Cover: Julia und Walter

Julia und Walter


EUR 22,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 460
ISBN: 978-3-7116-0499-6
Erscheinungsdatum: 10.06.2025
Es beginnt mit einem Autounfall. Die Insassen – ein Vater und seine Tochter – kommen ums Leben. Mit dem Tod der beiden ist die Handlung nicht zu Ende, im Gegenteil, die Handlung nimmt überraschend Fahrt in einer anderen Welt auf!
1


Ein Unfall, der keiner war

Es war an einem Sonntagmorgen, als Julia und Walter Stern starben.

Walter hatte an dem Tag, bevor er starb, sein 35 Jahre altes Cabriolet aus der Autowerkstatt abgeholt. Der Tag darauf, ein Sonntag, begann mit einem sonnigen Morgen, am Himmel war keine einzige Wolke zu sehen und obwohl die Wiesen noch vom Morgentau bedeckt waren, war es schon angenehm warm. Für die Ausfahrt hatte Walter das Verdeck eingeklappt und geplant in Richtung des Sees zu fahren, den er von früher so gut kannte. Er war an dessen Ufern groß geworden, hatte beobachtet, wie sich im Sommer an seiner Oberfläche jedes Jahr mehr und mehr Ausflugs- und Sportbooten versammelten. In der kalten Jahreszeit aber versank der See noch immer in einen tiefen Winterschlaf. Dieser Schlaf wurde einzig von den vielen Wasservögeln gestört, die auf den nächsten Frühling warteten. An jedem ersten Sonntagvormittag im Monat nahm sich Walter ausschließlich Zeit für seine Tochter Julia. Diese Vater-Tochter-Ausflüge waren zu einer Art Belohnung für ihn geworden, da Walter während der Arbeitswoche entweder zu beschäftigt oder auf Konferenzen und Forschungsreisen unterwegs war. Manchmal sah er seine Kinder Julia und ihren Bruder Josef am frühen Morgen zu einem kurzen – zu kurzen – gemeinsamen Frühstück, abends kam er meistens so spät nach Hause, dass sie schon im Bett waren und schliefen.

Julia war mit ihren zwölf Jahren vier Jahre älter als Josef, aber in etwa genauso groß, was ihr viele Hänseleien von Mitschülern einbrachte. Ihr Vater besänftigte sie. Schon bald würde etwas passieren und sie in die Höhe schießen. Für Julia war es nur ein schwacher Trost, aber sie schrieb in ihrem Tagebuch auf, von wem die Hänseleien kamen, und sie würde sich revanchieren, sobald sie größer war. Ihr Vater war groß gewachsen, auf fast ein Meter und 90 Zentimeter war er im Alter von 19 innerhalb eines Jahres geschossen. Seine dunkelbraunen Haare hingen ihm über die Augen, so dass er immer wieder mit einer ruckartigen Kopfbewegung seine Haare zu Seite schieben musste. Seine Frau Lina war deutlich kleiner als er und so versuchte er Julia davon zu überzeugen, dass sie die Gene von ihm bekommen hätte, was Körpergröße und Wachstum anbelangte.

Julia war trotz der Hänseleien ein fröhliches, aber zurückhaltendes Mädchen, das in ihrer Klasse nicht nur auf Grund ihrer Größe auffiel, sondern auch wegen den vielen Sommersprossen im Gesicht. Ihre Mutter erklärte ihr, im Sommer habe man mehr Sommersprossen als im Winter, aber nachdem Julia sie einmal im Winter und einmal im Sommer gezählt hatte (es waren nur knapp einhundert Sommersprossen mehr im Sommer), war sie zu der Erkenntnis gekommen, dass das so nicht stimmen konnte. Auf Grund ihrer vielen Sommersprossen schlüpfte sie zu Karnevalszeiten in die Rolle der Pipi Langstrumpf, was recht einfach war: Ihre Mutter flocht ihr zwei Zöpfe, die mit viel Haarfestiger nach außen standen und schon hatte sie große Ähnlichkeit mit der Pipi Langstrumpf aus den Filmen, die in den 1970er-Jahren im Fernsehen zu sehen waren.

