Cover: Jonas und Holzkäfer Anobius

Jonas und Holzkäfer Anobius


EUR 23,90

Format: 13,5 x 21,5 cm
Seitenanzahl: 120
ISBN: 978-3-99130-489-0
Erscheinungsdatum: 19.12.2024
Jonas verbringt die Sommerferien bei seiner Oma, da die Eltern die Wohnung renovieren. Anfangs plagt ihn große Langeweile, doch als er ein Geräusch im Schrank seines Zimmers wahrnimmt, beginnt eine fantastische und aufregende Reise in die Welt der Insekten.
1.
Anobius


Jonas war tief enttäuscht.
Er hatte sich die Sommerferien anders vorgestellt. Auch wenn die Eltern keinen Urlaub geplant hatten, weil sie die Wohnung renovieren wollten, hätte er doch bei ihnen bleiben können, vielleicht etwas geholfen oder draußen mit seinen Freunden gespielt. Wenn das Wetter schlecht gewesen wäre, hätten sie neue Computerspiele ausprobiert. Jonas wäre zum Mittagessen oder gegen Abend nach Hause gekommen, um bei den Arbeiten nicht zu stören. Die Wohnung ist nicht groß, es sind nur vier Zimmer, außerdem eine Küche und ein Bad. Die Renovierung sollte nicht lange dauern. Die Eltern hatten jedoch entschieden, er solle zur Oma, und zwar für einen ganzen Monat! Er hatte mit Mama darüber diskutieren wollen, sie war aber entschlossen.
»Weißt du, wie eine Renovierung aussieht? Nur Schmutz und Staub überall. Und bei der Oma gibt’s frische Luft und einen großen Garten, in dem du spielen kannst.«
»Es macht keinen Spaß, alleine zu spielen.«
»Wir fragen Oma, vielleicht wohnen andere Kinder in der Gegend.«
»Hat Oma Internet?«
»Das weiß ich nicht. Es ist Sommer, du sollst lieber rausgehen, nicht nur am Rechner sitzen.«
Mama hatte tröstend Jonas’ Kopf gestreichelt.
»Glaub mir, es ist besser so. Wenn wir mit dem ganzen Kram fertig sind, holen wir dich ab.«

Der Junge hoffte, dass die Renovierungsarbeiten nur ein paar Tage dauern würden.

Und jetzt liegt er in einem riesigen Bett in einem großen Zimmer und guckt, wie Regenwasser an den Fensterscheiben runterfließt. Das Abendessen ist gerade vorbei, die Oma ist in ihr Schlafzimmer gegangen. Vorher hat sie gesagt, er solle sich auch hinlegen. Es ist noch nicht spät, erst gegen acht Uhr, und draußen noch hell, aber es gibt nichts mehr zu tun. Wenn Jonas bei den Eltern hätte bleiben dürfen, hätte er jetzt mit seinen Freunden im Hof spielen können. Und hier? In der Gegend wohnen ein paar Familien mit ganz kleinen Kindern. Jonas ist schon zehn Jahre alt und wird sich mit Babys nicht herumtreiben. Die Oma wohnt allein. Zweimal in der Woche kommt eine Putzfrau namens Frau Kowalski. Sie begrüßt Jonas immer so: »Na, du Kleiner?« Und er hasst es, wenn ihn jemand »Kleiner« nennt. Mit der Großmutter kann er nur über die vergangenen Zeiten reden. Sie erzählt ohne Ende dieselbe Familiengeschichte, er hört höflich zu und versucht, dabei nicht zu gähnen. Oma kocht gut und die Mahlzeiten sind hier die einzige Abwechslung. Dazwischen kriegt der Junge von ihr Obst und Süßigkeiten, aber man kann das Leben nicht nur mit Essen verbringen! Und mit dem Fernsehen geht es auch nicht so gut. Omas Gerät ist uralt, es gibt nur zwei oder drei Programme, und das Bild ist ziemlich unscharf. Den Zugang zum Internet kann man vergessen. Jonas hat sein Tablet mitgenommen, aber unter solchen alten, dicken Wänden hat er keinen oder nur ganz schwachen Empfang. Deshalb ist er traurig, weil er sein neues Spiel nicht ausprobieren kann.
Gestern riefen die Eltern an und er sagte ihnen dasselbe: »Ich will nach Hause.« Er bekam die gleiche Antwort: In der Wohnung herrsche totale Unordnung, alles sei schmutzig, sie legen gerade den neuen Boden in der Küche und im Bad.
»Du bist schon ein großer Junge, Jonas. Ich glaube, dass es dir bei der Oma gut geht. Langeweile? Lies mal Bücher oder lerne etwas Biologie, um deine Note zu verbessern.«
Vielen Dank, Mama, dachte Jonas. Sollte ich in den Sommerferien lernen? Und zwar die Sachen, die ich sooooo hasse…
So ist das. Einsamkeit, Langeweile und schlechtes Wetter. Im Garten könnte man Erdbeeren oder Himbeeren pflücken, aber nicht bei so starkem Regen. Binnen einer Woche hat Jonas alle Bücher, die er mitgenommen hat, gelesen und Oma hat keine, die für ihn interessant wären. Im Haus gibt es nichts mehr zu entdecken. Vielleicht doch im Keller oder im Dachgeschoss, aber Oma hat ihm verboten, dorthin zu gehen.
»Wenn dir etwas passieren würde, könnte ich dir nicht helfen. Ich bin alt, meine Beine tun mir weh und es fällt mir schwer, die Treppe hoch- und runterzulaufen.«
Entweder schreibe ich selbst ein Buch oder sterbe vor Langeweile, denkt er, während er auf die Regenströme am Fenster blickt. Der Regen ist das einzige Geräusch, das er momentan hört. Ansonsten herrscht im Zimmer eine abendliche Stille.

