldrik hinüber schwebte, welcher ihn ebenso von sich wegzuschieben versuchte. Der Rauch hielt die beiden fest und würgte sie wie die Hand einer unsichtbaren Kreatur am Hals, sodass sie nach Atem ringen mussten. Erschüttert beobachtete Esmeralda, wie zwei der mächtigsten Zauberer Lewendias, die einst wie Brüder gewesen waren, sich gegenseitig bekämpften. Und das, ohne zu ahnen, dass sie dabei beide zugrunde gingen.
„Hört auf!“, schrie sie, doch niemand beachtete sie im Lärm des grölenden Donners und der peitschenden Wellen des Meeres direkt neben ihnen. Esmeralda weinte. Verzweifelt drehte sie den Kopf in eine andere Richtung, als gäbe es dort auf der brennenden, von Verletzten und Leichen übersäten Landschaft irgendetwas, das ihr helfen könnte. Doch das Einzige, das sie sah, war ihre frühere beste Freundin, die regungslos und mit geschlossenen Augen im Sand lag. An ihrer Stirn war eine streifenförmige, tiefe Wunde, die grell glühte. Blut tropfte heraus und kullerte über ihre verwundete Haut.
„Das ist das Ende…“, hauchte Esmeralda.
Schweißgebadet wachte sie auf. In ihrem Spiegel, der an der gegenüberliegenden Wand ihres Zimmers hing, zeichnete sich ihr faltiges Gesicht ab. Ihre Haare, die sie hinter ihr Ohr genommen hatte, waren noch so kurz wie damals auch, doch die kastanienbraune Farbe war zu einem silbrigen Grau geworden. Ihre hellbraunen Augen waren groß und starrten angsterfüllt ins Glas. Gekleidet war sie in ein langes, weißes Schlafgewand, auf das Lilien gestickt waren, von denen sehr viele in Melna wuchsen.
Melna. Die Stadt und das Volk, das sie anführte. Dessen Verantwortung sie trug. Esmeralda fasste sich an die Brust. Ihr Herz pochte schnell. In letzter Zeit wurde sie sehr oft von Erinnerungen ihres früheren Lebens gequält. Und das war kein Zufall. Vierzig Jahre war es her, seit die Meister der vier Zaubersteine einander bekämpft und sich gegenseitig entwürdigt hatten. Damals hatte ihr Streit ein Ende genommen, aber Erolds Gier, wegen der alles angefangen hatte, war noch lange nicht erloschen. Nun war der Tag gekommen, an dem Erold sich von dem Fluch, der ihn entwürdigte, erholt hatte und seinen Plänen wieder nachging. Dieses Mal jedoch standen ihm nicht seine ehemaligen Gefährten im Weg, um ihn aufzuhalten. Was er nicht ahnte, war, dass es aber sehr wohl jemanden gab, der seine Pläne durchkreuzen würde.
Esmeralda erhob sich von ihrem Bett und trat auf das hellbraune Parkett. Von dort ging sie zu dem großen, golden umrandeten Fenster über und sah auf die belebten Straßen Melnas hinab. Ihre Enkelkinder, die alle eine Jagdwaffe in der Hand hatten, diskutierten dort unten und Esmeralda öffnete das Fenster, damit sie mithören konnte.
„Marisa hat letztes Mal die größte Beute gemacht, sie nehmen wir auf jeden Fall mit“, bestimmte Taro, der Älteste der Gruppe. Er war hochgewachsen und hatte starke Arme, mit denen er ein schweres Gewehr trug. Marisa, ein siebzehnjähriges, hübsches Mädchen lächelte stolz.
„Natürlich komme ich mit. Wer hat denn letztes Jahr den Jaguar erlegt?“ Sie präsentierte ihre Kette, an der ein langer Fangzahn hing.
„Kilian sollte auch mitkommen. Er ist der schnellste von uns“, argumentierte Taro weiter und sah sich in der Gruppe um, wen er als Nächstes dazu auswählen würde, mit auf die anstehende Jagd zu kommen. Diese fand jedes Jahr statt und war für Esmeraldas Enkel bestimmt, welche diese als eine Chance sahen, ihren Rang in der Familie zu verbessern.
„Du wählst auch nur deine eigenen Geschwister aus“, warf Zack, sein Cousin, ihm vor. „Wir sind mindestens genauso gut wie Marisa und Kilian.“
„Na gut“, gab Taro nach, „Dann kommen du und Lou mit, sie ist die beste Spurensucherin. Aber Kilian bleibt trotzdem. Niemand kann mir erzählen, dass jemand schneller ist als er.“
Zack war mit dieser Antwort zufrieden und zeigte seiner Zwillingsschwester Lou, welche gerade erst ankam, einen Daumen nach oben. Die Jagdsaison war für sie alle wichtig. Ihr Jagderfolg würde darüber entscheiden, wer von ihnen Esmeraldas Nachfolger werden würde.
„Vergesst mich bloß nicht!“, meldete sich Pascal, der mit zwölf Jahren eigentlich nicht mit auf die Jagd kommen durfte, jedoch aufgrund seines ungewöhnlichen Talents, Tiergeräusche nachzuahmen, eine Ausnahme darstellte.