Julia liebte die Schule. Denn so konnte sie jeden Tag ihre zwei besten Freundinnen sehen. Sie war nicht mit vielen Mädchen befreundet, aber diejenigen, die ein Freundschaftsband von ihr erhalten hatten, konnten sicher sein, dass Julia für sie eine zuverlässige Freundin war, die mit ihnen durch Dick und Dünn gehen würde. In der Schule war sie in den meisten Fächern durchschnittlich, mit Ausnahme der Naturwissenschaften und der Mathematik. In diesen Fächern war sie eine der besten. Das Talent hatte sie von ihrem Vater geerbt. Sie hasste es, vor Klassenarbeiten und Tests seitenweise Dinge auswendig zu lernen, die sie nicht wirklich verstand und von denen sie hoffte, dass sie sie nach den Tests schnellstmöglich wieder vergessen würde. Statt Hausaufgaben zu machen, verbrachte sie viel Zeit mit Tagträumen. Sie konnte eine Stunde lang auf dem Boden liegen, ihre Beine an der Wand nach oben strecken und Fakten und Jahreszahlen, die sie für die Schule hatte auswendig lernen müssen, mit ihrer Fantasie zu ausschweifenden Geschichten über Zauberer, Geister und Fabelwesen verbinden. Manchmal phantasierte sie auch von realen Personen aus ihrer Schule und spann sie zu manchmal witzigen, manchmal tragischen Geschichten zusammen. In ihren Träumen war sie fast jedes Mal eine Heldin. Sie war mutig und liebte die Abenteuer. Sie war nicht das Mädchen aus dem wirklichen Leben, das sich in der Schule nicht getraute, den Arm zu heben, weil sie sich nur zu 99 % sicher war, dass sie die richtige Antwort kannte. Die meisten ihrer Lehrer hatten sie wieder und wieder ermutigt, aktiver am Unterricht teilzunehmen, und obwohl Julia sich vornahm, es auch zu tun, konnte sie sich selten gegenüber ihren eigenen Zweifeln durchsetzen.

