Kettenwerk

Kettenwerk

Georgian J. Peters


EUR 27,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 766
ISBN: 978-3-99107-539-4
Erscheinungsdatum: 12.01.2022
1968. In einer verschlafenen Siedlung vor Hamburg treibt die „Clique der Fünf“ ihr Unwesen. Niemand ahnt, dass ihr Anführer Georgie seit vier Jahren ein schreckliches Geheimnis hegt. Er und Kessie machten vor vier Jahren im Kettenwerk eine grausige Entdeckung.
Wenn du einen Stein ins Wasser wirfst,
so eilt er auf dem schnellsten Wege
zum Grunde des Wassers.

So ist es, wenn man ein Ziel, einen
Vorsatz hat. Man tut nichts, man wartet,
man denkt, man fastet, aber man geht durch
die Dinge der Welt, ohne sich zu rühren;
man wird gezogen, man lässt sich fallen.

Das Ziel zieht dich an sich, denn du lässt
nichts in deine Seele ein, was dem Ziel
widerstreben könnte.

Siddharta
Hermann Hesse


Der Mensch hat dreierlei Wege, klug zu handeln:
– erstens durch Nachdenken, das ist der edelste
– zweitens durch Nachahmen, das ist der leichteste
– und drittens durch Erfahrung, das ist der bitterste.