„Wie könnten wir dich vergessen? Natürlich nehmen wir dich mit“, tätschelte Lou ihrem Bruder auf die Schulter. Weitere zehn Minuten stritten die übrigen darüber, ebenfalls mit auf die Jagd kommen zu dürfen, und nach einer heißen Diskussion war die Truppe komplett. Zufrieden wollten alle in die Innenstadt gehen, um sich mehr Utensilien für die kommenden Wochen zu kaufen, als plötzlich jemand die Treppe des großen Melnastammhauses heruntergepoltert kam. Dieser jemand hatte kurze, braune Haare, die ihr bis zu den Schultern reichten, einen rosa Rock bis über die Knie und ein pinkes Oberteil aus Stoff, über dem eine Kette mit einem Kristallanhänger baumelte. Sie war barfuß und hatte viele Sommersprossen in ihrem Gesicht, das vor Aufregung glühte. In der Hand hielt sie einen Speer, den sie nur mit Mühe tragen konnte.
„Hallo Leute!“, grüßte sie ihre Geschwister und Cousins. „Warum wartet ihr nicht auf mich?“
Caitlyn, eine weitere Enkeltochter Esmeraldas, machte ein abfälliges Gesicht. „Warum sollten wir auf dich warten?“, fragte sie und zuckte mit den Schultern.
„Ja, Senia?“, fragte Kai, Caitlyns großer Bruder.
Senia strahlte übers ganze Gesicht, oder zumindest über jenen Teil, der nicht von ihren Haaren, die ihr über die Stirn und die kleine Stupsnase fielen, verdeckt wurde. „Ich komme mit euch!“, verkündete sie begeistert und hob beide Arme feierlich in die Höhe, wobei der Speer ihr fast herunterfiel. Die übrigen Familienmitglieder schienen sich nicht einmal ansatzweise so darüber zu freuen wie sie.
„Wer hat das denn gesagt?“, fragte ihr Bruder Taro.
Senia schnaubte. Sie war fast darüber enttäuscht, dass sie so etwas fragten, aber ihre Freude überspielte alles.
„Letzte Woche war mein vierzehnter Geburtstag“, erinnerte Senia sie. „Wer vierzehn geworden ist, hat für dieses Jahr einen festen Platz bei der Jagd, denn jeder kriegt einmal die Chance, seine Fähigkeiten auf die Probe zu stellen.“
Senias Cousins und Geschwister griffen sich an die Stirn.
„Ach ja. Du bist ja jetzt vierzehn“, meinte Lou in einem Tonfall, als hätte sie sich an einen anstehenden Zahnarzttermin erinnert, den sie ständig aufgeschoben hatte.
Senia nickte. „Ganz genau, ich gehöre jetzt zu euch.“
„Äh, nein, nein, nein“, stoppte Taro das Ganze. „Wir nehmen dich auf gar keinen Fall mit.“
Senia lachte heiser und sah zu den anderen als erwartete sie, dass sie es auch als einen Scherz sahen. Aber als niemand sich äußerte, ergriff sie selbst die Initiative. „Taro, ich bin bereit dafür“, versicherte sie. „Ich bin vierzehn. Also kann ich jetzt auf jeden Fall mitkommen und ihr könnt nächstes Jahr entscheiden, ob ich nochmal teilnehmen darf.“
„Nein, du kommst nicht mit, Senia“, stritt ihr großer Bruder ab. „Ich leite die Truppe und damit habe ich das Recht, dich auszuschließen. Ob du nun vierzehn bist oder nicht.“
Senia wusste nicht, was sie sagen sollte. Jegliche Freude wich aus ihrem Gesicht. „Das kannst du nicht machen! Ich habe einen festen Platz! Das ist die Regel“, argumentierte sie.
Taro schnaubte genervt. „Nein, habe ich gesagt. Dieses Jahr ist die Jagd wichtiger denn je, weil wir nicht so viel ernten konnten. Da können wir es uns nicht leisten, dass du uns auch noch dabei störst!“
Senia war außer sich. Sollte ihr Bruder sie nicht eigentlich unterstützen? „Ich störe euch nicht, ich kann euch wirklich helfen. Gebt mir nur eine Chance!“, wollte sie ihn überreden, doch da mischte sich auch Marisa ein.
„Helfen?“, echote sie mit einem herablassenden Tonfall. „Du willst uns helfen? Du ruinierst doch immer alles!“
„Nein, tu ich nicht. Ich werde mich wirklich bemühen!“, versprach Senia und sah dabei immerzu zwischen ihren Familienmitgliedern hin und her, auf der Suche nach jemandem, der ihr zur Seite stand.
„Haben wir gesehen, als du beim Probelauf eine Kugel abgefeuert und den Orang-Utan auf uns aufmerksam gemacht hast!“, erinnerte Kilian.
„Das war ein Versehen! Dieses Mal bin ich vorsichtiger!“, versuchte seine kleine Schwester sich zu verteidigen, doch sie wurde von den anderen übertönt.
„Oder als du die Sylphe zu unseren Taschen geführt hast und sie unser ganzes Geld gestohlen hat!“, fügte Caitlyn hinzu.
„Ich habe mit ihr gespielt und habe nicht geahnt, dass sie uns bestehlen will!“, japste Senia. „Aber ich habe daraus gelernt, wirklich!“
„Nein, hast du nicht!“, widersprach Lou. „Du machst ständig Fehler und lernst nie daraus!“
„Selbst als wir dir den Papagei vor die Nase geliefert haben und du einfach nur abdrücken musstest, hast du ihn verpasst“, sagte Pascal.
„Ich habe es nicht übers Herz gebracht, dass der schöne Vogel meinetwegen in Gefangenschaft leben muss!“, verteidigte sich Senia.
„Ach, das sind doch alles nur dumme Ausreden“, meinte Kai aus der Menge heraus und stieß Senia nach hinten.
„Wann immer wir etwas nicht schaffen, ist es deine Schuld. Weil du ja bei allem mitmachen willst, obwohl du zu nichts fähig bist!“, behauptete Zack.
„Du bist uns nur eine unnötige Last!“, zischte Marisa.