Ihr Bruder Josef war anders. Er war ein hervorragender Sportler, er liebte den Geschichtsunterricht, Bildende Kunst und die Sprachen, aber er verweigerte sich der Mathematik. Es gelang ihm schlichtweg nicht, Mathematik auch nur im Ansatz zu verstehen. Seine Mathematikhausaufgaben erledigte in den meisten Fällen Julia, mit der er ein besonders inniges Verhältnis hatte. Er liebte seine Schwester über alles. Er wusste, dass sie in der Schule sehr unsicher war, weshalb er versuchte, die Rolle des starken, wenn auch jüngeren Bruders einzunehmen. Sein Vater hingegen war ein Mathematikliebhaber, ein großartiger Physiker, der mit hervorragenden Noten eine führende Universität abgeschlossen hatte. Walter hatte nach seinem Studium eine Handvoll Angebote aus der Wirtschaft erhalten, aber er entschied sich dafür, in die Forschung zu gehen. Er wollte sich mit dem All und dem Leben im All beschäftigen. Als Kind wünschte sich Walter nichts sehnlicher, als Astronaut zu werden, mit seinen 41 Jahren war er aber inzwischen zu alt dafür.
„Papa, was arbeitest du eigentlich den ganzen Tag?“, fragte Julia, als sie mit dem Cabriolet über den zweiten kleineren Pass an diesem Morgen fuhren.
Walter überlegte, wie er seiner Tochter die komplizierten Sachverhalte der Astrophysik am einfachsten erklären konnte.
„Tja, wie soll ich das beschreiben? Es ist kompliziert … Ich sitze viel am Computer und rechne oder lasse rechnen – wenn ich das so sagen kann.“
„Ich dachte, du suchst nach Sternen?“
Julia drehte ihren Kopf zu Walter und sah ihn von der Seite an. Sie spielte an ihrem Rucksack herum, den sie erst vor kurzem zu ihrem zwölften Geburtstag bekommen hatte und den sie auf ihren Schoss gelegt hatte. Seit ihrem Geburtstag trug sie ihn die ganze Zeit mit sich herum.
„Das stimmt. Ich schaue nach den Sternen und nach all den anderen Dingen im Weltall. Aber dafür bin ich auf die Hilfe eines Computers angewiesen.“
„Warum interessierst du dich nicht für die Seen oder für das Meer?“
„Weißt du, im Meer, vor allem in der Tiefsee gibt es zwar noch viele Dinge zu entdecken, aber als ich so alt war wie du, habe ich angefangen mich für das Weltall zu interessieren und das hat mich nie wieder losgelassen.“
Walter legte eine kleine Pause ein und sah Julia für zwei kurze Sekunden an. Ihm wurde bewusst, dass er nicht wusste, ob sich seine Tochter für das Meer interessierte oder warum ihr die Frage in den Sinn gekommen war.
„Weißt du, es gibt wahnsinnig kluge Mathematiker und Physiker. Die haben berechnet, dass es im Weltall Dinge geben muss, die wir nicht einmal erahnen, geschweige denn mit einem Fernrohr sehen können. Und genau diese Dinge interessieren mich.“
Julias Stirn legte sich in Falten.
„Du meinst, es gibt unsichtbare Außerirdische? Und Raumschiffe?“
„Wer weiß? Das gibt es vielleicht. Was ich meine – all das, was wir sehen können, wenn wir durch ein Fernrohr schauen, ist nur ein kleiner Bruchteil von dem, was es geben muss. Es gibt Dinge, große Dinge, die sind für uns unsichtbar, und trotzdem sind sie da.“
Walter suchte in der Fahrertür nach seiner Sonnenbrille, konnte sie aber nicht finden.
„Mmmmm …“, räusperte sich Julia.
Sie wollte, dass ihr Vater weitererzählte.
„Julia, nimm’ den Mond als Beispiel. Der Mond wird von der Sonne angestrahlt und deswegen sehen wir ihn am Himmel. Würde die Sonne das nicht tun, wäre er für uns unsichtbar. Unabhängig von der Sonne und ob der Mond angestrahlt wird oder nicht, sagen mir meine Computerprogramme, dass es da oben den Mond geben muss, egal ob wir ihn sehen können oder nicht.“
„Echt? Das sind aber schlaue Programme. Woher wissen die das?“
Walter hatte aufgehört zu suchen, die Sonnenbrille schien wohl unter einem Berg von CDs versteckt zu sein.
„Du weißt doch, dass der Mond für die Gezeiten auf der Erde, für Ebbe und Flut der Meere, verantwortlich ist, oder?“
„Ja, das weiß ich. Das hatten wir in der Schule.“
„Aus diesen Gezeitenbewegungen und noch aus einigen anderen Informationen können Computer ableiten, wie groß der Mond sein muss und wie weit entfernt er von uns ist.“
Walter deutete in Richtung Himmel.
„Und die Computer können uns sagen, wie viele Raumschiffe es im Weltall gibt?“
Walter musste lachen.
„Nicht ganz. Diese Programme sagen mir, dass es im Weltall Dinge gibt, die wir nicht sehen können, die unsichtbar sind, die aber trotzdem da sein müssen, weil sonst das physikalische Standardmodell nicht mehr stimmen würde.“
„Was sind das für Dinge?“
„Das ist das, was man Dunkle Materie nennt.“
Julia und Walter waren an der höchsten Stelle der Passstraße angekommen. Die Straße machte eine Kurve nach links und schlängelte sich danach in lang gezogenen Serpentinen den Hügel hinunter. Neben der Straße fiel das Gelände steil ab in Richtung See. Sie hatten die Sonne im Rücken und freie Sicht auf den See, der zu dieser frühen Morgenstunde ruhig vor ihnen lag. Auf der Straße war kein Auto und kein Mensch zu sehen. Erst später würden sich zuerst die Rennradfahrer, dann die Motorradfahrer und danach die Autofahrer über den Pass quälen. Die Gegend vor ihnen schien wie ausgestorben zu sein.
„Wenn man Licht im Weltall hätte, könnte man die Dunkle Materie dann sehen?“
Walter musste unwillkürlich schmunzeln. Er schaute Julia ein weiteres Mal von der Seite an.
„Da hast du einen guten Gedanken. Den hatte ich auch schon. Aber weißt du, wir schauen nicht nur mit unseren Augen und mit Hilfe von Sonnenlicht. Wir schauen mit Computern und mit anderen Maschinen, die Dinge sehen können, die kein Mensch erkennen kann.“
„Aber wie kann ein Computer sehen?“
„Ein Computer kann nicht sehen, aber er kann durch Berechnungen Schlussfolgerungen ziehen, dass da etwas sein muss, was wir nicht sehen können. Was es ist, weiß aber auch der Computer nicht. Noch nicht. Aber wir sind daran die Geheimnisse der Dunklen Materie zu entschlüsseln … He, was ist denn das?“
Bevor Walter weitersprechen konnte, wurde er von etwas geblendet. Eine Person, eine schwarz gekleidete Person, die mitten auf der Straße stand und einen Gegenstand in der Hand hielt, der die Sonnenstrahlen gebündelt in Walters Gesicht reflektierte. Walter stieß einen Schrei aus, versuchte zu bremsen, aber es war zu spät. Er riss das Lenkrad nach rechts, um der Gestalt auf der Straße auszuweichen. Der Wagen schoss über die Fahrbahnbegrenzung, flog einige Meter durch die Luft, bevor er den Boden berührte und sich mehrere Male überschlug. Kurz bevor die Straße nach einer langen Rechtskurve zurückkam, kam der Wagen zum Liegen. In ihrem Cabriolet hatten Julia und Walter keine Chance zu überleben, sie waren auf der Stelle tot. Die Gestalt, die gerade noch mitten auf der Fahrbahn gestanden und ein silbernes Schwert in der Hand gehalten hatte, steckte zuerst das Schwert in die Scheide zurück, dann lief sie zu der Stelle, an der der Wagen die Straße verlassen hatte. Sie kniff die Augen zusammen, um zu erkennen, ob sich jemand im verunglückten Auto bewegte. Als die Meldung kam, dass beide angekommen waren, begann sie hämisch zu grinsen. Sie drehte sie sich um und war genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen war.