Konfuzius


PROLOG
Flucht
23. Mai 1944
kurz vor Mitternacht

Wie er sich aus dem muffigen und von Bohnerwachs geschwängerten Verwaltungsgebäude befreien konnte, war ihm schleierhaft. Plötzlich sog er frische Luft ein. Er stolperte durch ein offenes Fenster ins Freie. Zuvor war er eine enge, rostige Eisenstiege hinaufgeklettert. Aber wie konnte …?
Jetzt zählte nur … er konnte dieser Hölle entkommen.
Draußen war es nicht kalt. Tiefe Dunkelheit packte ihn es war später Abend oder bereits tiefe Nacht. Er fror nicht. Im Gegenteil. Er schwitzte. Es fühlte sich lebendig an, wie sich der Schweiß auf der verdreckten und zerschundenen Haut ausbreitete und sofort trocknete. Sein Kopf flog in alle Richtungen, verfolgt von höllischem Pochen in den Schläfen. In großem Aufruhr schoss sein Blut durch die Adern. Das war der Hunger, den er schon zu lange totgeschlagen hatte.
Es war geschafft. Er war frei.
Plötzlich erfasste ihn ein Orangelicht. Es zerrte reflexartig an seinen Blick, hinauf zum Dach der schlauchigen Baracke ihm gegenüber. Dahinter musste die Lichtquelle sein. Ohne zu überlegen rannte er los, taumelte, aber rannte, erreichte linkerhand die Ecke der Baracke, verschwand in einer schmalen Gasse. Eine Straße war es nicht, auch kein Weg, eher ein zugiger Durchgang, der sich entlang einer schlauchigen, hohen Halle zog.
Aus dem Augenwinkel bemerkte er die riesigen Schiebetore, denen er jedoch keine Beachtung schenkte, auch nicht dem dritten Schiebetor, das zur Hälfte offen stand.
Wie ein Lemming rannte er dem Orangelicht entgegen, stolperte auf einen großen Platz hinaus, der ebenfalls nicht direkt von dem Orangelicht erfasst wurde, obwohl er bereits einen langen Schatten auf die groben Betonplatten warf.
„Hee! Halt! Stehen bleiben!“, hörte er eine bellende Stimme hinter sich. „Sofort stehen bleiben!“ Die Stimme riss eine breite Schneise in die zugige Gasse.
Natürlich blieb er nicht stehen. Er rannte weiter, stolperte auf das Orangelicht zu.
Noch mehr Schweiß schoss aus seinen Poren, kühlte seinen Kopf, da ihn jetzt heftige Windböen trafen. Die verdreckte Sträflingskleidung flatterte an ihm wie eine schwere, nasse Fahne im Sturm.
„Halt! Sag’ ich!“
Plötzlich krachten Schüsse. Er konnte aus dem Schussfeld seines Verfolgers springen, hatte das Ende der Halle erreicht. Auch jetzt drehte er sich nicht um. Er rannte, stolperte, taumelte, keuchte und hustete, spukte zähen Speichel.
Seine Lungen brannten wie Feuer, sein Schädel drohte zu zerplatzen, doch das alles war nichts gegen die Chance, wirklich bald in Freiheit zu sein. Es konnten nur noch ein, zwei Ecken bedeuten, bis er die Lichtquelle erreichte, und die würde ihm den Weg in die Freiheit weisen. Er musste nur die Mauer erreichen, wo er auf einen hohen Erdwall hinaufsteigen konnte.
Diesen Fluchtweg hatte er ausgemacht, als sie dort die langen Gruben ausheben mussten. Von den Gruben aus betrachtet … ist es ein Leichtes, von dem Erdwall, der ein Bunker zu sein scheint, auf die Mauer zu springen, sich hinaufzuhangeln, über die Stacheldrahtbespannung zu klettern und dann zu springen … hinüber … egal, wohin … aber rüber in die Freiheit. Nur dieser Gedanke trieb ihn an, während er rannte, stolperte, stöhnte und schrie, sich selbst anfeuerte. Um Gottes Willen auf den Beinen bleiben, bis ich diesen verdammten Erdwall erreiche. Von da an war es nur noch ein Katzensprung.
Mit jedem seiner staksigen Schritte ruderten seine Arme. Tatsächlich kam er schneller vorwärts, als es aussah. Unaufhörlich hustete er, doch es war, als hustete er sich frei. Allmählich pochte auch das Blut nicht mehr so schmerzhaft durch seine Adern, was die Stiche im Kopf mit jedem Schritt abklingen ließ. Immer ausladender ruderten seine Arme. Das schien ihn sicher auf den Beinen zu halten und er erreichte dadurch einen konstanten Laufrhythmus.
Das Schreien hinter ihm hörte nicht auf. Schallend verfolgte es ihn über den Platz und wie ein Adler im Angriffsflug wollte es ihn attackieren und doch … jetzt hörte es sich schon gedämpfter
an.
Die Schüsse hatten aufgehört.