Senia sah zwischen ihren Geschwistern und Cousins hin und her. Tränen stiegen ihr in die Augen, doch sie wollte vor ihnen keine Schwäche zeigen. „Dieses Jahr wird es anders, ihr werdet sehen!“, konterte sie. „Bitte gebt mir doch eine Chance, um es zu beweisen!“
Aber die Jugendlichen waren nicht zufriedenzustellen.
„Was wirst du dieses Jahr anders machen? Du eignest dich einfach zu nichts!“, brüllte Kai.
„Wir können dich dort draußen im Wald nicht gebrauchen. Da kommen nur die Besten der Besten hin“, warf Lou ein.
„Aber ich habe ein Recht, mitzukommen“, wollte Senia erwidern, doch ihre Kehle schnürte sich zu.
„Wir werden schon genug zu tun haben, da können wir nicht auch den Babysitter für dich spielen!“, meinte ausgerechnet Pascal.
„Wir haben keinen Platz für Schwächlinge“, legte Kilian drauf und zeigte auf ihre Füße. „Du kannst doch nicht einmal Schuhe anziehen!“
„Selbst den Speer trägst du nur mit Mühe in der Hand!“
„Du bist zu nichts nutze!“
Jetzt kullerte tatsächlich eine Träne über Senias gebräunte Haut. „Aber ich…“
Noch bevor sie einen Satz zustande bringen konnte, schritt Taro auf sie zu und riss ihr den Speer aus der Hand. „Wir nehmen dich nicht mit, jetzt akzeptier es endlich, Senia!“, blaffte er und warf die Waffe wütend auf den Boden. Senia sah auf ihre Waffe hinab. Sie war ein Geburtstagsgeschenk ihrer Eltern für ihren siebten Geburtstag gewesen. Seither hatte sie ihn fürsorglich aufbewahrt, damit sie ihn nach ihrem vierzehnten Geburtstag benutzen konnte und jetzt lag sie einfach so trostlos auf dem Boden. „Du kommst nicht mit und fertig. Lass die Großen das machen.“
Das waren Taros letzte Worte, bevor er zusammen mit all den anderen in die Innenstadt ging. Senia blieb einsam auf der Straße zurück und starrte niedergeschlagen auf den Asphalt.
Esmeralda, die das ganze vom Fenster aus beobachtet hatte, schmerzte es, ihre Enkelin so zu sehen. Senia verdiente es nicht, so behandelt zu werden. Sie hatte ein viel zu gutes Herz und tat niemandem etwas zuleide, doch sie musste lernen sich nicht von den anderen niedermachen zu lassen. Und das musste sie eigenständig, ohne Esmeraldas Hilfe, tun, deswegen ist sie auch nicht eingeschritten. Doch Esmeralda beruhigte ihr Gewissen, denn sie wusste etwas, das noch niemandem, außer ihr bewusst war. Etwas, das alles auf den Kopf stellen würde. „Keine Sorge, Senia“, murmelte die Herrin leise. „Deine Zeit wird kommen. Und zwar schneller als du denkst.“
Die Ambitionierte
Madeleine spürte den heißen Sand zwischen ihren Zehen, der durch ihre braunen Ledersandalen gesiebt wurde, während sie zwei rotbraune Tonkrüge voll Wasser in beiden Armen trug. Die Sonne brannte schon den ganzen Tag über ihrem Kopf und erhitzte die sandfarbenen Dünen der Di’ragella-Wüste nur noch mehr. Hin und wieder blies eine leichte Brise über Madeleines Nacken und ließ ihre langen schwarzen Locken im warmen Wind wehen. Sie war ein vierzehnjähriges Mädchen mit einem runden Gesicht und schwarzen Augen sowie einer kleinen Nase und südländischer Hautfarbe. Passend zum heißen Wetter hatte sie leichte Kleidung; ihr dünnes beigefarbenes Kleid aus Stoff reichte bis zu ihrem Unterschenkel.
Madeleine ließ ihren Blick über die vielen kleinen Häuser ihrer Heimatstadt Ylmi schweifen. Sie waren allesamt aus braunem Lehm und Sand gebaut und hatten an den Seiten rechteckige Löcher, welche als unschließbare Fenster dienten. Die Türen bestanden aus Holz und an den Wänden des höchstens zweieinhalb Meter hohen Gemäuers waren allerlei Gegenstände, wie Werkzeuge und Räder von Heukarren, gelehnt. Wie sonst auch, spielten Kinder auf dem Sand mit ihrem alten Fußball, während die Erwachsenen mit ihrer Arbeit beschäftigt waren. Da die ganze Stadt von Zucht und Landwirtschaft lebte, trugen manche ihre Ernte umher, kauften neues Saatgut oder liefen mit Schubkarren herum.
Während Madeleine so die Stadt beobachtete, hätte sie fast meinen können, dass es sich um einen ganz normalen Tag in ihrem Leben handelte. Doch leider wusste sie nur zu gut, dass dies nicht der Fall war. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie ihre Großmutter Freya eines Morgens schweißgebadet aus ihrem Haus gerannt war und lauthals geschrien hatte, dass Erold zu Kräften gekommen sei.
Seither lebte die ganze Landstadt in einer dumpfen Angst, jeden Moment eine schlechte Nachricht zu erhalten und insgeheim hoffte jeder, dass irgendjemand kam, um Erold aufzuhalten, doch dieser jemand war nicht gekommen. Noch nicht. Von Tag zu Tag fiel es Madeleine immer schwerer, still ihr Leben weiterzuleben, weil sie viel lieber etwas unternehmen wollte. Doch jedes Mal, wenn sie dies ansprach, meinte ihre Familie, sie sei bei ihnen in Sicherheit und solle ihr Temperament zügeln, denn es könne jemand anderes den Helden spielen. Lange würde sie das aber nicht mehr aushalten.