Jonas gähnte, und zwar ganz tief, als er etwas Komisches hörte. Das klang so, als ob jemand ganz leise an die Türe klopfte.
»Toc-toc-toc.«
Die Regentropfen? Wenn es so einzeln tropft, kann das sein, dass der Regen aufhört? Dann kann man zumindest in den Garten… Aber natürlich nicht jetzt.
»Toc-toc-toc.«
Doch kein Regen. Aber was denn sonst? Die Oma? Sie schläft gerade. Und wenn sie kommen wollte, brauchte sie nicht zu klopfen. Das ist ihr Haus.
»Toc-toc-toc.«
Jonas spürte ein bisschen Unruhe. Zwar war er schon groß genug und glaubte an keine Geister, aber dieses Geräusch war nicht nur seltsam, sondern auch ein klein wenig beängstigend.
Der Junge stand auf und schaute sich im ganzen Zimmer um. Außer dem großen Bett und geräumigen Schreibtisch, auf dem jetzt sein nutzloses Tablet lag, befand sich da auch ein riesiger Holzschrank mit einer dicken Tür. Jonas machte ein paar Schritte in die Richtung und hörte wieder:
»Toc-toc-toc.«
Diesmal klang das ein bisschen lauter.
Das kommt aus dem Schrank. Was könnte das sein? Eine Uhr? Die hätte er die ganze Zeit gehört. Dieses Klopfen macht ab und zu Pause. Könnte das ein Tier sein? Eine Maus oder eine Ratte?
Jonas hatte keine Angst vor Nagetieren, nur Mädchen reagieren seiner Meinung nach hysterisch, wenn sie eine Maus sehen. Er wusste auch, dass Mäuse oder Ratten eher im Keller oder im Dachgeschoss als in einem Kleiderschrank zu finden sind. Aber wer weiß, ob sich eine dort nicht versteckt? Vielleicht soll ich Oma Bescheid sagen und wir machen uns zusammen auf eine Jagd? Endlich wird etwas los sein in diesem Haus. Oder gucke ich jetzt schon mal, was in diesem Schrank steckt?
Die Schranktür hatte ein Schloss, in dem ein Eisenschlüssel steckte. Jonas versuchte ihn zu drehen, das ging aber nicht. Dann zog er den Schlüssel nach vorne. Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren. Drinnen sah er nichts außer Kleidungsstücken, die auf Bügeln hingen. Ein sehr unangenehmer Geruch traf seine Nase und zwang ihn zu niesen.
»Toc-toc-toc!«, klang es in dem Moment an sein Ohr.
Auf dem Schrankboden lag ein Bündel zusammengefalteter Klamotten. Jonas wollte es nicht anfassen. Wenn eine Maus oder Ratte darin steckt, könnte sie plötzlich rausspringen und ihn beißen. Aber dieses pochende Geräusch kam eher von der Seite als von unten. Jonas drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der er das Klopfen gerade gehört hatte, und plötzlich…
»Hei!«, sagte eine ganz leise Stimme.
Jonas war wie versteinert. Höre ich das wirklich oder habe ich mich verhört? Hat jemand gerade »hei« gesagt?
»Hei, du!«, hörte er noch einmal.
Das klingt doch nicht bedrohlich, sogar freundlich… Und ganz dünn, wie eine Mädchenstimme. Aber ich kann nicht sehen, wer mich begrüßt. Oder was mich begrüßt.