Das wird sich wieder ändern, spätestens, wenn der Verfolger die Ecke erreicht hatte. Dann aber konnte er bereits den engen Durchgang erreicht haben, der zum hinteren Teil des Geländes führte. Von da war es nicht mehr weit bis zu dem Erdwall. Auch jetzt drehte er sich nicht um, nicht einmal als er den Durchgang erreichte und hineinschlüpfte. Wäre sein Verfolger ein besserer Läufer gewesen, hätte er nicht die geringste Chance gehabt, doch der Verfolger zeigte eine deutliche Behinderung. Er humpelte, zog das rechte Bein nach. Deshalb schrie er dem Flüchtenden unentwegt hinterher… und an der Ecke würde er sofort wieder schießen!
Die Schüsse blieben aus, was er nebulös registrierte. Gerade hatte er den Erdwall erblickt. In Sekundenbruchteilen hatte er einen starren Tunnelblick. Wie ein erschöpfter Marathonläufer, keuchend, im Rhythmus seiner Schritte, den Blick auf das Ziel fixiert, stürmte er voran. Das Orangelicht strahlte jetzt seitlich von links über die Dächer der Hallen hinweg.
Rechterhand passierte er ein zwei dunkle Holzbaracken.
Dahinter befand sich der Erdwall.
Noch wenige Meter, hundert vielleicht, dann war der Weg in die Freiheit erreicht. Hatte er erst einmal die Mauer bezwungen, konnte er auf der anderen Seite im Dickicht des Moors abtauchen.
In der Dunkelheit würde ihn niemand finden.
Zwei weitere Verfolger hatten seine Fährte aufgenommen. Sie folgten den todbringenden Kommandos: „Fass’“ und „Gib’ Laut.“
Die Beute stellen, aber nicht reißen … sich vielleicht ein bisschen in sie verbeißen, bis die Hunde schließlich vor ihr „Sitz“ machten und bellten, damit ihr Führer sie fand und ihnen ein neues Kommando geben würde. Jetzt bellten sie nicht. Sie knurrten nicht einmal. Sie verfolgten ihrer Beute lediglich in einem sicheren Abstand von zirka zwanzig Metern, um im geeigneten Moment zur Stelle zu sein. Doch als könnte er sie riechen, fühlte er sie im Nacken. Das war nicht ungewöhnlich, immerhin hauste er mehrere Wochen ziemlich Tür an Tür – oder besser gesagt Zelle an Zelle – mit diesen Bestien.
Unten in den Gängen.
Ihr Geruch hatte sich auf ewig in seine Geruchsnerven eingebrannt. Doch auch jetzt drehte er sich nicht um.
Gerade hatte er das Ende der Halle erreicht, als er erneut auf einen großen Platz gelangte, wo ihn endlich das Orangelicht erfasste. Wie eine zweite Sonne strahlte es auf ihn nieder, blendete ihn, doch stoppte keineswegs seine Flucht.
Jetzt interessierte ihn das Licht nicht mehr.
Der Erdwall war keine zehn Meter entfernt und dahinter sah er die Mauer, aber er sah noch etwas: An einer bestimmten Stelle, zwischen zwei Betonpfeilern, fehlte ein Teil der Stacheldrahtbespannung. Und genau dieser Teil wurde von dem Orangelicht besonders erfasst. Das beschleunigte seine Schritte.
Er stolperte den Erdwall hinauf.
Er stürzte, stöhnte rau, rappelte sich auf, versuchte, auf die knochigen Beine zu kommen, als in diesem Augenblick die Hunde bei ihm waren. Gleichzeitig sprangen sie ihn an, rissen ihn zu Boden und wie abgesprochen verbissen sie sich in seine Beine. Wild rissen ihre Köpfe hin und her.
Von Panik, Angst und Verzweiflung getrieben, stieß er stoßartige Schreie aus. Er verspürte keine Schmerzen, da sein Adrenalinausstoß immens war. Seine Schreie kamen kurz und gewehrschussgleich.
In diesen grässlich, panischen Sekunden galt seine Aufmerksamkeit groteskerweise wieder dem gebündelten Orangelicht, das ihn blendete. Er spürte das Glühen von dem Licht und ihm war, als gehörte sein Körper nicht mehr zu ihm. Er war schmerzfrei. Er war frei!!! Noch bevor ihm das wirklich bewusst wurde, ließen die Bestien von ihm ab, nahmen Abstand, setzten sich und fingen zu bellen an, während sie ihn starr fixierten. Deutlich konnte er an ihren Schnauzen sein eigenes Blut erkennen, aber er war schmerzfrei.
Nur bleierne Wut überkam ihn.
Wut über sich selbst, da er jetzt, gerade jetzt, kurz vor seinem Ziel aufzugeben schien. Willenlos in diesem Dreck zu verrecken? Nein, das konnte nicht das Ende sein.
Ich soll frei sein!
Ungeachtet der Folgen, rappelte er sich noch einmal auf, während er aus dem Augenwinkel den ersten Verfolger wahrnahm und auch merkte, dass dieser humpelte.
Ein lang gezogenes: „Hiiiiiieeeeeer!“ zerschnitt diesen Moment.
Und noch ehe der Schrei verhallte, sprangen die Hunde auf und hetzten jaulend davon.

Diesen Augenblick nutzte er.
Seine Beine waren taub, doch noch gehorchten sie seinen Befehlen, trugen ihn hinauf auf den Erdwall, wo er für eine Sekunde verharrte und sich den bevorstehenden Sprung verinnerlichte. Immerhin waren es ein, zwei Meter bis zur Mauer.
Dann stolperte er los.
Zeitgleich krachten in kurzer Folge Schüsse hinter ihm.
Er setzte zum Sprung an. Plötzlich verspürte er einen stechenden Druck im Rücken, der ihm nicht nur einen zusätzlichen Schub versetzte, sondern ihn jetzt doch vor Schmerzen aufschreien ließ.
Er prallte gegen die Mauer.
Seine Hände krallten sich am Mauersims fest, wo er ebenfalls sofort Schmerzen verspürte, doch er zog sich mit aller Kraft hinauf, während er weitere Schüsse hörte, links und rechts die Einschläge verspürte, wie sich die Kugeln vergebens in das Mauerwerk fressen wollten. Und wieder verspürte er stechende Schmerzen, die jetzt seinen linken Arm und seinen Steiß betrafen, ihn hart gegen die Mauer drückten, sodass er normalerweise reflexartig losgelassen hätte, doch auch das tat er jetzt nicht. Er zog sich weiter hinauf zum Mauersims und erreichte den Betonpfeiler. Er umfasste diesen, als wollte er ihn in den Schwitzkasten nehmen, während sein linkes Bein den Mauersims erklomm, er sich fast seitlich weiter hinaufhangelte. Er stöhnte, schnaufte und schrie. Es waren keine Hilfeschreie und auch keine Schmerzensschreie. Diese Schreie feuerten ihn an, pressten die letzte Kraft aus seinem bereits erschossenen Körper. Sein Bewusstsein nahm die Schüsse längst nicht mehr wahr. Auch nicht die nächsten Treffer in seinen Körper. Weiter zog er sich hinauf, als würde er ein viel zu großes Pferd besteigen, das keinen Sattel trug, und der Betonpfeiler war der Hals des Tieres.
Dann saß er auf dem Sims.
Er schrie seinen Sieg heraus und er riss die Arme der orangegeschwängerten Luft entgegen, während ihn noch mehr Kugeln trafen.
Dann sackte er still in sich zusammen und ließ sich einfach auf die andere Seite fallen.