Madeleine erreichte ihr eigenes Zuhause, ein bescheidenes Lehmhaus, vor dessen Fenster traditionelle rote Tücher mit Mustern hingen und wollte die beiden Krüge dort abstellen, da sah sie ihren Bruder ihr entgegenrennen.
„Madeleine!“ Wie seine große Schwester besaß er dunkle Augen und Haare, womit er praktisch wie eine männliche Kopie von ihr aussah. Aber etwas stimmte nicht. Er sah ernsthaft besorgt aus.
„Was ist denn los, Elian?“, fragte Madeleine und stellte die beiden Krüge ab, bevor ihr Bruder sie noch rammte.
„Oma will dich sprechen!“, antwortete er völlig aus der Puste. Offenbar war er von dem Haus seiner Großmutter bis hierher gerannt. „Sie hat gesagt, es ist superdringend!“
Das aus dem Mund eines Neunjährigen zu hören, würde niemanden sehr beunruhigen, doch sie wusste, dass Elian nicht lügen würde, wenn es um ernste Themen ging. Und dass Freya sie, um eine so merkwürdige Tageszeit, an der sie sonst so beschäftigt war, zu sich rief, konnte nur heißen, dass sie etwas Ernstes zu besprechen hatte. „Sie sah nicht gut aus, Madeleine“, legte Elian besorgt bei.
„Ich gehe sofort“, ließ sie ihn wissen und drehte ihrem Bruder den Rücken zu, der ihr keuchend nachsah.
Das Zuhause ihrer Oma lag im Zentrum der Stadt und während Madeleine dorthin lief, kreisten allerlei Vermutungen, worüber ihre Oma wohl reden wollte, in ihrem Kopf. Stand wieder eine Dürreperiode bevor? Oder ging es vielleicht um eine ganz andere Sache, die über Ylmi hinausging? Sie hatte da schon etwas im Sinn…
Madeleine klopfte an der hölzernen Tür des Hauses an. Ihre Großmutter lebte dort nicht allein, sondern mit Madeleines Onkel und dessen Familie, die sich um sie sorgte. Ihre eigene Familie wiederum unterstützten sie mit Nahrungsmitteln und Kleidung.
„Oh, hallo, Madeleine. Komm doch rein“, begrüßte sie Sherin, die Frau ihres jüngeren Onkels. „Was für ein Zufall, dein Bruder war auch gerade hier.“
„Hallo, Sherin“, grüßte Madeleine zurück und trat ins Haus.
„Es ist kein Zufall. Oma hat Elian gesagt, dass sie mich sprechen will.“
„Oh“, machte Sherin. „Sie ist in ihrem Zimmer.“
Madeleine schritt quer durch das Haus über den gemusterten roten Teppich an den tiefen Sofas, welche das gleiche Muster wie der Teppich besaßen vorbei, zu der hintersten Wand des Raums. Madeleine öffnete, ohne zu zögern, die Tür und betrat das Zimmer ihrer Großmutter. Es war klein, jedoch sehr schön eingerichtet, mit kunstvollen, kleinen Holzschränken und Kommoden aus demselben Material. Das Bett ihrer Großmutter befand sich direkt gegenüber.Freya hatte sich darauf gesetzt und hatte eine elegante Kiste aus Holz in den Händen. Als Madeleine hereinkam, blickte Freya nicht einmal auf, sondern kramte weiter verträumt in der Kiste. Madeleine nahm neben ihr Platz.
„Sind das Opa und du?“, fragte sie, als sie das Foto in der Hand ihrer Großmutter sah. Sie nickte still und sah das Bild noch ein paar Sekunden an. Schließlich legte sie es zurück in die Kiste, welche allerlei andere Sachen verbarg, und blickte ihrer Enkeltochter direkt ins Gesicht.
Jetzt verstand Madeleine, was ihr Bruder mit besorgt gemeint hatte. Die sonst so ruhigen und sanften Gesichtszüge Freyas machten einen gereizten Eindruck, außerdem lag in ihren Augen etwas Trauriges. „Du musst mir jetzt sehr gut zuhören, Madeleine“, sagte sie. „Ich hatte wieder einen Traum.“
Der Donner war so markerschütternd, dass es fast Esmeraldas Trommelfell zerriss, während sie hechelnd um ihr Leben rannte. Die Lichtblitze flogen wie ein Hagel hinter ihr her und eine dunkle Stimme, deren Besitzer ihr einst so vertraut und nun so fremd geworden war, gellte hinter ihr von einem hohen Felsen aus.
„IHR WERDET MICH NICHT AUFHALTEN! KEINER WIRD DAS!“
Esmeraldas Herz raste. Je weiter sie über die verwüstete Landschaft rannte, desto wütender wurde Erold und feuerte noch mehr Lichtblitze auf sie ab.
„Bitte, Erold!“, weinte Esmeralda und hielt ihre Hände schützend vor sich. „Unserer Freundschaft wegen!“
„Unsere Freundschaft existiert nicht mehr, jetzt gibt es nur noch MICH!“
Beinahe wäre Esmeralda von einem der Blitze ihres ehemaligen Freundes getroffen worden, als ein hochgewachsener Mann mit gebräunter Haut und schwarzen Augen hinter Erold erschien.