2


Der berühmte Carl

Julia und Walter fanden sich im nächsten Moment an einem anderen, für sie unbekannten Ort wieder. So wie sie im Auto nebeneinandergesessen waren, standen sie nun ganz dicht nebeneinander und Julia hielt noch immer ihren Rucksack mit beiden Händen fest, so wie sie es im Auto die ganze Zeit getan hatte. Sie standen vor einem großen Gebäude, das mindestens einhundert Meter breit sein musste, schätzte Julia. Es war mehrere Stockwerke hoch und Julia glaubte, dass es eine kleine Dorfkirche sicherlich überragt hätte. Es sah aus wie ein altes Bahnhofsgebäude aus längst vergangenen Zeiten, mehrere griechische Säulen säumten die Vorderfront, und zwischen den Säulen waren hohe Fenster eingezogen, die fast bis zum Dach des Gebäudes reichten. Die Fenster waren dunkel und aus dem Gebäude drangen kein Licht und kein Laut. Es war totenstill. Obwohl es Tag war und die Sonne schien, waren am Himmel viele gleißend helle Sterne zu sehen. Überraschend viele. Julia kam es vor, als hätte sie noch nie in ihrem Leben so viele Sterne auf einen Fleck gesehen. Ein richtiges Sternenmeer. Allerdings stimmte etwas nicht mit den Farben, die ganze Szenerie um sie herum wirkte auf Julia grau und leblos. Selbst das kräftige Beige des Gebäudes wirkte matt und schwach.