»Hei, du! Was machst du da? Möchtest du mich von der Stelle wegpusten?«
»Wer ist da?«, fragte Jonas und spürte, wie seine Stimme zitterte. Er stand mit nackten Füßen auf dem Holzboden, der überhaupt nicht kalt war. Aber ein Schauer lief gerade durch seinen ganzen Körper. Nach drei oder vier Sekunden der Stille erklang etwas wie ein leises Kichern.
»Ein so großer Junge hat Angst.«
»Wer bist du? Wo bist du?«, fragte Jonas fast panisch. Er begriff es nicht, ob das Wahrheit oder ein Traum war, eine fremde Stimme zu hören, aber nicht zu sehen, wem sie gehört.
»Ich kann dich nicht sehen!«, schrie er erschrocken. Seine Beine zitterten so stark, dass er beinahe hingefallen wäre.
»Du brauchst nicht zu schreien«, sagte die Stimme, »ich höre dich mehr als gut. Naja, du siehst mich nicht, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich mich dir zeigen könnte.«
»Wieso denn nicht?«, wunderte sich Jonas.
»Das könnte für mich gefährlich sein. Ich bin ganz, ganz klein. Du könntest mich mit deinem Zeigefinger zerdrücken. Vor einem Moment hast du mich beinahe weggepustet.«
»Ich? Wieso? Ich habe doch nicht gepustet.«
»Als du geniest hast, Mensch!«
In Jonas’ Kopf drehte sich jetzt alles. Wahrscheinlich war er schon von der Einsamkeit und Langeweile verrückt geworden und hörte irgendwelche komischen Geräusche oder Stimmen. Ich will zu meinen Eltern, weg aus diesem blöden alten Haus, wo etwas Merkwürdiges im Schrank steckt.
»Vielleicht bin ich eingeschlafen und träume nur von einer Stimme, die mir etwas Komisches erzählt…«, sagte Jonas in der Hoffnung, dass er gleich aufwachen würde.
»Nein, du schläfst nicht«, antwortete das Wesen, »wegen mir, nehme ich an.«
Und es war schon wieder ein Klopfen zu hören.
»Was klopfst du so?«, fragte der Junge.
»Ich klopfe nicht, ich poche.«
»Wozu denn?«
»Das musst du nicht wissen.«
Das ist schon die Höhe! Was stellt sich dieses komische Ding vor?
»Hör mal zu, du Spinner«, sagte Jonas, schon wütend. »Ich mache jetzt das Licht an und nehme auch eine Taschenlampe. Dann finde ich dich, egal was du bist, und zerdrücke dich mit einem Finger!«
Für einen kurzen Moment herrschte Stille und dann war ein leiser Schluchzer zu hören.
»Würdest du das wirklich tun?«, fragte die Stimme sehr traurig.
»Natürlich. Jetzt solltest du verschwinden und dir einen anderen Platz zum Klopfen oder Pochen suchen!«
»Schade. Dieser Schrank ist so toll. Was für ein Holz! Du, ich habe schon überlegt, ob ich mich dir zeigen sollte. Du siehst sehr sympathisch aus und ich sehe, wie es dir hier todlangweilig ist. Aber du willst, dass ich verschwinde. Dann leb wohl, Jonas. Ich werde dich mit Pochen nicht mehr stören.«