Er war verschwunden.
Er hatte es geschafft.
Er war frei.

23. Mai 1944
Ein anderes Zeitfenster

So einfach ließ sich das Fenster nicht öffnen.
Wahrscheinlich weil es nach außen aufging und die Fensterläden zugezogen waren. Außerdem befand es sich im Tiefparterre.
Nur in schmalen, langen Strichen drängte graues Tageslicht in den schlauchigen Raum.
Ein geradezu gespenstisches Licht umgab sie. Nur die winzige Belüftungsklappe oben hätte sie durch einen seitlichen Hebel kippen können, doch das tat sie nicht. Es hätte sie in ihrem Vorhaben keineswegs weitergebracht. Außerdem wollte sie das Verwaltungsgebäude nicht auf diesem Weg verlassen.
Jedenfalls jetzt noch nicht.
Aber sie wusste schon, als sie sich durch den engen Schacht hinaufzwängte, an welchen Ort sie zurückgekehrt war. Nämlich genau dorthin, wo der ganze Alptraum losgebrochen war. Dort, wo sich dieses widerlich stinkende Schwein mit runtergelassener Hose auf ihr herumgewälzt hatte, schmatzend schnaufte, grunzte und stöhnte, bis sie ihm die schwere Waschschüssel über den Schädel ziehen konnte.
Sofort drang ein grober Würgereiz hoch. Und dieser Würgereiz trieb sie an, diesen Ort schnellstens zu verlassen. Wieder stand sie vor dieser gähnenden Lukenöffnung. Nur flutete ihr jetzt nicht das bläulich, rötliche Licht entgegen, sondern ein gelblicher Schimmer, fade und schwach. Es war das Licht aus dem Hauptgang. Und es verlieh dem vorherrschenden Lichterspiel ein noch viel dämonischeres Antlitz. Hätte das Licht jetzt einen rötlichen Farbton erhalten, dieser Schacht hätte auch das Tor zur Hölle bedeuten können, was es im übertragenen Sinne ja tatsächlich war. Im Grunde genommen war sie soeben der Hölle entstiegen.
Entgegen der vorangegangenen Absprache mit Georgie hatte sie sich an der Gabelung von der Gruppe getrennt, die sie eigentlich hätte in Sicherheit bringen sollen … nämlich erst hinüber zum Kinderhort und dann im Morgengrauen zur Fritz-Schumacher-Siedlung.
So lautete der Plan.
Verließe sie diesen Ort gerade jetzt, würde sie verlieren … und schon gar nicht durch dieses Fenster.
Wo sie doch ihrem Ziel so nahe war.
Endlich konnte sie die Chance ergreifen, ihren Peiniger zur Strecke zu bringen. Sie durfte sich nicht darauf verlassen, dass Georgie es schaffen würde. Auch wenn er die bedingungslose Deckung seiner Freunde im Rücken wähnte.
In ihr keimte das unbestimmte Gefühl, dass nur sie gemeinsam, sie und Georgie, imstande waren, dieses Ziel zu erreichen … Stand doch wohl einzig und allein nur für sie beide so unermesslich viel auf dem Spiel.
Was hätte sie in diesem Moment nicht alles darum gegeben, wäre sie nicht die erwachsene, viel zu übergewichtige Tante Irmtraut, wie sie jeder nannte, sondern die etwas dickliche, sechzehnjährige Irmi, die gerade an diesem scheußlichen Ort ihre einzige Liebe getroffen hatte. Der gutaussehende Junge, der plötzlich zur richtigen Zeit zur Stelle war, ihr half, sie rettete, sie vor diesem stinkenden Schwein beschützte, das auch einen Namen hatte.
Walter Ebling.
Der Wachmann vom Kettenwerk am Weg Nr. 4.
Nein! Sie musste bleiben.
Sie musste Georgie davon überzeugen, dass es wirklich nur diesen einen Weg gab, um die Sache zu beenden … wenn sie gemeinsam zurück zu der Gasschleuse gingen. Und während sie so dastand, die Hände auf die breiten Hüften gestemmt, den Blick starr in den Schacht gerichtet, hörte sie von der Halle her Stimmen und knallende Schritte.
Plötzlich waren sie da.
Oder sie hatte sie zuvor nicht wahrgenommen.
Deutlich waren zwei Stimmen zu hören.
Eine davon war eine Frauenstimme.
Ihr Kopf flog herum und ihr Blick schoss zur Tür. Bedrohlich zuckte ihr Zeigefinger am Abzug der kleinen Schmeisser-MP 40. Blitzschnell hatte sie das kleine Schnellfeuergewehr in Anschlag gebracht, ohne sich jedoch ganz in Richtung Tür zu drehen.
Der kurze Blick verriet ihr, dass die Tür geschlossen war. Durch das schmale Fenster in der Tür hätte man sie sofort gesehen, also machte sie reflexartig drei, vier Schritte rückwärts hinaus aus dem Blickfeld und in die Ecke links neben die Tür.
Rechterhand befand sich der Schreibtisch.
Ihr Blick schlich zurück in den Raum hinüber zu der schäbigen Holzpritsche, die natürlich nicht an ihrem Platz stand.
Wenn jemand die Tür öffnete oder auch nur einen Blick durch das Türfenster warf, wäre er sofort gewarnt und würde die Situation sofort erfassen.
Nur hatte sie keine Zeit mehr, die Situation zu ändern.
Dafür waren die Stimmen bereits viel zu nah.
Riss also jemand die Tür auf und käme hereingestürmt, würde sie handeln müssen.
Keine Sekunde würde sie zögern und schießen. Hoffentlich wäre es das widerliche Schwein Ebling. Einen riesigen Gefallen würde er ihr tun. Er würde ihr wertvolle Zeit schenken.
In den letzten Stunden war sie ihm mehrmals sehr nahe gekommen. Ein Dutzend Mal hätte sie ihn töten können, doch immer wieder entwischte er ihr, auch unmittelbar vor ihren Augen, so als kann er mich überhaupt nicht wahrnehmen… und ich kann ihn nicht erreichen … ihn nicht anfassen … ihm nichts anhaben?
In diesem Augenblick wurde ihr klar, dass er sie gar nicht suchte, sondern ausschließlich die junge Irmi. Nur sie will er haben. Und aus keinem anderen Grund, als das mit allen Mitteln und mit all ihrer Kraft zu verhindern, war sie an diesen scheußlichen Ort zurückgekehrt.
In diesem Moment erkannte sie eine der beiden Stimmen.
Es war tatsächlich Ebling.
Die Frauenstimme war ihr nicht bekannt.
Sie verstand kein Wort, obwohl die Stimmen sich anschrien. Es hallte zu sehr, als dass klare Worte zu ihr durchdrangen. Einige Wortfetzen schnappte sie dennoch auf: „Ich sehe mich o … um! Geh’ Du …ter!“
„Was willst du denn da oben?“, entgegnete die Frauenstimme schrill. Es klang, als wären sie jetzt in unmittelbarer Nähe der Tür.
„Das ist meine Sache! Du gehst runter!“
Niemand sah durch das Türfenster. Die Tür wurde nicht aufgerissen.
Stattdessen entfernten sich die Stimmen. Auch die knallenden Stiefeltritte verhallten schnell und hinterließen eine gespenstische Stille. Es war, als hörte sie dicht an ihren Ohren ein gewaltiges Atmen, so als würde der Schacht sämtliche Luft aus diesem schmalen Raum ein- und wieder ausatmen.
Sie musste hier raus.
Sie musste Ebling hinterher.
Sie ahnte wohin er wollte … an das Fenster!
Für eine Sekunde überlegte sie, ob sie die Luke lieber schließen und die Holzpritsche wieder darüber schieben sollte, doch sie öffnete stattdessen die Tür.
Im nächsten Moment stand sie wie aufgepumpt in der Halle und lauschte in die Dunkelheit, die Schmeisser im Anschlag.
Dumpfe Geräusche drangen zur ihr durch. Geräusche, wie man sie nur in derartigen Gebäuden erwartete. Es konnte alles sein und es konnte alles bedeuten. Eine Tür, die irgendwo weiter oben oder weiter hinten ins Schloss fiel, oder es schlug etwas oder jemand polternd zu Boden. Auch nahm sie Stimmen wahr, die aber keine Bedrohung für sie darstellten, da sie zu weit entfernt schienen.
Als kämen sie sogar aus einem anderen Gebäude.
Waren es überhaupt Stimmen?
Auf keinen Fall durfte sie ihre Sinne auf diese unklaren Geräusche einschärfen. Sie durfte sie aber auch nicht außer Acht lassen.
Sie musste in die erste Etage.

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