„Du wirst keinem mehr schaden, Erold!“, dröhnte er. „Deine ewige Gier nach Macht und Unsterblichkeit nimmt hier ein Ende!“
Der Mann richtete seine Hände auf Erold. Esmeralda ahnte, was er vorhatte, und ihr Herz setzte aus. Sie riss ihre Augen weit auf. „NEIN, JELDRIK, TU DAS NICHT!“, kreischte sie so laut, dass es ihr in der trockenen Kehle wehtat, doch Jeldrik hatte schon längst einen pechschwarzen Rauch auf Erold gefeuert, der seinen Körper wie eine unsichtbare Gestalt ergriff und ihm die Kraft raubte. Erolds Haut wurde blasser und mit jeder Sekunde schien er immer mehr zu altern. Ächzend versuchte er, den Rauch von sich abzuwehren, und strengte sich dabei so an, dass sämtliche Adern durch seine vernarbte Haut sichtbar wurden. Der schwarze Kristall in seinem Handgelenk begann zu glühen und brach aus seiner Höhle heraus, obwohl Erold noch so sehr dagegen ankämpfte.
„NEIN! NIEMAND NIMMT IHN MIR WEG!“, brüllte Erold, aber Jeldrik hörte nicht, obwohl es ihn fast genauso sehr anstrengte wie Erold. Tausende von Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn und er grub seine Füße dicht in den grauen Sand, damit er nicht abrutschte.
„DU HÄLTST MICH NICHT AUF!“, donnerte Erold und wehrte sich so sehr gegen den Rauch, dass er schlagartig zu Jeldrik hinüber schwebte, welcher ihn ebenso von sich wegzuschieben versuchte. Der Rauch hielt die beiden fest und würgte sie wie die Hand einer unsichtbaren Kreatur am Hals, sodass sie nach Atem ringen mussten. Erschüttert beobachtete Esmeralda, wie zwei der mächtigsten Zauberer Lewendias, die einst wie Brüder gewesen waren, sich gegenseitig bekämpften. Und das, ohne zu ahnen, dass sie dabei beide zugrunde gingen.
„Hört auf!“, schrie sie, doch niemand beachtete sie im Lärm des grölenden Donners und der peitschenden Wellen des Meeres direkt neben ihnen. Esmeralda weinte. Verzweifelt drehte sie den Kopf in eine andere Richtung, als gäbe es dort auf der brennenden, von Verletzten und Leichen übersäten Landschaft irgendetwas, das ihr helfen könnte. Doch das Einzige, das sie sah, war ihre frühere beste Freundin, die regungslos und mit geschlossenen Augen im Sand lag. An ihrer Stirn war eine streifenförmige, tiefe Wunde, die grell glühte. Blut tropfte heraus und kullerte über ihre verwundete Haut.
„Das ist das Ende…“, hauchte Esmeralda.
Schweißgebadet wachte sie auf. In ihrem Spiegel, der an der gegenüberliegenden Wand ihres Zimmers hing, zeichnete sich ihr faltiges Gesicht ab. Ihre Haare, die sie hinter ihr Ohr genommen hatte, waren noch so kurz wie damals auch, doch die kastanienbraune Farbe war zu einem silbrigen Grau geworden. Ihre hellbraunen Augen waren groß und starrten angsterfüllt ins Glas. Gekleidet war sie in ein langes, weißes Schlafgewand, auf das Lilien gestickt waren, von denen sehr viele in Melna wuchsen.
Melna. Die Stadt und das Volk, das sie anführte. Dessen Verantwortung sie trug. Esmeralda fasste sich an die Brust. Ihr Herz pochte schnell. In letzter Zeit wurde sie sehr oft von Erinnerungen ihres früheren Lebens gequält. Und das war kein Zufall. Vierzig Jahre war es her, seit die Meister der vier Zaubersteine einander bekämpft und sich gegenseitig entwürdigt hatten. Damals hatte ihr Streit ein Ende genommen, aber Erolds Gier, wegen der alles angefangen hatte, war noch lange nicht erloschen. Nun war der Tag gekommen, an dem Erold sich von dem Fluch, der ihn entwürdigte, erholt hatte und seinen Plänen wieder nachging. Dieses Mal jedoch standen ihm nicht seine ehemaligen Gefährten im Weg, um ihn aufzuhalten. Was er nicht ahnte, war, dass es aber sehr wohl jemanden gab, der seine Pläne durchkreuzen würde.
Esmeralda erhob sich von ihrem Bett und trat auf das hellbraune Parkett. Von dort ging sie zu dem großen, golden umrandeten Fenster über und sah auf die belebten Straßen Melnas hinab. Ihre Enkelkinder, die alle eine Jagdwaffe in der Hand hatten, diskutierten dort unten und Esmeralda öffnete das Fenster, damit sie mithören konnte.
„Marisa hat letztes Mal die größte Beute gemacht, sie nehmen wir auf jeden Fall mit“, bestimmte Taro, der Älteste der Gruppe. Er war hochgewachsen und hatte starke Arme, mit denen er ein schweres Gewehr trug. Marisa, ein siebzehnjähriges, hübsches Mädchen lächelte stolz.
„Natürlich komme ich mit. Wer hat denn letztes Jahr den Jaguar erlegt?“ Sie präsentierte ihre Kette, an der ein langer Fangzahn hing.
„Kilian sollte auch mitkommen. Er ist der schnellste von uns“, argumentierte Taro weiter und sah sich in der Gruppe um, wen er als Nächstes dazu auswählen würde, mit auf die anstehende Jagd zu kommen. Diese fand jedes Jahr statt und war für Esmeraldas Enkel bestimmt, welche diese als eine Chance sahen, ihren Rang in der Familie zu verbessern.
„Du wählst auch nur deine eigenen Geschwister aus“, warf Zack, sein Cousin, ihm vor. „Wir sind mindestens genauso gut wie Marisa und Kilian.“
„Na gut“, gab Taro nach, „Dann kommen du und Lou mit, sie ist die beste Spurensucherin. Aber Kilian bleibt trotzdem. Niemand kann mir erzählen, dass jemand schneller ist als er.“
Zack war mit dieser Antwort zufrieden und zeigte seiner Zwillingsschwester Lou, welche gerade erst ankam, einen Daumen nach oben. Die Jagdsaison war für sie alle wichtig. Ihr Jagderfolg würde darüber entscheiden, wer von ihnen Esmeraldas Nachfolger werden würde.
„Vergesst mich bloß nicht!“, meldete sich Pascal, der mit zwölf Jahren eigentlich nicht mit auf die Jagd kommen durfte, jedoch aufgrund seines ungewöhnlichen Talents, Tiergeräusche nachzuahmen, eine Ausnahme darstellte.
„Wie könnten wir dich vergessen? Natürlich nehmen wir dich mit“, tätschelte Lou ihrem Bruder auf die Schulter. Weitere zehn Minuten stritten die übrigen darüber, ebenfalls mit auf die Jagd kommen zu dürfen, und nach einer heißen Diskussion war die Truppe komplett. Zufrieden wollten alle in die Innenstadt gehen, um sich mehr Utensilien für die kommenden Wochen zu kaufen, als plötzlich jemand die Treppe des großen Melnastammhauses heruntergepoltert kam. Dieser jemand hatte kurze, braune Haare, die ihr bis zu den Schultern reichten, einen rosa Rock bis über die Knie und ein pinkes Oberteil aus Stoff, über dem eine Kette mit einem Kristallanhänger baumelte. Sie war barfuß und hatte viele Sommersprossen in ihrem Gesicht, das vor Aufregung glühte. In der Hand hielt sie einen Speer, den sie nur mit Mühe tragen konnte.
„Hallo Leute!“, grüßte sie ihre Geschwister und Cousins. „Warum wartet ihr nicht auf mich?“
Caitlyn, eine weitere Enkeltochter Esmeraldas, machte ein abfälliges Gesicht. „Warum sollten wir auf dich warten?“, fragte sie und zuckte mit den Schultern.
„Ja, Senia?“, fragte Kai, Caitlyns großer Bruder.
Senia strahlte übers ganze Gesicht, oder zumindest über jenen Teil, der nicht von ihren Haaren, die ihr über die Stirn und die kleine Stupsnase fielen, verdeckt wurde. „Ich komme mit euch!“, verkündete sie begeistert und hob beide Arme feierlich in die Höhe, wobei der Speer ihr fast herunterfiel. Die übrigen Familienmitglieder schienen sich nicht einmal ansatzweise so darüber zu freuen wie sie.
„Wer hat das denn gesagt?“, fragte ihr Bruder Taro.
Senia schnaubte. Sie war fast darüber enttäuscht, dass sie so etwas fragten, aber ihre Freude überspielte alles.
„Letzte Woche war mein vierzehnter Geburtstag“, erinnerte Senia sie. „Wer vierzehn geworden ist, hat für dieses Jahr einen festen Platz bei der Jagd, denn jeder kriegt einmal die Chance, seine Fähigkeiten auf die Probe zu stellen.“
Senias Cousins und Geschwister griffen sich an die Stirn.
„Ach ja. Du bist ja jetzt vierzehn“, meinte Lou in einem Tonfall, als hätte sie sich an einen anstehenden Zahnarzttermin erinnert, den sie ständig aufgeschoben hatte.
Senia nickte. „Ganz genau, ich gehöre jetzt zu euch.“
„Äh, nein, nein, nein“, stoppte Taro das Ganze. „Wir nehmen dich auf gar keinen Fall mit.“
Senia lachte heiser und sah zu den anderen als erwartete sie, dass sie es auch als einen Scherz sahen. Aber als niemand sich äußerte, ergriff sie selbst die Initiative. „Taro, ich bin bereit dafür“, versicherte sie. „Ich bin vierzehn. Also kann ich jetzt auf jeden Fall mitkommen und ihr könnt nächstes Jahr entscheiden, ob ich nochmal teilnehmen darf.“
„Nein, du kommst nicht mit, Senia“, stritt ihr großer Bruder ab. „Ich leite die Truppe und damit habe ich das Recht, dich auszuschließen. Ob du nun vierzehn bist oder nicht.“
Senia wusste nicht, was sie sagen sollte. Jegliche Freude wich aus ihrem Gesicht. „Das kannst du nicht machen! Ich habe einen festen Platz! Das ist die Regel“, argumentierte sie.
Taro schnaubte genervt. „Nein, habe ich gesagt. Dieses Jahr ist die Jagd wichtiger denn je, weil wir nicht so viel ernten konnten. Da können wir es uns nicht leisten, dass du uns auch noch dabei störst!“
Senia war außer sich. Sollte ihr Bruder sie nicht eigentlich unterstützen? „Ich störe euch nicht, ich kann euch wirklich helfen. Gebt mir nur eine Chance!“, wollte sie ihn überreden, doch da mischte sich auch Marisa ein.
„Helfen?“, echote sie mit einem herablassenden Tonfall. „Du willst uns helfen? Du ruinierst doch immer alles!“
„Nein, tu ich nicht. Ich werde mich wirklich bemühen!“, versprach Senia und sah dabei immerzu zwischen ihren Familienmitgliedern hin und her, auf der Suche nach jemandem, der ihr zur Seite stand.
„Haben wir gesehen, als du beim Probelauf eine Kugel abgefeuert und den Orang-Utan auf uns aufmerksam gemacht hast!“, erinnerte Kilian.
„Das war ein Versehen! Dieses Mal bin ich vorsichtiger!“, versuchte seine kleine Schwester sich zu verteidigen, doch sie wurde von den anderen übertönt.
„Oder als du die Sylphe zu unseren Taschen geführt hast und sie unser ganzes Geld gestohlen hat!“, fügte Caitlyn hinzu.
„Ich habe mit ihr gespielt und habe nicht geahnt, dass sie uns bestehlen will!“, japste Senia. „Aber ich habe daraus gelernt, wirklich!“
„Nein, hast du nicht!“, widersprach Lou. „Du machst ständig Fehler und lernst nie daraus!“
„Selbst als wir dir den Papagei vor die Nase geliefert haben und du einfach nur abdrücken musstest, hast du ihn verpasst“, sagte Pascal.
„Ich habe es nicht übers Herz gebracht, dass der schöne Vogel meinetwegen in Gefangenschaft leben muss!“, verteidigte sich Senia.
„Ach, das sind doch alles nur dumme Ausreden“, meinte Kai aus der Menge heraus und stieß Senia nach hinten.
„Wann immer wir etwas nicht schaffen, ist es deine Schuld. Weil du ja bei allem mitmachen willst, obwohl du zu nichts fähig bist!“, behauptete Zack.
„Du bist uns nur eine unnötige Last!“, zischte Marisa.
Senia sah zwischen ihren Geschwistern und Cousins hin und her. Tränen stiegen ihr in die Augen, doch sie wollte vor ihnen keine Schwäche zeigen. „Dieses Jahr wird es anders, ihr werdet sehen!“, konterte sie. „Bitte gebt mir doch eine Chance, um es zu beweisen!“
Aber die Jugendlichen waren nicht zufriedenzustellen.
„Was wirst du dieses Jahr anders machen? Du eignest dich einfach zu nichts!“, brüllte Kai.
„Wir können dich dort draußen im Wald nicht gebrauchen. Da kommen nur die Besten der Besten hin“, warf Lou ein.
„Aber ich habe ein Recht, mitzukommen“, wollte Senia erwidern, doch ihre Kehle schnürte sich zu.
„Wir werden schon genug zu tun haben, da können wir nicht auch den Babysitter für dich spielen!“, meinte ausgerechnet Pascal.
„Wir haben keinen Platz für Schwächlinge“, legte Kilian drauf und zeigte auf ihre Füße. „Du kannst doch nicht einmal Schuhe anziehen!“
„Selbst den Speer trägst du nur mit Mühe in der Hand!“
„Du bist zu nichts nutze!“
Jetzt kullerte tatsächlich eine Träne über Senias gebräunte Haut. „Aber ich…“
Noch bevor sie einen Satz zustande bringen konnte, schritt Taro auf sie zu und riss ihr den Speer aus der Hand. „Wir nehmen dich nicht mit, jetzt akzeptier es endlich, Senia!“, blaffte er und warf die Waffe wütend auf den Boden. Senia sah auf ihre Waffe hinab. Sie war ein Geburtstagsgeschenk ihrer Eltern für ihren siebten Geburtstag gewesen. Seither hatte sie ihn fürsorglich aufbewahrt, damit sie ihn nach ihrem vierzehnten Geburtstag benutzen konnte und jetzt lag sie einfach so trostlos auf dem Boden. „Du kommst nicht mit und fertig. Lass die Großen das machen.“
Das waren Taros letzte Worte, bevor er zusammen mit all den anderen in die Innenstadt ging. Senia blieb einsam auf der Straße zurück und starrte niedergeschlagen auf den Asphalt.
Esmeralda, die das ganze vom Fenster aus beobachtet hatte, schmerzte es, ihre Enkelin so zu sehen. Senia verdiente es nicht, so behandelt zu werden. Sie hatte ein viel zu gutes Herz und tat niemandem etwas zuleide, doch sie musste lernen sich nicht von den anderen niedermachen zu lassen. Und das musste sie eigenständig, ohne Esmeraldas Hilfe, tun, deswegen ist sie auch nicht eingeschritten. Doch Esmeralda beruhigte ihr Gewissen, denn sie wusste etwas, das noch niemandem, außer ihr bewusst war. Etwas, das alles auf den Kopf stellen würde. „Keine Sorge, Senia“, murmelte die Herrin leise. „Deine Zeit wird kommen. Und zwar schneller als du denkst.“
Die Ambitionierte
Madeleine spürte den heißen Sand zwischen ihren Zehen, der durch ihre braunen Ledersandalen gesiebt wurde, während sie zwei rotbraune Tonkrüge voll Wasser in beiden Armen trug. Die Sonne brannte schon den ganzen Tag über ihrem Kopf und erhitzte die sandfarbenen Dünen der Di’ragella-Wüste nur noch mehr. Hin und wieder blies eine leichte Brise über Madeleines Nacken und ließ ihre langen schwarzen Locken im warmen Wind wehen. Sie war ein vierzehnjähriges Mädchen mit einem runden Gesicht und schwarzen Augen sowie einer kleinen Nase und südländischer Hautfarbe. Passend zum heißen Wetter hatte sie leichte Kleidung; ihr dünnes beigefarbenes Kleid aus Stoff reichte bis zu ihrem Unterschenkel.
Madeleine ließ ihren Blick über die vielen kleinen Häuser ihrer Heimatstadt Ylmi schweifen. Sie waren allesamt aus braunem Lehm und Sand gebaut und hatten an den Seiten rechteckige Löcher, welche als unschließbare Fenster dienten. Die Türen bestanden aus Holz und an den Wänden des höchstens zweieinhalb Meter hohen Gemäuers waren allerlei Gegenstände, wie Werkzeuge und Räder von Heukarren, gelehnt. Wie sonst auch, spielten Kinder auf dem Sand mit ihrem alten Fußball, während die Erwachsenen mit ihrer Arbeit beschäftigt waren. Da die ganze Stadt von Zucht und Landwirtschaft lebte, trugen manche ihre Ernte umher, kauften neues Saatgut oder liefen mit Schubkarren herum.
Während Madeleine so die Stadt beobachtete, hätte sie fast meinen können, dass es sich um einen ganz normalen Tag in ihrem Leben handelte. Doch leider wusste sie nur zu gut, dass dies nicht der Fall war. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie ihre Großmutter Freya eines Morgens schweißgebadet aus ihrem Haus gerannt war und lauthals geschrien hatte, dass Erold zu Kräften gekommen sei.
Seither lebte die ganze Landstadt in einer dumpfen Angst, jeden Moment eine schlechte Nachricht zu erhalten und insgeheim hoffte jeder, dass irgendjemand kam, um Erold aufzuhalten, doch dieser jemand war nicht gekommen. Noch nicht. Von Tag zu Tag fiel es Madeleine immer schwerer, still ihr Leben weiterzuleben, weil sie viel lieber etwas unternehmen wollte. Doch jedes Mal, wenn sie dies ansprach, meinte ihre Familie, sie sei bei ihnen in Sicherheit und solle ihr Temperament zügeln, denn es könne jemand anderes den Helden spielen. Lange würde sie das aber nicht mehr aushalten.
Madeleine erreichte ihr eigenes Zuhause, ein bescheidenes Lehmhaus, vor dessen Fenster traditionelle rote Tücher mit Mustern hingen und wollte die beiden Krüge dort abstellen, da sah sie ihren Bruder ihr entgegenrennen.
„Madeleine!“ Wie seine große Schwester besaß er dunkle Augen und Haare, womit er praktisch wie eine männliche Kopie von ihr aussah. Aber etwas stimmte nicht. Er sah ernsthaft besorgt aus.
„Was ist denn los, Elian?“, fragte Madeleine und stellte die beiden Krüge ab, bevor ihr Bruder sie noch rammte.
„Oma will dich sprechen!“, antwortete er völlig aus der Puste. Offenbar war er von dem Haus seiner Großmutter bis hierher gerannt. „Sie hat gesagt, es ist superdringend!“
Das aus dem Mund eines Neunjährigen zu hören, würde niemanden sehr beunruhigen, doch sie wusste, dass Elian nicht lügen würde, wenn es um ernste Themen ging. Und dass Freya sie, um eine so merkwürdige Tageszeit, an der sie sonst so beschäftigt war, zu sich rief, konnte nur heißen, dass sie etwas Ernstes zu besprechen hatte. „Sie sah nicht gut aus, Madeleine“, legte Elian besorgt bei.
„Ich gehe sofort“, ließ sie ihn wissen und drehte ihrem Bruder den Rücken zu, der ihr keuchend nachsah.
Das Zuhause ihrer Oma lag im Zentrum der Stadt und während Madeleine dorthin lief, kreisten allerlei Vermutungen, worüber ihre Oma wohl reden wollte, in ihrem Kopf. Stand wieder eine Dürreperiode bevor? Oder ging es vielleicht um eine ganz andere Sache, die über Ylmi hinausging? Sie hatte da schon etwas im Sinn…
Madeleine klopfte an der hölzernen Tür des Hauses an. Ihre Großmutter lebte dort nicht allein, sondern mit Madeleines Onkel und dessen Familie, die sich um sie sorgte. Ihre eigene Familie wiederum unterstützten sie mit Nahrungsmitteln und Kleidung.
„Oh, hallo, Madeleine. Komm doch rein“, begrüßte sie Sherin, die Frau ihres jüngeren Onkels. „Was für ein Zufall, dein Bruder war auch gerade hier.“
„Hallo, Sherin“, grüßte Madeleine zurück und trat ins Haus.
„Es ist kein Zufall. Oma hat Elian gesagt, dass sie mich sprechen will.“
„Oh“, machte Sherin. „Sie ist in ihrem Zimmer.“
Madeleine schritt quer durch das Haus über den gemusterten roten Teppich an den tiefen Sofas, welche das gleiche Muster wie der Teppich besaßen vorbei, zu der hintersten Wand des Raums. Madeleine öffnete, ohne zu zögern, die Tür und betrat das Zimmer ihrer Großmutter. Es war klein, jedoch sehr schön eingerichtet, mit kunstvollen, kleinen Holzschränken und Kommoden aus demselben Material. Das Bett ihrer Großmutter befand sich direkt gegenüber.Freya hatte sich darauf gesetzt und hatte eine elegante Kiste aus Holz in den Händen. Als Madeleine hereinkam, blickte Freya nicht einmal auf, sondern kramte weiter verträumt in der Kiste. Madeleine nahm neben ihr Platz.
„Sind das Opa und du?“, fragte sie, als sie das Foto in der Hand ihrer Großmutter sah. Sie nickte still und sah das Bild noch ein paar Sekunden an. Schließlich legte sie es zurück in die Kiste, welche allerlei andere Sachen verbarg, und blickte ihrer Enkeltochter direkt ins Gesicht.
Jetzt verstand Madeleine, was ihr Bruder mit besorgt gemeint hatte. Die sonst so ruhigen und sanften Gesichtszüge Freyas machten einen gereizten Eindruck, außerdem lag in ihren Augen etwas Trauriges. „Du musst mir jetzt sehr gut zuhören, Madeleine“, sagte sie. „Ich hatte wieder einen Traum.“