Jonas brannte noch die letzte Frage auf der Zunge, woher das Wesen seinen Namen kannte, aber in dem Moment tat es ihm ein bisschen leid. Egal, was das war, wollte es ihm eigentlich nichts Böses tun. Ja, das Wesen hatte sogar bemerkt, dass sich der Junge einsam fühlte. Und Jonas benahm sich so unfreundlich. Aber was ist das eigentlich, was zunächst klopft und ihn danach aus dem Schrank anspricht? Auch wenn das ganz, ganz klein ist, hätte es sich doch vorstellen sollen.
Jonas legte sich zurück ins Bett. Nach einer ganzen Weile schlief er ein.

»Du, Oma, was kann sich in dem Schrank verstecken?«, fragte Jonas am nächsten Tag beim Frühstück.
Die Oma warf ihm einen verwunderten Blick zu.
»In welchem Schrank?«
»In dem Zimmer, in dem ich jetzt wohne.«
»Ah, da. Glaubst du, da gibt’s was?«
»Ich habe gestern was gehört und dachte, das kann eine Maus oder Ratte sein.«
Oma bewegte sich unruhig auf dem Stuhl, der leicht knarrte.
»Was hast du eigentlich gehört?«
»Ein komisches Geräusch, wie … Klopfen oder so was.«
»Ach so«, antwortete Oma und biss von der Scheibe Brot mit Marmelade ein Stück ab.
»Weißt du, Oma, was das ist?«
Jonas’ Großmutter schluckte ein Stück Brot und nahm ihre Tasse Kaffee in die Hand.
»Natürlich. Dieser blöde Käfer. Schon wieder bohrt er Löcher ins Holz. Ich muss ihn endlich wegmachen.«
Sie trank ein bisschen aus der Tasse und fuhr fort:
»Wenn Frau Kowalski kommt, rede ich mit ihr darüber. Danke dir, mein Junge, dass du mir Bescheid gesagt hast.«
Sie erhob sich vom Stuhl, der schon wieder knarrte. Jonas bekam plötzlich ein unangenehmes Gefühl.
»Und was machst du dann mit diesem … Käfer?«, wollte er wissen.
»Es gibt eine alte Methode, die noch gut funktioniert. Man nimmt eine Spritze ohne Nadel, füllt sie mit Brennspiritus und spritzt in die Löcher rein, die dieses verdammte Ding im Holz schon gebohrt hat. Dann muss man das Loch mit etwas stopfen, damit der Käfer nicht rausgehen könnte, und Schluss. Hilfst du mir jetzt beim Abräumen und Geschirrspülen?«
»Ja, gerne«, antwortete Jonas, obwohl er keine große Lust darauf hatte. »Aber Oma, warum kaufst du dir keine Spülmaschine?«
»So was ist teuer und ich habe keinen Platz dafür. Und ich weiß nicht, ob ich damit umgehen könnte. Übrigens finde ich das komisch, dass sich das Geschirr in einer Maschine von selber sauber macht. Wenn ich das mit meinen Händen mache, weiß ich, dass das bestimmt sauber ist. Na los, komm, mein Junge.«
Beim Geschirrspülen machte sich Jonas viele Gedanken. Eigentlich war er sauer auf sich selbst. Wozu hatte er dieses Gespräch angefangen? Andererseits kannte er das geheime Wesen nicht, hatte es nicht mit den eigenen Augen gesehen. Trotzdem fühlte er sich so unwohl, als ob er einen Freund verraten hätte.
Als alle Tassen, Teller und Löffel schon sauber und trocken in der Anrichte waren, sagte Jonas, dass er jetzt gerne spielen möchte, und ging in sein Zimmer. Die Oma blieb in der Küche, um das Mittagessen vorzubereiten.

Im Zimmer war es still. Jonas horchte eine ganze Weile, aber es kam kein einziges Geräusch. Wahrscheinlich war der Käfer, oder was immer das war, verschwunden. Jonas kam zum Schrank und öffnete die Tür. Nichts. Nur der schreckliche Geruch von alten Klamotten. Der Junge beugte seinen Zeigefinger und klopfte ganz leicht an die Schranktür. Wenn das Wesen so klein ist, wie es ihm gestern erzählt hatte, konnte für ihn das Klopfen eines Menschen wie eine Explosion klingen. Jonas wartete ein bisschen ab und klopfte wieder. Nichts. Der Käfer war nicht mehr da oder fühlte sich beleidigt. Auf alle Fälle machte Jonas noch einen Versuch.
»Hei!«, sagte er leise.
Keine Antwort.
»Hei, du!«, rief er ein bisschen lauter.
Wieder keine Reaktion.
»Hei, du Käfer!«, wiederholte Jonas fast verzweifelt.
Und in dem Moment hörte er an der linken Seite etwas leise, aber deutlich:
»Toc-toc-toc!«
»Du bist doch da!«, freute sich der Junge.
Dann hörte er die leise Stimme, die ihn fragte:
»Hast du mich gerade Käfer genannt?«
»Ja«, antwortete Jonas. Jetzt war er ein bisschen unsicher. Könnte sich das Wesen wieder beleidigt fühlen?
»Woher weißt du, dass ich ein Käfer bin?«, fragte das Wesen.
»Meine Oma sagte es mir«, erklärte Jonas. »Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Und dich auch warnen.«
Nach einem Moment der Stille erklang wieder die dünne Stimme:
»Die Entschuldigung ist angenommen. Die Warnung brauche ich nicht. Deine Oma sagt es immer, dass sie mich loswerden möchte. Sie macht aber nichts. Alle meine Vorfahren haben hier bisher überlebt.«
»Und wenn sie das jetzt ernst meint?«
»Hmm … dann muss ich meine Sachen schnell erledigen und dann umziehen.«
»Aber wenn du auf mich nicht mehr sauer bist, könnte ich dich sehen?«, fragte Jonas voller Hoffnung.
Die Stimme war ein paar Sekunden nicht zu hören.
»Weißt du … vielleicht ja, aber … nicht jetzt«, antwortete sie schließlich.
»Warum nicht?«
»Ich habe dir schon gesagt, dass das für mich gefährlich sein könnte.«
»Ich schwöre es dir, ich will dir nicht wehtun.«
»Ich glaube dir, dass du das nicht willst. Du kannst das aber aus Versehen tun. Mein Chitinpanzer ist zwar robust, aber du kannst mich – wie gesagt – mit deinem Zeigefinger zerdrücken.«
»Also darf ich dich überhaupt nicht sehen?«, fragte Jonas enttäuscht.
»Doch«, erwiderte die Stimme, »aber wir müssen damit bis zum Abend warten. Sobald deine Oma eingeschlafen ist.«
»Okay«, sagte Jonas, »einverstanden. Aber sag mir bitte deinen Namen. Du weißt schon, wie ich heiße.«
»Mein Name ist Anobius«, antwortete der Käfer mit Stolz.
»Wie? Anobius? Das ist aber witzig«, lachte Jonas. »Wie Abonnement, oder so was.«
»Nicht lachen!« Die Stimme klang jetzt etwas gekränkt. »Der ganze Name meiner Familie ist Anobiidae auf Lateinisch. Wir haben ihn uns nicht ausgedacht, sondern Menschen haben ihn uns gegeben: Wissenschaftler, Biologen, Insektenforscher. Deswegen heiße ich Anobius. Aber Leute nennen mich auch Nagelkäfer, Pochkäfer, Klopfkäfer, Holzkäfer oder Holzfresser.«
»Ach, so einer bist du«, sagte Jonas, »ein Holzfresser. Könntest du wirklich diesen ganzen Schrank auffressen?«
Daraufhin erklang ein Gelächter.
»Nein, mein Junge. Dafür würde mein Leben nicht reichen! Wenn ein Holzkäfer das schaffen wird, dann vielleicht noch eine hundertste Generation nach mir.«
»Also sehen wir uns heute Abend?«, versicherte sich Jonas.
»Klar. Du siehst mich. Ich richte das so ein, dass du für mich ungefährlich bist. Nach dem Abendessen kommst du ins Zimmer und wartest auf mein Pochen.«
»Okay«, freute sich der Junge. »Dann bis heute Abend.«
»Tschüss!«, sagte Anobius kurz und pochte dreimal zum Abschied.
Ich kann kaum den Abend erwarten, dachte Jonas.
Es regnete wieder, das Wetter sollte erst am nächsten Tag besser werden. Schon wieder muss ich zu Hause bleiben! Jonas stöhnte. Vielleicht kann man in die Küche gehen und der Oma weiterhelfen.
Aber nun kein Wort mehr über den Holzkäfer!
...

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