Julia zog ihren Rucksack auf den Rücken und nahm die Hand ihres Vaters. Sie spürte, dass ihr Vater genauso zitterte wie sie. Auch er schien nicht zu wissen, was in den letzten Sekunden passiert war. Walter drückte fest die Hand seiner Tochter und deutete mit einer Kopfbewegung an, dass er gerne ein Stück in Richtung des Gebäudes gehen würde. Hand in Hand gingen sie schweigend bis zu einer Ecke und spähten um sie herum. Obwohl das Gebäude aussah wie ein Bahnhofsgebäude, waren nirgendwo Schienen zu sehen. An das mysteriöse Gebäude grenzte eine große grüne Wiese, auf der nur Löwenzahn zu wachsen und in einem matten Gelb zu blühen schien. Hinter dem Bahnhofsgebäude stieg die Löwenzahnwiese langsam an und verlor sich im angrenzenden Wald.
„Papa, was ist passiert? Wo sind wir?“, flüsterte Julia. Es war, als wären sie ein Teil eines Traumes geworden. Nur wusste sie nicht, wo sie träumte und ob sie von ihrem Traum jemals wieder erwachen würde.
„Wenn ich das wüsste …“, flüsterte Walter.
Seine Hand umklammerte Julias Hand und sie spürte, wie er zu schwitzen begann, ein klares Zeichen, dass er nervös war und sich unwohl fühlte.
„Gerade eben waren wir doch noch im Auto … Wir waren unterwegs, und plötzlich stand jemand auf der Straße. Jemand, der ganz in Schwarz gekleidet war, so viel konnte ich noch erkennen. Die Person hatte etwas in der Hand, was furchtbar geblendet hat. Und ab dann weiß ich überhaupt nichts mehr“, sagte Walter stockend.
„Die schwarze Person habe ich auch gesehen, aber dann habe ich meine Augen geschlossen. Ich weiß nur noch, dass ich herumgewirbelt worden bin und dass mir mein Kopf plötzlich weh sehr wehtat.“
„Stimmt, jetzt erinnere ich mich auch. Ich bin mit meinem Kopf mehrmals auf etwas Hartes gestoßen“, sagte Walter und suchte mit der Hand seinen Kopf ab. An mehreren Stellen ertastete er Beulen.
„Hast du auch so ein helles Licht gesehen, Papa?“
„Das Licht, das von dieser schwarzen Gestalt kam?“
„Nein Papa. Danach. Als wir … als wir auf der Reise hierher waren.“
„Nein.“
„Es war nicht so grell wie das von der schwarzen Gestalt. Es war anders … viel freundlicher, viel angenehmer, wie … ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll. Am liebsten wäre ich zu dem Licht hingegangen. Mir kam es vor, als würde ich mich schon ewig in diesem Licht bewegen, als ich plötzlich deine Hand spürte und gemerkt habe, wie du mich an diesen Ort ziehst.“
Julia schaute Walter mit großen Augen an. Er schüttelte heftig den Kopf, als wollte er damit sein Unverständnis, seiner Ratlosigkeit, aber auch seine Angst abschütteln.
„Julia. Keine Ahnung, was das war. Keine Ahnung, wo wir sind. Und keine Ahnung, was das hier ist.“
Walter zeigte auf das Gebäude vor ihnen.
„Lass es uns anschauen. Mir kommt es vor, als hätte ich es schon einmal gesehen. Ich kann mich aber nicht erinnern, wo das war“, sagte Walter nachdenklich und zog Julia vorsichtig mit sich.
Sie fingen an, das Bahnhofsgebäude zu umrunden. Auf der hinteren Seite des Gebäudes entdeckten sie einen schmalen Weg, der sich vom Gebäude weg in Richtung Wald schlängelte. Hinter dem Wald waren schneebedeckte Berge in großer Entfernung zu erkennen.
„Da drüben, das sind Fichten“, sagte Walter.
Er fand die absolute Stille um ihn herum angsteinflößend und wollte sie unbedingt durchbrechen.
„Man erkennt das daran, dass die Fichtenzapfen nach unten hängen, allerdings erst wenn sie reif sind. Bei Tannenbäumen …“
„Papa, ich glaube es gibt Wichtigeres als Fichten und Tannen. Sag mir lieber, wer da vorne auf uns zukommt.“
Ein großer hagerer Mann mit dunklen Haaren und erkennbarem Seitenscheitel kam aus dem Wald auf sie zu gerannt. Unwillkürlich wichen Julia und Walter ein paar Schritte zurück. Julias Herz fing an zu rasen. Nach ein paar Sekunden kam der Mann vor ihnen zu stehen, er legte den Zeigefinger seiner rechten Hand auf den Mund und gebot ihnen, leise zu sein. Der Mann war völlig außer Atem und musste mehrere Male tief Luft holen. Julia schätzte, dass er um die 60 Jahre sein musste. Er sprach amerikanisches Englisch, aber Julia konnte ihn ohne Probleme verstehen, obwohl sie Englisch erste im zweiten Jahr in der Schule hatte.
„Kommt mit, bevor die Anderen hier sind“, flüsterte er mit aufgerissenen Augen und machte sich bereit, um loszurennen. Er zögerte einen Moment, denn Julia und Walter bewegten sich nicht von der Stelle. Der fremde Mann verharrte und machte ihnen mit eindeutigen Handbewegungen klar, dass sie ihm folgen sollten.
...
5 Sterne
Spannend fantasievoll  - 01.01.2026
ML Oeni

Der Wunsch bzw Glaube der Menschen an ein "Sein" nach dem irdischen Leben wird auf fantasievolle Art und Weise in eine spannende Geschichte verwoben. Der Autor weckt von Kapitel zu Kapitel die Lust zum Weiterlesen.

Das könnte Ihnen auch gefallen :

Cover: Julia und Walter

Désirée Riedel

Senja – Die Geheimnisse des Rats

Buchbewertung:
Mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder